(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psychologie. Mit Einschluss des Hypnotismus, der Suggestion und der Psychoanalyse. V. Band 1914"

ZEITSCHRIFT 

FÜR 

PSYCHOTHERAPIE 

UND MEDIZINISCHE 

PSYCHOLOGIE 

MIT EINSCHLUSS 

DES HYPNOTISMUS, DER SUGGESTION 
UND DER PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. ALBERT MOLL 

BERLIN 

V. BAND 



W&2" 



STUTTGART 

VERLAG VON FERDINAND ENKE 

1914 



Hoffmanasche Buchdruckerei Felix Krals, Stuttgart 



Inhalt. 

Original-Abhandlungen. 

Seite 

Adler, Alfred: Neuropsychologische Bemerkungen zu Freiherr Alfred 

v. Bergers „Hof rat Eysenhardt" 77 

Aletrino, A.: Der Liebesprozess beim Menschen 1. 89 

Alrutz, Sydney: Zum Probleme der Hypnose 31 

Bechterew, W. v.: Ueber die individuelle Entwicklung der neuropsy- 
chischen Sphäre nach psychoreflexologischen Befunden .... 65 
Eschle, Franz C R. : Die Psychotherapie fakultativer Koordinations- 
störungen 342 

Fla tau, G.: Zur Psychologie des Schamgefühls 269 

Gallus, K.: Negativistische Erscheinungen bei Geisteskranken und 

Gesunden • . 321 

Hartenberg, P. : Zwangsvorgänge und Wille 129 

Havelock Ellis: Sexo-ästhetische Inversion 134 

Hennig, Richard: Zur Theorie der „fausse reconnaissance" . . . 257 
Major, G.: Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen 

Verderbtheit 185 

Marcinowski, J. : Glossen zur Psychoanalyse 162 

Sternberg, W.: Die Physiologie des Genusses 293 

Wexberg, L. Erwin: Kritische Bemerkungen zu Freud: «Ueber neu- 
rotische Erkrankungstypen* 373 

Wyrubow, N. : Zur Psychoanalyse des Hasses 42 

Referate. 

Adler, Alfred: Ueber den nervösen Charakter. Grundzüge einer ver- 
gleichenden Individualpsychologie und Psychotherapie .... 60 
Bergmann, Wilhelm: Selbstbefreiung aus nervösen Leiden ... 381 
Boas, Kurt: Aus der forensischen Psychiatrie (Kritisches Sammel- 
referat) 209. 296 

Buttersack: Latente Erkrankungen des Grundgewebes 123 

Dornblüth, Otto: Die Schlaflosigkeit und ihre Behandlung .... 382 

Kahane, Max: Therapie der Nervenkrankheiten 256 

Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. 14. Aufl 121 

Levy-Suhl,Max: Ueber experimentelle Beeinflussung des Vorstellungs- 
verlaufs bei Geisteskranken nebst einer Kritik der Assoziations- 
experimente an Geisteskranken 62 



# 



C&, #\ , 567516 



uy> i 



i 



IV Inhalt. 

Seite 

Marcinowski, J. : Der Mut zu sich selbst. Das Seelenleben des Ner- 
vösen und seine Heilung 57 

Schlesinger, Eugen: Schwachbegabte Kinder 320 

Frhr. A. v. Schrenck-Notzing: Materialisationsphänomene .... 383 
Stern, William: Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung 

und deren Anwendung an Schulkindern 124 

Sternberg, Theodor: Das Verbrechen in Kultur und Seelenleben der 

Menschheit 380 

Zeitschrift für Pathopsychologie. I. Bd 120 

Sitzungsberichte. 

Maier, Hans W.: Bericht Ober die Jahressitzung des internatio- 
nalen Vereins für medizinische Psychologie und 
Psychotherapie: Bleuler: Das Unbewusste. — H. W. Maier: 
Die Mechanismen der Wahnideen. — Mäder: Das Teleologische 
im Unbewussten. — Klages: Das Ausdrucksgesetz und seine 
psychodiagnostische Verwertung. — v. Stauff enberg: Psycho- 
therapie. — Trömner: Leistungssteigerungen der Sinnesfunktion 
im hypnotischen Zustande. — Forel: Methoden und Sinn der ver- 
gleichenden Psychologie. — Bohn: Mnemische Phänomene bei 
niederen Organismen. — Seif: Psychopathologie der Angst. — 
Jones: Angstneurose und Angsthysterie. — Adler: Das organische 
Substrat der Psychoneurose. — Margulies: Psychische Ursachen 
geistiger Störungen und Begriff des Psychogenen. — Brun: Künst- 
liche Alliancen bei den Ameisen 47 

Neuer, A.: Bericht über die 85. Versammlung deutscher Natur- 
forscher und Aerzte in Wien: Anton: Ueber gefährliche 
Menschentypen. — Marx: Die Psychologie der Haft. — R a i m a n n : 
Die Haftpsychosen. — Hartmann: Kinematogrammdemonstra- 
tionen klinischer Symptome auf dem Gebiete der Nervenkrankheiten 377 

Verschiedenes. 

Georg Chr. Schwarz t 63 

Levy-Suhl, M. : Bemerkungen zu dem offenen Brief des Herrn 

Dr. J. Marcinowski 126 

Marcinowski, A. : Offener Brief an Herrn Dr. M. Levy-Suhl zur Be- 
sprechung meines Buches: .Der Mut zu sich selbst" 124 

Preisaufgabe der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin: 
Beziehungen zwischen der intellektuellen und moralischen Ent- 
wicklung Jugendlicher 384 



Der Liebesprozess beim Menschen. 

(Eine psychologische Studie.) 
Von Dr. A. Aletrino, 

Es ist schwer zu entscheiden, wo, wann und durch wen zuerst 
die Auffassung vertreten wurde, man müsse in den Gefühlen, die die 
Ursache zur körperlichen Vereinigung, zum geschlechtlichen Verkehr 
zweier Menschen sind, einen solchen Unterschied machen, dass man 
„Liebe" als eine höhere, den „Geschlechtstrieb" als eine niedrigere 
Aeusserung der Menschenseele betrachten muss. Tatsache ist, dass man 
diesen Unterschied gemacht hat und dass viele bis auf den heutigen 
Tag noch an diesem Unterschiede festhalten. 

Weil man jedoch das Unhaltbare einer solchen Unterscheidung 
begriff und sah, dass jedes „höhere" Gefühl, jede Liebe schliesslich in 
der niedrigen Aeusserung des Geschlechtstriebes endete oder darauf 
hinauslief, hat man nach einer Entschuldigung für diese niedrigen 
Aeusserungen gesucht. Man hat einen „Befruchtungsinstinkt", einen 
„Befrachtungsdrang" beim Menschen angenommen, man hat erklärt, 
dass, wenn die sexuelle Aeusserung mit dem vorausbestimmten Zwecke 
der Kinderzeugung erfolgt, die niedrigere Aeusserung zu einer höheren 
wird, und dass sich dadurch der Mensch über das Tier erhebt, und der- 
gleichen willkürliche Auffassungen mehr, deren Aufzählung zu weit 
führen würde. 

Trotz aller dieser Erörterungen ist der Zweifel in betreff der 
Frage, ob die sexuelle Handlung verwerflich ist oder nicht, bestehen 
geblieben, und es gibt Menschen, die noch immer die sexuelle Hand- 
lung, aus welchen Gründen sie auch erfolgen mag, als etwas Minder- 
wertiges ansehen, was die Liebe verunreinigt und entheiligt und die 
darin etwas sehen, was sie „das Tier in der menschlichen Natur" 
nennen. 

Es hat mich stets gewundert, dass man, während man alle anderen 
Funktionen des Körpers und der Sinnesorgane, die dem Menschen mit 
dem Tiere gemeinsam sind, unbeachtet lässt, nur über das Geschlechts- 
leben in wegwerfendem Tone spricht, und gerade nur darin den Men- 
schen mit dem Tiere vergleicht. Wenn man alle anderen Funktionen, 
die beim Menschen wie beim Tiere auftreten, alle Handlungen und 
Aeusserungen, in denen der Mensch mit dem Tiere übereinstimmt, beim 
Menschen unterdrückt sehen wollte, so würde bald nichts mehr von 
der Menschheit übrig sein. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 1 



A. Aletrino 



Wunderbar ist es nicht, dass über das Geschlechtsleben so viele 
verschrobene und verkehrte Anschauungen bestehen. Das Geschlechts- 
leben ist einer der Gegenstände, worüber sich jeder das Recht einer 
eigenen Meinung anmasst, ohne dass er es studiert hat. Und dabei ist 
es ein Gegenstand, der noch stets, da man es unsittlich findet, nur mit 
einer starken Zurückhaltung angefasst wird, und dessen Besprechung 
man, soviel als möglich, vermeidet. Es ist noch nicht lange her, dass 
selbst von wissenschaftlicher Seite das Studium des Geschlechtslebens 
beinahe vollständig verwahrlost war und man sich gar nicht darum 
bemühte tiefer einzudringen. Selbst noch jetzt ist die Furcht, das 
Thema wissenschaftlich zu behandeln, so gross, dass die Hochschul- 
lehrer, wenigstens in Holland, das Geschlechtsleben nirgends zu einem 
Gegenstand des Vortrages vor den Studenten machen, und dass die an- 
gehenden Aerzte in ihren Kollegs darüber nichts hören. Ein Wunder 
ist es daher nicht, dass die meisten Aerzte ebensowenig davon wissen, 
wie die Laien, und dass sowohl von Aerzten, als von Laien allerlei 
verkehrte Gedanken, Theorien und Meinungen darüber geäussert werden. 

Nun könnte man ruhig dieses Theoretisieren und diese theoreti- 
schen und willkürlichen Meinungen unbeachtet lassen, wenn nicht die 
Folgen so ernst wären. Viele Menschen leben unter dem Einfluss dieser 
falschen Meinungen und Auffassungen in peinlichen Zweifeln und in 
einem fortwährenden nervenzerrüttenden Zwiespalt. Sie gehen nieder- 
gedrückt umher, und es wird dadurch nicht allein ihr Lebensgenuss 
verbittert, sondern es erfährt auf die Dauer auch ihr Körper einen 
nachteiligen Bückschlag. 

Die beständigen Kämpfe, die sie mit ihrer eigenen Natur führen, 
das sich fortdauernd wiederholende Fallen und Wiederaufstehen, das 
beständige Streben, das Leben nach dem Prinzip ihrer Theorien zu 
führen, der Umstand, dass sie jedesmal und zwar mit Schmerz erkennen 
müssen, wie ihnen die Kraft fehlt, auf die Dauer durch sich selbst eine 
andere Lebensweise anzunehmen, dass sie wieder und wieder in dem 
verzweifelten Kampf unterliegen, unterminiert auf die Dauer ihr seelisches 
und körperliches Gleichgewicht. Das Ende ist in so manchen Fällen 
entweder ein beinahe unheilbares Nervenleiden, oder — was noch die 
beste Lösung ist — ein Aufgeben aller Prinzipien und Theorien auf 
diesem Gebiet. Nur ein Arzt weiss und kann wissen, wieviel Leiden 
durch verkehrte und willkürlich aufgestellte Theorien über das Ge- 
schlechtsleben in den letzten Jahrzehnten unter die Menschen ge- 
kommen sind und fortwährend noch weitere Schlachtopfer fordern. 

Es ist daher von Bedeutung und nützlich, der Frage nachzugehen, 
welche Ergebnisse die wissenschaftliche Untersuchung der letzten Jahre 
auf diesem Gebiete schon gebracht hat. Wenn auch die Frage dadurch 
noch nicht zu einer in allen Teilen befriedigenden Lösung gebracht 



Der Liebesprozess beim Menschen. 3 

ist, ao kann man doch sicher daraus erkennen, dass, was das Geschlechts- 
leben für sich selbst betrifft, von einem Unterschied zwischen hoch und 
niedrig keine Bede mehr sein kann und darf, und dass Ausdrücke, wie 
„das Tier im Menschen", ein für allemal als Bezeichnungen nicht mehr 
gebraucht werden dürfen. 

Die Erklärungen der früheren Autoren, ja sogar die Erklärungen 
neuerer Autoren und Untersucher, die über den Geschlechtstrieb gegeben 
werden '), bestehen entweder in neuen Worten für dieselben Begriffe, die 
bereits mit anderen Worten bezeichnet waren, oder sie umfassen nur 
Phasen, Unterabteilungen des ganzen Systems des Geschlechtstriebes. 

Doch können wir aus der Betrachtung dieser Unterabteilungen, 
wenn auch der Kern der Frage noch ungelöst bleibt, schon einen ziem- 
lich weitbegrenzten Einblick in den Geschlechtstrieb erhalten. 

Bevor wir eine Erklärung des Geschlechtstriebes suchen, ist es 
wünschenswert, sorgfältig festzustellen, was wir hierunter verstehen und 
den Begriff von den verwandten, womit er verwechselt werden könnte, 
zu unterscheiden. Verwandte Begriffe sind, wie einige Untersucher an- 
geben, die bewusste und unbewusste Neigung zur Befruchtung und die 
mehr oder weniger altruistische Liebe zu einem Wesen des anderen 
Geschlechts. Der Geschlechtstrieb ist etwas anderes. Wir verstehen 
darunter das Bedürfnis nach dem Koitus, nach der sexuellen Berührung 
mit einer anderen Person. Dieses Bedürfnis kann seine Ursache in den 
verwandten Gefühlen finden und kann selbst einerseits Ursache sein, 
dass die verwandten Gefühle auftreten. In dem einen Fall bleibt der 
Geschlechtstrieb, wie wir ihn definieren, im Hintergrunde, und es treten 
die verwandten Gefühle in den Vordergrund ; im anderen Fall tritt das 
Umgekehrte ein. In einigen Fällen bleiben die verwandten Gefühle so 
verborgen, dass sie entweder nur eben angedeutet sind oder überhaupt 
nicht auftreten. 

Sowohl bei vielen älteren Schriftstellern wie bei neueren Forschern 
findet man die Auffassung, dass der Geschlechtstrieb nichts anderes ist 
als ein Trieb, sich von Ueberflüssigem zu entlasten. Damit soll ein 
gewisses Lustgefühl verbunden sein, das stärker und grösser ist, je 
nachdem der Beiz, der infolge der Unterdrückung des Entlastungstriebes 
entsteht, grösser und kräftiger ist. 



') Wir sollten uns einer näheren Umschreibung der Worte „Instinkt", „DrangS 
„Trieb" und anderer aneinander grenzender und ineinander übergehender Begriffe 
enthalten. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, und die verschiedenen 
Auffassungen sind bei den verschiedenen Schriftstellern darüber so verschieden, dass 
es eine Arbeit ohne Grundlage sein würde, eine Definition zu suchen, mit der jeder 
übereinstimmt oder gegen die keine Einwendungen erhoben werden könnten. Da 
man einander ganz gut versteht, wenn man die Worte braucht, von denen eine gute 
für alle Fälle genügende Definition noch fehlt (wir wollen nur an die Worte „Krank- 
heit" und „Gesundheit", „normal" und „abnorm" erinnern), brauche ich auch hier die 
Worte in der gewöhnlichen alltäglichen Bedeutung. 



A. Aletrino 



Die Auffassung, dass der Geschlechtstrieb nichts anderes ist als 
ein Trieb zur Entleerung, ist Behr verbreitet. Im Argot heisst ein 
öffentliches Haus noch „die Kloake". Im Mittelalter sagten die Mönche, 
dass die Frau ein Tempel ist, aufgerichtet über einer Kloake (Mulier 
speciosa templum aedificatum super cloacum). Und Montaigne 1 ) 
sagte, die Venus ist nichts anderes als das Vergnügen, seine Gefässe 
zu entleeren. Fere zeigte sich als ein Anhänger der Entleerungs- 
theorie, wenn er sagte: „L'appetit sexuel est tout d'abord un besoin 
general de l'organisme, il a ä sa base une Sensation de plenitude, une 
sorte de besoin d'evaouation" a ). 

Man glaubte eine Zeitlang, eine Unterstützung für die Entleerungs- 
theorie in den Ergebnissen der Tierversuche gefunden zu haben, und 
nahm an, dass die antreibende Ursache für den Geschlechtstrieb vor 
allem in der grösseren oder geringeren Fülle und Spannung der Samen- 
blasen und der Testikel gesucht werden müsse. 

Spallanzani hatte gefunden, dass man dem männlichen Frosch 
während des Koitus die ärgsten Verstümmelungen zufügen, selbst den 
Kopf abschneiden kann, ohne dass dadurch der Koitus abgebrochen wird. 

Goltz, der die Spallanzani versuche wiederholte und erweiterte, 
kam zu dem Schluss, dass nicht ein bestimmtes Organ sondern das 
ganze Nervensystem durch den Reiz in Mitleidenschaft gezogen wird, 
was daraus hervorgeht, dass man die verschiedensten Sinnesorgane 
wegnehmen kann, ohne dass die Umarmung aufgehalten wird. Schnitt 
man jedoch die Brusthaut an der Innenseite der Arme beim Männchen 
weg (es ist dies der Ort, wo beim Koitus die engste Berührung mit 
dem Weibchen statthat), dann fand die sexuelle Umarmung nicht 
statt. Es scheint also, dass die sexuellen Gefühle durch diese Teile 
geweckt werden. Mindestens ist es ohne Einfluss, ob die Testikel weg- 
geschnitten sind oder nicht. Wenn die genannten Teile der Haut un- 
versehrt waren, kam der Koitus zustande. Daraus geht hervor, dass der 
Trieb, die Spannung in den Testikeln zu vermindern, nicht die Ursache 
des Geschlechtstriebes war. Goltz wies aber darauf hin, dass der trotz 
der Entfernung der Testikel fortgesetzte Koitus durchaus nicht ein Be- 
weis war, dass der Reiz von den Testikeln nicht ausging. Waren ein- 
mal die Nervenelemente zur Funktion geweckt, dann können sie ihren 
Einfluss ausüben, auch wenn der Reiz, der zu dieser Funktion die An- 
regung gegeben hat, längst aufgehört hat zu wirken. Es kann dann 
sehr gut der Fall eintreten, dass der fortgesetzte Koitus eine Folge des 
Reizes war, der von den Testikeln ausging, während diese schon ent- 
fernt waren. Waren indessen die Testikel einige Monate vor der 



') Montaigne, Essais. 3. Buch. Kapitel 5. — *) F 6 r e , L'instinot sexuel. 
Paris. Alcan. 1899. p. 6. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 



Paarungszeit entfernt, d. h. vor der Zeit, wo die Nervenelemente zur 
Funktion angeregt waren, dann blieb der Koitus ganz aus. 

Nahe standen diesen Versuchen diejenigen, die Tarchanoff vor- 
nahm. Er wiederholte die Versuche von Spallanzani und Goltz 
and kam zu einem gleichen Ergebnis, was die Testikel betrifft. Auch 
bei seinen Versuchstieren hörte die Umarmung nicht auf, wenn er neben 
sonstigen Verstümmelungen auch die Testikel entfernte. Aber trotzdem 
schien es ihm, dass die Umarmung sofort oder nach kurzer Zeit auf- 
hörte, wenn er die Samenblasen bei seinen Tieren wegschnitt oder ent- 
leerte. Spritzte er dann Milch oder eine andere Flüssigkeit in die 
Samenblase hinein, dann wurde die Umarmung von dem Männchen 
wieder ausgeführt. Daraus schloss Tarchanoff, dass die Samenblasen 
beim Frosch und wahrscheinlich auch bei den Säugetieren die Orte 
sind, von wo der Reiz ausgeht, der auf reflektorischem Wege die 
sexuellen Handlungen zustande brachte. Die Entleerungstheorie schien 
somit bewiesen. 

Steinach in Prag wiederholte jedoch nach Jahren die verschie- 
denen Versuche. Wohl musste er zugeben, dass die Auffassung 
Tarchanoffs, was Frösche betrifft, richtig war, aber er bezweifelte, 
ob sie auch auf Säugetiere zuträfe, und zwar hauptsächlich deshalb, 
weil die Samenblasen der Frösche nicht homolog denen der Säugetiere 
sind. Bei seinen Versuchen mit weissen Mäusen sah er nicht nur, dass 
die Versuchstiere, obschon die Samenblasen weggeschnitten waren, den 
Koitus fortsetzten, sondern gleichzeitig, dass die Samenblasen kein 
Sperma, sondern eine eigenartige Flüssigkeit enthielten. Es scheinen 
ihm deshalb die Samenblasen vom Frosch und vom Säugetier anatomisch 
verschieden zu sein. Die Auffassung Tarohanoffs blieb jedoch, was 
die Frösche betrifft, unwiderlegbar. Steinach wiederholte die Ver- 
suche Tarchanoffs mit Rana esculenta, während dieser mit Rana 
temporaria experimentiert hatte. Obschon das sexuelle Verhalten beider 
dasselbe ist, besitzt Rana esculenta keine gefüllten Samenblasen, sondern 
die Samenblasen werden bei ihm während des Koitus gefüllt. Von 
einem Reiz, der von der gefüllten Samenblase ausging, kann also in 
diesem Fall nicht gesprochen werden und zwar um so weniger, als der 
Koitus noch 6 oder 7 Tage, nachdem die Samenblasen vorsichtig ent- 
fernt worden waren, ausgeführt wurde. Daraus scheint hervorzugehen, 
dass der Reiz nicht von den gefüllten Samenblasen ausgehen konnte. 
Hingegen scheint aus den ferneren Kastrationsversuchen, die er vor- 
nahm, zu folgen, dass geschlechtsreife , kastrierte Mäuse im Anfang 
ebenso potent blieben, wie sie vor der Kastration waren, aber dass 
ihre Potenz langsam abnahm , während sie sexuell ebenso reizbar wie 
vorher blieben. Die Mäuse, die er vor der Pubertät kastriert hatte, 
zeigten später noch eine ziemlich grosse sexuelle Erregbarkeit, die sich 



6 A. Ale tri do 



jedoch schon nach einem Jahre zu mindern begann, während sich gleich- 
zeitig auch Zeichen einer frühzeitigen Senilität einstellten. 

Dass der Geschlechtstrieb noch nach Entfernung der Keimdrüsen 
bestehen kann, kann man auch bei kastrierten höheren Tieren und bei 
kastrierten Menschen bemerken. Von Tierärzten ist wiederholt beob- 
achtet worden, dass kastrierte Stiere und Hengste wiederholt versucht 
haben, sich mit Kühen oder Stuten zu paaren, und dass die kastrierten 
Hengste selbst noch sehr lange feurig blieben, natürlich ohne dass sie 
befruchten konnten. Eine gleiche Beobachtung ist von verschiedenen 
Untersuchern bei kastrierten Menschen gemacht worden. 

Man muss unterscheiden, je nachdem der Verschnittene ein „weisser" 
oder ein „schwarzer" Eunuch ist und je nachdem die Operation vor 
oder nach der Pubertät ausgeführt wurde. Wo die Bezeichnungen 
Eunuch und Kastrat allgemein miteinander verwechselt werden, muss 
man bedenken, dass „weisse" Eunuchen Personen sind, bei denen nur 
die Testikel entfernt wurden, „schwarze" hingegen die, bei denen sowohl 
die Testikel wie das Membrum weggenommen wurden '). Die Römer unter- 
scheiden 4 Arten von Verschnittenen : die echten Kastraten, bei denen Mem- 
brum und Testikel entfernt waren (übereinstimmend mit den „schwarzen" 
Eunuchen, die man gegenwärtig noch in der Türkei findet), Spadones, 
bei denen nur die Testikel weggeschnitten waren (übereinstimmend mit 
den „weissen" Eunuchen), Thlibiae, bei denen die Testikel nicht weg- 
geschnitten sondern zertrümmert waren und Thlasiae, bei denen nur 
der Samenstrang durchschnitten war 9 ). Gegenwärtig findet man nur 
noch echte Kastraten und Spadones. 

Die Spadones waren bei den römischen Frauen aus den höheren 
Ständen sehr beliebt und wurden von ihnen gern zu sexuellem Verkehr 
benutzt. Nicht allein, weil die Frauen keine Folgen zu erwarten hatten, 
sondern vor allem weil sie dann nicht nötig hatten, einen Abort ein- 
leiten zu lassen, wie Juvenalus in seinen Satiren sagt: „. . .et 
quod abortivo non est opus." Matignon, ein früherer Arzt bei der 
französischen Gesandtschaft in Peking, schreibt über die chinesischen 
Eunuchen: „Obwohl man annimmt, dass die Eunuchen vollständig der 
sexuellen Ideen beraubt sind, scheint es dooh, dass sie die Gesellschaft 
der Frauen suchen, in der Berührung mit ihnen Vergnügen finden und 
sie sehr wahrscheinlich unguibus et rostro benutzen 3 ). Gustav Jäger 
schreibt: „Der Eunuch scheint keines sexuellen Affektes fähig zu sein, 
dagegen ganz entschieden die Kastraten , und diese werden sogar von 



*) Brockhaus, Konversationslexikon. Art. „Eunuchen 1 '. — *) Havelock 
Ellis, Das Geschlechtsgefühl. Würzburg. Stubers Verlag 1908, S. 8. — Möbius, 
üeber die Wirkungen der Kastration. Halle. Marholds Verlag 1908. 8. 26. — 
Teinturier, Les Skoptzy. Paris 1877. 8. 36. — *) Matignon, Les eunuques 
du Palais Imperial de Pekin. Archiv d'anthrop. crimin. 1896. Dl. 11, S. 704. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 



unzüchtigen Weibern sehr gesucht, weil die Begattung ohne Folgen und 
ihr Glied sehr lange erigiert bleibt" '). 

Jäger hatte hier wahrscheinlich mit der Bezeichnung Kastraten 
die früheren Spadones und die gegenwärtigen „weissen" Eunuchen im 
Auge. Schon Montesquieu kannte den Geschlechtstrieb, den die 
Verschnittenen noch zeigen können, und machte darüber Mitteilung in 
seinen .,Lett res Persanes", wo erZelis sagen lässt: „Ich habe tausend- 
mal sagen hören, dass die Eunuchen mit den Frauen eine Art Ver- 
gnügen geniessen, das uns unbekannt ist, dass die Natur sich für ihren 
Verlust entschädigt, dass sie Hilfsquellen hat, die die Nachteile ihres 
Zustande» beseitigen, dass man wohl aufhören kann, ein Mann zu sein, 
aber nicht aufhören kann, Gefühl zuhaben, und dass man in diesem Zustand 
sich wie in einem neuen Gefühl befindet, wo man nur die Vergnügungen 
verändert" *). 

Teinturier schreibt: „Diejenigen (die Skopzen), die als Er- 
wachsene operiert wurden, bewahren während ziemlich langer Zeit, 
wenn auch dauernd eine Abnahme eintritt, die Möglichkeit, unter dem 
Einfluss mechanischer oder selbst psychischer Erregungen zur Erektion 
zu kommen. . . . Gewisse Skopzen scheuen sich nicht, trotz ihrer Lehren 
die Fähigkeit, die sie bewahrt haben, zu benutzen und zu missbrauchen. 
Liprandi hat in St. Petersburg einen reichen Skopzen gekannt, der 
beständig Mädchen , besonders deutsche Mädchen , die man ihm aus 
Königsberg schickte, aushielt. Sehr wenige konnten bei ihm länger als 
ein Jahr bleiben ; sie zogen sich mit schönen Belohnungen zurück, aber 
auch mit der unwiederbringlich verlorenen Gesundheit" 8 ). Lancaster 
teilte mit, dass sich der Eunuch allein durch das Fehlen der Geschlechts- 
organe, nicht durch das Fehlen des Geschlechtstriebes vom gewöhn- 
lichen Manne unterscheidet. Und Pelikan, der tiefgehende Unter- 
suchungen über die Skopzen in Rassland gemacht hat, führt aus, dass 
Individuen , die in ihrer Jugend kastriert wurden , später noch lange 
fähig sind, den Beischlaf auszuführen. Die Kastration im reifen Alter 
änderte den Geschlechtstrieb nicht im geringsten*). 

Was die Folgen der Kastration bei Frauen anlangt, so wissen wir 
zwar darüber weniger als über die beim männlichen Geschlecht, aber 
aus den Literaturstellen, die Moll und Havelock Ellis hierüber aus 
verschiedenen Schriftstellern anführen, geht hervor, dass in einigen 
Fällen der Geschlechtstrieb unverändert bleibt, in anderen selbst erhöht 
wird. In wieder anderen Fällen wird später eine Verminderung, ja ein 
volles Fehlen des Geschlechtstriebes beobachtet. Was die Fälle be- 



') Gustav Jäger, Entdeckung der Seele. Kohlhammer, Leipzig 1884. 3. Aufl. 
1. Bd., S. 903. — *) Montesquieu, Oeuvres completes. Paris. Hachette 1874. 
Dl. 3. Lettre« Persanes, lettre 63, 8. 62. — *) Teinturier, 1. c. 8. 51. — 4 ) An- 
geführt bei Havelock Ellis, Das GeschlechtBgefiihl. S. 19 ff. 



8 A. Aletrino 



trifft, wo der Geschlechtstrieb erhöht ist, so ist dies nach einer Be- 
merkung von Havelock Ell i s wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass 
die Furcht vor Schwangerschaft nach der Operation ausgeschlossen war l ). 

Jayle fand unter 33 Frauen, die sich der Ovariotomie unterzogen 
hatten, 18 mit unverändertem Geschlechtstrieb, 3 bei denen der Ge- 
schlechtstrieb vermindert, 8 bei denen er ganz verschwunden war, und 
3 die nach der Operation einen erhöhten Geschlechtstrieb zeigten. Bei 
17 war der Genuss während des Beischlafs unverändert geblieben, bei 
3 vermindert, bei 4 verschwunden und bei 5 erhöht. In 4 Fällen war 
der Beischlaf peinlich. In zwei Gruppen von anderen Fällen, wo ent- 
weder der Uterus und beide Ovarien , oder der Uterus allein entfernt 
war, waren die Erscheinungen unverändert. Glaeveke fand bei 27 
Frauen, die sich der Ovariotomie unterzogen hatten, 6 die den Ge- 
schlechtstrieb behalten, 10 die ihn verloren hatten und 11 bei denen er 
vermindert war. Der Genuss blieb bei 8 unverändert, bei 10 war er 
vermindert; in 8 Fällen bestand kein Genuss mehr. Pfister be- 
richtet von 99 Frauen, bei denen die Ovariotomie ausgeführt war. Er 
fand, dass Verlangen und Genuss bei dem Geschlechtstrieb gewöhnlich 
unverändert blieben. In 60 Fällen fand eine Verminderung oder gänz- 
liches Fehlen des Genusses statt. Bei 46 operierten Frauen fand 
Eeppler keine einzige, wo das Geschlechtsgefühl vermindert war. Der 
amerikanische Arzt Bloom fand, dass bei Frauen, die vor ihrem 33. 
Jahre kastriert wurden, fast niemals der Trieb ganz verloren ging. 
Die meisten hatten keine Verminderung, einige selbst Vermehrung des 
Triebes erfahren. In den Fällen hingegen , wo nach dem 33. Lebens- 
jahr die Operation stattfand, trat eine langsame Verminderung des 
Triebes und des Genusses ein. Auch die Autoren , die Moll zitiert 
(Spencer, Wells, Hegar u. a.) berichten nur einmal von einer Er- 
höhung, dann einmal von einer Verminderung des Geschlechtstriebes. 
In anderen Fällen konnten sie keinen Unterschied beim Geschlechtstrieb 
vor oder nach der Operation feststellen. 

Hieraus geht in gleicher Weise hervor, dass der Geschlechtstrieb nicht 
von der Schwellung der Geschlechtsdrüsen abhängt. Havelock Ellis 
führt ferner zwei Beweise an, durch die seine Behauptung noch mehr 
gestützt wird, die Tatsache nämlich, dass schon bei sehr jungen Kindern 
Geschlechtsgefühle vorkommen können, und die, dass bei Frauen lange 
nach ihrem Klimakterium geschlechtliche Gefühle bestehen bleiben 
können. 

Was das erstere betrifft, so teilt er verschiedene Fälle von sehr 
jungen Kindern mit, bei denen schon sexuelle Gefühle auftraten 2 ). Er 



') Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl. S. 9 ff. — Moll, Libido sexualis. 
Berlin. Fischerg Buchhandlung. 1897. T. 1, S. 79 ff. — ») Havelock Ellis, Das kon- 
träre Qeschlechtsgefühl. Uebersetet von K u r e 1 1 a. Leipzig 1896. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 



zitiert Townsend 1 ), der 5 Fälle von Kindern unter einem Jahr be- 
richtet, von Mädchen , die alle auf Masturbation hinweisende Er- 
scheinungen zeigten. Moll berichtet selbst von Kindern von 1 oder 2 
Jahren, die schon masturbierten 2 ). Rohleder berichtet Fälle von 
Masturbation bei Säuglingen, von denen das jüngste 4 — 5 Monate alt 
war*). Der Gynäkologe Braxton Hix zeigt ebenso, dass sexuelle Ge- 
fühle in der frühesten Jugend besteben können 4 ). In allen diesen Fällen 
kann davon keine Bede sein, dass die Keimdrüsen schon in einem ge- 
schwollenen oder gespannten Zustand hätten sein können. 

Was die zweite Tatsache betrifft, die Havelock Ellis anführt, 
nämlicb die Beobachtung, dass der Geschlechtstrieb nach dem Klimak- 
terium fortbesteht, nach der Zeit, wo die Menstruation bereits auf- 
gehört hat, so deutet es darauf, dass der Geschlechtstrieb, nachdem die 
Keimdrüsen aufgehört haben zu funktionieren, bestehen kann. Loewen- 
feld findet dasselbe 5 ). Bloom, den Havelock Ellis anführt, fand bei 
700 Fällen, dass der Geschlechtstrieb bis in das hohe Lebensalter un- 
verändert blieb, und er berichtet von einer 70jährigen Frau, bei der 
20 Jahre nach dem Aufhören der Menstruation von neuem ein leb- 
hafter Geschlechtstrieb auftrat und der Genuss beim Koitus selbst 
grösser war als vor der Menopause 8 ). Auch Moll bringt einige Bei- 
spiele, von denen er eines nach Born er, ein anderes nach Kisch 7 ) 
zitiert, die dasselbe gesehen haben. Endlich beweisen die Fälle, wo 
das vollständige Fehlen von Uterus und Ovarien konstatiert wurden 
und die Individuen doch einen starken Geschlechtstrieb zeigten, oder 
wo die Ovarien so klein waren, dass sie nicht funktionierten und die 
Trägerinnen doch wiederholt Neigung zum anderen Geschlecht hatten, 
dass die Keimdrüsen oder die Schwellung oder die Spannung der Keim- 
drüsen nicht die unmittelbare Ursache des Geschlechtstriebes sind. 

Fassen wir zusammen, so müssen wir aus den Kastrations ver- 
suchen bei Tieren und aus den Beobachtungen bei kastrierten Menschen, 
ferner aus den Fällen, wo Personen im Klimakterium verkehren, positiv 
schliessen, dass die Keimdrüsen nicht die unmittelbare Ursache des Ge- 
schlechtstriebes sind, sondern dass sie den Trieb zum Geschlechtsakt 
wecken 8 ) und dass sie — was aus den Versuchen bei Tieren einleuchtet 
und was deutlich ist aus dem stets langsam mehr und mehr nach- 
lassenden Geschlechtstrieb der Kastraten — den Geschlechtstrieb verstärken. 



') C. W. Townsend, Thigh frictions in Children under one Year. (Amins! 
Meeting of tbe American Pediatric Society. Montreal 1896) angeführt in: Havelock 
Ellis, Das Geschlechtegefühl. — 8 ) Moll, Libido sexualis. Berlin 1897, 8. 46. — 
*) Rohleder, Die Masturbation. Berlin 1902, S. 49 ff. — 4 ) Braxton Hix, An- 
geführt in Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl. — *) Loewenf eld, Sexualleben 
und Nervenleiden. Wiesbaden, Bergmann, 1903. S. 29. — 6 ) Havelock Ellis, Das Ge- 
schlechtsgefühl. S. 12. — •) Moll, Libido sexualis. S. 65. — 8 ) Möbius, Ueber 
die Wirkungen der Kastration. Halle a. S., Carl Marhold, 1908. S. 79, und Havelock 
Ellis. Das Geschlechtsgefühl. S. 7. 



10 A. Aletrino 

Dass nach der Kastration keine Befruchtung eintritt, ist selbst- 
verständlich, da die Keimzellen in den Keimdrüsen geformt werden. 
Etwas anderes ist jedoch die Frage betreffend das Bestehenbleiben des 
Geschlechtstriebes nachdem die Keimzellen entfernt sind. Als sicher ist 
anzunehmen — die Kastraten bei den Römern, die Skopzen, und die 
Beobachtungen an ovariotomierten Frauen, beweisen es — dass das 
Individuum wenn es nach der Pubertät kastriert wird, noch lange Zeit, 
wenn auch der Geschlechtstrieb in den meisten Fällen abnimmt, fähig 
und imstande ist, den Koitus auszuführen. Dies kann, wie wir gesehen 
haben, durch die Auffassung von Goltz erklärt werden. 

Sie kann auch eine Erklärung für den Fall geben, wo vor der 
Pubertät die Keimdrüsen entfernt sind. In diesem Falle kann der Ge- 
schlechtstrieb, von Ausnahmefällen abgesehen, nach der Pubertät oder 
in der Pubertät ebenso wie bei Nichtkastrierten auftreten. Man muss 
hierbei bedenken, dass die Pubertät nicht plötzlich oder in einem eng 
begrenzten Zeitpunkt eintritt, sondern dass sie das Ende eines sieh 
langsam vollziehenden Prozesses ist, eines langsamen, stufen weisen 
Uebergangs. Es ist (unter anderen durch P u e c h) bewiesen , dass die 
Ovarien während der ganzen Kindheit bis zur Zeit der vollen Reife 
an Umfang zunehmen. Ebenso wie mit den Ovarien liegt es bei den 
Testikeln J ). Während dieser Zeit, vor allem gegen das Ende der vor 
der Pubertät liegenden Periode üben die Keimdrüsen ihren Einfluss aus, 
was man beweisen kann durch die Liebe von Kindern (wobei jede sinn- 
liche Lust fehlt; das Kind weiss selbst von deren Bestehen nichts) zu 
Personen des andern Geschlechts. Wo nun die Pubertät langsam ein- 
tritt, die eigentlich das Ende einer stetig fortschreitenden Entwicklung 
der sekundären Geschlechtscharaktere ist, muss man annehmen, dass 
dieser Vorgang, diese Entwicklung mit dem Wachstum, mit der lang- 
samen Entwicklung der Keimdrüsen verknüpft ist. Die Reize, die von 
den Keimdrüsen ausgehen (und diese Reize treten ein, wenn die Ka- 
stration nahe vor der vollen Pubertät stattfindet — die Pubertät ist 
bei den Menschen eine Frage von Jahren, bei den Tieren von Monaten — ) 
oder schon ausgegangen sind, wenn auch das Individuum selbst davon 
nichts bemerkt hat, oder nur teilweise bemerkt, führen dazu, dass die 
Nervenelemente die einmal zur Funktion gereizt waren, ihre Arbeit 
fortsetzen, wenn auch die Keimdrüsen selbst fehlen. 

Doch hierbei darf noch etwas sehr Wichtiges nicht vergessen 
werden — und dies ist beim Menschen von der grössten Bedeutung, 
während wir bei den Tieren noch sehr wenig von dem Vorgang wissen 
— nämlich, dass beim Menschen der Geschlechtstrieb auch eine zerebrale 
Grundlage hat*). Dies ist wahrscheinlich die Ursache, weshalb einige 

') Möbius, I.e. 8. 28ff. — •) Möbius, I.e. 8.78. 



Der Liebesprozess beim Menschen. jl 



Individuen, die in ihrer Jugend kastriert waren, sich später so in Frauen 
verliebten, dass sie sie mit Gewalt zu erobern trachteten 1 ). Bei ihnen 
war wahrscheinlich der zerebrale Geschlechtstrieb so gross, dass die 
übrig bleibenden Reize, nachdem die Keimdrüsen längst entfernt waren, 
genügten — und vielleicht würde es auch ohne diese Beize geschehen 
sein — sie verliebt zu machen. 

Wahrscheinlich ist es auch der zerebrale Faktor bei dem Ge- 
schlechtstrieb, aus dem man die komplizierten Handlungen bei den 
Menschen erklären kann, die Havelock Ellis auseinandersetzt, und 
die nicht ausschliesslich dem Bedürfnis, sich von ein wenig Flüssigkeit 
zu entlasten, zugeschrieben werden können. Die Analogie zwischen 
dem Verlangen nach geschlechtlicher Aeusserung und dem Bedürfnis, 
sich einer Flüssigkeit zu entlasten, ist jedoch nicht zu verkennen u. zw. 
nicht nur bei niederen Tieren wie beim Frosch, sondern auch bei höheren. 
Aber deshalb ist man noch nicht berechtigt, den Geschlechtstrieb als 
einen Trieb zur Entleerung einer Flüssigkeit zu stempeln. Tatsächlich 
kann diese Erklärung für den ganzen psychischen Prozess im Geschlechts- 
leben des Weibes nicht genügen. Hier wird beim Koitus nur ein in- 
differentes Sekret aus den kleinen Drüsen der Geschlechtsorgane aus- 
geschieden. Dieses Sekret ist von geringer Bedeutung, und die Menge 
zu klein, als dass dadurch ein so tiefgehender Prozess entstehen könnte. 
Was den Mann betrifft, so weist Havelock Ellis darauf hin, dass 
die geringe Flüssigkeitsmenge, die beim Koitus zum Vorschein kommt, 
in keinem Verhältnis zu der Erregung steht, mit der die Handlung ver- 
bunden ist, und zu der Nachwirkung, die sie auf den menschlichen 
Organismus ausübt. Die Entleerungstheorie erklärt auch nicht die 
komplizierten Handlungen, die vor dem Geschlechtsakt erfolgen und die 
sowohl beim Menschen wie beim Tiere zum Koitus als Endakt führen, 
Handlungen, die dem kultivierten Menschen sohon für sich selbst, ohne 
dass der Koitus als Endziel bewusst ist, hohe Befriedigung geben, und 
die man mit dem Namen „ Hofmachen ", „Werbung" oder ähnlich be- 
zeichnet. „Der Geschlechtsakt hat manche Züge, die bei einer gewöhn- 
lichen Entleerung fehlen, dabei fehlt ihm das eigentliche Charakteristi- 
kum einer Entleerung, die Auswerfung verbrauchten Materials; das 
Sperma ist nichts weniger als das und seine Retention ist für den Or- 
ganismus vielleicht eher vorteilhaft als nachteilig *)." 

Mit dieser Auffassung stimmt jedoch von Römer nicht überein. 
Er behauptet gerade das Gegenteil. Die Funktion der Keimdrüse sei 
von zweierlei Art, nämlich einen bestimmten Stoff aus dem Körper zu 
entfernen und die Gelegenheit zu schaffen, dass ein neues Individuum 



') a. a. 0. u. Halb an, Die Entstehung der Geachlechtecharaktere in Archiv f. 
Gynäkologie, fid. 70, 2. Heft Berlin, Auarurt Hirschwald, 1903. S. 289. — J J Have- 
lock Ellis, Da« Geschlechtagefühl, S. 15. 



12 A. Aletrino 



entstehen kann. Eine Materie nun, so führt er weiter aus, die nützlich 
oder indifferent für den Körper ist, in dem sie gebildet wurde, wird 
gewöhnlich nicht nach aussen geführt. Wo dies dennoch geschieht, muss 
man schliessen, dass der Stoff, wenn er nicht entfernt wird, für den 
Körper schädlich sein würde. Eine solche physiologische Entfernung 
kommt dem Individuum zustatten. Wenn nun eine genügende Menge 
Sperma gebildet ist, so sorgt die Natur auf dem Wege der Pollutionen 
dafür, dass sie aus dem Körper herausbefördert wird. Dadurch erhält 
die Person, die sich eine Zeitlang niedergedrückt und unbehaglich ge- 
fühlt hat, ein Gefühl von Wiederaufleben, von Wohlbehagen, sie wird 
wieder lebendig und lebenslustig. Hieraus ersieht man, dass die Keim- 
drüsen einen besonderen Einüuss auf den Körper ausüben. Ebenso 
werden durch die Menstruation Stoffe, die für den Körper und für den 
Organismus der Frau schädlich sind, entfernt. 

Beim Studium der Geschlechtsdrüsen muss man ebenso, wie man 
das bei anderen Drüsen tut, auf den Einüuss achten, den sie auf den 
Körper des Trägers ausüben. Die Beobachtung, dass die Einspritzung 
von Sperma, wie sie Brown Sequard und andere ausgeführt haben, 
die Lebenskraft erhöht, spricht nach v. Römer nicht gegen seine 
Auffassung, denn so sagt er: erstens ist es das eigene Sperma, das ein- 
gespritzt wurde, und zweitens erleidet das Sperma, sobald es den Körper 
verlassen hat, grosse Veränderungen. Die Spermatozoon , die sich im 
Körper gar nicht oder kaum bewegen, bewegen sich nach der Aus- 
stossung aus dem Körper sehr stark. Sie besitzen also einen Stoff- 
wechsel und gehen ziemlich schnell zugrunde '). 

Obschon Naecke betreffend den schädlichen Einfluss des Spermas 
mit v. Römer übereinstimmt und vom Geschlechtsakte sagt, es handle 
sich dabei um die Abstossung eines dem Körper unnützen ja gefähr- 
lichen Stoffs, des Spermas 2 ), so sind doch verschiedene Gründe gegen 
die Theorie v. Römers anzuführen. 

Es sei gleich bemerkt, dass die Keimdrüsen nur eine Funktion 
haben, nämlich die Spermatozoen oder Ovula zu bereiten. Erst durch 
die Ejakulation — um nur von dem männlichen Individuum zu 
sprechen — wird das Sperma aus dem Körper hinausgefördert; die 
Keimdrüsen haben sozusagen hiermit nichts zu tun. Abgesehen davon, 
kann man das Sperma nicht mit den gewöhnlichen Sekretprodukten 
anderer Drüsen vergleichen. Das Sperma besteht ausser den Sperma- 
tozoen, die von den Testikeln geliefert werden , aus einer Flüssigkeit, 
die nur zum kleinen Teil aus den Keimdrüsen, zum grössten Teil aus 



') v. Römer, Randglossen z. Debatte ü. den Bericht des Dr. med. Aletrino, 
in Jahrb. f. Sex. Zwischenstufen, Bd. 4, 1902, S. 929. — ! ) Naecke. Probleme auf 
dem Gebiete der Homosexualität, in Laehrs Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie. 59. Bd., 
1902, S. 819. 



Der Liebesprozesa beim Menschen. 13 



den Samenblasen und der Protasta stammt. Es ist auch das Sekret 
dieser zwei Organe, das die Spermatozoen beweglich macht, während 
sie in den Testikeln unbeweglich waren. Die Beweglichkeit ist also 
nicht die Folge des Uinstandes, dass das Sperma aus dem Körper her- 
auskommt, sie wird vielmehr durch die Beimischung der genannten Flüssig- 
keit bewirkt. In den Samenblasen sind die wenigen Spermatozoen, die 
man darin gefunden hat, ganz beweglich. Logischerweise müsste noch 
bewiesen werden, dass die Menstruation die schädlichen Stoffe aus dem 
Körper der Frau entfernt, was für den Mann, soweit es die Ausstossung 
des Spermas betrifft, noch eine offene Frage ist. 

Zweifellos müssten, wenn in der Tat der schädliche Einfluss des 
Spermas die Ursache ist, dass sich das Individuum unbehaglich, traurig, 
gedrückt und ohne Lebenslust fühlt, die Pollutionen periodisch erfolgen, 
u. zw. müsste jedesmal, wenn so viel Sperma gebildet ist, dass Ver- 
giftungserscheinungen auftreten, die Natur die Hilfe bringen. Dass 
Pollutionen in regelmässigen Perioden auftreten, ist aber noch gar nicht 
bewiesen, wenn auch einige Autoren (man sehe was Havelock Ellis 
darüber in seinem Buch „Geschlechtstrieb und Schamgefühl" schreibt 1 ) 
eine sichere Periodizität beobachtet zu haben glauben 1 ). Dabei wurden 
sie meistens durch äussere Ursachen erzeugt, während die unangenehmen 
Gefühle, wenn zu viel Sperma angesammelt ist, wahrscheinlich nicht 
eine somatische materielle, sondern wohl eine psychische Ursache haben 
und eine Intoxikation durch das Sperma nicht daran Schuld ist. End- 
lich kann man gegen die Auffassung von v. Römer und Naecke an- 
führen, dass es doch sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Stoff, der eine 
so wichtige Rolle nicht allein in dem Leben des Individuums spielt, 
sondern von so grosser Bedeutung für die Erhaltung des Stammes ist, 
einen schädlichen Einfluss auf den Träger ausüben sollte, wenn er nicht 
entfernt wird. Die Frage, ob das Sperma für den Organismus, in dem 
es gebildet wird, und in dem es bleibt, schädlich ist, muss noch weiter 
studiert werden und kann heute noch nicht mit Sicherheit beantwortet 
werden. Wahrscheinlicher ist es, dass es diesen schädlichen Einfluss 
nicht hat. 

Nach der Entleerungstheorie , die , wie wir gesehen haben , nicht 
genügt, alle Erscheinungen des Geschlechtstriebes zu erklären, kommen 
wir zur Theorie von He gar a ), Eulenburg 8 ) und anderen, nämlich der, 
dass der Geschlechtstrieb ein Fortpflanzungstrieb sein soll. Nach Hegar 
umfasst der Geschlechtstrieb zwei ganz verschiedene Triebe, den Paa- 
rungs- und den Fortpflanzungstrieb ; doch gibt Hegar zu , dass ein 
echter Fortpflanzungstrieb nur bei dem allerkleinsten Teil der Menschen 



') Vgl. auch : „Actes du 1er Congres international de Psychiatrie etc. u Amster- 
dam, de Bussy, 1908, S. 571—578. — •) Alfred Hegar, Der Geschlechtstrieb. 
Stuttgart 1894, S. 1. - *) Eulenburg, Seruale Neuropathie. Leipzig 1895, S. 88. 



14 A. Aletrino 

Torkommt, dass er höchstens bei der Frau besteht, und dass zum Ge- 
schlechtstrieb des Kulturmenschen zu viel Ueberlegung kommt, als dass 
man von einem Fortpflanzungstrieb sprechen könnte. 

Ausser von He gar selbst wird das Bestehen eines Fortpflanzungs- 
triebes noch von vielen anderen Autoren bezweifelt. 

Havelock Ellis sagt: „Die Fortpflanzung als Ziel spielt natür- 
lich keine "Rolle als Teil des Geschlechtstriebes bei irgend einem Lebe- 
wesen . . . Ein Fortpflanzungstrieb existiert vielleicht bei partheno- 
genetischen Tieren, aber bei Tieren mit geschlechtlicher Fortpflanzung 
wäre es sinnlos, weil überflüssig . . . Fortpflanzung ist das natürliche Ziel 
und Objekt des Geschlechtstriebes, aber die Behauptung, dass sie ein 
Teil des Inhalts des Geschlechtsinstinkts wäre oder diesen in irgend 
einer Weise definieren könne, muss als absolut unzulässig abgelehnt 
werden. Die Bezeichnung „Fortpflanzungstrieb" wird selten in einem 
wissenschaftlich erheblichen Sinne gebraucht; manchmal sollen damit 
nur die Tatsachen des geschlechtlichen Lebens verschleiert werden; im 
eigentlichen Sinne wird die Bezeichnung vorzugsweise von denjenigen 
gebraucht, die unbewusst von einem abergläubischen Widerwillen gegen 
die Sexualität beherrscht werden 1 )." Naeoke führt gegen den Be- 
griff „Fortpflanzungstrieb" an, dass „Selbst der Mensch im Moment des 
Liebesrausches nicht an den Zweck desselben denkt, sondern nur an 
sein Vergnügen, ausser vielleicht manche Frauen, die bewusst, berechnend, 
dem „Schrei nach dem Kinde" folgend, sich hingeben, wobei jedoch 
der höchste Moment der Wollust, sicher auch diese Berechnung nieder- 
schlägt 2 )" . . . und an einer anderen Stelle: „intra coitum denkt der 
Mann nur an sein Vergnügen, an nichts mehr, die Frau sieht vielleicht 
öfter darin nur ein Mittel zum Zweck*)" ... Fanizza stimmt damit 
überein, wenn er anführt, dass der „teleologische Faktor im Hinblick 
auf die Fortpflanzung fehlt. Dieser liegt aber bei Mann und Weib in 
den meisten Fällen ebenfalls ausserhalb ihrer direkten Absicht. Und 
die Naturwissenschaft wie die Philosophie hat sich längst gewöhnt den 
teleologischen Faktor, den Zweckbegriff, der „Natur" im allgemeinen 
zuzuschreiben, wenn ihn nicht ganz zu leugnen. Wir sagen: „Die 
Natur" bezweckt Fortpflanzung der Gattung, indem sie an die Pforte 
ihres Mysteriums die libidinöse Regung setzt. Also Mann und Weib 
sind herzlich unschuldig im Hinblick auf einen von der „Natur" ihnen 
imputierten „Zweck" der Veranstaltung 4 )" . . . und auch Moll, der 
wohl die am tiefsten gehende Studie über das Geschlechtsleben verfasst 
hat, schreibt: „Wir können das Bestehen eines Fortpflanzungstriebes 



') Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl, S. 17. — *) Na ecke, Kleinere 
Mitteilungen. Hans Gross* Archiv, Bd. 16, Heft 1 u. 2, S. 177. — *) Naecke, a. a. O. 
Bd. 20, Heft 1 u. 2, S. 186. — ') Panizza, Bayreuth und die Homosexualität, in: 
Die Gesellschaft, Januar 1896, angeführt bei N a e c k e, in Hans Gross' Archiv, Bd. 8, 
Heft 3 u. 4, S. 347. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 15 

beim Menschen überhaupt ganz bestreiten. Es mag wohl bei vielen der 
Wunsch vorliegen, sich fortzupflanzen, aber ein Trieb dürfte kaum noch 
anzunehmen sein 1 )" ... Und an anderer Stelle : „Bei der ganzen Fort- 
pflanzung der Menschen und der höheren Tiere können wir annehmen, 
dass der Geschlechtstrieb des Mannes und der Geschlechtstrieb des 
Weibes gewissermassen nur ein Mittel ist, zwei Zellen aneinander zu 
bringen . . . wir können ohne weiteres annehmen, dass der Geschlechts- 
trieb nicht aus dem Zweckbewusstsein unmittelbar hervorgegangen ist . . . 
In der ganzen Tierwelt dürfte das Zusammentreten der Tiere beim Ge- 
schlechtsakt nicht dem bewussten Zwecke der Portpflanzung gedient 
haben. Höchstens ist das Umgekehrte möglich, nämlich dass später, 
als ein gewisser Intelligenzgrad erreicht wurde, wie ihn der Mensch hat, 
der Geschlechtstrieb als das Mittel erkannt wurde')." 

Wir sind der Meinung, dass wir im Augenblick nicht mehr sagen 
können, als dass bei jedem Individuum zu einer bestimmten Lebens- 
zeit das Bedürfnis nach dem Koitus, ein sexuelles Begehren, eine Nei- 
gung, mit einem anderen Individuum in geschlechtliche Berührung zu 
kommen, entsteht, ohne dass man mit Sicherheit entscheiden kann, was 
dem zugrunde liegt. 

Ein „Befruchtungsdrang", ein „Befruchtungsinstinkt", womit das 
Bestehen der Vorgänge von einigen Schriftstellern und Moralisten ver- 
teidigt wird, und wobei die Befruchtung als bewusstes Ziel des Ge- 
schlechtstriebes, des Bedürfnisses nach dem Koitus und des Koitus selbst 
angegeben wird, besteht weder beim Menschen noch bei den Tieren. 
Dieses Bedürfnis nach dem Koitus führt zu Handlungen, deren Folge 
oft die Befruchtung gar nicht sein kann. Die Befruchtung als Ziel 
bleibt vor dem Koitus ganz ausserhalb des Bewusstseins und ausser- 
halb des Gedankenkreises des Individuums, wenn man von einigen 
seltenen Ausnahmefällen beim Menschen absieht, wo der Wunsch oder 
das Verlangen zur Befruchtung der Anlass zum Koitus ist. Von einem 
Instinkt oder von einem unbewussten Drang ist in diesem Falle keine 
Kede mehr, da die Befruchtung hier die Frage einer wohl und lange 
überlegten willkürlichen Handlung ist. 

Wenn wir statt des Wortes „Geschlechtstrieb": „Bedürfnis nach 
dem Koitus" gebrauchen, haben wir nichts anderes getan, als dass wir 
sozusagen ein Wort für das andere gegeben haben. Hiermit ist der 
komplizierte Prozess des Geschlechtstriebes nicht erklärt. Wir müssen 
also versuchen, tiefer einzudringen. 

Der erste, der versucht hat, die Erscheinungen, die die Neigung 
zum Koitus, die den Geschlechtstrieb darstellen und die Komponenten 
des Geschlechtstriebes wissenschaftlich zu zergliedern, ist Albert Moll. 

') Moll, Libido aexualis. Berlin 1897, Bd. 1, S. 4. — ») Moll, Libido 
sexualie. Berlin 1897, Bd. 1, 8. 224—225. 



16 A. Aletrino 



Bis zu einem gewissen Grade Anhänger der Entleerungstheorie, ist er 
doch nicht der Meinung, dass der Drang zur Entleerung allein den 
Geschlechtstrieb erklärt, sondern er sucht eine genauere Erklärung in 
dem Hinzukommen eines psychischen Momentes. Er führt aus, dass der 
Geschlechtstrieb in zwei Komponenten, in den Detumeszenztrieb und in 
den Kontrektationstrieb zerlegt werden kann. Mit Detumeszenztrieb 
deutet er die Neigung an, Veränderungen an den Geschlechtsorganen 
zustande zu bringen, mit Kontrektationstrieb den Drang, mit einem 
andern Individuum in Berührung zu kommen, eine Berührung, die 
körperlicher, geistiger oder sinnlicher Art sein kann. Meistens kommen 
die beiden Neigungen nebeneinander vor. Dies ist jedoch nicht immer 
der Fall. Sowohl der Detumeszenztrieb wie der Kontrektationstrieb 
kann allein unabhängig vom andern vorkommen. Es kann auch ge- 
schehen, dass der Detumeszenztrieb vorhanden ist, ohne dass eine andere 
Person dabei im Spiele ist. Welche von diesen beiden Neigungen primär 
und welche sekundär ist, kann man aus der phylogenetischen Entwick- 
lung im Tierreich feststellen. 

Es gibt eine ungeschlechtliche und eine geschlechtliche Fort- 
pflanzung. Die ungeschlechtliche ist dadurch charakterisiert, dass sich 
das neue Individuum aus einer Keimzelle entwickelt, und dass es nicht 
wie bei der geschlechtlichen aU8 der Verschmelzung einer weiblichen 
und einer männlichen Keimzelle entsteht. Eine andere Form der un- 
geschlechtlichen Fortpflanzung ist die, dass sich zwei Keimzellen mit- 
einander verbinden, die Konjugation. Nach der Ausscheidung gewisser 
Stoffe trennen sich die beiden Zellen wieder, und es beginnt die Teilung. 
Obschon die Zellen, die sich durch Konjugation fortpflanzen, nicht ge- 
schlechtlich verschieden sind, bezeichnet Haeckel diese Fortpflanzung 
doch als eine geschlechtliche. 

Obschon ein grosser Unterschied zwischen der Konjugation der 
einzelligen Tiere und der Befruchtung der Eizelle durch das Sperma- 
tozoid ist, führen doch verschiedene Untersucher an, dass eine grosse 
Ueberein8timmung zwischen der Konjugation und der geschlechtlichen 
Fortpflanzung der höheren Tiere besteht. Weismann nimmt an, dass 
die Konjugation ebenso wie die geschlechtliche Fortpflanzung der höheren 
Tiere die Vermischung der erblichen Eigenschaften der Erzeuger zum 
Ziel hat, wodurch die Nachkommenschaft besser dem Kampfe ums Da- 
sein widerstehen kann. Der wesentlichste Unterschied bleibt jedoch 
bestehen, nämlich der, dass bei der Konjugation das neue Individuum 
nicht unmittelbar aus den konjugierten Zellen entsteht. 

Bei den niedrigsten Tieren kommt eine Entwicklung bestimmter 
Geschlechtsorgane nicht vor, doch nimmt man an, dass bei Tieren, die 
noch auf einer sehr tiefen Entwicklungsstufe stehen, und die aus mehr 
als einer Zelle gebildet sind, schon bestimmte Zellen zur Fortpflanzung 



Der Liebesprozess beim Menschen. 17 



dienen. Bei den Tieren, die sich durch Knospung vermehren, glaubt 
man schon den ersten Ansatz zur Bildung eines begrenzten Fort- 
pflanzungsorgans gesehen zu haben. Deshalb unterscheidet Weismann 
den Prozess der Teilung und den der Knospung; bei jenem wächst das 
Muttertier gleichmässig, während bei diesem die Fortpflanzung von dem 
ungleichmässigen Wachstum des Tieres ihren Ausgang nimmt. 

Doch auch bei den vielzelligen Tieren, die auf einer noch niedrigen 
Stufe stehen, sieht man einen Unterschied zwischen weiblichen und 
männlichen inneren Fortpflanzungsorganen, aus denen die Keimzellen 
stammen, die sich je nach dem Geschlecht voneinander unterscheiden. 
Bei den Süsswasserpolypen gibt es sowohl weibliche wie männliche 
Keimzellen, bei höher organisierten Wesen treten die inneren Fort- 
pflanzungsorgane auf, und sie unterscheiden sich beim weiblichen und 
beim männlichen Individuum, während das Auftreten beider Geschlechts- 
organe bei einem einzigen Individuum auf eine niedere Entwicklungs- 
stufe hinweist. Man findet dies bei Weichtieren (Muscheltieren, 
Schnecken). Einige Weichtiere befruchten sich selbst, bei anderen tritt 
die Befruchtung dadurch ein, dass die Befruchtungszellen der ver- 
schiedenen Tiere aus dem Körper ausgesondert werden und dann mit 
denen anderer Tiere in Berührung kommen. Bei wieder anderen, z. B. 
den Schnecken, ist es nötig, dass sich die zwei Hermaphroditen nahe 
aneinanderlegen und die Geschlechtsorgane sich aufnehmen, wodurch 
die Befruchtung eintritt. 

Bei der höheren Organisation von Tieren sieht man ausser den Keim- 
drüsen bestimmte Organe auftreten, die der Befruchtung dienen, Organe, 
die bei den höchst organisierten Tieren je nach dem Geschlecht ver- 
schieden sind. Bei dem einen Individuum bleiben die weiblichen Ge- 
schlechtsorgane in der Entwicklung zurück, und es wird dann ein 
männliches Individuum geboren, während bei den anderen das umgekehrte 
stattfindet und ein weibliches Individuum entsteht. 

Bei den tiefer stehenden unter diesen schon höher organisierten 
Tieren ist ausschliesslich von einer Detumeszenz die Rede, der Kon- 
trektationstrieb besteht nicht. Bei diesen Tieren, wo die Eier ausser- 
halb des Körpers des Muttertieres befruchtet werden (z. B. bei den 
Fischen) sieht man, dass das Organ, das die Eier enthält, zu schwellen 
anfängt und die Eier nach aussen gebracht werden, während das 
Männchen diesen Laich, der irgendwo niedergelegt wird, befruchtet. 
Die Befruchtung findet hier sozusagen im Freien statt, das Männchen 
scheidet die befruchtende Flüssigkeit über den Eiern aus. Die Be- 
fruchtung ist hier Zufall. Bei einigen Fischen, z. B. beim Paradies- 
fisoh, geschieht die Befruchtung ausserhalb des Körpers des Weibchens 
in dem Augenblick, wo die Eier den Körper verlassen, und zwar da- 

ZeiUchrift für Psychotherapie. V. 2 



18 A. Aletrino 



durch, dass das Weibchen das Männchen zwischen seine Flossen nimmt 
und gegen seinen Bauch drückt. 

Die natürliche Zuchtwahl gibt Veranlassung dazu, dass sich der 
Platz, wo das Ei befruchtet werden muss, langsam verändern muss. 
Die Eier, die ausserhalb des Körpers befruchtet werden, sind allerlei 
schädlichen Einflüssen der Temperatur und des Klimas ausgesetzt, ebenso 
Angriffen von Feinden und werden dadurch vernichtet. Infolgedessen 
werden im Laufe der Zeit die Tiere dazu gebracht, die Befruchtung auf 
geschützten Plätzen vorzunehmen. Viele Fische suchen eine Höhlung 
auf dem Grunde des Wassers. Die weibliche Forelle macht mit ihrem 
Schwanz eine kleine Grube in den Sand des Grundes und legt dort 
ihre Eier ab. Der Barsch heftet seine Eier an Steine, an ein Stückchen 
Holz u. dgl. Der Salm legt seine Eier in eine kleine Grube, die er 
zudeckt, während der Stichling ein künstliches Nest baut, das er mit 
einem klebenden Stoff irgendwo befestigt. Wahrscheinlich hat die Be- 
fruchtung im Körper bei den Fischen begonnen, und zwar damit der 
Befruchtungsort noch sicherer sein sollte, wie es bei Haien der Fall 
ist, die lebende Junge zur Welt bringen. 

Dass hier in der Tat die Sorge für die Jungen und der Schutz 
der Eier im Spiel gewesen ist 1 ), und dass dies hauptsächlich dazu ge- 
führt hat, die Ort »Veränderung für die Befruchtung langsam eintreten 
zu lassen, dafür spricht der Umstand, dass bei einigen Fischen die 
Männchen die befruchteten Eier in ihre Mundhöhlen oder in ihre 
Kiemenhöhlen nehmen und bis zum Ausbrüten behalten'). Wodurch 
und durch welche Einflüsse das Weibchen zum Schutzort der Frucht 
geworden ist, ist nicht bekannt. Feststeht, dass diese Art von Be- 
fruchtung und Entwicklung ein grosser Schutz für die Sicherheit des 
jungen Tieres ist, weil es dadurch seinen Feinden entzogen wird. 
Während bei den Fischen die Detumeszenz mit der Ausstossung des 
Eis sozusagen gleichzeitig in einem Tempo stattfindet, sind die zwei 
Prozesse bei den höheren Tieren geschieden; die Scheidung ist jedoch, 
wie sich aus der phylogenetischen Entwicklung der Fortpflanzung er- 
gibt, erst langsam zustande gekommen. 

Bei Tieren, die lebende Junge zur Welt bringen, und schon bei 
vielen Tieren, deren Nachkommenschaft sich aus dem befruchteten Ei 
ausserhalb des Körpers entwickelt, findet die Befruchtung im Körper 
statt. Das Sperma wird dazu in den Mutterorganismus gebracht. Dies 
geschieht nicht nur bei einigen Fischen, einigen Haiarten, die Eier 
legen *), sondern auch bei den Kriechtieren, den Vögeln und den Säuge- 



') Westermarck, The his tory of human marriage. London, Macmillan & Co., 
1891, S. 21. — *) Darwin, De afstamming van den mensch. Vertaling v. Hartogh 
Heijs v. ZouteveeD. Dl. II, S. 14. — *) Hertwig, Lehrbuch der Zoologie. Fischer. 
Jena 1908, S. 521. 



Der Liebesprozesa beim Menschen. 19 

tieren. Für die Befruchtung von Tieren dieser Art ist es notwendig, 
dass sich Männchen und Weibchen miteinander paaren. 

Je höher man in der Klasse der Wirbeltiere steigt, desto mehr 
sind die Organe entwickelt, die die Paarung ermöglichen. Bei den 
Vögeln findet man die Kloake, die Bohre, in die sowohl die Keim- 
drüsen, wie der Mastdarm und die Urin bereitenden Organe ausmünden. 
Das Ei wird durch die Mutter aus ihrem Körper herausbefördert. Bei 
den niederen Tieren, die zu den Monotremen gehören (Ornithorhynchus, 
Echidna, ProSchidna) sieht man die Ueberreste der Vogelformen und 
den Uebergang zu den Säugetieren. Während sie die behaarte Haut 
und die Schädelart der Säugetiere haben, die Anwesenheit eines Beutel- 
beins an die Beuteltiere und einige Eigenarten ihres Skeletts an die 
Reptilien erinnern, zeigen sie in der Kloake die Verwandtschaft mit 
den Vögeln. Sie legen zwar Eier, aber sie säugen ihre Jungen mit der 
Flüssigkeit, die aus den Milchdrüsen (welche höchstwahrscheinlich aus den 
einfachen Schweiss- und andern tubulösen Hautdrüsen dazu umgeformt 
wurden) abgeschieden wird, die sich zu beiden Seiten der Mittellinie 
des Unterleibs befinden ; doch fehlen ihnen noch die Brustwarzen 1 ). 

Bei den höheren Säugetieren sehen wir die Kloake ganz ver- 
schwinden. Bei ihnen werden die Eier, ebenso wie bei einigen Fischen 
im Mutterleib getragen, bis sie sieh zu Jungen entwickelt haben. Der 
Mutterleib ist dann bei diesen Säugetieren nicht allein der Ort, wo das 
Ei befruchtet wird, sondern zugleich der Ort, wo das befruchtete Ei 
so lange beherbergt wird, bis sich das Junge zu einer gewissen Stufe 
entwickelt hat. Bei allen Tieren also, die lebende Junge zur Welt 
bringen, und bei den Vögeln ist es nötig, dass das Sperma in die Vagina 
gebracht wird, wenn eine Befruchtung des Eies eintreten soll. 

Aus der vorhergehenden phylogenetischen Entwicklung der Fort- 
pflanzung im Tierreich geht hervor, dass die peripheren Prozesse, die 
Fortpflanzung durch die Detumeszenz, allein das Primäre gewesen sind. 

Was nun den Kontrektationstrieb , den Gefühls-, den seelischen 
Faktor in dem Geschlechtstrieb angeht, so ist der zentrale Prozess bei 
der Fortpflanzung, das Zusammentreten zweier Individuen zur Fort- 
pflanzung, wie wir gesehen haben, erst viel später als der Detumeszenz- 
trieb in der Entwicklung des Tierreiches aufgetreten. Bei welcher 
Tierart er zuerst aufgetreten ist, kann möglicherweise festgestellt wer- 
den. Sicher ist es, dass er sehr weit hinunter in das Wirbeltierreich 
verfolgt werden kann. Bei den höheren Säugetieren, bei Hirschen, 
Affen, Hunden findet man zweifellos ebenso den KontrektationBtrieb 
wie den Detumeszenztrieb. Dass der Kontrektationstrieb, der Gefühls- 



') Hertwig, 1. c, S. 584 und Geyll, Melkafscheiding enz. in Tijdschrift voor 
Geneeakunde. 2. Helft, 16. Nov. 1907, Hr. 20, S. 1326. 



20 A. Aletrino 



faktor, in gewissem Sinne auch bei den Fischen vorhanden ist, wie 
Moll anführt, müssen wir annehmen, wenn wir die verschiedenen Arten 
verfolgen, wie das Männchen das Weibchen durch Werbekünste zu ge- 
winnen sucht, wenn wir sehen, dass einige Fische weite Wege zurück- 
legen, um das Weibchen zu gewinnen. Auf welcher Stufe im Tierreich 
der Kontrektationstrieb gepaart mit dem Detumeszenztrieb zuerst vor- 
kommt, ist vielleicht feststellbar, wenn es auch noch nicht ausgemacht 
ist, bei welchen Tieren das Gefühl in dem Sinne, wie es hier gemeint 
ist, zuerst auftritt. Der Kontrektationstrieb ist meistens auf das andere 
Geschlecht gerichtet, mit Ausnahme der selten vorkommenden Herma- 
phroditen bei den Wirbeltieren, bei denen, da sie die Keimdrüsen beider 
Geschlechter haben, dasselbe Geschlecht notwendigerweise bei dem 
Kontrektationstrieb beteiligt ist. Diese Neigung zum anderen Geschlecht 
besteht aber nicht von Anfang an, wie eben ausgeführt ist. 

Kurz zusammengefasst , können wir also annehmen, dass phylo- 
genetisch die Detumeszenz der primäre Prozess ist, die Kontrektation, 
die körperliche Berührung zwischen zwei Individuen, sowie die Ver- 
bindung von individuellen Gefühlsvorgängen vereint mit der körper- 
lichen Berührung zwischen zwei Individuen in anderen Fällen das 
sekundäre. Wenn dies aber auch für die Entwicklungsgeschichte des 
Geschlechtstriebes gilt, kann man nicht dasselbe mit Sicherheit für die 
individuelle Entwicklung des Menschen behaupten. Dies würde viel- 
leicht eine der Ausnahmen von Hack eis biogenetischem Grund- 
gesetz sein. 

Als Beweis dafür hat man angeführt, dass sowohl beim Menschen 
wie in der Tierwelt Fälle vorkommen, wo sich das Umgekehrte zeigt, 
wo der Kontrektationstrieb schon auftritt, bevor der Detumeszenztrieb 
entwickelt ist. Man hat auf die Verliebtheit sehr junger Personen hin- 
gewiesen und auf die Liebesspiele noch sehr junger Tiere, bei denen 
die Keimdrüsen noch nicht zur vollkommenen Entwicklung gekommen 
sind, also noch nicht funktionieren können und daher von einem Detu- 
meszenstrieb noch keine Rede sein kann. In der Tat sind uns aus der 
Literatur Fälle von Verliebtheit Behr junger Personen bekannt. Dante 
war in Beatrice schon verliebt als er neun Jahre alt war; Canova 
hatte schon in seinem fünften Lebensjahr zärtliche Gefühle für eine 
Frau; Alfieri im zehnten. Von Byron sagt man, dass er sich, als 
er acht Jahre alt war, in Mary Duff verliebte. Jeder weiss von sich 
selbst oder von anderen, in wie jugendlicher Lebenszeit schon eine Ver- 
liebtheit auftreten kann, während er selbst den Begriff geschlechtlicher 
Berührung dabei gar nicht kennt 1 ). Was die Tierwelt betrifft, so gibt 
sowohl Karl Groos 2 ) als auch Brehm Beispiele, wo bei Tieren die 

') Siebe auch Möbius, I, o. S. 29. — *) Karl Groos, Die Spiele der Tiere. 
Jena 1896. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 21 

Liebe zu einem andern Tier in einem Alter auftreten kann, in dem von 
einer Reife des Körpers noch keine Rede sein kann, und dass sie diese 
Liebe durch allerlei Bewegungen und Spiele zeigen, die nicht immer 
nur Spiele sind, sondern einen tieferen Untergrund haben. Auch hier 
ist also der Kontrektationstrieb vor dem Detumeszenztrieb vorhanden 
und vor der Reife der Keimdrüsen aufgetreten. 

Das soll nun im folgenden erklärt werden. Es ist bekannt, dass 
sich die psychische sexuelle Pubertät, d. h. die Neigung des männlichen 
Individuums zum weiblichen und umgekehrt, nicht ganz gleichzeitig mit 
der Pubertät der peripheren Geschlechtsorgane entwickelt, sondern oft 
schon auftritt, bevor die Pubertät der Keimdrüsen erkennbar ist. In 
den genannten Fällen, sowohl beim Menschen wie bei den Tieren, würde 
also die psychosexuelle Pubertät schon bestehen, bevor die körperliche 
Pubertät eingetreten war, bevor von einem Detumeszenztrieb gesprochen 
werden kann. 

Es wäre verkehrt, aus dieser Tatsache zu schliessen, dass der 
Kontrektationstrieb von den Keimdrüsen unabhängig ist, und ebenso 
wäre es verkehrt, daraus zu schliessen, dass der Detumeszenztrieb 
nicht mit der Funktion der Keimdrüsen zusammenhängt, wenn auch, 
wie wir gesehen haben, diese Triebe vorkommen können, bevor die 
Keimdrüsen reif sind und bevor die somatische Pubertät eingetreten ist. 
Die Fälle, die wir über Kinder mitgeteilt haben, die schon in einem 
sehr jugendlichen Lebensalter masturbierten , oder in einem Alter wo 
gerade erst in ganz geringem Grade die Reife der Keimdrüsen erkenn- 
bar war, ferner die Fälle, wo sowohl der Kontrektationstrieb wie der 
Detumeszenztrieb anwesend waren, während die körperliche Pubertät 
noch nicht eingetreten war, können zu diesen falschen Schlüssen ver- 
leiten. 

Das einzige aber, was man aus diesen Tatsachen schliessen kann, 
ist, dass in keinem dieser Fälle die Reife der Keimdrüsen erwiesen 
werden kann. Ebenso wie Fälle bekannt sind, wo bei Kindern von 
drei, acht und neun Jahren eine sehr frühzeitige Reife der Keimdrüsen 
bestand, die, soweit aus den Beschreibungen darüber hervorgeht, mit 
deutlich erkennbaren Zeichen von somatischer Pubertät zusammenging *), 
ebensogut kann eine derartige frühzeitige Reife der Keimdrüsen bestehen, 
obschon das Alter des Individuums damit in Widerspruch steht, und 
die Pubertätszeichen an den übrigen Organen des Körpers fehlen. Wo 
in diesen Fällen die Ovulation, aber keine Menstruation angenommen 
werden kann, und wo es möglich ist, zu beweisen, dass die Keimdrüsen 
Sperma abzusondern beginnen, da kann man nicht mit Sicherheit sagen, 



') PI ob 8, Das Weib in der Natur und Völkerkunde. Bd. I, S. 331 und Moll, 
Libido sexuaüs, S. 50 u. 51. 



22 A. Aletrino 



ob die Pubertät schon eingetreten ist oder nicht. Ebensogut aber, wie 
die Heize, die von den inneren Organen ausgehen, ihre Wirkung aus- 
üben, obschon die Heize selbst nicht wahrgenommen werden, ebensogut 
kann es geschehen, dass Reize von peripheren Organen, hier also von 
den Keimdrüsen aus wirken, während hier die Reize selbst nicht be- 
wusst werden. Keinesfalls kann man behaupten, dass die psychosexuelle 
Pubertät nicht von den Keimdrüsen abhängt, weil sie sich da zeigt, 
wo die somatische Pubertät noch fehlt oder doch nicht erkennbar ist. 

Aus allen diesen Erwägungen kann man schliessen, dass sowohl 
der Detumeszenz- wie der Kontrektationstrieb auf dem Einfluss der 
Keimdrüsen beruht, und auch, dass der Detumeszenztrieb eine direkte, 
der Kontrektationstrieb eine indirekte Folge davon ist. Das letztere 
geht deutlich aus der Entwicklungsgeschichte des Geschlechtstriebes 
hervor und aus dem Zweck, dem die Keimdrüsen dienen. Auf einem 
gewissen Stadium der Entwicklung entstand die geschlechtliche Fort- 
pflanzung aus der ungeschlechtlichen, weil es nötig war, dass die zwei 
Keimzellen miteinander in Berührung gebracht wurden. Die Wesen, 
die sich ungeschlechtlich fortpflanzen, bleiben im Kampfe ums Dasein 
hinter denen zurück, die sich durch geschlechtliche Fortpflanzung ver- 
mehren. Die Zuchtwahl Hess diejenigen Individuen am Leben, die sich 
durch geschlechtliche Fortpflanzung vermehrten, und die gleichzeitig 
den Drang zur Kontrektation geerbt hatten. 

Der Kontrektationstrieb ist also nicht allein sekundär in dem Ent- 
wicklungsprozesse des Geschlechtstriebes, sondern er ist auch ein sekun- 
däres Geschlechtsmerkmal, was aus den Tatsachen, die uns die Kontrek- 
tation lehrt, hergeleitet werden kann. 

Wir haben gesehen, dass sich der Geschlechtstrieb bei denen, die 
im späten Alter kastriert wurden, kaum ändert, und dass diese noch 
sehr lange geneigt und fähig sind, den Koitus auszuführen. Wenn aber 
die Kastration in sehr jungem Lebensalter geschieht, lange vor der 
Pubertät, lange vor der Reife der Geschlechtsdrüsen, sieht man, abge- 
sehen von den somatischen Veränderungen, dass der Geschlechtstrieb in 
der späteren Lebenszeit ausbleibt — von Ausnahmefällen abgesehen — 
und dass sich nicht allein der Detumeszenztrieb, was zu begreifen ist, 
sondern auch der Kontrektationstrieb nicht zeigt. Dass einige vor der 
Pubertät Kastrierte doch zuweilen einen gewissen Kontrektationstrieb 
zeigen, kann ausser durch den zerebralen Faktor und die oben er- 
wähnte Auffassung von Goltz, dadurch erklärt werden, dass die psycho- 
sexuelle Reife vor der Reife der Keimdrüsen vorhanden gewesen sein kann, 
und das Wegnehmen der Keimdrüsen in diesen Fällen auf die Entwick- 
lung des Kontrektationstriebes nicht notwendigerweise hemmend gewirkt 



') Moll, 1. c S. 83. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 



zu haben braucht. Einige Erinnerungsbilder — die selbst das Erektions- 
gefühl hervorbringen können — , die sich durch die peripheren Prozesse 
gebildet haben, werden nicht notwendigerweise durch eine Operation an 
der Peripherie, durch die Kastration vernichtet. Es ist sehr wohl möglich, 
dass — selbst wenn die Kastration in sehr jugendlichem Alter geschieht 
— doch schon psychosexuelle Prozesse stattgefunden haben '). Ob bei 
Kastration in späterer Lebenszeit der Kontrektationstrieb ganz ver- 
schwindet, scheint vom Individuum abzuhängen. Obwohl man behauptet, 
dass das Verschwinden die Regel sein soll, beweisen doch die Beispiele 
der Kastraten, die wir angeführt haben, und, um eine allgemein be- 
kannte Tatsache zu nehmen, das Erlebnis von Abälard und Heloise, 
dass diese Regel Ausnahmen hat. Abälard wurde 1115, als er ungefähr 
36 Jahre alt war, von seinem Feinde aus Rache kastriert. Obschon er 
10 Jahre nach seiner Verstümmelung seinen Verkehr mit Heloise ab- 
gebrochen hatte, und zwar wahrscheinlich aus Schamgefühl kehrte er 
doch nach einiger Zeit mit denselben Liebesgefühlen wie vorher zu 
ihr zurück. 

Bei jung kastrierten Individuen sieht man vor allem, wenn sowohl 
der Detumeszenz- wie der Kontrektationstrieb verschwinden, auch viele 
sekundäre Kennzeichen zugrunde gehen oder unentwickelt bleiben. Der 
männliche Kastrat behält seine hohe Kinderstimme, die Entwicklung 
des Bartes bleibt aus; frühzeitig kastrierte Tiere verlieren ihre sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale oder diese verändern sich doch deutlich ; der 
Hahn kräht nicht mehr usw. Lassen wir den Detumeszenztrieb unbe- 
achtet, so steht das Verschwinden des Kontrektationstriebes auf der- 
selben Stufe wie das Verschwinden der sekundären Geschlechtsmerkmale 
und muss deshalb selbst als ein solches betrachtet werden. Die folgen- 
den Sätze, wie sie Moll aufgestellt bat, geben in Kürze das Verhältnis 
zwischen Detumeszenz- und Kontrektationstrieb wieder. 

1. Der Geschlechtstrieb des Menschen lässt sich in zwei Kompo- 
nenten zerlegen, in den Detumeszenz- und den Kontrektationstrieb. 

2. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer örtlichen Funktion an 
den Genitalien, u. zw. beim Manne zur Abscheidung von Sperma. Diese 
Funktion kann als ein Drang zur Entleerung eines abgeschiedenen 
Sekretes betrachtet werden. 

3. Der Kontrektationstrieb führt den Mann zur Frau, u. zw. zur 
geistigen und körperlichen Annäherung, die Frau ebenso zur Annähe- 
rung an den Mann. 

4. Die Fortpflanzung niederer Tiere durch Teilung oder Knospung 
wobei nur ein Elterntier notwendig ist, ist stets nach einer vorüber- 
gehenden Vergrösserung mit einer Volumenverminderung des Eltern- 
tieres vereinigt. Die Volumenverminderung bei höher organisierten 
Tieren, die eine Folge der Herausbeförderung der Keimzellen ist, kann 



24 A Aletrino 



mit der Volumenverminderung bei niederen Tieren verglichen werden. 
Man findet den Detumeszenztrieb sowohl bei den niederen als bei den 
höheren Tieren; er ist phylogenetisch das Primäre. Die Kontrektation 
tritt erst bei den höheren Tieren ein, bei denen sich zwei Individuen 
zur Fortpflanzung verbinden; er ist sekundär. Der Prozess hat zur 
Folge, dass zwei Vererbungstendenzen zusammentreten, was insofern 
zweckmässig ist, als dadurch die Widerstandsfähigkeit der Nachkommen 
stärker wird. 

5. Ontogenetisch hat sich bei der Frau die Detumeszenz von der 
Funktion der Keimdrüsen getrennt, während ursprünglich beide Prozesse 
zusammenfielen. Da nun infolge der Entwicklung des Geschlechtstriebes 
zwei Individuen zur Fortpflanzung nötig sind , knüpft sich auch der 
Kontrektationstrieb an die Funktion der Keimdrüsen. 

6. In der individuellen Entwicklung des Menschen ist die An- 
wesenheit der Keimdrüsen das Primäre. Der Kontrektationstrieb ist 
ein sekundärer Geschlechtscharakter. Beim Manne ist der Detumeszenz- 
trieb eine unmittelbare Folge des Bestehens der Keimdrüsen. Ur- 
sprünglich fielen Detumeszenz und Ausstossung der Eier beim Weib 
zusammen, wie es noch bei den Fischen der Fall ist. Der Prozess ist 
insofern angedeutet, als die Ausstossung des Eies aus dem Ovarium 
nicht unmittelbar mit dem Geschlechtstrieb in Zusammenhang steht 1 ). 

') Scheinbar widerspricht dem die Tatsache , dass viele Frauen in den ersten 
Tagen der Menstruation (einige auch während der ganzen Periode) eine deutlich aus- 
gesprochene Abneigung gegen geschlechtlichen Umgang haben und, sohald die Men- 
struation abgelaufen ist, einen erhöhten Geschlechtstrieb zeigen, während andere sowohl 
vor als während der Menstruation einen erhöhten Geschlechtstrieb bekunden. Hieraus 
würde man geneigt sein zu schliessen, dass wohl die Abstossung des Eies und die 
Menstruation stark mit dem Geschlechtstrieb in Veibindung stehen; es ist jedoch noch 
nicht festgestellt, welche Ursache der Menstruation zugrunde liegt. Was man weiss, ist, 
dass bei den Frauen in regelmässigen Abständen ein erhöhter Blutzunuss nach den 
Beckenorganen stattfindet, und daBs wahrscheinlich dadurch die Blutung aus den Ge- 
schlechtsorganen in Verbindung mit der Abstossung des Eies aus dem Ovarium ent- 
steht. Beides steht dann in keinem anderen Zusammenhang miteinander. Einige 
Autoren meinen sogar, dass die Abstossung des Eies auch in der Zwischenzeit während 
der regelmässigen Blutungen aus den Genitalien stattfindet. Der vermehrte Blutzunuss 
soll eine Erklärung für den erhöhten Geschlechtstrieb während und vor der Men- 
struation geben können. Was den Widerwillen gegen den geschlechtlichen Umgang 
während der MenBtruationstage anlangt, so beruht dieser mehr auf einem psycho- 
logischen als auf einem physiologischen Faktor. Er soll nämlich die Folge des Scham- 
gefühls sein, das auf dem Unangenehmen des Zustandes beruht in Verbindung mit 
dem Gefühl, dass der Frau seit Jahrhunderten eingeprägt ist und beim Manne seit 
Jahrhunderten besteht, und das ihm sozusagen unbewusst geworden ist, nämlich mit 
dem Gefühl, dass Geschlechtsgemeinschaft während der Menstruation unerlaubt ist, — 
eine Vorschrift, die auf religiösen Gründen beruht, so dass eine scheinbare Verminde- 
rung der Geschlechtslust entsteht. Dabei wissen die Frauen oft wenig von ihren eigenen 
Gefühlen auf diesem Gebiet und sind nur allzusehr geneigt, sei es auch unwillkürlich, 
durch Konvention und Gewohnheit ihre Gefühle auf geschlechtlichem Gebiete zu ver- 
schleiern. 

Vor allem aber geht aus dem obigen hervor, dass der Schluss Molls richtig 
ist, und dass die Abstossung des Eies, die nichts mit der Menstruation zu tun hat, 
nicht die Ursache einer Vermehrung oder Verminderung des Geschlechtstriebes sein 
kann. Und wenn es wahr ist, dass die Ovulation, die Abstossung des Eies, stets statt- 
findet, so ist der Beweis für Molls Behauptung ganz deutlich erbracht. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 25 

7. Der Zusammenhang des Detumeszentriebes und des Kontrek- 
tationstriebes mit den Keimdrüsen wird durch die Folgen der Kastra- 
tion bewiesen. 

8. Diese Folgen werden weniger deutlich, wenn das Individuum 
nach dem Eintritt der Pubertät kastriert wird. Die Komponenten 
können dann im Alter weiter bestehen, auch wenn die normale Funktion 
der Keimdrüsen aufgehört hat. 

9. Man muss im Auge behalten, dass die psychosexuelle Pubertät 
oft vor der somatischen auftritt. Es scheint, dass die Reize, die von 
den Keimdrüsen ausgehen, nicht immer an die Reife der Keimdrüsen 
gebunden sind. 

Havelock Ellis stimmt jedoch mit Moll nicht ganz überein. 
Er hält Moll 8 Auffassung, dass Detumeszenz- und Kontrektationstrieb 
als ein späteres Produkt der Keimdrüsen und als ein sekundärer Ge- 
schlechtscharakter aufgefasst werden muss, nicht für ganz richtig. Er 
betrachtet den Kontrektationstrieb anders und meint, dass zwischen den 
zwei Neigungen ein enger Zusammenhang besteht. Die zwei Kompo- 
nenten (und es sind mindestens zwei) stehen nach ihm in so engem 
Zusammenhang, dass sie verschiedene Stadien eines Prozesses ausmachen. 
Diese Komponenten nennt er Tumeszenz und Detumeszenz. Der erste 
hat zum Ziel, einerseits den Mann in den Zustand zu bringen, dass die 
Entspannung später Platz rinden kann und andererseits die Frau zu 
einem gleichen Zustand, in dem die sexuelle Spannung geweckt wird, 
zu führen. Der zweite Faktor hat zum Ziel, die entstandene Spannung 
zur Entspannung zu bringen und indirekt die Gelegenheit entstehen zu 
lassen, wodurch das Geschlecht fortgepflanzt werden kann 1 ). Nach 
Havelock Ellis verschmilzt der Kontrektationstrieb Molls mit dem 
zweiten Faktor, mit dem Detumeszenztrieb. Die zwei Faktoren sind 
nach Beiner Meinung nur Tumeszenz und Detumeszenz, wobei letztere 
der Vereinigung von Detumeszenz- und Kontrektationstrieb im Sinne 
Molls entspricht. 

Havelock Ellis führt nun, indem er sich auf die von ver- 
schiedenen Untersuchern mitgeteilten Tatsachen stützt, die folgenden 
Beweise für seine Behauptungen an. Darwin hat bereits mitgeteilt, 
dass die Werbung, das Spiel und der Tanz der Männchen dazu dienen, 
die Weibchen in einen Zustand der Erregung zu versetzen. Er hat aber 
nicht beobachtet, dass auoh das Männehen selbst dadurch in einen Zu- 
stand von Tumeszenz gerät. Andere Untersucher nach Darwin sind 
der Meinung, dass die verschiedenen Sprünge, Farben, Formen, Spiele usw. 
der Tiere zur gegenseitigen Erregung dienen, und sie haben beobachtet, 
dass die Werbung unter den Tieren beinahe niemals ohne Kampf vor- 



') Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl, S. 63. 



26 A. Aletrino 



kommt. Das Ziel der Werbung ist nicht nur darauf gerichtet, dem 
Weibchen Gelegenheit zur Wahl zu geben, sondern „der Zweck der 
Werbung ist die Erregung von Männchen und Weibchen, die nicht nur 
die Kopulation erleichtert, sondern auch die Befruchtung begünstigt 1 )." 
Auch der Gesang der Vögel hat neben der Anlockung des Weibchens 
seine sexuelle Erregung zum Ziel, und das Weibchen wählt alsdann 
das Männchen, das bei ihm die grösste sexuelle Erregung hervorruft. 
Ziegler sagt hierüber: „Bei allen Tieren ist ein hoher Grad von Er- 
regung des Nervensystems für die Befruchtung notwendig, und wir finden 
deshalb ein erregtes Vorspiel des Befruchtungsaktes weit verbreitet *). u 
Die Werbung muss als Mittel aufgefasst werden, den Trieb, der zur 
Paarung nötig ist, zum Vorschein zu bringen. Durch die Werbung 
gerät der ganze Organismus in einen Zustand von Beizung, und es tritt 
sowohl eine örtliche wie eine allgemeine Veränderung in der Füllung 
der Blutgefässe ein. Dadurch entsteht ein Zustand stark wirkender 
Spannung. Diesem Zustand geht voraus und ihn begleitet, bevor sich 
die Spannung entladet, ein unwiderstehlicher und gebieterischer Trieb. 

Diese Werbung oder dieses Liebesspiel sieht man sowohl bei nie- 
deren wie bei höheren Tieren. Man hat das selbst bei hermaphrodi- 
tischen Schnecken wahrgenommen, wo man beobachtet hat, dass das 
Telum Veneria, der sog. Liebespfeil, der bei einigen Heliziden vorkommt, 
zur Erhöhung der Reizung vor und während der Kopulation dient. 
Spinnen kann man die kompliziertesten Bewegungen machen sehen, um 
dem Weibchen zu gefallen, während einige Insekten in der Paarungs- 
zeit einen Auswuchs bekommen, der die Männchen Tür das Weibchen 
anlockender macht. Man weiss, dass in der Paarungszeit die Vögel 
nicht nur ein schöner gefärbtes Federkleid erhalten, sondern dass sie 
in dieser Periode auch die verschiedensten Bewegungen machen. 

Dieselben vorbereitenden Bewegungen wie bei den niederen Tieren 
und bei den Vögeln sieht man auch bei den Säugetieren und Menschen. 
Alle diese Bewegungen dienen nicht nur dazu, das Männchen in 
Tumeszenz zu versetzen, sondern auch dazu, bei dem Weibchen einen 
Zustand der Erregtheit entstehen zu lassen. Dass es beim Menschen 
ebenso ist, beweisen die Tänze, die bei verschiedenen wilden Völkern 
bei Feierlichkeiten, bei gottesdienstlicben Festen, wie auch vor der Voll- 
ziehung der Ehe ausgeführt werden. Der Tanz ist das gebräuchlichste 
Mittel, Tumeszenz zu erzeugen. Einige Tiere springen und schlagen 
mit den Füssen auf den Boden, wenn ihre Paarzeit gekommen ist, eine 
Wirkung, die von dieser herbeigeführt wird. Die höchste und meist ent- 
wickelte Bewegungsart ist der Tanz, und dieser ist, wie man selbst 



') Havelock Ellig, Das Geschlechtsgefühl, S. 25. — *) Ziegler in einem 
Brief an Groos, erwähnt in „Spiele der Tiere", zitiert bei Havelock Ellis in 
Das Geschlechtsgefühl, S. 28. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 27 

beim Tanz der kultivierteren Völker sehen kann — es geschieht dies 
vor allem bei dem Walzer — imstande, eine Person in einen Zustand 
von Ekstase zu bringen. Bei den primitiven Tänzen sind gerade in ihrer 
schönsten Form alle Glieder des Körpers beteiligt, wie man aus der 
Beschreibung der Tänze primitiver Völker ersieht. 

Da diese komplizierteste und höchste Form von Körperbewegung 
die stärkste organische Erregung erzeugt, die durch Muskeltätigkeit er- 
reicht werden kann, wird man begreifen, dass sie schon bei Tieren, die 
noch auf einer sehr tiefen Entwicklungsstufe stehen, bei der Erweckung 
der geschlechtlichen Tumeszenz eine Rolle spielt. Dass der Tanz der 
kultivierten Völker mit den Liebesgefühlen und mit dem Geschlechts- 
leben in Verbindung steht, ja selbst unsere Tänze noch einen geschlecht- 
lichen Ursprung haben (z. B. der Walzer), haben die Untersucher be- 
wiesen, die den Ursprung und die Bedeutung des Tanzes studiert 
haben '). 

Nicht allein rufen die Bewegungen, die die Person macht, bei ihr 
selbst Tumeszenz hervor, sondern auch bei denen, die die Bewegungen 
sehen. Fere hat durch seine Versuche bewiesen, dass die Muskeln 
derjenigen, die Bewegungen ausführen sehen, in einen Beizzustand ge- 
raten, wobei die Grösse der Reizung durch Messung bewiesen werden 
kann 1 ). Das geht auch aus dem hervor, was man bei primitiven Völkern 
beobachtet hat, wo die Zuschauer durch einen leidenschaftlichen Tanz 
ebenso wie die Tänzer selbst erregt werden. So ist es zu erklären, 
dass bei vielen primitiven Stämmen und auch bei Tieren der Tanz des 
Mannes oder des Männchens, bei der Frau oder beim Weibchen zur 
Erregung genügt, ohne dass die weibliche Person selbst an dem Tanze 
teilzunehmen braucht. 

Wenn man die Beriohte der Ethnologen und der Reisenden ver- 
folgt, .sieht man, dass bei den meisten wilden Völkern der Tanz ein 
erheblicher, ja, der erheblichste Teil der Werbung, der Vorbereitung zum 
Koitus ist. Mitunter tanzen die Männer und die Frauen zusammen, 
zuweilen die Männer oder die Frauen allein, auch wohl zuerst die 
Männer und dann die Frauen, wobei die Tanzform verschieden ist, je 
nach dem Volksstamm, dem Zwecke und auch Ursprung, aus dem er 
hervorgegangen ist. 

Havelock Ellis fasst alle diese Tatsachen als Aeusserungen 
desselben Instinktes auf; was den Mann betrifft, so wolle er durch 
Zeigen und Anwendung seiner Kraft, seiner Geschicklichkeit und 
seiner Schönheit, seine eigene Leidenschaft und die der Frau wecken. 
Die Aeusserung des Instinktes wird mit der Kultur verändert. Ver- 



*) Havelock Ellis, Das Gescbleehtsgefähl S. 66 ff. — *) Fere, Le plaisir de 
1« vue des mouvementa, angeführt bei H. Ellis, in: Das Gesohlechtsgefühl, S. 68. 



28 A. Aletrino 



schiedene Umstände haben dabei mitgewirkt, dass die Art und Weise 
wie die Tumeszenz geweckt wird, eine andere Form angenommen hat, 
doch ist dasselbe Ziel geblieben bei „Werbung, Hofmachen". Alle 
gegenseitigen Annäherungen und Liebkosungen zwischen Personen ver- 
schiedenen Geschlechts haben nur den Zweck, einen Zustand von Tumeszenz 
herbeizuführen. 

Das Tumeszenzstadium dauert am längsten bei dem sexuellen 
Prozess und ist das gewichtigste und gleichzeitig das charakterischste. 
Während der Tumeszenz entwickelt sich der ganze psychische Teil des 
Geschlechtstriebes. Das zweite Stadium des Geschlechtstriebes ist das 
der Detumeszenz, das Bedürfnis nach Entledigung, das mit sehr starker 
und überwältigender nervöser Spannung verbunden ist. Bis zu einem 
gewissen Grade kann die Anspannung mit dem verglichen werden, was 
bei der Entleerung der Blase entsteht, doch ist bei dieser die motorisch 
nervöse Entladung nicht so gross. Blase und Geschlechtszentrum liegen 
auch dicht beieinander. Man hat eine Wechselwirkung zwischen beiden 
angeführt. Die Entladung, die durch die Detumeszenz zustande kommt, 
entspannt die Energie, die durch den langsamen Tumeszenzprozess in 
dem Körper angehäuft ist, und diese Entladung bringt alle Nerven- 
zentren im Körper zum Mitschwingen. 

Die Tatsachen, die Havelock Ellis bringt, können jedoch auch 
unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden. In einem ge- 
gebenen Zeitpunkt, der für die verschiedenen Tiere verschieden ist, be- 
ginnt die Brunst- oder Paarzeit, das Bedürfnis nach Geschlechtsgemein- 
schaft sowohl beim Männchen wie beim Weibchen. Dass dies nicht 
das ganze Jahr hindurch der Fall ist, sondern dass der Zeitpunkt 
für verschiedene Tiere verschieden ist, hängt neben den klimatischen 
Einflüssen von dem Zeitpunkt ab — und ist auch von Anfang an davon 
abhängig gewesen — wo die Nahrung, von der die Tierart lebt, im 
Ueberflu8S vorhanden ist, und zwar sowohl von dem Zeitpunkt, wo sich 
die Eltern paaren , wie von dem , wo die Jungen zur Welt kommen '). 
Das ist die hauptsächlichste Ursache, weshalb die Brunstzeit bei Tieren, 
die in der Wildnis leben, nur ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, 
was sich bei gezähmten Tieren und bei Haustieren ändert. 

Die Haustiere und gezähmten Tiere werden jedoch in kürzeren 
oder längeren Zwischenpausen mehrere Male im Jahre läufig, heiss, 
brünstig, oder wie man die Zustände je nach dem Tier nennt. Dieser 
Zustand geschlechtlicher Erregung nimmt bei Tieren wahrscheinlich 
die Stelle der Menstruation ein, die beim Menseben in regelmässigen 
monatlichen Perioden oder in Zwischenräumen von 28 Tagen vorkommt, 
die man schon bei den höheren Affen in ausgesprochener Form sehen 

*) Havelock Ellis, Geschlechtstrieb und Schamgefühl, S. 142, und "Wester- 
marck, 1. c, S. 26. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 29 

kann und die man bei einigen Haustieren und Tieren, die in der Ge- 
fangenschaft leben, beobachtet hat, wenn auch hier die mit Blut ge- 
mischte Ausscheidung aus der Scheide nicht so deutlich ist, wie beim 
Menschen und bei den höheren Affen '). 

Während beim Menschen das männliche Individuum nicht mehr 
eine regelmässig wiederkehrende Brunstzeit durchmacht, kann man beim 
weiblichen Individuum eine periodische Erhöhung des Geschlechts- 
triebes beobachten, wenn sie auch hier und da durch die Kultur ver- 
ändert, vermindert oder ganz verschwunden ist. Im Vorhergehenden haben 
wir gesehen, dass einige Frauen während der Periode einen erhöhten Ge- 
schlechtstrieb haben. Die Brunstzeit ist es, die das Männchen wählt, 
um Werbungsbewegungen zu maohen, damit das Weibchen, das in den- 
selben Zustand gerät, in höhere Tumeszenz kommt, und vielleicht auch, 
um sich selbst in höhere Tumeszenz zu bringen. 

Wo schon vor der Brunstzeit bei den Tieren ein starker Blut- 
zuiluss nach den Genitalen stattfindet 11 ), kann man annehmen, dass sich 
entweder daraus eine grössere Energie durch den ganzen Körper ent- 
wickelt, oder dass dieser Blutzufluss eine Begleiterscheinung der grossen 
Energieveränderung ist, die im ganzen Organismus stattfindet. Im Ge- 
folge der grösseren Energie besteht das Bedürfnis nach dem Aktivsein, 
nach Bewegungen, das Bedürfnis, die Energie zur Aeusserung zu bringen. 
Die Tumeszenz ist die Ursache der Bewegungen, des Tanzes, der Kämpfe 
usw. Diese Bewegungen erhöhen die Tumeszenz, in die das Weibchen 
ebensogut wie das Männchen versetzt wird. Infolge der grösseren 
Energie zu dieser Zeit werden bei anderen Tieren die Farben blendender, 
das Wachstum der Federn länger, es entstehen neue Federn und Aus- 
wüchse, Erscheinungen, die eben einen Reiz auf das Weibchen ausüben. 

Man hat dagegen angeführt, dass diese Farbenveränderung usw. 
nicht eine Folge der grösseren Energie sein können, da sie wohl bei 
niederen Tieren vorkommen, aber bei den Wirbeltieren, die doch in 
dieser Zeit ebenfalls eine grosse Energievermehrung haben, fehlen 3 ). 
Man vergisst jedoch, dass, wenn sich auch die Energie bei einer Tier- 
art auf eine bestimmte Weise äussert, daraus nicht folgt, dass diese 
Aeusserung auch bei einer andern Tierart oder Tierklasse dieselbe 
sein muss. 

Das Sehen dieser glänzenden Farben, dieser Verzierungen usw. 
entspricht einem sexuellen Reiz für das Weibchen, „regt das geschlecht- 
liche Verlangen des andern Geschlechts an" 4 ), und es nimmt die Tumes- 
zenz der Weibchen zu. Die Weibchen werden also durch den Anblick 
der Bewegungen und der Farben, durch das Hören des Gesanges der 
Männchen zu höherer Tumeszenz gebracht, während die Tumeszenz der 

») Havelock Ellis, Geschlechtstrieb u. Schamgefühl, S. 84 ff. — ») H. Ellis, 
Das Geschlechtsgefühl, S. 23. — •) Westermarck, 1. c, 8. 245. — *) a. a. O., 8. 181. 



30 A. Aletrino 



Männchen einerseits die Ursache ihrer Bewegungen ist, anderseits durch 
die Bewegungen noch erhöht wird. Dass die Tumeszenz der Männchen 
durch ihre eigene Farbenveränderung oder durch neue und schöne Aus- 
wüchse erhöht werden soll, ist sehr unwahrscheinlich. 

Eine andere Auffassung ist die, dass die Männchen diese sekun- 
dären Geschlechtsmerkmale erhalten, um besser durch das Weibchen 
gesehen und gefunden zu werden 1 ). Dies braucht aber nicht zu ver- 
hindern, dass die glänzenden Farben und andere sekundäre Geschlechts- 
merkmale ebenfalls ein sexueller Reiz für das Weibchen sein können. 
Es ist ausserdem wahrscheinlich, dass nicht der individuelle Geschmack 
und andere bei Tieren unbeständige psychische Eigenschaften, die Ver- 
anlassung zur Wahl durch das Weibchen sind, sondern dass dieses 
durch das Männchen angezogen wird, das durch die sekundären Ge- 
schlechtsmerkmale dem vollendetsten Typus seiner Art nahekommt 1 ). 

Man muss sich fragen, weshalb das Männchen, das doch das suchende 
in der Tierwelt ist, allein mit den glänzenden Farben verziert wird 
und nicht das Weibchen und weshalb in der Paarungszeit das Männ- 
chen aktiver auftritt, tanzt, Bewegungen macht, während das Weibchen 
eine passivere Rolle spielt. Die Erklärung für ersteres muss wahr- 
scheinlich darin gefunden werden, dass — wo mit dem Erwerben 
glänzender Farben Gefahren verbunden sind und vornehmlich da, wo 
die schönere Färbung auch die Beute für den Feind bequemer macht — 
gerade das Männchen die Verzierung bekommt, weil es stärker als das 
Weibchen ist und weil es sich besser verteidigen kann, und dass das 
Weibchen wegen seiner geringeren Stärke einen grösseren Schutz nötig 
hat. Das zweite kann aus der passiven Rolle erklärt werden, die das 
Weibchen bei der Fortpflanzung im ganzen Tierreich erfüllt. Die In- 
aktivität darf aber nicht allgemein angenommen werden. Es gibt 
Fälle, wo die Weibchen ebenso wie die Männchen eine aktive Rolle 
bei der Fortpflanzung spielen 8 ), während auf der andern Seite bei Weib- 
chen mehr als bei Männchen Antipathien vorkommen 4 ), was dann auch 
eine Erklärung geben kann für einige Fälle, wo bei höheren Tieren 
das Männchen eine aktive, das Weibchen eine passive Rolle spielt. 
Beim Menschen ist alles durch die Kultur, durch die höhere Entwick- 
lung verändert. Wohl gibt es Fälle, wo bei wilden Völkern die 
Männer noch tanzen, und es ist eine Ausnahme — wie es noch bei 
einigen Völkern geschieht — dass die Frauen zusammen mit den Männern 
tanzen. Auch gilt dasselbe von der Verzierung und der Verschönerung. 
Bei den kultivierten Völkern jedoch ist das ganz anders. Hier spielt 
die Frau eine aktive und gleichzeitig eine passive Rolle. Es ist die 
Frau, die sich bei unserem Zusammenleben verschönt und unbewusst 

') a. a. 0., S. 244 ff. — *) Wentermarck, S. 2B2. — ') a. a. 0., S. 249. — 
*) a. a. 0. S. 186. 



Der LiebesprozeBB beim Menschen. 31 

danach strebt, durch Entblössung von Teilen ihres Körpers, durch die 
Gestalt, und durch die Farben ihrer Kleider usw. den Mann anzulocken 
und ihn zur Tumeszenz zu bringen. Es ist also ihre Bolle eine passive, 
damit sie ihrerseits gezwungen ist, zu warten, bis der Mann um ihre 
Hand nachsucht und mit ihr eine Heirat eingehen will. Dies ist natür- 
lich nur eine Beschreibung in sehr grossen Linien. 

Hier sind noch allerlei Ausnahmen und Verschiedenheiten anzu- 
führen, je nach dem Land, den Sitten und Gewohnheiten, der Höhe der 
Kultur und Erziehung, dem Stand, der sozialen Stellung und den ver- 
schiedenen Stufen in der Gesellschaft. Ein grosser Unterschied ist 
aber deutlich: während nämlich in der Tierwelt das Weibchen passiv 
und das Männchen allein aktiv ist, wo sie in der Wildnis zusammen- 
leben — einige wenige Fälle ausgenommen — spielt in der kultivierten 
Gesellschaft die Frau auf dem Gebiete des Geschlechtslebens eine viel 
aktivere Bolle als sonst beim Zusammenleben. Es würde uns zn weit 
führen und es gehört nicht mehr in den Rahmen dieser Arbeit, hierauf 
einzugehen. (Schluss folgt.) 



Zum Probleme der Hypnose. 

Experimentelle Beiträge 1 ). 

Vorläufige Mitteilung von Dr. Sydney Alrutz, Dozent der Psychologie an der 

Universität Upsala. 



Die methodische Behandlung des hypnotischen Problems. 

Ich begrenze sofort meine Aufgabe : Die Untersuchung hypnosi- 
gener und intrahypnotischer Mittel. Also, die Untersuchung der Mittel, 
die Hypnose hervorbringen oder die während der Hypnose verschiedene 
Wirkungen hervorrufen. 

Wenn wir sämtliche Behauptungen der verschiedenen Forscher 
zusammenstellen, erhalten wir eine ziemlich lange Liste solcher 
Mittel, die angeblich eine spezifische Wirkung ausüben. Diese Liste 
würde etwa so aussehen: Streiche (oder Hinzeigen) mit oder ohne 
Berührung; Fixation, entweder im allgemeinen aber mit stark konver- 
gierten Sehachsen, oder von glänzenden Gegenständen, oder der 
Augen des Hypnotiseurs; lautes Geräusch; monotone Geräusche; 
Magnete, Kristalle, Metalle; starke Konzentration oder exspektative 
Aufmerksamkeit; Suggestion; Autosuggestion und telepathische Ein- 
wirkungen. 



') Eingegangen am 1. Mai 1912. 



32 Sydney Alrutz 



Es ist einleuchtend, dass ich hier keinen Unterschied zwischen 
hypnosigenen und intrahypnotischen Mitteln gemacht habe. 

Nun ist es ja freilich die herrschende Theorie unserer Tage, 
dass alle diese verschiedenen Mittel in suggestiver Weise — also als 
direkte oder indirekte Suggestionen — wirken. Dennoch gibt es fort- 
während so beachtenswerte Anhaltspunkte dafür, dass wenigstens einige 
von diesen in irgend anderer Weise als auf suggestivem Wege wirken 
oder mit anderen Worten : es gibt so viele nicht zu vernachlässigende 
Forscher, die für solche Ansichten noch heutzutage eintreten, dass 
eine Revision des ganzen Gebietes meiner Ansicht nach gefordert 
werden muss. 

Wenn man aber diese mehr als ein Jahrhundert alten Streit- 
fragen noch einmal aufrollt, so muss man wirklich auf den Grund 
gehen, d. h. man muss versuchen, jedes „spezifische" Mittel isoliert 
für sich zu untersuchen, also mit Elimination irgendwelcher möglicher 
Wirkung von Seiten der übrigen Mittel. Dabei muss man auch alle 
subjektiven Meinungen beiseite lassen über die Möglichkeit oder 
Unmöglichkeit solcher spezifischen Wirkungen. Man muss — so 
schwierig es auch sein mag — vorurteilslos und rücksichtslos ein 
rein objektives Verfahren anwenden — sonst lohnt es sich gar nicht, 
sonst kann man nicht einmal hoffen, eine endgültige Lösung zu 
gewinnen. 

Ich beabsichtige, im folgenden Abschnitt einen sehr verkürzten 
und nur ganz präliminaren Bericht der bisher gewonnenen Resultate 
meiner Untersuchungen über ein einziges von diesen Mitteln und 
zwar über das Streichen ohne Berührung (was man auch im fran- 
zösischen passes nennt) zu geben. 



II. 

Experimentelle Untersuchungen über die Effektivität der Passen 
(Streichen ohne Berührung). 

1. Problemstellung und Versuchsanordnung. 

Bei der Behandlung der Frage vom Streichen ist es vorteilhaft, 
mit dem Streichen ohne Berührung zu beginnen, weil es hier möglieh 
ist, sowohl taktile als thermische Reize auszuschalten und auch 
Autosuggestionen zu vermeiden. 

Ferner ist zu betonen, dass es zweckmässiger ist, zuerst die 
Wirkung der Passes, z. B. auf die Hautsensibihtät, wenn die Hypnose 
bereits eingetreten ist, zu untersuchen, als ihre Bedeutung für die 
Einschläferung, bzw. das Erwecken festzustellen, da es viel schwie- 



Zum Probleme der Hypnose. 



riger ist, Suggestionswirkungen bei diesen beiden Arten von Pro- 
zessen zu vermeiden. 

Um die Möglichkeit gewöhnlicher Hautsinnesreizung, Luftströme 
und Wärmestrahlung von der Hand des Hypnotiseurs, auszuschalten, 
habe ich die Untersuchung in der Weise begonnen, dass ich die Haut 
der Versuchsperson durch Platten aus Glas, Metall oder anderen 
Stoffen schützte, die, an einem Stativ befestigt, in einigen Zentimetern 
Abstand von der Haut angebracht wurden, und dann die Passes in so 
geringem Abstand als möglich von diesen Platten ausführte, ohne sie 
jedoch zu berühren. Ich will gleich hier sagen, dass diese Vorsichts- 
massregeln glücklicherweise in gewissen Fällen nicht die Wirkung der 
Passes verhinderten. 

Es ist klar, dass man dieselbe Versuchsanordnung anwenden 
kann, wenn man die Wirkung der Passes untersucht oder wenn man 
feststellen will, ob das blosse Halten der Hand über einer Hautfläche 
oder einem Körperteil (oder das Hinzeigen mit einem Finger) eine 
Wirkung herbeiführt. 

Schliesslich bedarf es kaum besonderer Erwähnung, dass die 
Versuchsperson in vollständiger Unkenntnis darüber zu halten ist, 
was man mit ihr vorhat und wann ein Versuch angestellt wird, so- 
wie dass jede absichtliche Suggestion seitens des Hypnotiseurs zu 
vermeiden ist — denn es sind ja die behaupteten Wirkungen der 
Passes unabhängig von aller Suggestion, die es hier in erster Linie 
zu erforschen gilt. 

Die Untersuchungen, über die ich hier berichte, sind haupt- 
sächlich an einer einzigen Person, einem Metallarbeiter W., an- 
gestellt worden. Dieser, der Hysteriker und Neurastheniker ist, ist 
von mir mittels Hypnose wegen Herzneurose, Schlaflosigkeit, starker 
Depression mit Unruhe usw. mit sehr günstigem Erfolg behandelt 
worden. 

Ich kann hinzufügen, dass ich während der mehr als 50 Sitzungen 
(über mehr als zwei Jahre verteilt), die ich mit meiner Versuchs- 
person gehabt habe, ihm niemals eine einzige Suggestion auf dem 
Gebiete der Sensibilität gegeben habe — vor allem dies Gebiet ist 
es nämlich, auf dem die Passes Wirkungen ausüben, wie wir so- 
gleich sehen werden. 

2. Ergebnisse. 

Ich beschreibe zunächst, was ich den „Hauptversuch" nennen 
möchte. Er geht folgendermassen vor sich. 

Nachdem der Patient in leichte Hypnose versetzt und ihm ein 
undurchsichtiges Tuch über den Kopf geworfen worden ist — die Ohren 
können ihm, wenn es gewünscht wird, verstopft werden, und das 

Zeltschrift für Psychotherapie. V. 3 



34 Sydney Alrutz 



ist auch bei gewissen Versuchen geschehen — mache ich mit meiner 
rechten Hand so lautlos als möglich abwärtsgehende (d. h. in zentri- 
fugaler Richtung verlaufende) Passes über der Platte, die sich über 
dem entblössten Unterarm und der Hand des Patienten befindet. 
Diese abwärtsgehenden Passes mache ich mit ausgestreckter, flacher 
Hand, mit der Volarseite nach unten und gewöhnlich mit dem Hand- 
gelenk nach vorn. Die Bewegung geschieht recht langsam und ge- 
wöhnlich vom Ellenbogengelenk des Patienten an bis zu den Finger- 
spitzen, eine Minute lang. Während dieser Zeit mache ich ca. 20 



Vorausgesetzt, dass die Platte z. B. von Glas (sogar 5 mm dick) 
und die Hautsensibilität kurz vor dem Versuch (aber in der Hypnose) 
als etwas übernormal (schwache Hyperalgesie und Hyperästhesie) 
befunden worden ist, so ist die Wirkung dieser Behandlung die, dass 
die Sensibilität ganz aufgehoben wird und zwar rücksichtlich aller 
Hautsinnesqualitäten, ausgenommen bisweilen die Druckempfindungen. 
Natürlich nehmen die Wirkungen der Passes, d. h. die Insensibilität, 
zu, wenn man die Zeit der Einwirkung länger bemisst. Diese selbe 
Wirkung erhält man auch dann, wenn die Glasplatte durch eine 
Platte aus Zink, Eisen, Kupfer, Blei u. a. Metallen oder auch Le- 
gierungen, wie Messing, ersetzt wird. Nimmt man dagegen eine 
Platte aus Pappe, Baumwolle oder Wolle, so zeigt diese eine hindernde 
Einwirkung: die Platte wirkt nun mehr oder minder als ein Schirm. 
Ferner: auch andere Personen als der Hypnotiseur können diese 
Unempfindlichkeit hervorrufen, wenigstens während des betreffenden 
hypnotischen Zustandes. Den ungefähr 20 Personen (Psychologen, 
Physiologen, Aerzten, Physikern usw.), die diese Versuche nach- 
gemacht haben, sind sie sämtlich gelungen, und alle haben dieselbe 
Wirkung erhalten. 

Wenn man nun auf dieser unempfindlichen Haut bei im übrigen 
derselben Anordnung aufwärtsgehende Passes — also in zentri- 
petaler Richtung — macht und einen durchlässigen Stoff als Platte 
verwendet, so zeigt sich eine eigentümliche Erscheinung: die Ver- 
suchsperson erfährt Unbehagen, reibt sich mit der anderen Hand und 
gibt spontan oder auf Befragen an, dass es „sticht", und auch, ob- 
wohl später, dass sie ein Gefühl der Wärme oder Kälte oder beides 
verspürt. Ich deute diese subjektiven Erscheinungen als Zeichen 
der zurückkehrenden Sensibilität, da diese tatsächlich stets zurück- 
gekehrt ist, sobald die subjektiven, spontanen Empfindungen auf- 
getreten sind. Diese Empfindungen, wenigstens die Wärmeempfin- 
dungen, können unabhängig von vorhergehenden Reizungen auf- 
treten. Sie beruhen aber auch teilweise hierauf, denn wenn ich 
z. B. die vordersten Fingerglieder des Patienten während des anaige- 



Zum Probleme der Hypnose. 35 

tischen Stadiums mit einer Nadel steche, so reibt er sich später und 
gibt Stichempfindungen nur hier an, wenn die Sensibilität wieder 
erwacht ist. 

Noch ein weiteres Phänomen ist hier zu beachten: wenn die 
abwärtsgehenden Passes gemacht worden sind und man die ent- 
sprechende Hautstelle z. B. analgetisch gefunden hat, erweist sich 
der Arm oder die Hand der Gegenseite als hochgradig hyperalgetisch. 
Ist die Sensibilität auf der behandelten Seite wieder hergestellt 
worden, so wird die Gegenseite wieder nahezu normal und rechts 
wieder gleich links. 

Indessen können Hyperalgesie und Hyperästhesie auch direkt 
hervorgerufen werden, durch aufwärts gehende Passes. Und hier- 
bei kann ich entweder von normaler Hautempfindlichkeit während 
der leichten Hypnose ausgehen, oder ich kann die aufwärtsgehenden 
Passes, die über analgetischer Haut gemacht werden, über das Mass 
hinaus fortsetzen, das notwendig ist, um normale Empfindlichkeit zu 
erhalten, oder schliesslich kann ich auch von der Analgesie (und 
Anästhesie) ausgehen, die spontan im tiefen hypnotischen Schlafe 
eintritt, und dann auch hier die Passen über die normale Empfind- 
lichkeitsgrenze hinaus fortsetzen. 

Schon bei den ersten Versuchen fand ich, dass rasche Quer- 
passen (d. h. Passes hin und zurück und senkrecht zu Arm und 
Hand des Patienten rücksichtlich der Längsachse) auch verwendet 
werden konnten, um die Sensibilität wieder zu erwecken. Einen 
Schirm benutzte ich damals freilich noch nicht hierbei. Indessen 
entdeckte ich später, dass diese Querpasses wahrscheinlich nur als 
Kältereize wirkten, denn 1. wurden die Passes langsam hin und 
zurück gemacht, so wurde keine Wirkung erhalten; 2. konnte 
die Sensibilität schon allein dadurch wieder hergestellt werden, 
dass man kalt gegen die Haut blies, entweder mit dem Munde 
oder mittels eines Blasebalges, und 3. erweckt ein kalter Gegenstand 
beliebiger Art, auf die Hautoberfläche gelegt, die Empfindlichkeit, 
und in allen drei Fällen meldet sich die zurückkehrende Empfind- 
lichkeit durch die erwähnten subjektiven Erscheinungen an. 

Wir wenden uns nun einem anderen Gebiete zu: dem mo- 
torischen. 

Die Beobachtung, dass Muskeln und Sehnen auf eine ähnliche 
eigentümliche Weise beeinflusst werden können, machte ich in 
Wirklichkeit, bevor ich die oben erwähnten Sensibilitätserscheinungen 
entdeckte. Richtet man in einem Abstand von einigen Zentimetern 
seinen Finger gegen die motorischen Punkte, z. B. auf der Volar- 
seite des Unterarms, so findet man, dass eine Reizung stattfindet: 



36 Sydney Alrutz 



man erhält z. B. Beugungen in den Phalangealgelenken, ganz, als 
wenn man die fraglichen motorischen Punkte auf elektrischem Wege, 
mittels Induktionsströmen, schwach gereizt hätte. In derselben Weise 
kann man auf eine Sehne des gemeinsamen Fingerstreckers hin- 
zeigen und dann eine Extension des entsprechenden Fingers erhalten, 
wenn die Hand vorher zusammengeballt gewesen war. 

Auch hier kann man jede Möglichkeit einer thermischen Reizung 
z. B. dadurch ausschliessen, dass man eine Glasplatte zwischen die 
Haut der Versuchsperson und den eigenen Finger hält, ja man kann 
auch mit einer Glasstange, einem metallenen oder hölzernen Stabe u. dgl. 
durch die Glasscheibe hindurch zeigen, und der Versuch gelingt doch. 

Ist die Versuchsperson in einem günstigen Zustande, so kann 
man sehen, wie die Sehne, auf die man zeigt, bevor die Extension 
beginnt, zu spielen oder auf eine eigentümliche Weise, die nicht ab- 
sichtlich nachgemacht werden kann, zu zittern beginnt. 

Schliesslich, wenn man seine eigene Hand ausgestreckt, still, 
sagen wir über der geballten Hand der Versuchsperson hält, wenn 
diese in leichter Hypnose ist, und der Sicherheit wegen eine Glas- 
platte dazwischen hält: was tritt dann ein? Dann erhalten wir nach 
einigen Sekunden die Angabe seitens der Versuchsperson, dass sie 
Wärme, Stiche empfindet, „es fühlt sich wie elektrisch an" usw., 
und sie streckt die Finger aus oder hat wenigstens starke Neigung-, 
dieses zu tun. 

Wenn dagegen die Hand über einem Hautgebiet gehalten wird, 
wenn W. in tiefer Hypnose und folglich anästhetisch ist, so wird 
die Sensibilität auf der fraglichen Stelle wieder erweckt (W. reagiert 
dann auf verschiedene Hautsinnesreize), nicht aber auf benachbarten , 
wenigstens nicht, wenn die Zeit richtig abgemessen ist. 

Ich habe in diesem Abschnitt nur die sozusagen grundlegenden 
Versuche angeführt. Die Beschreibung der Einzelversuche, die sich 
auf die Erforschung spezieller Probleme beziehen, muss ich auf die 
ausführliche Darstellung aufschieben, mit deren Veröffentlichung ich 
bald hoffe beginnen zu können. 

3. Diskussion der Versuche. 

Was die motorischen Erscheinungen betrifft, so haben wir 
meines Erachtens den geschichtlichen Anknüpfungspunkt bei Char- 
cot zu suchen. Wir haben hier nämlich, meine ich, mit dem zu 
tun, was Charcot die neuro- und tendinomuskuläre Uebererregbar- 
keit nannte. 

Selbst habe ich diese motorische Uebererregbarkeit in sehr aus- 
geprägtem Grade bei einer stark hysterischen Frau beobachtet. War 



Zum Probleme der Hypnose. 37 

sie in Hypnose versetzt, so rief ein Aufsetzen meines Pingers z. B. 
auf einen der Muskeln des Unterarms starke Kontrakturen hervor, 
die allmählich sich über die ganze betreffende Körperhälfte ver- 
breiteten. Druck auf eine Stelle des M. orbicularis oris rief Kontraktur 
dieses ganzen Muskels hervor usw. Nachdem ich aber meine Ver- 
suche mit W. gemacht und die entsprechenden Erfahrungen gewonnen 
hatte, versuchte ich einmal nur durch Zeigen und während die 
Versuchsperson sich in wachem Zustande befand, Kontrakturen bei 
dieser Frau hervorzurufen. Dies gelang mir auch — sie traten sehr 
stark ausgeprägt auf, und die Versuchsperson vermochte sie nicht 
selbst zu lösen, hierzu musste ich einen Kältereiz (Blasen) verwenden. 
Und wie bei W., können auch hier andere als ich diese Kontrakturen 
hervorrufen, notabene, wenn die Frau in wachem Zustande ist. Ich 
bemerke noch, dass wenigstens die Mehrzahl der Erscheinungen, die 
ich bei W. nachgewiesen habe, auch bei ihm in wachem Zustande 
hervorgerufen werden können — obwohl dann in schwächerer und 
daher unsicherer Form. 

Bevor ich zu den Sensibilitätserscheinungen übergehe, möchte 
ich — was ich vielleicht schon vorher hätte tun sollen — darauf 
hinweisen, dass das ganze vorliegende Problem natürlich zwei Seiten 
hat. Teils gilt es festzustellen, welche eigentümlichen Veränderungen 
bei dem Nerven- und Muskelsystem der Versuchsperson durch die 
Hypnose oder Hysterie oder beides eingetreten sind, welche Ver- 
änderungen die Hervorrufung der oben beschriebenen Sensibilitäts- 
und Motilitätserscheinungen ermöglichen ; teils gilt es zu versuchen, 
die Art der Energie festzustellen, die von dem Hypnotiseur oder den 
Experimentatoren herrührt und die Erscheinungen hervorruft. Je 
mehr diese beiden Seiten bei der experimentellen Behandlung aus- 
einander gehalten werden können, um so vorteilhafter ist es natür- 
lich für die Lösung des Problems. 

Was nun den ersten Gesichtspunkt, d. h. den spezifischen 
Nervenzustand bei der Versuchsperson, betrifft, so hat es sich ge- 
zeigt, dass W. wenigstens für eine Art von physischen Kräften 
empfindlich ist, die sonst keinen Sinnesreiz auszuüben pflegt. Aus 
den Versuchen, die Dozent Dr. T. Svedberg und ich angestellt 
haben, scheint es nämlich sicher, dass unsere Versuchsperson be- 
stimmte Empfindungen in einem magnetischen Kraftfelde erfährt. 
Wenn seine Hand zwischen die beiden Elektromagneten gelegt wird, 
so kann er auf Grund der Empfindungen, die er erfährt („es sticht, 
es bläst"), angeben, wenn der Strom geschlossen ist. Die Versuchs- 
anordnung ist derart gewesen, dass weder er noch wir wussteu, wann 
der Strom geschlossen war. Es hat auch den Anschein, als wenn 
die Richtung der Kraftlinien von Bedeutung für die Art und Aus- 



38 Sydney Airute 



breitungsweise der Empfindung sei, hier aber sind noch weitere Ver- 
suche vonnöten. 

Was sonstige denkbare Reize betrifft (wie statische Elektrizität, 
Magneten in Bewegung, Wärmereize usw.), so ist es mir noch nicht 
möglich gewesen, ihre etwaigen Wirkungen einer Untersuchung zu 
unterziehen — oder jedenfalls noch nicht so vollständige Unter- 
suchungen anzustellen, dass ich hier schon endgültige Resultate 
vorlegen könnte. 

Ausser bei den hier erwähnten zwei Versuchspersonen ist es 
mir bei drei anderen Individuen gelungen, ähnliche Empfindungen 
und Sensibilitäts Veränderungen in wachem Zustande und unter An- 
wendung von Platten und Schirmen verschiedener Art hervorzu- 
rufen. Diese drei Personen scheinen gleichfalls ein labiles Nerven- 
system zu besitzen. 

Was die andere Seite des Problems, nämlich die Art der Ein- 
wirkung oder Reizung, die durch Passen oder blosses Halten der 
Hand stattfinden kann, betrifft, so haben wir im allgemeinen 
mehrere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen : dass die Erscheinungen 
(die Sensibilitäts- wie auch die motorischen Erscheinungen) entweder 
durch Druckreize (mittels Luftströmen) oder durch thermische Reize 
(Leitung, Konvektion, Strahlung) zustande kommen. Und das auf 
verschiedene Weise. Halten wir uns z. B. an eine dargestellte An- 
algesie, so können jene Reize entweder Sinnesempfindungen hervor- 
gerufen haben, welche Ausgangspunkte für Autosuggestionen gebildet 
haben, wodurch die Analgesie von dem Subjekt selbst hervorgerufen 
wird, oder auch kann man annehmen, dass die Reize direkt (ohne 
dass Sinnesempfindungen ausgelöst worden sind) die Analgesie her- 
vorgerufen haben. 

Berücksichtigen wir indessen, dass bei allen entscheidenden Ex- 
perimenten Schirme aus verschiedenen Stoffen angewandt, und dass 
die Passen einen oder einige Zentimeter über denselben ausgeführt 
wurden, so sind Luftströme, Wärmewirkung durch Leitung oder 
Konvektion ohne weiteres auszuschliessen. Es bleibt dann Wärme- 
wirkung durch Strahlung übrig. Da ich aber positive Resultate auch 
dann erhalten habe, wenn ich als Schirm eine Glasflasche (mit dicken 
Wänden und mit Luft gefüllt) oder eine Bleiplatte von 3 mm Dicke 
oder doppelte Platten aus Eisenblech oder Zink anwandte, so scheint 
auch diese Erklärung unmöglich zu sein, da man annehmen muss, 
dass derartige dicke Schirme vollständig die Wärme absorbiert haben, 
die von der Hand des Experimentators zur Haut der Versuchsperson 
gestrahlt ist. 

Hier ist auch daran zu erinnern, dass das blosse Halten der 
Hand über der Haut wie auch Passes, nämlich aufwärtsgehende, 



Zum Probleme der Hypnose. 39 



selbst durch gewisse Platten hindurch eine Wirkung ausüben (die 
Sensibilität auf vollständig anästhetischer Haut wieder herstellen), 
dass aber starke Wärmereize (Blechgefässe, mit Wasser von 40 — 50 ° C. 
gefüllt), die in aufwärtsgehender Richtung geführt werden (ohne einen 
Schirm dazwischen) fast keine Wirkung auf anästhetische Haut aus- 
üben. 

Was Erklärungen mittels von mir herkommender Suggestionen 
(Heterosuggestionen) betrifft, so können sie keinesfalls hier Ver- 
wendung finden, da Heterosuggestionen auf diesem Gebiete niemals 
dem W. gegeben worden sind. 

Dagegen liesse sich denken, dass die Versuchsperson auf auto- 
suggestivem Wege die veränderte Reizbarkeit anlässlich und im An- 
schluss an die Geräusche, die möglicherweise beim Ausführen der 
Experimente entstanden sind, hervorgerufen hat, oder er kann 
Analgesie usw. simuliert und Beugungen, Streckungen usw. auf Grund 
derartiger Geräusche absichtlich ausgeführt haben. 

Aber auch diese Hypothese genügt nicht. Denn sogar, wenn 
man zugibt, dass ein Geräusch bei jedem Experiment zustande kommt, 
so können doch diese unmöglich so gut lokalisiert und spezifisch 
sein, dass die Versuchsperson raten kann, gegen welchen motorischen 
Punkt am Unterarm ein Glasstab gerichtet wird — ganz abgesehen 
von dem Umstände, dass W. der Wirkungen vollständig unkundig 
ist, die auf die Reizung der verschiedenen Punkte folgen. 

Das gleiche gilt für das Sensibilitätsgebiet. Auch hier können 
zufällige Geräusche ihn nicht in solchem Grade geleitet haben, dass 
er hat wissen können, über welchem Teil des Unterarms oder über 
welchem Finger eine Glasplatte gehalten und Passes oder Hinzeigungen 
gemacht wurden. Oder bei folgendem Versuch: eine Metall- oder 
Glasplatte wird in einem Stativ befestigt und über die Platte band- 
förmig ein wollenes Tuch oder dgl. gelegt, so dass dieses letztere 
ein bestimmtes Gebiet der Platte bedeckt. Erst darauf wird das 
Stativ auf seinen Platz gestellt. Wenn die Passes dann ausgeführt 
worden sind, zeigt es sich, dass die Platte nur entsprechend dem 
Teile, wo das wollene Tuch gelegen, gegen die Wirkung geschützt 
hat, die die Passes sonst auf der Haut der Versuchsperson hervor- 
gebracht haben. Hier hat offenbar die Versuchsperson nicht ahnen 
können, wie die Anordnung gewesen ist. (Auch bezüglich der Frage 
der Möglichkeit einer thermischen Reizung ist dieses Experiment von 
Bedeutung, da hier ja eine völlig gleichartige Fläche gegen das ganze 
fragliche Hautgebiet während des Versuches gerichtet gewesen ist.) 

Es bleibt endlich die telepathische Hypothese übrig. Hiermit 
meine ich, dass meine Vorstellungen oder Erwartungen betreffs des Re- 
sultates direkt (ohne Vermittlung durch die Sprache meinerseits oder 



40 Sydney Alrutz 



durch die normalen Funktionen der Sinne seitens der Versuchs- 
person) auf die Versuchsperson übertragen werden — sei es dass 
meine Vorstellungen bewusst oder unbewusst sind. Auch liesse sich 
eine telepathische Wirkung in der Weise denken, dass der Experi- 
mentator auf die kortikalen Sinneszentren selbst einwirkt, so dass 
z. B. eine Analgesie eintritt, ohne dass die Versuchsperson sich dessen 
bewusst ist. 

Wir sind um so mehr verpflichtet, diese Möglichkeiten in Rech- 
nung zu ziehen, als eine ganze Reihe von Forschern hypnotische 
Einschläferung und Erwecken bei gewissen sehr empfindlichen Per- 
sonen lediglich auf dem Wege der Vorstellung und des Willens her- 
vorrufen zu können glaubt, und als ich selbst gefunden habe, dass 
telepathische Erscheinungen (Einschläferung, Erwecken, möglicher- 
weise auch Einwirkungen auf die Sensibilität) bei W. sich hervor- 
rufen lassen. Einen weiteren Anlass hierzu sehe ich darin, dass 
Physiker nicht nur auf diese Erklärungsmöglichkeit hingewiesen, 
sondern auch die Ansicht ausgesprochen haben, dass sie zuerst zu 
untersuchen ist, bevor man annimmt, dass wir es bei diesen Ver- 
suchen und Resultaten mit einer direkten Energiewirkung unbekannter 
Art von den Fingern oder dem Nervensystem des Experimentators 
her zu tun haben. 

Kann nun der supponierte telepathische Faktor bei den Ver- 
suchen ausgeschaltet werden? 

Ja, durch eine Art von unwissentlichem Verfahren — wenn 
z. ß. die Experimente von einer Person ausgeführt werden, die gar 
nicht weiss, welches Resultat sie von den Manipulationen zu er- 
warten hat, die vorzunehmen sie instruiert ist, und wenn ferner die 
Person, die jene instruiert hat, nicht weiss, welche Art von Versuch 
jene anstellen wird. 

Ich führe einige Beispiele von Versuchen dieser Art aus meinem 
Protokollbuch (Sitzung Nr. 37) an. 

Dozent Dr. Svedberg, der mir behilflich war, wusste nur, dass 
Dozent Dr. v. B a h r einmal einige Versuche an W. mit verschiedenen Zwischen- 
platten angestellt hatte, welche Wirkungen aber bei den Experimenten zu er- 
warten waren, wusste er (wenigstens jetzt) gar nicht. 

"W*. befand sich in leichter Hypnose; Sensibilität normal und rechts = links. 

Dr. S. wurde nun von mir (in einem anderen Zimmer) gebeten. Passen 
über der Messingplatte entweder an dem rechten oder an dem linken Arm und 
entweder aufwärts oder abwärts nach freier Wahl eine Minute lang zu machen. 
S. kam dann zu mir hinaus und sagte, dass es geschehen sei. Darauf bat ich 
Um, mit meinem Algesimeter (2 g) zuerst zehnmal auf der behandelten und dann 
zehnmal auf der andern Seite zu prüfen und die Resultate zu beobachten. In 
gleicher Weise sollte er es mit den Temperatoren (Kältereizen) inachen. 

S. tat dies und erzählte mir dann, dass der behandelte Arm und die 



Zum Probleme der Hypnose. 41 

Hand, die abwärtsgehenden Passen ausgesetzt worden waren, gefühllos und 
dass die andere Seite deutlich überempfindlich geworden sei. Dies wurde darauf 
auch von mir konstatiert. S. erhielt ferner dieselben Resultate bei Heizung 
mit Baumwolle (Kitzeln). — 

S. durfte tun, was er wollte. Ich ging hinaus. S. kam dann und berichtete 
mir, das er eine Blechplatte über dem ganzen linken Arm und der Hand an- 
gewandt und ganz oben auf diese eine grosse Zündholzschachtel gelegt habe ; 
danach habe er 1 ] ;' 2 Minuten lang abwärtsgehende Passes gemacht. Selbst habe 
er nichts Bestimmtes erwartet. Er erhielt als Resultat : der oberste Gürtel 
— recht genau der Schachtel entsprechend — war andauernd empfindlich, der 
übrige Teil des Arms und die Hand aber waren für den Algesimeter (und auch, 
wie ich später feststellte, für die Temperatoren) unempfindlich ; der rechte Arm 
dagegen war überempfindlich. 

Die Resultate stimmten demnach mit dem überein, was ich zu- 
vor gefunden hatte. 

Folgender Versuch (aus Sitzung Nr. 20) bietet ein Beispiel für 
eine andere Art von Versuchen, die ich angestellt habe, und die 
unter anderem bezwecken, die Möglichkeit rein telepathischer Be- 
einflussung vom Experimentator auszuschliessen : 

W. in leichtem Schlaf. 

Dr. v. Bahr befestigte einen ca. 6 — 7 cm breiten Gürtel von Baum- 
wollewatte an und unter einer Messingplatte — ich sah nicht, wo der Gürtel 
sass. Darauf hielt v. B. die Platte über W.s rechtem Arm und rechter Hand 
(welch letztere geballt war). Ich machte abwärtsgehende Passes während einer 
Minute und prüfte dann die Sensibilität (andauernd ohne zu wissen, wo der 
Gürtel angebracht gewesen war). Ich fand die ganze Hand bis zum Hand- 
gelenk empfindlich, das übrige unempfindlich. Dies stimmte : d. h. der Watte- 
gürtel hatte gerade über der Hand gesessen. 

Aus diesen und ähnlichen Versuchen geht also als ziemlich sicher 
hervor, dass, wenn auch der telepathische Faktor bisweilen wirksam 
sein kann, er doch nicht die Hauptursache der Erscheinungen ist. 

Wir sind daher — da keine andere Möglichkeiten übrig zu 
sein scheinen — zu der Annahme gezwungen, dass die Erscheinungen 
durch eine direkte, eigentümliche, spezifische Wirkung von den 
Händen der Experimentatoren her hervorgerufen werden. Wahr- 
scheinlich haben wir es mit einer der Wissenschaft bisher unbekannten 
Form nervöser Energie oder mit einer unbekannten Aeusserung der- 
selben zu tun. Die Art dieser Energie womöglich zu erforschen, 
wird die angelegentlichste Aufgabe während der nächsten Zeit sein. 

Anmerkung: Die Versuchsanordnung ist oben auch deswegen so ausführlich 
geschildert, damit jeder mit geeigneten Versuchspersonen wenigstens den Hauptversuch 
(8. 33—34) nachmachen und bestätigen kann. Der Verf. 



42 5*. Wyrubow 



Zur Psychoanalyse des Hasses. 

Von Dr. N. Wyrubow, Moskau. 

Ueber die Psychologie und Psychoanalyse des Hasses ist noch 
sehr wenig geschrieben worden. Gegenwärtig kann man auf zwei 
solche Arbeiten hinweisen. Die eine, in Form einer kurzen Mittei- 
lung von W. Stekel führt den Titel: „Warum sie ihren Namen 
hassen." 

In diesem Artikel schildert Stekel eine Dame, die ihren 
Namen und den Namen ihres Vaters in einem so hohen Grade zu 
hassen begann, dass sie diese Namen weder aussprechen noch lesen 
noch schreiben konnte. Die Psychoanalyse ergab, dass diesem Hasse 
folgendes zugrunde lag: Nach dem Tode des geliebten Vaters erfuhr 
die Dame, dass ihr Vater mehrere geliebt hatte, für die er sein ganzes 
Vermögen verschwendete. Ihre Liebe ging in Hass und Verachtung 
über, und der Hass gegen den eigenen Namen war also Hass gegen 
den Menschen, der ihr diesen Namen gegeben hatte 1 ). 

Eine andere Arbeit: „Analystische Untersuchungen über die 
Psychologie des Hasses und der Versöhnung" des Pfarrers Pf ist er 
ist eine grosse, detaillierte Psychoanalyse eines Falles des Hasses 
eines 12jährigen Knaben gegen seinen etwas älteren Bruder. Der 
jüngere war um Vorwände sich mit seinem Bruder zu streiten nie 
verlegen. Die Untersuchung wurde 8 ) teils mit der Methode der ge- 
bundenen und teils mit der der freien Assoziationen durchgeführt. 
Die interessante Analyse von P f i s t e r lässt sich nicht kurz schil- 
dern : Deswegen muss ich mich auf die Schlüsse , die Pfister 
zieht, beschränken: 

Erstens: „Die Komplexbefriedigung kommt dadurch zustande, 
dass ein auf Schädigung des Gehassten gerichteter Wunsch deutlich 
oder verhüllt im Inhalt des Wachtraumes als verwirklicht dargestellt 
ist." (Die Methode der Assoziation). 

Zweitens: „Die sexuelle Komponente des Hasses kommt in Form 
des Sadismus und Masochismus zum Ausdruck. 

„Die Wollust des Hasses enthüllt der Analyse ihr Geheimnis", 
daB ist der aphoristische Satz des Autors. 

Meine eigene bisherige Beobachtung über die ich im folgenden 
berichte, deckt als Urgrund des Hasses ebenfalls den Sexualkomplex auf. 



') Zentralblatt für Psychoanalyse, 1910. Nr. 2/3. 

') 0. Pfister, Analystische Untersuchungen über die Psychologie des Hasses 
und der Versöhnung. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen. IL Bd. 1. Hälfte. Seite 184—178. 



Zur Psychoanalyse des Hasses. 43 



Ch. konnte seit langem keine Katzen leiden. Er hasste sie sogar. Im 
allgemeinen liebte er alle Tiere sehr und behandelte sie zart nnd liebevoll, 
and diese Ausnahme den Katzen gegenüber zwang ihn öfters zum Nachdenken und 
zum inneren Protest gegen seine grausame Behandlung der Katzen. Nichtsdesto- 
weniger, wenn sich ihm eine Katze näherte , liebkoste er sie nur am Anfang, 
um später damit zu enden, dass er die Katze quälte; er verursachte ihr 
Schmerzen, und wenn das Tier seine Krallen zeigte oder mit den Zähnen Zu- 
griff, warf er es weg. Wenn er vor einer Katze vorüber ging, konnte er oft 
nicht widerstehen, sie beim Kragen oder beim Schwänze zu packen, sie zu 
schwingen und in die Luft zu werfen, und dann zu beobachten, wie die Katze, 
durch die Luft purzelnd auf die Erde fällt und auf einmal sich auf alle Yiere 
stellt. Oefters folgte das Tier vertrauensvoll seinem Rufe, und er wiederholte 
von neuem dieselbe Prozedur. Diese Quälerei war für ihn eine Quelle eines 
eigenartigen, etwas krankhaften Genusses, der aber später zum Gefühl der Un- 
befriedigung und des Ungelösten führte. Das Leiden des Tieres brachte ihn 
oft zum Lachen, aber ihm selbst erschien dieses grobe Lachen ebenso wider- 
sinnig und nicht am Platze, als dieses grausame Spiel überhaupt. Ich wiederhole, 
dass dieses Gefühl des Hasses den Katzen gegenüber nicht im geringsten mit 
der ganzen psychischen Anlage seiner Persönlichkeit harmonierte, der feindliche 
Gefühle gegen den Menschen, sowie den Tieren gegenüber fremd waren. 

Als Gh. mit den Prinzipien der Psychoanalyse bekannt wurde, kehrte er 
während der letzten l 1 /, Jahre öfter zu dem Gedanken zurück, dieses ihm un- 
verständliche und unmotivierte Gefühl zu analysieren, aber alle Versuche in 
dieser Richtung blieben vorläufig resultatlos. Es gelang ihm nicht, Bilder der 
Vergangenheit oder Assoziationen hervorzubringen, und das Gefühl des Hasses 
gegen die Katzen existierte weiter und äusserte sich in den oben erwähnten 
Handlungen. 

Einmal, während eines erotischen Traumes, hatte Ch. ein somatisches 
sexuelles Gefühl, wie er es schon einmal vor eehr langer Zeit erlebt hatte. Den 
Inhalt des Traumes behielt er nicht, aber das erlebte Gefühl rief eine ganze 
Reihe von Erinnerungen hervor. Es kam ihm ins Gedächtnis, dass er dasselbe 
Gefühl das erstemal im Alter von 13 Jahren beim Kokettieren mit einem 
jungen Dienstmädchen hatte. Das Sexualgefühl war sehr intensiv und wurde 
mit entsprechenden somatischen Empfindungen lokalen, sowie auch allgemeinen 
Charakters, wie Herzklopfen, Zittern usw. begleitet. Schüchternheit und Furcht 
zwangen ihn, sich von diesem Mädchen fern zu halten, aber die quälenden Ge- 
fühle wurden deswegen nicht leichter. Die sinnliche Färbung der Erinnerung 
war so intensiv, dass Cb. auch jetzt nach 30 Jahren beim Erzählen das Er- 
lebnis so fühlte, als wäre es, wie man sagt, erst gestern geschehen. Weiter 
erinnerte er sich, dass es damals Frühling war; die Fenster standen offen. 
Am Fensterbrett lehnte, das Gesicht der Strasse zugewendet, das Mädchen, 
das in ihm erotische Gefühle erweckte. Es war Abend und das Mädchen hatte 
gerade sein Bett gemacht. Dann ging sie fort und Hess ihn mit quälenden 
erotischen Wünschen allein. 

Die Wohnung befand sieb im zweiten Stock, weshalb die Fenster auch 
für die Nacht offen blieben. Einigemal geschah es, dass sich in der Nacht 
in die Fenster Katzen einschlichen und ihre Früblingskonzerte gaben. Das 



44 N. Wyrnbow 



weckte ihn auf und er jagte ihnen nach. Er packte die Tiere mit "Wut und 
Bosheit, schlug sie und warf sie dann kräftig aus dem Fenster in den Hof hin- 
unter und beobachtete, wie sie einen Purzelbaum in der Luft schlugen und 
entsetzlich miauend auf den Boden fielen. 

Weiter fiel dem Ch. noch eine Erinnerung ein. Später erwies es sich, 
dass diese Erinnerung in eine Zeit gehörte, die dem Frtihlung, von dem die 
Bede war, voranging. 

Er und seine Schwester besassen 2 Katzen. Der Schwester gehörte ein 
weisses Kätzchen, ihm ein grauer Kater, den man für den Mann des Kätzchens 
ausgab. Einmal geschah es, dass jemand dem Kater den Schwanz abschnitt. 
Das war ein grosser Kummer für den Knaben ; er wollte herausbekommen, wer 
das gemacht hatte und warum der Kater so geschändet wurde. Jemand von 
den männlichen Dienstboten sagte ihm, dem Kater sei recht geschehen, damit 
er den Katzen nicht mehr nachlaufe. Der Ton der Erzählung, zweideutige 
Gesten und Lachen ergänzten das, was nicht gesagt wurde, und weckten bei dem 
Knaben das unklare Gefühl von etwas ihm Unbekanntem, aber Verlockendem 
und Interessantem. Dieses Gefühl verwirrte ihn. Interessant ist unter an- 
derem noch der Umstand, dass, als er sich an all das erinnerte, er vor sich 
die ganze Umgebung, bei welcher das Gespräch geschah, lebhaft sah, den Hof, 
die dicke hölzerne Leiter, die an die Mauer des Hauses angelehnt war, zwei 
oder drei Arbeiter, die bei der Leiter standen usw. Das Aeussere aller wie- 
dergegebenen Ereignisse behielt er überhaupt sehr deutlich in Erinnerung als 
lebendig gefärbte Bilder. Er erinnerte eich auch gut an das Zimmer, von wo 
er die Katzen hinunterwarf, an den anbrechenden Morgen, an die ganze Ein- 
richtung des Zimmers usw. Und je weiter er sich erinnerte, desto deutlicher 
und klarer kamen die Details hervor. "Weiter kam ins Gedächtnis, dass er 
während der erzählten nächtlichen Szene vom Bette in einem kurzen Hemde 
barfuss aufsprang, dass er die Morgenkälte fühlte usw. 

Mit einem Worte, er erinnerte sich jetzt an so winzige Details, von 
denen er sein ganzes Leben keine Vorstellung gehabt hatte. Kehren wir aber 
zum Ereignis mit dem Kater zurück, das den Knaben so verwunderte. Seinen 
Kummer goss er in einem primitiv gemachten kindlichem Gedichte aus , das 
übrigens in einem halb spasshaften Tone gehalten war. Dieses Gedicht mit 
schlechtem Rhythmus und einfachem Beim behielt er im Gedächtnis sein ganzes 
Leben lang und las es öfters zum Spass vor, wenn er von seinen Kinderjabren 
erzählte. Das Gedicht begann mit dem Erzählen des Ereignisses, dass man 
seinem Kater den Schwanz abgehackt, ihn der Schönheit beraubt hatte, und 
dass nur das liebe Kätzchen allein ihn nicht weniger lieb haben würde. "Weiter 
folgte die Moral für die Kinder („Da habt ihr, Kinderchen, die Lehre 1 *), dass 
sie nicht allein ohne Aufsicht „in den Höfen schlendern sollen". In der Ein- 
bildung des Knaben erreichte das Unglück den Kater für etwas Schlechtes 
(Sexuelles), was auch den Kindern geschehen könnte. 

Die Liebe zum schwanzlosen Kater verschwand und verwandelte sich in 
ein Gefühl des Ekels , und das spätere Verschwinden des Katers war dem 
Knaben eher angenehm. 

Der sich so Analysierende stellte sich mit einem gewissen Grade berech- 
tigten Skeptizismus die Frage, was ihm diese Analyse geben könne. Deshalb 



Zar Psychoanalyse des Hasses. 45 

erwartete er ungeduldig und mit Misstrauen solche Fälle, die ihm zeigen 
könnten, wie seine Beziehungen zu den genannten Tieren sich jetzt gestalten 
würden. 

Eine ganze Reihe von Fällen (im Hause, wo Ch. oft verkehrte, befinden 
sich immer Katzen) stellten sich Ch. zu Versuchszwecken, und zu seinem Er- 
staunen war er vom Hasse den Katzen gegenüber vollkommen befreit. Nicht 
nur, dass er keinen "Wunsch zum Quälen, besonders zum Quälen nach vorherigen 
Liebkosungen hatte, sondern der alte Hass machte jetzt einem etwas sentimen- 
talen Gefühl der Schuld gegenüber den unschuldigen Tieren Platz wegen der 
Quälereien, die er ihnen zugefügt hatte. 

Diese Befreiung von dem Gefühl des Hasses wirkte auch auf das all- 
gemeine Befinden des Analysierten, da dieses Erkennen feindliche und bos- 
hafte Elemente, die seiner psychischen Persönlichkeit widersprachen, aus seiner 

Seele herausriss. 

* * 

* 

Der Analysierte hat eine so detaillierte Genesis seiner patho- 
logischen Gefühle an den Tag gelegt, dass es uns vielleicht nur übrig 
bleibt, die Hauptpunkte herauszuheben. 

Vor allem nehme ich an, dass in dem Hasse gegen die Katzen 
und in ihrer grausamen Behandlung sich unzweifelhaft sadistische 
Elemente befanden. Zuerst wurde dieses Gefühl, wie man es aus 
der Analyse sieht, beim Ch. in der Zeit des Pubertät geweckt. Dieses 
Element der geheimen Lust lässt sich schon in dem kindlichen Ge- 
dichte, dessen Inhalt oben angeführt wurde und in der Beziehung, die 
sich später zu den unschuldigen Tieren herausbildete, deutlich ersehen. 

Zur Frage des grausamen Handelns in der Periode der Entwick- 
lung des Geschlechtsgefühls finden wir sehr interessante Zeilen bei 
Kutscher 1 ). 

„So tief als Erbe aus dem tierischen Kampf ums Dasein und um die 
Liebe sitzt aber bei uns noch die Lust an der Grausamkeit, dass auch beim 
ethisch Hochstehenden diese Lust trotz allen Mitgefühles sich daneben behauptet, 
ja zuweilen dieses schöne Gefühl total durchbricht. Ganz gutmütige Menschen 
empfinden einen wollüstigen Kitzel beim Anschauen eines lebensgefährlichen 
Zirkusstücks oder einer schönen Löwenbändigerin unter ihren gefährlichen 
Bestien. Auf uns Jimgens machte, als wir Homer lasen, die Szene, wo Achill 
den Hektor, der unsere ganze Sympathie hatte, nackt um die Mauern Trojas 
schleifte, einen tiefen, und wie ich jetzt unsere damaligen naiven Gespräche 
erst verstehend weiss, von unklarer sexueller Regung gefärbten Eindruck. Auch 
als dann „Maria Stuart" gelesen wurde, war die Wirkung auf uns in der Puber- 
tät stehenden Jungens eine gewaltige. Ihre Hinrichtung beschäftigte auch mich 
ganz besonders und ein Grausen, nicht ohne verliebte Wollust verfolgte mich 
damals in meine Träume. Solche ähnliche Erinnerungen erster sexueller Ein- 
drücke würden gewiss viele erzählen können, wenn sie sie nicht als für die 
spätere normale Geschlechtsentwicklung unwesentlich vergessen hätten." 

') L. Kutscher, Das Erwachen des Geschlechtsgefühle. 



46 N. Wyrubow 



In pathologischen Fällen können diese sadistischen (und auch 
masochistischen) Elemente, wie bekannt, später in sehr prononzierter 
Form hervortreten. 

Später äussert sich das sexuale Gefühl beim Analysierten in 
einer deutlicheren Form, als ein Sehnen nach der Frau. Die Schüchtern- 
heit und die Furcht vor diesem Unbekannten, Quälenden und Macht- 
vollen rufen einen inneren Kampf hervor, der mit dem Verdrängen 
und mit der Unterdrückung dieses Sehnens endet'). 

Das Objekt der Grausamkeit wird endgültig fixiert, nachdem 
in das Zimmer Katzen eindringen und, wie Ch. mit Grund annahm, 
ihre Hochzeit zu machen versuchen. Doch die Auswahl des Objektes 
der Grausamkeit kann ich nicht auf zufällige Umstände beziehen. 
Wer die Katzen aufmerksam beobachtet hat, der kann bemerken, 
wie viel Sadismus die Aeusserungen ihres psychischen Lebens zeigen. 
Man muss sich an die öfters schweren Verletzungen erinnern, die 
sie nach der Liebesperiode zeigen; an die verfeinerte Grausamkeit, 
mit der die Katze mit der Maus spielt, und endlich daran, wie mit 
der Zärtlichkeit, die das Streicheln und das Kosen hervorruft, die 
Katzen das Strecken der Krallen, das Packen mit den Zähnen, das 
öfters gar keinen Schmerz verursacht und das zornige Wedeln mit 
dem Schwänze vereinigen. Diese gleichzeitigen Aeusserungen der 
Zärtlichkeit und der Grausamkeit von seiten der Tiere konnten augen- 
scheinlieh als Momente erscheinen, die das Fixieren und das Ver- 
stärken der sadistischen Grausamkeit zu diesen Tieren beim Ch. be- 
sonders begünstigten. 

Der isolierte Zustand solcher pathologischer Komplexe einer 
im übrigen gesunden Psyche schafft, wie es Freud und seine Nach- 
folger gezeigt haben, Bedingungen, die das Bestehen und das Hervor- 
treten dieser Komplexe begünstigen. 

Kötscher führt noch die Bemerkung von Ehrenfels an, 
der vom „Doppelleben" spricht, das der moderne Kulturmensch führen 
muss, von einer Art nächtlichem und einem Tagesbewusstsein des Men- 
schen. Von Kindheit an wird die Dissoziation der psychischen geschlecht- 
lichen Vorstellungen vom übrigen psychischen Inhalt kultiviert. Diese 
Dissoziation wird auch im weiteren Leben erhalten. Die Aufgabe 
der psychoanalytischen Methode von Freud besteht in solchen 
Fällen darin , dass man sucht die Dissoziation , die zum Entstehen 
und zur Bildung der pathologischen Komplexe geführt hat, zu be- 
seitigen und auf diese Weise ihre Lösung herbeizuführen. 



') S. Kötscher o. c. „Daher wird der sexuale Affekt mit seiner ihm inne- 
wohnenden Kraft nach Entladung auf sekundäre Bahnen gewiesen, wie auf geistiges 
Schaffen, religiöse Ekstase, Askese, Selbstpeinigung und Grausamkeit." 8. auch ent- 
sprechende Arbeiten S. Freuds. 



Zur Psychoanalyse des Hasses. 47 

Der analysierte Fall ist noch von einer anderen Seite interessant. 
Das unmotivierte feindliche Gefühl mit dem Wunsche zu vernichten, 
davonzujagen, wegzulaufen usw. kommt sehr oft vor. 

Die Objekte solcher Art Gefühle sind meistens ganz unschul- 
dige Kreaturen, wie Spinnen, Mäuse (besonders oft bei Frauen), 
Frösche u. a. m., die an und für sich nichts dergleichen vorstellen, 
was solche Gefühle motivieren könnte. Auch die Analyse unseres 
Falles zeigt, wie es scheint, die Wege, die zur Lösung solcher unmoti- 
vierten pathologischen Gefühle führen. 



Die Jahressitzung des internationalen Vereins für 
medizinische Psychologie und Psychotherapie. 

Bericht von Privatdozent Dr. Hans W. Maier, Burghölzli-Zürich. 

Der vor drei Jahren gegründete Verein trat am 5. nnd 6. Sept. 1919 zu einer 
gutbesuchten Tagung in Zürich zusammen. Die internationale Liga gegen die Epilepsie 
und der Verein schweizerischer Irrenärzte hatten ihre Sitzungen kurz vorher am gleichen 
Orte abgehalten. 

Am Anfang und im geistigen Mittelpunkt der Verhandlungen stand ein treff- 
liches Referat von Bleuler (Zürich) über „Das Unbewusste". Er führte etwa 
folgendes aus: Will man die kausalen Zusammenhänge unserer Gefühle, Strebungen 
und Handlungen verstehen, so muss man auch das sog. Unbewusste dazu rechnen, d. h. 
die Summe aller derjenigen Empfindungen (resp. Wahrnehmungen), Ueberlegungen, 
Gefühle, Strebungen und Handlungen, die in allem identisch sind mit den gleich- 
benannten bewussten Funktionen, nur dass sie nicht bewusst werden. — Die Existenz 
unbewusster psychischer Vorgänge in diesem Sinne können wir zwar nicht direkt wahr- 
nehmen, wir erschliessen sie aber aus ihren Wirkungen mit ungefähr der nämlichen 
Sicherheit, mit der wir bestimmte psychische Funktionen bei unseren Nebenmenschen 
und bei Tieren annehmen. So weit die Wirkungen der Selbstbeobachtung zugänglich 
sind, wird die Sicherheit sogar noch etwas grösser; denn die unbewussten Funktionen 
hinterlassen Engramme, von denen manche nachträglich bewusst ekphoriert werden. 
So kommen uns oft z. B. unbewusste Wahrnehmungen später zur Kenntnis. Bei 
hysterischer Anästhesie fehlen die Wahrnehmungen nicht, sondern sie bleiben nur un- 
bewasst und können in ihren Wirkungen nachgewiesen werden. Viele Handlungen, 
die erst bewusst sind, werden später unbewusst, automatisch, ohne im übrigen ihren 
Charakter zu ändern. Durch Uebung der Affekt ein Süsse kann man viele Menschen zu 
automatischem (unbewusstem) Schreiben, einzelne zu automatischem Sprechen erziehen. 
Dadurch werden unbewusste Gedanken ausgedrückt, die allerdings meist banal oder gar 
sinnlos, gelegentlich aber auch hocbkompliziert und richtig sind. Unbewusste Ideen 
müssen als Zwischenglieder der mittelbaren Assoziationen, oder in Form der Konstel- 
lation alsMitdeterminanten der meisten Assoziationen üherhaupt vorhanden sein. Unbewusst 
deuten wir eine Menge von Erlebnissen, und wir handeln „instinktiv" darnach (z. B. Beur- 
teilung der Charaktere anderer Menschen und deren Einstellungen uns gegenüber). In der 
posthypnotischen Suggestion können wir experimentell Handlungen hervorbringen, deren 
wirkliches Motiv dem Handelnden unbewusst bleibt. Entschlüsse und Einstellungen 
der Aufmerksamkeit können nachwirken, ohne dass sie bewusst bleiben. In auto- 
matischen Bewegungen und im Versprechen und Verschreiben kommen oft Ideen zum 
Vorschein, die zurzeit nicht bewusst sind oder es nie waren. Unbewusste Gefühle 
äussern sich mimisch, vasomotorisch, in Assoziationsstörungen usw. Das Bewusste um- 



48 Hans W. Maier 



fasst numerisch nur einen kleinen Teil aller psychischen Vorgänge, allerdings in ge- 
wisser Beziehung den wichtigsten Teil, aber nicht alles Wichtige. Das Unbewnsste ist 
überhaupt der weitere Begriff. Alles, was bewusst ablaufen kann, kann auch unbe- 
wusst ablaufen und wird es gelegentlich tun. Aber nicht umgekehrt. Es gibt aber 
nicht „ein Unbewusstes", das sich inhaltlich oder sonst in irgend einer Weise dem 
Bewussten als Ganzes gegenüberstellen Hesse, ausser eben in dem Mangel der Bewusst- 
seinsqualität. Beliebige psychische Vorgänge und Gruppen von solchen können unbe- 
wusBt ablaufen. „Das Unbewnsste" ist ein Sammelname für alle diese einzelnen Vor- 
gänge. Unter sich brauchen sie nicht verbunden zu sein. Die unbewussten Funktionen 
erweisen sich als viel weniger einheitlich als der Teil, der bewusst wird, der normaliter 
die verschiedenen Strebungen und die Widersprüche auf affektivem wie auf intellek- 
tuellem Gebiet in einer Einheit zusammenfasst und sie in der Regel auch einer ge- 
wissen Kritik unterstellt. Im Unbewussten kann jede Idee mit ihren Gefühlen und 
Strebungen, ja jedes Gefühl und jede Strebung für sich allein bestehen. Da können 
unvereinbare Widersprüche nebeneinander existieren. Dissoziationen und Deviationen 
des Ideenganges, die im Bewussten durch die täglichen Bedürfnisse und ihre Gewohn- 
heiten ausgeschaltet werden, können daselbst vorkommen und sich in Sonderbarkeiten 
äussern, wie im Ausdruck eines Gedankens durch Umkehrung der Reihenfolge der 
Laute. Es bietet deshalb auch den autistischen Denkformen mehr Gelegenheit als das 
Bewusste. Es ist aber auch zu Mehrleistungen fähig, indem es gelegentlich unterschwel- 
lige Empfindungen benutzen kann und z. B. die für bewusstes Auslegen ungenügend 
ausgedrückten Intentionen eines Suggestors erschliesst. Da die Ideen im Unbewnssten 
nicht verbunden zu sein brauchen, können daselbst nicht nur beliebig abgegrenzte 
Ideenreihen, sondern bestimmte Strebungen als Ganzes, die „Komplexe", existieren, 
wobei es nichts ausmacht, wenn sie mit der bewussten Persönlichkeit oder mit anderen 
unbewussten Komplexen im Widerspruch stehen. — Eine ganz besondere Art von Un- 
bewusstwerden ist die Verdrängung. Wir beobachten oft an uns und anderen, 
dass Dinge, die uns zu denken schmerzvoll sind, dauernd oder vorübergehend von 
unserem Ich ausgeschlossen werden nach dem gewöhnlichen Schema, dass wir, einem 
Naturtriebe folgend, Unangenehmes zu vermeiden streben. Es läsBt sich nun in tausend 
Einzelfällen auf verschiedenen Wegen zeigen, dass die unterdrückten Ideen doch noch 
in ihren Wirkungen Zeichen ihrer Existenz geben, sie sind also nicht tot, sondern 
leben in irgend einer Art im Unbewussten weiter. Unter den Komplexen, die in 
unserer Kultur mit Vorliebe verdrängt werden, befinden sich namentlich sexuelle. 
Dass die Erziehung so etwas zustande bringen kann, ist aber wohl nur deshalb möglich, 
weil eine angeborene Tendenz zur Verdrängung sexueller Psychismen besteht, eine 
Tendenz, die sich direkt beobachten läset. Auf diese Tatsachen hat Freud seine 
Theorie des Unbewussten gegründet. Beim Säugling ist nach ihm die Sexualität 
ausgedehnter als beim Erwachsenen, indem noch andere Stellen als die Kopulations- 
organe erogen sind, und indem verschiedene perverse Triebe existieren. Schon früh 
findet nun nach Freud eine Einschränkung der erogeuen Stellen und ebenso der 
Triebe auf das Normale statt. Abnorme Triebe werden „verdrängt"; die ihnen zu- 
kommende Triebkraft kann anders verwendet, sublimiert, und zu sozialen wissenschaft- 
lichen, künstlerischen Bestrebungen verwertet werden. Wenn später unlustbetonte 
(sexuelle) Ideen auftauchen, können sie durch Anschluss an das früher Verdrängte 
ebenfalls ins Unbewusste verdrängt werden. Das Unbewusste hat dann in der Haupt- 
sache eine sexuelle Bedeutung. Es scheint nun, diese Auffassung des Unbewussten 
sei zu eng und zugleich unnötig. Es kann alles Mögliche unbewusst sein oder werden, 
und es besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen dieser Unbewusstheit und der 
durch sexuelle Verdrängung entstandenen. Jedenfalls müsste die Theorie noch viel 
besser gestützt werden. — Von jeher existieren auch anatomisch-physiologische Auf- 
fassungen, die die unbewussten Psychismen in ein subkortikales Zentrum verlegen. 
G r a s s e t hat eine solche Auffassung in neuerer Zeit wieder zur Diskussion gebracht. 
Für dieselbe bestehen keine Anhaltspunkte. Wenn ich zuerst die Buchstaben bewusst 
forme und sie später unbewusst schreibe, mir bloss den Inhalt des Geschriebenen 
denkend, so sind, nach allem, was wir wissen, beide Vorgänge in der Rinde lokalisiert, 
und wenn man unbewusst aus gewissen (meist unbewussten) Wahrnehmungen auf einen 



Jahressitzung des intern. Vereins für mediz. Psychologie und Psychotherapie. 41J 

bestimmten Charakter, eine bestimmte Krankheit schliesst (..Gefühlsdiagnose") oder un- 
bewusst ganze Qedankenreihen, die ebenfalls unbewusst bleiben, aufschreibt, so ist es 
unmöglich, solche Funktionen tieferen Zentren zuzuschreiben. — Will man sich mög- 
lichst wenig von den Tatsachen entfernen, und doch eine Auffassung des UnbewuBsten 
haben, die es erlaubt, alles Vorkommende zu umfassen, so macht man sich am besten 
folgende Vorstellung: Ein bestimmter Komplex von Psychismen, der unser Ich kon- 
stituiert, ist in seinen aktuellen Teilen beständig bewusst. Das ist eine Tatsache, die 
zu erklären man zurzeit ausserstande ist. Es laufen nun eine Menge Psychismen ab. 
Zu einem Teil sind sie ebenfalls bewusst, zu einem anderen Teil nicht. Von den be- 
wossten nehmen wir wahr, dass sie mit dem aktuellen Ich-Komplex enge verbunden 
sind, von den unbewussten nicht. Wir nehmen nun an, dass diese Verbindung einer 
psychischen Funktion, die Assoziation mit dem bewussten Ich, dasjenige sei, was einem 
Psychismus die bewusste Qualität gibt. Was ohne enge Verbindung mit dem Ich- 
Komplex abläuft, bleibt unbewusst. Damit wird die Bewusstheit zu etwas Graduellem 
gestempelt, wie es auch der Beobachtung entspricht. Von den unzähligen assoziativen 
Bahnen, die eine Vorstellung mit dem Ich verbinden, können sehr viele oder nur wenige 
in einem gegebenen Moment ekphoriert werden. Wir nennen diese Unterschiede Grade 
der Bewusstheit, obschon Bewusstsein an sich ein absoluter Begriff ist, und auch noch 
andere Vorgänge (Vergiftungen, Schlaf usw.) das Bewusstsein „verdunkeln" können. 

In der Diskussion begrusste Schumann die Tagung im Namen der Gesell- 
schaft für experimentelle Psychologie, die zu der Versammlung eingeladen worden war. 
Er betonte, dass die experimentelle Arbeit ebenso nötig sei wie die vom medizinischen 
Standpunkt ausgehende klinisch-psychologische, um die uns beschäftigenden Phänomene 
zu klären. Man kann gewiss nicht warten, bis auf experimentellem Gebiet die vielen 
ftineu Arbeiten geleistet worden sind, und ist deshalb gezwungen, auch die kompli- 
zierteren Vorgänge mit gelegentlich ungenaueren Begriffen zu Unteraachen, um prak- 
tisch vorwärts zu kommen und insbesondere auf therapeutischem Gebiet etwas zu leisten. 
Das getrennte Marschieren sollte aber die Verständigung über die Hauptbegriffe nicht 
verhindern. Das „Unbewusste" wird gegenwärtig auch von den Psychologen ganz all- 
gemein als wichtiger Faktor anerkannt. Ueber die Grenze zwischen „Unbewusstem" 
und „Bewnsstem" kann man aber recht verschiedener Meinung sein. Schamann 
hält es für untunlich, von unbewussten Schlüssen und Urteilen zu sprechen. Immerhin 
ist er sachlich mit den Schlussfolgerungen von Bleuler einverstanden. — Klag es 
(München) ist nicht dafür, dass Bleuler, wie er ihn auffassen zu müssen glaubte, 
den unbewussten Phänomenen im ganzen genau die gleichen psychischen Eigenschaften 
beimiast wie den bewussten. Er möchte sich vorsichtiger und einschränkend so aus- 
drücken: unbewusst sind diejenigen Vorgänge, die wir einzig auffassen und klassifizieren 
können nach den Bewusstseinsinhalten, welche sie unter gewissen Bedingungen hervor- 
rufen. Er nahm mit Recht an, dass diese Einschränkung als ein blosser Wortstreit 
empfunden werde, hält sie aber deshalb für nötig, am einer Rationalisierung des Un- 
bewussten vorzubeugen. Klage s will ferner unterscheiden zwisohen erlebten und 
gedachten Bewusstseinsinhalten, um dadurch auseinanderzuhalten, was einmal nur perzi- 
piert oder apperzipiert war. Wenn ein Kind z. B., dem wir in einem unwilligen Ton 
etwas befehlen, neben dem Inhalte unserer Rede auch auf deren Ton reagiert, so hat 
es diesen Ton erlebt; der Ton blieb nicht unbewusst, nur denkt ihn das Kind nicht . 
Es gelang aber Klages nicht, diesen Unterschied des Unbewnssten und des nicht 
gedachten, nur erlebten Bewassten gegenüber den klaren Ausführungen des Ref. 
einigermas8en abzugrenzen. — Kohnstamm (Königstein) ist mit der Terminologie 
Bleulers durchaus einverstanden, die für den Praktiker unbedingt annehmbar ist. 
Das Psychische ist auch für ihn der allgemeine Begriff, von dem das Bewusste nur 
«ine besondere Form darstellt. Er meint aber, dass die Terminologie noch vervoll- 
ständigt werden müsste : „praesentia" ist für ihn das aktuell im Bewusstsein Enthaltene ; 
„praesentabilia" sind die im Gedächtnis ruhenden Teile des Seelenlebens, die reprodu- 
ziert werden können, während dies bei den ..im praesentabilia" nicht der Fall ist. Be- 
vruastseinslagen wie die somnambul-hypnotische möchte er heteropsychisch nennen. 
Können wir eiuen impräsentabilen, z. B. viszeralen Vorgang dem hypnotischen Be- 
wusstsein näher bringen, so stellen wir damit eine heteropsyohische Kontinuität dar. — 
Zeitschrift für Psychotherapie. V. 4 



50 Hans W. Maier 



Forel (Y vorne) ist mit den Ausführungen von Bleuler sachlich im ganzen einver- 
standen, wendet sich aber gegen die Terminologie. Von Unbewusstem sollte man nach 
ihm nicht reden, sondern nur von „oberbewussten" und „unterbewussten" psychischen 
Inhalten. Das Vorhandensein einer wirklich unbewnssten Nerventätigkeit ist nicht be- 
weisbar. Auch das Unterbewusste ist assoziiert, nur in anderer Weise. — Bleuler 
erklärte in seinem Schlnsswort, dass er sich mit Schumann gut verständigen könne, 
weniger aber mit Klages; dieser habe ihn durchaus miss verstanden, wenn er eine 
Verdoppelung des Bewusstseins in «einen Thesen gefunden habe. Gegenüber Forel 
halte er daran fest, dass man sehr wohl von einer nnbewussten Aufmerksamkeit reden 
könne, welche getrennt von den bewussten Funktionen vor sich geht. 

Hans W, Mai er (Zürich) sprach über „die Mechanismen der Wahn- 
ideen". Er hat an einem grösseren klinischen Materiale von Kranken der ver- 
schiedensten Arten mit paranoiden Erscheinungen die Genese des Wahnes untersucht 
und kam dabei zu dem Resultate, dass iwei wesentlich verschiedene Arten zu 
unterscheiden sind. Einmal können pathologische Dauerverstimmungen in manischen 
oder melancholischen Zuständen alle gleichgerichteten Assoziationen zum leichteren Ab- 
lauf bringen, die entgegengesetzten hemmen; es entstehen dadurch Fehlschlüsse, die 
unter Umständen auch eine Zeitlang festgehalten werden, aber keine Neigung zur 
Systematisierung zeigen. Der Typus hiervon wären die unbeständigen Wahnbildungen 
der reinen Fälle von manisch-depressivem Irresein resp. der Zyklothymien. Die 
andere, wichtigere, weil häufigere und folgenschwerere Art der Wahnbildung wäre die- 
jenige, die nicht aus einer allgemeinen Affektstörung resultiert, sondern folgende 
Genese hat : ein Komplex wichtiger Vorstellungen wird mit so viel Affekt belegt, dass 
er intrapsychisch genügend Energie entwickelt, um konzentrisch ausstrahlend andere 
Assoziationsabläufe zu stören und zu unlogischen Schlüssen Veranlassung zu geben. 
Sind die Affekte genügend nachhaltig, so kommt es znr Ausbildung des Systems. Jeder 
besonders starke Affekt, der mit einer solchen Gruppe gefühlsbetonter Vorstellungen 
verknüpft ist, kann, wenn er genügend wirksam ist, um das psychische Gleichgewicht 
zu stören, psychopathische Erscheinungen hervorrufen, oft schon bei sonst Gesunden, 
hauptsächlich aber bei den psychogenen Störungen und (auf dem Boden der wohl 
organischen Grundkrankheit) bei der Schizophrenie (= Dementia praecox); diese mit 
dem „Komplex" kausal oder wenigstens inhaltlich zusammenhängenden Störungen 
können Wahnideen, aber ebensogut Halluzinationen, Dämmerzustände, psychogene 
körperliche Symptome oder Aehuliches sein. Mai er schlägt vor, für diese Art der 
Symptombildung die allgemeine symptomatologische Bezeichnung der „Katathymie" 
einzuführen, womit diagnostisch durchaus nichts präjudiziell wäre. Die katathyme 
Wahnpsychose im eigentlichsten Sinne wäre die Paranoia Kraepelins; der Vortr. 
tritt dafür ein, dass die gleiche Art der Symptombildung bei jener Art von Fällen zum 
Festhalten an der Bezeichnung Paranoia berechtige, dass aber in Wirklichkeit damit nicht 
einheitliche Krankheitsbilder, sondern eine Gruppe von Formen umschrieben werde, 
die auf ganz verschiedener Basis entstehen. Zur katathymen Wahnerkrankung prä- 
disponiert einesteils eine besonders lebhafte und nachhaltige Affektivität 
bei gutem Intellekt und starker Neigung zu Komplexwirkungen, andererseits eine 
schwache Intelligenz bei lebhafter Affekteinwirkung, besonders nach schwereren 
psychischen Traumen. Mai er konnte als „katathyme Formen der Imbezillität" Schwach- 
sinnige beschreiben, bei denen nach plötzlichen Störungen des psychischen Gleich- 
gewichts paranoide Erkrankungen auftraten, die, mit unscharfen Gehörshalluzinationen 
verbunden, nie die typischen Affektstörungen der Schizophrenie zeigten und nach 
einigen Jahren stationär blieben oder das System langsam in den Hintergrund treten 
Hessen. — Der Vortr. glaubt, dass die Durchforschung der Symptomgenese durch all- 
gemeine Affektstörung bei den Manisch - Depressiven einerseits, bei vielen andern 
Störungen durch katathyme Mechanismen dazu beitragen kann, die psychogenen Kom- 
ponenten der einzelnen Fälle besser zu verfolgen und dadurch zu dem individuellen 
Verständnis und oft zur Hilfeleistung für den einzelnen Kranken wesentlich beizu- 
tragen. Zum Schlüsse bemerkte er noch, dass die eine Art der beschriebenen Wahn- 
bildung die andere nicht ausschliesse ; so sehe man eine Mischung der beiden Formen 
z. B. deutlich in gewissen Stadien der Manisch-Depressiven , die dann den vorüber- 



.Tahressitzung des intern. Vereins für mediz. Psychologie und Psychotherapie. 51 

gehend systematisierten manischen Querulantenwahn zeigen; die Kombination von 
schizophrener Wahnbildung mit interkurrenten manischen oder melancholischen Ver- 
stimmungen ist anderseits ja nichts Seltenes. 

Mäder (Zürich) sprach über das „Teleologische im Unbewussten". 
Er glaubt, dass durch die psychoanalytische Untersuchung der Träume zwei verschie- 
dene Funktionen darin aufgedeckt werden. Einesteils wirken sie kathartisch, dienen 
zur kompensatorischen Befriedigung aggressiver (Rache, Haas) und erotischer Wünsche, 
und funktionieren so als Ventile einer erhöhten Spannung. Die wichtigere Funktion 
aber liegt darin, dass in den Träumen versucht wird, bestehende seelische Konflikte zu 
lösen. Es kommt darin in symbolischer Weise zu einer Bearbeitung der moralischen 
Probleme des betr. Individuums. Die vom Traum gezeigten Wege werden nicht selten 
später vom Bewusstaeiu wirklich eingeschlagen. Untersuchungen bei Neurotikern und 
bei Gesunden haben Mäder davon überzeugt, dass diese Lösungen häufig dem wirk- 
lichen Interesse des Träumers entsprechen, und so eine teleologische Funktion aus- 
füllen. Es bestehen hier Parallelen zu der psychologischen Auffassung des Spiels, als 
Manifestation eines wichtigen Instinktes, der sowohl eine kathartiscbe Wirkung wie 
eine Vorübung späterer ernsterer Betätigungen verursacht. So wäre der Traum und 
die ihm verwandte Phantasietätigkeit eine Art Fortsetzung des infantilen Spieles, und 
beides würde zur Anpassung des Individuums an das Milieu helfen. — Zahlreiche, 
unbewusst verlaufende Tätigkeiten zeigen deutlich teleologische Bedeutung, z. B. die 
„automatismes antisuicides", gewisse Leistungen in der Autohypnose und im somnam- 
bulen Zustand. Ferner verläuft ein guter Teil der künstlerischen und erfinderischen 
Tätigkeit, wie im ganzen die „intuitive" Arbeitsweise unbewusst und ist doch zweck- 
mässig koordiniert. Wir finden hier überall Aeusserungen der Wirklichkeitsfunktion, 
die bestrebt ist, das Individuum immer besser dem Milien anzupassen. Mäder meint, 
dass auch Flournoys „fonction de l'ideal" ähnliche Prinzipien enthalte. — Der Vortr. 
gab eine praktische Anwendung seiner Anschauungen, indem er in ausführlicher Weise 
teleologisch koordinierte unbewusste Phänomene aus dem Leben von Benvenuto Cel- 
lini darstellte. 

In der Diskussion bemerkte Adler (Wien), dass auch nach seiner Ansicht im 
Trauminhalt neben der Wunscherfüllung der Versuch zur Lösung aktueller Probleme 
gesehen werden könne. Er hält das für eine bedeutungsvolle Weiterbildung der ur- 
sprünglichen Freudschen Traumlehre. 

Klages (München) referierte über das Ausdrucksgesetz und seine 
psycho -d iagnos tische Verwertung. Ein Teil seiner Ausführungen wurde 
bereits im 1. Band dieser Zeitschrift (S. 121 — 126) anlässlich eines Vortrages über das 
gleiche Thema in der Berliner psychologischen Gesellschaft referiert. Nach Klages 
liegt in jeder Willkürbewegung als nicht gewollt die Persönlichkeit des Wollenden; 
insonderheit entspricht jeder psychischen Disposition eine Qualität der Bewegung nach 
dem Gesetz, dass der Ausdruck ein Gleichnis der Handlung sei. Der 
Zorn etwa ist eine heftige, eigentümlich angespannte und auf Zerstörung gerichtete 
innere Tätigkeit, weshalb der Zornentflammte so verfährt, als ob er mit Heftigkeit und 
Anspannung etwas zu zerstören die Absicht habe, so wenig auch dadurch (z. B. 
Zerschlagen von Fensterscheiben) der Anlas» seines Zornes getroffen wird. Nach diesem 
Gesetz lassen sich die Wirkungen charakteristischer Tätigkeitsdispositionen des Menschen 
auf seine Bewegungs w e i s e , zumal auf sein Schreiben, ableiten und die habituellen 
Züge der persönlichen Handschrift gewissen Charaktereigenschaften des Schrifturhebers 
zuordnen. So entspricht die durchschnittliche Ungleichmässigkeit einer Handschrift 
der Affektivität des Charakters, Grösse, Raschheit und Fluss der Bewegung der Ge- 
hobenheit, Schwäche und stockender Ablauf der Gedrücktheit des Gemütes und, um 
noch ein drittes Beispiel wenigstens anzuführen, eine allgemeine Regelmässigkeit der 
Vorherrschaft des Wollens. Die Gründe findet man in der Hauptsache am zitierten 
Orte. — Trotz der Durchsichtigkeit der Abhängigkeitsbeziehung steht jedoch der 
charakterologischen Verwertung des Ausdrucksgesetzes eine Schwierigkeit entgegen. 
Nehmen wir etwa die Eile! Sie entspricht der auf das Ziel gerichteten Aktivität. 
Wie sehr jedoch könnten wir irren, wenn wir daraus auf die GrÖBse der Unternehmungs- 
kraft schlössen. Diese mag sehr erheblich sein und wird gleichwohl eine nur gemässigte 



52 Hans W. Maier 



Aktivität bewirken bei stark entwickelter Besonnenheit; umgekehrt führt selbst die 
sehwache Triebkraft zu übereiliger Geschäftigkeit, wenn die Hemmungen des Wirklich- 
keitssinnes, der Vorsicht, der Selbstbeherrschung nicht verfügbar sind. Der eilige Duk- 
tus bildet Tatkraft ab, Zielbewusstsein und Strebsamkeit ; aber auch Unbesonnenheit, 
Ablenkbarkeit, Haltlosigkeit. Oder: die Regelmässigkeit kann vorherrschen, sofern der 
Wille stark, aber auch sofern das Gefühlsleben verkümmert ist. Napoleon schrieb 
äusserst unregelmässig, weil seine vitale Energie noch sehr viel mächtiger war als sein 
gewiss doch nicht schwacher Wille. Wie mancher Bureaumensch umgekehrt schreibt 
äusserst regelmässig nicht sowohl aus starkem Willen als infolge eines vertrockneten 
Gemütes. Jedes Bewegungsmerkmal hat für jede seiner Bedeutungen 
einen charakterologischen Doppelsinn. Einen Fingerzeig zur Ueberwindung 
der Schwierigkeit gibt uns die Erwägung, dass auch die einzelne Eigenschaft, sofern 
sie einem jeweils bestimmten Charakter angehört, notwendig wieder eine besondere 
Färbung habe, worin sich dessen Totalität offenbart. Willenskraft z.B. auf Kosten 
des Gemütes ist etwas anderes als eine solche aus dem Ueberschuss von Lebens- 
energie. Dann müssen aber auch die Formen, worin sie sich ausspricht, in etwas ver- 
schieden sein, je nachdem ob sie im ganzen der einen oder im ganzen der anderen 
Handschrift vorkommen. Jede Bewegungsqualität, wie Grösse, Weite, Eile usw. hat 
folglich in jader Handschrift wiederum ihren besonderen Index, der sie einem und nur 
diesem einen System zuweist, so etwa wie eine Fläche von bestimmtem Krümmungs- 
radius zu nur einer einzigen Kugel ergänzt werden kann. Erfassen wir in der Qualität 
auch diesen Index mit, so haben wir das Ganze und mit dem Ganzen eindeutig jedes 
seiner Teile. — Solches Erfassen findet unbewusst fortwährend statt und bildet eine 
stets 'mitschwingende Seite unserer Wahrnehmungsakte. Während es aber die Wahr- 
nehmungen mancher Personen und in der Folge ihre Urteile beherrscht, haben ihm 
andere durch die ausgebildete Gewohnheit der Unterscheidung den Weg zum Bewusst- 
sein nahezu abgeschnitten. Es ist daher erforderlich, die Momente im Gefühlston des 
Gesamterfassens zu bezeichnen, welche für die Bewegungsqualität einmal eine positive, 
zum anderen eine negative Deutung indizieren. Nun ist die Persönlichkeit jedenfalls 
ein lebendiger Organismus oder von ihm doch eine wesentliche Seite. Sie hat daher 
affirmativen Charakter, soweit sie von Lebensströmen gespeist wird. Mit dem Gefühls- 
ton, nach welchem wir fahnden, antwortet unser Geist auf den Lebensgehalt der Bilder, 
und es zielt unsere Frage letzten Endes auf das Kriterium der sinnlichen Er- 
scheinungsform des Lebens ab. Angesichts dessen erwägen wir, dass es zum 
Proprium des Lebensvorganges gehört, sich niemals zu wiederholen. Jeder Baum ist 
verschieden von jedem anderen, jedes Blatt an ihm von seinen sämtlichen übrigen 
Blättern, jede Rippe des Blattes von allen anderen Rippen des nämlichen. Was immer 
lebt, ist einzig, soweit es lebt, wie sehr es auch als Ganzes und in jedem seiner 
Teile durch zahllose Aehnlichkeiten zahllosen Gattungen angehört. Da ferner nach 
unserer Ueberzeugung die Eigenart das Wesen aller „Form" ansmacht, auch der so- 
genannt künstlerischen, so kann man für Eigenart auch Form einsetzen und die Stufen 
ihres Vorhandenseins bezeichnen als Unterschiede des Formniveaus. Je höher 
das Formniveau eines Autdrucksganzen und also auch der Handschrift ist, umsomebr 
sind wir zu affirmativer, je niedriger, um so eher zu negativer Deutung aller Einzel- 
züge verpflichtet; das erst ist der Schlüssel zur diagnostischen Verwertung der Aus- 
drucksbefunde und damit der Schlüssel zur Physiognomik überhaupt. — Klages er- 
läuterte seine sehr anschaulich vorgebrachten Anschauungen durch Wiedergabe von 
Lichtbildern, an denen er einige graphologische Probleme praktisch erläuterte. 

Trotter und Davis referierten „Ueber die Besonderheiten der Sen- 
sibilität", die sich in den Hautbezirken von regenerierenden Nerven finden, Ber- 
tolet „Ueber die Wege der sensiblen Leitung im Rückenmark", Stauffacher 
„Ueber Forschungen betr. Zellstrukturen". Da diese Vorträge sich auf rein organisch- 
neurologische Fragen beziehen, kann ihre Wiedergabe an dieser Stelle wohl unter- 
bleiben. 

v. Stauffenberg referierte über die Erfahrungen, die er mit der Psycho- 
therapie an der Münchener medizinischen Klinik gemacht hat. In entgegenkommen- 
der Weise wurde ihm dort Gelegenheit geboten, Psychoneurosen aufzunehmen und in- 



JabreBsitznng des intern. Vereins für mediz. Psychologie und Psychotherapie. 53 

tensiv psychisch zu untersuchen und zu behandeln. Er berichtete über die vorzüg- 
lichen Erfolge, die er dort hatte, und sprach sich mit "Wärme dafür aus, dass sowohl 
an den inneren Kliniken wie Polikliniken besondere Abteilungen für Psychotherapie 
eingerichtet werden sollten. — In der Diskussion wurde er von einer ganzen Reihe 
Redner lebhaft unterstützt. Mai er erklärte sich mit ihm auch im allgemeinen ein- 
verstanden, glaubte alier, dass es richtiger wäre, die Psychotherapie an einer selbständig 
neurologisch-psychiatrischen Poliklinik resp. Klinik ohne Unterordnung unter den medi- 
zinischen Kliniker zu betreiben. Der Zusammenbang von Psychiatrie und Psychotherapie 
sollte nicht gelockert, sondern immer inniger gestaltet werden. Der Einwendung, dass 
die Psychoneurotiker mit Vorliebe gerade die inneren Kliniken aufsuchen und grosse 
Angst vor allem haben, was mit dem Psychiater zu tun hat, kann entgegengehalten 
werden, dass die zu errichtenden Polikliniken dem Publikum gegenüber in keiner Weise 
mit Irrenanstalten oder Stadtasylen verbunden sein dürfen. — Alle Votanten waren 
über die Zweckmässigkeit und Notwendigkeit der Schaffung wirklich geeigneter Be- 
handlungs- und Forschungsinstitute für Psychotherapie einig; man darf es wohl als 
eine Frage der lokalen Zweckmässigkeit betrachten, ob eine solche neue Institution 
ganz selbständig geschaffen, oder der einen oder der anderen Klinik angegliedert 
werden soll. 

Trömner (Hamburg) untersuchte „Leistungssteigerungen der Sinnes- 
funktion im hypnotischen Zustande" bei einer grösseren Anzahl von Ver- 
suchspersonen. Er fand, dass eine solche Steigerung möglich ist, aber bei den ver- 
schiedenen Sinnesfunktionen in sehr verschiedenem Grade. Druck-, Wärme- und Ge- 
ruchsempfindlichkeit wie auch die Hörschärfe konnten etwa um das 2 — 4fache ver- 
mehrt werden. Am auffallendsten war die Steigerung der Lichtempfindlichkeit einiger 
Personen: Zwei z. B. nahmen wachend das Aufleuchten des Lichtes hinter doppeltem 
Tuche überhaupt nicht wahr, in hypnotischem Zustande dagegen noch in 160 cm Ent- 
fernung. Eine nicht nervöse Versuchsperson, welche hinter doppeltem Tuehe in 5 cm 
Entfernung noch gerade einen Lichtschein wahrnahm, hatte hypnotisiert hinter 8fach 
gefaltetem Tuch die gleiche Empfindung, wenn die Lichtquelle 160 cm entfernt war. — 
Die erreichte Hyperästhesie bestand ganz oder teilweise nach dem Erwachen aus der 
Hypnose fort; es scheint also dabei eine Art Bahnung der Sinneswege eingetreten zu 
sein. Die Möglichkeit der Steigerung war individuell äusserst verschieden. 

Busoh (Tübingen) fragte in der Diskussion, ob wirklich auch alle Kautelen bei 
den Versuchen getroffen worden seien, um Täuschungen zu verhindern; Trömner 
bejahte dies. — Es wäre erwünscht, dass er bei der ausführlichen Publikation dieser 
Arbeit die eingehenden Protokolle mit Angabe der zeitlichen Anordnung der einzelnen 
Experimente und der Zahl der eingeschalteten Nullversuche publizieren wüHe, damit 
es möglich wird, sich ein Bild über die Genauigkeit der interessanten Arbeiten zu machen. 

Forel (Yvorne) sprach über Methoden und Sinn der vergleichenden 
Psychologie. Er trat dafür ein, dass man bei diesen Untersuchungen den Begriff 
des Bewusstseins, als an sich transzendent, möglichst ausschalten solle. Der Inhalt des 
Bewusstseinsfeldes erschöpft sich als Hirntätigkeit, von der aber der grösste Teil nur 
von untergeordneten Hirnzentren introspiziert wird, indem er teils ganz unbemerkt 
bleibt, teils in einem Dämmer- oder Schlafzustand abläuft. Solche unterbewusste Zu- 
stände unterscheiden sich wesentlich von den apperzipierten Bewusstseinszuständen. 
Forel möchte drei Hauptgrnppen unterscheiden: 1. Gewohnheiten oder sekun- 
däre Automatismen; 2. Schlaf- und andere Dämmerzustände; 3. die vermutlich für 
sich introspizierten Innervationen der tieferen Hirnzentren und des Rückenmarkes. — 
Eine rein introspizierte Psychologie gibt es nicht; sie muss stets vergleichend sein, 
denn sie operiert immer mit Begriffen, die aus dem nicht-introspizierten Ich stammen. 
— Die vergleichende Untersuchung lehrt uns, dass die Masse des Gehirns zur psychi- 
schen Entwicklung relativ proportional ist, d. h. im Verhältnis steht zur Ausdehnung 
der Muskeln und der Sinnesflächen. Kleinere Tiere haben wegen grösserer Differen- 
zierung der Hirntätigkeiten relativ mehr Gehirnmasse. Ebenso braucht plastische 
(individuell modifizierte) Hirnfunktion mehr Gehinimasse als die Instinkte, und kompli- 
ziertere Instinkte mehr als einfache; die erblichen Anlagen fasst Forel als rudimen- 
täre Instinkte auf, die den Uebergang vom Instinkt zur plastischen Tätigkeit bilden. — 



54 Hans W. Maier 



In bezug auf die Methoden der vergleichenden Psychologie warnt F o r e 1 ebenso sehr 
vor einem unbewusstbaren Mechanismus wie einem kindlichen Anthropomorphismus, 
der den verschiedenen Tieren menschliche Ueberlegung zuschreiben will. Je mehr das 
beobachtete Weseu mit dem Menschen verglichen werden kann, desto grösser ist der 
Wert der Beobachtungen. Vor allem sollten die motorische Reaktion und die Sinnes- 
organe des Tieres studiert werden, und zwar vor allem durch vorsichtige Experimente. 
Eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Instinkten und individuell modifizierbaren 
Eigenschaften (Dressurfähigkeit) ist nötig. Das Gedächtnis des Tieres, d. h. die Fähig- 
keit Engramme zu registrieren und Gewohnheiten zu bilden, muss genau untersucht 
werden. Bei vorsichtigster Forschung ist es möglich, selbst bei Insekten gewisse 
Sinnesempfindungen zu berechnen resp. zu erkennen, die wir selbst nicht besitzen, wie 
z. B. den topochemischen Sinn der Ameisen. 

Bohn (Paris) referierte seine Untersuchung „Ueber die mne mischen 
Phänomene bei niederen Organismen". Er tritt dafür ein, dass der Begriff 
des Gedächtnisses in der Tierpsychologie schärfer umschrieben werden müsse. Regel- 
mässig wiederkehrende Gleichgewichtsstörungen, welche nur die chemisohe oder physi- 
kalische Reaktion der Nervenzelle auf bestimmte Einflüsse der Umgebung sind, möchte 
er nicht in den Begriff einschliessen. Das „assoziative Gedächtnis" umfasst dann nur 
jene Fälle, wo Tiere in einer innerlich spezifisch bestimmten Art und Weise auf einen 
Reizkomplex reagieren. Das assoziative Gedächtnis in diesem Sinn kann schon bei 
den niedrigsten Organismen nachgewiesen werden, was Bohn 1907 bei den Aktinien, 
Metalnikow 1912 bei den Infusorien gelang. Eine äusserst starke Entwicklung zeigt 
es bei den Insekten und andererseits bei den Vertebraten. — Die Geschwindigkeit, mit 
der mnemische Erwerbungen gemacht werden, hängt von der Natur und der Intensität 
der Reize ab; bei chemischen Reizen (Nahrung) ist sie gross. Ein sehr starker Reiz 
aber verhindert in der Regel ein sehr feines Wahrnehmungsvermögen. Bohn tritt 
dafür ein, dass die Vererbung mnemischer Phänomene in vielen Fällen angenommen 
werden könne; vor allem wird aber die Disposition zur Bildung bestimmter Assozia- 
tionen von Eindrücken vererbt. 

Seif (München) sprach über die Psycho-Pathologie der Angst. Er 
suchte ihre pathologischen Erscheinungsformen von der normalen abzugrenzen und re- 
ferierte dann eingehend über die früheren Theorien von Meynert, James-Lange, 
Störring, Oppenheim und Hoche. Er wies alle diese Erklärungen als un- 
befriedigend zurück und stellte sich ganz auf den Standpunkt der ausführlich wieder- 
gegebenen Freud sehen Anschauungen, die bekanntlich dahin gehen, dass die neu- 
rotische Angst eine Aeusserungsform der verdrängten Libido sei. Er wies auf die 
grossen Unterschiede hin, die zwischen dem mangelhaft an die Realität angepassten, 
meist in der Phantasie oder im krankhaften Symptom sich abspielenden Sexualleben 
des Nenrotikers und dem des Gesunden bestehen. Er hob hervor, dass eine scharfe 
Grenze zwischen der Phobie der Angstneurose und der Angsthysterie nicht besteht, 
betonte aber, dass eine strikte Abtrennung dieser Erscheinungen von der Zwangs- 
neurose möglich und nötig sei. 

Kniest Jones ging in seinem Vortrag in Kürze auf die Beziehungen zwischen 
Angstneurose und Angsthysterie ein. Auch er machte die Freu dsche 
Anschauung der Entstehung der Angst aus mangelnder psychischer Befriedigung der 
Libido zur Grundlage seiner Ausführungen. Von physischen Momenten, die dabei 
wirksam sind, betonte er die sexuelle Abstinenz und den Coitus interruptus, legte aber 
Gewicht darauf, dass die psychischen Faktoren stets kausal viel wichtiger seien als die 
somatischen ; diese resultieren aus intrapsychischen Konflikten mit Fixierung der Libido 
in einer infantilen Etappe. Die physischen Faktoren allein genügen nie, um einen 
Angstzustand hervorzurufen; sie treten aber in der Angstneurose mehr hervor als in 
der Angsthysterie ; letztere üt der weitere Begriff, von dem die Angstneurose nur als 
ein Symptomenbild zu betrachten ist. 

Im An8chluss an die Vorträge von Seif und Jones entspann sich eine leb- 
hafte Diskussion über die darin erwähnten Teile der Freud sehen Anschauungen. Auf 
eine Frage von Kohnstamm betonte Seif nooh einmal, dass bei der Angstneurose 
physische Ursachen mitspielen, während bei der Angsthysterie das kausale Schwer- 



Jahressitzung des intern. Vereins für mediz. Psychologie und Psychotherapie. 55 

gewicht ganz auf der psychischen Seite liege. Auf eine Frage von Bleuler gab er 
weiterhin zu, dass eine scharfe Trennung der Krankheitsbilder von diesem Gesichts- 
punkt aus sehr häufig nicht möglich sei. — Gräter (Basel) betonte, dass auch nach 
seiner Erfahrung bei der Angst sexuelle Ursachen eine wichtige Rolle spielen können. 
Er glaubt aber, dass bei anderen Angstzuständen wieder dieses Moment nicht zu finden 
ist, ja dass eine Gefahr bestehe, neue Konflikte in die Patienten hineinzusuggerieren, 
wenn man an alle Kranken von der Freud sehen Theorie voreingenommen herantritt. 
— Trömner (Hamburg) hatte gehofft, dass die Ausführungen seine Skepsis gegen 
die Freud sehen Lehren beheben würden; er fand aber, dass sowohl Jones wie 
Seif ihre Anschauungen apodiktisch hinstellen, ohne genügende Beweise zu erbringen. 
Seine eigene Erfahrung hätte ihm den Zusammenhang von Angst und Sexualität durch- 
aus nicht bestätigen können. Er gibt zu, dass die bisherigen Theorien über diese 
Frage ungenügend seien und hält auch die Aufstellung einer besonderen Form von 
Angst neurose durch Freud für ein Verdienst. Als angebliche Gründe gegen die 
psychoanalytische Erklärung weist er darauf hin, dass bei Tieren durch Retention von 
Sexualreizen nicht Angst, sondern Aggressivität erzeugt wird. Ferner hält er es für 
einen Widerspruch, dass die spezifische Angstpsychose im Klimakterium, also zur Zeit 
der schwindenden Sexualwünsche (welche psychologische Wertung wohl sehr zu be- 
zweifeln ist, Ref.) eintrete. — Sexuelle Vorgänge (z. B. Gravidität) beeinflussten 
Angstpsychosen nicht wesentlich. Trömner kennt auch Witwen, die von ner- 
vösen Störungen frei blieben (!). Sexualneurosen und die Angstneurosen glaubt 
der Votant scharf voneinander trennen zu können, und er hat die Erfahrung gemacht, 
dass die Regelung der Sexualverhältnisse oft keinerlei Einfluss auf die Angstsymptome 
hatte. — v. Battingberg (München) berichtet, dass er in der letzten Zeit mehrere 
Kinder von 5 und 7 Jahren analysierte, in denen die Angst als angenehmes Gefühl 
direkt mit einer Art sexueller Erregung verbunden war. Die Angst war dabei deutlich 
lustbetont. Es handelte sich um Kinder, die psychopathisch frühreif waren und bei 
denen die Angst als Ersatz für eine vorher sehr stark betriebene Masturbation aufge- 
treten war. — Adler (Wien) bestätigte durchaus die Beobachtungen des vorhergehen- 
den Votanten. Im ferneren weist er darauf hin, dass für ihn die Angst die Hallu- 
zination einer bevorstehenden Gefahr bedeute. Sie sei eine Art Sicherung für den 
betr. Patienten. Adler führte diese Anschauung an Hand des Beispiels aus, 
das Seif zu seinem Vortrage als Illustration der Freud sehen Angstheorie ange- 
führt hatte. — Kohn stamm (Königstein) ist der Meinung, dass man den klassischen 
Fall der Angst, nämlich die Todesangst bei schweren körperlichen Krankheiten nicht 
ausser acht lassen dürfte. Er vergleicht sie mit der Klaviertaste, die bei gelegentlichen 
Anlässen anklingt und in der Neurose fixiert wird. Die Angst nach Eisenbahnuufällen 
scheint ihm ein Beweis dafür, wie derartige neurotische Symptome nicht nur sexuellen 
Ursprungs sein können. Er glaubt, dass das aus dem Gefühl der Hilfslosigkeit ent- 
stehende AnnäherungBbedürfnis des Aengstlichen leicht fälschlicherweise einen sexuellen 
Eindruck machen konnte. Deshalb würde er es für zweckmässig erachten, zuerst die 
unzweifelhaften elementaren Fälle der Drangst zu analysieren und dann nachzuforschen, 
wie die Brücke von diesen Erscheinuugeu zu den entsprechenden neurotischen Sym- 
ptomen führe. — Zangger (Zürich) macht auf ein Gebiet aufmerksam, in dem Angst- 
zustände besonders ätiologisch untersucht werden können, nämlich ihr Auftreten speziell 
in den Nachkrankheiten von chronischen Intoxikationen. Es muss dabei betont werden, 
dass die Angst dabei meist nicht in der Todesgefahr, sondern erst im späteren Verlauf 
sich zeigt. Die Erforschung des Zusammenhangs mit solchen genau bekannten Ur- 
sachen dürfte auch auf die neurotische Angst ein wesentliches Licht werfen. Speziell 
kämen hier in Betracht die Folgezustände nach Vergiftungen mit Schwefelkohlenstoff, 
Eohlenoxyd, Nitro benzol und seltener mit den anorganischen Giften. — Seif betonte 
in seinem Schlusswort, dass es ihm recht fraglich erscheine, ob bei den Angsterschei- 
nungen, z. B. nach Eisenbahnunfällen oder Vergiftungen, nicht noch neben dem Trauma 
andere, psychische Ursachen aus der Zeit vor dem Trauma eine wesentliche Rolle 
spielen. Seine Ausführungen hätten sich aber in erster Linie auf die rein psycho- 
pathisch determinierten Fälle von Angst bezogen, bei der nach seiner Meinung stets 
die von Freud gegebenen Zusammenhänge gefunden werden können. 



56 Hans W. Maier 



Adler (Wien) hielt einen Vortrag über „Das organische Substrat der 
Piychonenrose". Er führte aus, wie in der Krankheitsgeschichte jedes Nervösen 
sich Erinnerungs- oder Gefühlsspuren einer geriDgen Selbsteinschätzung wie auch Hin- 
weise auf ein überaus hochgestecktes Ziel finden. Die geringe Meinung von der 
eigenen Persönlichkeit basiert auf körperlich vermittelten Empfindungen der Schwäche, 
der körperlichen und geistigen Unsicherheit; es resultiert daraus eine falsche Relation, 
in die sich das Kind zu seiner Umgebung gesetzt hat. Diese kindliche Unsicherheit 
ist das Resultat von objektiven und subjektiven Vorgängen. Die subjektiven Momente 
darin sind die Fehlerquellen durch die Unfähigkeit des Kindes, ein reales Weltbild zu 
erfassen. Die objektiven Tatsachen bestehen in der normalen kindlichen Schwäche, 
aber insbesondere auch in deren pathologischen Steigerungen durch angeborene Organ- 
minderwertigkeiten. Zur subjektiven Seite gehört die Position des Kindes im Rahmen 
der meist auch neurotischen Familie. Je geringer die Selbsteinschätzung des Kindes, 
um so höher stellt es sein Ziel, um so kategorischer baut es seine Richtungslinien aus. 
Diese Einstellung, oder wie sie Adler nennt, die „ vorbereitende Attitüde" des Kindes 
für sein künftiges Leben, führt dann zur Ausbildung des neurotischen Systems, mittelst 
dessen sich das Kind als den Herrn der Verhältnisse fühlt. In diesem unbewussten 
Lebensplan drücken sich dann auch die ganze Umgebung, die Familientradition und ins- 
besondere die Erziehungsmaximen aus. Zu strenge wie verzärtelnde Erziehung führt 
gleicher Weise dazu, das Unsicherheitsgefühl des disponierten Kindes namhaft zu er- 
höhen. In der Krankheit mancher Neurotischen findet sich als Endziel im unerschütter- 
lichen Zwange des Unbewussten das Ideal einer Gottähnlichkeit; es bedarf in diesen 
Fällen der sonderbarsten Attitüden und stärksten Symptome, um im Drange der Welt 
das Persönlicbkeitsideal zu schützen. — Adler hält die konstitutionellen körperlichen 
Erkrankungen des Kindesalters für äusserst wichtig zur Ausbildung der Neurose, da 
sie das Gefühl der Unsicherheit des Kindes am stärksten ausgestalten; sie wirken auf 
die Psyche durch Schmerzen, Todesfurcht, Hässlichkeit, verlangsamte körperliche and 
geistige Entwicklung. Von diesem Minderwertigkeitsgefühl aus strebt das disponierte 
Kind seinem überspannten Ideale zu. Ans diesem Kampfe resultieren die seltenen 
grossen Erfolge von Persönlichkeiten, deren Ueberkompensation gelungen ist, und die 
häufigeren armseligen Leistungen der Neurosen. Darnach liegt das organische Substrat 
der Neurose in der Minderwertigkeit des Keimplasmas und der aus ihm entspringen- 
den konstitutionellen Minderwertigkeit der Organe. Als exogene Momente treten Lues, 
Alkoholismus, Ueberanstrengung, Massenelend usw. hinzu. — Adler brachte zum 
Schlüsse seiner Ausführung ein Beispiel, an dem er nachzuweisen suchte, dass die An- 
nahme der rein sexuellen Aetiologie der Neurose aus einem methodologischen Fehler 
hervorgehe, der seiner Meinung nach nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. 

Marguli es sprach über „Psychische Ursachen geistiger Störung 
und über den Begriff des Psychogenen". Er gab eine Uebersicht über die 
Entwicklung des Begriffs der Psychogene und legte besonders Gewicht auf die 
So mm ersehe Definition, nach der ein charakteristischer Symptombefund, eine be- 
stimmte Anlage mit abnorm starker Beeinnussbarkeit und die ursächliche Wirksamkeit 
von Vorstellungen auf objektiv körperliche Vorgänge gefordert wird. Der Vortr. hält 
es für hinderlich, dass nur bestimmte Symptombefunde die Annahme psychischer Ur- 
sache gestatten sollten. Zweckmässig erscheint ihm die Fassung des Begriffs durch 
Birnbaum, dereine klinisch greifbare psychogene Position voraussetzte und die 
Tatsache fordert, dass eine Erkrankung lediglich durch gefühlserregende Einwirkungen 
hervorgerufen ist; die Gestaltung der Symptome wäre dabei belanglos. Komplizierter 
wird selbstverständlich die Erforschung, wenn zu einem Symptombild sowohl wesentlich 
endogene wie auch psychogene Momente mitwirken. Am ehesten wird man dann von 
einem psychischen Einfluss auf die Zeit des Ausbruches der Psychose sprechen können. 
Häufig aber treten affektiv wirksame Vorgänge bereits in dem Prodromalstadium der 
Geistesstörung auf. Ein Weg zur Aufklärung wäre vielleicht der Versuch, die Affekt- 
wertigkeit eines Vorganges für eine bestimmte Persönlichkeit exakt zu formulieren. 
Zur Erforschung der Disposition könnte man motorische, vasomotorische und haut- 
elektrische Messmethoden anwenden; ferner könnte die Hypnose, das Assoziations- 
experiment und gelegentlich die Verwertung glaubwürdiger Selbstbeobachtungen benützt 



Jahressitzung des intern. Vereins für mediz. Psychologie und Psychotherapie. 57 



werden. Die Durchforschung des psychogenen Momentes dürfte nach dem Vortr. 
die diagnostische Stellung mancher Krankheitsfälle so andern, dass sie aus der Gruppe 
der endogenen Störungen in jene der psychogenen gerückt würden. 

Brun (Zürich) untersuchte die Ursachen der künstlichen Allianzen bei 
den Ameisen: die Unterscheidung von Freund und Feind beruht bei diesen Insekten 
auf der Existenz eines für jede Kolonie spezifischen Geruches, auf welchen alle Indi- 
viduen gewohnheitsmässig eingestellt sind. Jeder fremde Koloniegeruch löst für ge- 
wöhnlich feindliche Reaktionen aus. Indessen gelang es — namentlich durch Mischung 
der Parteien — , künstliche Allianzen selbst zwischen verschiedenen Arten zu erzeugen. 
Diese beruhen nicht auf einfacher Aufhebung der physiologischen Geruchsgegen- 
sätze infolge Entstehung eines Mischgeruches, denn sie kommen unter Umständen auch 
in einem Zustand vor, wo überhaupt keine Mischung der Parteien vorgenommen würde. 
Brun fasst diese Allianzen als Erscheinungen plastisch psychischer, assoziativer Ge- 
hirntätigkeit auf, wobei die normale Kampfbereitschaft der Ameisen in mannigfacher 
Weise unterbrochen oder gehemmt werden kann ; dieses höhere sinnliche Assoziations- 
vermögen, wie WaBmann es nennt (nach Br un „Primitivintelligenz''), dominiert aber 
über die Instinkte nicht im Sinne einer bewussten Leitung, sondern ist lediglich ein 
regulatives Prinzip. Sobald die neue Richtung gefunden ist, werden die erworbenen 
mnemischen Komplexe sekundär automatisiert. Die phylogenetisch alten psychischen 
Mechanismen behalten in der Tierreihe ihre führende Rolle nach Möglichkeit bei, was 
als „Beharrungsgesetz der psychischen Dominanten" bezeichnet wird. 

Wie sich aus diesem Bericht ergibt, boten die beiden Züricher Tage eine Fülle 
interessanten Materials. Der Verein hat gezeigt, dass er seinen Zweck erfüllt, der 
dahin geht, den Vertretern der verschiedenen psycho- therapeutischen Richtungen, die 
mit wissenschaftlichem Ernste arbeiten, ein neutrales Feld zur gegenseitigen Aussprache 
zu bieten. Die neue Zusammensetzung des Vorstandes bürgt dafür, dass in Zukunft 
in dieser Richtung weitergearbeitet wird: Prof. Bleuler (Zürich) Hess sich dazu be- 
stimmen, die Leitung des Vereins zu übernehmen, während Prof. Bernheim — der 
selbst nicht erschien — , nach wie vor das Ehrenpräsidium inne hat. Auch die Wahl 
des Ortes für die nächste Versammlung dürfte eine glückliche sein. Sie wird in Wien 
im Herbst 1913 stattfinden, wahrscheinlich im Anschluss an die Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aeiv.tr. Die Verhandlungen in dieser Stadt, wo so viele bedeutende 
Mitarbeiter der verschiedensten Richtungen unserer Forschungsgebiete ansässig sind, 
dürften allseitiges Interesse bieten. Die Festsetzung der Themata für die Referate 
überliess die Versammlung dem Vorstand. 



R efe rat e. 

Marcinowskl, J. DerMutzu sich selbst. Das Seelenlehen des Nervösen 
und seine Heilung. Berlin, 1912, Otto Salle. 400 S. 6 M. 
Der Verfasser, dessen ideale Anschauung von der Stellung des Nervenarztes zu 
seinen Patienten und dessen grosszügige ethisierende Auffassung der Behandlung ner- 
vöser Leiden aus früheren Veröffentlichungen bekannt ist, will mit diesem neuen, „den 
Manen eines kranken Riesen" gewidmeten Werke eine „allgemeine Einfuhrung in das 
Reich einer werdenden Wissenschaft" geben, nämlich der als Psychoanalyse nach Freud 
benannten Forschungs- und Heilmethode, und beabsichtigt gleichzeitig „den Versuch 
einer gemeinverständlichen Aufklärung" gegenüber den vorurteilsvollen und missver- 
ständlichen Auffassungen, denen diese Lehre vielfach begegnet sei. Eine eingehende 
Besprechung des mit aller Offenheit und Schärfe die Gegner der Lehre bekämpfenden 
Buches würde notwendigerweise zu einer umfassenden Erörterung der prinzipiellen 
Fragen der vielumstrittenen Theorie und ihrer neueren Modifikationen durch die An- 
hänger Freuds führen. Schon aus äusseren Gründen muss hierauf an dieser Stelle ver- 
zichtet werden. Es erscheint dies aber um so eher zulässig, als der Autor selbst in 
keiner Weise den Anspruch erhebt, eine ärztlich-wissenschaftliche Abhandlung gegeben 



58 Referate. 

KU haben, sondern sich ausdrücklich an die gebildeten Laien, zu denen nach ihm auch 
die Mehrzahl der Aerzte in dieser Frage gehört, wenden will, in der Absicht, sie zu- 
nächst einmal zum Studium dieser Lehren anzulocken. Der Verf. bekennt offen, daas 
die von ihm gegebene Darstellung „ohne Beweise im Einzelnen- sei und will es auch 
aus wohlerwogenen Gründen unterlassen, die leicht missbrauchbare psychoanalytische 
Methode, mit der er zu seinen Resultaten gelangte, den Lesern mitzuteilen. Wie an- 
dere Freudianer erklärt es auch Marcinowski für eine unerlässliche Vorbedingung der 
Befähigung, Kritik an ihren Ergebnissen zu üben, dass dar Kritiker durch eigene prak- 
tische Arbeit die Methode und deren Erfolge kennen gelernt hat. Aber Marcinowski 
geht hierin noch weiter und stellt damit ein neues in der Nervenheilkunde bisher un- 
bekanntes und, wie man leicht bemerkt, ganz unhaltbares Forschungsprinzip auf: „Ich 
spreche jedem," so fordert er bedingungslos auf Grund des „am eigenen Leibe" Er- 
lebten, ..die Befähigung zu einem wissenschaftlichen Urteil über diese Dinge ab, der 
nicht Gelegenheit genommen hat, persönlich die Ueberzaugunskraft der Affektänderungen 
in einer eigenen Analyse zu erleben, der er sich von berufener Hand unterzogen hat. 
Nur von jenseits dieses Schrittes aus sind uns die Augen offen." (Einleitung S. VIL) 
Es mag sein, dass es dem Ideal sowohl der Laien wie der Wissenschaft ent- 
sprechen würde, wenn jeder Forscher die Krankheit und die Heilmittel, über die er 
urteilen will, am eigenen Leibe erprobt hätte. Die Konsequenz eines solchen For- 
schungsprinzipes, sei es auch nur auf dem Gebiete der Psychopathologie, würde ohne 
weiteres zu Utopien führen. Es ist mir aber auch fraglich, ob selbst die strengsten 
Vertreter der Lehre, einschliesslich Freud, diesem Marcinowskischen Befähigungsnach- 
weis Genüge geleistet haben, und diejenigen medizinischen Forscher, welche dank ihres 
gesunden Nervensystems kein Bedürfnis nach einer psychoanalytischen oder anderen 
Heilbehandlung haben, müsston bis auf weiteres, d. h. bis zu späterer Erkrankung als 
Unberufene von jeder Meinungsäusserung in diesen Fragen ausgeschlossen werden. Wir 
wollen anerkennen, dass selbst in dieser höchst eigenartigen Schlußfolgerung ein Körn- 
chen Wahrheit liegt, insofern, als die Einfühlung in die Seelenzustände der Nervösen 
dem robust gesunden Empfinden eines unentwegt Nervenfesten im allgemeinen schwerer 
fallen wird als dem vielfältigen Stimmuugslagen zugänglichen Sensitiven (wie sie sich 
häutig genug unter den Neurologen finden). Sehen wir aber von dieser offensichtlichen 
Ueberspannung eines Prinzips ab, zu der der Verfasser wohl unter dem grossen Ein- 
druck seiner eigenen seelischen Befreiung durch intimste psychoanalytische Aussprache 
mit einem Kollegen seines Vertrauens gelangt war, so will es mir scheinen, als ob 
auch der Inhalt des Buches selbst noch im Rausche dieser Begeisterung entworfen und 
mit rascher Feder zur Niederschrift gebracht worden sei : künstlerisch packende Schil- 
derungen der seelischen Leiden von Nervösen und Psychopathen, poetisch anmutende 
Traumdarstellungen und -deutungen, eine Fülle von trefflichen Vergleichen, unverkenn- 
bare Anklänge an Nietzecheschen Stil und Nietzschesche Ethik, Märchen und Anek- 
doten in buntem Wechsel; freilich auch eine feuilletoniitische Freiheit, wie wir Bie 
wissenschaftlichen Büchern nicht zugestehen könnten, und bisweilen eine Nonchalance 
der Sprache, die selbst bis zum Vulgären, Menschlich allzu Menschlichem ab und zu 
herabgleitet! Und so gleichen grosse Teile des Buches weniger einer sachlichen Dar- 
legung als Predigten über eine neue Ethik mit flammenden Protesten gegen die kon- 
ventionellen Lügen der Gesellschaft, Geisselung der herrschenden Moral auf dem Ge- 
biete des Sexuallebens in und ausser der Ehe, mit Bekämpfung aller Heimlichkeiten 
im Geschlechtlichen und der Unterdrückung geschlechtlicher Triebe, sowie mit der 
Forderung, selbst dem kleinsten der Kinder, wenn sie durch Instinkt oder Zufall auf 
diese Fragen stossen, die volle Einsicht in das Wesen der sexuellen Vorgänge zu ver- 
mitteln (Beispiel der Aufklärung eines 3'/, jährigen Kindes: Maus, Portier mit der roten 
Mütze und Messer sind Wickel- Wackeis und Kribbel- Krabbeis, Symbole für Penis, die 
man lieben darf). 

Wie man sich zu diesen ethischen Fragen stellen will, deren praktische Konsequenzen 
von unabsehbaren persönlichen und sozialen Folgen sein können, muss der Einzelne 
entscheiden und gehört nicht vor das Forum unserer Wissenschaft Das aber sei für 
die allgemeine Beurteilung des Buches hervorgehoben, dass auch in den gewagtesten 
Forderungen des Verfassers seine Ueberzeugungstreue und der edelste Wille anerkannt 



Referate. 59 

werden muss, sein vermeintliches Ideal im Interesse der Leidenden wie der Mensch- 
heit überhaupt zur Verwirklichung zu bringen. 

Der in vielen Zügen über Freud hinausgehende Grundgedanke des Verf. ist 
summarisch zusammengefasst folgender: Alle funktionellen Nervenleiden einschliesslich 
der meisten Geisteskrankheiten, nämlich Paranoia, manisch-depressivem Irresein, De- 
mentia praecox sind letzthin aus Versüudiguiigs- und Bussideen auf sexuellem Gebiete 
bewusst oder unbewusst hervorgegangen, als Folge einer verkehrten, naturwidrigen 
Morallehre, einer zu Unrecht paulinisierten jüdisch-christlichen Ethik; ausgenommen 
davon wird nur ein kleiner Teil von Nervenleiden, die nach M. als Ohnmacht»- und 
Minderwertigkeitsneurosen zu charakterisieren sind. Dass aber jene Schuldneuroeen, 
die sexuelle Angst und das böse Gewissen zu einer solchen Herrschaft in der Seele 
gelangen und solche krankhaften Wirkungen erzeugen können, das führt der Verf. in 
recht interessanter Weise auf die in uns allen schlummernden atavistischen Instinkte 
und Anlagen, anf phylogenetische Nachklänge uralter Kulturzustände und deren Ge- 
wohnheiten zurück. Ebenso sind die Kapitel 1 nnd 2, die allgemeine Betrachtungen 
über die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen und die Psychotherapie allgemein 
enthalten, recht lesenswert, wie auch in den übrigen Kapiteln des Buches mancher kluge 
Hinweis, manches schöne Wort zu finden ist. So unverkennbar bei allem Marcinowskis 
grosse empirische Kenntnis der nervösen und psychopathischen Personen hervortritt, 
so zeigen doch fast alle von ihm gezogenen Schlussfolgerungen und Theorien 
das gleiche oder ein noch höheres Mass subjektiver willkürlicher Verwertung und Aus- 
gestaltung der Beobachtung, wie die anderer Anhänger Freuds, derart, dass auch hier 
die nüchterne wissenschaftliche Betrachtung es bald als hoffnungslos aufgeben muss, 
seinen phantasiereichen Gebilden verstandesgemäss zu folgen. 

Die symbolische Auslegung nnd Analogisierung der von den Patienten berich- 
teten Traumerscheinungen, treibt demgemäss auch bei Marcinowski die herrlichsten 
Blüten, und er fügt noch eine Besonderheit in den zeichnerischen Darstellungen der 
Träume und deren Ausdeutung hinzu. Diesen letzteren kann nach Auffassung des Re- 
ferenten, die ihm Unbefangene bestätigten, kaum mehr Sicherheit und diagnostischer 
Wert beigemessen werden, als den bekannten Ausdeutungen, die man den Produkten 
des Silvesterbleigiessens ernsthaft oder scherzhaft hier und da zu teil werden lässt. 

Zwei kritische Einzelbemerkungen scheinen mir noch wert, bier angefügt zu werden. 

Es muss als ein prinzipieller Fehler bei Marcinowski erscheinen, dass er offen- 
bar nur jene ganz kleine Oberschicht der Bevölkerung, die Damen und Herren der 
sogenannten besseren resp. reichen Stände bei seinen Erfahrungen und Folgerungen 
im Auge gehabt hat. Versucht man seine Lehren auf die ungeheuer überwiegende 
Menge der ein- und zweizimmerbewohnenden Menschheit anzuwenden, so gerät man 
im Theoretischen wie Praktischen auf zahlreiche Widersprüche. Freilich, für M. sind 
diese Auchmenschen, aus deren Schicht doch in Wirklichkeit unerschöpflich neue Kräfte 
emporwachsen und degenerierende Oberschichtbewohner ersetzen, frei nach Nietzsche 
nur „die Masse einer durch Alkohol und Lebensnot halbvertierten und entarteten Unter- 
schicht," die sich unsittlicherweise (in seinem und Nietzsches Sinne) „kraft ihrer Un- 
bedenklichkeiten uneingeschränkt multipliziert- (S. 356). 

Ein weiterer Widerspruch liegt darin, dass der Verf. wiederholt als Eideshelfer 
diejenigen seiner Patienten anführt, welche mündlich und schriftlich sowohl die psycho- 
analytischen Deutungen, wie die auf diesem Wege gewonnenen Heilungen bestätigten. 
Aber auch diejenigen Patienten, welche, wie M. anführt, entrüstet solche Deutungen 
zurückwiesen und durch das psychoanalytische Verfahren ungeheilt blieben, bilden für 
die Auffassung des Autors nicht nur keinen Gegenbeweis, sondern auch sie bestätigen 
ihm die Richtigkeit der Theorie ; denn „sie ziehen es vor, selbst lieber krank zu bleiben, 
anstatt wenigstens durch ihre Genesung dem Arzte recht zu geben" . . . „Das ist der 
Grund", fährt er fort, „warum viele scheinbar ungeheilt aus unsern Händen hervor- 
gehen" (S. 896). Hier handelt der Verf. offensichtlich nach dem verblendeten Prinzip 
des anekdotenhaften Anstaltsleiters, der sowohl beim Zugeständnis der Trunksucht 
Alkoholismus annimmt, wie beim Verneinen, da ja dieses „Leugnen" das typische 
Merkmal des verlogenen Alkoholikers sei. 

Wenn die Ueberzeugungskraft der Marcinowskischen Darlegungen somit oft genug 



60 Referate. 



durch das Uebermass seiner Behauptungen und durch innere Widersprüche allgemein 
geschwächt wird, so sei doch gegenüber einer gar zu summarischen und einseitigen 
Gegnerschaft der Freudschen Lehren auch hier ihr Verdienst anerkannt, einerseits die 
Rolle des Psychischen in den Krankheitsbildern allgemein mehr zur Geltung gebracht 
zu haben, anderseits die speziellen Beziehungen des Sexuallebens zu den nervösen Leiden 
zu grösserer Beachtung geführt und die fast unbegrenzte Macht dieses Faktors im ge- 
sunden wie im kranken Geistesleben neu gezeigt zu haben, freilich nur in dem an dieser 
Stelle (vgl. Referat Freud) schon einmal hervorgehobenen Sinne als einer letzthin 
unerklärbaren allgemeinen Urkraft, deren Walten schon Schopenhauer in unüber- 
troffener Weise in seiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe" geschildert hat. 

Dr. M. Levy-Suhl (Berlin- Wilmersdorf). 

Adler, Alfred. Ueber den nervösen Charakter. Grundzüge einer ver- 
gleichenden Individualpsychologie und Psychotherapie. Wies- 
baden 1912, J. F. Bergmann. 195 S. 

Die von reicher Erfahrung und grosser Belesenheit zeugende Fülle psychologischer 
Einzelheiten literarischer, philosophischer und allgemeiner Bemerkungen, die Adler 
in seinem Buch mit feuilletonistischer Freiheit aneinandergereiht und zur Begründung 
seiner theoretischen Auffassung dargelegt hat, macht es nicht leicht, den Inhalt seiner 
Abhandlung in einem Referat vollwertig zur Anschauung zu bringen. Für den Autor 
selbst ordnen sich freilich alle seine Darlegungen, jedes einzelne seiner, wenn auch 
noch so heterogenen und widersprechend erscheinenden Angaben einer gemeinsamen 
Grundidee unter, nämlich : dass der ganze Umkreis aller neurotischen Erscheinungen — 
und er reicht bei Adler weit hinein in das Gebiet der notorischen Geisteskrankheiten — 
von der Trigeminusneuralgie bis zu den Selbstmordideen, vom Stottern bis zur sexuellen 
Perversion , dass in gleicher Weise alle bei Nervösen angeblich stärker auftretenden 
Charaktereigenschaften, seien es solche wie Geiz, Misstrauen, Nörgelsucht, Neid, Grau- 
samkeit, Simulation, seien es solche wie Mitleid, Bescheidenheit, Gewissenhaftigkeit, 
Pedanterie, Bussfertigkeit, sei es Schamhaftigkeit, sei es Schamlosigkeit, 
kurz, dass alle bekannten nervösen Erscheinungen und Charakterzüge zu erklären sind 
von einem bestimmten fingierten Endzweck aus, den die Kranken dabei vorwiegend 
unbewusst verfolgen. Dieses Endziel ist aber nichts anderes, als das nach Adler jeder 
Neurose zugrunde liegende Gefühl der Minderwertigkeit und Unsicherheit 
zu überwinden und demgemäss der unablässige „Versuch der Erhöhung des Persönlichkeits- 
gefühls, dessen einfachste Formel im übertriebenen „männlichen Protest" zu er- 
kennen ist. DieBe Formel: „Ich will ein ganzer Mann sein!" ist die leitende Fiktion in 
jeder Neurose . . .". Der letzte Grund dieses Strebens und Bedürfnisses, immer wieder 
Beweise der Männlichkeit zu erbringen, liegt, „was jede Untersuchung ergibt", darin : 
das Minderwertigkeitsgefühl „verlangt mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende 
Zweckstellung, um das Leben erträglich zu machen. Was wir da« Wesen der Neurose 
nennen, besteht aus dem vermehrten Aufwand der verfügbaren psychischen Mittel*. 
Hilfskonstruktionen und Fiktionen der verwickeltsten Art im „Denken, Handeln und 
Wollen", theoretische und praktische Vorsichts- und Vorbeugungsmassnahmen, Aufstellen 
von Prinzipien, vorbauende seelische Bereitschaften und Ueberbauten über schwache 
Punkte, verschärftes Messen und Vergleichen, dauerndes Abtasten der Umgebung auf 
Vor- und Nachteile, erhöhtes Festhalten der Erinnerungsspur von schreckenden und 
tröstenden Erlebnissen, Furcht, Hoffnung und Zweifel, alles dient nur dem einzigen 
Zweck, Herabsetzungen des Persönlichkeitsgefühls zu eutgehen und dieses selbst zn 
erhöhen. „Die Kenntnis dieser wie empfindliche Fühler sich weit erstreckenden psychischen 
Bereitschaften ermöglicht erst das Verständnis für den Kampf des Nervösen mit seinem 
Schicksal , für seinen gereizten Aggressionstrieb , für seine Unruhe und für seine 
Ungeduld". So entstehen bei ihm die verschärften und auffälligeren Charakterzüge. 
Durch erlittene Herabsetzung können die Sicherungstendenzen immer komplizierter 
werden und finden in neuen nervösen Symptomen ihren Ausdruck. Immer aber sind 
es Kunstgriffe mit dem einen Ziel, sich eine Ueberwertigkeit zu verschaffen oder, was 
gleichbedeutend ist, von „unten nach oben", vom „Weiblichen zum Männlichen" zu 
gelangen, dem Charakter eine „männliche Hauptlinie" zugrunde zu legen. 



Referate. 61 

Dies ist der von der Symbolsprache Adlers möglichst frei gehaltene Grund- 
gedanke seiner Theorie. Wie bei Freud spielen nämlich auch bei ihm im Wach- wie 
im Traumzustand die Symbole eine grosse Rolle. Auch Adler kennt eine Analsprache, 
eine Uriusprache, einen Organjargon; ebenso schreibt auch Adler dabei dem Un- 
bewussten nicht nur die Zweckmässigkeit zu, die wir alle im Triebleben oft erkennen, 
sondern setzt auch bei ihm in unwillkürlichen Prozessen wie etwa Obstipation oder 
Vaginiamu8 ein ganz ungewöhnliches Raffinement und Fähigkeiten voraus, die nur auf 
empirischen Einzelkenntnissen und Ueberlegungen beruhen könnten. Eine grosse Be- 
deutung fällt auch bei Adler dem Sexualleben zu, speziell dem Gefühl, „verkürzt" 
zu sein und dem nach ihm sehr häufigen, drückenden Bewusstsein, ein zu kleines 
männliches oder ein weibliches Genitale zu besitzen. 

So unverkennbar die Schule Freuds hierin wie in seiner ganzen psycho- 
analytischen Methode und Therapie, in seinem wissenschaftlichen Jargon zum Ausdruck 
kommt, so hebt doch der Verfasser selbst mit vollem Recht die grundsätzlichen Ab- 
weichungen seiner Theorie von der seines einstigen Meisters hervor. Diese Gegnerschaft 
gegen die orthodoxe Schule scheint mir bei der Bedeutung, die Freuds Lehren ge- 
wonnen haben, beachtenswert genug, um die Hauptpunkte der Adler sehen Reformation 
an dieser Stelle anzuführen. 

Drei der „fundamentalen Anschauungen" „aus den fruchtbaren und wertvollen 
Leistungen Freuds" seien „als irrtümlich abzusondern, da sie den Fortschritt im 
Verständnis der Neurose zu versperren drohen". Erstens: „Die Auffassung der 
Libido als treibende Kraft für das Geschehen in der Neurose" ist unzutreffend; es 
ordnet sich vielmehr die Libido des Neurotikers, sein Sexualtrieb und seine Perversions- 
neigung dem oben dargelegten Leitgedanken, „den höheren Zielen", unter. Ein 
zweiter Einwand trifft Freuds Grundanschauung von der sexuellen Aetiologie der 
Neurosen. Den sexuellen Inhalt in den neurotischen Phänomenen erkennt Adler zwar 
theoretisch wie in seinen praktischen Beispielen überreichlich an, aber das Sexuelle ist 
nach Adler lediglich ein täuschendes Bild, ein Gleichnis, hinter dem in Wirk- 
lichkeit der ideelle Gegensatz „Männlich- Weiblich" steht und in dem nur die ver- 
schiedenen Formen des „männlichen Protestes", die männliche Zwecksetzuug zum 
Ausdruck gelangt. 

„Sonderbar", fährt Adler fort, „dass Freud, ein feiner Kenner des Sym- 
bolischen im Leben, nicht imstande war, das Symbol in der sexuellen Apperzeption 
aufzulösen, das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi zu erkennen. Aber wir 
können dies verstehen, wenn wir den weiteren Grundirrtum ins Auge fassen, die An- 
nahme, als stünde der Neurotiker unter dem Zwange infantiler Wünsche, die allnächtlich 
(Traumtheorie) aufleben, ebenso auch bei bestimmten Anlässen im Leben." In Wirk- 
lichkeit stehen auch diese infantilen Wünsche schon unter dem Zwange des fiktiven 
Endzieles, und auch die Incestgedanken sind lediglich ein Gleichnis. (S. 4—6.) 

Die Behauptung der Psychoanalytiker, die Libido des Nervösen sei an Vater und 
Mutter fixiert, wird auch sonst von Adler bekämpft. Nach ihm schafft die einzige 
wirkliche Liebesbedingung „der Wille zur Macht und zum Schein", und so sind bei- 
spielsweise die Impotenz und Perversion lediglich schützende Kunstgriffe vor der Gefahr 
der Herabsetzung und Unterwerfung durch den Ehepartner. Auf diese Weise gelangt 
der Autor auch zu der auffälligen Behauptung, dass bei Nervösen allgemein „die 
Liebes- und Ehebereitschaft" „zerstört oder unausgebaut gelassen" sei. (S. 105.) 

Diese Hinweise auf den Inhalt müssen genügen. Es wäre nur noch zu betonen, 
dass Adler an Kühnheit und Freiheit in den Deutungen von Träumen und Symbolen, 
in Schlüssen aus Wortklängen und Buchstabenübereinstimmungen der alten Freud sehen 
Schule nichts nachgibt ; auch bei ihm spielt der Arzt vielfach die Rolle des Rezipienten 
oder Blitzableiters in der Therapie, freilich nicht als Liebesobjekt wie dort, sondern 
als ein im Kampf mit dem Nervösen scheinbar Unterliegender und damit zur Erhöhung 
oder Wiederherstellung von dessen Selbstgefühl geeignetes Werkzeug; schliesslich fehlt 
auch bei diesem Autor jeder Maßstab und jede Angabe über den Umfang der mit 
seiner Aufklärungstherapie vorübergehend oder etwa dauernd erzielten Erfolge. 

So sehr auch die mit starrer Konsequenz durchgeführte Grundidee überwuchert 
ist von unbeweisbaren Voraussetzungen und subjektiven Annahmen aller Art, kann man 



62 Referate. 



ihr eine in freilich nur viel beschränkterem Umfang zutreffende richtige Seite nicht 
absprechen, und trotz aller Bedenken im einzelnen werden die Darlegungen das Ver- 
ständnis für manchen nervösen Charakterzug zu erhöhen und manche Krankheits- 
erscheinung in ein neues Licht zu setzen vermögen. 

Dr. M. Levy-Sahl, Berlin - Wilmersdorf . 

Levy-Suhl, Max. Ueber experimentelle Beeinflussung des Vorstellungs- 
verlaufs bei Geisteskranken nebst einer Kritik der Assoziations- 
experimente an Geist eskranken, Leipzig, Johann Ambrosius Barth, 1911, 142 S. 
Der Verfasser bringt in dieser Arbeit, wenn such in etwas abgeänderter and 
erweiterter Form drei Beiträge, die ursprünglich in der Zeitschrift für Psychologie 
erschienen sind. Die Experimente wurden in der psychiatrischen Klinik der König- 
lichen Charite zu Berlin, als sie noch von Ziehen geleitet wurde, angestellt. Die 
Arbeit zerfällt auch in der neuen Form in drei Teile; die beiden ersten umfassen 
eine kritische Betrachtung der Wort-Assoziationsexperimente und der bisherigen 
Methoden, ferner eine Begründung für seine abweichende Stellungnahme und schliess- 
lich die Darlegung des eigenen Verfahrens; der dritte Teil bringt seine eigenen Ver- 
suche und die Versuchsergebnisse. Was die Kritik der bisherigen Assoziations- 
experimente betrifft, so erklärt der Verfasser, es sei für die Beurteilung und Fest- 
stellung der Assoziationsform in den Reaktionen der einzelnen Individuen die Berück- 
sichtigung der jeweiligen individuellen Ausgangsvorstellung nötig, deren Gleichartigkeit 
aber keineswegs durch die Anwendung des gleichen Reizwortes gewährleistet wird. Mit 
dem einfachen physiologischen Forschungsprinzip, wie es einzelne sich vorstellen, sei es 
bei diesen von der Individualität so sehr abhängigen Experimenten nicht getan. Was die 
besonders interessanten Experimente betrifft, die an Geisteskranken angestellt wurden, 
so handelt es sich um 44 Fälle. Auf Grund der Ergebnisse werden sie in vier Gruppen 
geteilt, und erst nachträglich beschäftigt sich der Verfasser, mit der Frage, ob diese 
Gruppeneinteilung von der Krankheit selbst abhängt. Was die Gruppeneinteilung be- 
trifft, so spielt eine grosse Rolle Ziehens Begriff Hyperprosexie. Ziehen versteht 
darunter eine psychopathologische Erscheinung, in der erhöhte Weckbarkeit oder An- 
sprechbarkeit der Aufmerksamkeit, die „Hypervigilität" kombiniert auftritt mit dem 
gleichsinnigen Phänomen der herabgesetzten Haftfähigkeit der Aufmerksamkeit, der 
„Hypotenazität". Die Versuche selbst geschehen so, dass irgend ein Wort, z. B. Fisch, 
Geld, Liebe, Kirche als Zwischenrufe genannt wurden und nun die Reaktion des 
Patienten auf die Zwischenrufe geprüft wurde. Mit Rücksicht auf die Ergebnisse teilt 
der Verfasser die Fälle in vier Gruppen. Bei der ersten handelt es sich um ein reak- 
tives Verhalten nach Art der Normalen. Bei der zweiten tritt eine allgemeine in- 
differente Hyperprosexie auf, d. h. die Kranken gehen sofort auf den Zwischenruf ein, 
sie geben die vorher aktive VorstelluDgsreihe preis. Die allgemeine indifferente Hyper- 
prosexie zeigt inbesondere folgende Merkmale: 1. Gleichgültigkeit gegen den Unter- 
brechungsakt und somit jederzeitige meist kritiklos einschnappende Reaktion; jedem 
Zwischenruf wird sofort die Aufmerksamkeit zugewendet und an ihn werden Asso- 
ziationen angeknüpft, unter definitiver Preisgabe der unterbrochenen autochthonen 
Vorstellungsreihe. 2. Gegenüber dem Inhalt des Reizwortes besteht eine starke 
Neutralität ; der Charakter des Reizwortes spielt keine so grosse Rolle. 3. Jede tiefere 
Verarbeitung in den Assoziationen fehlt nahezu ausnahmslos. In der dritten Gruppe 
sind die Fälle zusammengefaßt, wo die Hyperprosexie nicht unterschiedslos jedem be- 
liebigen Zwischenrufe gegenüber in Erscheinung tritt, sondern eine affektive Verarbeitung 
stattfindet. Der Inhalt des Reizwortes ist hier von wesentlichem Einfiuss und zwar 
besonders die subjektive Bedeutung des Reizwortes für die Versuchsperson. Infolge- 
dessen tragen die Assoziationen einen mehr kritisch persönlichen Charakter. 4. In der 
vierten Gruppe fasst der Verfasser die Fälle mit hypervigiler Reaktion mit Kontamination 
und Dissoziation zusammen. Wird das Reizwort selbst — oder auch eine von dem 
Reizwort erweckte Assoziation — aufgeschnappt und kritiklos in die gerade herrschende 
Vorstellungsreihe aufgenommen und wird dabei unverändert an der gerade eingestellten 
Satzform oder doch an der grammatikalisch eingekleideten Redeweise festgehalten, un- 
geachtet der daraus resultierenden Kontaminationen, so liegt das Merkmal der Hyper- 



Verschiedene». 63 



vigilität vor, aber man kann nicht mehr von einer herabgesetzten Tenazität sprechen, 
und somit auch nicht mehr von Hyperprosexie. Ebenso kommt der Fall vor, dass 
die Inkohärenz im Vorstellangsablanf so hochgradig wird, dass ein Prinzip der asso- 
ziativen Beziehung in der Wortfolge kaum noch erkennbar ist. 

Der Verfasser hat nnn 4 Fälle in die Gruppe I, 11 in die Gruppe II, 5 in die 
irregulären Formen der Gruppe II, 16 in Gruppe III und 8 in Gruppe IV einrangiert. 
Er kommt dabei zu dem Resultat, dass die psychologischen Gruppen auch gewissen 
diagnostischen Gruppen in weitem Umfang entsprechen. Besonders auffallend ist es, 
dass fast alle Paranoiaformen in die Gruppe III gehören und alle Formen der Manie 
in die Gruppe II. 



Dr. Albert Moll. 



Verschiedenes. 
Georg Chr. Schwarz f. 

Von Adolf Kingling, Oosscheuern-Baden-Baden. 

Am 12. Okt. t. Js. erlag ein bekannter , eifriger Förderer der Arbeitstherapie, 
Georg Chr. Schwarz in Strassburg i. Eis., 44 Jahre alt, einem Nierenleiden. Sein 
Buch: Das einzige Heilmittel bei Nervenleiden 1 ), Verlag G. Strübig, Leipzig, ist mir 
vor etwa zehn Jahren zur Rettung aus mehrjähriger grosser Nervannot und von 
umwälzender Bedeutung für meinen ganzen ferneren Lebensweg geworden. Auf- 
richtige Verehrung und Dankbarkeit drängen mich, dem Verstorbenen und seinem 
Schaffen , an dem ich auch tätigen Anteil nahm, an dieser Stelle in meinem wie im 
Namen aller Nervenkranken, für die er gelebt hat, einige Worte zu widmen. 

Schwarz wuchs als Sohn eines Oberförsters auf dem Lande auf. Selbst auch 
einmal den grünen Rock zu tragen, war das Ideal, das dem Kinde und Jüngling vor- 
schwel.) te. Doch ein schweres Nervenleiden, als dessen Gelegenheitsursache er eine 
langwierige Nasenrachenaffektion und die vergeblichen Versuche ihrer Beseitigung auf 
operativem Wege ansah, zwang ihn 1887 das Gymnasium zu verlassen. Nach kurzer 
Erholung trat er in eine Buchhandlung ein. Infolge quälender Beschwerden musste 
er auch dieser Arbeit bald den Rücken kehren. Trotz fortgesetzter ärztlicher Be- 
handlung verschlimmerte sich das Leiden derart, dass die Angehörigen im Winter 
1893/4 den zum Schatten gewordenen bettlägerigen 25 jahrigen völlig aufgaben. Doch 
er selbst verzagte nicht. Rastlos forschte sein starker Geist nach der rechten Er- 
kenntnis; unentwegt hielt er an dem kraftvoll tätigen Wollen fest, wieder hochzu- 
kommen und seinen Mitmenschen in tüchtiger Arbeit Tüchtiges zu wirken. Und es 
sollte gelingen ! Lichter und lichter wurde es in ihm , bis er die Grundlagen wahr- 
haft erspriesslicher Nervenpflege endlich in voller Klarheit schaute. 

Als Heilmittel für nervenschwach Gewordene hatte Schwarz die Regelung 
der Tätigkeit „als des gesamten Tuns und Lassens im Bereich des 
Körperlichen und des Seelischen", die Regelung der ausserwesen t- 
lichen wie wesentlichen Arbeit, also ein harmonisches, individuell 
verschiedenes Verhältnis zwischen vorhandenem Kraftmaß und Be- 
tätigung oder, kurz gesagt, die rechte Arbeit erkannt. Trotz seiner über- 
grossen Schwäche und Bettlägerigkeit folgte dem Gedanken sofort die Tat. Erst im 
Kleinsten, bis allmählich die Kräfte zunahmen und eine Steigerung der Leistungen er- 
möglichten. Unentwegt und unbeirrt wandelte er die folgenden Jahre den mühsam 
gefundenen und oft steinigen Pfad bis zur Gesundung. 

Während der Genesungszeit arbeitete Schwarz, was sich bot und ihn zu för- 
dern vermochte; u. a. betätigte er sich in der Gärtnerei, im Zeichnen, Modellieren 



') Der wenig glücklich gewählte Titel war vor der Drucklegung vom Verleger 
gefordert worden. 



04 Verschiedenes. 



und in der Schreinerei in der Strassburger Kunstgewerbeschule, schriftstellerte, gab 
Unterricht in Stenographie, organisierte Stenographenvereine usw. 

Aber die eigene Gesundung genügte dieser edlen Natur nicht. Es trieb ihn, den vielen 
suchenden Leidensgenossen als Schriftsteller ein Wegweiser zu werden und für die 
als dringend notwendig erkannten Volksnervenheilstätten und eine Reform der be- 
stehenden Sanatorien für Nervenkranke einzutreten. Den „Proletariern" unter den 
Kranken, vor allem aber den hilflosesten und bedürftigsten ein helfender Freund zu 
sein, wurde sein brennendes Verlangen. Und er führte ihre Sache unermüdlich and 
auch erfolgreich mit tiefem Verständnis, klarem Blick und warmem Herzen. 

1895 trat Schwarz zum erstenmal mit der von ihm vertretenen Lehre vor 
die Oeffentlichkeit. 1899 bot er sie den Nervenleidenden in seinem „Heilmittel", das 
mit einführenden Worten Pelmans ins Schwedische übersetzt worden ist, unter ganz 
besonderer Berücksichtigung der am schwersten Heimgesuchten und oft Verzweifelten, 
in meisterhafter Geschlossenheit und Form. Eifrig befürwortete er in dieser Schrift 
auch öffentliche Nervenheilanstalten für Minder- und Unbemittelte. Sehr eingehend 
begründet wurde diese Forderung neben anderem von ihm in der 1903 erschienenen 
Broschüre: Ueber Nervenheilstätten und die Gestaltung der Arbeit als Hauptheil- 
mittel, Verlag J. A. Barth, Leipzig. 1907 veröffentlichte er in den Nrn. 38/46 der 
Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift in Form einer Artikelserie eine trotz aller 
Kürze ausgezeichnete, annähernd monographische Darstellung der Arbeitstherapie. In 
einem grösseren nachgelassenen Aufsatz nahm Schwarz Stellung gegen die reine 
Psychotherapie. 

Nach den herben Enttäuschungen der Krankheitszeit erlebte er als Schriftsteller 
das Glück, seine Arbeit für die Nervenleidenden von einer Reihe angesehener Fach- 
ärzte anerkannt zu sehen und von einer Unzahl Kranker zu hören, sie seien durch 
ihn auf den rechten Weg geführt worden. So nannte ihn P. J. Möbius seinen ver- 
ständnisvollen, wackeren Bundesgenossen, dessen uneigennützige Tätigkeit wahrlich des 
Lobes wert sei. Wie selbstlos aber der aus innerster Nötigung schaffende, verdienst- 
volle und doch so bescheidene , schlichte Mann in der Tat war , davon wissen am 
besten eine grosse Zahl minder- und unbemittelter Nervenkranke zu berichten , denen 
er, manchen jahrelang, unentgeltlich und freundwillig mit Rat und Tat zur Seite 
stand. Schmerzlich bis ans Ende blieb es ihm, die Mittel nicht zu besitzen und den 
Beistand nicht zu finden, gemeinsam mit einem gleichgesinnten, fähigen Arzte seinen 
Leidensgenossen eine vorbildliche Heilstätte nnd daran anschliessend weitere Organi- 
sationen zur Linderung nicht nur der unmittelbaren Nerven-, sondern auch der oft 
genug uebenhergehenden wirtschaftlichen Not schaffen zu können. 

In einer Anzahl Städte trat Schwarz für seine Ideen auch durch Vor- 
träge ein. 

Von 1904—08 war er im Sanatorium Schirmeck (Eis.) als Arbeitsinstruktor 
tätig. Von 1908 bis zum Tode gehörte er der lllenuu als Direktionssekretär an, wo 
ihm nach vieler Bitterkeit seines Lebens recht glückliche Jahre beschieden waren. 

Der hohe Wert der Schwarzsehen Lebensarbeit ist durch die vorzüglichen 
praktischen Ergebnisse und die offizielle Anerkennung der rechten Arbeit als natür- 
lichstes und unentbehrliches Heilmittel für funktionell Nervenkranke erwiesen. Und 
Schwarz wird mit seiner Behauptung Recht behalten, dass die Arbeitstherapie als 
vorgeschobener Posten auf dem Kulturwege den nervös Erkrankten und Schwachen 
als den seelisch und körperlich Empfindlicheren und Bedürftigeren schon jetzt das 
geben will, was weitschauende Geister seit Jahrtausenden als das höchste Ziel mensch- 
licher Veredelung und kultureller Entwickelung aussprachen: die Umwandlung 
des rohnatürlichen in edelnatürliches, in bewusst recht es Leben, 
die Beglückung des Menschen durch Erhöhung seiner Produktion, 
seiner Fröhlichkeit, seiner körp erlichen, geistigen und moralischen 
Stärke durch individuell rechte Arbeit. 



Lieber die individuelle Entwicklung der neuropsychi- 
schen Sphäre nach psycho-reflexologischen Befunden. 

Von Akad.-Prof. Dr. W. V. Bechterew, St. Petersburg. 

Die Psychorefiexologie resp. objektive Psychologie befasst sich 
nur mit den Reaktionen des Organismus auf Aussenreize und erforscht 
von diesen Reaktionen solche, welche zu ihrem Hervortreten der 
persönlichen oder individuellen Erfahrung bedürfen. 

Als die mannigfaltigsten äusseren Reaktionen erscheinen in der 
ganzen Tierwelt die motorischen Reaktionen, welche ein vielseitiges 
Verhalten des Organismus zu dem umgebenden Milieu vermitteln. 
Sie sind zugleich beim Menschen am meisten der Untersuchung zu- 
gänglich. Deshalb stellt sich als Hauptforschungsobjekt der Psycho- 
refiexologie des Menschen nach unserer Ansicht dar die motorische 
Sphäre in ihren mannigfaltigsten Aeusserungen vom einfachen 
Assoziationsreflex bis zu komplizierteren motorischen Erscheinungen, 
die wir persönliche Bewegungen oder in noch komplizierteren Fällen 
persönliche Akte und Handlungen nennen. 

Zum Studium der Entwicklung der neuropsychischen Sphäre 
im Kindesalter bedarf es der sukzessiven Eruierung aller derjenigen 
Aeusserungen der neuropsychischen Sphäre, insbesondere der mo- 
torischen Reaktionen, welche auf persönlicher Erfahrung beruhen, 
die beim Kinde von Geburt an auftreten, um so festzustellen, wie 
mit fortschreitendem Alter des Kindes die ursprünglichen Aeusse- 
rungen der neuropsychischen Tätigkeit immer komplizierter werden. 
Selbstverständlich muss jeder Subjektivismus aus solchen Unter- 
suchungen ausgeschaltet sein, die beobachteten Erscheinungen müssen 
vielmehr ausschliesslich vom objektiven Standpunkt beurteilt werden, 
da sonst die Exaktheit der Untersuchung darunter leidet 1 ). Der- 
artige Untersuchungen konnten bisher gerade deshalb nicht statt- 
finden, weil die Psychologie und speziell die Psychologie des Kindes- 
alters in erster Linie subjektive Wissenschaften waren, welche sich 
auf Selbstbeobachtung stützten und bei der Untersuchung der Innenwelt 
dritter Personen von der Analogie mit der eigenen Erfahrung aus- 
gingen, während doch Selbstbeobachtung und Analogieschlüsse dieser 
Art für die Untersuchung des Kindesalters ebensowenig am Platze 
sind, wie für die Untersuchung animaler Geschöpfe. Daher erscheint 



') W. v. Bechterew, Die objektive Untersuchung der neuropsychischen 
Tätigkeit im Eindesalter. 1908. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 5 



66 W. v. Bechterew 



für das Studium der „Kinderpsyche" die objektive Methode als 
fundamentales und nahezu einziges Mittel. Die „geistige" Welt des 
Kindes ist ausschliessliches Gebiet psycho-reflexologischer Forschung, 
was ich in meinen Arbeiten schon mehrfach betont habe. Auch in 
der vorliegenden Untersuchung müssen wir an dem gleichen Prinzip, 
an den gleichen Grundauffassungen, an der gleichen Methode fest- 
halten. 

Als Material zur Untersuchung der individuellen Entwicklung 
der neuropsychischen Sphäre dienten mir meine eigenen fünf Kinder, 
an denen die Beobachtungen von Geburt an während der ganzen frühen 
Kindheit geführt wurden. Besonders vollständig erfolgte die Beob- 
achtung der neuropsychischen Sphäre an meiner jüngsten Tochter, 
welche am 2. April 1904 geboren wurde. Diese Beobachtungen 
wurden ausserdem von Zeit zu Zeit ergänzt durch solche an fremden 
Kindern. 

Ich werde vorläufig auf Details der Entwicklung der einzelnen 
Erscheinungen der kindlichen Neuropsyche nicht eingehen, da dies 
an einem andern Orte geschehen soll. Hier handelt es sich nur um 
das allgemeine Resultat der vorliegenden Untersuchungen. 

Alle Befunde, welche beigebracht werden konnten, sprechen 
dafür, dass die anfänglichen Aeusserungen der neuropsychischen 
Tätigkeit im Grunde sich darstellen als Komplikationen gewöhn- 
licher Reflexe durch reproduktiv-assoziative Tätigkeit der Nerven- 
zentra in Form der sog. Assoziationsreflexe. Der gewöhnliche 
Reflex, welcher zustande kommt vermittels eines von Natur gegebenen 
resp. angeborenen Mechanismus und sich entwickelt unter Einfluss 
organischer oder äusserer Reize, assoziiert sich, bei mehrfacher Wieder- 
holung gleichzeitig mit bestimmten Reizen, schnell mit ihnen, und 
so kommt es als Resultat persönlicher Erfahrung zur Ausbildung 
von Assoziationsreflexen im eigentlichen Sinn des Wortes, welche 
angeregt werden durch Reize, welchen es von Natur nicht eigentüm- 
lich ist, solche Reflexe auszulösen. 

So entwickelt sich vor allem die organische Mimik beim Weinen, 
welches von Anfang beim Kind als blosser Reflex auftritt, hervorgerufen 
durch starke Hautreize. Daher hören wir schon von Geburt an das 
Weinen des Kindes, bedingt durch starke Aussenreize, welche der Ge- 
burtsakt und die einwirkenden Temperaturreize mit sich bringen. 
Wärme beruhigt bekanntlich das Kind und bringt es zum Schlafen, 
während ungewohnte Hautreize, wie Unsauberkeit, es wecken und 
Weinen hervorrufen. Das Kind erwacht unter Weinen infolge des 
natürlichen organischen Essbedürfnisses. Dadurch assoziiert sich das 
Essbedürfnis mit Weinen und deshalb wird das Weinen bald beständiger 
Begleiter des unbefriedigten Appetites ; es tritt als assoziierte organische 



Indiv. Entwicklung d. neuropsych. Sphäre nach psycho-reflexolog. Befunden. 67 

Mimik äusserlich hervor. Wenn andererseits ausgeübte starke Aussen- 
reize beim Kinde reflektorisches Weinen erzeugen, so genügt bald 
schon der blosse Anblick der Person, welche dem Kind einen hoch- 
gradigen Aussenreiz zugefügt hat, damit das Kind in Weinen aus- 
bricht. So war es z. B. mit dem Arzt, welchem mein Töchterchen 
zutraulich Mund und Hals zeigte; aber die Manipulationen des Arztes 
im Rachen brachten das Kind zum Weinen, und später brach es 
schon bei dem blossen Anblick des Arztes in lautes Weinen aus. 

Ferner führen die Reflexbewegungen des Kopfes, der Augen 
und Extremitäten, die durch innere und äussere Reize bedingt sind, 
naturgemäss zu Veränderungen der von diesen Organen ausgehenden 
Muskelgelenkreize und gleichzeitig zur Entstehung neuer optischer, 
taktiler, akustischer und anderer Ausseneindrücke oder zu ent- 
sprechenden Veränderungen der früheren derartigen Eindrücke. Diese 
neuen oder veränderten Eindrücke werden, besonders bei mehrfacher 
Wiederholung der gleichen Bewegungen, indem sie mit den Grund- 
reizen sich assoziieren, befähigt, an und für sich die Reflexbewegungen 
auszulösen, welche der Grundreiz hervorrief. So kommt es auf dem 
Boden eines gewöhnlichen Reflexes zur Ausbildung eines Assoziations- 
reflexes (Kopf-, Augen- oder Extremitätenbewegung), welcher als 
Wiederholung des gewöhnlichen Reflexes erscheint, aber unter Ein- 
fluss eines Eindruckes entsteht, welcher notwendig zusammen mit 
dem Reiz auftaucht, der den gewöhnlichen Reflex hervorruft. 

Zur Erläuterung diene folgendes Beispiel : Das Kind macht unter 
Einfluss organischer Reize Bewegungen mit den Armen und seitliche 
Kopfbewegungen. Bringt man das Kind in eine bestimmte Stellung 
und in die Nähe der Brust, dann sucht es, unter Fortsetzung der 
Kopfbewegungen, schnell mit den Lippen die Brustwarze auf, und 
nun beginnt der bekannte Saugreflex. Hier führen die durch das 
Essbedürfnis bedingten Reflexbewegungen anfangs zur Entstehung 
neuer Eindrücke durch Berührung der Brust mit den Lippen und 
durch optische Eindrücke ; darauf folgen, infolge der Erregung eines 
neuen Reflexaktes, nämlich des Saugaktes, weitere Eindrücke infolge 
des Milcheintrittes in den Mund und der beginnenden Magen füllung, 
was zur Sättigung und konsekutiven Beruhigung des Kindes führt. 

Wir haben also schliesslich bei natürlicher Auslösung eines ge- 
wöhnlichen organischen Reflexes die Assoziation des aus Nahrungs- 
mangel entstandenen gegebenen organischen Reizes mit dem Ein- 
druck einer bestimmten Körperlage und bestimmter Muskelgelenk- 
reize, die bei den Kopfbewegungen eintreten, und mit weiteren Ein- 
drücken von der Berührung der Brust mit den Lippen, von dem 
Eintritt der Milch in den Mund und dem nachfolgenden Schluckakt, 
und diese Assoziation hat den Erfolg, dass nach einiger Zeit schon 



68 W.y. Bechterew 



die Herbeiführung einer bestimmten Lage des Kindes beruhigend auf 
dasselbe wirkt; der blosse Anblick der mütterlichen Brust, welcher 
die entsprechenden Spuren der früher stattgehabten Gelenkmuskel- 
eindrücke belebt, führt zu den früheren Kopfbewegungen, die auf 
das Suchen der Mutterbrust abzielten, jetzt aber ausgelöst werden, 
nicht durch den organischen Reiz des Hungers, sondern durch ein- 
fache optische Eindrücke. 

Somit führt ein durch organische Reize angeregter gewöhnlicher 
Reflex unweigerlich zur Ausbildung eines assoziativ-motorischen Re- 
flexes von demselben Charakter. Im Laufe der Zeit bewirken schon 
schwache Aeusserungen des Essbedürfnisses, noch ehe der gewöhn- 
liche Reflex einsetzt, eine Belebung entsprechender Muskelgelenks- 
eindrücke, und dies bedingt dann Kopfbewegungen zum Ergreifen 
der mütterlichen Brust. In diesem Falle entsteht also als Resultat 
eines einfachen oder gewöhnlichen Reflexes im Wege der Assoziation 
eine individuelle Bewegung als persönlicher Psychoreflex, welche dem 
Reflex entgegenkommt und seine Notwendigkeit aufhebt infolge der 
Verwirklichung des Saugaktes durch Impulse individuellen Charakters. 

Ganz ebenso entstehen assoziative Reaktionen in Gestalt per- 
sönlicher Anregungen auch in anderen Fällen. Nehmen wir an, das 
Kind ergreife unter zahlreichen Reflexbewegungen ein ihm gereichtes 
Spielzeug. Dabei kommt es neben den optischen Eindrücken zu 
neuen Eindrücken von den Muskelgelenkreizen und zu neuen Haut- 
eindrücken von dem ergriffenen Gegenstand. Im Fall von Wieder- 
holung derartiger Reflexbewegungen befestigt sich schliesslich der 
Zusammenhang zwischen den optischen Eindrücken und den Spuren 
der entsprechenden Muskelgelenk- und Hauteindrücke; und deshalb 
wird das Kind nächstens bei dem blossen Anblick der Spielsache 
ohne Beteiligung eines Reflexes, infolge von Belebung der ent- 
sprechenden Muskelgelenkspuren, die Hand ausstrecken und das Spiel- 
zeug erfassen. 

In einem andern Fall hat das Kind bei seinen Reflexbewegungen, 
welche von organischen Reizen herrührten, sich die Hand an einem 
heissen Gegenstand verbrannt. Dieser neue Reiz ruft einen gewöhn- 
lichen Abwehrreflex hervor, sich äussernd in Abziehen der Hand und 
Hinwendung des Kopfes zu dem Ursprung des thermischen Wärme- 
reizes. Infolgedessen kommt es unweigerlich zur Assoziation dieses 
thermischen Hautreizes, welcher den Abwehrreflex bewirkte, mit dem 
optischen Eindruck des gegebenen Reizes, welcher eine bestimmte 
Spur in den Nervenzentren zurücklässt. Nun ruft die Erneuerung 
des optischen Eindruckes des betreffenden Gegenstandes eine Be- 
lebung der Spur der Muskelgelenkreize hervor und erregt unweiger- 
lich den gleichen Abwehrreflex und das Zurückziehen der Hand, 



Indiv. Entwicklung d. neuropsych. Sphäre räch psycho-reflexolog. Befunden. 69 

wenn diese Zufälligkeit sich in der Nähe des heissen Gegenstandes 
befindet. 

Da die Bewegung der Hand zum Spielzeuge hin Muskelgelenk- 
eindrücke hervorrufen muss, welche unter den gegebenen Bedingungen 
sich unweigerlich mit den organischen Eindrücken der sthenischen 
inneren Reaktion assoziieren, während das Zurückziehen der Hand 
begleitet wird von Muskelgelenkreizen, die sich mit den organischen 
Eindrücken der asthenischen Reaktion assoziieren, welche durch den 
kutanen Verbrennungsreiz hervorgerufen wurde, so bedarf es später 
nur einer Belebung der sthenischen Reaktion, um die Muskelgelenk- 
spuren der Greifbewegung der Hand zu beleben, und dies führt zur 
Ausführung einer Aggressivbewegung bzw. zum Ergreifen des be- 
treffenden Gegenstandes. Die Greifbewegung entsteht also unter 
Einfluss von Impulsen, welche hervorgerufen werden durch die 
Spuren organischer Eindrücke sthenischen Charakters, also durch 
persönliche Impulse. In einem anderen Fall ruft schon die blosse 
asthenische Reaktion eine Belebung der Muskelgelenkeindrücke her- 
vor, welche mit dem Abziehen der Hand verbunden sind; deshalb 
entsteht diese Abwehrbewegung dann schon als ein durch persön- 
liche Impulse bedingter Assoziationsreflex. Es entstehen also die Be- 
wegungen, welche wir als persönliche bezeichnen und die in der 
subjektiven Psychologie willkürliche heissen, aus gewöhnlichen Reflexen 
durch assoziative Tätigkeit gleich allen anderen assoziativen Reflexen. 

Zu bemerken ist, dass sämtliche Reflexbewegungen im End- 
resultat Muskelgelenkeindrücke ergeben, welche im Fall ihrer Be- 
lebung die gleichen Bewegungsakte liefern. Da dabei die Belebung 
der Muskelgelenkspuren unter Einfluss ihrer Assoziation mit be- 
stimmten Eindrücken erfolgt, so handelt es sich in diesem Fall bereits 
um einen Assoziationsreflex einfachster Art. Hierher gehört z. B. 
die sog. Zirkularreaktion, welche so oft beiKindern beobachtet wird und 
in der vielfachen Wiederholung der gleichen Bewegung besteht. 
Diese Reaktion ist eigentlich dadurch bedingt, dass eine durch be- 
stimmte Impulse bewirkte Bewegung Muskelgelenkeindrücke hervor- 
ruft, deren Spuren durch dieselben Impulse belebt werden, welche 
sich bei der Verwirklichung der Bewegung wiederholen, wodurch 
dann die nämliche Bewegung zustande kommt, die sich viele Male 
nacheinander wiederholt. 

Eine andere Abart des einfachen Assoziationsreflexes ist die Nach- 
ahmung, welche ebenfalls in der Entwicklung der Motilität beim Kinde 
eine grosse Rolle spielt. Es handelt sich in diesem Fall um Befestigung 
des Zusammenhanges zwischen den durch die gegebene Reflexbewegung 
bedingten Muskelgelenkeindrücken und dem optischen Eindruck, 
welchen die Bewegung der eigenen Gliedmassen hinterlässt. 



70 Wt v. Bechterew 



Infolge dieser Befestigung des Zusammenhangs zwischen Muskel- 
gelenkeindrücken und optischen Eindrücken der eigenen Bewegungen 
beweist der optische Eindruck einer ähnlichen, aber von einer dritten 
Person ausgeführten Bewegung eine Belebung der entsprechenden 
Muskelgelenkspuren und ruft so einen Nachahmungsreflex hervor. 

Auf analoge Weise entsteht auch der Akt der Konzentrierung. 
Angenommen, ein Kind, welches sich in seinem Bettchen befindet 
und dort mit Kopf und Extremitäten eine ganze Reihe von Reflex- 
bewegungen ausführt, erblickt zufällig ein rotes Band, das am Bette 
herabhängt, oder einen anderen Gegenstand in der Nähe. Dies regt 
einen akkommodativen Reflex an, welcher zur Ausbildung eines inten- 
siven optischen Eindrucks führt. Dieser Eindruck bedingt es, dass 
im Fall der Wiederholung der Reflexbewegungen der optische Ein- 
druck eines roten Bandes oder eines anderen Gegenstandes, durch 
assoziierte Tätigkeit und Belebung der entsprechenden Muskelspuren 
der Augenbewegungen den Blick des Kindes auf den betreffenden 
Gegenstand richtet, und die Folge davon ist jene Form der Kon- 
zentrierung, welche ausgelöst wird durch Objekteindrücke und als 
passive Konzentrierung bezeichnet werden kann. 

In der Folge tritt der Akt der Konzentrierung, wie auch alle 
anderen Bewegungen, in Assoziation mit den organischen Bedürf- 
nissen, wobei es sich dann schon um persönliche oder aktive Kon- 
zentrierung handelt. 

Wenn, wie dies beim Phonationsapparat der Fall ist, die Reflex- 
bewegung der Atmungs- und Stimmorgane Töne hervorruft, kommt 
es zur Assoziation des Toneindruckes mit Muskelspuren, infolgedessen 
die gleichen Töne, die von anderen gehört werden, Muskelspuren 
beleben und Nachahmungsbewegungen und Töne hervorrufen. Daraus 
ergibt sich, dass auch die artikulierte Sprache wesentlich als asso- 
ziative Reflexbewegung erscheint, welche infolge der Verknüpfung mit 
bestimmten Eindrücken und inneren Zuständen die Bedeutung be- 
stimmter Symbole erhält. Aber bei dieser Art von Bewegungen, wie 
übrigens zum Teil auch bei anderen, spielt der Nachahmungsakt eine 
besondere Rolle. 

Die Symbolisierung, welche als notwendiges Element der 
Sprache auftritt, entwickelt sich nach den gleichen Gesetzen der repro- 
duktiv-assoziativen Tätigkeit. Dabei entwickelt sich, wie die Beobach- 
tung lehrt, der perzipiereude Teil der Sprache, welcher ausschliesslich 
durch Assoziationsprozess bedingt wird. Mit anderen Worten, der An- 
blick eines Gegenstandes und der gegebene Sprachlaut begegnen sich 
in gegenseitiger Verknüpfung so oft, dass sie für das Kind zu ge- 
wohnheitsmässigen Assoziationen werden ; daher belebt der betreffende 
Sprachlaut konstant die Spuren des ihm entsprechenden Gegenstandes. 



Indiv. Entwicklung d. neuropsych. Sphäre nach psycho-reflexolog. Befunden. 71 

Wenn also das Kind seine Mutter vor sich sieht und sie zugleich 
„Mama" nennen hört, kommt es bei ihm allmählich zu einer dauern- 
den Assoziation des Lautes „Mama" mit dem Bilde der Mutter, so dass 
schon der Laut des Wortes „Mama" eine entsprechende Spur hervor- 
ruft und eine aggressive Reaktion auslöst, bei welcher das Kind sich 
zur Mutter streckt. 

Selbstverständlich entwickelt sich auch der produktive Teil der 
Sprache nach dem Prinzip der Assoziationsreflexe. Anfangs erzeugt 
das Kind die Töne auf rein reflektorischem Wege unter dem Ein- 
flüsse allgemeiner organischer Reize; diese reflektorische Phonation 
führt in Verbindung mit bestimmten Lippen- und Zungenbewegungen 
zur Produktion der mannigfaltigsten Töne, welche als Lallen be- 
zeichnet werden. Später vollziehen sie sich durch Belebung von 
Muskelreizen unter dem Einfluss einer allgemeinen sthenischen Re- 
aktion und der damit zusammenhängenden organischen Eindrücke, 
welche stets die Motilität anregen. Das Lallen des Kindes ist daher 
vor allem Resultat eines durch organische Reize bedingten Reflexes. 

In einer früheren Arbeit ') wies ich nach, dass die Vokale und 
sogar einige Verbindungen von Vokalen mit Konsonanten, welche 
einsilbige Wörter bilden, wie z. B. „nu", „uh, „oh", „da", „ma", 
einfache Reflexe im Sprechapparat sind. Auf dem Boden dieser 
Reflexe entwickelt sich später die primitive Sprache in Gestalt von 
Assoziationsreflexen, wenn die gleichen Laute angeregt werden durch 
äussere Eindrücke und innere Zustände anderer Art. Mit der Zeit 
ruft schon die blosse Belebung der Muskelspuren von reflektorischen 
und anderen assoziativ-reflektorischen Sprachbewegungen oder an 
und für sich Sprachbewegungen als einfachsten Assoziationsreflex her- 
vor. Im weiteren handelt es sich um allmähliche Beschleunigung 
der primären Assoziationsreflexe durch Verdoppelung und Komplika 
tion der Silben durch akzessorische Laute, welche in ihrer Gesamt 
heit die artikulierte menschliche Sprache darstellen. In diesem Pro 
zess spielt die Lautnachahmung jedenfalls eine hervorragende Rolle 

Hat sich der Bewegungsmechanismus hinreichend ausgebildet 
nicht nur als gewöhnlicher Reflex, sondern auch als einfachster 
Assoziationsreflex, dann kommt es auch zur Entstehung anderer 
assoziativer Sprachreflexe unter Einfluss von Tonreizen, welche das 
Ohr des Kindes erreichen. Dies erklärt sich dadurch, dass, wie schon 
früher erwähnt, die mannigfaltigsten Töne der ausgesprochenen Silben 
und Worte während des kindlichen Lallens sich eng mit den Muskel- 
eindrücken von den Bewegungen der Zunge, der Lippen und des 
Stimmapparates assoziieren ; demzufolge erzeugte dann der Ton ähn- 

') Vortrag, gehalten in der Pttdologischen Sektion des Psycho-neurologischen 
Instituts. 190». Westnik psychol. (russisch). 1911. 



72 W. v. Bechterew 



liehe Worte, die in der Umgebung erklingen, durch Belebung der 
Muskelspuren entsprechende Sprachbewegungen. 

Demnach entsteht die lautimitative Sprache beim Kinde in Ver- 
bindung mit den Muskeleindrücken, welche durch das Lallen bedingt 
sind; fehlte dieses, dann könnte jene nicht zustande kommen. Die 
lautimitative Sprache entsteht also wie jeder andere Assoziationsreflex. 

Ausser der Assoziation von Toneindrücken mit Muskelspuren 
spielen eine gewisse Rolle bei der Entwicklung der Sprache der 
optische Eindruck der Lippenbewegungen dritter Personen beim 
Wortaussprechen. Bei den Tauben erfolgt bekanntlich die Entwick- 
lung der Sprache ausserordentlich unter Einfluss optischer Eindrücke. 
In diesem Fall handelt es sich um Assoziation von optischen Ein- 
drücken mit den Muskelspuren, welche durch reflektorische Sprach- 
bewegungen bedingt werden; unter Einfluss jener kommt es so zur 
Belebung von Muskelspuren, und dies führt zu Sprachbewegungen. 

Die Sprachfunktion, als persönliche Bewegung, entwickelt sich 
mit der engen Assoziierung der symbolischen Reaktion an die or- 
ganische Sphäre, auf welch letzterer die persönlichen Bedürfnisse des 
Kindes beruhen. 

Während der Entwicklung der Sprache, ehe die letztere zur 
persönlichen Bewegung geworden ist, überrascht beim Kinde neben 
einer ganzen Reihe klangnachahmender Sprachzeichen eine besondere 
Entwicklung der Gesten und der pantomimischen Bewegungen, worauf 
ich schon in meiner Arbeit: „Die objektive Untersuchung der neuro- 
psychischen Tätigkeit im Säuglingsalter" hinwies (St. Petersburg 1908). 

Diese Ergänzung der fehlenden Sprachzeichen durch klangnach- 
ahmende Zeichengesten und pantomimische Körperbewegungen im 
erwähnten Alter findet darin eine Erklärung, dass die allgemeinen 
Bewegungen und die Klangnachahmung vor der artikulierten Sprache 
auftreten, und das Kind macht in weitem Masse von diesen Be- 
wegungen Gebrauch, die seine assoziative Tätigkeit zum Vorschein 
kommen lassen. 

Es wäre noch die Unvermeidlichkeit der Assoziationen in ge- 
wissen Fällen hervorzuheben, z. B. rufen die reflektorischen Be- 
wegungen unumgängig gewisse Muskeleindrücke, denen ebenfalls 
unabänderlich die Veränderung der Seh-, Tast- und anderer Ein- 
drücke folgt. Sogar Muskeleindrücke bei den Bewegungen des 
Stimmapparates haben unbedingt Höreindrücke zur Folge. 

Auf dieser unabänderlichen Folgerichtigkeit zweier Ordnungen 
von Eindrücken, welche die unvermeidliche Assoziation ihrer Spuren 
in unmittelbarer Aufeinanderfolge bedingt und welche auch in anderen 
Fällen beobachtet wird, beruht die unabänderliche Abhängigkeit der 
Assoziationen; sie führt zur Entwicklung der sog. kausalen Assozia- 



Indiv. Entwicklung d. nenropsycb. Sphäre nach psycho-reflexolog. Befunden. 73 

tionen überhaupt und speziell logischer Assoziationen im Sprach- 
apparat. 

Selbstverständlich entwickeln sich in ähnlicher Weise im weiteren 
individuellen Leben auch die Assoziationsreflexe aus den einfachen 
Kenexen, welche auf Aussenreize hin auftreten. 

Wie die bei uns ausgeführten experimentellen Untersuchungen 
zeigen, können die auf dem Boden der gewöhnlichen Reflexe ent- 
stehenden Assoziationsreflexe selbst zur Grundlage der „sekundären" 
und sogar „tertiärer" Assoziationsreflexe werden. 

Die ganze Analyse der Tatsachen führt uns also zur Schluss- 
folgerung, dass die bei Beteiligung der reproduktiv-assoziativen 
Tätigkeit der Nervenzentra entstehenden Assoziationsreflexe der An- 
fangsgrund oder das Element aller überhaupt vom objektiven Stand- 
punkte aus betrachteten neuropsychischen Funktionen sind, die Spuren 
dieser Reflexe bilden denjenigen Vorrat der persönlichen Erfahrung, 
der die neuropsychische Tätigkeit einzelner Personen charakterisiert. 

Aus dem Gesagten folgt, dass die Psychoreflexologie, wie wir 
sie verstehen, schon bei ihrer Entstehung uns aufs Exakteste die 
Entwicklung der komplizierten Funktionen der neuro- 
psychischen Sphäre aus den einfachen oder gewöhnlichen 
Reflexen beweist; dasselbe kann uns keine subjektive Analyse der 
psychischen Tätigkeit zeigen. 

Da der gewöhnliche Reflex aus der primären Kontraktilität des 
einfachen Zellprotoplasmas sich entwickelt, so begründet die objek- 
tive Psychologie dadurch selbst die Ansicht, dass alle kompliziertesten 
Erscheinungen der neuropsychischen Tätigkeit, so wie sie in den 
Handlungen und Taten der Menschen zum Vorschein kommen, von 
der primären Kontraktilität des Zellprotoplasmas abgeleitet werden 
können. Dadurch wird die Gemeinsamkeit aller motorischen Er- 
scheinungen in der Stufenleiter der organischen Wesen, von den elemen- 
taren motorischen Vorgängen der einfachsten Zellorganismen bis zu 
den mannigfaltigsten aus den kompliziertesten Vorgängen der 
neuropsychischen Tätigkeit resultierenden Bewegungserscheinungen 
des Menschen, festgelegt. 

Die ganze Entwicklung der neuropsychischen Tätigkeit der 
höheren Wesen besteht eigentlich in der systematischen Erziehung 
der Assoziationsreflexe , die sich verschiedenartig verwickeln , der 
Hemmung oder dem Erlöschen, je nach den Umständen, unterliegen 
und dann im entsprechenden Falle wiederbelebt werden. 

Bei der Bildung der Assoziationsreflexe werden zwei Grund- 
vorgänge beobachtet, einerseits die Differenzierung im Sinne des 
Zustandekommens der Assoziationsreflexe auf immer speziellere 
Aussenreize, andererseits die Synthesierung, die darin besteht, dass 



74 W. ▼• Bechterew 



ein und derselbe Reflex auf eine ganze Reihe von qualitativ zwar 
verschiedenen, doch im Sinne der räumlichen oder zeitlichen 
Verhältnisse gemeinsame Züge besitzenden Aussenreize erfolgt. 

Anfänglich sind die Assoziationsreflexe von mehr oder weniger 
allgemeinem Charakter, da sie sich auf eine Reihe verwandter oder 
naheliegender Aussenreize bilden; später differenzieren sie sich all- 
mählich, erhalten einen spezielleren Charakter. In anderen Fällen 
aber verlieren die schon differenzierten Reflexe unter dem Einflüsse 
derselben Lebenserfahrung an Spezialisation und sind auf eine ganze 
Reihe in irgendeiner Beziehung einander naher Aussenreize hervor- 
zurufen. 

Schliesslich werden auf demBodender primärenAssoziationsreflexe, 
wie wir oben erwähnten, sekundäre Assoziationsreflexe gebildet, welche 
mit den Aussenreizen vermittelst anderer Assoziationsreize verbunden 
sind, wie es auch auf experimentellem Wege mit künstlicher Bildung 
der sekundären motorischen Assoziationsreflexe sich zeigen lässt. 

Eine weitere wichtige Tatsache, welche durch die psycho- 
reflexologische Untersuchung der neuropsychischen Sphäre aufgedeckt 
wird, besteht darin, dass alle von den Ausseneindrücken hinter- 
lassenen Spuren nichts anderes als Spuren der Assoziationsreflexe 
sind, die, wie man annehmen muss, die Bahnen des geringsten Wider- 
standes in den Nervenzentren darstellen und die bei der Belebung 
dieselben assoziativen Reflexe erregen ; dabei kann aber der Belebungs- 
vorgang selbst durch irgendwelche Umstände gehemmt werden. 

Wenn die ganze neuropsychische Tätigkeit vom streng objek- 
tiven Standpunkte aus aus einer Gesamtheit von Assoziationsreflexen 
besteht, so muss auch der Vorrat der persönlichen Erfahrung nichts 
anderes als eine Gesamtheit von temporär gehemmten Spuren statt- 
gefundener Assoziationsreflexe sein. 

Es handelt sich also nicht um „anatomische Spuren" in den 
Nervenzentren nach abgelaufenen Ausseneindrücken, sondern um 
„Spuren", die der inneren oder äusseren Hemmung unterworfenen 
assoziativen Reflexbahnen darstellen, welche jedesmal wiederbelebt 
werden, wenn die Hemmung aus irgendwelchen Gründen überwunden 
ist, da der Nervenstrom am leichtesten die einmal schon durch- 
laufene Bahn, als die des geringsten Widerstandes, betritt. 

Von einer besonderen Bedeutung ist die Frage der Lokalisierung 
der assoziativ-reflektorischen Erscheinungen im Gehirn. Die Unter- 
suchungen lehren uns, dass die Assoziationsreflexe sich in der Hirn- 
rinde bilden. Es ist aber noch eine Frage, ob es immer der Fall ist, 
doch ist es möglich, dass die Assoziationsreflexe nicht ausschliesslich 
der Ausdruck der Rinden tätigkeit sind, sondern in gewissen Fällen 
bei elementareren Aussenreizen auch der subkortikalen Ganglien. Da- 



Indiv. Entwicklung d. neuropsych. Spbare nach psycho-reflexolog. Befunden. 75 

für können vielleicht die Tatsachen der Wiederherstellung der Asso- 
ziationsreflexe nach ihrem temporären Erlöschen bei Entfernung der 
entsprechenden Rindenzentra sprechen. Zweifellos gehört aber der 
Rinde die Differenzierung und offenbar auch die Synthesierung 
der Assoziationsreflexe unter dem Einflüsse der Lebenserfahrung. 

Damit schliesse ich meine Mitteilung, welche, wie mir scheint, 
zu dem Gedanken führt, dass die Psychoreflexologie schon heut- 
zutage, wo sie noch ihre Anfangsschritte macht, Material für gewisse 
Verallgemeinerungen liefert, welche unseren Gesichtskreis auf die 
Natur der neuropsychischen Tätigkeit über die Grenzen der Ergeb- 
nisse der „subjektiven" Psychologie zu erweitern versprechen. 

Das sichert den Fortschritt und die Entwicklung der neuen 
wissenschaftlichen Disziplin. Sie unterscheidet sich von der subjek- 
tiven Psychologie durch eine wesentliche Eigentümlichkeit. Sie ge- 
stattet keinen weiten Phantasieschwung, den leicht die Subjektivisten 
bei der Beurteilung der psychischen Erlebnisse der anderen Person 
zulassen. Wenn wir die psychische Tätigkeit des anderen Menschen 
beurteilen, besonders wenn er seine Erlebnisse nicht durch Worte 
ausdrückt, sind wir gern zu Annahmen geneigt, die aus unserer 
subjektiven Welt hervorgehen und auf der Selbstbeobachtung beruhen. 
Wir schreiben unwillkürlich den anderen diejenigen Erlebnisse zu, 
welche wir selbst in analogen Umständen gehabt hätten und vergessen 
dabei, dass die neuropsychische Tätigkeit das Material ausschliesslich 
aus der persönlichen Erfahrung schafft, und insofern die persönliche 
Erfahrung jedes Menschen bei ungleichen äusseren Bedingungen ver- 
läuft, sind auch die Ergebnisse der persönlichen Erfahrung, welche 
in den Zentren in Form von belebungsfähigen Spuren hinterlassen 
werden, verschieden. Es rührt daher eine Häufung von überflüssigen, 
ja wesentlich die Entwicklung des wissenschaftlichen Gedankens 
störenden Annahmen neben reellen Tatsachen. 

Die psycho -reflexologischen Untersuchungen entbehren der- 
jenigen verlokenden Perspektiven, die uns die subjektive Psychologie 
eröffnet. Sie analysieren das Bewusstsein mit seinen inneren Er- 
lebnissen nicht. Frei von Bestrebungen und Versuchen, in die sub- 
jektive Welt der Träume und Phantasien einzudringen, gibt uns die 
Psychoreflexologie an Stelle von Poesie Prosa, indem sie die 
neuropsychischen Funktionen ausschliesslich von der äusseren Seite 
betrachtet und sie zu assoziativen Reflexen und Reaktionen zu- 
sammenführt. 

Dennoch sehen wir in der Psychoreflexologie den Schlüssel 
zum Aufbau derjenigen Funktionen des Organismus, die seit jeher 
als „seelische" bezeichnet wurden und als nicht materieller Her- 
kunft galten, aus einfachen reflektorischen Vorgängen des Organis- 



76 W. v. Bechterew 



mus, ja aus der einfachen Kontraktilität des Zellprotoplasmas, und 
dies erweitert unseren Gesichtskreis mehr als der weiteste Phantasie- 
flug des Subjektivisten und bringt gleichzeitig solche Tatsachen 
in eine Harmonie, die so vereinzelt, so widerspruchsvoll bis jetzt da- 
standen. Aus dieser Harmonie der Tatsachen, die bis jetzt als unver- 
gleichbar untereinander galten, der Harmonie, die die objektiv- 
psychologischen Untersuchungen feststellen, entnehmen wir die 
Ueberzeugung , dass die Psyehoreflexologie dasjenige Kettenglied, 
bilden wird, welches die Kluft zwischen den objektiv beobachteten 
biologischen Erscheinungen und der subjektiven Welt, die bis jetzt 
der einzige Untersuchungsgegenstand der Psychologen war, ausfüllen 
wird. Und im Augenblicke, wo das exakte Experiment die feste 
Beziehung zwischen der neuen Psyehoreflexologie und der früheren 
subjektiven Psychologie, nachdem es erst die letztere von einer 
ganzen Reihe aprioristischer Behauptungen gereinigt hat, feststellen 
wird, wird der Psychologe derselbe Naturalist sein, wie der prosaische 
Forscher auf dem Gebiete der Physik und der Chemie. Wenn seine 
Schlussfolgerungen nicht so verlockend durch ihren Schwung auf 
dem Gebiete der Vermutungen und der Ausnahmen sein werden, so 
werden sie sich doch durch eine strenge Genauigkeit auszeichnen 
und werden den wissenschaftliehen Gedanken in jenes geheimnisvolle 
Gebiet vertiefen, welches uns den Vorgang der Entstehung selbst 
und der Entwicklung der neuropsychischen Erscheinungen eröffnet. 

Die Psyehoreflexologie, indem sie über die erwähnten aprio- 
ristischen Annahmen das entsprechende Urteil abgibt und ihnen 
ihren Platz auf dem Gebiete der einfachen Phantasie zukommen 
lässt, spielt also die Rolle eines Filtrums für diejenigen keineswegs 
wissenschaftlichen Gedanken, welche heutzutage in der subjektiven 
Psychologie angehäuft sind. Der Phantasieschwung ist stets verlockend 
und, wie eine hübsche Geste, erregt er die Geister, die Wissenschaft 
aber, die strenge Wissenschaft, hat stets die Tatsachen zu beurteilen 
und die reellen von ihnen von den phantastischen zu trennen, 
weil nur die ersteren den Fortschritt des Wissens garantieren, die 
letzteren aber auf denselben bloss hemmend wirken. Und ich bin 
überzeugt, dass zur Zeit, wo die Psyehoreflexologie sich zu einer 
weiteren wissenschaftlichen Disziplin entfalten und in engen Zusam- 
menhang mit der subjektiven Psychologie treten wird, die letztere 
viele ihrer Bilder und Phantome verlieren wird, die so anziehend 
und schön sind, die aber zerbrechen und verschwinden, sobald die 
richtige Ursache ihrer Entstehung klar wird. 

Der Exaktheit wegen, durch welche die ausschliesslich auf der 
objektiven Beobachtung und Erfahrung beruhende Psyehoreflexologie 
sich auszeichnet, wünschen wir, dass sie mehr Aufmerksamkeit 



Adler: Nenropsycholog. Bemerkungen zu A. v. Bergers „Hof rat Eysenhardt". 77 

seitens der Forscher erregt, welche sich der Untersuchung der 
neuropsychischen Tätigkeit überhaupt, gleich wo und in welchen 
Formen sie zum Vorschein kommt, widmen. 



Neuropsychologische Bemerkungen zu Freiherr 
Alfred von Bergers „Hofrat Eysenhardt" 1 ). 

Von Dr. Alfred Adler, Wien. 

Einleitung. Dr. Franz Ritter v. Eysenhardt war einige Jahre vor dem 
Ausbruche der Revolution von 1848 zu Wien geboren. Seine Jugendzeit fiel in die 
schwüle Reaktionsepoche der BOer Jahre, und er trat als Praktikant beim k. k. 
Landesgericht in Strafsachen ein, während ein Umwandlungsprozess des alten ab- 
solutistischen Oesterreich in ein modernes Staatswesen sich vollzog. 

Eysenhardt hatte seine Karriere in erster Reihe seinen ausserordentlichen 
Fähigkeiten zu verdanken. Er verstand es vortrefflich, die Qualitäten des vormärz- 
lichen Beamtentums mit den Anforderungen, die der Geist der neuen Zeit an den 
Staatsdiener stellte, in seiner Person zu verschmelzen. Als Grundfarbe seiner politi- 
schen Gesinnung liess er im geeigneten Moment die bedingungslose Kaisertreue kräftig 
hervortreten. 

Der Ruf seines kriminalistischen Genies und seiner glänzenden Rednergabe 
steigerte sich zur Popularität. Er wurde zum Staatsanwalt ernannt zum Schrecken 
der Verbrecherwelt und der Advokaten. Nach einer Reihe von Jahren wurde er in 
den Richterstand zurückversetzt und trat als Präsident in schwurgerichtlichen Verhand- 
lungen auf. Man bewunderte seine Geisteskraft und sein ungeheures Gedächtnis. 
Seine Parteilichkeit wurde ihm zuweilen vorgeworfen. Er schien immer unbewusst 
auf die Verurteilung des Angeklagten hinzuarbeiten; die Härte der Strafen, die ver- 
hängt wurden, so oft Eysenhardt Vorsitzender war, erregte bei allen Entsetzen. 
Doch man empfand es bei ihm nur als Ausdruck eines gegen sich und andere gleich 
strengen Rechtsgefühls, das sich durch keinerlei Rücksicht im geringsten erschüttern 
liess. Alle Welt betrachtete es als die gerechte Belohnung seiner Verdienste, dass 
Oun einer der höchsten Posten im Landgericht anvertraut und der Titel eines Hofrats 
verliehen wurde. Man sagte damals, Eysenhardt sei dazu ausersehen, im nächsten 
Ministerium das Justizportefeuille zu übernehmen. 

Das Aeussere, sowie das Privatleben von Eysenhardt waren nicht gewöhn- 
lich. Er hatte keinen Freund, nicht einmal wirkliche Bekannte; ganze Tage ver- 
gingen, an denen er ausser dem, was das Amt erforderte, kein Wort sprach. Sein 
Wesen war verschlossen, unfreundlich, und er sah schüchtern aus. Solche Eigen- 
schaften verdankte er nicht im geringen Masse der überaus strengen, ja grau- 
samen Erziehung, die er als Kind genossen hatte. Sein Vater züchtigte 
ihn mit einer Reitpeitsche für das geringste Vergehen und nährte auf diese Weise die 
Rachsucht im Knaben. Die grausame Behandlung seitens des Vaters hatte ein Ende, 
als der kleine Eysenhardt sich für sein erspartes Geld einen Revolver kaufte und 
damit seinen Vater bedrohte. Auch zeigte Beine Jugend verschiedene sexuelle Abnor- 
mitäten; er verkehrte nie mit anständigen Mädchen, war aber ein oft gesehener Gast 
in verrufenen Häusern, auch wurde bekannt, dass sein Vater ihn einst furchtbar 
prügelte, als sich der Junge einmal für sein erspartes Geld feine Dam engl ace- 
handschuhe gekauft hatte. Wenn er sich allein wusste, bedeckte er die 
Handschuhe mit zärtlichen Küssen. 



') Vortrag, gehalten im „Verein für freie psychoanalytische Forschung in Wien." 



78 Alfred Adler 



So lebte Eysenhardt, verachtet, gefürchtet und bewundert zugleich in see- 
lischer und geistiger Abgeschlossenheit, gewissenhaft seine Amtspflichten erfüllend, 
sein Leben dahin, als plötzlich ein grosser Umschwung sich in ihm vollzog. Seine 
äussere, von Kopf bis zu Füssen unmoderne Erscheinung war in Wien wohlbekannt. 
Eines Tages vertauschte er seinen kurzen struppigen Vollbart mit einer eleganten 
Bartfasson, bestellte sich neue moderne- Kleider und veränderte sich so äusserlich un- 
gemein. Aber nicht nur äusserlich. Sein hartes finsteres Wesen schien von innen, 
heraus eine Erhellung empfangen zu haben, die auf sein leibliches Befinden und seinen. 
Charakter wohltätig wirkte. Diese Metamorphose wurde so gedeutet, dass Eysen- 
hardt bald eine sehr hohe, wenn nicht die höchste Stelle im Justizdienst einnehmen 
werde. Und man ging in dieser Annahme soweit nicht fehl, als auch Eysenhardt 
seine Beförderung erwartete. — In diesem gehobenen Zustande verbrachte Eysen- 
hardt 3 Wocheu, bis ein unbedeutender Vorfall dieser einzigen wirklich glücklichen 
Periode in Eysenhardts Leben ein Ende machte. Es fiel ihm nämlich ein Zahn 
heraus. Dieses Zeichen des Alterns traf ihn völlig unvorbereitet und übte auf 
Eysenhardt eine fürchterliche Wirkung aus. Dia Störung seines .Nerven- und 
Seelenlebens wollte nicht mehr in Ordnung kommen, und er wurde immer von Zwei- 
feln geängstigt, ob nicht seine geistigen Fähigkeiten Symptome der Abnahme 
verrieten. Sein sonst unerschütterliches Wesen erfüllte jetzt ein unbestimmtes Bangen 
vor etwas ihn Bedrohendem. 

Als die erwartete Ministerkrisis ihm kein Justizportefeuille brachte, wirkte das 
auf Eysenhardt wie ein elektrischer Schlag. Jetzt musste er immer über die 
Gründe nachdenken, warum man ihn übergangen habe, dabei musste er sich mit seinem 
Ich intensiv beschäftigen, was für ihn völlig neu war. Er war auch kein Versteher 
menschlicher Regungen und Taten. Er besass nur eine ausserordentliche Virtuosität, 
den „verbrecherischen Prozess", der den Angeklagten Schritt für Schritt zum Ver- 
brechen geführt hatte, aus dem Aktenmaterial herauszuarbeiten und drastisch dar- 
zulegen. Aber er sah im Verbrecher nie ein ihm selbst verwandtes Geschöpf. Seit 
er aber innerlich litt, begann er anders zu werden. Sein Gewissen begann ihn zu 
quälen, er litt in der Nacht an Halluzinationen und einmal erschien ihm bei einer 
solchen ein von ihm angeblich wegen Kinderschändung streng verurteilter Angeklagter, 
Markus Freund. Bei allen diesen Halluzinationen, wo er immer die von ihm 
Angeklagten sah, war er der Angeklagte, und die anderen die Kläger. Von der 
Zeit an, als ihm Markus Freund erschien, verliess ihn der Gedanke an diesen auch 
am Tage nicht, und so beschloss er, den Akt Freund wieder durchzuarbeiten, um 
sich selbst zu beweisen, dass Markus Freund schuldig war. Aber auch dazu 
konnte er eich nicht entschliessen, bis er zufällig hörte, dass Markus Freund gestor- 
ben, und zwar genau in derselben Nacht, wo er ihm erschienen war. Seit dieser Be- 
gebenheit schritt die Zerrüttung seiner Nerven immer weiter, und er glaubte, alle 
Welt mit der Sache Freunds, ebenso ausschliesslich wie sich selbst, beschäftigt; auch 
brachen Hand in Hand mit dem Niedergang seiner stahlfesten Persönlich- 
keit die elementaren sinnlichen Instinkte seiner Natur hervor. Im Hause war die 
innere Zerrüttung Eysenhardts ziemlich unbemerkt geblieben; das Auftauchen der 
neuen ihn marternden Zwangsidee hatte die frühere, die sich auf das Nachlassen 
seiner geistigen Fähigkeiten bezog, in den Hintergrund gedrängt, so dass sein Kopf 
wieder freier und leistut.gsfähiger wurde. Noch einmal gelang es Eysenhardt sich 
aufzuraffen, als man ihn dazu bestimmte, den Vorsitz in einem sehr wichtigen Spionage- 
prozess zu führen. Diese Mitteilung wurde noch durch die vertrauliche Andeutung 
versüsst, er sei bei der Besetzung des Justizportefeuilles nur darum übergangen worden, 
weil man ihn für die Lösung der überaus schwierigen Spionagesache aufsparen wollte. 
Eysenhardt schien wieder der Alte geworden zu sein und vergass auch den Mar- 
kus Freund. 

Aber in den Abendstunden des letzten Tages, vor Beginn der Schlussverhand- 
lung im Spionageprozess, ereignete sich etwas, was Eysenhardt zum Selbstmorde 
trieb. Die Ursache dieser Katastrophe wurde nicht ganz aufgehellt, aber man brachte 
sie in einen Zusammenhang mit dem Spionageprozess, hei welchem die Frau und die 
Tochter des Angeklagten, ein minderjähriges Mädchen, eine Rolle spielten 



Neuropsycholog. Bemerkungen zu Freih. A. v. Bergers „Hofrat Eysenhardt". 79 

und mit seinem letzten nächtlichen Abenteuer, wo ihn ein Polizeiagent in einem ver- 
rufenen Lokal in einer für ihn ungünstigen Situation erblickt«. Eysenhardt hinter- 
liess ein Schreiben, das folgendermassen lautete: 

.Im Namen Seiner Majestät des Kaisers! 

Ich habe ein schweres Verbrechen begangen und fühle mich unwürdig, fürderhin 
mein Amt auszuüben und überhaupt weiter zu leben. Ich habe selbst die härteste 
Strafe über mich verhängt und werde sie in der nächsten Minute mit eigener Hand 
an mir vollstrecken. 

Eysenhardt." 

Schon längst haben wir die Frage, oh es gestattet ist, Gestalten 
eines Kunstwerkes auf die in ihm enthaltenen Triebkräfte zu untersuchen, 
mit einem „Ja" beantwortet. Dabei gelten bloss die allgemeinen Gesetze 
des Taktgefühls, über dessen Grenzen eine vollkommene Einigung aller- 
dings nicht zu erzielen ist. 

Bei der Lebensgeschichte des Hofrat E. kommt noch ein schwer- 
wiegender Grund hinzu, die Aufmerksamkeit der Psychologen auf diese 
Novelle zu lenken, die Lebenswahrheit, die nicht etwa durch die An- 
lehnung an eine historische Persönlichkeit erzeugt ist, sondern durch die 
Gestaltungskraft eines psychologischen Künstlers, der uns öfter schon 
solche Proben intuitiver Kenntnisse der Menschenseele gegeben hat. Es 
würde mich nicht wundernehmen, wenn jeder der heute wirken- 
den Fachpsychologen Bergers Schöpfung als eine Bestätigung, 
wenn nicht gar als eine Nachempfindung seiner Lehren in Anspruch 
nähme. Sieht doch jeder nur, was er weiss, und sucht doch 
jeder dieses Wissen in die Betrachtung der menschlichen Seele und der 
Kunst hineinzutragen, wie der geistreiche Steinherr in Bergers Buch 
ähnlich hervorhebt. 

Wir wollen das reiche Gut unserer Dichter und Denker 
unangetastet lassen, wollen vielmehr an ihren Schöpfungen er- 
messen, ob wir auf richtigem Wege sind und wie viel wir mit unserer 
Arbeitsmethode der vergleichenden Individualpsychologie da- 
von begreifen werden. 

Unser Arbeitsgebiet nun führt uns freilich in die gleiche Richtung, 
die Bergers Kunst uns erschlossen hat. Wir beschäftigen uns immer 
mit auffallenden Charakteren, wir sind gewohnt, den Keim eines Schick- 
aals bis in die Kindheit und weiter zurück zu verfolgen, unser Interesse 
umspinnt die auffallenden Wandlungen der Persönlichkeit, und 
immer wieder suchen wir die verschiedensten Gedankengänge und Be- 
tätigungsformen eines Menschen einheitlich zu begreifen. 

Die eingehende Enquete über Phantasien der Kinder 
inbetreff der künftigen Berufe, die wir den Fachpädagogen unseres 
Vereins verdanken, hat uns ebenso, wie unsere Erfahrungen an nervösen 
Menschen, belehrt, dass die Berufswahl trotz aller einschränkenden 
Grenzen oft den innersten Kern eines fiktiven Lebensplanes zu 



80 Alfred Adler 



enthüllen geeignet ist, dass die Berufswahl unter dem Diktat einer 
vergöttlichten Persönlichkeitsidee steht 1 ). 

Unsere ganze Aufmerksamkeit ist dem Zusammenhang von Per- 
sönlichkeit und Nervosität gewidmet. Aus diesem Zusammenhang 
aber ergeben sich, soferne wir den Begriff der Neurose richtig fassen, alle 
jene prinzipiellen abstrakten Leitlinien der menschlichen Psyche, 
welche den Charakter der eigenartigen Persönlichkeit ausmachen, sei 
sie nun Schöpfer oder Vernichter von Kulturwerten, sei 
sie Säkurlarmensch oder armseliger Träger der Psycho- 
neurose und Psychose. 

Unsere bisherigen wissenschaftlichen Urteile undVor- 
urteile über den psychologischen Aufbau eines eigenartigen 
Menschen finden in der Schilderung des „Eysenhardt" reichliche Nahrung. 

Der Dichter hat seinen Helden so sorgfältig und allseitig gestaltet, 
dass wir mit munterem Sammelfleisse den Spuren seiner Arbeit folgen 
können, nicht ohne warnend hervorzuheben, dass derEeiz eines 
Kunstwerkes aus seiner Synthese stammt, während die Analyse 
entgöttert und entweiht. 

Denn nun erwächst uns die Aufgabe, Ihrem allgemeinen Interesse 
für das Buch entsprechend, den Versuch einer Gruppierung zu unter- 
nehmen, aus der sich die Dynamik der Lebensäusserungen unseres 
Helden verstehen lässt, teils damit wir Stützen und brauchbare Formeln 
für unsere Menschenkenntnis gewinnen, teils um unsere praktische Tätig- 
keit im Interesse der Erziehung und der Heilung auszugestalten. 

Beginnen wir mit der körperlichen Eigenart E.s. — Wir 
hören von schmächtigen Schultern, buckeliger Stirne, buschigen Augen- 
brauen, spätem Erscheinen des Schnurrbarts, von galligem Teint und 
bläulichen Bingen um die Augen, von Magen- und Gallenbeschwerden. 
Um ganz klinisch zu sprechen, vor uns taucht die Gestalt eines Mannes 
auf, dem die Beste einer Bachitis anhaften, der Minder- 
wertigkeitserscheinungen von Seiten des Verdauungs- 
traktes aufweist und eine Andeutung von Verkümmerung 
sekundärer Sexualcharaktere, wie sie in diesen Fällen 
häufig sind. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, dass dieses 
Ensemble körperlicher Erscheinungen mit seinem Heer störender Folgen, 
Schmerzen, Unzulänglichkeiten zu einer Selbsteinschätzung in der Kind- 
heit führt, deren Ergebnis ein Gefühl der Minderwertigkeit und 
Unsicherheit ist. 

Die Situation des kleinen Eysenhardt als einziges Kind des überaus 
strengen Vaters mag nicht wenig zur Verstärkung seines „Sentiment 
d'incompletude" beigetragen haben. 



') Krämer in „Arzt und Erzieher", E. Reinhardt, München 1913. 



Neuropsycholog. Bemerkungen zu Freih. A. v. Bergers „ Hofrat Eyienhardt". 81 

Um nun die Rechnung des Lebens ansetzen zu können, um Sicher- 
heit zu gewinnen, muss die Psyche solcher Kinder ihren normalen Kunst- 
griff kompensatorisch übertreiben und die leitende Persönlichkeitsidee 
höher anbringen und dogmatischer festhalten. Und sie folgen in ihrem 
Gehaben nun der Gottheit, die sie selbst geschaffen haben, und die jetzt 
scheinbar als Gott, Teufel, Dämon alle ihre Schritte lenkt. Ihr Wollen 
und Begehren wird ausdrucksvoller und aggressiver , ihr Tun heimlicher ; 
Herrschsucht, Neid, Grausamkeit, Geiz lodern mächtig auf, undihre Bereit- 
schaften für das Leben werden vorsichtiger aber präziser ausgestaltet. 

Aber folgen wir lieber der Schilderung Bergers. E. ist 
ein Streber, unterwürfig und von aufdringlichem Patriotismus. Er ist 
hartherzig und mutig. Er spielt den Retter der Gesellschaft, verfügt 
über Geschicklichkeit, grosse Rednergabe, Geisteskraft und über ein 
hervorragendes Gedächtnis. Seine Neugierde und Wissbegierde, dabei 
sein Scharfblick geben ihm die Eignung zu einem Detektivgenie. Dabei 
ist er einsam, egoistisch, bewahrt die alten Formen und liebt die scharf 
herausgearbeitete Linie in Haltung, Gang, Lebensgewohnheiten und Maxi- 
men. Gleichgültig ist er keinem. Er findet ebensoviel Hass als Bewunderung. 

Gottlieb Steinherr, non arrivee, sonst an Originalität E. nichts 
nachgebend, kennt das Persönlichkeitsideal E.s aus dessen früherer Zeit, 
wo sein Streben geradliniger und offener zum Ausdruck kam. Er ent- 
scheidet: E. ist ein Fall von Umbildung verbrecherischer 
antisozialer Instinkte ins Richterliche. Seine Leitlinien 
sind brutale sexuelle Sinnlichkeit und massloser Ehrgeiz; 
er will die Männer beherrschen, womöglich knechten, die 
Weiber besitzen. 

Erinnern wir uns an die Feststellungen. Hochangesetztes 
fiktives Persönlichkeitsideal, das am Vater zu scheitern 
droht. Er lernt die Umgehung und scheinbare Unterwerfung unter 
die Macht, zielt aber eines Tages mit dem Revolver nach dem Kopf 
des Vaters. Seine Persönlichkeitsidee hat sicher viele Züge von dem 
grausamen Vater erborgt, geht aber weit über diesen hinaus, lehrt ihn 
den Starken auszuweichen, die Schwachen zu bedrücken. In seinem 
sexuellen Verhalten liegt die Analogie, nicht der Ursprung. 
Seine angreifende Attitüde wird zögernd, geht nur auf den 
Handschuh, wenn es sich um eine Dame handelt. Die starke Frau, das 
Riesenweib, Dions Furie erfüllt ihn mit Schrecken. Er macht die Dirne 
zur Dame, ihm schwebt die Eroberung des Kindes vor, er könnte 
ebenso den Weg zum Manne finden, den er gering schätzt 
und überwinden gelernt hat, oder zur ohnmächtigen Frau, 
oder zur Leiche. 

Seine psychische Geste sucht die Linie, die Maxime. Er geht am 
Rande des Trottoirs, er bewegt sich an der haarscharfen Grenze der 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 6 



Alfred Adler 



bürgerlichen Moral, seine Feder, sein Bleistift liegen bei seinem Tode 
an ihrem genau bestimmten Platz. Er hat das Mass für seine über- 
spannte Aggression gefunden, und um sich als Mann zu beweisen, genügt 
ihm sein Beruf und die Norm seiner sexuellen Banalitäten. Sein Beruf 
aber bietet ihm reichlich Gelegenheit, den Schein seiner Ueberlegenheit 
einzuheimsen. Er entwertet den Menschen, um selbst ein Gott zu werden. 
Je höher er steigt, desto schwächer wird seine Energie. Der Aufbraucb 
seiner Kräfte lässt nach, wenn er sich auf der aufsteigenden Linie 
bewegt. Ihm winkt ein Ministerportefeuille, und er wird human. Soziale 
Gefühle spriessen auf und sprengen den starren Panzer seiner Strenge 
gegen den Mitmenschen. E. macht eine Veränderung durch, wenn er 
seiner Gottähnlichkeit näher rückt. 

Gibt es eine derartige Aenderung eines Menschen, sagen wir eines- 
Neurotikers? Kann sich sein Charakter verwandeln? Wenn wir nur 
auf die entwickelte Neurose achten, so findet man häufig eine solche 
Konstanz der Erscheinung, dass man wie vor festgefügten Konstruktionen» 
zu stehen glaubt. Eine tiefere Einsicht lässt erkennen, dass nicht einmal 
in dieser Phase der gleiche Ablauf der Psyche zu finden ist. Der Kranke 
ist bald heiter erregt, bald deprimiert, überschwänglich und niedergedrückt,, 
trostlos und hoffnungsfreudig, unternehmend und verzagt, kurz, man findet 
alle Züge in gegensätzlicher Anordnung, wie sie Lombroso 
als bipolare, ich als hermaphroditische, Bleuer als amphigene, andere 
Autoren als double vie, Bewusstseinsspaltungen etc. beschrieben haben 1 ). 
Im Stadium vor der entwickelten Neurose, das gleichwohl neurotisch, 
gewöhnlich aber als Stadium der Gesundheit oder der Disposition 
beschrieben wird, sind derart gegensätzliche Leistungen ebenfalls zu 
beobachten. Schon in der Form des Schwankens und Zweifeins, in der 
Aengstlichkeit, Schüchternheit und in der Furcht vor der Entscheidung, 
im Beben vor allem Neuen lassen sich aktive und passive Züge, 
Regungen, die sich der Wirklichkeit und solche, die 
sich dem Persönlichkeitsideal nähern, wahrnehmen. Die 
entwickelte Neurose tritt als stärkere Sicherung ein und 
bringt dann prinzipiellere Züge zum Vorschein. 

Hofrat E. erwartet die Krönung seines Ehrgeizes. Wir wissen T 
dass eine solche real bei Nervösen nicht befriedigend erfolgen kann, 
weil das leitende Ziel zu hoch gesteckt, imaginär ist. Gleichwohl 
steht mancher Nervöse zuweilen vor der Erwartung froher Ereignisse, 
zaghaft meist und mit innerem Beben , aber sichtlich gehoben , und so 
im Zug seines gesteigerten Persönliehkeitsgefühls hingerissen, dass er 
„ein anderer Mensch" wird. Der Autor zeichnet dieses Stadium mit 
Humor und lässt E. sich in einen modernen Menschen verwandeln, dessen 

l ) Die nie als Ursache sondern, wie ich gezeigt habe, als Mittel der Neurose- 
zu verstehen sind. 



Neuropsycholog. Bemerkungen zu Freih. A. v. Bergers „Hofrat Eysenhardt". 83 

Körperlichkeit gleichfalls gehoben erscheint. Eine elegantere, moderne 
Bartfasson löst den kurzen, struppigen Vollbart ab, nicht ohne dass ein 
neurotischer Zug dabei vermerkt wird : die Trauer über die Loslösung 
eines körperlichen Besitzes. Wir wissen schon, dass E. dabei den 
Verlust eines Stückes seiner Männlichkeit betrauert. Aber 
er wird wohlwollend und umgänglich, denn die Hebung seines 
Persönlichkeitsgefühls erlaubt es ihm, auf die Unterstreichung der 
Distanz zu verzichten. Er spart nicht mit Rat und aufmunterndem 
Lob, zeigt sich aufgeklärter und lässt von seinem starren Bestreben, 
den andern ins Unrecht zu setzen. Er spielt seine alte Rolle, er ist 
noch immer das gleiche Vieleck Steinherrs, aber in günstigerer 
Position. Auch die Angeklagten gewinnen, sie sind nicht mehr die 
notwendigen Opfer der sadistisch aufgestachelten Jagdlust E.s, dessen 
Physiognomie den Ausdruck angespannter Herrschsucht verliert. 
Der sichernde Zug der Sparsamkeit mildert sich, und sogar die 
Empfindung, das scheinbare unveränderliche Urelement 
unserer Anschauung und Erkenntnis zeigt insoferne einen 
Wandel in gegenteilige Betonung, als die frühere lustvolle Ausübung 
seines Berufes ihm nunmehr als ein gewaltiges Leiden erscheint, von 
dem er jetzt ausruhen will. „Omnia ex opinione suspensa sunt" . . . 

Sein Leben und seine Haltung zeigen die neurotischen, suchenden 
Vorbereitungen für die erwartete Ministerstelle, und sein Gedächtnis 
wirft jene Erinnerungsschlacken auf, die diesen Vorbereitungen günstig 
sind. Dazwischen taucht das alte Gefühl der Unsicherheit, der Angst 
vor der Entscheidung auf, die Platzangst, wie B e r g e r an anderer Stelle 
sagt, als ob er im Gefühl seiner unvollendeten Männlichkeit, an seinem 
Vater zuschanden geworden, auch diesmal den kürzeren ziehen könnte. 

Ein unterer Schneidezahn ist locker geworden und bricht beim 
Essen aus. Die symbolische Macht dieses Ereignisses, abermals eine 
Verkürzung, abermals ein Verlust eines körperlichen Anteils, eine 
Einbusse männlicher Kraft, wirkt auf E. mit der Macht einer aber- 
gläubischen Regung oder was intellektuelle Köpfe an ihrer Stelle bergen. 
Das nahende Ende! Alles ist vergänglich, diese Lehre trifft ihn knapp 
vor dem heiasersehnten Triumph, für den er alles im Leben getan hat, 
auf dem sein ganzer Lebensplan aufgebaut ist. Die alte Unsicherheit 
nimmt ihn gefangen. Wie, wenn auch seine geistige Potenz, seine 
hauptsächlichste Waffe schwinden würde? Wieder greift er zu dem 
Mittel, das ihm gewohnheitsmässig gegeben ist, er will Ueberzeugung, 
Sicherheit, Prüfung — aber bei der innerlichen Selbstprüfung, 
die er eingeht, hat er es in der Hand, seinen Kurs nach 
oben oder nach unten anzusetzen. Was er zumeist fürchtet, 
sind wieder nicht Tatsachen, sondern der Schein, als ob ihm die Macht 
genommen würde, die er vor der Welt besessen hat. Die Konstruktion 



84 Alfred Adler 



von Angst in diesem Stadium hypochondrischen Zweifels soll ihn zur 
Vorsicht anspornen. Druck auf dem Herzen, leichte Angstgefühle sind 
die halluzinatorisch verstärkten Sicherungen und Memento. Die machtvoll 
konstruierte Rolle der selbstsicheren Persönlichkeit aber sehen wir bis 
in ihre Wurzeln erschüttert. Als die Enttäuschung eintrifft, sein Triumph, 
das Justizportefeuille im neuen Ministerium zu erhalten, zerrinnt, trifft 
dies einen bereits unsicher gewordenen, aus seinen alten sichernden 
Konstruktionen herausgeschleuderten Kranken. 

Was geschieht in allen solchen Fällen, wenn jeder Weg zum 
Triumph abgeschnitten ist und das bohrende Gefühl abnehmender 
Männlichkeit nach festen Stützpunkten sucht, um sich aufzuraffen? 
Wieder treten Versuche und Vorbereitungen zutage, Beweise zu finden, 
dass die frühere Persönlichkeit nicht vermindert sei, dass sie fester als 
je begründet ist. Die notorischen Gewohnheiten E.s führen ihn häufiger 
in die Kärtnerstrasse und deren Seitengässchen, und man darf annehmen, 
dass seine entartete Sexualität wie in allen klimakterischen Neurosen 
nicht einer biologischen Welle der Sexualkraft entspringt, sondern ein 
corriger la fortune, eine Selbsttäuschung ist, als deren Grundlage der 
verstärkte Wille zur Macht, die verstärkte neurotische Leitlinie in Kraft 
getreten ist. Auch der Autor neigt sich dieser Auffassung zu, wenn er 
E. vom Vorwurf der Liederlichkeit sich freisprechen lässt und ihm ein- 
gibt, seine sexuellen Banalitäten seien weit eher Akte der geheimen 
Verzweiflung, also das, was wir als den männlichen Protest im 
Falle des Gefühls der Her absetzung, des auftauchenden Minder- 
wertigkeitsgefühls , bei Verlust des Gefühls der Persönlichkeit kennen 
gelernt haben. 

Noch in anderer Beziehung geht mit E. eine Wandlung vor sich ; 
sie zeigt uns wieder, wie die Konstruktion eines Charakters im Strom 
der Welt von der eigenen „opinio" abhängig ist, also wandelbar und 
wie eine Schablone auszutauschen, da das Charakterbild nie Selbstzweck, 
sondern die psychische Attitüde vorstellt, mittelst welcher das 
Persönlichkeitsideal auf kürzestem Wege zu erreichen wäre, oder gegen 
den Schein unüberwindlicher Schwierigkeiten auf Umwegen erobert 
werden soll. E. wird menschlich, human, er kann auch anders. „Der 
hermetische Verschluss seines Ichs gegen fremde Ich war gelockert." 
Sein „Gewissen" erwacht. Wir konnten zur Vermutung kommen, dieses 
Erwachen des Gewissens sei ein Kunstgriff der menschlichen Psyche, 
um in einer unsicheren Lage die Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls 
durchzusetzen. Das Erwachen des Gewissens, die Einsicht begangener 
Fehler bringt den reuigen Täter in die Nähe irgend eines Gottes. Sie 
stützt sich regelmässig auch auf einen Gegenspieler, dem gegenüber die 
eigene Ueberlegenheit zutage tritt. Wer ist nun E.s Gegenspieler? 
Wen will E. diesmal ins Unrecht setzen, er, dessen Lebensplan immer 



Neuropsycholog. Bemerkungen zu Freih. A. v. Bergers „Hofrat Eysenhardt". 85 

das Unrecht des andern verfolgte ? Wer ist nun der Angeklagte dieses 
Schauspielers, der die Geste, die Attitüde stets in seiner Gewalt hatte, 
bis sie sich selbstherrlich machte und nun den gefangenen E. zwingt, 
seine Leitlinie wörtlich zu nehmen, die Fiktion von seiner Gottähnlichkeit 
zu verstärken und bis zu Ende einzuhalten? Sein Gegenspieler 
ist jetzt der Staat, das herrschende Regime, die patriarchalische, 
väterliche Gewalt, die belohnt und bestraft. E.s Demütigung war ein 
Missgriff. Der Staat hatte keinen besseren Diener. Aber dieser Diener 
besass einen unstillbaren Drang, sich zum Herrn der Staatsgewalt auf- 
zuschwingen. Und als er sich um seine Fiktion, um sein vermeintliches 
Eecht betrogen sah, da setzte er jene Griffe an, die ihm die 
gefährlichsten schienen. Der Umschwung seiner Gesinnung ins Milde, 
Weichherzige war der stärkste Angriff, die kräftigste Revolte gegen den 
Staat. „Milde ist Anarchie", hatte er immer gepredigt, also wurde E. milde. 

Man sieht den Formenwandel seiner leitenden Fiktion. Anfangs 
wollte er etwa, wie er es in seinen Vorbereitungen fürs Leben dem 
Vater gegenüber geübt hatte, durch Unterwerfung sich zum Herrn 
machen. Als dieser Weg vor dem Ziele abbrach, schuf er stärkere 
Sicherungen und Konstruktionen, bog von der Linie ab und fand die 
Revolte des richterlichen Mitleids. 

Das Konzept, das E.s Leiden schilderte, wurde nicht verbrannt. 
Der Autor berichtet, E. vergass es zu verbrennen. Berger ist zuviel 
Psychologe, um damit etwa abzuschliessen. Im Sinne unserer letzten 
Erörterung wollen wir fortfahren : E. wählte das Arrangement des Ver- 
gessens, um seine Revolte auch weiterhin anzuzetteln, zu zeigen, wohin 
Treue gegen den Staat führt. 

Wir wollen uns an die Fiktion E.s erinnern, die seinem männlichen 
Protest seit seiner Karriere den Weg wies: durch Unterwerfung 
unter die Macht zur Herrschaft zu gelangen. Man kann ihre 
Spur weithin zurück verfolgen, mindestens bis in die Zeit, wo er in 
seinem geradlinigen Angriff gegen den Vater scheiterte und zu einem 
Umweg gezwungen war. Geradlinig war keiner von E.s Charakterzügen 
geblieben. Nun ist er auf seiner Hauptlinie gescheitert, dazu in einer 
Zeit, wo ihm der Tod einen Boten geschickt hatte. Was rechnerisch 
zunächst zu erwarten war, ein Fallenlassen der Umbiegung, ein offener 
Angriff gegen den Staat, der treue Dienste so schlecht gelohnt hatte, 
eine Verwerfung der Maximen und Imperative, die ihn im Interesse des 
Staates und seiner selbst gebändigt hatten, sahen wir zum Teil am 
Werke: die anarchistische Milde gewann im Kurs bei E. 

Uns Nervenärzten sind die Fälle geläufig, wo alternde Menschen 
Revolten anzetteln, ihren Beruf, ihre Familie verlassen, aus Reih und 
Glied austreten, um unter den mannigfachsten Vorwänden einen 
Formenwandel ihrer fiktiven Leitlinie vorzunehmen. 



86 Alfred Adler 



E. sucht jetzt Annäherung an die früher verfehmte Medizin und 
Psychiatrie. Auch sie war ihm früher als destruktiv, anarchistisch 
erschienen. Aher die Aussprache mit einem Arzt sah er als Erniedrigung 
an. So brachte er seine hypochondrischen und Angstzustände zu Papier, 
indem er zugleich den kranken Menschen aus sich herausrückte und wie 
von einem andern berichtete, um sein Persönlichkeitsgefühl zu salvieren. 

Es war in der Zeit, als er auf seine Ernennung zum Minister 
hoffte, — da trat jener aufregende Verlust des Zahnes ein. Und daran 
schlössen sich Gedankengänge und Enipfindungsfolgen, als wären seine 
Fähigkeiten, insbesondere sein Gedächtnis im Abnehmen begriffen. 

Dies ist die typische , zögernde Attitüde des Nervösen, 
sobald eine neue Situation, eine neue Aufgabe in Sicht ist. E. mit 
seinen ehernen Griffen für die gewohnte Umgebung, die ihm Triumphe 
gibt, hat die Elastizität verloren und traut sich kaum die Umformung 
zu, die er für das neue Amt benötigt. Berger kommt uns auch hier 
zu Hilfe und schildert die tastenden Vorbereitungen, E.s Umwandlung 
seines äusseren Menschen, die Aufhellung seiner Physiognomie etc. Wir 
schliessen aus diesem prinzipiellen Gehaben und seiner zwangsweisen 
Durchführung auf die innere Unsicherheit E.s. — Es ist die gleiche 
Unsicherheit, die ihn aus der Gesellschaft, aus dem Verkehr mit wert- 
vollen Frauen getrieben hat. Er traut sich bloss die Herrschaft 
über Dirnen und über Verbrecher zu. 

Die Psyche und die neurotische Psyche insbesondere hat ein eigen- 
artiges Mittel, einen Kunstgriff zur Verfügung, mit dem sie stets in 
unsicheren Situationen einsetzt. Sie setzt die eigene Stärke besonders 
niedrig an, sie unterstreicht die eigene Minderwertigkeit; um Raum zur 
Entfaltung zu gewinnen oder um der Entscheidung ausweichen zu dürfen, 
oder auch um den Kampfplatz zu verschieben, weicht der Nervöse gleich 
am Anfang zurück. Dies ist die Position, die ihm vertraut ist, von 
dort aus weiss er die Rechnung des Lebens anzusetzen. Jetzt werden 
alle Stachel des Neides, der gereizten Herrschsucht und Aggressionslust 
fühlbarer, und die Vorsicht behütet jeden Schritt, um den Sieg herbei- 
zuführen. In dieser zögernden Attitüde der Vorsicht liegen 
beim Nervösen alle Bedenken über den Mangel an Fähigkeiten. Und 
wir sehen schon, es ist kein Zurückweichen bloss, wenn E. so tut, als 
ob sein Gedächtnis nachgelassen hätte. Es ist vielmehr die stärkste 
Sicherung, der beste Griff, sich zu warnen, seine Aufmerksamkeit zu 
verdoppeln, alle Kräfte zu mobilisieren, um sein leitendes Ziel, sein 
Persönlichkeitsideal zu erreichen, oder unter dem Vorwand der Krankheit 
seine Empfindlichkeit zu schonen, falls er nicht reüssieren sollte. 

Welche Rolle aber spielte in diesem Zusammenhange der verloren 
gegangene Zahn? «Man kann die Wertschätzung E.'s für jeden kleinsten 
Teil seines Körpers nicht hoch genug veranschlagen. Der Nervöse kann 



Xeuropsycholog. Bemerkungen zu Freih. A. v. Bergers „Hofrat Eysenhardt". 87 

in seinem Gefühl der Verkürztheit keine Einbusse ruhig vertragen. Auch 
die bekannte symbolische Kraft, die zu allen Zeiten den Verlust eines 
Zahnes umspielte 1 ), die mit Gedanken an Tod, Alter, Krankheit, Schwanger- 
schaft sich verband, darf nicht ausgeschaltet werden. In Träumen und 
Phantasien kann man die Bedeutung des Zahns als von etwas Wach- 
sendem, Nachwachsendem, als Sinnbild der männlichen Kraft, Verlust 
des Zahnes als Symbol der Entmannung finden. Aehnlich dürfte der 
gefühlsmässige Eindruck an dieser Stelle der Novelle sein: E. nimmt 
den Verlust des Zahnes als Zeichen des Sinkens seiner schöpferischen 
Kraft. Musste er das? Als Cäsar bei der Landung in Aegypten 
hinstürzte, rief er aus: Ich halte dich, Afrika! Warum hat E. dieses 
Ereignis so hoch ge wertet? Die Antwort muss lauten : weil ihm diese 
Wertung behilflich war. War er doch nach unserer Auseinander- 
setzung in der zögernden, zur Vorsicht mahnenden Attitüde knapp vor 
einer Entscheidung, kurz vor einer Aenderung seiner Situation. Dieser 
Zahn starb ihm sehr gelegen, oder weniger aggressiv ausgedrückt, 
«r benützte dieses Ereignis, um die stärkeren Sicherungen vorzunehmen. 

Nun kam die Demütigung, seine Hoffnung, Minister 
zu werden, erfüllte sich nicht. Als Folge dieser Herabsetzung stellte 
sich eine Reihe von Halluzinationen ein, die allabendlich meist Bilder 
von Männern, zum geringen Teil von Frauen vor seine Seele brachten, 
und die in allen Details als bestrafte Verbrecher zu erkennen waren. 
Sie störten seinen Schlaf und erfüllten ihn mit Angst. Ich will 
auf die meisterhaft geschilderten Details nicht näher eingehen. Sie 
scheinen mir alle deutungsfähig und zumeist in der Richtung gelegen, 
•den Beweis der Krankheit herzustellen. 

Meine Beobachtungen haben mir ergeben, dass die Neurose und 
Psychose dann die halluzinatorische Kraft aufbringen, wenn sie mit 
besonderer Deutlichkeit und Eindringlichkeit Sicherungen vor- 
nehmen wollen. 

In der Tat rufen die Halluzinationen E.s immer wieder das Gefühl 
seiner Minderwertigkeit wach; andere zeigen sich überlegen, sie klagen 
seine Strenge an, sie rücken ihm den Gedanken vor die Seele, er sei 
gleichfalls ein Verbrecher, wie es ihm Markus Freund, ein Kinder- 
schänder, im Gerichtssaal zugerufen hatte. Diese abschliessende Figur 
in der Reihe seiner Halluzinationen weist uns ja den Sinn: sie zeigt 
noch deutlicher auf jene wunde Stelle in E.s Psyche , die schon früher 
hervorgehoben wurde. Auch E. fürchtet die Frau wie Markus 
Freund und kann sich nur mit Prostituierten vergnügen, wie Markus 
Freund mit Kindern. In der Tat zeigt uns die vergleichende Psycho- 
logie der Perversionen den Weg des Neurotikers, der die Frau fürchtet, 

') Im „Oberon'' wird Hyon beauftragt, dem Kalifen zum Zwecke einer De- 
mütigung einen Zahn und Barthaare zu reissen, sowie seine Tochter zu küssen. 



88 Alfred Adler 



und höchstens bei der Prostituierten, beim Kinde, sein Liebesbedürfnis 
befriedigen kann, wenn er nicht bis zur seelischen oder körperlichen 
Leiche hinabsteigt oder homosexuell wird 1 ). Die entwertete Frau ist 
das Ideal der meisten Nervösen, und sie müssen die Frau so lange ent- 
werten, bis sie wertlos geworden ist. 

Auf dieser Linie sieht sich E. jetzt immer deutlicher, wenn er im 
Gefühl seiner neuerlichen Verkürztheit nach verstärkter Sinnenlust ver- 
langt, um seinen männlichen Protest einzuleiten. Da setzt er sich «mah- 
nende Halluzinationen als Schreckpopanze. Er hat seine Halluzi- 
nationen wie andere Moral oder Religion haben, um sich 
vor seiner durch die Niederlage gereizten Aggression zu sichern. 

Noch zwei weitere Bedingungen seiner Halluzinationen, die mit- 
einander kooperieren, ergeben sich leicht. Indem er krank wird, 
wofür die Halluzinationen und die anschliessenden Angstzustände, sowie 
die Zweifel an seinen Fähigkeiten beweiskräftig erscheinen, zerbricht 
er das wundervolle Instrument, das er dem Staate bisher gewesen ist. 
Indem er sich selbst anklagt, beschuldigt er den Staat, die 
Rechtspflege, die öffentliche Sicherheit, und mit seiner Reue erschüttert 
er das Rechtsbewusstsein seiner Tage, trifft er seinen jetzigen Gegner, 
der ihm die Niederlage bereitet hat, am schwersten, den Staat, die 
herrschenden Klassen. 

Seine psychische Situation, für welche die Halluzinationen ein ge- 
drängtes Abbild, ein Symbol und zugleich ein wertvolles Hilfsmittel 
bieten, ist folgende: In einer Lage schwerster Demütigung zwingt er 
seine Rachegelüste nieder, durch Aufstellung von Schreckgespenstern, 
die ihm zeigen, wie es kommen könnte. Der Sinn und Inhalt seiner 
Gesichte aber ist Aggression, ist neurotische Kampfbereitschaft gegen 
seinen schlafenden und nichtsahnenden Herrn, dem er, wie einst dem 
Vater, mit Vernichtung droht. Seine neurotische, auf Sicherung; 
bedachte Perspektive suchte und fand die warnende Erinnerung an 
Markus Freund 2 ). Nun ist er wieder der Ueberlegene. 

Als er einen neuen Prozess übernahm, von dessen Ausgang Wohl 
und Wehe der Monarchie abhing , kam er als Triumphator zurück, und 
traf seine Vorbereitungen wie in alter Zeit. „An Herrn Markus Freund 
dachte er nicht mehr," weil er ihn nicht mehr nötig hatte. Seine pro- 
testierende Sexualspannung hatte eben nachgelassen. 

Gegen die Dame, die Frau des Angeklagten, konnte er sich wehren, 
seine alten Konstruktionen der Scheu vor Damen hielten stand. Dem 
Kinde fiel er zum Opfer. — Der Dämon Weib hatte ihn wieder be- 
zwungen, wie er es in der Kindheit geahnt? — nein, zum Voraus kon- 
struiert hatte. Nur eine Gegenwehr blieb ihm, wollte er dem Zwange 

') Adler, Ueber den nervösen Charakter, Bergmann, Wiesbaden 1912. — 
*) Adler, Traum und Traumdeutung, OeBterr. Aerztezeitung, April 1913. 



Aletrino : Der Liebesprozess beim Menschen. 89 

der triumphierenden Trau entgehen. — Der Tod. — Diesen Weg ging 
er festen Schrittes und erfüllte so, nachdem die erste Bedingung seiner 
Halluzinationen : sich vor Kinderschändung zu schrecken, haltlos geworden, 
die zwei anderen: er brachte den Staat um einen treuen Diener und 
Hess ein erschüttertes ßechtsbewusstsein im Volke zurück. Noch ein- 
mal hatte er, um zu siegen, auf den Kopf des Vaters gezielt, — da 
musste er den seinen treffen. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 

(Eine psychologische Studie.) 

Von Dr. A. Aletrino. 

(Schluss.) 

Wie wir oben gesehen haben, entsteht in einer gewissen Lebens- 
zeit — wir haben es hier mit den höheren Tieren zu tun und lassen 
die ausser acht, bei denen die Fortpflanzung asexuell geschieht — 
die Neigung, in sexuelle Berührung mit einem anderen Individuum zu 
kommen, das Bedürfnis nach dem Koitus. Ebenso haben wir gesehen, 
dass man den Geschlechtstrieb, die Neigung zum Koitus in zwei Faktoren 
zerlegen kann, in den Detumeszenztrieb und in den Kontrektationstrieb. 
Wodurch in einer gewissen Lebenszeit, zu einem gewissen Zeitpunkt und 
während einer gewissen Periode des Daseins die Schwellung und die 
Fülle der Keimdrüsen so zunehmen, dass die Neigung, das Bedürfnis 
zur Detumeszenz und zur Entspannung der Keimdrüsen erzeugt wird, 
ist nicht zu sagen. Man kennt nur die Veränderungen der Pubertät, 
Veränderungen, die im Aeusseren des Individuums stattfinden. Sicher 
aber ist es, dass dem Detumeszenztrieb eine rein körperliche Ursache 
zngrunde liegt. 

Bei den höheren Tieren — und wir wollen uns nur mit dem 
Menschen beschäftigen, da es schwer ist, zu bestimmen, wo im Wirbel- 
tierreich der Beginn derselben gesucht werden muss — tritt aber zum 
Detumeszenztrieb ein anderer, ein psychischer Faktor, nämlich der 
Kontrektationstrieb, die Neigung, in körperliche oder geistige Berührung, 
wie wir es nennen wollen, mit einem Individuum (meistens des andern 
Geschlechts) zu kommen. (Mit Absicht sagen wir, dass der Kontrektations- 
trieb den Detumeszenztrieb begleitet, weil diese Faktoren beim Menschen 
kaum nooh scharf geschieden werden können und die Grenzen beider 
verschwunden sind.) Dieser psychische Faktor ist es nun, der den 
Geschlechtstrieb zur Liebe stempelt. 

Tatsächlich ist der Prozess beim Menschen und beim Tier derselbe, 
und was man beim Menschen Liebe nennt, ist nichts anderes als, was 
man beim Tier mit Geschlechtstrieb bezeichnet. Die Verschiedenheit 



90 A. Aletrino 



besteht nur darin, dass der psychische Faktor, der Kontrektationstrieb, 
beim Menschen einen grösseren und hervorragenderen Platz als beim 
Tier einnimmt. Während beim Tier — von den Tierreihen an gerechnet, 
wo zuerst beide Komponenten beobachtet werden — der Detumeszenz- 
trieb grösser ist als der Kontrektationstrieb, während beim Tier der 
Detumeszenztrieb mebr als der Kontrektationstrieb in den Vordergrund 
tritt und dieser nicht so stark ist, dass er den Prozess des Geschlechts- 
triebes beherrscht oder zu beherrschen scheint, findet beim Menschen in 
der Mehrzahl der Fälle das Umgekehrte statt. Beim Menschen kommt 
der Kontrektationstrieb meistens zuerst und am stärksten zum Bewusst- 
sein und tritt mehr als der Detumeszenztrieb hervor. Die beiden Kom- 
ponenten können aber auch gleich stark sein und können sich als ebenso 
stark und gleichzeitig im Bewusstsein des Individuums hervordrängen. 
Es gibt auch Menschen, bei denen der Detumeszenztrieb überwiegt, wenn 
er auch wahrscheinlich niemals so stark ist wie beim Tier. Wo es nicht 
möglich ist, die Werte der beiden Komponenten in Zahlen anzugeben, 
da wird man auch unmöglich schliessen können, welcher Faktor der 
stärkere ist. Welchen feinen Unterschied auch Moralisten und morali- 
sierende Schriftsteller zwischen Liebe und Geschlechtstrieb machen mögen, 
wie sehr man auch von dem „Tier im Menschen" sprechen mag und mit 
Veraohtung sprechen mag, welche willkürlichen Behauptungen man auch 
aufstellt, um das „Tierische" zu entschuldigen und zu etwas „Höherem" 
zu verschönen, nämlich durch Annahme eines „Befruchtungsdranges" und 
eines vorausgesetzten Zieles, wozu der Prozess führen soll — man kann 
doch nicht verkennen und wegdisputieren, dass der Prozess beim Menschen 
und beim Tier die Folge einer Ursache ist, die bei beiden in zwei gleiche 
Komponenten zerlegt werden kann, die beide denselben Untergrund haben, 
und dass Liebe und Geschlechtstrieb nur verschiedene Worte für ein und 
denselben Prozess sind. 

Es ist von ungemein grosser Bedeutung für die Kenntnis des Pro- 
zesses, den man „Liebe" nennt, und wohl auch ganz bestimmt für die 
Kenntnis der Liebe zwischen Mann und Weib (die altruistische Eltern- 
liebe, die Freundschaftsliebe usw. lassen wir unerörtert), nachzuforschen, 
welches die Gründe sind und sein können, weshalb sich beim Menschen 
die Neigung zum Koitus gerade einer bestimmten Person gegenüber, in 
einem bestimmten Augenblick, in einer bestimmten Periode offenbart, 
wodurch mit anderen Worten der Kontrektationstrieb geweckt wird und 
der Detumeszenztrieb sich in der Richtung einer bestimmten Person zu 
äussern beginnt. Die Detumeszenz allein ohne Kontrektation , wenige 
Fälle von Masturbation ohne Phantasievorstellungen ausgenommen (wenn 
man selbst bei Masturbation mit Phantasievorstellungen bis zu einem 
gewissen Grade von Kontrektation sprechen kann, obwohl deren Ob- 
jekt dann materiell nicht anwesend ist), kommt doch beim Menschen, 



Der Liebesprozess beim Menschen. 91 

ausser vielleicht einigen Ausnahmefällen, wie Moll mitteilt, nicht 
vor x ). 

Die somatische Ursache, durch die die Detumeszenz auftritt, ist 
hinreichend untersucht. Die Ursache dagegen, weshalb der Kontrektations- 
trieb geweckt wird, weshalb die Kontrektation entsteht, ist noch nicht 
so vollständig erforscht, dass nicht jeder Versuch, jeder Beitrag, den 
psychischen Faktor näher zu erklären, willkommen sein sollte. 

Obwohl wir im Augenblick, so viel Mühe wir uns auch geben 
mögen, noch nicht imstande sind, die Grundlagen und den wirklichen Grund 
für das Dasein des Kontrektationstriebes zu finden, ist es doch nicht 
bedeutungslos, den verschiedenen Tatsachen, die im täglichen Leben der 
Menschen vorkommen, nachzugehen und sie so viel als möglich zu 
ordnen, da es nur durch die Feststellung und das Studium von dergleichen 
Beobachtungen möglich ist, allmählich eine gründliche Erklärung des 
psychischen Faktors des Geschlechtstriebes, des Kontrektationstriebes, 
zu finden. 

Wenn wir weiter forschen, wodurch der Kontrektationstrieb, die 
Neigung zur Detumeszenz mit einer bestimmten Person, in einem be- 
stimmten Augenblick, in einer bestimmten Periode, zu einer bestimmten 
Zeit zustande kommt, durch welche Umstände, Faktoren, Ursachen, 
Momente der Kontrektationstrieb erzeugt wird, dann sehen wir, dass 
erstens Sinneseindrücke und zweitens Gefühle die Ursache sein können. 

Tatsächlich kann man annehmen, dass im grossen und ganzen beim 
Manne mehr durch Eindrücke von seiten der Sinnesorgane, bei der Frau 
mehr durch Gefühle der Kontrektationstrieb geweckt wird. Natürlich 
kann bei dem Liebesgefühl des Mannes der Einfluss der Gefühle ebenso 
gut im Spiele sein wie bei der Frau der Einfluss der Sinnesorgane. Aber 
im allgemeinen ist beim Manne der Sinneseindruck das Primäre, und an 
zweiter Stelle kommt erst der Einfluss des Gefühls, während bei der 
Frau das Umgekehrte der Fall ist. Unter Gefühl verstehen wir hier 
das Gefühl von Freundschaft, von Mitleid, von Zärtlichkeit, die gegeben 
und empfangen wird, von Altruismus usw., während wir unter den 
Eindrücken von seiten der Sinnesorgane die des Gesichtes, des Gehörs, 
des Geschmackes, des Geruches und der Berührung verstehen müssen. 

Eine Frau unterliegt nicht dem Einfluss der Mannesschönheit. Der 
Mann, der den meisten Erfolg bei der Frau hat, ist oft das Gegenteil 
von schön, ja oft geradezu hässlich. Es ist eine Ausnahme, und die 
Beispiele sind ausserordentlich selten, dass sich eine Frau nur durch 
den Gesichtseindruck , den sie von einem Manne bekommt, verliebt. 
Selbst die ästhetische Bewunderung für das Nackte richtet sich bei der 
Frau eher (wie es auch beim Manne der Fall ist) auf den nackten 



') Moll, Libido sexuali», S. 13 ff. 



92 A. Aletrino 



Frauenkörper als auf den des nackten Mannes '). Eine Frau z. B. sieht 
nicht darauf, ob der Mann, in den sie sich zu verlieben im Begriff ist, 
schön oder hasslich ist ; ihr Liebesgefühl entsteht durch andere Ursachen. 
Erst später, wenn sie verliebt ist, wenn sie Liebe für den bestimmten 
Mann fühlt, fühlt sie den Eindruck ihrer Sinnesorgane, oder vielmehr es 
beginnen ihre Sinnesorgane, in diesem Falle das Gesicht, ihren Einfluss 
auszuüben, und dann findet sie meistens ihren Mann, wenn auch nicht 
schön, so doch nicht hässlich. Die Gründe, weshalb sich die Frau an 
einen Mann gefesselt fühlt, sind so ganz verschieden von denen, die den 
Mann Liebe fühlen lassen. Dies hängt damit zusammen, dass die Frau 
im allgemeinen mehr ein Gefühlswesen ist, und dies gibt gleichzeitig die 
Erklärung dafür, dass sich Männer so oft darüber wundern, dass eine 
schöne Frau, eine anerkannte und bekannte Schönheit, einen so hässlichen 
Mann liebhaben kann. Das Wort, dass eine Frau im allgemeinen mehr 
mit ihrer Seele, d. h. mit ihrem Gefühl, der Mann mehr mit seinem Körper 
liebt, ist vollkommen richtig. 

Betrachten wir die beiden Gruppen von Ursachen näher, dann sehen 
wir, dass die Eindrücke der verschiedenen Sinnesorgane — es ist natürlich 
rein individuell, ob das geschieht oder nicht geschieht — aufeinander 
sowohl fördernd wie hemmend einwirken können, dass die hinzukommenden 
Gefühle sie ebensowohl stützen wie ihnen entgegenwirken können, und dass 
die Gefühle ihrerseits durch die Sinneseindrücke gestützt, aber auch — 
und auch dies ist etwas Individuelles — gehemmt werden können. 

Wenn wir die Sinneseindrücke je nach der Stärke, die ihr Einfluss 
in dem Prozess der Liebesgefühle ausübt, klassifizieren wollen, ergibt 
sich folgendes: 

Der Geschmack hat keinen oder doch nur einen sehr geringen 
Einfluss, und dieser kommt dann — einige behaupten, dass der Geschmack 
beim Kuss eine Bolle spielt — noch mehr dem Gerüche zu als dem 
Geschmacke. Das Gefühl oder — um keine Verwirrung zu schaffen — 
die Berührung, das Tastgefühl, the Touch, wie Havelock Ellis sagt, 
ist zwar von grösserem Einfluss als der Geschmack, spielt aber doch 
nur eine sekundäre Kolle und übt auch dann nur einen geringen Einfluss 
aus, indem es das Liebesgefühl verstärkt, wenn der Liebesprozess ent- 
standen ist und die Person schon Liebesgefühle hat. Hemmend auf das 
Liebesgefühl wirkt die Berührung beinahe niemals, da sie kaum wirksam 
wird, wenn das Liebesgefühl schon entwickelt ist. Wir kommen jetzt 
zum Geruch. Obwohl unser Geruchssinn, d. h. bei den kultivierten 
Völkern, durch den geringen Gebrauch, den wir von ihm machen, im 
Vergleich mit dem der wilden Völker zum grossen Teil abgestumpft ist 
und sein Einfluss in dem Liebesprozess nur eine sehr geringe Bolle spielt, 

') Havelock Ellis: Die Gattenwahl beim Menschen. Würzburg, Stubers Verlag-, 
1906. S. 432. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 93 

hat der Geruch doch noch hei einigen Individuen einen ziemlich grossen 
Einfluss, und das ist ein Faktor, der nicht unbeachtet bleiben kann. Das 
Gehör ist von geringem Wert bei dem Liebesprozess, der Einfluss der 
Gehörseindrücke von ziemlich geringer Bedeutung für das Entstehen des 
Liebesgefühls, obwohl man im allgemeinen dem Gehör keinen geringeren 
Wert zusprechen darf als dem Geruch. Geruch und Gehör stehen ein- 
ander ziemlich gleich, und es hängt mehr vom Individuum ab, ob jemand 
mehr durch den Einfluss des Geruches oder durch den des Gehörs ge- 
leitet wird. Aber an der Spitze steht der Gesichtssinn, der Einfluss der 
Gesichtseindrücke. Man kann getrost sagen, dass der Gesichtseindruck, 
besonders beim Mann, nicht nur der erste Anreiz ist, durch den die 
Liebesgefühle kommen, sondern dass er auch in vielen Fällen, selbst 
wenn die übrigen Sinnesorgane zusammen einen hemmenden Einfluss 
ausüben, die Entscheidung herbeiführt. 

Wir können also, wenn wir den Einfluss der verschiedenen Sinnes- 
organe näher betrachten, den Geschmack ruhig ausschalten. Wie ich 
eben gezeigt habe, ist sein Einfluss so gering und selbst da, wo man 
glaubt, dass er eine Rolle spielt (z. B. beim Kuss), so zweifelhaft, dass 
wir ihn nicht weiter zu besprechen brauchen. 

Anders liegt es mit dem Berührungsgefühl. Obwohl die Haut das 
Organ für dieses Gefühl ist, dieses von allen Sinnesorganen die grösste 
Flächenausdehnung hat und ausserdem das älteste und fundamentalste 
Sinnesorgan ist, das wir besitzen, obwohl der Gefühlssinn, der Tastsinn, 
das Berührungsgefühl das ursprünglichste in der Entwicklung ist, spielt 
dieser Sinn doch bei dem Kontrektationsprozess, abgesehen von einigen 
Ausnahmen, nur eine sekundäre Bolle. Richtig ist es zwar, dass nichts 
so sehr die Kontrektation befördert wie die Berührung, wie ein Hände- 
druck oder eine andere Liebkosung, doch tritt dies im allgemeinen stets 
erst sekundär ein. Selbst der Einfluss des Kusses ist nur ein sekundärer 
und spielt erst dann eine Rolle, wenn die Liebe schon entstanden ist. 
Aber selbst davon ist nur dann die Rede, wenn es sich um den euro- 
päischen Kuss handelt. Wir wissen, dass sich der Kuss auf dem Boden 
des Berührungsgefühls entwickelt hat, zu dem noch ein olfaktorisches 
Element kam. Die asiatischen Völker kennen unsere Art Kuss über- 
haupt nicht, ebensowenig wie die wilden. Bei allen diesen Völkern 
besteht allein der Geruchskuss, das gegenseitige Beschnüffeln, ohne dass 
eine Berührung mit den Lippen stattfindet. Ausser in Lappland, wo 
noch der olfaktorische Kuss gebräuchlich ist, hat der Berührungskuss 
in Europa die Stelle des olfaktorischen eingenommen. Dieser ist aber 
viel mehr als der Berührungskuss auf der Erde verbreitet. Die Fälle, 
wo der Kuss Liebesgefühle geweckt hat, sind selten. Meistens ist der 
Einfluss, wie wir oben sahen, ein sekundärer, der Kuss wird aus Liebe 
gegeben, er verstärkt allenfalls bei der anderen Person die schon be- 



94 A. Aletrino 



stehende Liebe. Das folgende Beispiel zeigt, dass die Wirkung in 
einigen Fällen primär erfolgen und durch den Kuss das Liebesgefühl 
entstehen kann. 

Ein junges Mädchen hat eine ältere verlobte, jedoch sittlich etwas verdorbene, 
bisexuelle Freundin. Eines Abends, wo jene bei dieser übernachtete, kommt die Freundin 
an ihr Bett, um noch etwas mit ihr zu sprechen, und gibt ihr einen Kuss. Als das 
Mädchen , das bei dem Kuss ebensowenig wie andere Frauen etwas fand , sie wieder 
küsste, fragte die Freundin lachend, ob sie ihr jetzt einen Kuss geben sollte, wie sie 
selbst oft von ihrem Zukünftigen einen bekäme. Auf die verwunderte, zustimmende 
und neugierige Antwort gab die Freundin ihr einen wollüstigen Kuss, einen sogenannten 
lesbischen Kuss. Dabei, so erzählte mir die Dame, fühlte sie etwas Seltsames in ihrem 
Körper, ein unerklärbares Gefühl von Liebe für ihre Freundin, ein Gefühl, das so stark 
war, dass sie nach diesem Abend noch lange Zeit für ihre Freundin fühlte auf eine 
Weise — erst später hat sie das entdeckt, als sie sich in einen Mann verliebt hat — 
wie sie es für ihren späteren Mann tat: das echte Gefühl von Liebe und Verliebtsein. 
Es sei hinzugefügt, dass diese Dame, obwohl sie glücklich verheiratet ist, einen leichten 
Anflug von Homosexualität hat. 

Etwas anderes ist der Händedruck. Zwischen dem konventionellen 
Händedruck, dem intimen und dem, der darauf hinweist, dass der die Hand 
gebende ein Zärtlichkeitsgefühl hegt, liegen eine Menge Zwischenstufen. 

Wenn eine Person Liebe für eine andere fühlt, kann sie durch die 

Bedeutung, welche sie in den Händedruck legt, bei der anderen das 

LieheBgefühl erwecken. Aber das ist dann auch einer der wenigen Fälle, 

wo durch Berührung primär Liebe bei einem Erwachsenen entsteht. 

Ganz rein sind diese Fälle nicht. Oft jedoch schlummert bei der Person, 

die den Händedruck empfängt, schon ein Liebesgefühl oder dieses ist 

bemerkbar (ohne dass die Person selbst in vielen Fällen etwas davon 

weiss), und es wird gerade deshalb der Händedruck als Zeichen der 

Ermutigung und der Verständigung vom anderen dargeboten. Bei 

jüngeren empfindsamen Individuen kann die Berührung primär ein 

grosses Liebesgefühl erwecken. Die folgende Mitteilung beweist das: 

Ich war noch ein kleiner Junge, ich trug noch kurze Hosen und ein Kittelchen. 
Ich war schüchtern, ungewandt, stark verlegen und ängstlich vor fremden Leuten. Ich 
mag etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Es war eine Gesellschaft von vielen Menschen 
bei uns zuhause, und mein Bruder und ich hatten Erlaubnis, spät aufzubleiben. Eigentlich 
langweilten wir uns recht sehr, wir mochten nicht spielen und waren öfter bange, ins 
Bett zu müssen. Aus langer Weile sassen wir auf einem Sofa und guckten schläfrig 
nach den Menschen. Da plötzlich fühlte ich , wie ich nach einer Dame hinsah , die 
drüben auf einem Stuhle sass und nach uns winkte. Wie sie aussah, ob sie alt war 
oder jung, ich weiss es nicht mehr ; für meine Kinderaugen war es eine grosse Dame, 
eine ältere Dame für mein Hinaufsehen nach ihrem Gesicht, das ich nie mehr in meine 
Erinnerung wieder habe zurückfinden können. Eine Zeitlang sprach sie mit mir über 
alles aus meinem kurzen Lebeu, mein Bruder stand nahe bei mir, aber sie hielt mich 
fest und streichelte langsam mit ihrer Hand die meinige. Plötzlich kam ein Herr auf 
sie zu und begann mit ihr sich zu unterhalten. Nun Hess sie meine Hand los und gab 
mir eineu Kuss auf meine Wange. Was weiter an diesem Abend vorgegangen ist, weiss 
ich nicht. Wohl aber erinnere ich mich, dass ich am folgenden Tage, abends in der 
Dämmerung, als ich mit meinem Kopf auf einer Fussbank auf dem Boden lag, horchend 
noch, was die Erwachsenen hoch über meinem Haupt oben schwatzten, plötzlich von 
neuem das Gefühl ihres Händedruckes empfing, und dass ein unsagbares, vor Schönheit 
aufjauchzendes Gefühl in meinem Innersten hervorbrach, ein Gefühl, wie ich es später 



Der Liebesprozess beim Menschen. 95 

kaum jemals mehr gehabt habe, eine unermesslich starke Liebe. Und dies Gefühl ist 
mir lange Zeit geblieben, selbst Jahre, ohne dasa ich mich selbst erinnern könnte, wie 
die Dame aussah. Das ist meine erste und vielleicht meine schönste Liebe gewesen '). 

Es ist natürlich möglich, dass in diesem Falle auch der Gesichts- 
eindruck eine Rolle gespielt hat. Es kann dies jedoch deshalb bezweifelt 
werden, weil sich dieser Knabe weder am folgenden Tag noch später 
des Gesichts und des Aussehens der Dame erinnern konnte. Da, wie 
wir sofort sehen werden, der Gesichtseindruck von so viel stärkerem 
und grösserem Einfluss als der der anderen Sinnesorgane ist, wäre es 
wohl wunderlich, dass gerade dieser hier vergessen worden wäre. 

Uebrigens mag man ruhig die Fälle zu den Ausnahmen rechnen, 
wie sie Havelock Ellis anführt, von einem Mann, der sich in seine 
Frau verliebte, als er sie, nachdem sie sich verletzt hatte, vor der Ver- 
heiratung die Treppe hinauf trug, und den anderen Fall, dass sich ein 
Mann in seine spätere Frau verliebte, als er auf einem Ball beim Tanzen 
mit seinem Gesicht das ihrige berührte. 

Selbst im Liebesleben der Blinden spielt die Berührung eine sekundäre 
Rolle, während höchst wahrscheinlich das Gehör bei ihnen die Liebe er- 
weckt und das Tastgefühl, die Berührung dann infolge von Erinnerungs- 
assoziationen nur sekundär die Liebe erhöht und verstärkt 2 ). 

Was den Geruchssinn betrifft, so ist dieser ursprünglich von un- 
gemein grosser Bedeutung in dem Prozess der Fortpflanzung gewesen, 
wie es bei Tieren auch heute noch der Fall ist, die in der Brunstzeit 
einen scharfen Geruch aus ihren Genita Jorganen verbreiten (das Moschus- 
tier hat sogar in der Gegend seiner Genitalien bestimmte Drüsen, die 
in der Brunstzeit scharf riechende Stoffe absondern), wodurch sich 
Männchen und Weibchen gegenseitig finden können. Bin et erklärt die 
Tatsache anders. Meistens ist es jedoch das Männchen allein, das die 
Riechstoffe absondernden Drüsen besitzt. Wo das Männchen dem 
Weibchen folgt, ist es unmöglich, dass der Geruch das Weibchen auf 
seine Spur bringen kann. Wahrscheinlicher ist es, dass der Geruch in 
den Fällen, wo er vom Männchen ausgeht, dazu dient, das Weibchen 
zu verführen und zum Geschlechtsakt anzuregen 3 ). 

Beim Menschen, selbst bei wilden Völkern (und auch bei Affen 
hat man die Tatsache feststellen können) hat der Geruch an Bedeutung 
verloren, und der Geruchssinn hat, was den Einfluss auf das Liebesleben 
betrifft, dem Gesichtseindruck weichen müssen. Während der Geruchs- 
sinn bei den östlichen Völkern noch eine grosse Rolle im sexuellen 
Leben spielt, ist sein Einfluss auf diesen Prozess bei den westlichen 
Völkern, obschon nicht ganz verschwunden, doch auf ein sehr geringes 
Mass zurückgegangen. Sekundär übt er wohl noch täglich einen Ein- 

') Dr. A. Aletrino, Novellen. Amsterdam. Scheltema & Nolkema. S. 198. 
— *) Moll, Libido sexualis, S. 140. — 8 ) Binet, Le Feticbisme dans l'amour. 
Octave Doin. 1891. S. 25. 



96 A. Aletrino 



fluss aus, doch nur dann, wenn die beiden Personen in nähere Berüh- 
rung miteinander gekommen sind. Unter diesen Umständen kann er 
die Sympathie erhöhen oder Antipathie erwecken. Fast nie aber ist 
sein Einfluss so gross, dass in dem Masse Sympathie oder Antipathie 
erweckt wird, dass der Kontrektationstrieb primär dadurch entsteht oder 
primär sein Entstehen verhindert wird. 

Merkwürdig ist es, und mit grosser Wahrscheinlichkeit ist es eine 
Folge der Kultur und des Tragens von Kleidern, dass der Geruchssinn 
durch andere Körperteile als früher gereizt wird. Früher, und wie wir 
gesehen haben heute z. B. noch beim Tier, waren es die Geschlechts- 
organe, die durch den scharfen Geruch, den sie verbreiteten, den Ge- 
ruchssinn reizten. Gegenwärtig ist beim Menschen der Geruch der Ge- 
schlechtsorgane nicht nur ganz unwirksam, abgesehen von einigen Fällen, 
die auf der Grenze des Pathologischen stehen, wo aber der Genital- 
geruch auch nur noch eine sekundäre Rolle spielt, sondern es ist der 
Geruch anderer Körperteile, die mehr nach oben gelegen sind, an deren 
Stelle getreten. Es sind besonders die Achselhöhlen, die Brüste, die 
Haut und die Haare, die durch ihren Geruch den Mann eine Anziehung 
fühlen lassen, während der Geruch der sonstigen Körperabscheidungen 
der Frau im allgemeinen keinen Einfluss ausübt. Bei Blinden scheint 
der Geruchssinn noch eine grosse Rolle zu spielen und wird wahrscheinlich 
hier noch unterstützt und verstärkt durch den Tastsinn, der bei ihnen 
die Stelle des Gesichtssinnes einnimmt 1 ). 

Abgesehen von individuellen Differenzen — dieser wird durch den 
Geruch des einen Körperteils, jener durch den eines anderen am meisten 
gereizt — gibt es grosse Unterschiede, die vom Volk und vom Lande 
abhängen. Bei den östlichen Völkern ist im allgemeinen der Achsel- 
geruch von grösserer Bedeutung in dem Liebesleben als bei den west- 
lichen, die mehr dem Eindruck des Geruches der Frauenbrust, der Haut 
und der Haare unterliegen. 

Im ganzen ist dem Einfluss des Geruchssinnes im Liebesprozess 
von den meisten Untersuchern wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. 
Die modernen Schriftsteller, die Romanschreiber, haben dagegen seine 
Bedeutung wohl gefühlt und haben in ihren Büchern wiederholt den 
Einfluss erwähnt, den der Geruch einer Frau auf den Mann ausübt. 
Unter den wissenschaftlichen Schriftstellern der letzten 30 Jahre muss 
Gustav Jäger genannt werden, der — wenn auch einige seiner Be- 
hauptungen als paradox erscheinen mögen — einer der ersten gewesen 
ist, der, nachdem der Geruchssinn im Liebesprozess vernachlässigt wor- 
den war, die Aufmerksamkeit darauf hingelenkt hat. Die modernen 
Schriftsteller — es ist merkwürdig, dass Stendal (Henri Beyle), 



') Moll, 1. c. 137 ff. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 97 

der feine Psychologe, in seinem Buche „Sur l'amour" ihn nicht erwähnt 
— aber schreiben dem Geruchssinn eine wichtige Stellung in ihren Be- 
schreibungen vom Entstehen des Liebesprozesses zu. Um nur einige 
zu nennen, so kann man Beispiele dafür in den Werken von Zola 
(La Curee, la Faute de L'abbe Mouret, Le ventre de Paris, Nana, La 
joie de vivre etc.), bei Huysmans (Le gousset in Croquis parisiens, 
in A Kebours) und in den Novellen von Guy de Maupassant finden. 
Ein sehr gutes Beispiel finden wir im Holländischen bei Bobbes in 
„De roman van Bernard Bandt", wo er schreibt: „Der Geruch ihres 
Leibes hatte ihn sanft verwirrt und hatte ihn selbst von einem Gefühl 
von Unruhe und leidenschaftlichem Verlangen durchschauern lassen, als 
sie .... ihren zartflaumigen Arm gegen den seinen drückte." 

Welch grossen Einfluss der Geruchssinn auf den Kontrektations- 
trieb haben kann, beweisen die historischen Fälle von Heinrich III. 
und Heinrich IV. Von jenem wird erzählt, dass er sich im 21. Lebens- 
jahr in Marie von Cleve, die mit dem Prinzen von Conde verheiratet 
war, unwiderstehlich dadurch verliebte, dass er sich auf einem Ball 
das Gesicht mit ihrem von Schweiss feuchten Hemde abwischte, das sie 
ausgezogen und an einem abgelegenen Orte niedergelegt hatte. Diese Tat- 
sache ist um so gewichtiger, wenn man weiss, dass sich Heinrich des IH. 
Natur später als homosexuell erwiesen hat. Von Heinrich IV. wird etwas 
Aehnliches erzählt. Er soll sich in die schöne Gabriele, die Herzogin 
von Beaufort, verliebt haben, als er sich mit ihrem Taschentuch sein 
Gesicht abgetrocknet hatte, nachdem sie einige Augenblicke zuvor das- 
selbe bei sich getan hatte. Das Verhalten des Bauernjungen ist be- 
kannt, der auf einem Tanzabend verschiedene Mädchen dadurch dazu 
brachte, sich ihm hinzugeben, dass er sein Taschentuch eine Zeitlang 
unter seiner Achselhöhle aufbewahrte und danach den Mädchen das Ge- 
sicht abtrocknete. Die Tatsache wird in verschiedenen wissenschaft- 
lichen Werken angeführt. 

In allen diesen Fällen hat der Geruchssinn einen primären Einfluss 
ausgeübt. Dieser primäre Einfluss wird, wenn auch nicht in so hohem 
Masse, auch durch die Mitteilung bewiesen, die ich von einem glaub- 
würdigen Herrn empfing. Er erzählte mir, dass er stets ein sonderbares 
Liebesgefühl empfand, wenn er das Haar junger Mädchen von 16 bis 
18 Jahren roch, und dass der Haargeruch, der von erwachsenen Frauen 
ausging, diesen eigenartigen erotischen Einfluss nicht ausübte. Ein 
anderer erzählte mir, dass der starke, reizende Haargeruch einiger 
Frauen abstossend auf ihn wirkte, und dass nur der zarte, unbestimmte 
Geruch der Frauenhaare bei ihm eine Art Liebesgefühl weckte, das 
verschwand, wenn er den Geruch nicht mehr wahrnahm. Derselbe Herr 
teilte mir mit, dass sich nach seiner Beobachtung der Haargeruch von 
Frauen mit dem Alter veränderte, und dass er den Haargeruch, den er 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 7 



98 A. Aletrino 



bei Mädchen fand, so lange sie unverheiratet waren, nicht mehr spürte, 
wenn sie verheiratet waren. Nur der Haargeruch, der von unverhei- 
rateten Frauen ausging, hatte auf ihn einen eigenartigen, anziehenden, 
erotischen Einfluss. 

Ueber den Einfluss des Atemgeruches, abgesehen von dem ab- 
stossenden Charakter eines übelriechenden Atems, ist nichts bekannt. 
Ein Herr teilte mir mit, er habe beobachtet, dass junge Mädchen einen 
Atemgeruch haben, den er nicht anders als mit der Farbe „grün" deut- 
lich machen könne, während der Atemgeruch verheirateter Frauen ihm 
stets „weiss" vorkam, dass sich der „grüne" Geruch der Mädchen in 
einen „weissen" umwandelte, wenn sie verheiratet waren, und dass nur 
der „grüne" Geruch anziehend für ihn war (ohne dass er deshalb ge- 
radezu verliebt wurde), während der „weisse" Geruch ihn unbeeinflusst 
liess. Er habe das nicht nur einmal, sondern mehrfach bemerkt. 

Ebenso wie alle anderen Sinnesorgane ist auch das Gehör von 
viel geringerem Einfluss auf das Liebesleben des Menschen als der Ge- 
sichtseindruck. Obschon das ästhetische Gefühl für den Klang (Musik) 
bei vielen Menschen gut entwickelt und das emotionelle Gefühl für 
Musik bei vielen ziemlich stark verbreitet ist, ferner sowohl der Mann 
für die Stimme der Frau Empfindung hat, wie die Frau für die de» 
Mannes, kann man doch ruhig behaupten, dass der Gehörssinn im Liebes- 
leben des Menschen fast bedeutungslos ist. Wohl kommt es häufig vor, 
dass sich Männer oder Frauen in Jünglings- oder Backfischjahren durch 
die Stimme von Sängern oder Sängerinnen verliebten; einige Frauen 
meinen wohl, dass sie ihr erstes Liebesgefühl einer hinreissenden Männer- 
stimme zuschreiben müssen. Meistens aber beruhen diese und ähnliche 
Verliebtheiten auf einer gewissen Romantik, und es haben die somati- 
schen Erscheinungen des sogenannten Verliebten mehr Schuld an der 
Verliebtheit als die Stimme. Ferner erwachen solche Liebesgefühle 
durch die Stimme eher bei Frauen durch den Klang einer Männerstimme, 
als beim Manne durch die Frauenstimme. Gewöhnlich ist die Stimme 
nicht ein Mittel, das kräftig genug ist, um beim Manne Liebesgefühl 
zu erwecken. Doch sind Fälle bekannt, wo sich Männer durch das 
Hören einer Frauenstimme verliebten, wobei aber hinzugefügt sein mag, 
dass es sich meistens um Männer von nervösem Temperament handelte. 
Bin et hat die Vermutung ausgesprochen, dass sich infolge dieses Ein- 
flusses der Stimme so viele Männer mit Sängerinnen verheiraten *). 

Dass Frauen durch das Anhören von Musik, die ein Mann aus- 
übt, selbst wenn es nicht gerade Gesang ist, sehr stark beeinflusst 
werden, und auch wenn sie ihn nicht mehr lieben, durch sein Spiel 
wieder genügend Liebe für ihn fühlen können, so dass sie beinahe ihre 



') Biuet, a. a. 0. S. 28. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 99 

frühere Leidenschaft von neuem erfahren, wird durch einen bekannten 
Prozess bewiesen. Da hat die Frau, die angab, ihren Mann nicht mehr 
zu lieben, und die beschwor, dass sie durch sein schlechtes Verhalten 
ihr gegenüber eher Hass als Liebe für ihn fühlte, auf die Bemerkung 
ihres Mannes, er wisse nicht, warum sie nicht gleich am ersten Tage 
von ihm gegangen sei (mit Rücksicht auf die Misshandlungen, die sie 
von ihm erfahren zu haben beschwor), geantwortet: „X. war so musi- 
kalisch, und das hat mich immer wieder gefesselt." Es möge aber 
hinzugefügt werden, dass, wie sich später zeigte, die Dame eine starke 
Neuropathin war. 

Wie weit bei der Liebe, die ein Gewährsmann von mir für eine Frau 
zu fühlen begann, weil sie ein einziges Wort „so herrlich lieb und 
schön klingend" aussprach, der Körper der Frau und der Gesichtsein- 
druck auf den Verliebten im Spiele waren, ist schwer festzustellen. 
Wohl kenne ich einen Fall, wo eine hässliche Frau, deren Gesichtszüge 
nichts Aesthetisclies hatten, eine so schöne Stimme hatte, dass mein Ge- 
währsmann, wenn er mit geschlossenen Augen auf sie horchte oder ihre 
Stimme hörte ohne sie zu sehen, ein ziemlich starkes erotisches Gefühl 
in sich entstehen fühlte. Tatsächlich werden wir später sehen, dass 
die verschiedenen Sinneseindrücke sehr wohl hemmend auf einander ein- 
wirken können. Ein Liebesgefühl, das beim Sehen einer schönen Frau 
geweckt wird, kann z. B. sehr wohl (das ist das Umgekehrte wie oben 
angedeutet) vernichtet werden, wenn sie eine tiefe, rauhe Stimme hat. 
Eigenartig ist die Tatsache, dass sich einer meiner Freunde besonders 
durch Frauen angezogen fühlte, die eine leicht bedeckte, sozusagen 
heisere, beinahe rauhe Stimme hatten, und dass er sich dadurch in seiner 
Jugend in ein geradezu hässliches Mädchen verliebte; wenigstens hat 
er mir dies selbst berichtet. 

Als Beweis dafür, wie gross die Bedeutung des Gesichtseindrucks 
im Liebesleben des Menschen ist, muss angeführt werden, dass überall, 
bei den wilden Völkern ebenso wie bei den meisten zivilisierten, die 
^Schönheit" der Person von den Dichtern und Erzählern als das vor- 
nehmste Kennzeichen in ihren Liebeserzählungen mitgeteilt wird. 

Das Schönheitsideal wechselt aber bei den verschiedenen Völkern 
zu verschiedenen Zeiten, und obwohl bei den verschiedenen Schönheits- 
idealen der verschiedenen Rassen, wie sie von vielen TJntersuchern fest- 
gestellt wurden, eine gemeinsame Grundlage zu entdecken ist, ist es 
doch dem individuellen Gefühl zuzuschreiben, dass sich die verschiede- 
nen Individuen, wenn sie auch derselben Rasse angehören, zu Frauen 
oder zu Männern hingezogen fühlen, die vom Ideal nicht nur abweichen, 
sondern sich selbst sehr weit vom Ideal entfernen. Auch hier muss 
unterschieden werden, was für die Frauen und was für die Männer gilt. 
Für den Mann mag es noch möglich sein, bei seiner Wahl einen Zug 



100 A. Aletrino 



von seinem Ideal zu finden. Die Frau hat solch ein Ideal (ausser wenn sie 
vielleicht noch ganz jung ist) nicht und wird, was den Gesichtseindruck 
betrifft, besonders durch die assoziativen Gefühlsvorstellungen geleitet, die 
das Bild des Mannes in ihr zum Vorschein bringen. Als Beispiel hier- 
für kann gelten, dass sich eine Frau durch eiuen kräftigen Mannes- 
körper angezogen fühlt, nicht wegen der Schönheit seiner Formen, son- 
dern weil sie z. B. damit das Gefühl verbindet, dass er sie mit starker 
Umarmung umfasst und beschützt. Wie weit es richtig ist, was einige 
behaupten, dass Frauen, wenn sie einen Gesichtseindruck vom Mann 
empfangen und sich in ihn verlieben, damit den Gedanken an die Kin- 
der verbinden, die sie von ihm erhalten sollen, ist schwer zu sagen. 

Bezweifelt muss es sicher werden. „Der Schrei nach dem Kinde" 
mag bei vielen Frauen vielleicht so stark mitsprechen, dass sie fort- 
dauernd an das Kinderbekommen denken müssen. Bei sehr vielen 
Frauen (und wir kommen später darauf zurück) ist das Bedürfnis, ein 
Kind zu bekommen, oft nichts anderes als ein unbestimmtes und unbe- 
wusstes Bedürfnis, eine Betätigung ihres Zärtlichkeitsgefühls zu finden. 
Wie weit der Gedanke an das Kinderbekommen bei der Frau unbewusst 
vorherrscht, wenn sie durch die Gestalt des Mannes gereizt wird, ist 
natürlich schwer zu sagen. Was aber sehr gegen die Tatsache spricht, 
dass dadurch die Liebe des Weibes für einen Mann geweckt wird, ist 
die sozusagen täglich zu beobachtende Tatsache, dass sich Frauen in 
Männer verlieben, deren Nachkommenschaft — wenn man die Körper- 
formen berücksichtigt — unmöglich der Illusion entsprechen können, 
die sich eine Frau von den Kindern macht. Wie oft geschieht es doch, 
dass man eine stattliche, wohlgebildete Frau mit einem Manne trifft, 
der himmelweit äusserlich von ihr verschieden ist (auch wenn man die 
Fälle ausser acht lässt, wo eine schöne Frau mit einem gebrechlichen 
Mann aus anderen Beweggründen verheiratet ist). Wir glauben, dass 
das Bedürfnis der Frau, ein Kind zu haben, im allgemeinen übertrieben 
wird, und dass dem Bedürfnis nach einem Kind, das so häufig Frauen 
als Beweggrund für die Ehe angeben, und das so viele Frauen in ihrem 
ehelichen Leben erkennen lassen, viele andere Gefühle zugrunde liegen, 
die verkannt werden, oder die die Frau selbst nicht erkennt, und die, 
wenn ihnen genügt worden ist, das Bedürfnis nach dem Kind ver- 
schwinden oder doch wenigstens in den Hintergrund treten lassen. Und 
dabei haben wir gesehen, dass die Frauen viel weniger ihr Liebesgefühl 
durch das Aeussere erwecken lassen als durch die Gefühle, die ein Mann 
zeigt und besitzt, während aus dem Obigen ebenfalls hervorgeht, dass, 
wo die Frau durch die äussere Gestalt des Mannes angezogen wird, 
diese ihr Liebesgefühl nur durch assoziative Gefühle erweckt. 

Auch beim Mann kann das Liebesgefühl durch assoziative Vor- 
stellungen infolge der Gesichtseindrücke entstehen. Eine bestimmte 



Der Liebesprozess beim Menschen. 101 

anerkannt hübsche Frau ist nicht immer und für alle Männer die am 
meisten anziehende; oft ist das Temperament der Frau die einzige Ur- 
sache, weshalb sich der Mann in sie verliebt. In diesem Fall können 
taktile Vorstellungen, z. B. die Vorstellung, von der Frau umarmt oder 
festgehalten zu werden, sie in seinen Armen zu fühlen und zu beschützen, 
ihr zu helfen, assoziativ die Liebe erwecken. Es ist sogar nicht ein- 
mal nötig, dass sozusagen ihr Durchschnittstemperament die Ursache 
der Assoziationen ist ; die augenblickliche Stimmung, der Gemütszustand 
des Mannes in einem gegebenen Augenblick kann dazu führen, dass 
durch assoziative Vorstellungen ein Liebesgefühl bei ihm entsteht. Die 
folgende Mitteilung, die mir ein Kollege gab, ist hierfür ein Beispiel. 

Ein in glücklicher Ehe lebender Arzt wurde eines Abends zu einer Familie ge- 
rufen, wo das jüngste Kind krank war. Er praktizierte wenigstens fünf Jahre in der 
Familie und war mit ihr bo vertraut, wie man es früher nur beim Hausarzt fand. An 
diesem Abend blieb er, nachdem er das Kindchen beBucht hatte, eine Zeitlang mit 
der Mutter in der Glasveranda plaudernd. Sie erzählte ihm, dass ihr Gatte auf einige 
Tage zu seinem Vergnügen verreist war. Er war ein guter Mann, und noch niemals 
hatte der Arzt etwas bemerkt, was ihn hätte zur Vermutung bringen können, dass hier 
keine innige und liebevolle Ehe bestand. „Was alsdann in mir vorging," erzählte er, 
.weiss ich nicht. Ich kannte die Frau recht lange. Ich hatte so oft mit ihr geplau- 
dert, ebenso wie jetzt, und so zwar allein mit ihr, ohne dass jemand uns störte. Ich kannte 
ihr Gesicht genau; es war ein liebes Gesicht, aber weder schön noch hässlich. Dieses 
war an diesem Abend wie gewöhnlich, keine besondere Veränderung war vorhanden. 
Die Frau war ebenso wie stets gekleidet, einfach, ohne grelle Farben, im gewöhnlichen 
Kostüm. Während ich mit ihr plauderte, kam plötzlich ein so intensives Gefühl von 
Liebe zu ihr über mich, ein Gefühl so tief und voll von zitternder Erregung, dass 
ich plötzlich überzeugt war, ich würde, wenn sie in diesem Augenblick von mir etwas 
verlangt hätte, was ich sonst für das Schlimmste hielt, es doch getan haben. Dieses 
tiefe Liebesgefühl blieb bei mir einige Tage und war so stark, dass ich es noch wieder- 
empfinden kann, wenn ich will. Aber es ist langsam geschwunden, niemand hat etwas 
davon bemerkt. Ich bin aber überzeugt, dass, wenn ich an diesem Abend jung und 
nicht verheiratet gewesen wäre, ich mich rasend in sie verliebt hätte. Ich habe mich 
später bestrebt, das Gefühl zu analysieren. Ich glaube, dass es eine Mischung von 
Gefühlen war, eine Mischung von Mitleid, weil ihr Gatte abwesend war und sie allein 
blieb, vielleicht mit einer romantischen Färbung, weil sie dadurch unglücklich wäre 
(obwohl es nicht der Fall war), ein Gefühl von Mitleid, weil sie in Sorge für ihr Kind 
gesessen hatte. Vielleicht war es auch das Licht, das an diesem Abend^anders brannte 
und einen fremden Schein über sie ausbreitete. Ich weiss es nicht, das einzige, was 
ich weiss, ist, dass ich ein unendlich glückliches Gefühl bei dem Gedanken hatte, sie 
in meine Arme zu nehmen, sie zu beschützen und zu liebkosen, ruhig und langsam 
ohne zu sprechen, mit ihr stillzusitzen und sie zu bewachen. Warum und wogegen 
zu bewachen, ich weiss es selbst nicht und es ist mir niemals deutlich geworden." 

Ein sehr deutlich sprechendes Beispiel für das Entstehen des Lie- 

besgefühl8 allein und ausschliesslich durch den Gesichtseindruck ohne 

assoziative Vorstellungen wurde mir von einem andern Herrn mitgeteilt: 

„Ich war noch jung, aber doch nicht so jung, denn ich studierte schon im 
fünften Jahre. Eines Abends, als ich in meinem Zimmer sass, bekam ich eine Samm- 
lung von Kupferstichen in die Hand, Reproduktionen verschiedener deutscher Künstler. 
Ich weiss nicht mehr von welchen Malern, noch von welcher Stadt. Mein Blick fiel 
auf die Darstellung von vier jungen Mädchen, die miteinander in einem Garten singend 
sassen. Die älteste, mit einem einfachen gewöhnlichen sehr lieben Gesicht, sass in der 
Mitte, und plötzlich fühlte ich, als ich nach ihr sah, ein eigenartiges glückliches Gefühl 



102 A. Aletrino 



in meiner Brust, etwas Fremdes und Unsagbares, was mich zwang, nach dem Gesicht 
hinzustarren. Nachdem ich das Buch wieder weggelegt hatte, blieb das Bild fest in 
meinem Bewusstsein. Ich habe das Buch dann wieder genommen und habe den ganzen 
Abend dann wieder darin geblättprt, bis ich wieder ihr Gesicht fand. Ich habe das 
Buch gekauft, und wenn ich allein war, öffnete ich es und blieb sitzen, ohne etwas 
Bestimmtes zu denken, sah nach ihrem hübschen sanften Gesicht mit den gefühlvollen 
Augen, wie sie dort still singend dasass, nichts wissend von meiner immer stärker 
heranblühenden Liebe. Das Gefühl von Liebe war so stark, dass ich, als ich später 
das Buch gelegentlich einen meiner Freunde sehen Hess, den Stich nicht zeigte aus 
einer unbestimmten Angst heraus, dass jemand vielleicht etwas von ihr sagen und sie 
nicht hübsch finden könnte, was mir starken Schmerz verursacht hätte. Eine Zeitlang 
hat die Verliebtheit bei mir fortbestanden, und selbst jetzt, wo das Buch schon lange 
Zeit verschwunden ist — der Himmel weiss, wo es geblieben ist — , noch jetzt sehe 
ich oft die schönen Augen und das liehe Gesicht vor mir und fühle das schön-peini- 
gende Glück wieder, wie ich es an diesem Abend gefühlt habe." 

Einen anderen Beweis dafür, dass der Gesichtseindruck den grössten 
Einfluss von allen Sinnesorganen auf das Liebesgefühl hat, findet man 
in der Kleidung. Ohne hier auf ein tieferes Studium der Kleidung 
einzugehen, will ich darauf hinweisen, dass sie ihren Ursprung nicht 
darin hat, dass man aus klimatischen oder Sittlichkeitsgründen das Be- 
dürfnis hatte, den Körper zu bedecken, sondern in dem Bedürfnis, sich 
zu schmücken. 

Die erste Aeusserung dieses Bedürfnisses war die Tätowierung, 
obwohl sie ursprünglich bei vielen Völkern auch dazu diente, den Fein- 
den Schrecken einzujagen. Bei vielen wilden Völkern wurden und 
werden allein oder neben der Tätowierung des sonstigen Körpers vor- 
nehmlich die Geschlechtsorgane geschmückt, und sogar in der zivili- 
sierten Welt Europas war es bis zum Mittelalter Gewohnheit, die Ge- 
schlechtsorgane so zu bedecken, dass sie eher in das Auge fielen, und 
dass man gerade den Platz der Geschlechtsorgane besonders schmückte. 
Dies war besonders beim Mann der Fall. 

Zwei Tatsachen müssen betreffend der Kleidung betont werden. 
Erstens, dass es gegenwärtig nicht mehr der Mann ist, der durch seine 
Kleidung einen Reiz auszuüben oder die Aufmerksamkeit auf einen be- 
stimmten Körperteil hinzulenken sucht, sondern dass die Frau diese 
Bolle übernommen hat. Im täglichen Leben und ganz deutlich bei fest- 
lichen Gelegenheiten ist es nicht der Mann, der sich schmückt, der sich 
hübsch und anziehend macht, sondern die Frau strebt darnach, durch 
ihre Kleidung eine gewisse Anziehungskraft auf den Mann auszuüben. 
Obwohl das unbewusst geschieht, ist es dieser Triebfeder zuzuschreiben 
dass langsam die Mode in der Frauenkleidung eine so belangreiche 
Bolle spielen kann, während die Mode für die Kleidung des Mannes 
sicherlich nicht eine Reizung bezweckt und nur auf kleine untergeord- 
nete Teile der Kleidung einen Einfluss ausübt. Eine zweite schon er- 
wähnte Tatsache ist die, dass an die Stelle des erregenden Geruches 
der Geschlechtsorgane der Geruch von Teilen des Oberkörpers getreten 



Der Liebesprozess beim Menschen. 103 

ist. Bei der Kleidung hatte sich z. B. beim Manne langsam die Ab- 
sicht entwickelt, die Aufmerksamkeit auf die Genitalien hinzulenken, 
aber ebenso wie der Geruch seinen Platz gewechselt hat, gilt dies auch 
für die Aufmerksamkeit, die nach dem Oberkörper verlegt worden ist. 
Entblössung des Halses, der Arme und des Busens ist bei Frauen zu 
einer Gewohnheit geworden, während beim Manne wie bei der Frau 
die Genitalien nicht allein bedeckt werden, sondern selbst deren An- 
deutung so sorgsam als möglich vermieden wird. 

Dass die Kleidung überhaupt, oder doch zum grossen Teil eine 
sehr wichtige Stellung bei der Neigung einer Person zum anderen 
Geschlecht einnimmt, wird durch die folgenden Fälle bewiesen. Ein 
Gynäkologe empfängt in einer Sprechstunde eine Dame, die ihm mit- 
teilt, dass sie verheiratet und zwar glücklich verheiratet ist, dass ihr 
Mann auch sehr glücklich ist, und dass sie sich sehr lieben, aber dass 
eines zu ihrem Glück fehlt, nämlich ein Kind. Auf ihre Frage, oh er 
ihr einen Rat geben könne, begann der Gynäkologe sie zu untersuchen 
und er bemerkte sofort, dass es sioh um einen Fall von Pseudoherma- 
phroditismus masculinus handelte, dass er es also mit einem männlichen 
Individuum zu tun hatte, dessen Geschlecht durch die Missbildung seiner 
Geschlechtsorgane übersehen worden war, das nun als ein Mädchen auf- 
gezogen wurde und das man gelehrt hatte, sich wie ein weibliches In- 
dividuum zu benehmen und zu betragen. Klugerweise hat der Gynäko- 
loge seine Patientin oder vielmehr seinen Patienten mit unbestimmten 
Trostworten entlassen und hat nichts von seiner Entdeckung gesagt, 
da er sicher wusste, dass er dadurch das Glück zweier Menschen zer- 
stören würde. Nun ist der Einwurf vollkommen richtig, dass hier die 
Liebe des Mannes nicht allein durch den Gesichtseindruck der Kleider 
geweckt wurde, sondern dass sicher das weibliche Betragen und die 
Gefühle, die der Patient durch seine Erziehung angenommen hat, einen 
ebenso grossen Einfluss ausgeübt haben dürften. Aber dem steht gegen- 
über, dass, wenn derselbe Pseudohermaphrodit mit denselben femininen 
Eigenschaften, Bewegungen und Gewohnheiten Männerkleider getragen 
hätte, er auf einen normal fühlenden Mann eher abstossend als anziehend 
gewirkt hätte. Ein anderes Beispiel, das wir in der Arbeit von Hirsch- 
feld l ) finden, betrifft einen Homosexuellen, der sich ganz von Frauen 
abgestossen fühlte, und dem es unmöglich war, mit einer Frau den 
Koitus auszuführen. Zweimal aber war es ihm geglückt, das erste Mal 
mit einer Frau, die ein männliches Aeussere hatte und die in Männer- 
kleidern ging, das zweite Mal mit einer Frau, die zwar ein weibliches 
Aeusseres hatte, aber auch in Männerkleidern herumging. 



>) Magnus Hirschfeld, Ursachen und Wesen des Uranismus, Jahrb. f. Sex. 
Zwischenstufen, 1903, Nr. 5, Bd. I. — 



104 A. Aletrino 



Einen anderen Fall habe ich in einer französischen medizini- 
schen Zeitschrift gelesen, deren Name mir entfallen ist. Ein Herr 
begegnet eines Abends einer Dame auf der Strasse, mit der er ein 
Gespräch anknüpft. Nachdem er mit ihr zum Abendbrot gegangen ist, 
wobei verschiedene erotische Berührungen, Küsse und dergl. nicht aus- 
blieben, ging er mit ihr nach ihrer Wohnung, um mit ihr die Nacht 
zu verbringen. Auf ihr Zimmer gekommen, sagt sie, dass sie zu 
schüchtern sei, sich in Gegenwart eines Mannes auszukleiden, und ver- 
dunkelt deshalb das Licht sehr stark. Als sie halb entkleidet war, 
dreht ihr Besucher plötzlich das Licht wieder höher und sieht zu seinem 
Schrecken und Erstaunen, dass er den ganzen Abend nicht mit einer 
Frau, sondern mit einem Manne zusammengewesen war. Der stärkste 
Fall aber ist der folgende, den auch Hirschfeld 1 ) mitteilt und dessen 
Hauptperson, als ich sie sah und sprach, mir die Tatsachen bestätigte. 
Ein Homosexueller von ausgesprochen femininem Typus, im übrigen aber 
vollständig Mann, was seine Geschlechtsteile betrifft, geht abends in 
Berlin im Tiergarten spazieren, lockt besonders einen Unteroffizier an 
sich und nötigt ihn, mit ihm Abendbrot zu essen und weiter bei ihm 
zu bleiben. Er geht bei diesen Gelegenheiten stets in Frauenkleidern 
und gleicht dann vollständig einer Frau. Als sie zusammen gegessen 
haben, wobei er stets allein bezahlt, da er genug Geld hat, nimmt er 
seinen Partner mit nach seiner Wohnung. Am folgenden Morgen, als 
der Unteroffizier ihn verlassen hat, weiss dieser nicht, dass er ohne 
seinen Willen gegen den § 175 Verstössen hat. Ich habe diese Person 
gelegentlich, als ich zum Studium des Uranismus in Berlin war, in 
Frauenkleidern gesehen, und ich kann nichts anderes sagen, als dass er 
vollkommen ein Weib war, was er auch blieb, als ich ihn am folgenden 
Tage in Männerkleidern wiedersah. Nur macht er dann durch ein ge- 
wisses Weibischsein und durch sein feminines Auftreten einen weich- 
lichen und eher unangenehmen Eindruck, was aber ganz zu ihm passte, 
wenn er in Frauenkleidern ging. Auch in diesem Falle haben die Ein- 
drücke der übrigen Sinnesorgane wohl einen grossen Anteil beim Ent- 
stehen des Kontrektationstriebes des Mannes (z. B. die Stimme, der 
Gefühlssinn, wenn diese auch hier eine sekundäre Rolle spielen). Aber 
in erster Linie sind es die Gesichtseindrücke, die den Kontrektations- 
trieb entstehen lassen und unter den Gesichtseindrücken der Eindruck, 
den die Frauenkleidung macht. 

Eine Zeitlang meinte man, dass unter den Gesichtseindrücken die 
Kontrastwirkung einen grossen Einfiuss auf das Entstehen des Liebes- 
gefühls haben sollte. Man glaubte, dass die Verschiedenheit der Körper- 
grösse, der Haut- und Gesichtsfarbe, mit einem Wort, dass die Kon- 



'i Magnus Hirschfeld a. a. 0. S. 24. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 105 

tra8te der zwei Personen das Liebesgefühl fördern sollten. Diese Mei- 
nung war so stark verbreitet, dass Bernardin de Saint Pierre in 
seinen „Etudes sur lanature" schreibt: „L'amour ne resulte que des con- 
trastes, et plus ils sont grands, plus il a d'energie. C'est ce que je 
pourrais prouver par mille traits d'histoire .... L'infiuence des con- 
trastes en amour est si certaine, qu'en voyant l'amant, on peut faire 
le portrait de l'object aime, sans l'avoir vu, pourvu qu'on sache seule- 
ment qu'il est affecte d'une forte passion" '). Einige Schriftsteller sind 
selbst der Meinung, dass in Ehen, die auf einer Liebe durch Kontrast- 
wirkung beruhen, die Zahl der Nachkommen viel grösser ist als in 
anderen. Das scheint uns aber doch nicht der Fall zu sein. Es ist 
durchaus nicht wahr, dass die Kontrastwirkung einen solchen Einfluss 
hat, und dass sich ein grosser Mann durch eine kleine Frau angezogen 
fühlt und umgekehrt, ein dicker durch eine magere, ein blonder durch 
eine dunkle usw. und umgekehrt Es ist sogar bewiesen, dass das Sich- 
verlieben von Männern in Frauen von anderer Gesichtsfarbe, z. B. eines 
weissen Mannes in eine schwarze Frau und umgekehrt zu den seltenen 
Ausnahmen gehört, und dass allein die hellen Nuancen der Gesichtsfarbe 
eine sichere Anziehungskraft haben. Aus der Statistik, die auf der 
Kontrastfrage beruht, geht hervor, dass, was das Aeussere betrifft, viel 
mehr das Gleiche als der Kontrast gesucht wird. Der Kontrast der 
Seelen- oder Gemütseigenschaften gibt eher Veranlassung zum Entstehen 
des Liebesgefühls, wobei bemerkt werden muss, dass auch hier assozia- 
tive Vorstellungen, z. B. solche des schwachen Charakters, der sich 
in eine starke Natur verliebt, um wegen des Gedankens, durch diese 
letztere unterstützt, beschirmt und beherrscht zu werden (das letztere 
kommt in pathologischen Fällen sehr ausgeprägt vor, z. B. bei Fällen 
von Masochismus), die bedeutsamste Rolle spielen. Was die grössere 
Fruchtbarkeit der Kontrastehen betrifft, so ist durchaus nicht bewiesen, 
dass man in diesen Ehen eine grössere Anzahl Kinder findet. Galton, 
der lange Untersuchungsreihen hierüber aufgestellt hat, spricht sich ent- 
schieden dagegen aus. Westermarck 2 ) sucht die Erklärung der Tat- 
sache, dass die Kontraste einander scheinbar suchen, in der Leichtig- 
keit, mit der die Liebe eine gegenseitige Liebe entstehen lässt. Liebe 
ist, mit einigen Ausnahmen, wie er meint, meistens gegenseitig. 

Eine andere Folge des Einflusses des Gesichtseindruckes auf das 
Liebesleben liegt in der partiellen Anziehungskraft, die durch Teile des 
Gesichts oder des Körpers ausgeübt wird, im sogenannten normalen 
Fetischismus. Bei einigen Personen sind es Teile des Gesichts (Mund, 
Augen, Nase), durch die ein Liebesgefühl entsteht. Bei anderen sind 
es Teile des Körpers (z. B. Fuss, Hals, Hand, Becken), während wieder 

') Zitiert von Westermarck a. a. 0. 8. 354. 8 ) Westermarck a. a. 0. 
S. 355. 



106 A - Aletrino 



bei anderen — und dies wird besonders bei Bildhauern z. B. beobachtet 
— das Gesicht der Frau einen sekundären und selbst gar keinen Ein- 
fluss ausübt und allein die Körperform die Liebe und Bewunderung 
entstehen lässt. Solange der Teil deutlich als solcher als Fetisch dient 
und im Liebesleben nicht die Stelle der ganzen Person einnimmt, diese 
vielmehr selbst beansprucht wird, kann man den Fetischismus normal 
nennen. Ist dies nicht der Fall, dann muss man ihn zu den patho- 
logischen Erscheinungen rechnen. Obschon einige Untersucher (Binet, 
Krafft-Ebing) die normale physiologische Liebe aus der Bezauberung 
durch einen individuell gefühlten Fetisch erklären wollen, gibt dies doch 
keine Erklärung für das Entstehen des Liebesprozesses, sondern ver- 
schiebt nur die Frage. Jedenfalls muss stets bewiesen und erklärt wer- 
den, warum dieser individuelle Zauber gerade durch diesen oder jenen 
Fetisch entsteht, weshalb der eine durch die Hand, der andere durch 
den Fu8S (es sind dies die häufigsten Fälle), ein dritter durch das Haar, 
ein anderer wieder durch den Augenausdruck so gereizt wird, dass er 
Liebesgefühle spürt. Eine solche Erklärung fehlt auch für das, was 
ich Typusfetischismus nennen möchte, wo man sich von einem bestimm- 
ten Typus des Gesichts oder der Gesichtsform angezogen fühlt und in 
ihn verliebt. 

Ein einzelner Gesichtsemdruck kann das Liebesgefühl nicht nur 
wecken, sondern ein zweiter und weiterer Eindruck kann den Einfluss 
des ersten auch verstärken. Ebenso können die Gesichtseindrücke auf 
das Liebesgefühl, das schon besteht, hemmend einwirken. Das Aben- 
teuer von Rousseau, das er in seinen Bekenntnissen mitteilt, ist ein 
gutes Beispiel hierfür. Er war in eine Frau verliebt und hatte endlich 
erreicht, was er so sehnsüchtig erstrebt hatte. Sie war hübsch und 
jung, und er hatte das möglichste getan, bei ihr in Gunst zu kommen. 
Aber als sie sich ihrer Kleider entledigte, um ihm zu Willen zu sein, 
bemerkte er, dass sie nur eine Brust hatte. Diese Entdeckung gab ihm 
einen solchen Shock, dass sofort alle Liebe und alle Lust schwand; 
er ging von ihr weg, nachdem sie ihm den guten Rat gegeben hatte: 
„Zannetto, lass die Frauen und studiere Mathematik!" ') 

Ebenso wie zwei Gesichtseindrücke, die einander verstärken oder 
hemmen, das Liebesgefühl vergrössern oder vermindern können, kann 
dies durch den Einfluss verschiedener Sinnesreize leicht geschehen; das 
Liebesgefühl, das durch einen Gesichtseindruck entstanden ist, kann 
durch einen Gehörseindruck oder durch einen Geruchseindruck gehemmt 
oder auch gefördert werden. 

Aus dem Vorhergehenden sehen wir, dass es nicht ein einzelnes 
Sinnesorgan ist, in dem man allein und ausschliesslich die Ursache für 



•) J. .1. Rousseau, Confessions. Paris. Garnier fröres. 1879, S. 281. u. 882. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 107 

das Entstehen des Liebesgefühls suchen darf; ja man kann aus den Er- 
lebnissen von Leuten, die den Gebrauch des einen oder des anderen 
Sinnesorgans entbehren, schliessen, dass die Eindrücke der bei normalen 
Menschen hierfür die erste Stelle einnehmenden Sinnesorganes (wir haben 
gesehen, dass dies das Gesicht ist) nicht notwendig sind, das Liebes- 
gefühl zu wecken. Wo ein bestimmtes Sinnesorgan durch Umstände 
ausser Wirksamkeit tritt, können andere seine Funktionen übernehmen 
und den ersten Einfluss in dem Liebesprozess ausüben. Ein gutes Bei- 
spiel können wir in dem Werk Hirschfelds „Das Wesen der Liebe" 
lesen, wo er erzählt, wie ein Offizier — dessen Liebesgefühle früher 
besonders durch visuelle Eindrücke geweckt wurden — nachdem er 
durch einen Schuss sein Augenlicht verloren hatte, nur noch von 
seinem Gehörorgan beeinflusst wurde und durch eine sympathische 
Stimme ebenso angezogen wurde wie früher durch einen Gesichts- 
eindruck. 

Wir haben bis jetzt untersucht, wie der Kontrektationstrieb durch 
die Eindrücke der Sinnesorgane geweckt wird. Der Einfluss der Ge- 
fühle ist wohl ebenso gross, besonders bei der Frau. Wie wir gesehen 
haben, geben Frauen mehr als Männer dem Einfluss ihrer Gefühle nach 
und haben mehr mit ihrem Gefühl als mit ihrem Körper, ihrer sinnlichen 
Liebe, zu tun, während im allgemeinen bei Männern das Umgekehrte 
der Fall ist. Unter diesen Gefühlen sind die wichtigsten das Gefühl 
der Zärtlichkeit, die gegeben und empfangen wird, das Gefühl von 
Freundschaft, Mitleid, Bewunderung und das altruistische Gefühl. 

Was das Gefühl von Zärtlichkeit betrifft, sowohl das Bedürfnis, 
Zärtlichkeit zu spenden, als das, Zärtlichkeit von einem andern zu 
empfangen, ist eine so wesentliche Gefühlseigenschaft des weiblichen 
Gemüts, dass man ruhig sagen kann, es ist der wichtigste Faktor, durch 
den bei einer Frau Liebe geweckt wird. Bis zu einem gewissen Grade 
ist dieses Zärtlichkeitsgefühl, wenigstens das Bedürfnis, Zärtlichkeit von 
einem andern zu fühlen, bei einigen Männern (es sind das meistens die 
sensitiven, die gefühlvollen, mehr weiblichen Naturen) ebenso gut an- 
wesend. Dem ist es auch zuzuschreiben, dass in der erwachenden Puber- 
tät, im Jünglingsalter, in der sogenannten Sturm- und Drangpeiiode 
die jungen Männer in eine verliebte Stimmung, in einen melancholischen 
Gemütszustand verfallen, der zwar mit den Jahren verschwindet und 
aufhört, sobald sie jemand gefunden haben, eine Frau, die sie lieb hat, 
und die zu ihnen hält, der aber bei einigen Naturen auch später noch 
bestehen kann, und besonders im Frühjahr jenes eigenartige, wehmütige, 
schön-traurige Gefühl hervorruft, das nach dem Frühjahr verlangt und 
dieses doch mit Schrecken sich nähern sieht. Das Gefühl, das Bedürfnis 
nach Zärtlichkeit von einer Frau lässt so viele junge Männer die Gesellschaft 
von Frauen suchen, die von einem andern Stande als sie selbst sind, die 



108 A. Aletrino 



eine andere Erziehung genossen haben als sie selbst ') — die jungen 
Männer müssen durch unsere konventionellen Zustände die Gesellschaft 
und den Umgang mit Mädchen ihres eigenen Standes entbehren (glück- 
licherweise sind die Ideen eines freieren Umgangs zwischen jungen 
Männern und Mädchen in den letzten Jahren günstiger geworden) — , 
wodurch oft ihr ganzes Leben eine veränderte Richtung bekommt. Wie 
viele junge Männer haben nicht, durch dieses Gefühl getrieben, eine 
Verbindung mit einem Mädchen geschlossen, die — in aller Keuschheit 
und rein seelisch begonnen — langsam, ohne dass eines von beiden es 
beabsichtigte, sich in physische Beziehungen umwandelte; später haben 
sie sich dann mit der Frau verheiratet, wodurch das Leben des Mannes, 
ebenso wie das der Frau, weil sie nicht zu einander passen, weil sie 
nicht zu einander gehören, weil sie verschieden in ihren Anschauungen, 
Meinungen usw. sind, unglücklich geworden ist. Das Gefühl, Zärtlich- 
keit spenden zu wollen, aber oft auch das Bedürfnis, Zärtlichkeit von 
einem andern zu empfangen, von einem Manne, treibt so viele Mädchen 
und Frauen in die Arme eines Mannes. Fühlt sich dieser an sie ge- 
fesselt, dann haben sie wenigstens, wenn er sie verlassen hat, eine kurze 
Zeit des Glücks genossen ; aber wenn er nichts fühlt und die Ernüch- 
terung dadurch kommt, dass er die Frau mit dem Kind, das sie von ihm 
bekommen hat, verlässt, dann ist ihr Leben zum grossen Teil geknickt. 

Eine unverheiratete Frau von 28 oder 29 Jahren, die allein lebte 
und für ihren Unterhalt sorgte, sagte zu mir: „Zuweilen denke ich 
daran, ob ich nicht mit einem von den Männern, denen ich auf der 
Strasse begegne, und die mich ansprechen, eine Liaison eingehen soll. 
Dann bin ich wenigstens eine Zeitlang nicht so allein, ich kann wenig- 
stens eine Zeitlang das Gefühl haben, dass jemand mit mir und lieb zu 
mir ist, für mich sorgt und ein bischen zärtlich ist." 

Doch ist bei Frauen das Gefühl, Zärtlichkeit zu spenden, meistens 
viel stärker als das, Zärtlichkeit zu empfangen. Bei den meisten Män- 
nern ist das Umgekehrte der Fall, wenn es auch Ausnahmen gibt 
Hierher gehört z. B. ein Mann, der mir sagte, sein Ideal sei und sei 
stets gewesen, eine kränkliche Frau zu heiraten, nur damit er zärtlich 
zu ihr sein und sanft und lieb für sie sorgen könne. Das Verlangen, 
ein Kind zu haben, das fast alle Frauen vor ihrer Ehe haben und so 
viele auch in ihrer Ehe zeigen, kann zum grossen Teil auf das Bedürf- 
nis, Zärtlichkeit zu spenden, zurückgeführt werden; vor der Verheira- 
tung sicher. Eine Frau sagte mir, und es ist nicht die erste beste, 
sondern eine sehr hoch stehende Dame, dass sie sich vor ihrer Verhei- 
ratung so sehr naoh einem Kind sehnte, dass sie scherzhaft oft sagte, 
sie möchte dann sogar gern Witwe sein; dann hätte sie ein Kind und 

') Siehe auch Ludwig Finckh, De Rozendokter, Uitgave Wereldbibliotheek. 
Vertaald door Mevr. M. v. Vloten. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 109 

keinen Mann. Für den Mann fühlte sie nicht viel. Als sie später mit 
einem Manne verheiratet war, der keine Kinder haben wollte, hat sie 
dem zugestimmt, da vom ersten Augenblick an, wo sie mit ihm sich 
verbunden fühlte, das Bedürfnis und die Lust nach einem Kind ver- 
schwunden waren und sie jetzt genug Befriedigung in dem Gefühl hatte, 
ihre Zärtlichkeit dem zukünftigen Manne zu widmen. Ein anderes, 
noch deutlicheres Beispiel ist eine Frau, die ich kenne, die sich erst in 
später Lebenszeit verheiratete. Vor ihrer Verheiratung beschäftigte sie 
sich stets mit kleinen Kindern und ihr grösstes Vergnügen war, Kinder 
um sich herum zu haben und für sie zu sorgen. Aber kaum war sie 
verheiratet, als das Bedürfnis und das Sehnen nach Kindern verschwand. 
Sie fühlte sich vollkommen glücklich und zufrieden mit ihrem Mann, 
der nun die Stelle des Kindes in ihrem Zärtlichkeitsbedürfnis einnahm. 
Dies ist so deutlich gewesen, dass sie mit einem Gefühl von Verdriess- 
lichkeit den Tag sich nähern sah, wo sie selbst ein Kind bekommen 
sollte, und stets erklärte sie, dass sie lieber kein Kind haben möchte. 
Auch ein dritter Fall ist kennzeichnend. Eine unverheiratete Dame 
von etwa 45 Jahren geht seit einigen Jahren damit um, ein Kind an- 
zunehmen, weil sie ein so grosses Bedürfnis hat, jemand Zärtlichkeit 
zu spenden. Sie fühlt sich dauernd unzufrieden und verdriesslich und 
ersehnt ein Surrogat für ihr Zärtlichkeitsbedürfhis, das dahin geht, stets 
für jemand anders zu sorgen. Noch einen weiteren Fall kann ich an- 
führen. Eine Frau, die ihren Mann verloren hatte, nahm mit ihrer 
Schwester, mit der sie zusammen lebte, zwei Waisenknaben zur 
Pflege an. Sie hielt viel von den beiden, sorgte für sie, ernährte 
sie so gut als möglich und fühlte für sie beinahe dasselbe, wie wenn 
sie ihre Mutter wäre. Nach einigen Jahren verheiratete sie sich mit 
einem Manne, an den sie sich eng gefesselt fühlte. Von dem Augen- 
blick an verringerte sich ihre Liebe für die zwei Jungen nach und 
nach, und nach kurzer Zeit war sie so gering, dass sie gleichgültig 
gegen sie wurde. Wie sie selbst zugab, war ihr Bedürfnis, Zärtlichkeit 
zu spenden, das sie nach dem Tode ihres ersten Mannes auf die zwei 
Knaben übertragen hatte, jetzt vollständig dadurch befriedigt, dass sie 
es auf ihren Mann übertragen konnte. 

Man muss dagegen anführen, dass es viele Frauen gibt, die ver- 
heiratet sind, also einen Gegenstand, ihr Zärtlichkeitsgefühl zu befrie- 
digen, haben, die gleichzeitig jemand haben, von dem sie Zärtlichkeit 
empfangen, und die trotzdem sich oft nach einem Kinde sehnen. Dem- 
gegenüber mögen die folgenden Bedenken geäussert werden. Die meisten 
Menschen, die meisten Frauen ganz sicher, haben nicht die Gewohnheit, 
ihre Gefühle richtig zu analysieren oder sie genau zu untersuchen. 
Viele Frauen, besser gesagt die meisten, geben sich keine Rechenschaft 
davon, ob sie in ihrer Ehe das gefunden haben, was sie sich in ihren 



HO A. Aletrino 



Mädchentagen vorgestellt haben. Oft haben sie sich überhaupt keine 
oder eine verkehrte Vorstellung davon gemacht. Wenn die Wirklich- 
keit dann nicht ihrer Illusion entspricht, schreibt die Frau das dem zu, 
dass die Wirklichkeit nun einmal nicht anders ist, und sie sieht sehr 
schnell, dass es in anderen Ehen ebenso zugeht wie in ihrer. Die Zärt- 
lichkeit, von der sie geträumt haben, empfangen sie nicht, die Zärtlich- 
keit, die sie so gern spenden wollen, können sie nicht spenden, da ihr 
Mann nicht geeignet dafür oder zu wenig Gefühlsmensch ist. Infolge- 
dessen fühlen sie sich, ohne zu wissen, welches die wahre Ursache ist, 
— es gibt noch viele andere Ursachen, wodurch sich eine Frau in ihrer 
Ehe enttäuscht fühlt — unbefriedigt und denken, dass das Fehlen eines 
Kindes die Ursache ihrer mangelnden Befriedigung ist. Es darf ferner 
nicht vergessen werden, dass das Bedürfnis, ein Kind zu haben, noch 
andere Ursachen haben kann. Zunächst die konfessionelle Anschauung, 
die sie stets gelehrt hat, dass eine Frau Kinder haben müsse und dass 
eine Ehe ohne Kinder etwas unwürdiges, eine Frau, die keine Kinder 
hat, etwas minderwertiges sei, ferner das Gefühl, hinter verheirateten 
Freundinnen zurückzustehen, die Kinder haben, ein gewisser Trotz 
gegenüber anderen Frauen, wenn man ein Kind zeigen kann, und vor 
allem der suggestive Einfluss der Mädchenerziehung, wo man sie gelehrt 
hat, mit Puppen zu spielen oder Mutterchen zu spielen. Dass eine Frau 
vor ihrer Verheiratung oft das Bedürfnis nach einem Kind fühlt, liegt 
meistens in dem ihr unbewussten Gefühl, das nach der Zärtlichkeit 
eines Mannes verlangt, einem Gefühle, das unbewusst ist, weil das 
Mädchen gelernt hat, dergleichen Gefühle dürfe sie nicht pflegen und 
sicher nicht mitteilen. Es ist das eine der vielen Ursachen, weshalb 
man sich in den wahren Gefühlen des unverheirateten Weibes irrt. 
Und wenn die Frau verheiratet ist, weiss sie oft selbst nicht, dass ihrem 
Verlangen nach einem Kinde das Gefühl zugrunde liegt, Zärtlichkeit 
zu spenden, ein Gefühl, dem sie ihrem Manne gegenüber nicht nach- 
geben darf. Frauen wissen so oft nichts von ihrem eigenen Gefühl und 
Denken. Ich habe eine Frau gekannt, die verheiratet war, die schon 
einen grossen Sohn hatte, die sich stets glücklich gefühlt hatte und 
der es niemals bewusst geworden war, dass sie gar nicht glücklich 
war, bis sie eines Tages ein verheiratetes Paar antraf, dessen gegen- 
seitiges Verhalten ihr plötzlich die Augen öffnete und ihr zum Bewusst- 
sein brachte, dass sie eigentlich während ihrer ganzen Ehe niemals das 
gehabt hatte, was sie hätte haben müssen und haben wollen, und wo- 
durch ihr gleichfalls zum Bewusstsein kam, dass sie dadurch stets das 
eigenartige, schwer zu umschreibende Gefühl gehabt hat, das sie stets 
ihrer eigenen Unwürdigkeit (sie war sehr gottesfürchtig) zugeschrieben 
hatte. 

Es gibt noch einen anderen Faktor, weshalb sich die Frauen so oft 



Der Liebesprozess beim Menschen. Hl 

nach einem Kind sehnen. Ihr Gefühl von Mitleid, Hilfsbereitschaft, 
Altruismus, der Wunsch, für ein hilfloses Geschöpf zu sorgen und es 
zu versorgen, die Sehnsucht danach, sich ganz aufzuopfern, spielt eine 
grosse Rolle bei dem Bedürfnis, Kinder zu haben. Auch wenn eine 
Frau verheiratet ist, kann sie diese Gefüble nicht vollständig gegenüber 
ihrem Mann befriedigen, da dieser diese Gefühle in den meisten Fällen 
nicht braucht und sie dann meistens etwas spottend und demütigend 
annimmt. Ist es dann ein Wunder, dass der einzige Ausweg, den das 
Weib vor sich sieht, darin besteht, dass sie ein Kind haben und pflegen 
will? Ich kenne eine Frau, die sehr viel kleine Kinder gehabt hat und 
die, obwohl sie drei erwachsene Töchter hatte, doch noch gern ein Kind 
haben wollte. Aber was sie bei dem Kinde reizt, sind allein die ersten 
Jahre, die Zeit, wo sie mit ihrem Herzen und ihrer Seele dem hilflosen 
Geschöpf helfen und es pflegen muss. Sobald die Kinder älter sind, 
geht die Hingabe für Kinder zwar nicht ganz verloren, aber es ändert 
sich die äussere Form. Nur Säuglinge sind es, die bei ihr das 
Zärtlichkeitsgefühl erwecken. 

Mit alledem ist nicht gesagt, dass es keine Frauen gibt, für die, 
ein Kind zu haben, nicht ein Lebensbedürfnis ist; durchaus nicht. Ich 
kenne einen Fall, wo die Frau nicht heiraten wollte, weil sie nichts 
mit einem Mann zu tun haben wollte, die aber so sehr nach einem 
Kinde verlangte, dass sie versuchte, ein Kind von einem Mann zu be- 
kommen, den sie kannte, und der ihr auch nachgab. Als unglücklicher- 
weise statt einer normalen Entbindung ein Abort die Folge war, hat 
sie noch einmal dasselbe getan, und als endlich die Geburt bevorstand, 
ist sie nach dem Ausland gegangen, wo sie mit ihrem Kind lebt und 
glücklich ist. Hier muss bemerkt werden, dass es sehr gut möglich, 
ja sogar wahrscheinlich ist, dass die Frau infolge des Bedürfnisses, 
Zärtlichkeit zu spenden, ein Kind haben wollte, während andere Gründe 
bestehen können, weshalb sie nicht ihr Leben an einen Mann fesseln 
wollte, so dass sie auf diese Weise versuchte, einen Ausweg für ihr 
Zärtlichkeitsbedürfnis zu finden. Es ist unmöglich, in diesem Augen- 
blick, wo die Frage des Mutterinstinkts noch so wenig studiert ist, wo 
vertrauenswerte Statistiken noch fehlen, eine abschliessende Meinung 
über die Frage zu äussern. Sie ist aber wichtig und ernst genug, um 
ihr in der Richtung, die ich angedeutet habe, nachzugehen. 

Das Bedürfnis, Zärtlichkeit zu spenden, und das Bedürfnis, Zärt- 
lichkeit zu empfangen, beherrscht alles bei der Frau. Deshalb achtet 
sie nicht auf das Aussehen des Mannes, in den sie sich verliebt, deshalb 
geschieht es, dass sie, unbekümmert um seine sonstigen Eigenschaften, 
nur das Gefühl berücksichtigt, auf das sie mehr Wert legt als auf alles 
andere. Dadurch irrt sie sich so oft in dem Gegenstand ihrer Liebe, 
indem sie nur auf die ihr gebotene Gelegenheit, Zärtlichkeit zu spenden, 



112 A. Aletrino 



achtet, auf die Gelegenheit, die sie dann gefunden zu haben glaubt, 
wenn ihr Bedürfnis nach dem Empfangen von Zärtlichkeit befriedigt 
werden soll. Dadurch unterschätzt sie jedoch alle entgegenwirkenden 
Eigenschaften des Mannes, will sie oft mit Absicht nicht sehen, und 
selbst wenn die Enttäuschung in der Ehe schon eingetreten ist, will sie 
ihr Unglücksgefühl oft vor sich selbst verbergen ; sie zwingt sich, weiter 
in ihrer Illusion zu leben, dass sie noch Zärtlichkeit empfängt und dass 
sie jedenfalls — man sieht das in Familien, wo der Mann ein unwürdiges 
Leben führt, sich mit Weibern abgibt, trinkt usw. — Zärtlichkeit noch 
spenden kann und besonders in den letzten Fällen noch spenden muss. 
Was ist es anderes als das Bedürfnis, Zärtlichkeit zu spenden, selbst 
noch mehr als Zärtlichkeit zu empfangen (und dies spielt doch auch 
eine grosse Bolle in dieser Art des Verhaltens), was eine Brostituierte 
an ihren Zuhälter bindet und sie geduldig sein schlechtes Betragen, seine 
Boheiten und seine Misshandlungen erdulden lässt? Geht doch diese 
Zärtlichkeit selbst so weit, dass diese Fersonen vor dem Bichter nur 
ausnahmsweise gegen ihren Zuhälter zeugen, wenn sie auch bis aufs 
Blut von ihm gemisshandelt wurden. In jedem Mädchen steckt das 
Weib mit seinem Anlehnungsbedürfnis, seiner Liebessehnsucht, die in 
der rein gewerbsmässigen Handhabung des geschlechtlichen Verkehrs 
keine Befriedigung findet . . . „Was würde ich geben, wenn ich einen, 
nur einen einzigen Menschen auf der Welt hätte, der zu mir gehörte, 
an den ich mich anschliessen könnte, von dem ich wüsste, er ist für 
mich da und ich für ihn", so sagt die gute Thymian in dem ,, Tagebuch 
einer Verlorenen". 

Und ist es nicht das grosse Bedürfnis, Zärtlichkeit zu spenden und 
zu empfangen, was in öffentlichen Häusern so oft zwei Frauen zu einer 
sexuellen Verbindung miteinander führt und diese aufrecht erhalten lässt, 
während sie doch sonst Gelegenheit genug haben, wie man bei ober- 
flächlicher Betrachtung meinen sollte, ihren Geschlechtstrieb zu befriedigen. 
Nur weil sich das Bedürfnis nach Zärtlichkeit äussert, suchen sie in ihrem 
Leben voll Elend, voll Verachtung und roher Behandlung, das sie von 
Seiten der Besucher erfahren, das Bedürfnis, jemand zu haben, an den sie 
sich anklammern können, jemand zu haben, der sich an sie anlehnt. 
Ich gebe zu, dass bei einem solchen Verhalten zuweilen Homosexualität 
im Spiel ist. Dass in den letzten Fällen von „Ueberreizung" oder von 
„Sittenlosigkeit" die Bede sein soll, darüber will ich nicht sprechen. 
Jeder, der nur einigermassen auf der Höhe der Auffassung und Erkenntnisse 
betreffend die Homosexualität steht, die in den letzten Jahren festgestellt 
wurde, darf und kann mit solcher Beurteilung nicht übereinstimmen. 
Dass das oben genannte Verhalten durch das Bedürfnis nach Zärtlichkeit 
bestehen und entstehen kann, ist aber allzu gut bekannt. „Und sind 
diese tiefstehenden Fersonen nicht tatsächlich andere Menschen", so sagte 



Der Liebesprozess beim Mneschen. 113 

mir einer, der viel mit Prostituierten in Berührung gekommen ist, „wenn 
man freundlich gegen sie sich benimmt, sie sanft und wie jede andere 
Frau behandelt?" „Es ist meine Ueberzeugung , " sagte er, „dass die 
Erzählungen von der verschwundenen Libido der Prostituierten durch 
ihren starken sexuellen Umgang Redensarten sind. Wenn man sie eine 
Zeitlang kennt, freundlich und lieb gegen sie ist, sie mit ein bisschen 
Rücksicht behandelt, ihnen dann und wann ein kleines Geschenkchen 
mitbringt, dann beginnt eine solche Frau sich anzuschliessen, und wenn 
man dann mit ihr kohabitiert, fühlt sie ebenso viel Genuss wie jede 
Frau, die sich an einem Mann festhält." 

Eine verheiratete Frau, die grosse Kinder hatte, erzählte mir folgendes : Sie lebte 
schlecht mit ihrem Mann, einem etwas positiv und materiell angelegten Menschen, der 
niemals ihre Gefühle begreifen konnte oder begriffen hatte. Sie war noch ganz jung, 
kannte sich selbst und ihn nicht gut, und allmählich trat eine gewisse Entfremdung 
ein, ihre Zärtlichkeit und Liebe traten zurück. Aber es nagte das Gefühl der Ent- 
täuschung in ihr weiter, machte sie traurig und trübsinnig und Hess ihre Sehnsucht nach 
Zärtlichkeit stets wieder höher aufsteigen, wenn sie eine Szene mit ihrem Mann wieder 
hatte durchmachen müssen, von dem sie fühlte, dass er sich weiter und weiter von ihr 
entfernte. Und doch hielt sie noch zu ihm, sie konnte nur mit Angst an seinen Tod 
denken, aber nicht etwa aus materiellen Gründen, denn diese nötigten sie nicht, ängstlich 
zu sein. So hatte sie schon Jahre gelebt und hatte es niemand gesagt. Jahre hindurch 
kam ein Jugendfreund ihres Mannes in ihr Haus, schon so lange sie verheiratet war. 
Sie betrachtete ihn als einen guten Freund, nicht einmal als einen speziellen Freund 
von ihr selbst, sondern sie betrachtete ihn als solchen, weil ihr Mann so stark an ihm 
hing. Noch niemals war etwas zwischen ihnen beiden vorgekommen, was sie nicht vor 
ihrem Mann oder vor ihren Kindern hätte bekennen dürfen. Eines Abends, als sie ihn 
schon Jahre hindurch kannte, traf sie ihn, nachdem sie wieder eine lange, elende Zeit 
durchgemacht hatte und gerade an diesem Mittag eine heftige Szene zwischen ihr und 
ihrem Manne gewesen war, in der Garderobe eines Hauses, wo beide zu Gast waren. 
„Was in mir vorging, weiss ich nicht," so erzählt sie. „Aber als ich mit ihm so allein 
stand, wie ich doch so oft mit ihm in einem Zimmer allein gewesen war, fühlte ich 
einen so tiefen Schmerz über alle meine verlorenen Illusionen; es brach das Bedürfnis 
nach einer starken Zärtlichkeit in mir hervor, das Bedürfnis, jemand zu haben, der zu 
mir hielt , war so stark , dass ich , bevor ich es wusste , in seinen Armen lag und in 
Schluchzen ausbrach und ihn innig bat, zu mir zu halten. Ich kannte ihn Jahre hin- 
durch, ich fand ihn eher hässlich als schön, ich wusste, dass er mehr oder weniger ein 
Don Juan war und dass er mich, weil ich in diesem Augenblick so handelte, so ansehen 
würde wie viele andere Frauen. Und doch war es zu stark, ich konnte nicht mehr 
gegen mein Bedürfnis nach dem einen, was mein ganzes Leben beherrscht, ankämpfen, 
gegen das Bedürfnis, Zärtlichkeit zu spenden und Zärtlichkeit zu empfangen. Dann 
bin ich einige Wochen glücklich gewesen, obschon stets der Gedanke, dass ich meinen 
Mann betrog, das Glück verdunkelte. Niemals ist etwas Sexuelles zwischen uns vor- 
gekommen, und vielleicht ist das der Grund, weshalb er langsam unsere Beziehungen 
erkalten Hess. Als ich das bemerkte, habe ich eines Tages Schluss gemacht und habe 
dann wieder lange Zeit gelebt wie vor diesen Tagen. Zu meinem Glück begannen die 
Geschäfte meines Mannes schlecht zu gehen, und er begann das Bedürfnis nach einem 
Halt in seiner schwierigen Lage zu fühlen. Er ist, ohne es zu ahnen, anders gegen 
mich geworden, lieber, sanfter, freundlicher, und ich kann mich jetzt nicht mehr er- 
innern, dass ein unangenehmes Wort gegen mich über seine Lippen gekommen wäre; 
ich habe mich wieder an ihn angeschlossen. Ich bin fest an ihn gefesselt, wie ich es 
immer gehofft und gewünscht habe. Ich fühle die grosse Zärtlichkeit , die von ihm 
über mich kommt , täglich und fortdauernd jetzt , wo er gesehen hat , dass ich eine 
grosse Stütze für ihn in seinen Sorgen bin, und dass er die grosse Zärtlichkeit fühlt, 
Zeitschrift für Psychotherapie. V. 8 



114 A. Aletrino 



die ich imstande bin zu spenden, wenn nur jemand da ist, der sich an mich anschliesst 
und der mein Bedürfnis nach ein bischen Zärtlichkeit, das ich stets in meinem Leben 
gehabt habe, befriedigt. Ich bin jetzt wieder glücklich, so glücklich, wie ich niemals 
zuvor gewesen bin." 

Wie ich schon angedeutet habe, kann das Bedürfnis, Zärtlichkeit 
zu spenden und zu empfangen, bei dem Manne ebenso zu einer Liebe 
führen wie bei der Frau. Aber es ist das bei dem Manne mehr in den 
Pubertätsjahren der Fall, obwohl es in dem späteren Lebensalter nicht 
ausgeschlossen ist, während die Zärtlichkeitsgefühle der Frau mehr nach 
der Pubertät kommen. In einem Falle sind die beiden Geschlechter 
gleich: nämlich in dem Bedürfnis, Zärtlichkeit zu spenden, wenn die 
Liebe aus dem Mitleid entsteht. Das Mitleid ist oft der Beginn einer 
späteren grossen Liebe ebenso beim Manne wie bei der Frau. Mitleid 
mit dem Unglück einer anderen Person führt zu dem Gefühl, helfen und 
beistehen zu wollen, und dieses Gefühl wandelt sich zum Liebesgefühl 
um. Wie oft ist es schon vorgekommen, dass jemand, der sein Elend 
und seinen Verdruss über eine abgewiesene Liebe einer Person des 
anderen Geschlechtes klagte und dabei dieser Person ein dauerndes 
Gefühl von Liebe eingeflösst hat. Dabei kommt es vor, dass die klagende 
Person langsam, unbewusst über ihren Verlust getröstet, Liebe für die 
Person entstehen fühlt, die ihr in ihrer schwierigen und schmerzvollen 
Zeit geholfen und beigestanden hat. In diesen Fällen ist bei der Person, 
die zuhörte und tröstete , das Zärtlichkeitsgefühl im Spiele gewesen. 
Bei dem, der klagte und den Trost suchte, ist auf die Dauer das Gefühl 
gekommen, Zärtlichkeit zu empfangen, wodurch — es ist schwer, dem 
nachzuforschen , durch welchen Prozess — das Liebesgefühl erweckt 
wurde. Ebenso geht Freundschaft, wenn es sich um Freundschaft 
zwischen Personen von verschiedenem Geschlecht handelt, sehr leicht 
in Liebe über. Während in der Freundschaft zwischen Personen des- 
selben Geschlechts meistens kein sexuelles Moment vorliegt, ist bei der 
Freundschaft zwischen Personen verschiedenen Geschlechts stets ein 
unbewusstes sexuelles Moment vorhanden. Damit meinen wir nicht ein 
Moment, wo der Geschlechtstrieb als solcher eine Bolle spielt oder die 
Lust zum Koitus, sondern die Verschiedenheit des Geschlechts, das 
Eigenartige, was die Geschlechtsverschiedenheit mit sich bringt und das 
für einige Männer die Gesellschaft von Frauen angenehmer macht als 
die von Männern, während für manche Frauen das Umgekehrte der Fall 
ist. Hierbei sind die sekundären Geschlechtsmerkmale, sowohl die 
somatischen wie die psychischen — die letzteren wohl besonders — von 
ungemein grosser Bedeutung, und sie geben meistens den Ausschlag für 
die Freundschaft und für die Bevorzugung dieser Freundschaft vor der 
mit Personen desselben Geschlechts. Dass aus diesen Freundschaften 
sehr allmählich Verliebtheit und Liebe entsteht, bedarf keiner Erwähnung. 
Beispiele findet man überall. 



Der Liebesprozess beim Menschen. 115 

Merkwürdig ist, dass zuweilen eine Person Liebe fühlt für eine 
fremde Person, ohne an die zu denken, mit der sie so lange in Freund- 
schaft verkehrt hat, und dass sie selbst keinen Augenblick den Ge- 
danken hatte, es könnte möglich sein, sich in diese Person zu verlieben. 
Das ist bei Männern sehr oft der Fall, das Vorkommnis von David 
Copperfield ist keine Ausnahme, ebensowenig wie der Fall von 
Agnes etwas selten Vorkommendes ist. Der Grund davon ist wahr- 
scheinlich der, dass sich der Mann mehr durch das Aeussere als erstes 
Moment angezogen fühlt, und dass das Aeussere seiner Freundin ihm 
schon lange bekannt ist und demnach der Charme, den das Unbekannte, 
das Neue stets mit sich bringt, hier ohne Einfluss ist. Dabei ist er zu 
sehr daran gewöhnt, in der Frau, mit der er umgeht, etwas anderes als 
eine Freundin zu sehen, vor allem, wenn die Freundschaft von früher 
Jugend her datiert, schon von der Zeit vor der Pubertät. Vielleicht ist 
es auch eine Folge der unbewusst bleibenden komplizierten Gefühle, die 
beinahe zu einem Instinkt geworden sind, wodurch sich — ebenso wie 
das bei der Blutschande der Fall gewesen ist — beinahe ein Gefühl von 
Abscheu an den Gedanken des sexuellen Verkehrs mit einer Person 
knüpft, mit der man in langem intimem Verkehr gelebt hat seit der 
Zeit an, wo von einem sexuellen Besitz noch keine Rede ist '). 

Ist eine Freundschaft in oder nach der Pubertät entstanden, dann 
kommt das unbewusste sexuelle Moment ins Spiel, und dann kann sich 
auch bei dem Manne die Freundschaft in Liebe verwandeln. Dass auch 
bei der Freundschaft ein sexuelles Moment vorliegt, kann daraus ge- 
schlossen werden, dass selten bei einer Freundschaft zwischen Personen 
desselben Geschlechts jenes eigenartige liebe, zarte, sanfte oder, um ein 
altväterliches Wort zu gebrauchen, veredelnde Gefühl vorhanden ist, das 
wir bei der Freundschaft mit einer Person des anderen Geschlechts an- 
treffen. Dies ist so stark, dass ein Gewährsmann (der selbst Vater und 
hoch in den Vierzigern ist) mir mitteilte , dass er sich stets viel mehr 
durch den Umgang mit jungen Mädchen als durch den mit jungen 
Männern, die dasselbe Alter wie die Mädchen hatten, angezogen fühlte, 
während doch im allgemeinen der Umgang mit Jüngeren für ihn viel 
anziehender war als der Umgang mit Aelteren oder mit seinen Alters- 
genossen. In diesem Umgang mit jungen Mädchen lag für ihn der 
Charme des Umgangs mit einer Frau. Er fühlte dabei dieselbe Zärt- 
lichkeit und Sanftheit in seinem Gemüt, dieselbe vertrauende Lieblichkeit, 
wie er sie sein ganzes Leben in dem freundschaftlichen Umgang mit 
Frauen gefühlt hatte. Diese Gefühle hatte er nicht in dem Umgang 
mit jungen Männern, die in demselben Alter standen wie die Mädchen. 
Es war stets in seinem Umgang mit den jungen Mädchen — und sie 



*) Westermarck a. a. 0. S. 363. 



116 A. Aletrino 



waren meistens so jung, wie seine eigenen Töchter es waren — ein 
gewisses eigenartiges Gefühl vorhanden, das ihn stark an das Liebes- 
gefühl erinnerte, das er, als er noch jung war, erfahren hatte. Ueber 
das Gefühl bei Frauen ist mir nicht viel bekannt, und darüber kann 
ich kein Urteil abgeben. 

Was ich von den Sinneseindrücken gesagt habe, nämlich dass 
niemals der Eindruck eines einzigen Sinnesorganes oder noch besser 
nur in seltenen Fällen ein einziger Eindruck das Liebesgefühl erwecken 
kann, sondern dass meistens die Eindrücke verschiedener Sinnesorgane 
zusammenwirken oder ein Sinneseindruck mit einem oder mehreren 
Gefühlen usw., gilt auch für die Gefühle beim Entstehen des Liebes- 
prozesses. Die meisten Gefühle sind nicht scharf geschieden, besonders 
nicht, wenn sie dicht bei einander liegen, sondern gehen stufenweise in- 
einander über. So können Mitleid und Selbstaufopferung, wobei auf das 
Mitleid als ein überwiegendes Gefühl beim Entstehen des Liebesprozesses 
hingewiesen sei, vor allem bei der Frau sehr allmählich ineinander über- 
gehen; sie gehen auch meistens ineinander über und lassen kombiniert oder 
isoliert das Liebesgefühl entstehen. Dann darf nicht vergessen werden, 
dass im allgemeinen auch Frauen viel mehr altruistisch in ihrer Liebe 
sind als Männer, und dass die Frau meistens genug Befriedigung für 
ihre Liebe findet, wenn der Mann glücklich ist und durch sie es ge- 
worden ist, während die meisten Männer ein Glück für sich selbst ver- 
langen und erst danach an das Glück oder das grössere oder geringere 
Glücksgefühl ihrer Frau denken. Nur eine Frau kann so sehr einen 
Mann lieben, dass sie glücklich ist, wenn er glücklich ist, selbst wenn 
das Glück dadurch auf ihre Kosten geschaffen werden soll, dass er sogar 
mit einer andern Frau zusammenkommt. Als seltene Ausnahmen 
kommen dergleichen altruistische Gefühle auch beim Manne vor, aber 
sie bleiben eben Ausnahmen. 

Ein letzter Weg für das Entstehen des Liebesgefühls, nämlich der 
durch den coup de foudre, ist noch zu besprechen. Die am meisten 
verbreitete Meinung ist, dass dergleichen plötzlich auftretende Verliebtheit 
nur in der Phantasie von Romanschriftstellern besteht und bestehen kann. 
Gut beobachtete Tatsachen haben aber gezeigt, dass solche Gefühle in 
der Wirklichkeit vorkommen und dass sie dieselben Folgen haben können 
wie in den Romanen, nur mit dem Unterschied, dass in der Wirklichkeit 
der Mann oder die Frau, die den coup de foudre erfahren haben, die 
Ursache dafür nicht angeben können, wodurch so plötzlich das Gefühl 
entstanden ist. Eine Erklärung für die Tatsache kennen wir nicht. Es 
wird vielleicht stets die Frage ungelöst bleiben, warum plötzlich, ohne 
dass man Ursachen angeben kann, ein Liebesgefühl ; entstehen kann, das 
meistens viel stärker ist als das Gefühl, das langsam emporgewachsen 
ist. Einer meiner Freunde berichtete mir folgendes: 



Der Liebesprozess beim Menschen. 117 

Ich kannte meine Frau schon lange, als sie noch ein Kind war und kurze Röcke 
trag and bei meiner Schwester, die ebenso alt war wie sie, zum Spielen kam. Zunächst 
behandelte ich sie wie ein Eind und später — wir waren acht Jahre auseinander, was 
einen enormen Unterschied macht, wenn man noch jung ist, und was sich erst später 
langsam aasgleicht — als ein junges Mädchen. Lange Zeit nannte sie mich nicht bei 
meinem Namen, und es hat auch lange gedauert, bevor sie so vertraut mit mir sein 
durfte. Ich fühlte für sie so, wie man für viele Menschen fühlt, aber niemals ist mir 
der Gedanke gekommen , dass ich mich mit ihr verheiraten sollte. Der Gedanke an 
eine Ehe war tatsächlich an dem Abend, wo ich den coup de foudre fühlte, so weit 
von mir entfernt, dass ich in diesen Tagen überhaupt nicht daran dachte, jemals zu 
heiraten. Allmählich war ich etwas intimer mit ihren Brüdern und Schwestern ge- 
worden, nachdem ich viele Jahre mit ihnen nicht verkehrt hatte. Eines Abends waren 
wir zu einem Familienfest bei ihrer zukünftigen Schwägerin, zu einer einfachen Ge- 
sellschaft ohne Umstände, ohne Alkohol und ohne besondere Anregungen. Als wir 
nach Hause gingen , ging ich zufällig mit ihr voraus , weil die andern etwas zurück- 
geblieben waren. Wir unterhielten uns über einen Gegenstand, den wir bereits im 
Hause zu besprechen begonnen hatten. Ich erinnere mich noch ganz deutlich, was es 
war. Es handelte sich um die Erziehung und Entwicklung von jungen Mädchen. Das 
Gespräch war weder romantisch noch geeignet, Zärtlichkeitsgefühle zu wecken. Und 
dann kam es ganz plötzlich. Ich weiss noch ganz gut, dass sie mich fragte, ob ich 
ihr nicht jeden Tag meine Zeitung schicken könnte, da die Zeitungen, die ihre Eltern 
und ihre Brüder lasen, sie langweilten und ihr nicht interessant genug waren. Da hatte 
ich plötzlich ein besonderes Gefühl. Es war gerade bei einer Laterne, die zweite von 

der Ecke bei der gracht (er nannte mir den Namen der Strasse) , die direkt 

vor einem Lagerbaas stand. Ich sah plötzlich das Laternenlicht hoch aufflammen und 
wieder schwächer werden bis zu einem kleinem Flämmchen. Alles rings um mich 
herum war dunkel. Dann wurde das Licht wieder heller. Ich hatte in meiner Kehle 
ein Gefühl, wie wenn ich ersticken sollte, und es entstand plötzlich ein Gefühl in mir, 
wie wenn ich weinen sollte, das Gefühl von einem tieftraurigen und doch grossen Glück. 
Ich fühlte plötzlich, dass ich sie liebte, wie ich sie nachher noch jahrelang geliebt habe. 
Später wurde sie meine Frau. 

Eine Dame erzählte mir, dass ihre erste Liebe, die nicht zu einer 
Ehe führte, durch einen coup de foudre bei ihr entstand. 

Ich kannte ihn nicht, er war bei uns zu Hause durch einen meiner Brüder ein- 
geführt worden. Eines Abends sassen wir mit ihm im Zimmer ; die Mutter war schon 
zu Bett gegangen, sie war etwas unpässlich; meine andere Schwester, meine Brüder 
und ich, wir waren mit ihm im Wohnzimmer geblieben und unterhielten uns. Ich er- 
inner« mich noch ganz gut, dass ich hinter dem Teebrett sass und Tee eingoss und 
dass er gegenüber neben meiner Schwester sass. Wir hatten uns schon lange unter- 
halten, als er etwas zu mir sagte, was mit Liebe oder Zärtlichkeit nichts zu tun hatte. 
Ich weiss nicht mehr, was es war, aber während ich ihn ansah und zu ihm hinhorchte, 
fühlte ich plötzlich eine so grosse Liebe und Herzlichkeit in meiner Brust, dass ich 
Mühe hatte, nicht vor Freude aufzuschreien. Jahre hatte es gedauert, bevor ich von 
dieser Liebe befreit wurde; er hat niemals etwas davon bemerkt, ebensowenig wie 
meine Angehörigen. Bis zu diesem Augenblick aber ist mir dieses plötzliche Gefühl 
und der ganze Vorgang unerklärlich geblieben; ich habe oft darüber nachgedacht, 
aber niemals konnte ich eine Erklärung dafür finden. 

Im ersten Fall könnte man vielleicht noch an einen langsam vor- 
bereiteten Boden denken, auf dem in einem geeigneten Augenblick die 
Liebe plötzlich erblühte. Es mag vielleicht bei dem jungen Mann das 
Liebesgefühl unbewusst anwesend gewesen sein, obwohl dagegen spricht, 
dass das Liebesgefühl ganz plötzlich in das Eewusstsein kam, und dass 
die Liebe hier in ganz kurzer Zeit, nämlich in der Periode, in der er 
von neuem mit ihr verkehrte, sich hätte entwickeln müssen. Dass diese 



118 A. Aletrino 



Liebe schon in den so lange verflossenen Jahren, wo er noch ein Kind 
war, entstanden sein sollte, ist nicht gut anzunehmen. 

Bei einem anderen, der mir seine Liebe erzählte, war dies 
z. B. der Fall. Er war Arzt und hatte eine Dame in Behandlung, die 
in sehr unglücklicher Ehe mit ihrem Mann lebte. Er selbst war zu- 
frieden und ruhig in seiner Liebe zu seiner Frau, mit der er von früher 
Jugend an verkehrt hatte. Nachdem er jene Dame Monate hindurch 
behandelt hatte, wobei ihre Bekanntschaft zu einer intimen Freundschaft 
geworden war, ging er eines Abends mit seiner eigenen Frau, mit ihr 
und ihrem Gatten spazieren. Das Gespräch, das sie miteinander führten, 
war im Grunde genommen ein ganz alltägliches Gespräch; es war an 
diesem Abend auch gar nichts vorgefallen, wodurch sein Liebesgefühl 
hätte geweckt werden können. Er erzählte folgendes: 

Ale ich am folgenden Tage auf meinem Rade sass und den Landweg entlang 
fuhr, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich in eine ganz andere Stimmung gekommen 
war als an den früheren Tagen. Es war mir alles heiterer und sonniger, es war mir, 
wie wenn ich mit meinem Rade schwebte und ein Stück über den Boden getragen 
würde. Ich hatte ein Gefühl zu jauchzen und zu singen, ein Wohlgefiihl, mit einem 
Wort, ich fühlte mich so glücklich, wie ich Jahre hindurch nicht gewesen war. AI» 
ich darüber nachzudenken begann, weshalb meine Stimmung so sonderbar und so ge- 
hoben war, beobachtete ich zu meinem Schreck und meiner Freude deutlich, dass ich 
verliebt war, dass ich die andere Dame liebte, und dass ein Gefühl von Liebe in mich 
gekommen war, so gross und freudig, wie ich es niemals für meine Frau gehabt hatte, 
ein Gefühl, so weit und so tief, als ob ich es niemals verlieren sollte. So ist es auch 
gekommen. Durch alle Schwierigkeiten, durch alle Hemmnisse und alles Unglück 
hindurch blieb mir diese Liebe; stets hatte ich dasselbe Gefühl wie an diesem Morgen. 
Ich habe mich mit der Dame verheiratet, und bis auf den heutigen Tag habe ich noch 
dasselbe hohe und freudige Gefühl wie damals, wenn ich mit ihr gehe oder mit ihr 
abends in unserem Zimmer sitze; und jeden Tag entsteht mein Liebesgefühl aufs neue, 
so wie ich es an diesem Tage zuerst gefühlt habe. 

Weshalb und wie, auf welchen Wegen, durch welche Assoziationen 

und durch welche Eindrücke das Liebesgefühl durch den coup de foudre 

entsteht, ist nicht zu sagen. Es ist ein sehr komplizierter Vorgang, so 

kompliziert, wie er sonst nirgends zu finden ist. In dem Fall des ersten 

Mannes ist plötzlich ein Gefühl wach geworden, das vielleicht, aber 

auch nur vielleicht, schlummerte — ein Beweis dafür fehlt. Im zweiten 

Falle lag ein plötzliches Wachwerden des Liebesgefühls ohne Gründe, 

ohne Vorbereitung, ohne Ursachen vor, während sich im dritten Falle 

die Liebe wahrscheinlich sozusagen in einen latenten Zustand verwandelt 

hatte und plötzlich deutlich und klarer wurde. Aber auch im letzten 

Falle liegt etwas Unerklärbares vor. Unerklärlich ist es, weshalb das 

Gefühl so lange geschlummert hat, bevor es bei dem jungen Mann zum 

Bewusstsein kam, was man übrigens auch von dem ersten Falle sagen 

kann. Der junge Arzt hatte oft über seine Sympathiegefühle für die 

Frau nachgedacht und hatte mehrmals ein Gefühl von Mitleid mit ihrem 

Unglück gehabt, ein Gefühl, das, wie wir schon gesehen haben, sehr 

geeignet ist, ein Liebesgefühl entstehen zu lassen. Der erste aber ist 



Der Liebesprozess beim Menschen . 119 

überzeugt, dass er niemals an das Mädchen als seine Frau gedacht hat 
und dass er selbst in dem Augenblick oder in dieser Lebenszeit gar 
nicht daran gedacht hat, eine Ehe einzugehen. Warum und wie in 
diesem Falle die Liebe entstanden ist, ist ebenso rätselhaft und un- 
erklärbar wie in dem Falle jener Frau, die plötzlich, ohne dass sie 
einen Grund dafür angeben könnte, sich in den Mann verliebte, den sie 
an diesem Abend zum ersten Male sah. Eine Erklärung für diese Tat- 
sachen zu geben, ist heute unmöglich. Wir können nur die Tatsachen 
festhalten und wünschen, dass mehr Material auf diesem Gebiete ge- 
sammelt werde, damit später vielleicht eine Erklärung gegeben werden 
kann, mit Hilfe von diesen und andern Tatsachensammlungen. 

Aus dem Vorhergehenden geht hervor, dass der Kontrektationstrieb 
durch verschiedene Momente entstehen kann. Ich gebe ohne weiteres 
zu, dass das, was ich angeführt habe, höchst unvollständig ist, dass ich 
viele Momente gar nicht besprochen habe, und dass es noch viele 
andere gibt, die ich nicht einmal genannt habe. Welches die Grund- 
lage, welches die tiefere Ursache dafür ist, dass der Kontrektationstrieb 
dadurch erzeugt wird, dafür können wir eine Erklärung noch nicht 
abgeben. Jetzt sind wir noch ganz darauf angewiesen, nur die Er- 
scheinungen mitzuteilen und auf die verschiedenen Erscheinungen, die sich 
darbieten können, hinzuweisen ; eine Erklärung können wir nicht geben, 
und jeder Versuch, durch Beispiele eine Erklärung zu geben, bleibt 
nichts anderes als eine Verschiebung der Frage. Die tiefere Erklärung , 
die Grundlage für das Entstehen des Liebesprozesses können wir noch 
nicht ergründen. Die Beispiele, die ich gebracht habe, die Fälle, die 
ich gegeben habe, wie sie mir von andern erzählt wurden und wie ich 
sie in meiner Praxis gefunden habe, sind nichts weiter als Hinweisungen 
darauf, in welcher Eichtung geforscht werden muss. Nur durch sorg- 
sames Aufsuchen, durch sorgsames Studium aller Aeusserungen des 
Liebesgefühls, vor allem des Kontrektationstriebes, kann man vielleicht 
allmählich zu einer genügenden Erklärung kommen. Es handelt sich 
hier um eine rein psychologische Studie, die sich — man gestatte mir 
diesen Ausdruck — von der wissenschaftlichen Psychologie dadurch 
unterscheidet, dass hier auf Beobachtung, Feststellung und Studium 
täglich vorkommender Tatsachen aufgebaut werden muss, während sich 
die wissenschaftliche Psychologie gegenwärtig mehr mit theoretischen 
Fragen beschäftigt. Die Psychologie der Liebe ist aber wichtig genug, 
um ein Studium daran zu wenden, und es kann Verwunderung erwecken, 
dass noch so wenig Wissenschaftliches auf diesem Gebiete getan ist. 
Wie fast überall sind auch auf diesem Gebiete die Künstler voran- 
gegangen. Es haben die Schriftsteller der letzten Jahre, die sogenannten 
Naturalisten, sowohl in Frankreich, in England wie in Holland mit ihren 
Arbeiten wichtige Beiträge geliefert, wodurch man wenigstens einiger- 



1 20 A. Aletrino : Der Liebesprozess beim Menschen. 

massen eine Einsieht in das Entstehen der Liehe erhalten kann. Zu 
beklagen ist es, dass diese literarischen und künstlerischen Erzengnisse 
von den meisten wissenschaftlichen Psychologen und anderen Gelehrten 
vernachlässigt und nicht beaehtet wurden. Meistens wissen sie nicht 
einmal, dass sie überhaupt existieren. 

Alles, was ich im Vorhergehenden über den Liebesprozess gesagt 
habe, schliesst die Erwähnung und Entwicklung von verschiedenen 
Theorien aus. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass alles, was in diesem 
Augenblick auf diesem Gebiet gesagt wird, nichts anderes als Theorie 
wäre. Vielleicht wird die Wissenschaft allmählich so weit gefördert 
werden, dass man mit Rücksicht auf die Praxis und an der Hand der 
Praxis eine solche Erklärung des Liebesprozesses wird geben können, 
dass man sich nicht mehr nur mit Theorien zufrieden zu geben braucht, 
dass man vielmehr die Beweise für die Theorien und Voraussetzungen 
gefunden haben wird. In diesem Augenblicke kann eine Erklärung nichts 
anderes als eine Auseinandersetzung von Theorien sein und nichts mehr, 
und es kann lediglich Versuche zur Erklärung geben, Versuche, 
einige Klarheit in ein so dunkles und schwierig zu durchdringendes 
Hauptgebiet des menschlichen Lebens zu bringen, wie es der Liebes- 
prozess ist. 

Bis die Wissenschaft weiter gefördert ist, müssen wir uns mit 
Theorien begnügen und zufriedengeben. 



Referate. 

Zeltschrift für Pathopsychologie. Herausgegeben von Wilhelm Specht. I. Bd. 
Leipzig 1912, Wilhelm Engelmann. 700 S. 
Am 15. August 1911 begann die von Wilhelm Specht herausgegebene Zeit- 
schrift für Pathopsychologie zu erscheinen. Der erste Band liegt abgeschlossen vor, und 
man kann deshalb wohl ein gewisses Urteil fallen. Specht hat ebenso in seiner Ein- 
führung wie später in einer Antwort an seinen Mitarbeiter H. Liepmann deutlich 
betont, welches das Arbeitsprogramm der Zeitschrift sein soll : erstens Erschliessung der 
Pathologie des Seelenlehens für die psychologische Erkenntnis, d. h. Förderung der 
psychologischen Erkenntnis durch die Pathologie; zweitens soll durch sorgfältige De- 
skription und Analyse und in enger Fühlung mit den Erkenntnissen und Methoden 
wissenschaftlicher Psychologie unsere Einsicht in die Struktur der einzelnen pathologischen 
Erscheinungen und zugleich in enger Fühlung mit den Ergebnissen klinischer For- 
schung unsere Einsicht in den Mechanismus der psychischen Krankheiten selbst ge- 
fördert werden. Drittens soll die Therapie der psychischen Krankheiten aus den Er- 
gebnissen , die die Bearbeitung der zweiten Aufgabe herbeiführt, Nutzen ziehen. 
Specht selbst geht allerdings in seiner persönlichen Auffassung erheblich weiter. Er 
tritt für eine Scheidung der Geisteskrankheiten in Hirnkrankheiten und psychische 
Krankheiten ein, und er fordert, dass die Lehre von den psychischen Krankheiten auf 
Pathopsychologie fundiert werde. Aber dies ist nur seine persönliche Auffassung , und 
die genannten drei Aufgaben sind der Zeitschrift als solcher gestellt. Die Gründung 



Referate. 121 

der neuen Zeitschrift ist mehrfach angegriffen worden. „Schon wieder eine neue Zeit- 
schrift innerhalb unseres engeren Fachgebietes , diesmal für Pathopsyehologie". So 
wurde von einem bekannten Psychiater die Zeitschrift bei ihrem Erscheinen kritisiert. 
Ein anderer Psychiater meint, man sollte doch versuchen, in solchen Fällen eine be- 
stehende Zeitschrift für das neue Arbeitsgebiet zu gewinnen. Die Frage ist gewiss er- 
wägenswert, aber die bestehenden Zeitschriften nehmen dauernd an Umfang ausser- 
ordentlich zu. Infolge des Umfanges wird auch der Preis hoher und für den , der 
sich nun für ein bestimmtes Gebiet z. ß. die Pathopsyehologie und die genannten 
Fragen interessiert, ist in den bestehenden Zeitschriften vieles überflüssig. Man 
wird daher gerade denen, die für dieses Gebiet ein besonderes Interesse haben, den 
Anspruch zugestehen müssen, dass sie in einer speziellen Zeitschrift die betreffenden 
Probleme erörtert sehen. Es kommt hinzu, dass ausführliche Aufsätze auf dem ein- 
schlägigen Gebiet, wie sie die Specht sehe Zeitschrift bringt, vielleicht nicht ohne 
weiteres Gnade vor den Augen der Redakteure bestehender Zeitschriften finden würden, 
und deshalb ist gegen die wissenschaftliche Berechtigung, eine solche Zeitschrift zu 
gründen, grundsätzlich nichts einzuwenden. 

Wenn wir nun auf den Jahrgang einen Rückblick werfen, so wird man nicht 
bestreiten, dass er überaus wertvolles Material gebracht hat. Es sind, abgesehen von 
der Einleitung Spechts, zwei allgemeine Aufsätze erschienen, einer von Hugo 
Münsterberg, Psychologie und Pathologie, ein [anderer von OBwaldKülpe, 
Psychologie und Medizin. Besonders der letztere ist in der Oeffentlichkeit viel erörtert 
worden, zumal da er auch für die Entwicklung der Psychologie an den Universitäten 
Bedeutung hat. K ü 1 p e wendete sich besonders gegen die Philosophen , die der 
einzelwissenschaftlichen Psychologie ihre selbständige Daseinsberechtigung verkümmern 
wollten. Eine reinliche Abgrenzung schien ihm hierbei notwendig. Er bestritt nicht, 
dass eine philosophische Psychologie neben der einzelwissenschaftlichen bestehen bleiben 
sollte, aber die letztere sei schon deshalb, weil sie für den Arzt, insbesondere für den 
Psychiater eine unmittelbare Voraussetzung sei, als selbständiges Gebiet anzuerkennen. 
Den Studierenden der Medizin empfiehlt er bei einer solchen Scheidung zwischen 
philosophischer Psychologie und einzelwissenschaftlicher dringend , sich mit der letz- 
teren zu beschäftigen ; methodisch und sachlich biete sie eine Fülle direkt verwert- 
barer Grundlagen dar und sie käme allein für die Aufnahme der Psychologie unter 
die Fächer der medizinischen Vorprüfung in Betracht. 

Neben diesen mehr allgemeinen Aufsätzen sind eine Reihe Arbeiten spezieller 
Natur veröffentlicht worden, darunter ist ein breiter Raum gewissen pathologischen 
Gedächtnisphänomenen eingeräumt worden. Ich erwähne den Aufsatz von Max 
Scheler, Ueber Selbsttäuschungen, den von Maximilian Rosenberg, Die 
Erinnerungstäuschungen der „reduplizierenden Paramnesie" und des „dejä-vu", ihre 
klinische Differenzierung und ihre psychologischen Beziehungen zueinander, sowie den 
Aufsatz von Willy Mayer, Ueber Störungen des „Wiedererkennens". Von wei- 
teren Arbeiten erwähne ich die von Arnold Pick, Zur Lehre von den Störungen 
des Realitätsurteils bezüglich der Aussenwelt; zugleich ein Beitrag zur Lehre vom 
Selbstbewusstsein ; Max Scheler, Ueber Ressentiment und moralisches Werturteil, 
Eduard Hirt, Zur Theorie der Trugwahrnehmungen, Höpfner, Stottern alB 
assoziative Aphasie. Einen breiten Raum nimmt vom ersten Heft an ein „Versuch 
zu einer Darstellung der Freu dachen Neurosenlehre" von Kuno Mittenzwey ein. 
Die Besprechung ist in dem vorliegenden Bande noch nicht abgeschlossen. Alles in 
allem enthält der erste Band eine Reihe lehrreicher und überaus anregender Aufsätze, 
und wenn die Qualität in Zukunft dieselbe bleibt, sind die Kritiker Spechts, die 
sich gegen die Herausgabe der neuen Zeitschrift wendeten, wohl am besten 

widerl€ 8 t - Dr. Albert Moll. 

Krattt-Ebing, Dr. R. V. Psychopathia sexualis mit besonderer Berück- 
sichtigung der konträren Sexualempfindung. Vierzehnte vermehrte 
Auflage. Herausgegeben von Dr. Alfred Fuchs. Stuttgart 1912, Ferdinand 
Enke. 460 S. 



122 Referate. 

Seit dem Tode Krafft-Ebings, der unvergesslich ist durch seine psychia- 
trischen, psychologischen und neurologischen Forschungen, unvergesslich aber auch 
durch seine glänzenden menschlichen Eigenschaften, ist die vorliegende Auflage der 
Psychopathia sexualis die zweite. Beide nach dem Tode Krafft-Ebings erschie- 
nenen Auflagen sind von seinem Schüler Alfred Fuchs herausgegeben worden. Die 
Stoffeinteilung ist im wesentlichen dieselbe wie in den früheren Auflagen. Das ganze 
Buch zerfällt in sechs Kapitel; das erste enthält die Fragmente einer Psychologie des 
Sexuallebens, das zweite physiologische Tatsachen, das dritte biologische Tataachen, 
das vierte die allgemeine Neuro- und Psychopathologie des Sexuallebens, das fünfte 
die spezielle Pathologie, das sechste das krankhafte Sexualleben vor dem Kriminalforum. 
Fuchs misst der biologischen und experimentellen Methodik auf dem Gebiete der 
inneren Sekretion eine gewisse Bedeutung für das Verständnis der Sexualvorgänge 
bei, und er hofft, dass dereinst auch die Psychosexualität, speziell die Lehre von der 
konträren Sexualempfindung dadurch einen realen physiologischen Boden gewinnen 
wird. Aus diesem Grunde hat er mehrmals auf diese Vorgänge hingewiesen, besonder« 
im dritten Kapitel einen besonderen Abschnitt der inneren Sekretion und der Hormon- 
wirkung gewidmet. Er weist darauf hin, dass die Entwicklung der sekundären Ge- 
schlechtscharaktere auf chemischem Wege, durch Hormonwirkung, nicht wie man früher 
annahm, durch den direkten Einfluss des Nervensystems zustande kommt, Erwähnt 
sind die ausserordentlich interessanten Experimente Steinachs, aus denen hervor- 
gehe, dass der Einfluss der Geschlechtsdrüsen auf die Geschlechtsmerkmale ein spezi- 
fischer ist. Man kann die indifferenten Anlagen der Männchen durch Ueberpflanzung 
der Ovarien zu typischen weiblichen umgestalten, und bei solchen feminierten Männchen 
beobachtet man auch eine Umstimmung des psychischen Geschlechtscharakters. 

Das klinisch wichtigste Kapitel ist das vierte. In ihm sind die einzelnen Arten 
der sexuellen Perversionen ebenso wie andere krankhafte Formen auf dem Gebiet des 
Sexuallebens erörtert: die Paradoxie, d. h. der Sexualtrieb ausserhalb der Zeit ana- 
tomisch-physiologischer Vorgänge, die Anaesthesia sexuaÜB, die Hyperästhesie, die Par- 
ästhesie, Sadismus und Masochismus, der Fetischismus, die konträre Sexualempfiudung. 

Abgesehen von der Frage der Hormone ist das Buch gegenüber der früheren 
Auflage nicht wesentlich verändert. Vielleicht wird man deshalb sagen, es stehe nicht 
auf der Höhe oder, wie man so gern zu sagen pflegt, es sei veraltet. Ich bin anderer 
Ansicht und stimme im wesentlichen dem bei, was Fuchs in der Vorrede zur drei- 
zehnten Auflage 1907 sagte. Es gilt dies m. E. zum grössten Teil auch noch heute. Er 
meinte damals, dass trotz überreichlicher literarischer Produktion seit Erscheinen der 
letzten Auflage in der Pathologie des Sexuallebens keine wesentlichen neuen Forschungs- 
ergebnisse zu verzeichnen seien. Ich kann es daher verstehen, dass Fuchs in vielen 
neueren, mit viel Reklame und Geschäftssinn in die Welt gesetzten literarischen Er- 
zeugnissen auf dem Gebiete des Sexuallebens nicht ohne weiteres fundamentale For- 
schungsergebnisse sieht, wenn auch gelegentlich gute Freunde mancher Reklameschrift- 
steller das glauben machen wollen. Immerhin wäre es doch wohl richtig, wenn Fuchs 
in Zukunft einige Autoren etwas mehr berücksichtigte. Hierher rechne ich in erster 
Linie Havelock Ellis. Seine Arbeiten über den Autoerotismus , besonders aber 
die über den Exhibitionismus und viele andere verdienen eine ernste Würdigung. Dies 
bezieht sich auch auf seine Ausführungen über sexuelle Anästhesie des Weibes, und 
hier wäre auch wohl Adlers Arbeit, die immerhin manches Interessante gebracht hat, 
erwähnenswert. 

Auch für die Einteilung des Buches möchte ich einzelne Wünsche äussern. Ich 
glaube z. B., dass die Pädophilie und der Exhibitionismus nicht nur in dem letzten 
Abschnitt „Das krankhafte Sexualleben vor dem Kriminalforum'' abgehandelt werden 
sollten. Die Pädophilie gehört, mag man in ihr eine erworbene oder eine eingeborene 
Affektion sehen, auch in das vierte Kapitel. In diesem Kapitel ist ferner die Kopro- 
lagnie zwar besprochen und auch manches, was sich auf die Zoophilie bezieht-, vielleicht 
wäre es aber richtig, diese Affektionen nicht nur gewissermasBen als Unterabteilungen 
des Masocbismus bzw. Fetischismus zu besprechen. Sie haben eine Art Selbständig- 
keit erlangt, und eine Koordination wäre, glaube ich, vom systematischen Stand- 
punkte aus angezeigt. Ich will bei dieser Gelegenheit eine interessante Arbeit von 



Referate. 123 



Charles Blondel: La Seatophilie (Extrait 1912) erwähnen. Er weist, glaube ich, 
mit Recht darauf hin — auch mir bekannte Fälle sprechen dafür — , dass man die 
Skatophilie oder Koprolagnie nicht ohne weiteres dem Masochismus einordnen kann. 
In seinem Falle handelte es sich um einen 34jährigen Mann, der den Trieb hat, die 
weiblichen Genitalien mit Fäkalien zu besudeln, und der sich selbst an dem Geruch der 
Fäkalien sexuell erregt. Das geht so weit, dass er diese Exkremente in einem Papier 
sammelt und dann, von dem Geruch erregt, wenn Frauen vorübergehen, dabei ma- 
stnrbiert. 

Ich habe einige Wünsche ausgesprochen, möchte aber nicht verfehlen, darauf 
hinzuweisen, dassKraf ft-Ebings Psychopathia sexualis auch heute noch das Standard 
Work über die sexuellen Perversionen und ähnliche Affektionen ist. Die Summe von 
klinischen Erfahrungen, die Mannigfaltigkeit der psychologischen Gesichtspunkte, das 
tiefe Eindringen in alle Fragen des abnormen Sexuallebens lassen dieses Werk, ob- 
ichon in den letzten Jahren zahllose Arbeiten auf diesem Gebiete erschienen sind, als 
das beste, als das gründlichste und als das vollständigste erscheinen. Es gibt nur einen 
Autor, der durch seine neuen Ideen und durch die Vollständigkeit der Beherrschung 
des Gebietes, durch die wissenschaftliche Tiefe mit Krafft-Ebing konkurrieren kann, 
das ist Ha velock Ellis. Er ist in manchen Fragen viel ausführlicher als Kr äff t- 
Ebing-Fuchs; er verzichtet aber darauf, ein alles zusammenfassendes monogra- 
phisches Werk zu geben. Als eine Monographie im besten Sinne des Wortes, gleich- 
reitig als ein Lehrbuch und Handbuch für die geschilderten Fragen kann aber un- 
bestritten Kraf ft-Ebings Psychopathia sexualis auch in der neuen Bearbeitung 
von Fuchs angesehen werden. Dr. Albert Moll. 

Buttersack, Dr. F. Latente Erkrankungen des Grundgewebes, insbeson- 
dere der serösen Häute. Wis senschaf tliche Winke für Diagno- 
stik und Therapie. Stuttgart 1912, Ferdinand Enke. 1 39 S. 
Das Buch von Buttersack hat anscheinend nichts mit der Psychologie zu 
tun. Und doch sind in ihm Ideen enthalten, die weit mehr als manehes, was man 
psychologisch nennt, für die medizinische Psychologie und die Pschotherapie Bedeutung 
haben. B. betrachtet das sog. Bindegewebe als die Matrix der Organe, von der aus 
die Funktionselemente dauernd regeneriert werden, von der aus sie aber auch erkranken, 
und die serösen Häute sowie ihre Aequivalente stellen nur Teile des Bindegewebes dar. 
Wenn Virchow in dem Bindegewebe so oft den Sitz der Krankheit sah, müsse man 
das Bindegewebe vom Standpunkt des Arztes aus auch als Sitz der Gesundheit berück- 
sichtigen. Diese Matrix findet sich im ganzen Organismus, und sehr häufig schliesst 
sich an die akute Erkrankung die chronische an, weil die erstere nicht ganz ausgeheilt 
ist In den einzelnen Kapiteln werden einzelne Organe bzw. die Erkrankung des Binde- 
gewebes besprochen. Das achte Kapitel speziell enthält die Erkrankungen des Zentral- 
nervensystems, das zehnte die Trophoneurosen. Mit Recht hebt B. hervor, dass die 
anscheinende Gesundheit und das Sich-gesund-fühlen des Kranken nicht immer iden- 
tisch ist mit dem Gesundsein, und dass gerade in dem Grundgewebe oft bereits Krankheits- 
prozesse verlaufen in einer Zeit, wo sich der Kranke gesund fühlt. Aber trotzdem meint er, 
solle man das Sich-gesund-fühlen auch psychotherapeutisch benutzen. Im letzten Kapitel, 
wo B. eine Reihe therapeutischer Winke gibt, weist er auf die grosse Bedeutung der Psyche 
hin. In jedem Teile der lebendigen Substanz seien sämtliche Grundfunktionen des Lebens 
vereinigt, also auch die psychischen. Das mag vielleicht Theorie Bein und erinnert etwas an 
die Zellseele; ich will diese Theorie hier nicht erörtern. Recht aber hat B., wenn er gerade 
für die Erkrankung des Grundgewebes die Notwendigkeit der psychischen Einwirkung 
betont. „Wenn der Maler Feuerbach nach dem Zeugnis seines Biographen All- 
geyer je nach seinen Stimmungen heute um Jahre gealtert, morgen um ebenso viele 
verjüngt erschien, so ist das nur ein besonders markantes Beispiel einer uns allen ge- 
lautigen Beobachtung." B. weist darauf hin, wie bei Freude das Gesicht voller und 
frischer aussieht, die Muskelkraft erhöht und der ganze Stoffwechsel angeregt ist, eine 
Tatsache, die auf eine regere Tätigkeit im Grandsystem unter dem Einfiuss dieses 
Affektes hinweise. Und andererseits könne man beobachten, wie bei traurigen Stim- 
mungen alles darniederliege; schon Friedrich Hoffmann habe die Verschlimmerung 
sonst harmloser Leiden durch schmerzliche Erlebnisse gekannt. 



124 Verschiedenes 



Das Buch von B. ist streng wissenschaftlich gehalten. Es liest sich aber leicht 
und selbst die vielen Zitate, die eingestreut Bind, erschweren die Lektüre nicht sonder- 
lich ; sie beweisen nur, dass man es hier mit einem Autor zu tun hat, der ein Spezial- 
gebiet nicht nach der Art derer behandelt, die alles selbst entdeckt haben wollen, der 
vielmehr auch alten Autoren, auch solchen, die hunderte von Jahren bereits tot sind, 
Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dass der verstorbene Ottomar Rosenbach, der 
nicht zur „Schule" gehörte, der aber den Dutzendkliniker als Praktiker und Theoretiker 
haushoch überragte, von dem Verfasser so ganz besonders gewürdigt wird und speziell 
Rosenbachs Anschauungen über die Funktionen der Haut als Transformator betont 
werden, sei zum Schlu6s noch erwähnt. Dr. Albert Moll. 

Stern, William. Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung 
und deren Anwendung an Schulkindern. Leipzig, J. A. Barth. 1912. 
106 S. 
Sterns Arbeit stellt die Erweiterung eines Vortrages dar, den er im April 
1912 auf dem Psychologenkongress gehalten hat. Er sieht in der Intelligenzprüfung 
eines der aussichtsreichsten Gebiete der angewandten Psychologie. Die Arbeit ist nicht 
nur für Fachpsyehologen bestimmt, sondern auch für Nerven-, Schul- und Kinderärzte. 
In der Tat bringt sie ein so reichhaltiges Material, wie man es in dieser Zusammen- 
stellung wohl nirgends findet, wenn auch gewiss für Einzelprobleme umfangreichere 
Arbeiten existieren. Besonders ausführlich ist die Methode der Altersstaffelung nach 
B i n e t und Simon erörtert. Diese beiden Autoren hofften , für jede Altersstufe ein 
Staffelmass der Intelligenz feststellen zu können. Es sollten hierbei die Tests relativ 
unabhängig von äusserlichen Bedingungen , insbesondere von Schulkenntnissen sein, 
damit möglichst rein die wirkliche geistige Veranlagung des Kindes zum Ausdruck 
kommt. Wohl alles was auf diesem Gebiet gearbeitet wurde , ist hier von Stern 
berücksichtigt worden. Besonderen Wert legt er auf die Unterschiede zwischen den 
Ergebnissen bei normalen und nicht normalen Kindern. Das dritte Kapitel ist der 
Schätzung und Prüfung feinerer Intelligenzabstufungen gewidmet. Alan wird begreifen, 
dass gerade hier die Schwierigkeiten wachsen müssen. Deshalb ist es besonders er- 
freulich, dass Stern im allgemeinen vor Uebereilungen in der praktischen Nutz- 
anwendung der Intelligenzprüfung warnt. 

Dr. Albert Moll. 



Verschiedenes. 

Offener Brief an Herrn Dr. M. Levy-Suhl zur Besprechung meines 
Buches: „Der Mut zu sich selbst." 

Sehr geehrter Herr Kollege! 

Im Kampf um die Berechtigung der wissenschaftlichen Anschauung, die ich als 
Anhänger der psychoanalytischen Schule vertrete, nicht etwa als Verfasser des be- 
sprochenen Buclies, möchte ich mir einige aufklärende Hinweise auf Punkte gestatten, 
in denen Sie meine Ausführungen nicht verstanden haben. 

Es war von vorneherein abzusehen, dass meine Behauptung auf scharfen Wider- 
spruch stossen müsse, als ich sagte, in diesen Fragen könne nur der urteilen , der die 
Analyse am eigenen Leibe erfahren habe. Daraus ziehen Sie den Schluss , dass alle 
diejenigen „medizinischen Forscher, welche dank ihres gesunden Nervensystems kein 
Bedürfnis nach einer psychoanalytischen Heilbehandlung haben, bis auf weiteres, d. h. 
bis zu späterer Erkrankung als Unberufene von jeder Meinungsäusserung in diesen Fragen 
ausgeschlossen seien," und Sie deuten ferner an, dass ich zu dieser Ansicht als einer 
gekommen sei, der durch die Psychoanalyse von krankhaften Erscheinungen des eigenen 
Nervensystems befreit worden sei, und durch das starke Gefühl (Rausch der Begeiste- 
rung) dieses Befreitseins dazu gelangt wäre, weit über die Grenzen des Erlaubten hinaus 
zn schliessen. 

Das beruht auf einer irrigen Auffassung persönlicher Mitteilungen, bei deren 
Gelegenheit Sie mir Ihrerseits bekannt hatten, den Fragen der Analyse praktisch fern 



Verschiedenes. 125 



zu stehen. Daher mag es Ihnen entgangen sein, dass die Psychoanalyse sich keines- 
wegs nur mit krankhaften Erscheinungen befasst. Wir erheben vielmehr den Anspruch, 
die Gesetze und Mechanismen unserer Vorstellungsbildung, unserer Charakterentwicke- 
lang und die wirklichen Motivierungen unserer Affekte und Handlungen auf dem ganzen 
Gebiete der Psychologie aufgedeckt zu haben, und nicht bloss auf dem engen Bezirk 
der Psychopathologie. Die Gesetze, die wir vermöge der Assoziationstechnik allmählich 
fanden, gelten für Gesunde und Psychopathen in gleichem Masse. Sie sind überall, 
auch in der Entwickelung des normalen Charakters dieselben , nur dass der Gesunde 
dabei zu normalen Eigenschaften, der von Haus aus konstitutionell zur Neurose dispo- 
nierte zu krankhaften Erscheinungen gelangt. Beide sind im gleichen Masse vom Un- 
bewussten her determiniert. Es gehört demnach keineswegs zu den Vorbedingungen 
einer Psychoanalyse, dass man an einer Neurose erkrankt sein müsse. Jede Psyche 
und jeder Charakter, auch der Ihrige, Herr Kollege, kann analytisch untersucht werden, 
und auch der Gesundeste unter uns wird dabei den Vorteil davon tragen, dass er die 
Zusammenhänge der Erscheinungen seines eigenen Seelenlebens besser erkennen lernt, 
«o anch z. B. die inneren, subjektiven Motive seiner vermeintlich sachlichen Beurteilungen 
von Menschen, Dingen und Verhältnissen, ein Umstand, der auch dem Gesundesten 
von Wert sein muas. Dabei wird er das Auftreten und Fortbleiben von Affekten und 
ihre Aenderung an sich erleben, und das wird ihn zu Ueberzeugungen führen, die er 
auf anderem Wege nicht gewinnen kann. Und deswegen muss ich daran festhalten, 
dass die Analyse am eigenen Leibe die einzige Möglichkeit ist, solche Erscheinungen 
zu beobachten. Denn Aenderungen der Gefühlsbetonung und der Affektivität kann 
ich nur an mir selbst ein wandsfrei feststellen. Ich kann sie höchstens noch als der 
Analysierende erschliessen, wenigstens zu einem Teil; aber für keinen Dritten auf der 
ganzen Welt können Mitteilungen über eine solche Beobachtung noch irgend einen 
Beweiswert , oder eine Ueberzeugungskraf t haben , es Bei denn , dieser Dritte hätte 
Aehsliches an sich selbst erlebt. 

Daher sprach M ö b i u i von der Hoffnungslosigkeit aller Psychologie ; denn auch 
die geschickteste Darstellung auf diesem Gebiet ermangelt der Möglichkeit exakter 
Beweisführung. Alle deduktiven Methoden sind für den Naturwissenschaftler gleich 
Metaphysik zu setzen und also trotz aller Logik unbrauchbar. Alle Induktion fusst 
aber auf Erfahrung und Beobachtung. Wer sich nun weigert, Beobachtungen anzu- 
stellen, den dürfen wir als Kritiker ablehnen. Und so muss ich an der vermeint- 
lichen Ueberspannung meines aufgestellten Satzes festhalten und bitte Sie nur, Ihre 
Ansicht über das Vorhandensein pathologischer Zustände bei mir zu korrigieren und 
an deren Stelle die Kenntnis zu setzen , dass auch jeder gesunde Charakter Untiefen 
und Erscheinungen aufweist, deren Korrektur wünschenswert und beglückend ist, und 
dass die Psychoanalyse in der Entwickelung und Erziehung, auch des Gesundesten, eine 
segensreiche Rolle zu spielen berufen ist. 

Dann ist noch ein weiterer Irrtum aufzuklären. Sie finden in der gesamten 
psychoanalytischen Literatur und auch in meinem Buch eine Fülle von Kranken- 
geschichten, die selbstverständlich im Originalwortlaut wiedergegeben sind, d. h. wort- 
getreu das enthalten , was die Patienten diktierten oder selbst niederschrieben. Ich 
halte es nicht für berechtigt, solche Angaben der Kranken über ihre Träume und Vor- 
stellungen als „Anekdoten" von „feuilletonistischer Freiheit" zu bezeichnen, deren 
„Sprache gelegentlich bis zum Vulgären herabgleitet, " und dann ausserdem dem Ver- 
fasser aus diesen vermeintlichen Geschmacklosigkeiten einen Vorwurf zu machen, als 
ob er der Schöpfer dieser Erzählungen und Berichte sei. Auch hiergegen wehre ich 
mich, nicht etwa für meine Person , sondern weil es ein typischer Angriff auf die 
gesamte analytische Literatur ist. Mit der Anführung „Mütze und Messer sind Wikkel- 
Wakkels und Kribbel-Krabbels" wird der Anschein erweckt, als wenn dies Ausdrücke 
des Verfassers selbst wären, und nicht die Originalworte des behandelten Kindes. 

Drittens ist dem Herrn Referenten noch ein schwerwiegender Irrtum untergelaufen, 
der wiederum nicht meine Ausführungen persönlich, sondern die gesamte Schule trifft. 
Auf Seite 59 ist die Rede von den „symbolischen Auslegungen und Analogisierungen" 
der berichteten Traumerscheinungen. Das Nicbtvertrautsein mit der Technik der 



126 Verschiedenes. 



Assoziationsbildungen kann dieses immer wiederkehrende Missverständnis nur zum Teil 
entschuldigen. Es ist darüber schon so viel geschrieben und berichtigt worden, dass 
es dem Herrn Referenten nicht entgehen durfte, dass der wissenschaftlich einwandfrei 
arbeitende Analytiker die Träume und Einfälle nicht deutet, und noch weniger durch 
seichte Analogisierungen erklärt, sondern dass er diese sogenannte Deutungsarbeit aus- 
schliesslich dem Träumer überlässt und ihn dabei lediglich zu scharfer Auf- 
merksamkeit, eben zum Assoziieren zwingt. Das Ergebnis dieser Arbeit ist nur für 
den Analysierten affektbetont und dementsprechend überzeugend, wie ich bereits hervor- 
hob. Wenn ich berichte — und das ist bei den .gezeichneten Träumen" ausdrücklich 
hervorgehoben worden — dass diese Auflösungen von Patienten und nicht von mir 
herrühren und für den Träumer klar und überzeugend gewesen sind, so habe weder 
ich, noch irgend ein „Unbefangener" das geringste Recht, an dem Vorhandensein der 
beschriebenen Vorstellungen und ihrer Gefühlsbetonung beim Träumer zu zweifeln. 
Was würde der Herr Referent beispielsweise sagen, wenn ich einen objektiven Bericht 
über die Schilderung eines Kranken von einer von ihm selbst beobachteten ungewöhn- 
lichen Reaktion dahin kritisieren würde: der Arzt, nicht der Kranke habe die Reaktion, 
(hier Assoziation) gehabt, und das sei mir von „Unbefangenen" bestätigt worden. 

Beurteilern, die persönlich der Psychoanalyse fernstehen , genügt eben immer 
wieder die blosse Möglichkeit, den Beobachtungen phantastische Deutungen 
unterzuschieben, um trotz unserer wiederholten Berichtigung und in Unkenntnis der 
Technik unserer Arbeit zu behaupten, wir täten also. Die Deutung ist die Leistung 
des Patienten und nicht die des Arztes. 

Allerdings, wenn ich denselben für eine Mehrzahl von Menschen typischen Traum 
zum hundertsten Male vom Kranken in derselben Weise gedeutet, d. h. durch die- 
selben Assoziationen belegt finde, und wenn diese Beobachtungen sich ausserdem mit 
den Erfahrungen anderer Beobachter decken, dann bin ich allerdings berechtigt, einen 
Traum auch ohne Assoziationsarbeit des Träumers unmittelbar zu übersetzen. Genau 
so wie ein erfahrener Diagnostiker gewisse typische Krankheitserscheinungen auch ohne 
eingehende Untersuchung richtig erkennt, u. zw. richtiger, als der unerfahrene trotz, 
mühevollen Nachsuchens. Der Unbefangene und der Unerfahrene dürften in solchen 
Fällen oftmals dieselben sein. 

Wenn dem Herrn Referenten zum Schluss die Psychologie des „Entrüsteten" 
so gänzlich undurchschaut geblieben ist, wie es nach seinen Worten den Anschein 
hat, bo wird er den Gerissenheiten der Hysterie und verwandter Zustände so wenig 
gerecht werden können, wie den Arbeiten der psychoanalytischen Schule. Das muss 
ich ihm erwidern, trotz aller herzlichen Dankbarkeit für den sachlichen Willen, uns 
von seinem Standpunkte aus gerecht zu werden. 

Dr. J. MarcinowBki. 

Bemerkungen zu dem offenen Brief des 
Herrn Dr. J. Marcinovvski. 

Wenn ich auch nicht so vermessen bin, zu glauben, die felsenfest gegründeten 
Ueberzeugungen, wie sie Marcinowski gleich den älteren Anhängern der Freud- 
Schule in sich trägt, im geringsten erschüttern zu können, so erscheint es mir doch 
Pflicht, die nachweisbaren Irrtümer, die seinem offenen Brief zugrunde liegen, vor der 
Oeffentlichkeit nicht unberichtigt zu lassen. 

Zunächst muss ich mit Bestimmtheit Herrn M.s Annahme ablehnen, dass ich die 
flüchtigen Aeusserungen gelegentlich eines persönlichen Zusammentreffens irgendwie bei 
meiner Beurteilung verwertet habe. Vielmehr habe ich mich in streng wissenschaftlicher 
Zurückhaltung — wie auch meine Zitate beweisen — nur an das gehalten, was M. selbst 
im Buche der Oeffentlichkeit vorgelegt hatte, und ich würde es richtiger gefunden haben, 
wenn auch Herr M. sich auf den Inhalt meiner Publikation beschränkt hätte. 

Auf die einzelnen Punkte der Entgegnung erwidere ich : 

Dass die Freud sehe Theorie auch auf nicht krankhafte Zustände angewandt 
wird, darüber bedurfte ich gewiss keiner Belehrung, da ich seit Jahren Freuds Lehren 



Verschiedenes. 127 



kritisch bespreche und erst vor kurzem über das Freu dache Buch „Der Witz usw." 
andernorts referiert habe. Dass aber Maroinowski nur Patienten, und zwar Nerven- 
leidende, in seinem Buch im Auge hatte, geht aus allen seinen Beispielen unbedingt 
hervor, und auch in seinem Vorwort spricht er ausdrücklich S. VI von den Erfahrungen 
an aich wie „an andern, d. h. Patienten". Aber hiervon abgesehen, muss ich nach wie 
vor behaupten, dass M.s Forderung, nur auf Grund der am eigenen Leibe erlebten 
„Affektänderungen'' eine Theorie wissenschaftlich beurteilen zu dürfen, unhaltbar und 
utopisch ist. Denn erstens muss gerade der Psychologe einsehen, dass unser Urteil in 
wissenschaftlichen Fragen am wenigsten objektiv ist, so lange wir unter dem Einflüsse 
von so tiefen Gefühlserlebnissen stehen , wie sie uns M. schildert und wie wir sie an 
seiner Umwandlung durch die Psychoanalyse beobachten. Zweitens ist es ein Missbrauch 
der Berufung auf die Erfahrung, durch den sich der moderne Naturwissenschaftler 
wirklich nicht schrecken zu lassen braucht, wenn Psychoanalytiker in diesem Punkte 
nicht anders als Spiritisten und Okkultisten immer wieder fordern, man müsse zunächst 
einmal unter Verzicht auf alle bisherigen wissenschaftlichen Einsichten alles das', was 
sie selbst an sich beobachtet und erfahren zu haben glauben, möge es auch der Logik 
noch so sehr zu widersprechen scheinen , selbst durchprobieren , bevor man zu einem 
Urteil berechtigt wäre. Nach M.s kategorischer Behauptung dürfte auch niemand über 
Gesundbeten und Hypnose sprechen, der ihre Affektwirkung nicht am eigenen Leibe 
erfahren hat. Der Versuch Marcinowskis, jeden Kritiker mit der Behauptung 
abzulehnen , dass in der Naturwissenschaft nur Beobachtung und die sog. Erfahrung 
Geltang habe, Deduktionen aber wertlos seien, ist, wie ihm jeder wissenschaftliche 
Philosoph oder Logiker sagen wird — und er kann es auch schon bei Helmholtz 
lesen — , völlig verfehlt: Menschliche Beobachtungen und Erlebnisse, wenn sie nicht 
durch die Prinzipien unseres Denkens ausgelesen, geordnet und logisch zusammengefügt 
werden , vermögen an und für sich weder zu einer Wissenschaft zu führen , noch ent- 
halten sie isoliert eine Beweiskraft. 

Leider kann ich auch darin dem Verfasser des offenen Briefes nicht Recht geben, 
dass ich gewisse Aeusserungen von Patienten mit seinen eigenen verwechselt und ihm 
fälschlich zur Last gelegt hätte. Ich habe vielmehr Aeusserungen von Kranken, wie 
ich sie in vielleicht viel schlimmerer Form als Anstaltspsychiater zu hören gewohnt 
war, von den Aeusserungen des Verfassers wohl getrennt und würde nie an ihrer 
Publikation Anstoss nehmen , wenn sie , wie auch hier , wissenschaftliche Zwecke ver- 
folgen. Meine Kritik in diesem Punkte traf also wirklich Marcinowski selbst; ich 
muss sie leider nach wie vor aufrecht erhalten und zweifle auch nicht hierin an der 
Zustimmung anderer Leser. 

Das von M. als Beleg meiner angeblich irrtümlichen Auffassung hierin wieder- 
gegebene Beispiel, die Aufklärung eines 3>/ 2 jährigen Kindes betreffend, konnte von 
mir nur mit kurzen Stichworten in meinem Keferat gekennzeichnet werden. Um dem 
Leser selbst ein eigenes Urteil zu ermöglichen , wieweit M. selbst an von mir an- 
gegebenen Worten und Deutungen beteiligt war und wieweit nicht, zitiere ich wörtlich 
ein Beispiel für die Art dieser Aufklärung unter Vermerk meiner Weglassungen : 

Es handelt sich um die Aufklärung eines 3'/ s jährigen, an nächtlichen Angst- 
zuständen leidenden Mädchens, Kind einer an einer „schweren Angstneurose" leidenden 
Mutter. (S. 215.) 

„Dasselbe Kind" (das vorher durch Psychoanalyse von seinen Mäuseträumen 
befreit worden war) „leistete sich einige Zeit später abermals einen Angsttraum von 
typisch sexualem Inhalt : „Der Portier ist zu mir hereingekommen. Er hatte eine rote 
Mütze auf und ein Messer in der Hand und machte immer Schnippel-Schnappel und 
Wickel- Wackel, hin und her. Dann hat er mich ausgezogen, bis ich ein kleines Nacketei 
war, und hat mit mir gespielt. Er hat mir einen Finger abgeschnitten und ganz fest 
gedrückt und einen grossen Finger dafür angesetzt. Das hat weh getan. Dann hat er 
mich gefangen und ganz nackend auf den Arm genommen und ins Messer gesetzt. 
Das hat aber sehr gekrabbelt, und das gefiel mir nicht, und ich habe geweint und 
Angst gehabt"." . . . 



128 Verschiedenes. 



Die Aufklärung begann folgendermassen : 

„Annele, du bist ein kleines Kamel ! Du musst doch wissen, wenn man Märchen 
dichtet, dann ist alles anders wie in der wirklichen Welt. Ein Portier, na, was soll 
das nun sein? Das ist ein Mann, der an der Haustür steht und da immer hin und 
her geht. Du sagst: Wickel-Wackel macht. Nun ja, im Märchen sagt man Wickel- 
Wackel, wo grosse Menschen sagen, er geht hin und her, raus und rein. 

„Du, Annele, du weisst doch, dass es Mädels und Jungens gibt ? Jungens sehen 
doch ganz anders aus als Mädels, nicht ? Und wenn Jungens sich aufs Töpfchen setzen 
und ein kleines Geschäftchen machen, da kommt das doch aus einem Glied heraus, das 
wie ein Finger ist. Du, das habe ich schon gehört, dass kleine Jungens gesagt haben : 
der Finger da unten, das sei ein kleines Männchen. Na, nun ist das furchtbar einfach, 
die Maus im Traum war doch auch nur so gross und war doch ein ganzer Prinz ; nun, 
und da kann doch auch aus dem kleinen Männchen, das du von deinem Bruder her 
kennst, ein grosser Mann geworden sein, der Wickel-Wackel macht. Du, hör' mal, 
wenn man 'ne Hose auf und zu macht, so ist das ja schliesslich bald wie eine Tür und 
der Hosenmann ein Portier. Weisst du, warum ich glaube, dass das so ist? Weil du 
hinterher von dem Finger geträumt hast. 

„Und nun muss ich dir mal was sagen: das ist sehr dumm von dir, dass du 
glaubst , es würde dir mal jemand einen Finger abschneiden ..." Es folgen weitere 
beruhigende Erklärungen . . . 

„Mutti hat dir schon selber gesagt: ich finde das gar nicht hübsch, wenn das 
Annele da unten hinfasst und Krabbel-Krabbel macht . . . Der Mann mit dem roten 
Kopf und der Finger, der so dick wurde wie die grosse Maus, und die Maus und das 
Messer, das sind alles Märchen Kribbel-Krabbels, die darfst du meinetwegen alle lieb 
haben. Dabei ist gar nichts zu fürchten, denn das ist nichts Böses . . ." 

„Die Mutter hatte jeden Satz der hier steht, — so berichtet Marcinowski — 
noch eingehend mit dem Kinde besprochen und erstattet am andern Tag über das 
Ergebnis Bericht. U. a. erzählt sie von dem Kind: „Bei der Stelle: Jungens sehen 
anders aus als Mädchen" , sagte sie : „Ja Jungens haben keine Haare und unten so'n ko- 
misches Ding hängen". Das habe ich ihr dann ganz natürlich erklärt und sie schien 
sehr befriedigt. Am meisten Verständnis hatte sie für die Sache mit dem Finger usw." 

Den nach M. schwerwiegenden dritten Irrtum aufzuklären, den ich angeblich 
beging, muss ich mir hier ersparen. Ich verweise auf meine Kritiken an anderen 
Stellen dieser Zeitschrift, sowie auf die in dem jetzt erscheinenden Heft der Zeit- 
schrift für Psychologie. Die eigene Ueberzeugung der Freudianer bei ihrem Ver- 
fahren, jede Beeinflussung ausgeschlossen zu haben, wird jeden, der das Wesen der 
unbewussten Suggestionen kennt, eher in der gegenteiligen Auffassung bestärken. Ich 
empfehle dem Leser im übrigen , die Traumdeutungsfiguren und den Bericht darüber 
selbst zu lesen. 

Noch ein Wort schliesslich zum letzten Punkte des offenen Briefes. Gegenüber 
meiner durch wörtliche Anführung belegten Behauptung, dass M. sowohl die Heilung von 
Patienten, wie das Krankbleiben von Patienten als Beweis der Richtigkeit der Freud- 
schen Theorien heranzog, hat er leider nur eine rein persönliche und somit um so 
weniger beweiskräftige Bemerkung vorzubringen vermocht, die ich von ihm nicht er- 
wartet hätte, nämlich die Andeutung, dass ich ebensowenig die Arbeiten der Psycho- 
analytiker, wie Hysterie und verwandte Zustände zu verstehen imstande wäre. 

Glücklicherweise hat es , längst bevor eine psychoanalytische Schule existierte, 
grundlegende Werke über Hysterie und verwandte Zustände gegeben , und nicht nur 
in eigener lOjähriger Aerzteschaf t habe ich ohne Psychoanalyse hysterische und ver- 
wandte Zustände heilen sehen, sondern ich hatte auch das Glück, von solchen aus 
Marcinowskis Hand zu hören, längst bevor er ,.am eigenen Leibe" „den Zauber- 
spruch der Analyse" (S. 182) erlebt hatte und ins Lager der Psychoanalytiker über- 
getreten war. 

Dr. M. Levy-Suhl. 



Zwangsvorgänge und Wille. 

Von Dr. P. Harten berg, Paris. 

Die Rolle, die dem Willen bei der Bildung der Zwangsvorgänge 
zukommt, ist eine noch sehr umstrittene Frage, über die unter Psychi- 
atern und Psychologen durchaus keine Uebereinstimmung herrscht. 

Nach den einen hat der Wille überhaupt nichts mit dem Zwangs- 
vorgang zu tun. Dieser soll wesentlich eine Störung emotioneller Natur 
sein, die entsteht, sich entwickelt, heranreift unabhängig und ausserhalb 
jeder Willenstätigkeit. Nach anderen ist jedoch im Gegenteil die 
Schwäche des Willens verantwortlich für die krankhafte Herrschaft, die 
der Zwangsvorgang bei dem einen oder anderen Individuum annimmt. 
Denn wenn dieser Wille genügend mächtig wäre, würde er die fremde 
Idee beherrschen und vertreiben; darnach müssten die Zwangsvorgänge 
wesentlich die Folge einer Willenskrankheit sein. 

Andere endlich mit einer mehr vermittelnden Auffassung nehmen 
an, dass Emotivität und Wille in gleicher Weise bei der Entstehung des 
Zwangsvorganges beteiligt sind, dass diese gleichzeitig einem Uebermaas 
von Emotion und einem Fehlen des Willens zuzuschreiben ist. 

Um dieses wichtige Problem, dessen praktischen therapeutischen 
Konsequenzen niemand entgehen kann, zu lösen, habe ich mich seit 
mehreren Jahren bemüht, möglichst genau bei den von dem Zwangs- 
vorgang Beherrschten, die sich meiner Prüfung darboten, speziell die 
Rolle des Willens für die Bildung ihrer Zwangsvorgänge zu analysieren. 
Ich füge hinzu, dass ich es getan habe, indem ich den Kegeln folgte, 
die ich selbst bei Gelegenheit meiner Hysteriestudien *) für diese psycho- 
pathologischen Analysen aufgestellt habe. Das heisst, ich beschränkte 
mich nicht auf die Beobachtung der Kranken während der kurzen Augen- 
blicke, die ich mit ihnen zubringe und auf die Antworten, die ich auf 
meine Fragen erhalte. Ich dehnte vielmehr meine Untersuchungen auf 
ihr früheres inneres Leben aus, unterrichtete mich über ihr gewöhnliches 
Verhalten und ermittelte genau die Charaktere und Modalitäten ihrer 
willkürlichen Beaktionen. 

So bin ich zu einer ziemlich genauen Anschauung darüber ge- 
kommen, die ich kurz auseinandersetzen will. 



') Hartenberg, L'Hystörie et les Hysteriques. 1. Bd. Paris, Verlag F. Alcan. 
1910, S. 19-23. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 9 



130 P. Hartenberg 



Zunächst scheint mir die Rolle der Emotion angehören zu sein. 
Sie ist etwas Essentielles, unentbehrlich bei der Bildung jedes Zwangs- 
vorganges. Ich muss das etwas spezieller ausführen, wie man es stets 
sollte, denn der Ausdruck Emotion ist nur ein allgemeiner Ausdruck 
ohne scharf umschriebene Bedeutung. Es handelt sich hier um die Angst- 
emotion, die Emotion, die von der unbestimmten Unruhe bis zur Aengst- 
lichkeit und bis zur akuten Angst mit allen ihren körperlichen Begleit- 
erscheinungen reicht. Diese Angstemotion ist es, die das Wesen des 
Zwangsvorganges bildet, die der Idee, auf die sich dieser richtet, ihre 
Herrschaft und ihre Widerstandskraft gibt, die gleichzeitig die psychi- 
schen und die somatischen Störungen erzeugt, die bei dem vom Zwangs- 
vorgang Beherrschten vorkommen. Die Angstemotion ist es, die der 
Zwangsvorstellung ihr Leben gibt. Unterdrückt man diese Emotion, so 
wird die Idee sofort indifferent, gleichgültig, wirkungslos, neutral ; der 
Zwangsvorgang selbst schwindet. Ohne Angst gibt es keinen Zwangs- 
vorgang, und die Psychopathologie zeigt, dass es unmöglich ist, einen 
Zwangsvorgang ohne das Bestehen der Angst zu verstehen. Man muss 
also zugeben, dass ein Zwangs Vorgang nur durch das Auftreten der 
Angsteinotion entsteht und sich festsetzt, und dass der Wille hierbei 
keine Rolle spielt. 

Wenn nun aber der Zwangsvorgang gebildet ist, lastet die Idee 
auf dem Bewusstsein, stört das Seelenleben und beherrscht die Gedanken, 
während die Emotion die organischen Funktionen der Atmung, der 
Zirkulation, der Verdauung, der Sekretion, der Motilität usw. stört. 
Was geschieht nun? Bei dem Individuum, das durch dieses fremde und 
parasitäre Element irritiert, beunruhigt und verwirrt ist, entsteht nun 
die Abwehrreaktion, und diese ist eine willkürliche. Die ganze Persön- 
lichkeit revoltiert gegen den inneren Feind, der sich ohne ihre Zustim- 
mung erhoben hat, will das Aktionsmittel anwenden, das sie besitzt, um 
ihre Operationen auszuführen: dieses Mittel ist der Wille. Sobald sich 
der Zwangsvorgang aufgedrängt hat, bäumt sich der Wille dagegen auf, 
und zwischen den zwei Gegnern beginnt nun der Kampf. 

Zwei Möglichkeiten bieten sich nun dar. Entweder ist das Indi- 
viduum apathisch, indolent, schwach, ohne Kraft und ohne Beharrlich- 
keit. Unter diesen Umständen wird der Wille vollkommen unfähig sein, 
einen Kampf gegen den Zwangsvoi-gang zu unternehmen. Er wird kapitu- 
lieren, er wird den Hemmungen, den emotionellen Trieben sich fügen 
und nachgeben. Er wird zum Sklaven des Zwangsvorganges. Dies ist 
es, was ich bei den meisten schweren Zwangsvorgängen festgestellt habe, 
die ich beobachtet habe. Eine auf ihr früheres Leben sich erstreckende 
Untersuchung, die vorgenommen wurde, nachdem ich mir über ihre ge- 
wöhnlichen Willenseigenschaften Rechenschaft gegeben hatte, Hess stets 
feststellen, dass es sich in Wirklichkeit um Abuliker handelte, sei es, 



Zwangsvorgänge und Wille. 131 

dass sie niemals einen energischen Willen besessen hatten, sei es, dass 

die Ursachen, die den Zwangsvorgang hervorgerufen hatten, seelische 

Erschütterungen, Aerger, verschiedene Krankheiten usw. gleichzeitig ihre 

Kraft und ihren Willen vermindert hatten. 

Ein Beispiel. Ein Mann von achtundzwanzig Jahren wird von einer sonderbaren 
Zwangsvorstellung, betreffend die Herzen von Tieren, beherrscht, die auf der .Fleisch- 
bank der Schlächtereien ausgelegt sind. Er denkt unaufhörlich daran. Auf der Strasse 
ist seine Aufmerksamkeit einzig auf die Schlächterläden gerichtet. Gleichzeitig sucht 
er sie und fürchtet sie. Wenn er eine Schlächterei bemerkt, ist es ihm unmöglich, 
nicht hinzulaufen, um dort die Herzen anzusehen. Wenn diese noch ganz sind, ist 
alles gut, dann ist er für einen Augenblick ruhig; aber wenn sie zerschnitten sind, 
wie es so oft vorkommt, empfindet er einen wirklichen Schmerz über diese Ent- 
weihung des Organes, das in seinen Augen im wahrsten Sinne des Wortes edel ist. 
Um dieses Bild auszulöschen, sucht er andere Herzen auf, die noch unversehrt sind, 
um sich zu beruhigen. Und indem er alle seine sonstige Beschäftigung aufgibt, läuft 
er die Strasse entlang, indem er andere Schlächtereien aufsucht. Wenn er keine Be- 
friedigung gefunden hat, kann er die ganze Nacht nicht schlafen, und am folgenden 
Tag beginnt er von neuem aufs Geratewohl. 

Dieser Mann ist ein konstitutioneller Astheniker, psychisch schwach, 
hat niemals Mut oder Willen gezeigt. Eine Anstrengung würde ge- 
nügen, der Anziehungskraft zu widerstehen, die die Schlächtereien, die 
er bemerkt, auf ihn ausüben. Aber niemals ist er zu einer solchen An- 
strengung fähig gewesen. 

Ein weiteres Beispiel : Es handelt sich um einen Mann von 70 Jahren, der seit 
zwei Jahren von der abergläubischen Vorstellung der Ziffer 26 beherrscht wird. Ver- 
schiedene Fälle von Untreue hätten ihm gezeigt, dass diese Zahl 26 — zweimal 13 — 
für ihn verhängnisvoll wäre, und ein Traum habe ihm gesagt, dass diese Ziffer auch 
seinen Tod ihm anzeigen sollte. Er behauptet ferner, dass unaufhörlich diese Ziffer 
ihm vor die Augen tritt. Die Zahl von Droschken, von Omnibussen, von Waggons, 
die er sieht, enthalten, sagt er, diese Ziffer. Seine Wäsche kommt zurück von der 
Wäscherin mit dem Zeichen 26. Sein schlimmstes Unglück ist ihm in einem Hause 
passiert, das die Nummer 26 trug. Wenn er ein Buch zufällig öffnet, behauptet er, 
dass es am häufigsten die Seite 26 ist, die ihm erscheint. Kurz und gut : die Zahl 26 
verfolgt ihn wie eine beständige Todesdrohung. 

In seiner Unruhe und da er unbedingt von der Bedeutung an den Wert dieser 
Warnung gefesselt wird, bringt er Stunden hin, Bücher zu öffnen, die Nummern der 
Wagen oder der Omnibusse, die vorbeifahren, zu beobachten. Wenn dann die 26 kommt, 
ist er verzweifelt. Wenn es eine andere Zahl ist, ist er für eine Stunde beruhigt. 
Aber dann kommt die Unruhe von neuem, und er fängt wieder an. Ich habe versucht, 
von diesem Manne zu erreichen, dass er diesen vielfachen Versuchungen widersteht 
und auf sie verzichtet; ich war überzeugt, dasa sich mit ihrer Unterbrechung die 
Zwangsvorstellung abschwächen würde. Er ist vollkommen unfähig gewesen, sich zu 
beherrschen. Selbst in meiner Wohnung, in meinem Sprechzimmer, vor meinen Augen 
konnte er sich nicht enthalten, mit Gewalt ein Buch zu ergreifen, das auf meinem 
Tische lag, es zu öffnen, um zu sehen, ob sich nicht die Zahl 26 darbieten würde. 

Meine anamnestische Untersuchung über diesen Mann hat gezeigt, 
dass er stets ein sanfter, schwacher und passiver Charakter gewesen ist. 
Kürzlich hat er sich von einer Familie beherrschen lassen, die unter 
dem Scheine der Freundschaft versuchte, sich seines Erbes zu bemäch- 
tigen. Obwohl er gar keine Illusionen über ihre Gefühle und Absichten 
hatte, wäre er doch unfähig geblieben, sich dem zu entziehen, wenn 



132 P. Hartenberg 



nicht ein Zornausbruch, der bei Gelegenheit einer Diskussion vorkam, 
ihm den augenblicklichen Anlass dafür gegeben hätte, zu entfliehen. 

Ich berichte weiter das Beispiel von einer Frau, die von der Furchtvorstellung 
vor der Beschmutzung beherrscht wird. Unaufhörlich hat sie Furcht, sich auf der 
Strasse, im Wagen zu besudeln oder schmutzige Gegenstände anzufassen. Um sich zu 
reinigen, lässt sie ihre Kleider, sobald sie zurückgekehrt ist, gründlich säubern, nach- 
her läuft sie, selbst die Hände zu waschen. Aber aus Furcht, die Hände nicht ge- 
nügend gereinigt zu haben, beginnt sie dann diese Operation von neuem, unaufhörlich, 
indem sie Stunden hindurch ihre Hände abseift. Sie ist unfähig, sich vom Wasch- 
becken zu entfernen, so dass ihre Haut buchstäblich entzündet und mit aufgesprungenen 
Schrunden bedeckt ist. Ich habe versucht, bei dieser Frau es zu erreichen, dass sie 
ihrem Trieb, sich zu waschen, widerstehe. Meine Mahnungen, meine Suggestionen, 
meine Ueberredungskünste haben nichts bewirkt ; nur Gewalt hätte sie davon abhalten 
können. 

Diese Frau war ehemals sehr energisch, sie hat in ihrem Leben Willensakt? 
vollbracht und eine seltene Beharrlichkeit gezeigt. Aber infolge einer emotionellen 
Krise, in der sie seit zwei Jahren lebt, ist ihr Wille vollständig geschwunden, ebenso 
wie gleichzeitig ihre Zwangsvorstellung zugenommen hat. Gegenwärtig ist sie ebenso 
unfähig, einen Entschluss zu fassen oder eine schwierige Handlung auszuführen, wie 
mit dem Waschen der Hände aufzuhören. 

Bei allen Individuen besteht also eine Zwangsvorstellung, die sich 
als Angstemotion entwickelt hat, und sie verstärkt sich infolge des un- 
zureichenden Willens so, dass sie davon beherrscht werden. 



In der zweiten Gruppe, die wir jetzt betrachten wollen, findet sich 
die Zwangsvorstellung bei Individuen mit festem und ausdauerndem 
Willen. Dann tritt dieser Wille in einen Kampf mit der Zwangsvor- 
stellung, und oft siegt er. Ich will zwei Beispiele anführen. 

Das erste betrifft einen Mann von 35 Jahren, der an der Zwangsvorstellung litt, 
stets sich zu schämen, wenn er auf die Toilette ging. Dieser Weg schien ihm er- 
niedrigend, er errötete vor sich selbst, wenn er ihn ging und besonders fürchtete er 
sich ausserordentlich, dass man ihn auf diesem Weg bemerkte. Da er nun fürchtete, 
es könnte ihn, wenn er im Hause auf die Toilette ging, einer seiner Angehörigen oder 
seiner Dienstboten sehen, so hatte er sich daran gewöhnt, sein Bedürfnis entweder auf 
freiem Felde oder in Cafes oder auf Bahnhöfen zu befriedigen, wo er hoffen konnte, 
unbeobachtet zu sein. Trotzdem beschäftigte ihn diese Funktion lebhaft. Er dachte 
daran den ganzen Tag, er beunruhigte sich im voraus darüber, wie er am folgenden 
Tage Bein Bedürfnis befriedigen würde. 

Ich machte diesem Kranken begreiflich, dass es für ihn durchaus notwendig 
wäre, die Toilette seines eigenen Hauses zu benützen, selbst auf die Gefahr hin, dass 
er irgend jemand begegnete, und dass er um keinen Preis vor seiner Phobie kapitu- 
lieren, sondern sie beherrschen und überwinden müsse. Er hörte auf mich und be- 
folgte meine Ratschläge. Und da im allgemeinen jeder über die Zwangsvorstellung 
durch den Willen davongetragene Sieg die erstere vermindert, den zweiten verstärkt, 
konnte er nach ungefähr einem Monat, wo er beharrlich meinen Ratschlägen folgte, 
normal handeln, und er hatte beim Gedanken an die Toilette nur noch ein leichtes 
Unruhegefühl. 

Der zweite Fall zeigt noch deutlicher, was ein starker Wille einer Zwangs- 
vorstellung gegenüber erreichen kann. 

Ein 38jährig. Beamter aus der Provinz, den ich früher wegen einer Errötungsangst 
behandelt hatte, die geheilt wurde, wurde 10 Jahre später von der Zwangsvorstellung be- 
herrscht, ein Kahlkopf zu werden. Obwohl er nur sehr wenige Haare verlor, empfand 



Zwangsvorgänge und Wille. 133 



er einen solchen Sehrecken vor der Kahlköpfigkeit, dass seine Seele niemals ruhig 
wurde. Unaufhörlich prüfte er seinen Kopf, um den Zustand seiner Behaarung fest- 
zustellen und zu sehen, ob er nicht kahlköpfig würde. In jedem Kleidungsstück hatte 
er einen Taschenspiegel, mit dem er sich heimlich, wohl hundertmal am Tage, unter 
allen möglichen Umständen betrachtete. Vor jedem Spiegel blieb er stehen, um sich 
gewissenhaft zu studieren. Natürlich nahm er auch Zuflucht zu verschiedenen Heil- 
mitteln. Zuerst zu allen möglichen Wachsmitteln gegen die Kahlköpfigkeit. Dann 
benutzte er eine Perücke und dgl. mehr. Diese Versuche führten aber zu keinem 
Resultat. Gereizt gegen sich selbst, im höchsten Grade aufgebracht gegen diese 
stumpfsinnige Zwangsvorstellung entschloss er sich, sich durch den Willen zu heilen. 
Ueberzeugt davon, dass, je weniger er seinen Kopf betrachtete, um so weniger er 
daran denken und sich beunruhigen würde, und dass die volle Unterdrückung jeder 
Prüfung die Zwangsvorstellung, allmählich schwinden lassen würde, sprach er gegen 
sich selbst das Urteil, er wolle sich niemals mehr in einem Spiegel anschauen. Alle 
seine Taschenspiegel warf er weg, die seines Ankleidezimmers wurden entfernt. Beim 
Friseur hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, um sich nicht mehr im Spiegel zu sehen. 
Wenn er einen Spiegel sah, wendete er stets den Kopf. Als er über diese Anfechtungen 
den Sieg davongetragen hatte, unterwarf er sich noch schwierigeren Willensübungen. 
Er zwang sich, ganze Stunden vor einem Spiegel zu bleiben, dort zu lesen oder zu 
arbeiten, ohne sich jemals anzusehen. Niemals gab er der Versuchung nach. Der 
Kampf dauerte ein ganzes Jahr, während dessen er niemals mehr sein Gesicht an- 
schaute. Am Ende dieses Jahres war die Zwangsvorstellung geschwunden. Die Kahl- 
köpfigkeit war ihm gleichgültig, er fühlte sich geheilt. 

Wie diese Beispiele deutlich zeigen, kann ein fester Wille, der 
beständig zur Geltung gebracht wird, eine Zwangsvorstellung unter- 
drücken und besiegen. 

Unglücklicherweise sind nicht alle Zwangsvorstellungen der Ueber- 
windung durch den Zwang des Willens zugänglich. Das Gebiet des 
Willens ist beschränkt. Er besteht schliesslich nur darin, dass wir die 
Macht haben, auf unsere willkürliche Muskulatur zu wirken, unsere Auf- 
merksamkeit auf einen Gedanken oder eine Handlung zu richten. Wenn 
es sich also darum handelt, einem Triebe zu widerstehen, eine Hemmung 
zu besiegen, dann wird der hinreichend kräftige Wille gewonnenes Spiel 
haben. Aber im Gegensatz dazu gibt es ein grosses Gebiet, das der 
Kontrolle des Willens entzogen ist. Es ist das der Emotionen, der vis- 
zeralen Funktionen, der Sekretionen usw. Hier muss der Wille auf die 
Herrschaft verzichten. Nun können aber auch diese Erscheinungen 
Gegenstand eines Zwangsvorganges sein, dies ist z. B. beim emotionellen 
Erröten der Fall. Es hat keinen Zweck, nicht erröten zu wollen. Man 
kann dem nicht entgehen, da der emotionelle Reflex des Errötens der 
Herrschaft des Willens entzogen ist. Dies ist der Fall bei der emotio- 
nellen Impotenz, die nichts anderes ist als die Zwangsfurcht vor dem 
Fehlen der Erektion. Im Augenblick der sexuellen Beziehungen mag 
man, wenn die Angst kommt, dass die Erektion ausbleibt, diese wollen. 
Je mehr man das will, um so weniger kommt sie. Dies ist auch der 
Fall bei der Angst (Trac) der Künstler, die die Kehle zusammenschnürt, 
den Mund trocken macht, ein Erstickungsgefühl verursacht, Zittern herbei- 
führt usw. Keine Anstrengung kann eshindern,dassdieseStörungenauftreten. 



134 Havelock Elia 



Es gibt also ein Gebiet, wo die Herrschaft des Willens vollständig 
ausgeschlossen ist. Man darf hier auch nicht auf eine Erziehung des 
Willens rechnen, um den Zwangsvorgang zu beherrschen. Hier muss 
man zu anderen therapeutischen Mitteln greifen. Aber in diesen Tat- 
sachen finden wir einen vollkommen schlüssigen Beweis, dass die Willens- 
krankheit, die Abulie, nicht die Grundlage des Zwangsvorganges ist. 

* * 

* 

Als Ergebnis können wir schliesslich sagen, dass der Zwangsvor- 
gang im wesentlichen eine Störung emotioneller Natur ist, die auf der 
Angstemotion beruht. Ohne Angst gibt es keinen Zwangsvorgang, und 
es ist unmöglich, einen Zwangsvorgang, bei dem die Angst ausgeschlossen 
ist, zu begreifen. Die Angst ist es, die allein den Zwangsvorgang 
schafft, und die Unzulänglichkeit des Willens hat mit der Psychogenese 
nichts zu tun. 

Aber wenn einmal der Zwangsvorgang ausgebildet und von dem 
Kranken in genügender Weise festgestellt und ihm bewusst ist, dann 
können drei Fälle vorliegen. Entweder ist der Patient ein Abuliker 
ohne Energie, ohne Beharrlichkeit, unfähig gegen die Triebe oder die 
Hemmungen seines Zwangsvorganges anzukämpfen. Dann besteht der 
Zwangsvorgang weiter, weil er nicht bekämpft wird. 

Oder der Zwangsvorgang hat eine emotionelle, viszerale Reaktion 
zum Gegenstand, die dem Einfluss des Willens überhaupt entzogen ist. 
Dann besteht der Zwangsvorgang weiter, weil man selbst mit einem 
starken Willen ihn nicht bekämpfen kann. 

Oder es kann endlich der Zwangsvorgang durch den Willen be- 
kämpft werden. Der Wille beherrscht den Vorgang wirksam. Das ist 
der Triumph der psychischen Autotherapie. 

Nur in einer begrenzten Zahl von Fällen also spielt der Wille eine 
Rolle bei dem Zwangsvorgang. Niemals hat er etwas mit seiner Genese 
zu tun, sondern nur mit seinem Bestehenbleiben, und in keinem Fall 
kann man den Zwangsvorgang als eine primäre Krankheit des Willens 
betrachten. 



Sexo-ästhetische Inversion. 

Von Dr. Havelock EIHs, London. 

Unter „sexueller Inversion 11 verstehen wir ausschliesslich eine auf 
der Grundlage einer angeborenen Konstitution auftretende Abänderung 
der sexuellen Triebe, wobei sich der Trieb auf Personen desselben Ge- 
schlechtes richtet, während alle anderen Triebe und Neigungen die des 
Geschlechtes bleiben können, dem die Person anatomisch angehört. Es 



Sexo-ästhetische Inversion. 135 



gibt jedoch eine weitere Art von Inversion, die einerseits viel mehr 
umfassen kann als die Richtung des Geschlechtstriebes, andererseits diese 
nicht einzuschliessen braucht. Es ist dies jene Inversion, bei der die 
Neigungen und Triebe einer Person so geändert sind, dass sie, wenn 
sie ein Mann ist, die Charakterzüge des Weibes annimmt, ja sogar in 
übertriebener Form zum Ausdruck bringt. Sie empfindet eine Lust 
darin, weibliche Eigenschaften zu zeigen und besonders Befriedigung 
darin, sich wie ein Weib zu kleiden und wie ein solches aufzutreten. 
Jedoch ist bei dieser Perversion normale geschlechtliche Neigung vor- 
handen, wenn sich auch in manchen Fällen die allgemeine Inversion 
stufenweise auf die sexuellen Triebe ausdehnen kann. 

Der erste ') genau beschriebene Fall, der diesen Zustand ent- 
wickelte und typisch schilderte, war der eines Arztes, der 1890 eine 
Schilderung seines Falles an Krafft-Ebing sandte. Er war verheiratet 
und hatte keine Neigung zum eigenen Gesohlecht, aber seine Gefühle 
waren weiblicher Natur, und er fühlte sich selbst wie ein Weib. Er 
war auch in seinem Aeusseren etwas weibisch, doch lagen keine eigent- 
lichen Wahnvorstellungen vor. Krafft-Ebing veröffentlichte den Fall 
in seiner Psychopathia sexualis und beschrieb ihn als eine Uebergangs- 
stufe zur Metamorphosis sexualis paranoica, d. h. als eine 
Uebergangsstufe zur Geisteskrankheit. Diese Betrachtung des Falles 
kann jedoch nicht mehr als richtig anerkannt werden. Wenn ein ab- 
normer, aber doch noch in der Breite der Geistesgesundheit liegender 
Fall Beziehungen zu einer Geisteskrankheit hat, ohne diese zu erreichen, 
so mag jene Einordnung dem Psychiater nahe liegen, aber es liegt hier 
eine Uebertreibung des Standpunktes des Pathologen vor. Der Fall 
selbst kann jedoch wahrscheinlich als der typischste und vollkommenste, 
den wir kennen, angesehen werden. 

Ich habe Fälle dieser psychischen Anomalie schon seit einigen 
Jahren kennen gelernt, aber geschwankt, wo ich sie einreihen sollte. Sie 
schienen mir eine Kombination von Feminismus und Fetischismus zu sein, 
aber eine solche Einordnung befriedigte nicht, obwohl Kr äfft -Ebings 
Irrtum dabei vermieden wurde. In Wirklichkeit liegt in diesen Fällen 
kein wahrer Fetischismus vor. Die Kleidung an sich wirkt nicht 
erotisch, nicht einmal dann, wenn eine andere Person sie trägt. Vor- 
bedingung für die erotische Wirkung ist vielmehr, dass die Person 

') Ich möchte bei dieser Gelegenheit daraufhinweisen, dass Westphal bereits 
1868 einen typischen Fall dieser Art in der Berliner Med. Psycholog. Gesellschaft vor- 
gestellt und im Archiv für Psychiatrie 1870 veröffentlicht hat. Es handelte sich um 
einen 27jährigen Mann, der in Frauenkleidern verhaftet wurde und sehr häufig Frauen- 
kleider und andere zur weibliehen Toilette gehörige Gegenstände gestohlen hatte. 
Von Kindheit auf hatte er einen Drang zum Anlegen von Frauenkleidern. Homo- 
sexualität bestand nach Westphal bei ihm nicht. Ich selbst habe bereits in der 
1. Auflage meines Buches: „Die Konträre Sexualempfindung", Berlin 1891, gerade auf 
diesen Fall Westphals hingewiesen. Albert Moll. 



136 Havelock Ellis 



selbst die Kleidung trägt. In einigen Fällen aber spielt sie überhaupt 
nur eine geringe oder gar keine Rolle. 

In den letzten Jahren ist diese Anomalie von Hirschfeld in 
seinem selbständigen Werke, Die Transvestiten 1 ), beleuchtet worden. 
Hirsch feld betont hauptsächlich die Neigung, die Kleidung des anderen 
Geschlechtes zu tragen, aber die Fälle, die er mitteilt, gehören offenbar 
zu derselben Gruppe, wie die, die ich kennen gelernt habe. Hirsch- 
feld schildert die Einzelheiten an einigen Beispielen. Er erörterte sie 
eingehend und zeigte, dass in den meisten Fällen keine sexuelle Inversion 
besteht. 

St ekel meint in einer interessanten Besprechung von Hirsch- 
felds Buch (Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1 und 2), dass Hirsch- 
feld die Neigung zur Homosexualität unterschätze. Hier mögen 
Meinungsverschiedenheiten herrschen, uns aber scheint es sicher, dass 
in diesen Fällen die Homosexualität selten und gewöhnlich nur se- 
kundär ist. 

Hirsch feld förderte unsere Kenntnisse dieser Anomalie erheblich, 
indem er die Fälle genau beschrieb und dabei die Auffassung vertrat, 
dass die Anomalie eher eine einfache, als eine zusammengesetzte 
Perversion sei und nachwies, dass die spezifische sexuelle Perversion 
hier eine geringe Rolle spiele, als dass man sie ernstlich berücksichtigen 
müsste. Es ist jedoch bedenklich, Hirsch felds Ausdruck Trans- 
vestitismus anzunehmen, da er nicht nur an sich unbefriedigend ist 
(selbst vom germanistisch-linguistischen Standpunkt aus), sondern auch 
deshalb, weil er ausschliesslich die Inversion der Neigungen in der 
Bekleidungsfrage betrifft und mit Unrecht das Phänomen einschrankt, 
mit dem wir es hier zu tun haben. Auch Näcke 2 ), der gleichfalls 
den Ausdruck Transvestitismus verwirft und Hirschfelds Untertitel: 
Erotischer Verkleidungstrieb vorzieht, hat vorgeschlagen, den Zustand 
als Verkleidungssucht zu bezeichnen. Hirsch feld selbst scheint jetzt 
geneigt, diesen Namen vorzuziehen, denn er hat ihn in dem Titel einiger 
späteren Veröffentlichungen gebraucht 3 ), wo er neben weiteren Fällen 
viel ethnographisches und historisches Material über diesen Gegenstand 
und ausserdem viele interessante Hlustrationen veröffentlichte. Ich ge- 
stehe jedoch, dass diese Bezeichnung, insoweit sie eine Maskierung 
andeutet, mir noch unbefriedigender als die andere zu sein scheint. 



') Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den 
erotischen VerkleidungBtrieb. 1910. — s ) „Zum Kapitel der Transvestiten", Archiv für 
Kriminalanthropologie. KLVII, 1912, S. 237. — ») Hirschfeld und Max Tilke: 
Der erotischeVerkleidungstrieb (Die Transvestiten) 1912; Hirachf eld und Burchard: 
Zur Kasuistik des "Verkleidungstriebes, Aerztliche Sachverständigen-Zeitung Nr. 23 und 
24, 1912. Hirsch feld hat anfangs wegen der Nomenklatur dieses Zustandes ge- 
schwankt. In dem Buche, Die Transvestiten, erörtert er S. 300 diese Frage. Er verwarf 
den Ausdruck Sexuelle Metamorphose, gab aber zu, dass Transvestitismus keineswegs 
den Inhalt der Perversion erschöpft. 



Sexo-ästhetische Inversion. 137 



Mein Haupteinwurf ist der, dass sie psychologisch durchaus ungenau 
ist. Die Person, die die Anomalie hat, will durch Anlegung der Kleidung 
des entgegengesetzten Geschlechtes ihr Inneres weit eher enthüllen. 
Nur in dieser Kleidung fühlt sie sich in Wirklichkeit als sich selbst. 
Diese Kleidung sagt ihr zu, in ihr fühlt sie sich heimisch, in ihr fühlt 
sie sich nicht verkleidet, sondern von der Verkleidung befreit. 

Ich schlage deshalb, wenn auch vielleicht nur provisorisch, einen 
Ausdruck vor, den mir ein geistig hochstehender, diesen Zustand deutlich 
zeigender Herr nahelegte, nämlich den Ausdruck Aesthetische In- 
version oder genauer Sexo-ästhetische Inversion 1 ). 

Vor einigen Jahren ertrank ein Mann an der Küste von Cornwall. 
Als man die Leiche auffand, war sie in Frauenkleider gehüllt, die 
Hände zusammengebunden. Unter den Gegenständen des Mannes wurden 
im Hotel, wo er wohnte, zahlreiche Kunstmittel für weibliche Toilette und 
Frauenkleider gefunden. Er war Jurist, war in der Nähe von London als 
Rechtsanwalt tätig gewesen und wurde von seinen Bekannten als ein nor- 
maler Mann mit ruhigen Gewohnheiten betrachtet. Es war kein Anhalts- 
punkt dafür vorhanden, dass sein Tod gewaltsam herbeigeführt war. Offenbar 
hatte er vom Standpunkt eines ästhetisch Invertierten (scheinbar mit 
masochistischen Neigungen) die lustreichste Todesart gesucht. 

Ein solcher Fall zeigt einige der Eigentümlichkeiten der ästhetischen 
Inversion. Er kommt mit Vorliebe bei gebildeten, kultivierten, sensi- 
tiven und zurückhaltenden Personen vor. Meistens wird der Zustand 
vor den Freunden und Bekannten, selbst vor den nächsten Familien- 
angehörigen, verheimlicht. Zuweilen sind Zeichen vorhanden, die an 
Masochismus oder passive Algolagnie erinnern. Es handelt sich dabei 
um eine Form von erotischem Symbolismus, die, wenn sie auch im 
weiteren Sinne des Wortes unter die Inversion fällt, doch Aehnlichkeit 
mit erotischem Fetischismus hat und bei Leuten vorkommt, die zum 
Fetischismus neigen. In einigen seiner Züge ähnelt die Erscheinung 
auch der Art von Autoerotismus , die man Narzismus oder erotische 



') Ich gebe zu, dass der Name nicht vollständig befriedigt. Sexo-ästbetische 
Inversion bezeichnet die Sache recht gut, lässt aber den Einwand zu, dass der 
Ausdruck aus Griechisch und Lateinisch zusammengesetzt ist. — Aesthetische 
sexuelle Inversion kann zu Missverständnissen führen , da der Ausdruck scheinbar 
mit ästhetischer Homosexualität gleichbedeutend sein könnte. Die Person mit 
der Anomalie, die mir den Ausdruck sexo - ästhetische Inversion nahelegte, schlug 
auch den Ausdruck Psyohischer Hermaphroditismus vor. Aber dies ist nicht 
ganz genau. Alle diese Leute sind sich gewöhnlich nicht bewusst, die psychische 
Disposition beider Geschlechter zu besitzen, sondern sie empfinden nur die eines und 
zwar des entgegengesetzten Geschlechts. Hirschfeld bedauert, dass man nicht die 
Schwierigkeit lösen kann, indem man den Namen einer gut bekannten Person wählt, 
die diesem Zustand unterworfen war, wie es bei den Ausdrücken Sadismus und 
jVIasochismus geschah. Jedoch sei das deshalb unmöglich, weil keine hierher gehörige 
Person genügend bekannt ist. Indessen scheint es mir, dass man den Ausdruck 
Deonismus wählen könnte nach dem wohlbekannten Chevalier D'Eon, der diesen 
Trieb in ausgesprochener Form gezeigt hat. 



138 Havelock Ellis 



Selbstbewunderung nennt. Die ästhetiscbe Inversion kann jedoch nicht 
mit dem Fetischismus oder auch nur mit dem Narzismus ^identifiziert 
werden. Das Individuum ist in Wirklichkeit weder in einen Fetisch noch 
in sich selbst verliebt. 

Die genaue Natur der ästhetischen Inversion kann nur durch Mit- 
teilung erläuternder Beispiele aufgeklärt werden. Es gibt wenigstens 
zwei Typen solcher Fälle: einen, der der gewöhnlichste ist, wo die 
Inversion hauptsächlich auf die Kleidung beschränkt ist, und einen 
anderen, der weniger häufig, aber vollständiger ist, wo die Aenderung 
der Bekleidung als etwas verhältnismässig Gleichgültiges betrachtet wird, 
das Individuum sich jedoch mit seinen physischen und psychischen Zügen, 
die an das entgegengesetzte Geschlecht erinnern, so identifiziert, dass 
es sich wirklich diesem Geschlecht zugehörig fühlt, obwohl es über 
seine anatomische Bildung keine Wahnvorstellungen hat. 

Bevor ich einen vollentwickelten Fall von jedem Typus bringe, 
mag es zum Verständnis der Anomalie beitragen, wenn wir einige 
Zwischenstufen zwischen ästhetischer Inversion und normalem sexuellen 
Verhalten betrachten. 

Es gibt viele Abstufungen in der Ausdehnung der ästhetischen 
Inversion. Es kommt sogar vor, dass sie sich nur in den Träumen 
einer im wachen Zustand absolut normalen Person findet, die nicht die 
geringste Neigung zu irgend einer Art von Inversion zeigt. Ich will 
zuerst einen hierher gehörigen deutlich ausgeprägten Fall schildern. 

Es handelt sich um eine Frau aus Wales, 29 Jahre alt, seit 2 Jahren verheiratet. 
Obwohl keine starke Muskelentwicklung besteht, ist sie doch ganz gesund, vollkommen 
normal, gross und elastisch, von guter Gesichtsfarbe und mit gutem Haarwuchs; sie 
liebt das Schwimmen und das Landleben, wenn sie auch gezwungen ist, in der Stadt 
zu leben. Sie ist von etwas erregbarem Temporament, frisch, lebhaft, geistig hoch- 
entwickelt. Sie ist ein Typus, wie man ihn gar nicht selten bei ihren Landsleuten 
findet. Ihre geistige Entwicklung steht sehr hoch, und sie erwirbt sich ihren Lebens- 
unterhalt durch schriftstellerische Arbeiten. Ihre Neigungen und Gefühle sind weiblich, 
sie besitzt Anziehungskraft für Männer und sie selbst fühlt sich zu ihnen hingezogen. 
Niemals zu irgend einer Zeit des Lebens hat sie homosexuelle Triebe gehabt, und sie 
betrachtet solche Dinge mit Horror. Sie hat nie masturbiert oder an den Genitalien ge- 
spielt. Bis zur Verheiratung im Alter von 27 Jahren hat sie keine sexuellen Erfah- 
rungen gehabt, weder autoerotische noch andere, mit Ausnahme der Träume. 

Vom Beginn des sexuellen Lebens ab, im Alter von 12 Jahren, hat sie erotische 
Träume gehabt, die gewöhnlich — wie ein Tagebuch, das sie lange geführt hat, zeigt 
— zwei oder drei Nächte vor der monatlichen Periode auftreten, die gewöhnlich sehr 
leicht verläuft; mitunter kommt auch eine Periode vor, der der Traum nicht voraus- 
geht. Diese Träume begleitete vollständige sexuelle Befriedigung, und sie wacht auf, 
wie sie sagt: „erschauernd von den Sensationen, und ich habe versucht, sie dadurch 
zu verlängern, dass ich mich auf mein Gesicht auflegte, aber in einigen Minuten sind 
sie verschwunden." 

Die Träume haben jedoch die besondere Eigenart, dass sie, wenn sie träumt, 
sich im Traume einbildet, ein junger Mann von ungefähr 23 Jahren zu sein, der einem 
jungen Mädchen den Hof macht. Sie tiat niemals einen normalen erotischen Traum einen Mann 
betreffend gehabt, obwohl sie zuweilen von Küssen geträumt, die auch in Wirklichkeit 
vorgekommen waren. Tatsächlich träumt sie in allen ihren sehr lebhaitcn Träumen 



Sexo-ästhetische Inversion. J39 



gelbst wenn diese keinen erotischen Charakter haben, von sich selbst in dieser männ- 
lichen Form. (Sie macht nur eine Ausnahme betreffend einen Alptraum, dem sie ge- 
legentlich zugänglich ist, und in dem sie ihre eigene weibliche Persönlichkeit behält 
und von Zimmer zu Zimmer von einem ekelhaften Weib verfolgt wird.) 

„In diesen Träumen," schreibt sie, „fühle ich mich in der Kolle des Mannes. 
In einem oder zweien dieser Träume habe ich mich berührt und ich fand das ver- 
schieden von dem der Frau. Einmal sah ich mich in einem Spiegel und erkannte das 
Gesicht wie ein schon lange vergessenes '). Ich selbst glaube , dass ich einmal ein 
Junge gewesen sein muss. Wenn ich von einem Mädchen träume, hat dieses stete 
denselben Typus, doch habe ich nur ungefähr fünfmal das Mädchen im Traum ge- 
sehen und nicht ganz deutlich. Ich fühle das Mädchen ganz deutlich mit weicher 
Haut und sehr vollbrüstig. Das einzige Mal , wo ich es klar genug sah, um mich zu 
erinnern, hatte es dunkles Haar und helle Hautfarbe, wie ich selbst, aber nicht meine 
Figur. Sie war klein und dick und hatte ein zauberhaftes Gewand an, eine Art 
türkisches Gewand mit einem scharlachroten Jackett und goldenen Juwelen; weissen 
Hosen und eine enganschliessende scharlachrote Mütze auf ihrem langen Haar. Das 
Kostüm muss ich einem Gemälde entnommen haben, obwohl ich mich des letzteren 
nicht erinnern kann. All dies hat mit meinem wirklichen Leben nichts zu tun, und 
selten kommt im wachen Zustande ein solcher Gedanke." 

Einige Auszüge aus dem Tagebuch der Frau nach der Ver- 
heiratung mögen das Vorkommen der Träume und ihre Natur er- 
läutern. 

21. Sept. (Sonnabend). Ich hatte letzte Nacht folgenden Traum: Ich hatte ein 
starkes Gefühl, konnte aber mein Mädchen nicht sehen. 

24. Sept. Monatliche Periode. 

20. Okt. (Sonntag). Mein Mädchen kam. Ich sah es in dem scharlachroten 
und weissen Kostüm liegen. Es war sehr süss, und ich liebte es; ausserdem hatte 
ich ein starkes Berührungsgefühl, als ich erwachte. Ich küsste das Mädchen sehr viel 
auf die Brust. Ich hatte das Gefühl, dass dort noch ein jüngeres Mädchen war, 
ziemlich nahe dem, das ich nehmen sollte, aber ich hielt mich an mein eigenes Mädchen, 
weil es so hübsch war und mich auch stets so gut leiden konnte. 

22. Okt. Monatliche Periode. 

12. Nov. Traum mit einem Mädchen. Ich konnte es nicht sehen. 
18. Nov. Monatliche Periode. 

13. Dez. Traum von der Violine. In diesem Traume war ich so deutlich ein 
junger Mann, dass er ein Teil des anderen Traumes sein könnte, obwohl ich durchaus 
kein Mädchen fühlte. Wir waren als eine Touristengruppe, soweit ich mich erinnere, 
in einem bestimmten Hotel in Wales im Kaffeezimmer. Dort befindet sich ein grosser 
Spiegel über dem Kaminsims. Ich sah mich in einem grauen Kleid aus Halbtuch und 
mit einer grauen Mütze. Mein Haar war so dunkel wie gewöhnlich, und ich hatte 
meine gewöhnliche Grösse, die aber bei mir als Mann geringer erschien. Ich sah mich 
deutlicher als die anderen Männer und Mädchen, ich weiss nicht, wer da war. Ich 
fühlte mich durch eines der Mädchen angezogen, obwohl es nur eines aus einer grossen 
Menge war; ich bemerkte das Mädchen ganz deutlich, die Liebe des jungen Mannes 
in mir war nicht dieselbe wie mein Gefühl als Weib während meines ganzen Lebens. 
Ich erinnerte mich später lebhaft daran. Ich fühlte, dass ich mich dieses Mädchens 
annahm, aber ich sah es nicht. Wir warteten auf den Tee. Es war ein Violinkasten 
auf einem Tisch an dem andern Ende des Zimmers. Jeder wusste, es war etwas Ent- 
setzliches, und die Mädchen waren erschreckt. Dann hob sich der Deckel des 
Violinkastens ohne berührt zu werden und alle gerieten in einen Zustand des Ent- 
setzens. Ich (der junge Mann) hatte ein Gefühl, dass ich auf dem Kaminteppich, den 
Rücken zum Spiegel gewendet, stehen musste. Ich sah meine eigene Schulter und die 



') Dieses paramnestische Gefühl ist (wie ich in The World of Dreams betont 
habe), etwas ganz Gewöhnliches im Träumen, es bezieht sich sogar auf die unbedeu- 
tendsten Einzelheiten. 



140 Havelock Ellis 



Rückseite meines Kopfes im Spiegel. (Ich weiss aber nicht, wie ich das bewerk- 
stelligte.) Ich hielt meine linke Hand, wie wenn ich spielte (ich habe niemals Violine 
gelernt) und wartete. Ich fühlte, dass das Mädchen auf mich schaute, und ich war 
traurig, dass es so erschreckt war. Dann flog die Violine plötzlich wie ein Vogel durch 
die Luft von dem andern Ende des Kaffeezimmers, kam direkt auf mich zu und schob 
sich unter mein Kinn in die richtige Lage zum Spielen. Ich hielt meinen andern 
Arm abwärts an meiner Seite, und die ekelhafte Violine spielte ein Lied, wie wenn 
irgend ein anderer den Bogen führte, aber es war gar kein Bogen und auch kein 
Mensch da. Sie spielte dasselbe Lied zweimal durch und dann fiel sie aus meiner 
Hand. Ich wendete mich zu dem Mädchen als ich erwachte. Es war ein ausser- 
gewöhnlich lebhafter Traum. Ich selbst, das Zimmer und die Violine waren ebenso 
deutlich wie im wirklichen Leben. Mein Gefühl für das Mädchen war sehr stark, nur 
die andern Leute bildeten einen unklaren Haufen. 

15. Dez. Monatliche Periode. Ich hatte eine ziemlich schlechte Zeit. 

23. Februar, folgender Traum: Ich sah ihre Schultern, ihre Brust und ihr Ge- 
sicht. Sie hielt mich fest mit ihrer Hand herunter und stiess mich dabei. Ich er- 
wachte mit Schmerz. Dieser Schmerz lastete in hohem Grade auf mir, und zwar 
empfand ich ihn in der Lendengegend wie einen akuten Krampf. Ich berührte mich 
nicht, beide Arme lagen um meinen Gatten, der schlief. In ungefähr fünf Minuten 
schwand dieser Schmerz. Vor dem Frühstück kam die monatliche Periode, die Zeit 
verlief gut. 

Diese erotischen Traumerlebnisse hatten in den Augen der Dame 
infolge der Umstände, die ihrer Heirat folgten, zuletzt eine gewisse 
Bedeutung gewonnen. Sie liebte ihren Mann sehr, aber die erwarteten 
Erregungen beim Verkehr blieben aus. Das Gefühl beim ehelichen Ver- 
kehr, obwohl angenehm, soweit es überhaupt bestand, konnte nicht mit 
dem in den Träumen verglichen werden. Der Gatte, der vor der Ehe 
ohne Erfahrung gewesen war, kannte das sexuelle Leben der Frauen 
nicht und wusste nichts von der Liebeskunst. Es war ihm nicht nur 
nicht gelungen, seines Weibes erotische Emotionen zu erregen, er wusste 
nicht einmal, dass sie geweckt werden mussten, und dass noch etwas 
anderes als die blosse Einführung des Gliedes und die Ejakulation er- 
wartet wurden. Nachdem sie Rat gesucht hatte, führte sie schnell das 
aus, was fehlte. Sie nahm die Sache selbst in die Hand, unterrichtete 
ihren Gatten, der willig folgte und nach dem letzten Bericht wurde der 
geschlechtliche eheliche Verkehr recht bald, wenn auch nicht ganz, so 
doch fast ebenso befriedigend wie die Traumerlebnisse. 

In diesen Traumerlebnissen sehen wir die ästhetische Inversion bis 
zu solcher Höhe ausgebildet, wie sie im wirklichen Leben nur bei einer 
Geisteskrankheit möglich ist. Wir sehen ein Individuum, das nicht 
homosexuell, sondern heterosexuell ist. Der interessante Punkt in diesen 
Träumen ist die anscheinend vollkommene Trennung vom wirklichen 
Leben. Es leuchtet wohl ein, dass die Person selbst den Ursprung des 
systematischen Wahnes, den sie in ihrem Traumleben zeigt, nicht er- 
klären konnte. Sie war in ihrem Bericht offenbar ängstlich darauf be- 
dacht, nur nichts zu verheimlichen, wenn es auch trivial wäre. Ihr 
Motiv für die Führung eines Tagebuches über die Träume war der 
Wunsch, den Sinn der Träume zu entdecken. Es ist möglich, dass eine 



Sexo-ästhetiache Inversion. 141 

genauere, psychologische Forschung einen Schlüssel für die erste Bildung 
des Traumsystems gegeben hätte. Aber dies war nicht möglich. Als 
sie sah, wie schwierig die Beantwortung der Frage war, derentwegen 
sie Rat suchte, kam sie mir aus den Augen. 

Soweit wir über den Mechanismus des Traumsystems nach den zur 
Verfügung stehenden Merkmalen urteilen können, kann es scheinen, 
dass er durch die sexuellen infantilen Träume herbeigeführt werde, die 
dem Alter entsprechen, in dem das Traumsystem entstand. Die ag- 
gressive Tendenz, die homosexuelle Neigung sowie die zum Narziss- 
mus, die zur Pubertätsentwicklung oder zu einer noch früheren Periode 
gehören, treten in diesem Traumsystem klar hervor. Mit Beziehung 
auf den Narzissmus bemerkt die Person, dass ihr Traummädchen, wenn 
es gesehen wurde, nicht in allen Beziehungen ihrem eigenen wachen 
Ich entsprach, aber die charakteristischsten Eigenschaften des Traum- 
mädchens waren sicher die, die die Träumerin in wachem Zustand am 
meisten bei sich selbst schätzt. Die Transformation des Geschlechtes 
bleibt noch zu erklären. Es könnte scheinen, dass sie eine Erfindung 
des Unterbewusstseins war, wobei die Neigung zur Aggression, zur Homo- 
sexualität und zum Narzissmus freies Spiel haben mögen. Man möge 
sich aber auch erinnern, dass der Wunsch, ein Knabe zu sein, in Wirk- 
lichkeit bei jungen Mädchen, selbst bei Mädchen von ganz weiblicher 
Konstitution, etwas Gewöhnliches ist 1 ). 

Diese ästhetische heterosexuelle Inversion im Traumleben ist nach 
ihrer ganzen Natur eine Erscheinung, die im gesunden, wachen Leben 
nicht vorkommen kann. Wenn wir uns nun zum wachen Leben wenden, 
müssen wir einen anderen Ausgangspunkt nehmen. Meines Erachtens 
ist der nächste Fall, den ich anführe, die teilweise Annäherung an die 
ästhetische Inversion. 

J. G., 35 Jahre alt, verheiratet. Vater nervös-störrische Natur, sehr schnell 
Launen unterworfen ; Anfälle von Wut werden achnell und leicht erzeugt, aber ebenso 
leicht überwunden. Die Mutter von ziemlich phlegmatischem Typus. Die beiden 
Brüder und eine Schwester scheinen normal gewesen zu sein; eine Schwester sehr 
religiös. 

Als Kind war er schnell Stimmungen unterworfen, aber er beherrschte Neigungen 
und Abneigungen sehr stark. Er glaubte, dass man ihn mitleidslos, nur um ihn in 
Wut zu bringen, quälte, wenn man ihn so häufig durch Schläge strafte. Im Alter von 
7 Jahren wurde er sehr befreundet mit einem kleinen Mädchen, dem Kind eines Nach- 
bars, und es machte ihm Vergnügen, das Mädchen zu liebkosen und zu küssen. Sie 
trafen sich stets im geheimen, und taten das, bis ein Kindermädchen es entdeckte und 
seine Mutter benachrichtigte, dass er sehr frühreif wäre. Er wurde bestraft, wusste 
nicht weshalb, kam aber zu dem Schlüsse, dass Küssen und Mädchen etwas Schlechtes 



') Maeder („lieber zwei Frauentypen", Zentralblatt für Psychoanalyse I, 12, 
1911) schreibt dem, was er den Klitoristypus der Frau nennt, eine Neigung zu, in der 
Pubertät zu wünschen, ein Junge zu sein und Traumphantasien zu haben, in denen 
sie den männlichen Teil besonders in sexueller Beziehung spielt. Der eben geschilderte 
Fall entspricht jedoch Maeders Klitoristypus der Frau nur in sehr geringer Aus- 
dehnung. 



142 Havelock Ellis 



seien. Es wurde ihm aus irgend welchen unbekannten Gründen nicht erlaubt, mit 
Kindern seines Alters zu spielen. Er glaubt aber, dass seine Mutter dachte, er könnte 
selbst durch den unschuldigen, dabei entstehenden Verkehr befleckt werden. Man über- 
liess ihn sehr viel sich selbst, und da er ein aufgeweckter Knabe war, lernte er bald 
lesen. Wenn er nicht in der Schule war, verbrachte er die Tage damit, über manchen 
Büchern, die nicht für Kinder geschrieben waren, in der Bibliothek zu brüten. So 
las er Uebersetzungen von Maupassant, Balzac usw. Sein besonderer Liebling 
war der Heptameron, von dem er eine gut illustrierte und nicht kastrierte Aus- 
gabe las. Er lernte französisch und im Alter von 11 Jahren konnte er es gut lesen 
So wurde er auch fähig, in anderen Werken zu schmökern, die ihm bisher verschlossen 
waren. Er liebte es auch mit Werkzeugen zu hantieren und konstruierte mehrere 
ziemlich sinnreiche Mechanismen. Die Lust hierzu suchten ihm seine Eltern zu nehmen. 
Er begann nun nebelhafte Vorstellungen von geschlechtlichen Dingen zu gewinnen. 
Auf Grund einer von ihm gestellten Frage über den Unterschied zwischen einem 
Knaben und einem Mädchen wurde er nun zur Schule geschickt. Offenbar trafen 
seine Eltern eine weise Wahl, da der Lehrer ein freundlicher, väterlicher Arzt mitt- 
leren Alters war, der, wie es schien, die Arbeit der kindlichen Seele verstand, und 
dem Knaben viele Dinge erklärte, die er als schmutzig anzusehen begonnen hatte. Zu 
seinem Unglück starb der Lehrer, nachdem er die Schule nur während zweier Kurse 
geleitet hatte. 

G. war jetzt 13 Jahre alt, und die Pubertät begann sich anzukündigen. Er war 
sehr trübsinnig und verzagt und hatte Selbstmordgedanken. In dieser Zeit begann er 
zu masturbieren. Er kam dazu nicht durch die Verführung, sondern von selbst, und 
er fühlte sich dadurch jetzt viel besser. Er sehnte sich sehr danach, ein Mädchenkleid 
zu sehen, und zwar besonders, als er ohne Zeremonien aus seiner Schwester Zimmer 
während sie mit ihrer Toilette beschäftigt war, herausgeworfen wurde. Als er ein 
oder zwei Dienstmädchen gebeten hatte, dass sie ihm gestatten möchten, sie beim An- 
kleiden zu sehen, hatten sie gelacht, ihn einen schlechten Jungen genannt und ihm 
gedroht, sie würden es seinem Vater sagen. 

Eines Abends wurde er allein zu Hause gelassen, die übrigen Mitglieder der Fa- 
milie waren ins Theater gegangen. Zufällig brauchte er für irgend einen Zweck eine 
Nadel. Er ging die Treppe hinauf und trat beim Suchen danach in die Nähstube ein. 
Das in Frage stehende Zimmer war mit Winkeln versehen, und als er sich bei einer 
Ecke umdrehte, erstaunte er über das, was er sah. Vor dem grossen Spiegel stand 
das Hausmädchen seiner Mutter und war mit dem Zuschnüren ihres Korsetts beschäf- 
tigt. Sie war nur wenig bekleidet, und sie kam ihm wie eine liebliche Vision vor. 
Da er anscheinend nicht bemerkt wurde, blieb er stehen und schaute fasziniert hin. 
Als sie endlich mit dem Schnüren fertig war, band sie die Schnüre zu, und dann 
walzte sie im Zimmer herum, die Hände auf den Hüften, wobei sie schliesslich ihn 
mit scheinbar grosser UeberraschuDg entdeckte. „Oh, Herr Jean, Sie sind ein unar- 
tiger Junge!" Und als sie ihn dann betrachtete, fragte sie ihn: „Wie alt sind Sie?" 
Auf seine Antwort, dass er 13 Jahre alt sei, erwiderte sie: „Gut, wenn Sie so wie ein 
französischer Knabe sind, sind Sie ja alt genug." Sie küsste ihn leidenschaftlich, legte 
einen Arm um seine Taille und forderte ihn auf, eich auf das .Ruhesofa zu legen, auf 
das sie sich selbst nun hinwarf, worauf sie ihn in die Geheimnisse des Beischlafs ein- 
weihte. Er hatte keine Ejakulation, noch empfand er ein solches Vergnügen dabei 
wie bei der Masturbation. Da bei ihm die Erektion noch fortbestand, führte sie die 
Fellatio aus und schickte ihn dann weg. Dieses Mädchen verfolgte den Knaben im 
nächsten Jahr, kleidete ihn wiederholt in Mädchenkleider einschliesslich einem eng ge- 
schnürten KorBett uud kohabitierte mit ihm. Er beobachtete, dass das Vergnügen 
für ihn in diesen Fällen stark vermehrt war. Diese Liaison wurde schliesslich ent- 
deckt, und man schickte ihn in eine Militärschule. Mit 19 Jahren kam er zur Uni- 
versität; bei vielen Gelegenheiten besuchte er nun Prostituierte, aber niemals führte 
er mit Erfolg den Koitus aus, da die Erektion nicht eintrat. Die Masturbation wurde 
fortgesetzt. Er bestand die Prüfungen mit Auszeichnung und ging nach der Graduie- 
rung ins Ausland. 

Als er auf dem Dampfer war, wurde eine Liebhaber-Theatervorstellung veran- 



Sexo-ästhetische Inversion. 143 



staltet, und ihn wühlte man dazu aus, ein burleskes altes Mädchen zu spielen. Als er 
steh zu diesem Zwecke ankleidete, bemerkte er, dass er eine starke Erektion bekam, 
ab er sich in das Korsett einschnürte. Diese Tatsache erzeugte eine Reihe von Ge- 
danken. Als er in London ankam, kaufte er so schnell als möglich ein Korsett, und 
mit ihm unter dem Arm begab er sich sofort zu einem Spaziergang nach Ficcadilly. Er 
machte sehr bald die Bekanntschaft einer reizenden Demimondaine und begleitete sie 
in ihre Wohnung, wo er beim Auskleiden, und als sie ihn stark schnürte, mit Ver- 
gnügen fand, dass seine Vermutung richtig war und dass eine starke Erektion folgte. 
Mehrere Male koitierte er mit ihr, und er entdeckte dabei, dass Erektion bei ihm auch 
eintrat, wenn er dem Mädchen das Korsett zuschnürte. Da er sehr sinnlich war, 
schloss er sich mehr und mehr Prostituierten an. Er blieb über ein Jahr fort. Bei 
seiner Rückkehr traf er eine reizende junge Dame, in die er sich verliebte, und die er 
schliesslich heiratete. Er erzählte ihr erst nach der Verheiratung von seinen Perver- 
sionen. Er gestand ihr seine Unfähigkeit, die Ehe ohne den Korsettreiz zu vollziehen. 
Sie gab seinen Bitten nach und schnürte ihn in ein Korsett. Auf seine dringende 
Bitte schnürte sie sich auch selbst eng in ein Korsett, indem sie eine Taille von 26 
Zoll ihm zu Gefallen in ein Korsett von 18 Zoll einzwängte. Er koitierte mit ihr nie, 
ansser wenn sie ein Korsett trug, das er ihr zugeschnürt hatte, oder wenn er selbst 
eins trug. In den letzten Jahren haben beide ein solches getragen. Er war unersätt- 
lich in seinen sexuellen Wünschen. Drei Jahre hindurch führte er den Koitus zwei- 
mal täglich aus ausser in der Zeit, wo seine Frau menstruierte. Bei der Unterhaltung 
mit verschiedenen verheirateten Frauen seiner Bekanntschaft erfuhr sie genügend, um 
festzustellen, dass ihres Gatten sexuelles Leben ganz sonderbar war. Sie befragte einen 
Arzt über ihn, und endlich überredete sie ihren Gatten, ebenfalls einen Arzt um Rat 
zu fragen. Er wollte sich aber einer physischen UnterBuchung nicht unterziehen, ob- 
wohl er äusserlich durchaus nicht effeminiert war; er war wohl gebaut und anschei- 
nend muskulös. Er hatte ein neuropathisches Auge, und es bestand auch ein leichtes 
Zittern in den Händen and Fingern. Er fragte, ob irgend etwas geschehen könnte, 
ihn geschlechtlich normal zu machen. Man riet ihm zur Hypnose, aber er gestattete 
kein Experiment. Später liess sich seine Frau von ihm scheiden. 

Dieser Fall kann ruhig zum Korset tfetischismus gerechnet werden. 
Er zeichnet sich aber dadurch aus, dass er sich der ästhetischen Inver- 
sion nähert, dass der Mann sich nicht nur bei der Frau, die er liebt, 
zum Korsett hingezogen fühlt, sondern dass er es als etwas Wesentliches 
fühlt, selbst ein Korsett tragen zu müssen. In dieser Ausdehnung 
charakterisiert die Kleidung seinen psychischen Zustand '). 

Der nächste Fall ist ein gut entwickeltes Beispiel von Verklei- 
dungstrieb oder Transvestitismus, wie ihn Hirsch feld versteht. Die 
Person wusste nichts von Hirsch felds Buch, das erst einige Jahre 
später veröffentlicht wurde und glaubte, wie viele Personen mit psycho- 
Bexuellen Anomalien, selbst der gewöhnlichsten Art, dass sie die einzige 



') Die Tatsache, dass Fetischismus in einigen Fällen wirklich einen Ueber- 
gang zur ästhetischen Inversion oder ein Anfangsstadium davon bildet, ist durch ver- 
schiedene Fälle, die veröffentlicht worden sind, klar geworden. So in einem wohlent- 
wickelten Fall von Fuss- und Korsettfetischismus bei einem 22jährigen Stildeuten, den 
K. Abraham studierte (Jahrbuch für Psychoanalytische Forschungen, 1912, S. 557 ff.), 
wo ein Knabe eine Frau zu sein wünschte, aber nicht um die sexuellen Funktionen 
einer Frau auszuüben, sondern nur um sich als Weib zu kleiden. In einem sehr vollstän- 
dig entwickelten Fall, den Hirschfeld und Burchard studierten (Aerztliche Sach- 
verständigen-Zeitung, 1912, Nr. 23 u. 24) handelte es sich um einen wohlausgebildeten 
Schuhfetischismus, der der Entwicklung der ästhetischen Inversion vorausging und zu 
ihr hingeleitet zu haben scheint. 



144 Havelock Ellis 



von dieser Art wäre 1 ). Man findet jedoch in Hirsch felds Buch viele 
ganz ähnliche Fälle. 

A. T., 30 Jahre alt, Künstler. Es ist der letzte aus einer alten Familie. Seine 
Eltern und anderen Verwandten sind, soviel er weiss, normal gewesen. Er selbst wird 
von seinen Freunden als ein gewöhnlicher gesunder Mann betrachtet, und keiner von 
ihnen hat Verdacht, dass er nicht normal sei. Indessen sagt er: „Jeder Nerv in 
meinem Körper scheint es auszuschreien, dass ich trotz meiner äusserlich männlichen 
Formen in Wirklichkeit weiblich bin, und ich sehne mich nach weiblicher Kleidung, 
nach weiblicher Gestalt, nach weiblichen Vergnügungen und weiblicher sexueller Be- 
friedigung." 

„Meine sexuellen Gefühle begannen", so schreibt er, „soweit ich mich erinnern 
kann, ausserordentlich früh. Mit ungefähr 4 Jahren entdeckte ich, ich weiss selbst 
nicht wie, dass das Anfassen meines Gliedes ein angenehmes Gefühl und eine Erektion 
erzeugte, und dass ich nach kurzer Manipulierung daran einen Gefühlsspasmus hervor- 
bringen konnte, der noch genussreicher war. So ergab ich mich, lange bevor ich 
sonst etwas über das Geschlecht wusste, leidenschaftlich dieser Art Lust, obwohl ich 
es mit einer Art von instinktivem Gefühl, dass es „unartig" war, sorgfältig verbarg. 
Später entdeckte ich, dass es sehr angenehm war, teilweise oder ganz nackend zu sein, 
und in diesem Zustand, meine blossen Schenkel oder meinen blossen Körper in Be- 
rührung mit allen Arten von leblosen Gegenständen zu bringen. Ich erinnere mich, 
dass ich als kleiner Junge in Kinderröckchen, die ich, nach meiner Erinnerung, bis 
zum Alter von 7 oder 8 Jahren trug, meine Unterhosen herabstreifte, um nackend mit 
meinen Schenkeln zu gehen, und dass ich zwischen sie alle Arten von Dingen, wie 
Kissen, Flaschen, Zinngefässe oder die Tischbeine presste, was dann stets eine Erek- 
tion und ein ähnliches Vergnügen verursachte, das, wie ich durch das Bekenntnis einer 
Frau hörte, sie erfahren hatte, als sie ähnliche Dinge zwischen ihre Beine klemmte. 
Noch schöner war es, wenn ich mich ganz entblösste, mich dann auf dem Boden oder 
im Bett herumwälzte und dabei meine Brüste oder meine Schenkel kitzelte, wobei ich 
die eintretende wollustbetonte Erektion des Gliedes geniessen konnte. Ich hatte noch 
kein Wissen über das andere Geschlecht, und ich tat, wie schon gesagt, diese Dinge 
stets wenn ich allein war, obwohl ich im allgemeinen mehr Vergnügen empfand, wenn 
ich es an solchen Orten tat, wo zu anderen Zeiten auch andere Leute waren. Infolge- 
dessen zog ich es vor (wenn ich allein zu Hause war), mich im Wohnzimmer statt in 
meinem Schlafzimmer zu entblössen, wo ich es doch ohne Gefahr tun konnte, und ich 
rannte dann gern durch das ganze Haus ganz nackend treppauf, treppab. Diese Vor- 
liebe für das Nackte und das Zurschaustellen hat bei mir zugenommen und hat mich 
dazu getrieben, allerlei merkwürdige Dinge zu treiben. Ich tat das an allerlei Plätzen, 
innerhalb wie ausserhalb des Hauses, wobei ich oft stark Gefahr lief, entdeckt zu 
werden, was jedoch den Reiz und das Pikante meiner Handlungen nur zu vermeh- 
ren schien. 

Während ich mit dieser Neigung für Nacktheit und Entblössung zum Knaben 
aufwuchs und der Gewohnheit der Selbstbefleckung beständig nachgab und ausser- 
dem als Kind sehr verwöhnt wurde, wurde ich zu meinem Schrecken in sehr vielen 
Richtungen ein Weichling, weibisch und mädchenhaft in meinen Gefühlen und Ge- 
wohnheiten. Trotzdem entwickelte sich nach einiger Zeit eine grosse Vorliebe uni 
Bewunderung für das andere Geschlecht ; ich hatte viele kleine Herzensangelegenheiten 
und Jugendliebeleien, obwohl ich lange Zeit die Personen meiner Neigungen nur sehr 
wenig mit meinen sonderbaren sexuellen Wünschen in Zusammenhang brachte. Ob- 
wohl ich, wie man sieht, in manchen Beziehungen schon sehr heruntergekommen war, 

') Ich will hier wiederholen, was ich schon früher oft betont habe: dass kein 
Grund zur Annahme vorliegt, dass Bexuelle Perversionen durch Lesen von Büchern 
über sie erworben werden. Es ist zwar vollkommen richtig, dass die Lektüre darüber 
die Person etwas anreizt, die Perversionen zu erkennen. Aber das ist etwas ganz an- 
deres. Nur in seltenen, schon hochgradig abnormen Fällen, kann eine erworbene Per- 
version auf diese Weise künstlich entwickelt werden. Selbst in diesen Fällen aber 
haben wir es möglicherweise mit einem retardierten, kongenitalen Zustand zu tun. 



Sexo-ästhetische Inversion. 145 



war ich gerade in anderen sehr unschuldig, und ich muss 14 oder 15 Jahre alt ge- 
wesen sein, bevor ich mir allmählich die Beziehungen der Geschlechter vergegenwär- 
tigte und meine Neigungen mit dem Geschlechte meiner Liebesziele in Zusammenhang 
brachte. Dies trat jedoch sehr deutlich zur normalen Zeit ein, obwohl ich sonder- 
barerweise, je mehr ich physisch für das andere Geschlecht Liebe zu empfinden be- 
gann, um so schamhafter in seiner wirklichen Gegenwart wurde. Obwohl ich mit 16 
Jahren kaum fähig war, zu einem von mir bewunderten Mädchen zu sprechen, stellte 
ich mir doch, indem ich einer überaus fruchtbaren Einbildungskraft folgte, im Ge- 
heimen vor, dass ich mit ihr alle Arten von Liebes- und Wollustabenteuern verlebte, 
dass ich alle Arten von Erzählungen zu Papier brachte, in denen wir die gegenseitige 
Entblössung unserer Personen und die zügellosen Liebkosungen aller Art schilderten. 

Ungefähr in dieser Zeit begannen sich auch die künstlerischen Neigungen zu 
entwickeln, die meinen Beruf bestimmt und auch einen sehr starken sexuellen Einfluss 
ausgeübt haben. Ich begann z. B. das grösste Vergnügen an Bildern von Göttinnen 
zu empfinden und wünschte alles, was ich konnte, zu nehmen, um sie für mein Schlaf- 
zimmer zu besitzen und ihnen einen „Gottesdienst" zu widmen, wie ich es nannte, in- 
dem ich mich vor ihnen bis zur Nacktheit entkleidete und an meinem erigierten und 
erregten Geschlechtsorgan manipulierte, bis die Wollusthöhe eintrat, was ich ein Opfer 
für meine Göttin nannte. Ich begann auch das grösste Vergnügen an den Einzel- 
heiten und beim Anblick der weiblichen Kleidung, besonders der hübschen Unter- 
kleider zu empfinden. Ich spähte stets darnach aus, einen zufälligen Blick auf sie zu 
tun, zu dem besonders kurz gekleidete Mädchen oder Frauen Gelegenheit gaben, um 
mir dadurch meiner Gier entsprechend, einen Lustreiz zu schaffen. So stark wurde 
diese Gier, dass ich fast immer etwas tun wollte, um ein Mädchen oder eine Frau in 
einem Zustande zu sehen, wo sie sich entblössten oder entkleideten, da ich den An- 
blick ihrer Kleidung ebenso liebte, wie den ihrer Glieder oder ihres Körpers. Vielen 
jungen Mädchen mit besonders kurzen Kleidern folgte ich meilenweit, um ihre wohl- 
gestalteten Beine zu sehen und gelegentlich einen reizvollen Blick auf ihre schönen 
Unterkleider zu gemessen. Als ich während eines Sommers an der See war, ging ich 
fast täglich einige Felsenstufen hinter einer Mädchenschule einher, nur um den An- 
blick ihrer Kleider zu geniessen und meine Augen an den Einzelheiten ihrer hübschen 
Unterbeinkleider und Unterröcke zu erfreuen. Meine dauernde Gegenwart und mein 
Zweck wurden, wie ich fast sicher glaube, von einem oder zwei kleinen koketten Mäd- 
chen bemerkt; denn ein- oder zweimal bemerkte ich, dass die Unterbeinkleider nach 
oben gebracht und die Unterröcke zusammengeschürzt waren, so dass man die Strumpf- 
bänder und sogar die entblössten Oberschenkel über ihnen sah. 

Dann kam, etwas später natürlich, der nächste Schritt in meiner Entwicklung. 
Als ich eines Tages nackend in meiner Schwester Schlafzimmer war, das einen grossen 
Spiegel enthielt, in dem ich den Anblick meines nackten Körpers und meiner Schenkel 
genoss, stiess ich auf eine Menge ihrer hübsch garnierten Unterkleider, und es er- 
griff mich der Wunsch, sie anzulegen. Ich tat es, und von diesem Augenblick an 
datiere ich das, was ich als meine Geschlechtsverwandlung bezeichne. Ich kann das 
Vergnügen nicht beschreiben, das ich fühlte, als ich mich so zum erstenmal in weib- 
liche Gewänder kleidete. Es war köstlich, entzückend, berauschend und übertraf bei 
weitem alles, was ich vorher erfahren hatte. Als ich nach einigen Schwierigkeiten 
vollständig als ein Mädchen angezogen war und ich mich vor den Spiegel stellte, da 
war es geradezu eine Offenbarung. Ich fühlte, dass ich hier endlich das war, wonach 
ich mich gesehnt hatte. Jetzt bestand auch meine Schüchternheit nicht länger. Hier 
war vor mir ein hübsches Mädchen, das ich auf jeder Stufe der Bekleidung und Ent- 
kleidung sehen konnte, das ich in jede von mir gewünschte Stellung bringen konnte, 
die mir ihren Körper, ihre Glieder oder ihre Unterkleidung zeigen sollte. Ich konnte 
alle meine früheren Lustgefühle des Nackendseins und des Zurschaustellens erfahren, 
und zwar gleichzeitig als ein Mädchen in demselben Zustand. Ich war beides, Knabe 
und Mädchen zugleich, seit dieser Zeit bin ich niemals mehr ganz und gar eine männ- 
liche Person gewesen, und heute bin ich tatsächlich mehr weiblich als männlich, trotz 
der vorhandenen physischen Charaktere, die dem entgegenstehen. Bei diesen Gefühlen 
ist es kein Wunder, dass das neue Vergnügen eine positive Leidenschaft für mich 
Zeltschrift für Psychotherapie. V. 10 



146 Havelock EUis 



wurde, der nachzugehen ich keine Gelegenheit verlor, indem ich im geheimen mir 
weibliche Kleidungsstücke bei jeder nur möglichen Gelegenheit borgte, um die köst- 
lichen Gefühle zu gemessen, die mir ihr Tragen verursachte. Die Frauenzeitnngen 
gewannen für mich das grösste Interesse, und ich stierte auf ihre Bilder mit den süssen 
Hemden, den herrlichen Unterbeinkleidern und den bezaubernden Korsetts, und all- 
mählich begann ich auf diesem Wege mir eine Sammlung solcher Dinge zu meinem 
Gebrauche anzuschaffen. Bis zu einem solchen Gipfel der Raffiniertheit habe ich diese 
Leidenschaft, mich weiblich zu kleiden, getrieben, dass ich vollständige Kostüme ver- 
schiedener Art habe. Ich kann in voller Gesellschaftatoilette erscheinen, mit entblöss- 
ten Armen, entblösstem Nacken und Hals, mit nackten Schultern und nackter Brust; 
als Tänzerin habe ich ellenlange Spitzenunterröcke, als junges Mädchen kurze Kleider, 
so dass die schönen gekräuselten Unterbeinkleider hervortreten, als Kind trage ich 
Socken statt Strümpfe, so dass man die reizvoll entblössten Beine siebt. Jedes ein- 
zelne Kostüm gibt mir eine besondere Art von Vergnügen, da ich die Kostüme unter 
neuen Bedingungen oder an neuen Plätzen trage. Oder ich nehme irgend eine neue 
Art von lustvoller Stellung zur Abwechslung ein. Wenn ich auf dem Lande bin, gehe 
ich z. B. als ein junges Mädchen mit kurzen Kleidern zu Bett. Als sich dann alle 
zurückgezogen hatten, ging ich die Treppen herunter und ging so gekleidet in den 
Garten. Ich wandelte im Mondlicht herum, indem ich meine entzückenden Spitzen- 
unterröcke aufschürzte, um noch mehr meine hübschen Beine und meine gekräuselten 
Unterbeinkleider zu zeigen, da es mir das köstlichste Vergnügen verursacht, wenn ich 
mir selbst vorstelle, dass ich ein junges Mädchen bin, das sich so verhält. 

Ich bin bei Nacht eine Dorfgasse in voller Gesellschaftstoilette heruntergegangen, 
in der Nacktheit meines Halses und der Arme und der vollständigen Enthüllung meines 
nackten Busens, schwelgend und glücklich durch das Gefühl, dass das Wogen und 
Rauschen der Spitzen meiner Unterröcke um meine mit seidenen Strümpfen beklei- 
deten Knöchel mir beim Gehen bereitete. 

Ich habe mich auch entkleidet und angezogen, als ich als ein Mädchen im 
Eisenbahnzuge eine lange Fahrt machte, während der Zug nicht hielt, und ich hatte 
durch die gefährliche Lage das herrlichste Vergnügen. 

Vielleicht meine absolut gefährlichste Tat in dieser Richtung war jedoch jene, 
als ich spät in der Nacht in den Garten eines Londoner Platzes aus einem der an- 
liegenden Häuser ging. Ich trug eine bezaubernde Mischung von Gesellschaflstoilette 
und Mädchenkleid mit einem ärmellosen Schnürleibchen, das unten so kurz als möglich 
war, und mit möglichst kurzen Röcken und Unterröcken. Entzückend war die Nackt- 
heit meiner Brust, und die teilweise Entblössung meiner Oberschenkel über den oberen 
Teilen meiner mit einem Strumpfband festgehaltenen durchbrochenen Seidenstrümpfe 
war ausserordentlich reizvoll und kontrastierte herrlich mit der Zusammenschnürung 
meines Körpers in meinem enggeschnürten Korsett. Ich hatte einen langen Mantel 
übergeworfen, den ich abnahm, als ich den Garten erreicht hatte, und so zeigte ich 
mich, wie ein junges Mädchen gekleidet und, als ein weibliches Wesen, halb nackend 
und fast toll vor Erregung und Vergnügen. Ich wandelte herum, bewegte meine 
Spitzenunterröcke hin und her. Ich setzte mich und zeigte dann meine Beine und 
Unterbeinkleider noch mehr. Ich zog mein Schnürleibchen tiefer herunter, um meinen 
schwellenden Busen noch mehr zu entblössen. Wild vor Wollust legte ich ein Kleidungs- 
stück nach dem andern ab. Fortwährend nahm ich neue ungewöhnliche Stellungen in 
jedem Stadium der Entkleidung ein, und endlich warf ich alles auf die Erde, mich 
selbst nackend darauf und so lag ich toll, mein ausserordentlich erigiertes Organ 
reibend, bis ich einen Erguss hatte, der reichlicher denn je in meinem bisherigen Leben 
war. Dies ist der Zustand, bis zu dem mich meine tolle Leidenschaft für weibliche 
Kleidung zu gewissen Zeiten getrieben hat. 

Was ich berichtet habe, bezieht sich auf die frühere Entwicklung meines Zu- 
standes; bis dahin ging ich allein und einsam meinen Verirrungen nach. Das blieb 
aber nicht so. Nach einiger Zeit lernte ich eine Witwe mit hübschem Gesicht und 
hübscher Figur kennen, für die ich, obschon sie bedeutend älter war als ich, eine grosse 
Bewunderung empfand, die sie dankbar entgegennahm. Ich weiss nicht, was Bie in 
mir gesehen haben kann, vielleicht hat sie, — die von einem heissen, wenn nicht 



Sexo-ästhetische Inversion. 147 



geradezu lüsternen Temperament war — sofort geahnt, dasa mein Temperament das- 
selbe sei; jedenfalls reifte die Sache sehr schnell, und unter ihrer Aufmunterung und 
geschickten Behandlung wurde ich sehr bald nicht nur ihr Bewunderer, sondern auch 
der absolute Sklave ihrer Leidenschaften. Als ich einmal ermuntert war, wurde ich 
sehr kühn, und sicherlich begann ich mit den ersten Vertraulichkeiten; aber sie über- 
zeugte mich bald, dass ich nur ein Neuling in der Wollust war und lehrte mich mehr, 
als ich früher gekannt oder vermutet hätte. Das Geständnis, dass ich dem Seelen- 
zustand nach ein halbes Weib sei, hatte sie bald von mir erlangt, und mein Zustand 
schien sie wie ein neues Spielzeug zu belustigen ; denn sie gewährte mir jede Förde- 
rung und jede Unterstützung darin. So bereitete es ihr ein Vergnügen, mir ihre 
eigenen Kleider anzuziehen. Sie hatte sogar einige Stücke für mich besonders gemacht, 
z. ß. Korsetts mit einer eigenen Verbesserung der Büste, damit ich die Figur einer 
Frau hätte, und sie liebte es, mich darin einzuzwängen, bis ich in der Mitte fast in 
zwei Teile geschnitten war und eine Bonderbare Mischung von Lust und Schmerz 
empfand. Sie selbst liebte in ausgesprochener Weise, ihr Korsett zu schnüren und 
hatte gleiche Gefühle wie ich, wenn ich sie in ähnlicher Weise fest schnürte. Sie 
liebte das Gefühl, ich den Anblick ihrer vollen festen Brüste, die nach oben und aussen 
gedrängt wurden, bis die erigierten Warzen aus ihren eleganten Korsetts hervorstanden, 
Dann küsste und liebkoste ich diese sensitiven Teile ihres schönen Körpers, was ich 
gern tat und was sie gern hatte. Bei dieser Gelegenheit will ich einschalten, dass ein 
weiteres meiner weiblichen Charakteristika das ist, dass meine eigenen Brüste auch 
diese ausserordentliche Empfindlichkeit besitzen, und dass ich sie, wenn sie aus meinem 
eng geschnürten Korsett oder aus meinem tief ausgeschnittenen Gesellschaftskleid 
hervorragen, gern küssen oder liebkosen lasBe. Als ich mich vor einiger Zeit danach 
sehnte, wirkliche weibliche Eigenschaften zu haben, versuchte ich, mit einem annoncierten 
Präparat für Verbesserung der Büste meine Brüste zu weiblicher Ausdehnung zu ent- 
wickeln. Aber es gelang mir nicht. Wenn ich wie eine Frau gekleidet bin und mein 
Basen entblösst ist, wünsche ich in der Tat ernstlich, wirkliche Brüste zu haben. Meine 
Freundin war jedoch in Liebkosungen, Küssen und Kitzelreizen wohl erfahren. Bald 
war ich dabei aktiv, bald passiv. Besonders liebte ich solche Beize an einer Stelle, 
wo ich ausgesprochen weibliches Empfinden habe, nämlich an der Innenseite meiner 
Überschenkel. Hier ist das Gefühl der spitzenbesetzten, sehr kurzen Unterbeinkleider 
etwas angenehmes, die Berührung oder das Kitzeln durch die weiblichen Hände oder 
Lippen aber geradezu köstlich. 

In kleinen Tricks wie diesen, in gegenseitigen Manipulationen und Beizungen 
an unseren Genitalorganen brachten wir den grössten Teil unserer Zeit hin, sie ent- 
weder nackend, zu ihrem eigenen Vergnügen, oder halb angezogen, um mir die Freude 
zu machen, ihre Unterkleider zu sehen und zu fühlen; ich gewöhnlich in irgend einer 
Art weiblicher Kleidung. Manchmal Hessen mich das Vergnügen an dieser, mein Ge- 
fühl, zurzeit weiblich zu sein, der Umstand, dass ich mich vollkommen vor meiner 
Herrin zeigte, ihre Liebkosungen und ihre Lüsternheit durch den ausserordentlichen 
Wollustreiz fast ohnmächtig werden. Zu anderen Zeiten herrschte wieder meine 
Männlichkeit vor, und das Zusammensein endete mit dem Geschlechtsverkehr ; aber ich 
gestehe ganz offen, dass wenn dieser nicht in irgend einer besonderen Art oder Stel- 
lung ausgeführt wurde, ich nicht soviel Genuss davon hatte, als wenn wir uns in der 
Illusion befanden, ich sei weiblich. Dies ging zuweilen soweit, dass sie sich als Mann 
kleidete und dann eine Verführungsszene mit mir, der ich das Weib war, spielte. Ich 
füge hinzu, dass sonderbarerweise ebenso wie ich es liebe, durch enge Schnürung mich 
vollkommen in ein Weib verwandelt zu fühlen und so meine herrlichsten Empfindungen 
zu haben, sie ebenso während des intimen Verkehrs die enge Schnürung liebte, da 
dies ihr Vergnügen ausserordentlich steigerte. 

Diese Liebesaffäre liegt nun schon eine Zeitlang zurück, aber ich habe seitdem 
andere mehr oder weniger ähnliche gehabt, einige mit jüngeren Frauen und Mädchen, 
die froh waren, einen männlichen Bewunderer zu finden, der zügellos unzüchtige Lieb- 
kosungen pflegte, ohne dabei stets den wirklichen Beischlaf zu erstreben. Zuweilen 
überwogen dabei meine männlichen, zuweilen meine weiblichen Wünsche ; die letzteren 
haben aber stets zugenommen, und ich glaube jetzt fast die als wirkliche sexuelle In- 



148 Havelock Ellis 



Version beschriebene Stufe erreicht zu haben. Wenn ich als ein Weib gekleidet bin, 
dann bin ich ein Weib mit allen weiblichen Gefühlen und weiblichem Sehnen. Die 
Kleidung gewährt mir dabei dasselbe hohe Vergnügen wie früher. In lieblicher, weib- 
licher Kleidung sich zu befinden, so dass alle nur irgend möglichen Einzelheiten dabei 
eine lustvolle Wirkung bezwecken, sich so dem lüsternen ßlick einer hübschen, ähnlich 
gekleideten Frau auszusetzen, von ihr erotische wollüstige Liebkosungen zu empfangen 
oder sich in besonderen Stellungen vor dem Spiegel vor sich selbst zu zeigen, oder 
auch halb nackend, halb weiblich gekleidet in einem wollüstigen Traume dazuliegen. 
— die« ist für mich die absolute Höhe des sexuellen Genusses. 

Zeitweise sehne ich mich jedoch, wenn ich bis zur höchsten Stufe weiblichen 
Sehnens erregt bin, nach einem männlichen statt nach einem weiblichen Liebhaber. 
Als Mädchen gekleidet scheine ich wirklich ein solches zu werden. Meine Füsse sind 
in Schuhen mit hohen Absätzen, meine Beine, die genau wie die eines Mädchens aus- 
sehen, in schwarzseidenen, durchbrochenen Strümpfen; die Einschnürung meiner 
Strumpfbänder fühle ich, und meine gekräuselten Unterbeinkleider bewirken ein Kitzeln, 
auf dem Körper trage ich ein feines, prachtvolles Hemd, mein schönes Korsett ist bis 
zum äussersten geschnürt, meine Unterrockspitzen rauschen um meine Knöchel, mein 
Hals und meine Arme sind enlblösst, meine Brust und meine Schultern treten nackt 
aus den Chiffons eines tief ausgeschnittenen Schnürleibchens hervor. So sehe ich wie 
eine Frau aus, ich fühle wie eine solche und scheine einen Mann zu wünschen, dem 
ich die Reize meiner Person und meiner Kleidung zeige, der mich küsst und liebkost, 
während ich mich selbst ihm in, ich weiss nicht, welcher tollen Orgie von wollüstiger 
und sinnlicher Begierde hingebe. Ich habe solches in Wirklichkeit noch nicht getan und 
würde es wohl nicht tun, selbst wenn ein Mann mir dabei zur Verfügung stände. Aber 
wenn ich in ruhigeren Momenten über die starke Verdorbenheit, die sich in solchen Wünschen 
zeigt, nachdenke und feststelle, wie tief ich schon gesunken bin, indem ich meinen 
seltsamen Gefühlen nachgebe, statt sie zu unterdrücken, dann weiss ich, dass ich weit 
genug gegangen bin, und dass es höchste Zeit ist, jetzt Halt zu machen und mich 
einer Behandlung zu unterziehen. Ich glaube, dass wenn mir der richtige Weg zur 
Behandlung gezeigt wird, ich genügend Stärke besitze, ihm zu folgen. Nicht in dem 
Sinne, dass mir das leicht sein würde; aber derselbe Geist, der mich dazu gebracht 
hat, um jeden Preis Befriedigung zu suchen, kann mir auch dazu dienen, auf die Aus- 
führung zu verzichten. 

Ich kann sagen, dass mein Feminismus fast ganz seelischer Natur ist; physisch 
bin ich in allem, was Körperbau, Wachstum, Verteilung des Haares, Geschlechtsorgane, 
Stimme usw. betrifft, ganz und gar ein normaler Mann. Wohl habe ich ziemlich kleine 
und wohlgeformte Hände und Füsse, und meine Beine sind, wenn man sie in zarten 
Strümpfen sieht, in Form und Ausseben überraschend weiblich. Ich hasse auch, mein 
Haar zu schneiden. Aber abgesehen von diesen Dingen habe ich kein ausgesprochenes 
körperliches weibliches Charakteristikum, obwohl ich mich oft in höchstem Grade da- 
nach sehne, die Form und Bildung weiblicher Brüste zu haben. Besonders ist dies der 
Fall, wenn ich die Entblössung meiner Brust in einem tief ausgeschnittenen Korsett 
geniesse. Weiblich ist schon die hochgradige Sensibilität dieser Teile; sie zeigt sich 
sehr deutlich, wenn man sie küsst und liebkost, was meine Freundin reichlich tat, die 
mich übrigens auch oft dazu brachte, — ich tat es keineswegs ungern — ihre eigenen, 
sehr feinen, wohlentwickelten Brüste wieder zu küssen und zu liebkosen. Meine 
sonstigen weiblichen Eigenschaften sind, wie ich schon gesagt habe, hauptsächlich 
seelischer Natur ; sie beginnen mit dem Wunsch und der starken Sehnsucht, ein Weib 
zu sein, wozu dann unter gewissen Bedingungen die Fähigkeit kommt, mich in der 
Phantasie mir selbst als Weib vorzustellen; dann kommt hinzu das ausserordentliche 
Vergnügen beim Tragen weiblicher Kleidung, die Liebe und die ausserordentliche 
Lust für alle hierher gehörigen Kleinigkeiten, Parfüms, Schmuck, Ringe, Halsband, 
Armbänder und allerlei andere hierher gehörige Sachen. Letzteres ist wahrscheinlich 
nur ein Teil des künstlerischen Geschmackes, der mich alles Rohe und Hässliche hassen, 
das Schöne und Elegante lieben lässt. Als Künstler geniesse ich jedes Vergnügen mit 
meinen Augen, und ich vermute, dass dies in meine Sexualität hinüberspielt, so dass 
ich natürlich beim Sehen einer hübschen, ganz nackten Frau oder einer solchen, die 



Sexo-ästbetische Inversion. 149 



ihre Reize und ihre hübsche Kleidung zusammen in irgend welcher wollüstigen oder 
reizenden Stellung entfaltet, Genuss finde. 

Dass die Reize der Unterkleidung selbst mächtiger auf mich wirken als die der 
Frau selbst, ist wahrscheinlich dem Umstände zuzuschreiben, dass wenn ich die Unter- 
kleidung selbst trage, dies in gewisser Ausdehnung dazu beiträgt, mein Sehnen, wirklich 
ein Weib zu sein, zu erfüllen und so gleichzeitig mein „Feminismus" und mein 
„erotischer Fetischismus" befriedigt wird. 

Abgesehen hiervon bleibt jedoch noch mein ausserordentliches Vergnügen an 
der Nacktheit und an dem Sichzeigen übrig. Dies ist eine Sache des Fühle ns 
ebenso wie des Sehens. Denn wenn beispielsweise mein Nacken und meine Schultern 
Arme und Brust durch den tiefen Ausschnitt eines Korsetts entblösst sind, oder wenn 
die Bekleidung mit kurzen Mädchenunterröcken und -Unterbeinkleidern über meinen 
Socken oder Strümpfen einen Teil der Beine oder Oberschenkel nackt lässt, dann ge- 
niesse ich das Gefühl der Nacktheit und des Zurschaustellens ebenso wie das Sehen 
davon im Spiegel. Dasselbe ist der Fall, wenn sich ein hübsches Mädchen in ähn- 
licher Weise zeigt. 

Dieses überaus köstliche Gefühl steigert sich ausserordentlich an meiner Brust, 
wenn ich besonders eng in ein Korsett eingeschnürt bin und an meinen Beinen, be- 
sonders den Oberschenkeln, wenn ich sehr enge Strumpfbänder trage oder die Bänder 
meiner gekräuselten Unterbeinkleider ganz eng meine Oberschenkel umschliessen. Es 
ist reizvoller, dann halb nackend ausserhalb der Wohnung zu sein als in ihr, und be- 
sonders reizvoll ist dieser Zustand, wenn eine Frau anwesend ist, mich betrachtet und 
die entblössten Teile so liebkost, wie ich es ersehne und als Lust empfinde. Gleich- 
zeitig als Frau gekleidet zu sein und sich den Blicken einer Frau auszusetzen, während 
sie selbst ähnlich entkleidet ist und sich zeigt, ist für mich die absolute Höhe des 
erotischen Vergnügens gewesen, bis mich kürzlich plötzlich das Verlangen beherrschte, 
mich unter den geschilderten Umständen lieber einem Manne hinzugeben als einer 
Frau. Es ist jetzt soweit gekommen, dass die Sache ein Ende haben muss, oder es 
tritt eine Steigerung ein, die geradezu als Entehrung betrachtet werden müsste. Ich 
hoffe aber, dass ich die notwendige Willenskraft besitze, jetzt Schluss zu machen. 

Ich wäre wohl fähig, die männliche Seite meines stark erotischen Temperaments 
etwas auszubilden. Aber ich fürchte, dass jede Art von sexuellen Beziehungen zu 
Frauen den gegenwärtigen Zustand festhält, da mein Feminismus und mein erotischer 
Fetischismus so vollständig ein Teil meines allgemeinen sexuellen Fühlens sind. Ich 
könnte nicht eine Frau sich entkleiden sehen, ohne sofort toll danach zu sein, ihre 
Unterkleider anzulegen und wiederum das köstlich schöne Gefühl zu geniessen, dass 
ich selbst ein Weib sei. So stark ist dieser erotische Fetischismus geworden, dass ich 
mich von einem Schaufenster mit Unterkleidern oder mit Korsetts kaum losreissen 
kann. Ebenso macht mich der Anblick der zufällig gezeigten Beine eines Mädchens 
oder einer Frau, der Unterröcke oder Unterbeinkleider zuweilen vor Vergnügen fast toll. 

Gekleidet in weibliche Unterkleidung mit Korsett und durch die Schnürung fast 
am Atmen verhindert, tief ausgeschnitten und mit kurzen Unterröcken, im Bewusst- 
sein meiner dem Anblick preisgegebenen Beine, meiner mit hohen Absätzen versehenen 
Schuhf und meiner engen Strumpfbänder, mit meinen rauschenden Spitzenunterröcken 
und den Spitzeiiuuterbeinkleideni um meine Oberschenkel, mit meinen nackten wogen- 
den Brüsten und mit dem langen Haar, das von meiner Perriicke über meinen ent- 
blössten Nacken und die Schultern herabfliesst, will ich mich schamlos vor einer 
schönen Frau zeigen, die sich in einer ähnlichen Lage wie ich befindet. Dann komme 
ich in einen Zustand, wo ich vollkommen berauscht bin von der ausgesprochenen 
Weiblichkeit meiner Gefühle. Ich fühle aber, dass die weitere Entwicklung, die dahin 
geht, einen Mann als Liebhaber zu haben, wirklicher Wahnsinn wäre, und so muss 
ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dem widerstehen. 

Dieser Fall bietet ein weiteres Stadium des Zustandes, der sich 
schon in den vorigen Füllen zeigte. Er ist jedoch nicht in dieselbe 
Gruppe zu rechnen. Beide Personen interessieren sich deutlich für weib- 



150 Havelock Ellis 



liehe Kleidung, beide messen dem Korsett Wichtigkeit bei, und beide 
wünschen selbst Korsetts zu tragen, um vollständige sexuelle Befriedi- 
gung zu erlangen. Aber J. G. geht also niemals weiter, er trägt keine 
weitere weibliche Kleidung und zeigt kein sicheres Zeichen anderer 
femininer Neigungen oder einer bewussten Identifikation mit dem psychi- 
schen Zustand des Weibes. Er kann als ein Korsettfettischist bezeich- 
tet werden. A. T. ist weniger und mehr als ein Fetischist. Er ist 
nicht durch ein einzelnes weibliches Kleidungsstück fasziniert; die Klei- 
dungsstücke haben nur dann eine hohe Anziehungskraft für ihn, wenn 
er sie selbst trägt. Sie sind nicht in Wirklichkeit Fetische, sie sind 
einfach die äusseren Symbole des inneren seelischen Zustandes. Die 
wirklich wesentliche Tatsache bei A. T. ist die, dass er selbst den 
weiblichen Zustand erlebt, dass seine Neigungen eine feminine Inversion 
erfahren haben, und dass er wie eine Frau fühlt. Des A. T. Stellung 
zur sexuellen Inversion ist instinktartig und wahrscheinlich für diese 
Anomalie typisch. Je mehr im Laufe der Zeit die Identifizierung seiner 
Gefühle mit den Neigungen der Frauen hervortrat, um so mehr fühlte 
er auch, dass die Beachtung durch einen Mann notwendig ist, um voll- 
ständig seine feminine Haltung zu verwirklichen. Aber es ist dies nur 
ein Gefühl der Phantasie und erst später und sekundär entwickelt. In 
Wirklichkeit hat er nicht die geringste sexuelle Neigung zu einem 
Manne; er empfindet einen starken Abscheu vor homosexuellen Be- 
ziehungen. Es scheint in hohem Grade unwahrscheinlich, dass er je ein 
sexuell Invertierter werden wird. 

In dem nächsten Falle, der einen Mann von ganz verschiedenem 
intellektuellen, emotionellen und moralischen Typus zeigt, sehen wir 
meiner Meinung nach den tiefsten und vollkommensten Grad der sexo- 
ästhetischen Inversion. 

R. M., 66 Jahre alt, Gelehrter and Mann der Wissenschaft. 

„Mein Vater stammte aus einer gesunden, kinderreichen und langlebigen Farmer- 
familie und hatte noch sieben Geschwister. Meine Mutter stammte aus einer Kauf- 
mannsfamilie, in der eine schwere Form von Hysterie herrschte, die sich zwar nur bei 
einigen Mitgliedern zeigte, sich aber wenigstens fünf oder sechs Generationen hindurch 
verfolgen Hess. Meine Mutter hatte übrigens noch acht Geschwister, von denen ein 
Sohn und vier Töchter bis zur Verheiratung lebten und Kinder zeugten. Von den 
anderen starb eine Tochter unverheiratet mit 24 Jahren, ein Knabe und ein Mädchen 
im Kindesalter. 

Meine Mutter und eine von ihren Schwestern heirateten in demselben Jahre, 
erstere war 31, letztere 35 Jahre alt. Während aber der Gatte der Schwester nur 
ein Jahr älter war als diese, war meine Mutter, die meines Vaters zweite Frau war, 
16 Jahre jünger als mein Vater; ungefähr zwei Jahre nach der Verheiratung wurden 
die ältesten Kinder geboren. 

Die Schwester, die ihr ganzes Trachten darauf gerichtet hatte, Knaben zu ge- 
bären, hatte sechs Kinder, von denen die beiden ältesten und das jüngste Mädchen 
waren: die anderen zwei Knaben und ein Mädchen starben im Kindesalter. Meine 
Mutter, die durchaus Mädchen haben wollte, hatte fünf Söhne, die alle am Leben sind, 
und deren ältester ich bin. 



Sexo-ästhetische Inversion. 151 



Im Alter von sechs Monaten wurde ich durch einen Eisenbahnzug erschreckt, 
der bei dem Fenster des Zuges vorbeikam, an das ich gehalten wurde. Ich wurde so 
krank, dass man an meinem Leben verzweifelte; ich litt viel an Krämpfen und konnte 
erst mit zwei Jahren gehen. Meine Erinnerungen reichen deutlich und zusammen- 
hängend bis in das Alter von 3'/ 9 Jahren zurück, wo wir uns an der See aufhielten. 
Weiter zurück habe ich nur vereinzelte und zusammenhanglose Erinnerungen. 

Wir wurden in grosser Abgeschlossenheit auferzogen ; meine Mutter hatte nämlich 
neben anderen Ketzereien ein Vorurteil gegen Schulen, und man erlaubte uns nur 
selten, mit anderen Kindern zu sprechen. Jedoch kamen öfter ältere Vettern ins Haus, 
unterhielten mich und lasen mit mir; besonders war unter ihnen ein zartfühlender 
Knabe, der sechs Jahre älter war als ich, und dessen Mutter tot war. Er verlebte 
mit uns den grössten Teil meiner Kindheit und war zu mir wie ein älterer Bruder. 

Wenigstens bis zum Alter von acht oder neun Jahren litt ich an heftigen An- 
fällen von hysterischem Schreien, die zuweilen durch eine blosse Kleinigkeit herbei- 
geführt wurden. Ich wurde allein in ein Zimmer gebracht, bis der Anfall vorüber- 
ging. Die Anfälle bezeichnete man als „Launen". , 

Die ersten Bücher, die mir nach meiner Erinnerung vorgelesen wurden, waren 
„Sandford and Merton" usw. Ich nahm den Inhalt als Wirklichkeit, und als ich etwa 
fünf oder sechs Jahre alt war, rannte ich bei jedem Klingeln zur Tür, um zwei Knaben 
aus einem dieser Bücher zu treffen, von denen ich erwartete, dass sie uns einen Besuch 
machen würden. In dieser Zeit war ich sehr furchtsam und konnte Geschichten wie 
„Jack the Giant Killer" nicht anhören. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal 
meinen jüngeren Bruder heiraten wollte, weil ich keine andere Person wusste. 

Als ich im Alter von sieben oder acht Jahren lesen konnte, las ich alles, was 
mir interessant schien und was ich erhalten konnte. Abgesehen von wenigen, meist 
harmlosen Büchern, die, da 6ie nur für Aeltere wären, verwahrt wurden, wurde ich 
nicht beaufsichtigt. Popes Uebersetzung der Ilias und die Swiss Family Bobinson 
waren lange meine Lieblingsbücher. Ich begann jetzt, mich mit meinen Lieblings- 
helden zu identifizieren und legte Wert darauf, mit ihren Namen genannt zu werden, 
die ich, der Laune entsprechend, von Zeit zu Zeit wechselte. So war ich lange Zeit 
Herkules, dann Fritz aus der Swiss Family Robinson, Basil aus den Boy Hunters 
von Mayne Reid. Aber stets war ich der älteste der Knaben, die eine Rolle spielten. 

Niemals identifizierte ich mich mit einem Mädchen, eine solche Idee wäre mir, 
wenigstens bis zum Alter von neun oder zehn Jahren, geradezu schrecklich gewesen. 
Aber ich glaube, ich war ebenso fähig, mit den Mädchen in den Jugenderzählungen 
zu sympathisieren wie mit den Knaben. 

Gelegentlich war ich etwas sentimental. Einen starken Eindruck machten auf 
mich im Homer die Verse, die sich auf Fasithea beziehen und auch die Anspielung 
auf die Schönheit der anglo-saxonischen Frauen in Dickens Childs History of England. 
Ich war sehr empfänglich für Suggestion. Einmal dachte ich, ich müsste in alttesta- 
mentarischer Weise ein Opfer bringen, und ich neigte ernstlich dazu, meine Annbrust 
zu verbrennen, nicht meinen Schiessbogen, den ich nicht so gut hätte entbehren 
können. 

Ich erinnere mich, dass ich dachte, das Abschneiden der Vorhaut bedeute etwas 
Aehnliches wie die Skalpierung der Stirn, und wenn ich einen Juden traf, überraschte 
es mich, keine Narbe zu sehen. 

Stets war ich bedacht, neue, besonders physikalische Versuche zu machen. Ich 
war wohl nicht älter als fünf oder sechs Jahre, als meine Mutter mir einmal erzählte, 
dass sie Seifenkügelchen während meiner Krankheit gebraucht hätte. Unmittelbar 
darauf bestand ich auf der Anwendung eines solchen. 

Ich war auch neugierig darauf, zu wissen, was man fühlt, wenn man in der 
Schlacht verwundet, wenn man gefoltert oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. 
Dies ist eine Art von Masochismus, die bei jungen Knaben nicht ungewöhnlich ist; 
aber in der einen oder anderen Form bestand sie fast dauernd bei mir. Ich fühlte sie 
sogar, wenn ein Zahn hervorbrach, und doch bin ich gegen Schmerz sehr empfindlich. 

Von sexuellen Dingen habe ich nichts in Erinnerung, ausgenommen, dass ein- 
odcr zweimal die Hoden in das Abdomen glitten und deren Zurückbringen mir be- 



152 Havelock Ellis 



trächtlichen Schmerz und Unruhe verursachte. Man erzählte uns, „der Doktor habe 
uns gebracht". Ich war traurig, dass er uns nicht behalten hatte, denn das Entbehren 
genügenden Verkehrs und die Stumpfheit unseres Lebens machten mich sehr unglück- 
lich. Wie die meisten Kinder, dachte ich, als ich eine allgemeine weitere Vorstellung 
gewann, dass die kleinen Kinder durch den Nabel kämen, oder dass der Nabel etwas 
mit dem Koitus zu tun hätte. Und wenn ich an das Skrotum überhaupt dachte, so 
nahm ich an, es enthielte Urin. Zu den Dingen, die Eltern Kleinigkeiten erscheinen, 
den Kindern aber oft schreckliches Leid verursachen , gehörte der Umstand , dass wir 
so lange in Kinder- statt Knabenkleidern gebalten wurden, dass wir uns tatsächlich 
schämten, darin gesehen zu werden. Zaubermärchen waren verpönt, aber ich erfand 
die Idee von einer befiederten Kleidung selbst, bevor ich von ihr hörte. 

Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, lernte ich schwimmen; der Anblick der 
männlichen Schamhaare, die ich vorher nicht gesehen hatte, widerte mich sehr an. 
Ich liebe auch nicht das Haar im Gesicht und auf dem Körper, und selbst die Er- 
wähnung eines Bartes oder eines Schnurrbartes in einem Buch ist mir unangenehm, 
obwohl ich selbst einen Bart trage , um die Unbequemlichkeit des Rasierens zu er- 
sparen. Ein Jahr später waren wir an der See, und ich sah meiner Mutter Brust zum 
erstenmal vollständig. Es verursachte mir ein ähnliches abstossendes Gefühl, das einige 
Jahre andauerte, wenn ich zufällig eines Weibes Brust sah. (Als ich jünger war hatte 
ich natürlich Säuglinge an der Brust gesehen , ich hatte aber darauf nicht weiter ge- 
achtet.) Mein Gefühl für Männer war fort, als ich regelmässig zu baden begann. 
Badehosen für Männer wurden im allgemeinen erst im Jahre 1860 oder etwas später 
eingeführt. 

Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, war ich, wenn ich schnell rannte, infolge 
eines starken Bedürfnisses, Wasser zu lassen , zuweilen gezwungen , stehen zu bleiben. 
Das Bedürfnis schwand, wenn ich es wirklich zu befriedigen versuchte. 

Ich wurde vom Alter von acht Jahren an als Teetotaller aufgezogen, und ob- 
wohl ich nach acht oder zehn Jahren die volle Abstinenz aufgab , pflegte ich doch 
niemals im Laufe des Tages mehr als ein Glas mit Wasser verdünnten oder reinen 
Wein zu nehmen. 

Im Alter von zwölf Jahren begann ich, mich für den Geschlechtsunterschied zu 
interessieren, obwohl ich davon vor der Verheiratung keine klare Vorstellung bekam. 
Damals lernte ich die orientalische Erzählung von dem Prinzen kennen, der dadurch, 
dass er von einer Zauberquelle trank, in eine Frau verwandelt wurde. Ob es durch 
diese Erzählung geschah oder unabhängig davon, dessen bin ich nicht ganz sicher — 
aber es trat bei mir der Gedanke auf, wie schön es wäre, für eine gewisse Zeit in ein 
Mädchen verwandelt zu werden und zu sehen, wie das wäre. Allmählich ging aus 
dieser Idee das Bedauern hervor, dass ich nicht als Mädchen geboren war, ohne dass 
damit der Wunsch, die Stelle einer bestimmten Frau einzunehmen, vorhanden war. 
Gleichzeitig hatte ich, wie schon vorher einige Jahre hindurch, eine fast unwidersteh- 
liche Sehnsucht nach einem Leben von Reisen und Abenteuern, eine Sehnsucht, die 
ich nur in sehr massigen Grenzen zu befriedigen Gelegenheit hatte; abgesehen davon 
war ich ganz ungeeignet dazu, und der Wunsch, ein Mädchen zu sein und ein solches 
Leben zu führen, passten gar nicht zueinander. 

Als ich zwischen vierzehn und fünfzehn Jahren war, streifte ich gelegentlich die 
Vorhaut zurück , um die Glans zu betrachten und hatte dabei zweimal Samenerguss. 
Ich wusste nicht, was das bedeutete und verfiel etwa in meinem fünfzehnten Lebens- 
jahr in die Masturbation. Als ich in dieser Zeit Rees' Enzyklopädia las, stiess ich auf 
einen Artikel über dies Thema, und da es mich über das, was ich tat, belehrte, kämpfte 
ich gegen den Trieb so viel als möglich an und gab ihm niemals übermässig nach. 
Da die Inversion damals schon begonnen hatte, kann sie nicht ernstlich durch die 
Masturbation beeinflusst worden sein. 

Im folgenden Jahr hatte ich zum erstenmal eine vorübergehende Neigung zu 
einer Spielgenossin ; aber darüber ging es nicht hinaus. 

In dieser Zeit war der Wunsch, ein Mädchen zu sein, nicht sehr stark, aber er 
bestand noch und wurde, wie meistens schon vorher, von dem Wunsche, ein Kind zu 
haben, begleitet. Ausserdem waren meine sexuellen Gedanken nicht auf die Heirat 



Sexo-ästhetische Inversion. 153 



beschränkt, sondern es kamen Grübeleien über Abnormitäten, z. B. Hermaphroditismua 
und Kastration hinzn. Letztere schien mir niemals unnatürlich oder abstossend, sondern 
nur ein merkwürdiges und vielleicht interessantes Experiment zu sein. Nach dem Tode 
meiner Frau würde ich mich der Kastration unterzogen haben, wenn ich sie ohne Ent- 
deckung hätte ausführen können. Hammond erwähnt den Fall eines Mannes, der sich 
kastrieren lassen wollte, um dem Weibe mehr ähnlich zu werden. Ein solches Gefühl 
ist mir vollständig verständlich. Nach dem Tode meiner Frau schlief ich oft so, dass 
ich die Genitalorgane zwischen meinen Schenkeln nach hinten aufgebunden hatte, so 
dass man sie von vorn nicht sah und nicht erreichen konnte. Ich habe Behr selten 
erotische Träume gehabt, und es hat mich überrascht, dass ich sehr selten von mir als 
einem Weibe träumte. Als ich ungefähr neunzehn Jahre alt war, verliebte ich mich 
zum erstenmal ernstlich in ein ganz junges Mädchen. Zwei Tage genoss ich ein wahn- 
sinniges Glück, das nur auf der Idee beruhte, wirklich verliebt zu sein; so war es 
niemals vorher oder nachher der Fall. Aber meine Mutter war dagegen, und ich fand, 
dass das Mädchen viel jünger war, als ich dachte. So erlosch das Gefühl allmählich, 
ohne dass ich je ein Wort von Liebe zu dem Mädchen gesprochen hätte. 

Die .Launen" hatten aufgehört, als ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt war; 
aber ich war heftigen Wutanfällen, wenn ich stark erregt wurde, ausgesetzt, und dies 
machte mich zuweilen einen oder zwei Tage krank. Es gelang mir, dieses Gefühl zu 
überwinden, aber auf Kosten des „gerechten Unwillens" und der Fähigkeit, für mich 
selbst einzutreten, was zum Schatz meiner eigenen Zufriedenheit und meiner Rechte 
in der Welt durchaus notwendig war. Mit genügend Sympathie und genügend Scharf- 
sinn ausgestattet, einen Streit von beiden Seiten aus zu betrachten, lasse ich mir in 
zweifelhaften Fällen leicht etwas weismachen, sei es durch Schmeicheleien, sei es durch 
üeberschreien, und schrecke oft davor zurück, meine Haut zu Markte zu tragen, wenn 
es auch meine klare Pflicht wäre; aus Furcht, ich könnte dabei meinen Gegner in un- 
feiner Weise verletzen. Infolgedessen ist es leicht, mich schwer zu täuschen, und ich 
■werde selbst gegen meinen Willen in eine Handlungsweise hineingeredet, von der ich weiss, 
dass sie meinen Interessen widerspricht. Oft fällt mir bei solcher Gelegenheit nicht 
das ein, was ich unter diesen Umständen sagen oder tun sollte, und ich bin dann ganz 
unfähig, einem plötzlichen und unerwarteten Angriff oder einer Frontänderung stand- 
zuhalten. Ich mache mir selbst darüber nachher Vorwürfe, denn wenn es zu spät ist, 
sehe ich deutlich, was ich hätte sagen und tun sollen. Diese Schwäche ist die schmerz- 
lichste, vielleicht die einzig wirklich schmerzliche Begleiterscheinung meiner Inversion; 
möglicherweise hat sie aber gar keinen Zusammenhang mit ihr. 

Als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war, traf ich eine junge Ausländerin in dem 
Hause einiger Freunde, bei denen sie zu Besuch war. Sie war ein hübsches, lebhaftes 
Mädchen mit heller Gesichtsfarbe und dunklem Haar, was ich stets vorgezogen habe, 
und wir wurden bald gute Freunde , wie wenn wir uns das ganze Leben gekannt 
hätten, während wir doch eben erst als Fremde und Ausländer miteinander zusammen- 
trafen. Ich glaube, ich zog sie ebenso an , wie sie mich , und niemals kam ein un- 
freundliches Wort zwischen uns vor. Obwohl wir kurz darauf heirateten, waren wir 
niemals glücklich, wenn wir auch nur eine Stunde getrennt waren , und wenn wir zu- 
sammen irgendwo weggehen konnten, erschien uns das wie neue Flitterwochen. Sie 
gebar einen Sohn und starb, als wir fast dreissig Jahre miteinander verheiratet waren. 
Wir waren in dieser Zeit durchaus nicht frei von gelegentlichen ernsten Sorgen, aber 
zwischen uns selbst war alles ein Idyll. 

„Wir hatten beide gedacht, dass wenn wir uns das erstemal entkleidet sehen 
würden, dies abstossend sein würde, aber keiner von uns hatte ein solches Gefühl. 
Statt dessen beneidete ich sie, so sehr ich Bie auch liebte, und die angeborene und 
instinktive Sehnsucht, selbst ein Weib zu sein, wurde dauernd viel stärker. Nichts 
würde mir lieber gewesen sein, als wenu wir beide aus dem Schlafe so erwacht wären, 
dass der eine, wenigstens eine Zeitlang, in dem Körper des anderen war. 

„Wenn es auch unnatürlich erscheinen mag, so verursachte mir doch nach der 
Geburt unseres Sohnes der Gedanke, dass ich selbst das Gebären nicht durchmachen 
konnte, ja nicht einmal mit meinem Wtibe zu dieser Zeit zusammen sein durfte, 
das schwerste Leid, das ich jemals in meinem Leben fühlte. Viele Monate hindurch 



154 Hnvelock Ellis 



konnte ich es nicht überwiuden. Bei solchen Gelegenheiten sympathisiere ich stets 
sehr stark mit den seelischen Leiden des Ehemannes, nicht mit den physischen Leiden 
des Weibes. 

„Ein oder zwei Jahre später litt ich an einer Hernie auf beiden Seiten ; die auf 
der rechten Seite nannte der Arzt einen Leistenbruch; dieser hat mir seitdem stets 
mehr oder weniger Störungen verursacht. Die linke Hernie nannte er eine direkte; 
von Anfang an habe ich kaum etwas von ihr gefühlt. Er sagte mir, dass nur selten 
zwei verschiedene Formen auf beiden Seiten vorkämen; eine Ursache weiss ich nicht, 
die rechte Seite wurde einige Wochen oder Monate vor der linken befallen. 

„Hier will ich einschalten, dass bei mir eine leichte Neigung zu wirklichem 
Hermaphroditismus besteht, indem die rechte Seite männlicher ist als die linke. Rechte 
ist der Bart bedeutend stärker, und obwohl ich nur wenige Haare auf der Brust und 
auf dem Körper im allgemeinen habe, so sind doch die wenigen auf der rechten Seite 
der Medianlinie reicher vorhanden. Die rechte Brust ist etwas kleiner und weniger 
hart als die linke. Die Form des Beckens scheint auf beiden Seiten gleich männlich 
zu sein. 

„Andererseits ist das rechte Auge viel schwächer als das linke, es war niemals, 
selbst in der besten Zeit, stark genug zum Lesen, und gegenwärtig erreicht es kaum 
Nr. 2 der Probeschrift, während das linke Auge 5 oder 6 erreicht und noch stark 
genug ist, kurze Zeit guten Druck bei gutem Licht ohne Glas zu lesen. Meine Augen 
sind jedoch zu empfindlich, um sie zur Prüfung mit Licht offen zu halten. 

„Ich vergass zu sagen, dass ich als Kind durch eine Empfindung, wie wenn 
etwas in mein Auge käme, sehr gestört wurde, eine Schwäche, die ich von meiner 
Mutter geerbt habe; ich sah beständig Nebel vor den Augen, hatte aber keine weiteren 
Sinnestäuschungen. Ich füge hinzu, dass ich niemals pfeifen konnte, und obwohl die 
Uvula, als ich etwa 26 Jahre alt war, operiert wurde, hat dies doch meines Wissens 
nicht bewirkt, dass die beständigen Kitzelbeschwerden aufhörten, an denen ich einige 
Jahre gelitten hatte. Ich habe niemals die geringste Neigung zum Rauchen gehabt. 

„Nach dem Tode meiner Frau fühlte ich ihre Gegenwart bei mir einige Jahre. 
Aber allmählich schien dies zu schwinden. Da ich die Sympathie einer Frau ebenso 
wie eines seelenverwandten Genossen in hohem Grade nötig hatte (ich scheine Frauen 
weit besser zu verstehen als Männer und mit ihnen auch besser zu sympathisieren), so 
erwog ich ernstlich die Möglichkeit einer zweiten Heirat. Aber endlich gab ich doch 
die Idee auf. Die junge Dame, die seit dem Tode meiner Frau am meisten anziehend 
für mich war, hat kürzlich geheiratet; ich fühle keine Eifersucht ihr oder ihrem Gatten 
gegenüber, ich fühle vielmehr, dass ich am liebsten ihre Tochter sein sollte. Jeden- 
falls hoffe ich, dass meine Frau entweder mein Liebhaber oder meine Schwester in 
einem anderen Leben sein wird, je nach dem ob sie ein Mann oder eine Frau ist. 

„Als ich ungefähr 67 Jahre alt war, wurde ich in hohem Grade durch einige 
unwürdige Personen, die mir sehr verpflichtet waren, gekränkt und verletzt. Ich litt 
noch lange Zeit danach seelisch sehr stark. Ob damit zusammenhing, was ich jetzt 
berichte, weiss ich nicht; aber zwei Jahre nach jenen Vorgängen schien etwas, was 
einer Aenderung der sexuellen Polarität ähnelte, in mir einzutreten. Ich fühlte wie 
eine Frau, die von ihrem eigenem Geschlecht geboren war, und es entstand das leiden- 
schaftlichste Sehnen danach, ein Weib zu sein. Ich konnte kein hübsches Mädchen 
sehen, ohne es um seine Schönheit und sein Weibtum zu beneiden, und ich würde 
freudig mit fast jeder Frau von 15 bis zu 45 Jahren getauscht haben, die nur irgend- 
wie für mich Anziehungskraft besass. 

„Diese Gefühle scheinen die Brüste gereizt zu haben, die vorher ebenso flach 
waren wie die eines Kindes. Denn jetzt begannen sie sich, zwar sehr langsam, aber 
doch stetig zu vergrössern, und zuweilen scheinen sie sich fast von Tag zu Tag zu 
verändern. Zuerst konnte man unter der Brustwarze nichts als einen einzelnen, kleinen, 
harten Knoten in der ungefähren Grösse einer Erbse fühlen. Dieser wurde allmählich 
grösser und schien auch breiter zu werden und die scharfe Abgrenzung einzubüssen. 
Es folgte eine Verdickung zuerst unterhalb, dann oberhalb der Brustwarzen, die mit 
einem Strange (zuerst kaum dicker als ein Draht) etwas unter der Achselhöhle zu- 
sammenhing. Zuletzt war eine Verdickung in der Tiefe unter den Brustwarzen vor- 



Sexo-ästhetische Inversion. 155 



banden. Dann verhärtete und verdickte sich die ganze Peripherie beider Brüste, und 
bevor dieser Prozess (nach vielleicht drei oder vier .Jahren) vollendet war, begannen 
die Brüste etwas nach vorn herauszutreten; die langsame Vergrößerung dauert 
noch an. 

„Das Wachstum der Brüste war gelegentlich von einem Kitzelgefühl an den 
Stellen begleitet, die sich zu verbreitern im Begriff waren. Auch ein Gefühl von 
Klopfen und ein solches von Aufblähung konnte oft durch eine willkürliche Kontrak- 
tion der Muskeln herbeigeführt werden. Mit der Entwicklung der Brüste trat keine 
Atrophie der männlichen Organe ein, was zuweilen bei den Folgen einer Kopfverletzung 
der Fall ist. (Ich erinnere mich, das« ich neun oder zehn Jahre alt einmal auf dem 
Eise auf meinen Hinterkopf recht unglücklich fiel, aber ich nehme nicht an, dass dies 
irgend eine Wirkung auf meine Konstitution gehabt hat). Diese Bemerkungen be- 
ziehen sich hauptsächlich auf die linke Brust, die stets etwas breiter war. Es besteht 
auch eine leichte entsprechende Sensation auf der rechten Seite, aber die rechte Brust 
vergrössert sich nur langsam und wahrscheinlich nur auf dem Wege der Sympathie. 
Die Brustwarzen selbst haben sich kaum vergrössert, und es bestehen keine Zeichen 
von irgend welcher Flüssigkeitsabsonderung. 

„Das gegenwärtige, an das Weib erinnernde Gefühl in den Brüsten ist von 
einem sonderbaren Gefühl stark vermehrten physischen Behagens und Wohlseins be- 
gleitet. Wenn ich Gelegenheit dazu hätte, würde ich versuchen, Frauenkleider anzu- 
legen, besonders ein Korsett, und ein Kind an meine Brust zu legen, um zu sehen, 
ob es Milch daraus saugen kann. Der Gipfelpunkt des physischen menschlichen Glückes 
scheint mir oft im Säugen eines gesunden Kindes durch eine Frau zu bestehen. Mit 
dem Wachstum der Brüste hat die peinlich heftige Sehnsucht nach dem Weibtum 
etwas abgenommen. 

„Der Frauenkörper scheint mir weit schöner und interessanter und sogar viel 
natürlicher zu sein als der eines Mannes, und gern würde ich die physischen Nach- 
teile in Kauf nehmen, wenn ich die Freude hätte, in einem weiblichen Körper zu 
leben. Die männlichen Organe scheinen mir hässlich, unpassend und faBt unnatürlich. 
Ich liebe Kinder, und vielleicht ähnelt mein Gefühl ihnen gegenüber dem der Frau. 
Ich würde es vorziehen, eine Frau zu sein, um gänzlich das Leben einer solchen 
zu führen. 

„Alle meine Brüder sind mehr oder weniger kahlköpfig; obwohl ich der älteste 
bin, ist indessen mein Haar für mein Alter noch sehr gut, nur vorn an der Stirn wird 
es etwas dünner. Ich füge hinzu, dass ich nichts Intuitives habe, kein Beurteiler von 
Charakteren und mit meinen Händen ungeschickt bin. 

„Mich zieht eine schöne Frau noch immer sehr an, aber mein instinktives Ge- 
fühl gegen sie ist immer mehr das des Neides als das der Sehnsucht oder Eifersucht. 
Die Stärke meines Neides entspricht stets der meiner Liebe und meiner Bewunderung 
für sie. Jedoch gibt es viele vortreffliche Frauen, für die ich aufrichtige Verehrung, 
ja Zuneigung fühle; aber sie sind nach keiner Richtung für mich physisch anziehend, 
und ihnen gegenüber fühle ich weder ein Verlangen noch Neid. 

„Glücklicherweise war ich niemals in schlechte Gesellschaft geraten. Ich war 
zu scheu und zu wohlerzogen, um in schlechte Gewohnheiten zu verfallen, obwohl ich 
es wohl doch getan hätte, wenn mich schlechte Kameraden dazu verführt hätten. 
Vielleicht waren auch meine physischen Leidenschaften durch die Neigung zur Inversion 
geschwächt. 

„Meine Frau und ich pflegten zuweilen unsere Kleider zu tauschen, obwohl die 
ihrigen viel zu klein für mich waren. Aber ich habe meines Wissens keine besondere 
Neigung für Frauenkleider oder für die Beschäftigung der Frau. 

„Geistig hochstehende Frauen mit einiger Charakterstärke reizen mich am meisten, 
vielleicht weil sie ein Gegenstück zu meinem eigenen schwachen und leicht beeinfluss- 
baren Charakter darstellen. Gewöhnlich üben schwache, zarte, „weibliche Frauen" auf 
mich keine Anziehungskraft aus. 

„Was mich selbst anlangt, so empfinde ich nicht, dass das doppelte Geschlecht 
ein Uebel ist (abgesehen von der Charakterschwäche, die vielleicht damit zusammen- 
hängt), sondern es scheint mir eher einen Vorteil zu bieten, indem es meine Sympathien 



156 Havelock Ellis 



erweitert. Ich glaube nicht, dass ein Geschlecht das andere verstehen kann, ohne dass 
beide Geschlechter in genügendem Verhältnis vermischt sind, um ein wirkliches Mit- 
fühlen zu bewirken. Ich halte es für das Wahrscheinlichste, dass die Geschlechter 
stets mehr oder weniger in verschiedenen Verhältnissen in jedem Mann und in jeder 
Frau verbunden sind, wenn auch das eine oder andere vorwiegt. 

„Die eigentümliche psychische Affektion, die ich beschrieben habe, kann 
ästhetische Inversion genannt werden. Sie ist Belten als solche anerkannt 
worden. Aber es scheint doch, dass verschiedene bekannte Schriftsteller auf sie an- 
gespielt oder sie gehabt haben, z. B. Renan, William Spenser, Moore und 
ßosctti. Wir haben auch gehört, dass J. Addington S y m o n d s (in dessen Werken 
nachzusehen ich noch nicht Gelegenheit hatte) und der verstorbene Dr. Gladstone 
ebenfalls von ihr betroffen waren. 

„Sie unterscheidet sich von der gewöhnlichen Inversion dadurch, dass, wenigstens 
in den meisten Fällen, Männer keinen Heiz auf die ästhetisch Invertierten ausüben, 
dies vielmehr nur durch Frauen geschieht. Soviel ich weiss, besteht in unserer Familie 
kein Fall von irgend etwas, was einer Inversion ähnelt. 

„Die ästhetisch Invertierten sind im allgemeinen irgend einer Frau auf das zärt- 
lichste ergeben und lieben und ehren sie so sehr, dass sie so fühlen, wie wenn sie 
selbst Frauen wären, die aus ihrem eigenen Geschlecht geboren sind und natürlich in 
einer Art von unbequemem Exil leben. 

„Ich habe den vorhergehenden Bericht in voller Aufrichtigkeit geschrieben. 
Der Zustand ist keine blosse Laune, sondern er hat fast während meines ganzen, wohl 
recht langen Lebens bestanden und sogar an Stärke zugenommen". 

Dieser Bericht, den ein Gelehrter mit hochentwickelter wissen- 
schaftlicher Beobachtungsfähigkeit niedergeschrieben hat, kam einige 
Jahre vor des Schreibers Tode in meine Hände. Kurz bevor dieser 
eintrat, gab ich das Schriftstück zu einer endgültigen Revision zurück, 
die nur in unwesentlichen Veränderungen stattfand. Während dieser 
Zeit korrespondierte ich oft mit R. M., sowohl über den Gegenstand 
seiner Anomalie, wie über andere Gegenstände. Durch verschiedene 
Umstände hatte ich nur einmal Gelegenheit, mit ihm zusammenzukommen. 
Der persönliche Eindruck entsprach dem, den ich durch seine Briefe 
und seinen Bericht empfangen hatte. Aeusserlich zeigte sich keine An- 
deutung von Feminismus, aber es bestanden in hohem Grade Zeichen 
einer furchtsamen, zurückhaltenden, sensitiven Natur, die man zuweilen 
bei Männern der Wissenschaft antrifft, und die sich leicht mit erotischen 
Neigungen verbindet. 

Abgesehen von dem Mangel an Entschlussfähigkeit, über die er 
selbst klagte, und von einigen nervösen Muskelticks, zeigte sich nichts 
Abnormes. Ob eine sorgfältigere Untersuchung stärkere Abweichungen 
gezeigt hätte, mag zweifelhaft sein. R. M. hatte häufig eine physische 
Untersuchung gewünscht und es war zu diesem Zweck schon eine Ver- 
abredung getroffen worden. Seine plötzliche Erkrankung an einer akuten 
Nephritis, die einer mehr chronischen Form folgte und sehr schnell den 
Tod herbeiführte, verhinderte den Plan. Es ist aber unwahrscheinlich, 
dass die Untersuchung etwas Wesentliches gezeigt hätte. Ein gewisser 
Grad von Gynäkomastie, wie er ihn darbot, ist nichts allzu Ungewöhn- 
liches. Von einem Wahngebilde war absolut nichts bei R. M. vorhan- 



Sexo-ästhetische Inversion. 157 



den, weder in seiner Betrachtung der Anomalie, noch in seinem allge- 
meinen psychischen Zustande. Das äusserste, was man sagen kann, ist, 
dass er zu dem Verdacht neigte, irgendwelche winzige physische Ano- 
malie zeige weihliche oder hermaphrodisische Bildung an, während sie in 
Wirklichkeit höchstwahrscheinlich nach dieser Richtung bedeutungslos 
war. Aber er war bestrebt, diese Frage dem Urteil derer zu unter- 
breiten, die in diesen Fragen kompetenter sind als er selbst. Wir sehen 
hier das, was ein Freudianer einen Komplex nennen würde, aber kein 
paranoisches Wahngebilde. 

Das Bild des K. M. scheint mir die sexo-ästhetische Inversion in 
ihrer vollendeten Form zu sein. Es zeigt, wie wenig der Ausdruck 
„Transvestismus" befriedigt. Betrachten wir die einzelnen Elemente 
des Zustandes, so war der Wunsch nach dem Kleidertausch vorhanden ; 
aber nur so schwach und unwesentlich, dass er vernachlässigt werden 
kann. Für diesen intelligenten, mit tiefem Gefühl begabten Mann ist 
die Kleidung nie der Gegenstand grossen Interesses gewesen, und in- 
folgedessen war kein Boden vorhanden, indem ein ausgesprochener Trieb 
zum Kleidertausch hätte Wurzel fassen können. Die Inversion betraf 
die affektive und emotionelle Sphäre, und. diese ist so gross, dass das 
Symptom der Kleidungsänderung unwesentlich ist. Es handelt sich eben 
um einen Mann von hoher intellektueller Kultur und ausnahmsweise 
starkem Gefühlsleben mit ausgesprochen weiblicher Affektabilität. Wir 
haben es mit einem Falle von ästhetischer Inversion in ihrer vollendet- 
sten und typischsten Form zu tun, es scheint ein Fall von höchstent- 
wickelter Form zu sein. 

Wenn wir versuchen, die mitgeteilten Fälle zu klassifizieren oder 
zu erklären, so ist das nicht leicht. Wir können wohl behaupten, dass 
sie die allgemeine Bisexualität illustrieren, die jetzt viele Anhänger hat. 
Wir sehen, dass ß. M. dies empfand, und es ist das auch von Naecke 
vor kurzem betont worden. Wenn wir aber weitergehen, um diese Fälle 
von sexo-ästhetischer Inversion der gewöhnlichen sexuellen Inversion 
anzureihen, die man gewöhnlich am leichtesten durch eben diese orga- 
nische Bisexualität glaubt erklären zu können, dann treffen wir auf 
Schwierigkeiten. Man könnte dazu neigen, die ästhetische Inversion 
als leichteren Grad einer sexuellen Zwischenstufe zu betrachten, deren 
am meisten entwickeltes Stadium wir bei der sexuellen Inversion finden. 
Aber eine kleine Betrachtung zeigt, dass dies kaum richtig ist. In der 
eigentlichen Sphäre des Geschlechtstriebes zeigt die ästhetische Inversion, 
wenn überhaupt, so doch nur wenig von einer Annäherung an das ent- 
gegengesetzte Geschlecht. In dem sonstigen psychischen Verhalten, das 
viel umfangreicher ist als die sexuelle Sphäre, geht die ästhetische In- 
version weit .über die häufigsten Symptome der sexuellen Inversion 
hinaus. Die beiden Zustände sind nicht genau koordiniert; sie können 



158 Havelock Ellis 



eher als zwei ungleiche allotropische Modifikationen einer sexuellen 
Zwischenstufe betrachtet werden. Wenn die sexuelle Inversion bei der 
ästhetischen Inversion auftritt, scheint sie nur eine sekundäre Folge der 
ästhetischen Inversion, des psychischen Zustandes zu sein. Wenn die 
ästhetische Inversion bei der sexuellen Inversion erscheint, ist sie vielleicht 
nur eine sekundäre Folge des sexuell invertierten psychischen Zustandes l ). 

So scheint es, dass auf einer gemeinsamen Grundlage zwei orga- 
nische Zustände auftreten, die verschieden sind, die nicht leicht mit- 
einander verschmelzen und die sich sogar schlecht miteinander vertragen. 
Ein grosser Teil, vielleicht die Majorität der sexuell Invertierten, hat 
keine deutlich ausgeprägten femininen Züge, und selbst wo dies der Fall 
ist, wünschen sie sie nicht selten zu verbergen. Die Mehrzahl, vielleicht 
fast alle unter den sexuell-ästhetisch Invertierten, haben nicht nur keine 
Neigung zur sexuellen Inversion, sondern sie fühlen eine tiefe Abneigung 
gegen diese Anomalie. In den zwei Uebergangsfällen, über die ich hier be- 
richtet habe, kam die sexuelle Inversion nicht einmal in Frage. In 
den zwei ausgesprochenen Fällen kam sie nur in Frage, um mit Horror 
zurückgewiesen zu werden. Bei A. T. ist allerdings kürzlich die Emp- 
findung aufgetreten, dass die sexuellen Erfahrungen einer Frau für die 
vollständige Befriedigung seines Gefühlszustandes nötig seien. Dies ist 
jedoch offenbar eine sekundäre Entwicklung seiner ästhetischen Inversion, 
und zwar eine solche, die die Person mit Schrecken wahrnimmt. Er 
ist tatsächlich auch nicht im geringsten Grade zu einer Person seines 
Geschlechts sexuell hingezogen. Die Idee ist nur eine Idee, und obwohl 
sie möglicherweise zu einer Zwangsidee werden kann, scheint es doch 
in hohem Grade unwahrscheinlich, dass sie je in die Praxis übergeführt 
werden wird. In dem Falle von ß. M. ist, obwohl hier die ästhetische 
Inversion überaus weit geht, niemals auch nur in der Phantasie irgend 
eine homosexuelle Anwandlung dagewesen. Als er den Ausdruck ästhe- 
tische Inversion erdacht hatte, war er selbst geneigt, ihn zugunsten von 
„Psychischer Hermaphroditismus" aufzugeben, und zwar deshalb, weil 
das Wort Inversion einen Zusammenhang mit der Homosexualität ver- 
muten lassen könnte, die er als etwas Ekelhaftes betrachtet. 

Psychologisch gesprochen scheint es mir, dass wir die sexo-ästhe- 
tische Inversion in Wirklichkeit als eine Modifikation der normalen 
Heterosexualität betrachten müssen. Sie ist eine Modifikation, in der 
einige normale Konstituentien des Geschlechtstriebes in den Hintergrund 
getreten sind, während andere ebenso normale Konstituentien übertrieben 
werden. Welches sind nun diese zwei Reihen von Konstituentien? 



') Raffalovich (Uranisme et Unisexualite, S. 93) bemerkt, dass man von der 
moralischen Inferiorität, der Oberflächlichkeit und der Schamlosigkeit der effeminierten 
Gruppe sexuell Invertierter in Erstaunen gesetzt wird. Wir finden im allgemeinen 
das Umgekehrte der Charakteristika bei typisch sexo-ästhetisoh Invertierten. 



Sexo-ästhetische Inversion. 159 



Bei der normalen Bewerbung muss der männliche Teil zwei Triebe 
haben, die bei oberflächlicher Betrachtung Antagonisten zu sein scheinen. 
Einerseits muss er kraftvoll und kampflustig sein, er muss das Objekt 
der Liebe überwinden und besitzen. Andererseits muss er abwarten 
und mitfühlen. Er muss in die Gefühle der Geliebten eintreten und 
sich sogar ihrem Willen unterwerfen. Der Liebhaber muss gleichzeitig 
ein entschlossener Eroberer und ein unterwürfiger Sklave sein. Er muss 
sowohl seiner Herrin Zurückhaltung entgegenstellen und sich anderer- 
seits mit ihren Wünschen identifizieren. Dieses doppelte Verhalten be- 
ruht auf den biologischen Bedingungen der Bewerbung. 

Bei der Bewerbung des zivilisierten Menschen besteht die Neigung, 
die aggressive Komponente des Geschlechtstriebes zurückzudrängen, die 
zweite, das Mitfühlen, stärker zu betonen. Diese Neigung wurde vor 
einigen Jahren zuerst von Colin Scott als das sekundäre Bewerbungs- 
gesetz beschrieben, durch das der weibliche Teil, der schon auf die Er- 
regung des männlichen Teils achtet, nun noch eine Aktivität hinzufügt, 
während der männliche Teil relativ passiv ist und auf den psychischen 
und körperlichen Zustand des weiblichen Teils achtet. Diese psychische 
Radiation und Entwicklung der Vorstellungskraft wird, wie Colin 
Scott betont, durch die Einschränkungen begünstigt, zu denen die Zi- 
vilisation führt und die mit ihr vorhandene umfangreichere psychische 
Leistungsfähigkeit *). 

Diese sekundäre Komponente des Geschlechtstriebes, das Element 
von Sympathie und Identifikation kann, wie Colin Scott erkannt zu 
haben scheint, mit einem ästhetischen Zustand zusammenhängen. Es 
ist der Mühe wert, den Zusammenhang zu betonen; denn er kann noch 
schärfer, als ich bisher gezeigt habe, die Anwendung des Namens 



') Colin Scott, "Sex and Art", American Journal of Psychology, VII, 2. 
Es sei bemerkt, dass Dr. Sabrina Spielrein (Jahrbuch für psychoanalytische For- 
schungen IV, 1912, S. 483) unabhängig Colin Scotts Ansicht von der primären 
Natur dieser psychischen Tätigkeit bei Frauen bestätigt: „Bei jeder Liebe muss man 
zwei VorstellungBrichtungen unterscheiden: die eine — wie man liebt, und die andere 
— wie man geliebt wird. Bei der ersten Richtung ist man selbst Subjekt und liebt das 
nach aussen projizierte Objekt, bei der zweiten ist man in den Geliebten verwandelt 
and liebt sich, als sein Objekt. Beim Manne, welcher die aktive Aufgabe hat, das 
Weib zu erobern, herrschen die Subjektvorstellungen vor, bei der Frau hingegen, 
welche den Mann zu verlocken hat, gewinnen anch normaliter die rückläufigen Vor- 
stellungen die Oberhand. Damit hängt die bekannte weibliche Koketterie zusammen ; 
die Frau denkt, wie sie ihm gefallen wird, damit hängt auch die stärkere Homo- 
sexualität und Autoerotik der Frau zusammen; in ihren Geliebten verwandelt, muss 
sich die Frau bis zu einem gewissen Grad männlich fühlen, als Objekt des Mannes 
kann sie sich selbst oder ein anderes Mädchen lieben, welches ihre Wunschpersönlich- 
keit ist, i. e. so ist, wie die Liebende sich selbst sehen möchte, natürlich immer schön. 
Einmal traf ich eine Kollegin in grosser Entrüstung über einer Reihe von ihr beschrie- 
bener Brief kuverts ; an keinem gelang ihr die schöne Schrift, die sie am ersten Ku- 
vert vollbrachte. Die Schrift war mir bekannt. Auf meine Frage, was die gewünschte 
Schrift ihr sage, fiel ihr plötzlich ganz richtig ein, ihr Geliebter schreibe so. Das 
Bedürfnis nach Identifikation mit dem Geliebten war demnach so gross, dass sie sich 
nur als ihn dulden konnte." 



160 Havelock Ellis 



ästhetische Inversion für einen Zustand begründen, der, wie der Leser 
wohl jetzt versteht, als eine abnorme und vielleicht pathologische Ueber- 
treibung der sekundären Komponente des normalen heterosexuellen 
Triebes betrachtet werden muss. 

Die Philosophen, die sich mit der Aesthetik beschäftigen, haben 
oft eine Neigung gezeigt, eine subjektive Identifizierung mit dem schönen 
Objekt als den Schlüssel für die ästhetische Emotion zu betrachten. 
Sie meinen, dass wir in der Einbildung die Schönheit nachahmen, die 
wir sehen und uns mitfühlend in sie versetzen. Unsere Emotionen zeigen 
diesen Rythmus. Lotze und E. Vischer haben auf solcher Richtlinie 
die ästhetische Lehre vom inneren Miterleben ausgearbeitet. Kürzlich 
hat Karl Groos geschlossen, dass das Spiel der inneren Nachahmung, 
das innere Miterleben, das zentrale Phänomen des ästhetischen Ge- 
nusses ist 1 ). Lipps wiederum erläutert vortrefflich die Nachahmung 
und das, was er Einfühlung nennt, die er zur Erklärung der ästheti- 
schen Emotion benutzt 2 ). Er hat sehr sorgsam eine Lehre ausgearbeitet. 
Es ist interessant, von unserem Gesichtspunkt aus zu betonen, dass 
während Lipps Nachahmung und Einfühlung im allgemeinen in dem 
ästhetischen Gefühl zusammentreten lässt, er, wo das Geschlecht in Frage 
kommt, Halt macht und erklärt, dass wir hier einen Unterschied machen 
müssen. Wir können nicht, so sagt er, den Einfluss von des Weibes 
Schönheit durch Nachahmung erklären, denn ein Mann wünscht z. B. 
nicht, eines Weibes Brüste zu haben. Trotzdem glaubt er, dass alle 
schönen Formen ihre Schönheit der Einfühlung verdanken, das habe 
aber nichts mit dem Geschlechtstrieb zu tun, für den die spezifische 
Form des entgegengesetzten Geschlechts Gegenstand einer möglicher- 
weise tatsächlichen Beziehung ist. Der ästhetische Genuss an der Ge- 
stalt der Frau zeigt also klar, so schliesst Lipps, dass der Begriff 
der Einfühlung verschieden ist von dem der Nachahmung 3 ). 

Hier können wir noch einen tieferen Grund wahrnehmen als bisher, 
weshalb ich die psychologische Anomalie, mit der wir es hier zu tun 
haben, als ästhetische Inversion beschreibe. Der mit der Anomalie Be- 
haftete erlebt nicht nur eine Inversion allgemeiner, zur sexuellen Sphäre 
gehörender Neigungen, er hat in Wirklichkeit einen spezifisch ästhetisch 
emotionellen Zustand in dieser Sphäre erreicht. In seiner Bewunderung 
der Geliebten ist er nicht zufrieden, sich auf das normale Element der 



') K. Groos, Der ästhetische Genuss, 1902, z. B. Kap. V. — a ) T. Lipps, 
Der ästhetische Genuss in der bildenden Kunst, 1906, Kap. I. — *) T. Lipps, Grund- 
legung der Aesthatik, 1903 I. S. 147. Es sei bemerkt, dass Lipps die ästhetische 
Emotion von der sexuellen Emotion ganz und gar trennt. Nach Groos (a. a. O. 
S. 248) müssen wir zu dem Schlüsse kommen, dass der künstlerische Genuss an aus- 
gesprochen sinnlichen Situationen zur ästhetischen Sphäre gehört. Lipps (a. a. 0. S. 148) 
denkt, dass es ein Zeichen von Dekadenz ist, den Geschlechtstrieb in der Aesthetik an- 
zusprechen. 



Sexo-ästhetische Inversion. 161 



Einfühlung zu beschränken, er erlebt den ganzen ästhetischen Vor- 
gang, indem er auch den Nachahmungstrieb durchmacht. Er vollendet 
eine vollständige emotionelle Identifizierung, die sexuell abnorm, aber 
ästhetisch korrekt ist l ). 

Physisch macht sich anscheinend dieses sekundäre und ästhetische 
Element des Geschlechtstriebes in der Form der ästhetischen Inversion 
bei den Männern bemerkbar, wo das primäre und mehr „männliche" 
Element des Geschlechtstriebes fehlt. In einigen, obwohl nicht in allen 
Fällen ist ein Mangel an physischer Kraft vorhanden. Zuweilen ist 
frühzeitig übermässige Masturbation ausgeübt worden, die zu einer Ver- 
minderung der Vitalität führte. In dem Falle von A. T. finden wir 
eine vorzeitige autoerotische Sexualität, die wahrscheinlich ein wichtiger 
Faktor für die Entwicklung der ästhetischen Inversion war. In dem 
recht vollständigen Falle von R. M. war ein hochsensitives Temperament 
durch einen Mangel an Selbstgefühl markiert, eine Unfähigkeit, in einem 
Konflikt seines Ichs mit anderen seinen Mann zu stehen, eine über- 
triebene Suggestibilität, die ihm eine Quelle steter Besorgnisse war. In 
den meisten Fällen von ästhetischer Inversion scheint die Intensität des 
Geschlechtstriebes im ganzen etwas unter dem Durchschnitt zu stehen. 
Aber in jedem Fall ist er sicherlich unharmonisch, atrophisch auf der 
einen, hypertrophisch auf der anderen Seite 2 ). 

Es liegt nahe, anzunehmen, dass nach der physischen Richtung 
die Disharmonie mit einem Mangel an Gleichgewicht der inneren Sekre- 
tion vergesellschaftet ist, und dass gewisse Hormone, die notwendig sind, 
den voll entwickelten, normalen Geschlechtstrieb zu wecken, fehlen, 
wenn nicht etwa andere in grosser Menge vorhanden sind. Die neuere 
Forschung neigt dazu, den wechselseitigen Einflüssen der inneren Se- 
kretion grosse Wichtigkeit beizumessen, und es genügt nicht mehr, die 
innere Sekretion der Hoden und Eierstöcke als die einzigen Hormone 
zu betrachten, die auf die sexuelle Entwicklung wirken. So ist eine 
Hyperplasie der Nebennieren oder auch eine Neubildung an ihnen ge- 
funden worden, die die primären und sekundären weiblichen Charaktere 
nicht nur bei der weiblichen Person, sondern auch bei der männlichen 



') Näcke bemerkt, dass der Transvestismus speziell bei Künstlern oder bei 
Männern der Literatur vorzukommen scheint. Es ist vielleicht bezeichnend, dass von 
den beiden vollständig entwickelten Fällen, die ich habe bringen können, der eine ein 
Künstler, der andere ein Mann aus der Literatur ist. — -') Kiernan hat betont, dass 
Feminismus und verwandte Zustände einer Entwicklungshemmung zuzuschreiben sind. 
So scheint die ästhetische Inversion psychisch einige Aehnlichkeit mit dem, was wir 
beim Eunuchoidismus finden, zu haben. Physisch ist Eunuchoidismus eine angeborene 
oder pathologisch erworbene Annäherung an den künstlich erworbenen Zustand des 
Eunuchen. Der Geschlechtstrieb bleibt gewöhnlich normal in der Richtung, obwohl er 
geschwächt ist und ganz fehlen kann. (JB. Onuf , „A Study of Eunuchoidismus in its 
various aspects". American Journal of Dermatology, Nov. 1912.) Einige der psychi- 
schen Charakteristika des sexo-ästhetisch Invertierten haben, wie bemerkt sei, Aehnlich- 
keit mit solchen, die man gewöhnlich bei Individuen mit Eunuchoidismus findet. 
Zeitschrift für Psychotherapie. V. 11 



162 !• Marcinowski. 



vermehrt, und Hyperplasie der Nebennieren ist auch bei einigen Fällen 
von Pseudo-Hermaphroditismus gefunden worden 1 ). Es ist jetzt aner- 
kannt, dass die Charaktere eines Geschlechts in dem anderen latent 
vorhanden sein müssen 2 ), und so haben wir ein Feld, wo die verschie- 
denen inneren Sekretionen ihre reizenden und hemmenden Eigenschaften 
entfalten können. Es ist möglich, dass wir auf diesem Wege fähig sein 
werden, die verschiedenen und unkoordinierten Formen der sexuellen 
Zwischenstufen zu erklären; ein weiblicher Einschlag beim männlichen 
Individuum kann, wie Hirsch feld bemerkt, so wirken, dass in einem 
Falle Hermaphroditismus erscheint, in einem zweiten Gynäkomastie, in 
einem dritten die sexuelle Inversion, in einem vierten die dem Ge- 
schlechte entgegengesetzte Kleidung 3 ). 

Wie dies auch sein mag, gegenwärtig kann man nur eine Ver- 
mutung betreffend die Eichtung, in der die physiologische Basis der 
sexo-ästhetischen Inversion gefunden werden kann, wagen. Es ist ziem- 
lich schwierig, diese Anomalie psychologisch voll aufzuklären, soweit 
sie Beziehungen zu anderen mehr oder weniger verwandten physischen 
Anomalien hat. Ich habe versucht, es zu tun, so gut ich kann und 
so weit unsere gegenwärtige Kenntnis reicht. 



Glossen zur Psychoanalyse. 

Von Dr. I. Marcinowski, Sanatorium Haus Sielbeck a. TJklei. 

I. Betrachtungen über den Willen zur Krankheit. 

Meinen Zeilen schicke ich zunächst die Auflösung eines eigenar- 
tigen Zwangszeremoniells voraus, weil der Fall in mancher Hinsicht 
beweisend für das ist, was ich vom Willen zur Krankheit und vom 
Widerstreben gegen das ersehnte Genesen zu sagen habe. Es liegt mir 
daran, den Krankheitszustand, den wir Psychoneurose nennen, aufs neue 
in seinem Lustcharakter zu zeigen und ausserdem die Behauptung zu 
erhärten, dass die ganze Neurose im Grunde genommen einer Art Er- 
satzonanie entspricht. 

Die Auflösung eines eigenartigen Zwangszeremoniells. 

Der junge Student, um den es sich handelte, wurde arbeitsunfähig, weil er 
abends beim Schlafengehen, und vor allen Dingen bei der Morgentoilette stundenlang 
Zeit brauchte, um ein umständliches Zwangszeremoniell zu erledigen. Es war im 



') Ernest Glynn, „The Adrenal Cortex", Quarterly Journal of Medicine, 
Januar 1912. — •) Swale Vincent, Internal Secretion, 1912 S. 75. — *) Hirsch- 
feld (a. a. 0. S. 301). Es mag hinzugefügt werden, dass das Unterabteilungen und Kom- 
binierungen dieser Zwischenstände sind. 



Glossen zur Psychoanalyse. 163 



Grunde genommen einfach und bestand zunächst nur darin, dass er alles und jedes, 
jeden Handgriff usw. ganz besonders genau und ordentlich machen musste, mit den 
üblichen Wiederholungen, falls er nicht ganz bei der Sache gewesen 
war, denn beim Beten und Zaubern muss man auch innerlich dabei sein, eine 
blosse mechanische Absolvierung hat keinen inneren Wert. — In Zweifelsfällen 
wurde deshalb die ganze Prozedur noch einmal vorgenommen. 

In der Regel galt übrigens das Gesetz, alles dreimal zu machen, jeden ein- 
zelnen Handgriff gewissermassen mit drei Anläufen zu vollbringen. Ich durfte den 
Kranken bei der Toilette beobachten, und da fiel es denn auf, dass er ausser dieser 
unglaublich in die Länge gezogenen Prozedur noch eine Fülle der wunderlichsten Be- 
wegungen und Gliederverrenkungen vornahm, die alle darauf hinauslaufen sollten, dass 
er weder selbst noch mit einem Kleidungsstück irgendwo anstiesse und es dadurch 
beschmutze. Welche Summe von Schwierigkeiten sich da z. B. auf einem engen 
Klosett ergaben, wenn man bedenkt, dass er sich zum Stuhlgang auch des Rockes und 
der Weste und der Hosenträger zu entledigen pflegte, wird klar machen, warum er 
auch zu diesem Akt oft Stunden verbrauchte. 

Die wichtigste Komplikation war indessen, dass er zu gleicher Zeit darauf acht 
geben musste, dass ihm keine „Puhs" entflöhen, — man beachte die völlig kindliche 
Bezeichnung für Blähungen, — denn das Fürchterlichste, was ihm passieren könne, 
wäre, dass bei dieser Gelegenheit etwas feuchter Darminhalt mit herauskommen könne, 
der dann die Wäsche beschmutze. Davor lebte er in einer ständigen namenlosen 
Angst, und daher stammten denn auch die eigentümlichen Gliederverrenkungen beim 
Ans- und Ankleiden, denn das brachte eine Menge Bewegungen mit sich, die einem 
Entgleiten von „Puhs u entschieden Vorschub leisteten. Er bezeichnet dieses ganze 
Zwangszeremoniell als „ekelhaft und widerwärtig", dieselben Ausdrücke, die er für 
eise vorausgehende Periode onanistischer Betätigung anwendet, für die das Zwangs- 
zeremoniell eine Ablösung, also wohl einen Ersatz darstellt. 

Wir erfahren von ihm, dass er die Onanie in der Weise betrieben habe, dass 
er die Vorlust ins Unendliche zu verlängern trachtete; immer habe er kurz vor dem 
Samenerguss aufgehört und gewartet, bis die Erregung wieder abgeklungen sei, um 
möglichst lange onanieren zu können. Es leuchtete ihm ohne weiteres ein, 
dass dieses in die Länge gezogene Zwangszeremoniell sehr wohl in seinem Typus da- 
mit zu vergleichen sei, also auch darin als ein symbolischer Onanieersatz aufzufassen 
wäre. Wir werden gleich sehen, wie völlig berechtigt diese Annahme war. 

Wir erfahren ferner, dass es ihm als Kind eine hohe Lust war, sich getragene 
Wäsche seiner Mutter, Unterhosen und Unterröcke, zu verschaffen und in ihnen zu 
onanieren. 

Als ich ihn bei der Toilette beobachtete, fiel besonders auf, dass er sehr 
lange Zeit darauf verwandte, um sein Nachthemd nach einem ganz bestimmten System, 
in dem die Dreizahl l ) auch wieder ihre Rolle spielte, auf Flecken hin zu untersuchen, 
»ach an Stellen, die mit der Aftergegend gar nicht in Berührung kommen konnten. 
Es kam ihm eben überall darauf an, dass alles „absolut rein und ordentlich" 
sei, wenn man es fände, „auch wenn er aus dem Zimmer ginge, müsse alles ordent- 
lich darin sein." 

Nachdem ich das Zutrauen des Patienten gewonnen hatte, erzählte er mir bald 
von erotischen Phantasien, die er während des Onanierens gehabt habe. Auch brachte 
er Träume, in denen er stets bei unverhüllter Erotik die Frau auf dem Bauche liegend 
träumte und phantasierte, dass er sie von hinten her begattete, während er übrigens 
in den beiden Malen, wo er tatsächlich zum Beischlaf gelangt war, normale Lust in 
normaler Lage empfunden zu haben angibt. 



') Zur Psychologie der Dreizahl lieferte der Patient später eine sehr bezeich- 
nende Erklärung: er schriebe die 3 nämlich in Gedanken immer so: c3 und nicht wie 
gewöhnlich. Das Bild sei wohl ohne weiteres verständlich als Glied mit den beiden 
Hoden. Er spiele also unter dem Symbol der Drei eigentlich fortwährend mit den 
Genitalien. Daher sage er auch niemals 3X5 sondern immer 6X3, und die Neun 
sei ihm nicht an sich wertvoll sondern nur, weil sie eben 3x3 ist. 



164 I. Marcinowski 



Also, eine ausgesprochene Analerotik war vorhanden, und die Furcht vor 
feuchten „Puhs" war verdrängter Erotik verdächtig. Ich sprach infolgedessen die Ver- 
mutung aus, dass sich hinter diesem auffallenden Sauberkeitsbedürfnis wohl ein über- 
kompensierter Hang zum Gegenteil verbergen müsse, und dass er ruhig und scheulos 
darüber sprechen möge, denn es handle sich augenscheinlich ja nicht um realen Schmutz, 
sondern wie beim Pontius Pilatus nur um eine gedachte Befleckung ideeller Art, die 
hier wie in einer Scharade zur sinnfälligen Darstellung durch etwas Konkretes gelange. 

Das leuchtete ihm sehr ein. Er sei immer ein Schweindel gewesen, seine Brüder 
übrigens auch: deswegen habe ihnen ihr Vater je nach ihren Eigenschaften die Spitz- 
namen: „Graf Pinkelf link", Graf Blübmchen" ') und „Baron von Stinkewitz" gegeben. 
Letzteres galt ihm und seiner bewusst erotisch betonten Vorliebe für Darmgase*). 

Er habe dieselben vor allem unter der Bettdecke produziert und sei dann dar- 
unter gekrochen und habe sie mit Wonne aufgerochen. Dabei wisse er sehr früh, da-.- 
er dabei Erektionen bekommen habe. Wir werden später erfahren, was noch hinzu- 
kommt. Ich erwähne hier nur das, was er zunächst gesagt hat. In seinen sonsti- 
gen Phantasien kommt die „Schweinerei" noch stärker zum Ausdruck. Er behandelt 
da die Frauen wie „wilde Tiere", sperrt sie in den Stall und findet sie eigentlich 
erst geniessbar, wenn sie sich wochenlang in ihrem eigenen Urin und Kot herum - 
sielen mussten. 

Diese Phantasie hat einen realen Hintergrund, sie führt auf einen Besuch des 
kleinen Knaben bei seinem Onkel zurück, der Landwirt war, und bei dem der Schweine- 
stall im Mittelpunkt aller, dem Stadtkinde fremden Anziehungskräfte stand. 

Ich übergehe nun eine Reihe von technischen Einzelheiten in den Feststellungen, 
weil sie zunächst nichts Neues, sondern nur Bestätigungen in grosser Breite brachten. 
Dann blieb der Patient auf einmal stundenlang im Bett liegen und wollte nicht mehr 
aufstehen. Dabei war ihm eigentlich sehr wohl und behaglich, und ich traf ihn in 
durchaus zugänglicher und gemütlicher Stimmung an. Das Bett sei ihm ein Aufent- 
halt, wo ersieh „geborgen und sicher" fühle, „ohne Angst" sei, „wie in der Mutter 
Schoss". Es war ihm also gewissermassen ein Ersatz für die Mutter, zu der er ausser- 
dem noch „warm" assoziierte und sich an den häufigen Aufenthalt in dem Bett der 
Mutter erinnerte. 

Ausserdem spielt er mit diesem Verhalten den kleinen Knaben, oder sagen wir 
richtiger, das ganz kleine Kind, das noch tagüber im Bett liegt und sich vollmacht, 
wie die kleinen Schweinchen im Stall. Diese Vergleiche leuchteten ihm sehr ein, und 
er brachte dazu zwei Träume, die er von frühester Jugend an sehr häufig gehabt 
haben wollte, und zwar brachte er sie ohne besondere Aufforderung an dieser Stelle 
der Analyse als anscheinend zusammenhanglose Einfälle vor. 

Der eine lautete dahin: Er pflege sich im Traum bäuchlings über das Treppen- 
geländer des Elternhauses zu legen und mit dem Kopf nach dem Schacht zu mit ra- 
sender Geschwindigkeit auf dem Geländer herunter zu rutschen und flöge dann gleich 
zur Haustüre hinaus und befände sich dann draussen. Das sei sehr schön. In Wirk- 
lichkeit habe das Treppengeländer allerdings Pflöcke ; die Treppen liefen auf allen vier 
Seiten mit abgerundeten Ecken um den grossen Schacht herum, der später für einen 
Aufzug benutzt wurde. 

Dann träume er noch zweitens sehr häufig, dass ihn ein wilder Mann mit einem 
grossen Knüttel verfolge, und dann laufe er was er könne davon, aber er käme nie 
vom Fleck. 



l ) Wegen der Flecke in den Hosen. Wir sehen, die bilderreiche Analerotik 
war in der Familie traditionell, soll übrigens mindestens noch zwei weitere Generatio- 
nen hinaufgereicht haben. — *) Die übertriebene Sauberkeit und Gigerlhaftigkeit ge- 
wisser Menschen scheint' für die kindliche Psyche übrigens sehr leicht als „Flucht ins 
Gegenteil" durchschaubar zu sein (vgl. Mut zu sich selbst, Kapitel VH, S. 113 ff.). Wir 
pflegten im Kadettenkorps solche Leute als „scheissfein" zu bezeichnen und hegten die 
Befürchtung, dass sie schliesslich selbst zum „kacken" zu fein werden könnten. Man 
entschuldige den Originalausdruck bei diesem Beitrag zur Analerotik, aber eine Um- 
schreibung würde ihn wertlos machen. Der Patient kennt diese Ausdrücke auch aus 
dem Munde seines Vaters. — 



Glossen zur Psychoanalyse. 165 



Diese Träume mit ihrem sogenannten typischen Gepräge machen in der Ana- 
lyse häufig grosse Schwierigkeiten, weil die grobsinnliohen Symbole vom Patienten 
nicht erkannt werden. Das hat seinen Grund wahrscheinlich darin, dass die soge- 
nannten typischen Symbole zum Ina ti nkt besitz geworden sind und nicht mehr der 
persönlichen dichtenden Leistung des Träumers entspringen. Sie sind abgeschlif- 
fene Redensarten geworden, die nur noch der Sprachforscher, nicht aber der Sprecher 
auf ihren Inhalt hin zu untersuchen vermag. Dem widerspricht allerdings, dass diese 
Symbole im Sprachgebrauch niederer Volksschichten und von Völkern einer niede- 
ren Zivilisationsstufe voll bewusst verwendet werden, wie es ja auch die folkloristi- 
schen Studien unserer Zeit bezeugen '). Hier war es auffallend, dass der Kranke, übri- 
gens ohne jede Kenntnis der analytischen Literatur oder Auffassungsweise, beide Träume 
sofort klar las, obwohl er sie seit vielen Jahren unerkannt im Kopfe trug. 

Zu dem ersten fragte ich ihn: „Kennen Sie irgend eine ähnliche Situation, auf 
die Sie mit dem Traumbild anspielen könnten?" Und prompt antwortete er: „Ja. 
Als ich sagte, ,mit dem Kopf nach der Oeffnung zu', fiel mir sofort die Lektüre in 
einem Naturheilbuch ein, wo ich von dem Geburtsvorgang gelesen hatte. Der Traum 
wird also wohl meine Geburt aus dem Mutterleibe heraus bedeuten." 

Ich muss gestehen, so einfach hat mir noch kein Patient die Lösung fast un- 
gefragt an den Kopf geworfen. Wir werden -wiederum bald sehen, wie seine Phan- 
tasie das Hausinnere und die Türöffnung tatsächlich überall dem Mutterleibe und 
dem Geschlechtsausgang, bzw. -Eingang gleichsetzt. 

Zu dem zweiten Traum assoziierte er ebenso verblüffend zu Knotenstock ein 
männliches erigiertes Glied, nachdem' ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass 
in dieser "Weise doch eigentlich nur Mädchen und nicht Jünglinge verfolgt zu werden 
pflegten. Das „nicht vom Platz kommen können" begriff er ohne weiteres als ein 
nicht vom Platz kommen wollen. Kleine Mädchen pflegen bei solchen Gelegen- 
heiten ja nur so zu tun, als ob sie davonlaufen wollten, meinen es aber in der Regel 
nicht ernst damit. Sie kommen für gewöhnlich leider Gottseidank nicht vom 
Fleck — dies der innere Wunschmechanismus aller Behinderungsträume. 

Nun erzählte er mir, dass in seinem Verhältnis zur Mutter — was übrigens 
von der bestätigt wird — ein plötzlicher Umschwung eintrat, als er, der lange Jahre 
im kindlichsten Glauben an Klapperstorch und Engelchen gelebt hatte, auf einmal ge- 
schlechtlich aufgeklärt wurde (ca. 16 Jahre alt). Seine „innig geliebte Mutter" wurde 
ihm dadurch auf einmal ein „beschmutztes Weib", ein Geschlechtsobjekt. Auf die un- 
mittelbare Frage, ob sich seine erotischen Phantasien auch mit der Mutter beschäftigt 
haben, (durch die Geschichte mit deren Unterröcken und Hosen war ich dazu roll- 
berechtigt) antwortete er rasch und scharf: „Nein, niemals." Dieses auffallende affekt- 
betonte und dadurch verdächtige „nein" verwandelte sich aber sehr bald bei näherem 
Zusehen in die Tatsache, dass ihm der Wunsch, er möchte die Mutter begatten, zwar 
sehr oft gekommen sei, er habe ihn aber als „ekelhaft und unmöglich" sofort zurück- 
gedrängt und durch die Phantasievorstellung von anderen Frauen ersetzt. Vor allem 
habe er „seine Pensionsmutter, die sog. Vizemutter", zu diesem Zwecke benutzt 
und sie in der Phantasie „geradezu zu einem Schwein" gemacht. Seine Phantasien von 
der groben tierischen Beschmutzung zu diesem Zweck galten also statt dem Mutter- 
ersatz eigentlich der Mutter selbst. Da er das zugibt, dürfte er in Gedanken doch 
wohl weiter gegangen sein, als er zunächst hat wahr haben wollen. 

Nun ergibt sich folgende Situation aus dem bisherigen. Er flüchtet aus der 
Wirklichkeit in das „warme" Bett, das ihm die Mutter bedeutet. Ueberhaupt bedeuten 
ihm alle Hüllen, auch der Anzug, kurz alles, was ihn umgibt, etwas Mütterliches, da- 
her auch der Raum, das Zimmer, das Haus. Alle haben etwas ihn Bergendes, wie 
der Mutterleib. Dort lebt er in seinen unsauberen Phantasien, dem Onanieersatz, 
träumt sich in die früheste Kinderzeit, ja eigentlich in den Mutterleib selbst zurück, 
und wenn er ihn verlässt, also z. B. beim Aufstehen, so muss er sorgsam alle Spuren 
seines phantastischen Aufenthaltes verwischen und alles daraufhin prüfen, ob es auch 
ganz rein und ordentlich ist Auch an seinem ganzen Körper, an seinem ganzen An- 



') Kraus. Anthropophyteia. 



166 I. Marcinowski 



zug muss er dafür sorgen. Besonders das Hemd wird mit ganz schwierigem System 
zwischen die Schenkel eingefaltet, und alle Knöpfe müssen ganz sicher geschlossen 
sein, denn es wäre sehr peinlich, wenn ihn eine „alte Dame" daraufhin ansprechen 
würde — ausgerechnet eine „alte Dame!" 

Mittlerweile war ihm die Auffassung in Fleisch und Blut übergegangen, dass 
seine Furcht vor dem Schmutz keiner realen, sondern nur einer ideellen Beschmutzung 
galt. Darauf glaubte er am anderen Tage eine neue Auslegung seiner Befürchtung 
gefunden zu haben, und er meinte, sein ganzes Sinnen und Trachten wäre darauf ge- 
richtet gewesen, dass er seine Mutter nicht „innerlich beschmutze". Mit diesen 
Worten glaubte er, das Reale daran abgeleugnet zu haben. Aber gerade dieser Aus- 
druck wurde sofort zur Falle, in der er sich fing ; denn es handelte sich ja tatsächlich 
bei seinen ZwangsBpielereien um eine Phantasie, von der inneren Beschmutzung der 
Mutter, die zu gleicher Zeit eine reale wie auch eine ideelle, moralische war. 

Die reale Beschmutzung entsprach dem Leben im Mutterleibe. Ausserdem 
hatte der Kranke von mir erfahren, dass Zwangszeremonien eine Analogie zu aber- 
gläubischen Zauber-Riten seien, bei denen Reinigungszeremonien bekanntlich eine grosse 
Rolle spielen. Es fiel ihm nun nicht schwer, seine Zwangshandlungen als Massnahmen 
zu erkennen, die er einer eventuellen Rache seitens dämonischer Mächte vorbeugend 
gegenüber stellte. Zunächst sah es allerdings immer so aus, als wolle er diese täu- 
schen und eine Reinlichkeit erweisen, die eigentlich nicht bestand. Wenn man aber 
genauer zuschaute, so handelte es sich dabei auch um einen selbstauferlegten Fluch, 
um ein entsühnendes Zeremoniell, dem das Bewusstsein der Gedankensünde, „die 
Mutter innerlich beschmutzt zu haben" oder beschmutzen zu wollen, als Voraussetzung 
zugrunde lag. Als rächende Mächte tliessen ihm in diesen Anschauungen Gott und 
der gefürchtete Vater, zu dem er in typisch feindseliger Oedipuseinstellung gelebt 
hatte, in eins zusammen. Vor seinem Vater also und dem lieben Gott wollte er rein 
dastehen. — 

Als Knabe hatte er sich viel mit dem Gedanken befasst, wie das Leben des 
neugeborenen Kindes im Mutterleibe gewesen sei. Dort habe er Urin und Kot im 
Inneren der Mutter abgesetzt, genau wie die Schweinchen im Stall, und wir erken- 
nen unschwer, wie sich nun die Besudelung mit diesen Dingen für ihn mit einer Si- 
tuation höchsten erotischen Reizes verankerte. Dieser war ihm der Aufenthalt in 
den Geschlechtsteilen der Mutter, und die Besudelung dabei eine unver- 
meidliche Begleiterscheinung. Dazu kommt, dass ihm sowohl die Urin- wie die Kot- 
entleerungen ein Ersatz oder richtiger, in Ermangelung eines Besseren, eine Stellver- 
tretung des Samenergusses bedeutete. Auch diese typische Erscheinung war ihm be- 
w u s s t geläufig. Er begründet diese Tatsache, die mich in Verwunderung setzte, mit 
dem Hinweis auf die ausgesprochene Entleerungslust, die er kannte. 

Am Tage darauf brachte der Patient ganz spontan folgende Ueberlegung: 
„Also wenn ich im Bett bin, bin ich im Mutterschoss geborgen und sicher. Unter 
der Bettdecke bin ich wie in der Gebärmutter und dort benehme ich mich als Schwein- 
del. Wenn ich aufstehe, prüfe ich alles genau und ziehe mich so sauber an, dass ich 
ganz rein dastehe und mir auch der liebe Gott (Vater) nicht ansehen kann, wo ich 
nun eigentlich herkomme. Der verdrängte Wunsch, die Mutter zu begatten — und 
unter Begattung verstehe ich ja die innere Beschmutzung durch Darraentleerungen — 
hat sich mir in die Angst vor dem Entweichen eines feuchten „Buhs" verwandelt. - 

„Nun ist mir aber auch das ganze Zimmer der Mutterleib, und die Türe, wie 
in dem Traum von der Geburt, ist ihre Geschlechtsöffnung. Dazu will ich Ihnen noch 
meinen Traum von heute nacht erzählen. Der macht das ganze klar, auch warum ich 
das Zimmer hinter mir in Ordnung lassen muss, nämlich das Innere meiner Mutter. 
Wenn ich erst draussen bin, dann bin ich ja auch ganz ruhig und vergnügt und durch- 
aus nicht mehr krank, wie Sie wissen." 

Das stimmt, wenn das Zwangszeremoniell erledigt ist, dann ist der Mann ein 
vergnügter, ausgelassener Burach, und nur selten denkt er dann an die Notwendigkeit, 
auf den „dunklen Punkt in seinem Allerwertesten" acht zu geben. 

Der Traum war ein Pollutionstraum und lautete folgendermai sen : „Ich träumte, 
ich stände ganz nackend auf, und ginge auf den Korridor hinaus. Da war ich bange, 



Glossen zur Psychoanalyse. 167 



dass mich das Dienstmädchen treffen könne und ich ging rasch wieder durch die Tür 
zurück. Gerade wie ich bei diesem hin und her durch die Tür komme und daran 
streife — Sie wissen doch, Dr., die Tür bedeutet für mich den Geschlechtseingang 
— da kriege ich, eine wahre Sündflut (!) von einem Samenerguss, packe noch einmal 
schnell zu und kriege die ganze Geschichte in die Hand. Wie ich nachsehe, ist es 
nicht wie sonst, sondern wie lauter kleine Graupen. — Was ich mir dabei denke? — 
Ich denke an weiblichen Samen dabei, an kleine Eierchen." — 

Nun schien es mir an der Zeit, seine weiblichen Komponente anzupacken, 
die hier so deutlich zutage trat, und ich erinnerte ihn an den Traum von dem männ- 
lichen Verfolger und sprach die Vermutung aus, dass wohl davon in Ermangelung 
eines Besseren sein Gedanke herrühre, den After als Geschlechtsteil zu betrachten. 
Das gab er sofort zu und erzählte: „Ja, ja, das stimmt, denn wenn ich unter die 
Bettdecke gekrochen bin, um die Gase aufzuriechen, dann war ich eigentlich kein 
Schwein, sondern ich kam mir richtig wie eine Sau vor, und dass dann der Eber 
dazu käme, und mich begattete." — Wir sehen, das Erlebnis mit dem Schweinestall 
trug noch weitere, reiche Früchte. 

Hier erlaubte ich mir die Frage nach seinem und seines Vaters Vornamen, die 
mir auf einmal eine merkwürdige Bedeutung zu gewinnen schienen. Nun, er hiess 
Eber- hard und sein Vater Rein-hold. Kann man eine Zwangsneurose schöner auf- 
bauen als auf diesen beiden Pfeilern? — Die Verbindungsbrücke über den alten Bein- 
hold ergibt nun eine Fülle von Beziehungen, die den erdachten Koitus unter der Bett- 
decke nunmehr im Lichte eines elterlichen Beischlafes erscheinen lassen, in dem der 
Junge, in den Geschlechtsteilen der Mutter hausend, dem väterlichen Knüppelstock 
gegenüber gleichsam mitgeniessend zur Sau wird. Zugleich ist er der mütterlichen 
Sau gegenüber durch seinen Namen der Eber, gleichsam der kleine Vater. 

So kennzeichnet sich das Ganze mit seinen verwirrend verdichteten Bollen als 
jene typische Mischung von Mutterleibsphantasie und Elternkoitus, die wir bo häufig bei 
unseren Kranken finden. Die Zwiegeschlechtlichkeit markiert sich dann auch in seinem 
zugleich männlich und zugleich weiblichen Samenerguss an den Pforten der mütter- 
lichen Geschlechtsteile. 

Er erinnert sich dann auch durchaus mädchenhafter Phantasien, wie er 
sich mit den Wäschestücken der Mutter bekleidet vor den Spiegel begeben habe und 
sich die Brüste üppig ausstopfte. Er habe sich dabei durchaus „als Mädchen gedacht, 
gefühlt und gewollt". Darum sei ihm auch der Anus ein weibliches Geschlechtsorgan, 
das in der Erregung feucht werde. 

Seine geschlechtliche Erregung — das ist wichtig und bezeichnend für das 
ganze Zeremoniell mit den feuchten Blähungen — markiert sich sogar grundsätzlich 
in dieser analen Form. So konnte er z. B. von einem Ausflug nach Kiel nicht zu- 
rückkehren, weil er fürchtete (wünschte, und deshalb damit rechnete), dass ihn die 
Begleitung eines jungen Mädchens erregen würde, und dass er dann als Ausdruck 
dieser Erregung während der Eisenbahnfahrt zu Stuhl gehen müssen werde. Die 
Angst davor hielt ihn zurück und er Hess das junge Mädchen allein nach Hause 
fahren. 

Er entsann sich übrigens ganz deutlich, dass ihm schon als Kind genau wie 
jetzt, der Moment der Stuhlentleerung ein ausgesprochen lustbetonter war, genau wie 
„bei seinem alten Herrn", von dem er das gleiche nach seinen Redensarten annehmen 
müsse. Wichtig für das Zustandekommen der Analerotik ist auch in diesem Falle 
wieder die Tatsache, dass der Knabe in der allerfrühesten Jugend an hartnäckigen 
Darmkatarrhen, wie so viele seiner Schicksalsgenossen, gelitten hat. Diese Erkrankung 
wich erst der Ernährung durch Ziegenmilch, und soll zu sehr häufiger und eingehender 
Pflege der Analgegend seitens der Mutter geführt haben. Auch im späteren Leben 
ist aus dieser Periode ein andauerndes Interesse für die Stuhlentleerungen seitens der 
ja nicht mit Unrecht besorgten Mutter an der Tagesordnung geblieben. — 

Sein gesamtes Zwangszeremoniell verstand er nun unter dem Gesichtspunkt 
eines gehandelten Traumes, dessen Inhalt er jahrelang genau so kritiklos gegen- 
übergestanden hatte, wie man den eigentlichen Traumbildern gegenüber zu stehen 
pflegt (vgl. Mut zu sich selbst, Kap. X, 7, S. 256). 



16g I. Marcinowski 



Er gab dann an, dass er früher genachtwandelt sei und häufig so lebhaft ge- 
träumt habe, dass er sich schwer wieder beim Erwachen in die Wirklichkeit zurück- 
gefunden habe. Die symbolischen Bilder, die man sonst für seine verdrängten Inzest- 
wünsche nur träumt, hat er nun in die Handlung einer Charade ') verwandelt, 
die sein Leben ausfüllt und zwar in Gestalt einer Selbstbefriedigung, die er gleich 
seiner Onanie in die Länge zieht Hier also spielt er mimisch darstellend einen so- 
genannten Mutterleibtraum mit dazu gehörendem väterlichen Geschlechtsakt. — 

Wenn wir das Ganze kurz zusammenfassen, so liegen die Verhältnisse hier also 
folgendermassen : Der junge Mensch flüchtete aus der lieblosen Wirklichkeit in die 
lustbetonte Situation des völligen Eingehens in seine Mutter. Dort fröhnte er unter 
Benützung seines Modells vom Schweinestall einer langen Vorlust, hielt den der in- 
fantilen Lage entsprechenden Geschlechtserguss (feuchter Darminhalt, der explosions- 
artig austritt = Ejakulation) genau wie bei seiner Onanie zurück und gönnt sich da- 
durch eine Lust ohne Schuld, denn weder Vater noch Gott kann ihm die (moralische) 
Beschmutzung nachweisen. Er ist ganz rein und ordentlich, ja, jeder müsse seine über- 
grosse Sorgfalt in dieser Hinsicht anerkennen. So lebt er ganz und andauernd in 
erotischen Phantasien, so lange er nicht draussen, d. h. ausserhalb der Mutter ist. 
Auch die Darmentleerung auf dem Klosett gilt ihm als Sexualakt, als ein Geschlechts- 
erguss in die quasi Geschlechtsöffnung des Abtrittes. 

Der Krankengeschichte hätte ich noch nachzutragen, dass der Patient das 
Zwangszeremoniell auf Grund dieser Auflösungen ruhig aufgegeben hat. Interessant 
war, dass er zunächst in ein Stadium kam, in dem er nicht mehr unter Zwang stand, 
sich aber gelegentlich die Spielerei mit der neurotischen Symbolik noch vollbewusst 
leistete, gewissermassen als Onanie. Dann auf einmal konstatierte er glückstrahlend, 
dass er in der letzten Nacht realiter onaniert habe, und zwar vollbewusst, ohne 
Zwang. Er hatte die neurotische Symbolik, den Onanieersatz, in die 
reale Selbstbefriedigung zurückverwandelt. Sein psychisches Geschehen 
war aus dem Illusionsprinzip herausgetreten und hatte den Anschluss an die Wirk- 
lichkeit gefunden. Kurze Zeit darauf stellte sich normale Libido dem Weibe gegen- 
über ein. Er verliebte sich in ein junges Mädchen und empfand normales Begehren. 
Die Selbstbefriedigung liess er dann als töricht knabenhaftes Beginnen von selbst bei- 
seite. — 

Wir haben hier ein typisches Beispiel vor uns, wie man die Neu- 
rose als ein Hinüberwuohern des unverstandenen Trauminhaltes ins 
Wachbewusstsein aufzufassen hat, den man mit dem vollen Affekt, der 
seiner eigentlichen Bedeutung zukommt, mimisch zur Darstellung 
bringt, einschliesslich seiner Konfliktlagen : der Angst vor dem rächenden 
Vater und der sühnenden Reinigungszeremonie. Genau so wie wir aber 
die Träume trotz aller ihrer peinlichen und unangenehmen Seiten als 
wünsch erfüllend kennen lernten, genau so ergibt sich der Charakter 
der ganzen Neurose als wunscherfüllende Schöpfung der eigenen Phan- 
tasie. Damit wird ein Wille zu ihr nicht nur verständlich, sondern 
selbstverständlich. 

Mit dieser Ueberlegung stehen wir nun vor dem eigentlichen 
Thema meiner Arbeit, den Betrachtungen über den „Willen zur Krank- 
heit." Ich verlasse die angeführte Krankengeschichte zunächst, um im 
Laufe der weiteren Ausführungen wiederholt auf sie zurückzukommen. 



') Vgl. Mut zu sich selbst, Kap. VI, Charaden und Rollen des Lebens. Unter 
Charaden verstehe ich hier allemal die mimische Darstellung einer gedachten, also 
nur symbolischen, Vorstellung durch eine konkrete Handlung. 



Glossen zur Psychoanalyse. 169 



Das eine zeigt sie wohl ohne weiteres klar, dass der Patient in seiner 
Zwangsneurose erotische Lust suchte und fand. 

Und doch, dass der Neurotiker durch die Analyse als eine Art 
Selhsthetrüger, also in gewissem Sinne als unehrlich vor sich selbst ent- 
larvt wird, das ist für manchen schon eine harte Nuss, dass er aber 
gar mit allen seinen jahrelangen schweren Leiden und Qualen gar einen 
Willen zur Krankheit haben soll, dagegen sträubt sich der Patient in 
der Analyse begreiflicherweise auf das entschiedenste. 

Es scheint nun, als würden wir weniger Schwierigkeiten dabei 
haben, wenn wir in der Wahl des Ausdruoks geschickter verführen. 
Das ist entschieden riohtig. Nur fragt es sich sehr, ob man diesen 
und ähnlichen Schwierigkeiten aus dem Wege gehen soll, und ob es 
erzieherisch nicht sogar erfolgreicher ist, sie dem Kranken zum Stol- 
pern gradezu in den Weg zu legen, damit er sich daran stösst und reibt 
und so eher zur Klarheit über sich selbst gelangt. 

Wir wissen aber, dass dem Willen keine bewirkende Kraft 
innewohnt. Wir lehren, dass der Appell an den Willen, an die Energie, 
an das Zusammennehmen des Kranken psychologisch eine Sinnlosigkeit, 
praktisch eine Schädigung des Kranken bedeutet, 1 ) und wählen doch 
gedankenlos einen Ausdruck wie „Willen zur Krankheit"? 

Kein Wunder, wenn man dann von dem einen und anderen auf den 
Widerspruch aufmerksam gemacht wird, der darin liegt, und wenn sich 
der Kranke unwillkürlich durch diesen Ausdruck veranlasst fühlt, seinem 
Zustand aufs neue mit dem glücklich fallengelassenen Grundsatz des 
Bekämpfens und Gegenangehens, des Zusammennehmens, kurz des sitt- 
lichen Imperativs zu begegnen. Es scheint also daraus tatsächlich die 
Aufgabe zu erwachsen, einen besseren Ausdruck für „Krankheitswille" 
zu finden, der ohne Gefahr der Missdeutung von vornherein verständ- 
lich macht, was wir damit sagen wollen. Sehen wir uns zu diesem 
Behuf einmal näher an, wofür der Ausdruck steht, und was wir damit 
meinen, und zu welchem Schlussergebnis wir dann gelangen. 

Vor allem meinen wir das, dass die Krankheitserscheinungen der 
Neurose nicht von aussen her bedingte Zustände sind, wie z. B. die 
traumatischen Erkrankungen des Körpers. Wir erkennen ja auch dem 
seelischen Trauma keine krankheitbedingende Macht mehr zu, sondern 
wissen, dass der Neurotiker diese sog. Traumen genau so tendenziös 
verarbeitet wie manches an sich harmlose Erlebnis, und dass er sie 
durch seine neurotische Tendenz gewissermassen erst zu Traumen stempelt. 

Die neurotische Reaktion ist also die persönliche 
Leistung des Individuums, die ihm nicht von aussen her schick- 

emäss aufgezwungen wird, und die Neurose also ein vom 



') Vgl. Dr. Marcinowski, Der Mut zu sich selbst, Kap. Hl, über die Bedeu- 
tung des Willens S. 33. 



170 !• Marcinowski 



Kranken selbst geschaffener Zustand. Deshalb müsate man 
also doch von einem Krankheitswillen reden; denn von wem sonst als 
von dem Individuum selbst wurde der Zustand gestaltet d. h. gewollt. 
Nun aber ist es offensichtlich, dass in den meisten Fällen diese 
Gestaltung nicht bewusst angestrebt wird. 

Hier muss ich das Wörtchen: „zunächst nicht bewusst" einschalten; denn 
ebenso wie im Kindesalter, gewissermassen als Vorübung zur Neurose, häufig genug 
eine Krankheit mit voller Absicht in Szene gesetzt wird, und dem Kinde bewusst 
dient, um beispielsweise bestimmte Liebesbeweise zu erzwingen, so wird den alten 
Neurotikern im Laufe der Behandlung die geheime Absiohtlichkeit und Zweckdienlich- 
keit ihrer Krankheitsbildungen klar, und ehrlich genug gibt sie mancher auch zu (vgl. 
Mut zu sich selbst, Kap. VIII, die Krankheit als Absicht und "Waffe, S. 143). Dar- 
unter sind Fälle von Hysterie aus meinem Beobachtungsmaterial, die eingestandener- 
massen ihre grossen Anfälle mit Angst, Schreien und Toben nur dann produzierten, 
wenn wir in der Nähe waren, und um uns zu sich zu zwingen. Sie hätte jeden 
Augenblick den Anfall unterbrechen können, sagte eine Kranke. 

Angesichts dieser Fälle werden wir also aus erzieherischen Gründen vielleicht 
gerade an dem Ausdruck: „Krankheits wille" festhalten müssen und ihn nur da mei- 
den, wo er zunächst allzu grossen und überflüssigen Widerstand erzeugt. 

Während der Korrektur schreibe ich mir soeben folgende, wörtliche Aeusserung 
einer kurz vor der Entlassung stehenden Patientin auf: „Ich kann nicht sprechen, 
wenn ich bei Ihnen bin, denn dann werde ich zu schnell geBund und möchte doch 
nicht schon nach Hause. Mit dem Sprechen müsste ich alles hergeben, alles sagen, 
meine ganzen kindlichen Phantasien ". Hier durchschaut die Kranke das Ränke- 
spiel ihrer aus dem Unbewussten gestaltenden Triebkräfte. 

Ebenso eine Andere in folgenden Zeilen, die ich aufs Gratewohl einem Tage- 
buch entnehme: 

„Ich will nicht von meiner Krankheit loskommen, d. h. die Krankheit an sich, 
die Angst usw. die will ich schon loswerden, aber das andere, das Schöne, all das, 
was sie mir eingebracht hat, das kann ich nicht so ohne weiteres, ohne ein Stück 
meines Selbst zu opfern, aufgeben. Meine ganze trübe Stimmung hat ihre Ursache 
darin, dasB ich mich zurücksehne nach jener ersten Zeit hier, wo ich wirklich krank 
war, danach, dass alle sich wieder um mich sorgen sollen, dass ich gewissermassen den 
Mittelpunkt bilde und vor allem darnach, dass der Doktor und Schwester Auguste zu 
mir kommen. Ja, ich gehe BOgar soweit, dass ich die Zeit zurücksehne, da ich mich 
gehen liess und mich wie ein ungezogenes Kind auf die Erde warf und schrie. Ich 
sage mir: wozu kämpfst Du? Für wen willst Du brav sein? Was bietet das Leben 
Dir? Nichts, gar nichts. Nur Kampf, Kampf. Und der andere Mensch in mir sagt: 
Ja, ist denn das nicht etwas Schönes und wert, darum zu leben? Gut sein um des 
Guten willen? Nein, ich will gar nicht gut sein, ich will nicht kämpfen, nicht arbeiten 
und meine Pflicht tun. Das ist alles gar nicht wahr, wenn ich sage, ich will jetzt nach 
Hause und dort Liebe verbreiten. Alles gar nicht wahr?! Doch, in dem Augenblick, 
wo ich es sage, kommt es mir aus ehrlichem Herzen usw. 

Wollte man Beispiele bringen, man müsste alle neurotischen Symptome auf- 
zählen, denn alle sind ja der Ausdruck des Krankheitswillens. 

Der Krankheitswille äussert sich also mehr wie die auch un- 
bewusst verlaufenden Zustandsbil düngen unserer vegetativen Organ- 
systeme, denen wir im übrigen ebenfalls eine gewisse innere Ziel- 
sicherheit und Zweckmässigkeit zubilligen müssen, also auch so etwas 
wie eine unbewusste, Instinkt gewordene Absioht und einen Willen, 
eine Willensrichtung, denn wir stehen auch da vor Erscheinungen der 
Heiz Verwertung im Reiche des Lebendigen. 



Glossen zur Psychoanalyse. 171 

Wenn sich der Organismus beispielsweise gegen eine Blutvergiftung 
mit Eiterbildung und fieberhafter Temperatursteigerung wehrt, so ist 
auch dies der Ausdruok eines gewissen Krankheitswillens. Der Or- 
ganismus will Eiterung und Fieber, oder besser gesagt, damit wir 
diesen unglückseligen törichten Begriff „Willen" endlich los werden, er 
hat ein Interesse daran, es liegt ihm daran, Eiter und Fieber zu bilden, 
um sich einer bestimmten Unlustquelle zu entziehen, die sein Dasein 
bedroht. Das Wort von der „Flucht in die Krankheit" gilt demnach 
auch für echte körperliche Zustände. Alle Lebenserscheinungen dienen 
irgend einer erwünschten gewissen Lust. Die Verhältnisse liegen hier 
also so, dass eigentlich etwas wie ein Missbrauch des Wortes Krankheit 
vorliegt, denn obwohl Fieber und Eiterung doch sicher krankhafte Zu- 
stände sind, bleiben sie doch vor allem lebenerhaltende Reaktionen 
und wünschenswerte Erscheinungen eines Lebens unter besonderen 
Umständen. Von diesem Gesichtspunkte wird der Ausdruck Krankheits- 
wille in ganz anderem Sinne ungeschickt, indem nicht mehr die Be- 
zeichnung Wille, sondern das Wort Krankheit bemängelt werden 
müsste, denn nicht Krankheit, sondern Gesundheit ist das gewollte End- 
ziel der Reaktion, die wir Krankheit nennen. 

Der Organismus hat kein unmittelbares Interesse an Eiter 
und Fieber, sondern sie sind ihm nur Mittel zum Zweck, und er will 
sie also auch nur als solche; wenn er das Endziel die Vernichtung 
der Unlust will, so muss er eben auch das Mittel und den Weg 
dazu wollen. Man kann aber nicht verlangen, dass er diese Er- 
scheinungen an und für sich als gewollte betrachtet, etwa wie ein 
kampffrohes Volk Fehde und Krieg. 

So betrachtet wird es auch dem Neurotiker einleuchten, dass er 
einen Willen zur Neurose und dass er dementsprechend einen Widerstand 
gegen ihre Beseitigung in der Analyse habe, dass er auf gut Deutsch 
gesagt, gar nicht gesund werden wolle, denn die Neurose ist ihm ja ein 
selbstgeschaffener, also selbstgewollter Schutzbau gegen seelische 
Unlust, gegen die Bedrohung von seiten als unerträglich empfundener 
Vorstellungen, wie dort von seiten unerträglicher Bakterien. 

Dieser Vergleich hat meinen Kranken stets gut eingeleuchtet. 
Aber nun weiter. Die Unlust, der ich vermittels der Neurose zu ent- 
gehen trachte, stammt aus den unbeliebten Anforderungen einer allzu 
rauhen Wirklichkeit. Dir fühlt man sich in der konstitutionell gegebenen 
leichteren Verwundbarkeit des nervösen Charakters nicht gewachsen. 
Von ihr aus zieht man sich zurück in das Land seiner phantastischen 
Träumereien, „weil man sich schon von klein auf an im Wettbewerb 
mit Altersgenossen unterlegen" wähnte, wie man mir das eben begründete. 
In dem Bereich des psychischen Geschehens kann ich mir eben mittels 
einer Vorstellung und Absicht keine organische Aenderung meines 



172 I. Marcinowgki 



Wesens hervorrufen, sondern ich bin auf eine scheinbare Bildung, 
auf ein „so tun als ob" angewiesen. Ich kann also z. B. nicht auf 
einmal aus einem sinnlichen ein unsinnliches Geschöpf werden, so viel 
mir auch daran liegt ; ich kann nur so tun, als ob ich es geworden sei, 
und selbst daran zu glauben versuchen. 

Fast aus jedem Patienten ist eine Bestätigung solcher Sätze 
herauszuholen, die meisten bringen sie sogar ungefragt aus sich selbst. 
Damit gewinnt der „Wille zur Krankheit" und das „Interesse 
am Kranksein" sowie das „Interesse am nicht Genesen" einen 
neuen Inhalt. Die Krankheit und das Festhalten an ihr wird nun doch 
auch unmittelbar zur Lust, nicht nur zum Schutz gegen Unlust; 
denn wenn wir uns die Neurose von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, 
und sie als Lust, nämlich als eine phantastische Ersatzlust an- 
sehen, die wir im Reiche der Illusionen an Stelle der Lust setzen, die 
wir in der Wirklichkeit nicht an uns zu reissen wagten, so wird diese 
dichtend selbst geschaffene Ersatzlust einen subjektiven Wert besitzen, 
für den wir dem Kranken gar keinen Ersatz in der Wirklichkeit zu bieten 
haben. Eine Patientin, von der ich gleich noch sprechen will, sagte 
mir soeben ganz treuherzig: „Ja, wer garantiert mir denn dafür, dass 
ich nachher glücklicher sein werde, wie ich es jetzt trotz alles meines 
Krankseins bin." — „Wenn ich das alles (meine Phantasien) aufgeben 
soll, kann ich nicht mehr leben!" 

Aehnliche Aeusserungen könnte ich zu Dutzenden anführen. Und 
dabei hatte die Kranke in ihrer Art nicht unrecht, denn was ich von 
ihren Träumereien wusste, das konnte ihr keine Wirklichkeit jemals 
auch nur andeutungsweise erfüllen, und das trifft für alle unsere Kranken 
zu, denn alle leisten sich, verhüllt oder unverhüllt, in gluterfüllter 
Phantasie Märchen von Lust und Wonne, die selbst der schönheits- 
trunkene Sinnenkultus des alten Hellas nicht in der Realität zu bieten 
vermocht hat. — Wenn der Kranke demgegenüber auf seine Qualen und 
seine Leiden hinweist und sich mit dem Vergleich von Eiterbildung und 
Fieber nicht bedeuten lassen will, so hat er ferner die Lehre noch nicht 
begriffen, dass auch dieses „Leiden" ein selbstgeschaffener Zustand zum 
Zweck eines unlusttilgenden Lustgewinnes ist, nämlich eines Lust- 
gewinnes auf Umwegen, auf dem Umweg über die Vorstellung einer 
sühnenden Strafe für verbotene Lust. 

Er leidet ja an dem Aberglauben, an dem allgemein menschlichen 
Aberglauben, den das Christentum paulinisch-augustinischer Art nur in 
ein regelrechtes System gebracht hat, an dem Aberglauben, dass 
im Grunde alle Erotik sündige, d. h. verbotene Lust sei. 
Da aber jedes Schuldgefühl seine Lust ausserordentlich beeinträchtigt, 
so sucht er sich dem durch einen sühnenden Ausgleich von Selbst- 
bestrafungen und selbstauferlegten, also als Lustwillen gewollten 



Glossen zur Psychoanalyse. 173 

Kasteiungen zu entschuldigen. Dies ist ja der Sinn aller Zwangs- 
vorstellungen, Zwangszeremonien, Phobien usw. Der Kranke darf keine 
Freude, keinen Genuss, keine Lust haben. Seine ganze Krankheit wird 
eine grosse Geste dieses Bussgedankens, ein viel verschlungenes „Ich 
kann nicht" auf allen möglichen Gebieten, gespickt mit pseudokörper- 
lichen Lusthinderungen , von Kopfschmerzen und Schwäche bis zum 
wohlausgebildeten Angstzustande ') in unübersehbarer Fülle. 

Also die Krankheit ist sogar in zwiefacher Hinsicht eine gewollte. 
Einmal weil sie als phantastische Ersatzlust unmittelbare Lust ent- 
hält, und zweitens, weil sie durch das Leiden dabei die Unlust der 
Schuldvorstellung mindert. Das ist das, was Freud den Kompromiss 
zwischen der verdrängten Lust — der verdrängten, weil verbotenen 
Lust — und der verdrängenden Kraft des abergläubischen Schuldgefühls 
bzw. des sühnesüchtigen Entschuldigungsbestrebens nennt. 

Nun fragt der Patient sehr folgerichtig: „Warum hört denn die 
Krankheit nicht wieder auf, wenn ich die böse Lust gebüsst habe, 
warum dauert der sühnende Strafzustand unentwegt fort?" — Weil 
der Kranke sich mit der Strafe einen Freibrief erkauft, um in der 
Phantasie immer wieder aufs Neue weiter zu schwelgen, und weil er 
dies tut, weil sein ganzes Wesen von der unterbewussten Unterströmung 
erotischen Lustschwelgens begleitet wird, so begleiten diese Strömung 
auf der Oberfläche als ein ebenso unaufhörlicher sühnender Strafzustand 
die Qual und das Leiden des Neurotikers als etwas Unlust mildernd 
Erstrebtes und also Gewolltes. 

Und auch darum ist die Neurose in letzter Linie Lust, weil sie 
eigentlich nichts anderes bedeutet, als eine fortgesetzte Kette 
lang ausgedehnter phantastischer Akte von Selbstbefrie- 
digung. Die Krankheit ist eine Maske der Lust, würde Stekel 
sagen. 

Die Patientin, die mir eben ihren Zweifel ausdrückte, ob sie nach 
der Genesung glücklicher sein werde, hatte als Kind mit einer anderen 
Gespielin allerhand erotische Torheiten getrieben, Mann und Frau und 
was dergleichen in jenem Alter an der Tagesordnung ist. Dann hat 
sie des Abends im Bettchen dergleichen Dinge unter Zuhilfenahme von 
Puppenspielzeug fortgesetzt, bis ihr auf einmal ein Schuldgefühl aus 
diesem kindlichen Treiben erwuchs. Es gelang ihr nun zwar innerhalb 
kurzer Zeit, die Onanie völlig zu lassen, aber an ihre Stelle trat 
ein stundenlanges phantastisches Gaukelspiel mit aller- 
hand wilden Gedanken und Bildern. 

Sie malte sich aus, sie wäre in einem Knabenpensionat und nähme 
an den wilden Spielen der Jungen teil, aber sie würde dabei roh be- 

') Angst in Dienste des Strafvollzuges. Vgl. Der Mut zu sich selbst, Kap. XII, 
Seite 336. 



174 I. Marcinowski 



handelt, geprügelt, zu Boden gerissen und mit Füssen getreten und der- 
gleichen. Später wechselten die Phantasien, und jetzt lebt sie als er- 
wachsener Mensch ein völlig von der Wirklichkeit abgekehrtes Traum- 
und Phantasieleben (Illusionsprinzip) und tut so, als ob sie totunglücklich 
darüber wäre, dass sie nicht gleich anderen in tüchtiger Arbeit etwas 
leiste und in realer Liebe starke Kinder zeuge. Sie ist ein faules, 
molliges Haremsweibchen geworden, das auch mit dem Gedanken an 
Tüchtigkeit nur in der Phantasie zu spielen vermag. 

Das Vorbild davon lautete in der Wirklichkeit folgendermassen : 
„Warum habe ich die Liebe meines Vaters nicht durch Tüchtigkeit 
und Leistungen an mich gerissen, das hätte ich doch leicht können. 
Aber es kam mir unwürdig vor, mir seine Liebe durch so etwas zu er- 
schleichen. Ich wollte um meiner selbst willen geliebt werden und so 
wie ich bin." — Ein schöner Vorwand, um eine faule Traumliese zu 
bleiben. — 

Ergibt sich aus dem allen nun nicht etwa ohne weiteres, dass 
ihr ganzes wirklichkeitsabgekehrtes , neurotisches Seelenleben eine 
fortgesetzte Selbstbefriedigung war, die sich unmittelbar als 
psychologische Ersatzbildung aus der gewöhnlichen Onanie heraus ent- 
wickelt hatte? Und benimmt sich der Neurotiker, wenn er gegen die 
Analyse Widerstand zeigt, oder wenn er Angst vor den Anforderungen 
des realen Lebens mit seinen Pflichten in Beruf und Familie hat, nicht 
genau so, als wenn ein Kind des Abends bei seinen erotischen 
Träumereien gestört wird? — Unter Umständen äussert sich der Er- 
wachsene wie das Kind mit wildem Affekt bei einer solchen „Störung", 
die ihm aus dem Reich des Realen entgegentritt. Und könnte man 
nicht die Neurose ganz gut unter dem Bilde begreifen, dass ein er- 
wachsener Mensch sich halb entkleidet, mollig und lüstern auf seinem 
Felldivan einmummelt, die Tür nach der rauhen Wirklichkeit abriegelt 
und sich dann mit einer guten Zigarette und einem schlechten Buch 
bewaffnet seinen Träumereien hingibt? — Wird er nicht sofort geneigt 
sein, sich mit „negativen Uebertragungen" und „Widerständen" gegen 
jeden unangenehmen Störenfried zu wehren, der ihm in solcher Situation, 
Lust unterbrechend, also störend, nahe kommt? — Die Rolle des be- 
handelnden Arztes! 

Man betrachte nur einen Kranken mit Zwangszeremoniell von 
diesem Gesichtspunkt aus. Ich erzählte Ihnen von dem jungen Menschen, 
der stundenlang am Tage damit zubringt, erstens natürlich im Bett zu 
liegen, in dem er sich „geborgen" und „sicher vor Angst" wie „im 
Schoss der Mutter" fühlt, der einen ganzen Traum, ein ganzes Traum- 
bündel von Mutterleibs- und Eltern-Koitus Phantasien fortwährend 
traumhaft und symbolisch durchlebt, der, naoh seinen eigenen Worten, 
wie nach dem Prinzip der ewigen Seligkeit dreiviertel des Tages in 



Glossen zur Psychoanalyse. 175 



den Geschlechtsteilen seiner Mutter wohnt, die ihm durch das Bett und 
auch durch sein Zimmer (Bauchraum) symbolisiert werden, und der 
noch ausserdem als vollbewusst gefühltes „Mädchen" den gleichzeitigen 
Begattungsakt seitens des Vaters durchkostet. (Verfolgungstraum in 
dieser Lage usw.) Ja, was ist denn diese Krankheit anders als eine 
fortgesetzte und künstlich in die Länge gezogene Selbstbefriedigung, 
notabene genau nach demselben Muster gebildet, wie er als Knabe ge- 
wohnt war, die reale Onanie durch wiederholte Unterbrechungen zu 
einer langen Vorlust zu gestalten usw.? 

Gelingt es uns also, eine solche Krankheitsbildung als eine 
symbolische Ersatzlust, also als Lust, zu entschleiern, die die an 
Stelle der aufgegebenen Onanie oder oft auch mit ihr vergesellschaftet 
das Leben des Kranken überwuchert hat, dann wird er die Neurose als Aus- 
druck einer zum mindesten gesuchten Lust anerkennen müssen, einer 
Lust, die selbst noch in dem Schmerz und in der Qual der Neurose 
Dachzittert; und er wird zugeben müssen, dass er von seinem Stand- 
punkt aus ganz logischer und verständlicher Weise einen Widerstand 
gegen das Gesundwerden haben muss, trotz allen Leidens in der 
Krankheit. Er klammert sich an Strohhalme, und will sie in seiner 
Angst nicht loslassen, wenn man ihm die rettende Hand bietet. Daher 
ist der Angstneurotiker so viel leichter zu behandeln als der Zwangs- 
kranke. Dieser hat eben ein viel grösseres Interesse an dem Festhalten 
der Krankheit. Die Angst schützt ihn vor einer zwar verabscheuten 
aber doch im Grunde ersehnten Lust. Der Abscheu ist aber sehr viel 
leichter zu überwinden, er ist zu künstlich und unecht. Der Zwangs - 
kranke aber hat sich vermittels seines Sühnezeremoniells in den Zustand 
der Gnade (wie es im katholischen Katechismus heisst) geflüchtet. 
Ihm seine Zwangshandlungen wegnehmen, heisst ihn in den Stand der 
Sünde zurückversetzen, seine ewige Seligkeit gefährden. Seine irdische 
ist nach dem Prinzip des Damoklesschwertes so wie so beeinträchtigt. 

Darum sträubt er sich von seinem abergläubischen Standpunkte 
aus mit vollem Recht. Denn alle Nervosität ist in letzter Linie der 
Ausdruck abergläubischer Furcht vor strafenden dämonischen Gewalten. 
Die reine Angsthysterie sucht verbotene Liebe, der Zwangskranke 
aber büsst in seinen Vorstellungen Verbrechen und Hass. 

Für beide aber ist die Neurose ein selbstgeschaffener Schutzbau 
vor dem unerträglichen Schuldgedanken. Gewiss, jeder Neurotiker will 
auch ausserdem gesund werden; aber so wenig wie er die Traumlust 
seiner wunscherfüllenden Phantasien und Rollenspielereien missen will, 
so wenig will er sich aus diesem Schutzbau heraushetzen lassen und 
so sehr er sich nach der Freiheit und der Wirklichkeit da draussen 
im Gesunden sehnt, die abergläubische Todesangst, die ihn zurückhält, 
ist noch grösser, die Furcht vor den Schuldideen siegt, und der Kranke 



176 I. Marcinowski 



wehrt sich wie ein Verzweifelter gegen das drohende Gesundwerden. 
Er benimmt sich wie ein Zahnkranker, der im letzten Moment die er- 
lösende Hand mit der Zange zurückstösst und auf den Knien fleht, 
man solle ihm die Zähne drin lassen, oder wie ein Mensch, der in einer 
Feuersbrunst lieher umkommt, als dass er sich entschlösse, in das rettende 
Tuch hinabzuspringen. Bei diesen Beispielen fehlt allerdings die Lust 
an der Krankheit, es ist mehr die Furcht vor der Unlust betont. Aber 
Beispiele hinken immer etwas, und hier hinkt eben der ganze Begriff, 
denn niemand will ja die Krankheit an sich, sondern Alle wollen sie 
Lust, und wollen sie ohne Schuld, und es sieht nur so aus, als ob sie 
den Weg dorthin, der Krankheit bedeutet, selbst wollten. Aber tatsäch- 
lich kommt beides auf dasselbe hinaus. 

Die Krankheit als Schutzbau entlarven heisst eben aufdecken, dass 
man hinter der Krankheit als Vorwand seine verbotene Lust versteckte. 
Diesen Zaun herunterreissen zu lassen, wehrt sich der Kranke aus dem 
moralischen Vorurteil heraus, dass er dann als verfehmtes Individuum 
in aller Augen dastehen würde. Ausserdem will er sich die Lust nicht 
nehmen lassen und fürchtet durch die Entdeckung zugleich ihren 
Verlust. 

Dazu kommt noch eins. Kein Mensch will sich in seinem Selbst- 
gefühl beeinträchtigt sehen. Weisen wir also einem Kranken Vorstel- 
lungen nach, die er nun einmal in seinem Wahn für hässlich und ge- 
mein statt natürlich hält, dann dürfen wir Aerzte nicht Recht haben, 
denn sein Selbstgefühl duldet das nicht. Und warum hat er ein so 
glühendes Interesse daran, dass er gerade hierin nicht gekränkt werde? 

— Nun, weil sein Lieb es wert davon abhängt, wie viel er gilt. Darum 
drängt der Neurotiker das Bewusstsein seiner vermeintlich unerlaubten 
Vorstellungen auch vor sich selbst in die Tiefe des Nichtwissens. Zur 
Abänderung im Realen aber dünkt er sich zu schwach, und ausserdem 
ist das viel bequemer und führt vielleicht genau so gut zum Ziele 

— sagt er sich — , wenn man solchen Wert nur vortäuscht, nur gelten 
und scheinen will, statt werden und sein. Kurz, wir können uns also 
drehen und wenden wie wir wollen, der Kranke hat ein allerperaön- 
lichstes Interesse — und zwar ein erotisches — an seiner eigenen Krank- 
heitsschöpfung und an dem Festhalten an ihr, und unehrlich und selbst- 
betrügerisch bleibt er unter allen Umständen. 

Trotzdem sind Leiden und Qual auch eine Realität, aber für das 
erste ist beim Kranken die Unlust im Leiden immer noch geringer als 
die Scheu vor den vermeintlich lustraubenden Anforderungen der Wirk- 
lichkeit, denen er sich durch die Flucht in die Krankheit, eben 
durch den Krankheitswillen, entzog und seitdem im Reich phantastischer 
Ersatzlust lebte. Nun gilt es, ihm nachzuweisen, das heisst, ihn fühlen 
zu lehren, dass er gerade in seinem Luststreben keine riesenhaftere 



Glossen zur Psychoanalyse. 177 



Dummheit begehen könne, als dieser Ersatzlust von doch sehr zweifel- 
haftem Wert weiter zu frönen. 

So brachte ich kürzlich eine der leidenschaftlichsten Liebesübertragungen auf 
mich dadurch zum Schwinden, dass ich der Patientin immer wieder nachwies, wie sie 
sich gerade durch das Festhalten an der Uebertragungsphantasie aller jener Lustquellen 
beraubte, die ihr von meiner Person her sonst hätten zufliessen können. Und siehe, 
nach ein paar Wochen stellte sie mit grosser Befriedigung fest, dass sich aus solchen 
Einsichten praktische Folgen entwickelt hatten. 

Kommen wir bei allen diesen Fällen nun ohne den Begriff des 
Willens zur Krankheit und des Widerwillens gegen das Gesundwerden 
aus? — Nein. Aber sollen wir nicht trotzdem nach einer Bezeichnung 
suchen, die weniger leicht einen logisch berechtigten Widerstand des 
Patienten hervorruft? — Ein einfaches Wort habe ich dafür bisher nicht 
finden können. Umschreibungen werden sieb kaum umgehen lassen. 
Besser als all das hat sich immer wieder auf alle Einwendungen die 
alte Gegenfrage bewährt: „Was haben Sie für ein persönliches Interesse 
daran, diesen Zustand zu besitzen, zu wünschen, gebildet zu haben und 
ihn festzuhalten? Wozu dient er Ihnen? (nicht, warum ist er da, 
oder woher stammt er, das kann selten jemand beantworten). — Ein 
Beispiel: „Ich fürchte, ich werde verrückt werden und komme doch 
noch ins Irrenhaus." — Natürlich klagt das der Kranke mit überlegen 
lächelnder Miene. — „Was haben Sie für ein Interesse daran, verrückt 
zu werden?" lautet dann die verblüffende Gegenfrage. Nun, und ein 
solches Interesse liegt ja nach mannigfacher Bichtung hin tatsächlich 
vor: Das Fehlen sittlicher Verantwortlichkeit bei einem Geisteskranken ; 
die Möglichkeit, auch die wüstesten Phantasien ungestraft austoben zu 
können, gepaart mit Strafgier usw. ! ). — Das alles sind durchaus er- 
strebenswerte Lagen, für den Wunsch nach Lust ohne Schuld. Oder aber, 
einem Patienten fällt nichts ein. Er ist unaufmerksam und meint, es 
wäre doch natürlich, dass er bei dem schönen Frühlingssonnenschein daran 
dächte, bald in den Wald zu kommen. „Was hat der für ein Interesse 
daran, jetzt nicht aufpassen zu können?" — Je nun, die Analyse war 
an einem Punkte angelangt, der peinlich zu werden drohte, und so pro- 
duzierte der „Krankheitswille " Unaufmerksamkeit und eine ehrlich ge- 
glaubte Frühling8sehnsucht, um das bedrohte Selbstgefühl des kleinen 
zehnjährigen Zwangsneurotikers aus den Klauen des Arztes zu retten. 

Bedarf es da noch des Beweises, dass diese Widerstands- 
reaktion des bedrohten Selbstgefühls dem Kranken wich- 
tiger ist als die Arbeit mit dem Arzt und das Gesund- 
werden? — Warum hält jener Zwangsneurotiker, von dem ich sprach, 
so angstvoll daran fest, Hemd und Kleidungsstücke, sein Zimmer und 
alles, was ihn umgab, stundenlang auf irgend eine Unsauberkeit oder 



») Wiederholt beobachtet. Vgl. Mut zu sich selbst, S. 152/3. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 12 



178 I- Marcinowski 



die Ordnung hin zu untersuchen, ehe er Hemde, Bett und Wohnung 
verliess? Was hatte er für ein persönliches Interesse daran? — Nun, 
der Affekt war in seiner ganzen Stärke wohl erklärlich, denn er trach- 
tete damit danach, immer wieder jede mögliche Spur des phantasierten 
Mutterinzestes hinter sich zu verwischen. Er fürchtete, seine Mutter 
„innerlich beschmutzt" zu haben, weil eres fortwährend zu tun wünschte 
— der Wunsch ist ja der Vater aller Gedanken — und er fürchtete 
in „Todesangst" den Vater und die strafende Gottheit. So hatte er 
tatsächlich ein persönliches Interesse, sowohl an dem, was er wün- 
schend fürchtete, dem Inzest, als auch an dem, was er sühnend tat: das 
grosse Reinigungszeremoniell in seinem nur noch der Krankheit ange- 
hörenden Lehen. 

Wir ertappen den Neurotiker ferner stündlich darauf, dass er sich 
in der Rolle eines Kindes gefällt (Mut zu sich selbst. Seite 328 ff.), 
durch die er sich den Verpflichtungen der Erwachsenen und den An- 
forderungen des realen Arbeitslebens geschickt zu entziehen versteht 
Er flüchtet unter Mutters Schürze, oder auf Vaters Arm, d. h. in die- 
jenige Lebenslage, die dem Kranken gemäss seiner alten Inzestwünsche 
als die lustbetonteste seines Lebens dünkt. Ist solches Rollenspiel etwa 
nicht Lust? — Erhärten wir das Gesagte wieder kurz an einigen Bei- 
spielen. 

1. Eine 80jährige Lehrerin inachte einen auffallend kindlichen Eindruck in 
ihrer ganzen Art sich zu geben. Als der alte greise Vater sie hier besuchen kam, 
fiel sie plötzlich noch weiter zurück und benahm sich etwa wie sich ein Mensch be- 
tragen würde, dem man in der Hypnose den posthypnotischen Auftrag gegeben, sie 
wäre 5 Jahre alt, 

Als ich sie im Garten traf, blieb sie mit verschämtem Lächeln stehen, steckte 
den Finger in den Mund, lief dann trippelnd zurück und versteckte sich hinter einen 
Baum. Ich bemerke dazu, dass sie im Uebrigen ein ernster und im Beruf tüchtiger 
Mensch war und keineswegs etwa ein geistesschwacher, wie man aus diesem vorüber- 
gehenden, aus dem Zusammenhang gerissenen Verhalten etwa schliessen möchte. 

Die Geschichte dieses Mädchens war folgende: Bis zu ihrem 6. Lebensjahr war 
sie der verwöhnte und mit Zärtlichkeiten überhäufte Liebling des Vaters gewesen. 
Dann wandelte sich plötzlich dessen Verhalten ins Gegenteil. Die Psyche des Kindes 
geriet aus dem Gleichgewicht, und auch als Erwachsene lag sie oft stundenlang während 
der Nacht an der Türschwelle zu ihres Vaters Schlafzimmer, um Sehnsucht- und 
schmerzgequält auf seine Atemzüge zu lauschen. 

„Muss ich nicht wie ein kleines Kind sein?" gab sie in der Analyse zur Ant- 
wort, „wenn mich mein Vater lieb haben soll? Ist das doch die einzige Zeit gewesen, 
in der ich sein Herz besass." 

2. Auch die Rolle der Hilfsbedürftigkeit gehört mit zu dem „Kind spielen". Ich 
kannte einen Studenten, der nicht arbeiten konnte und Termin auf Termin für das 
Examen versäumte. Und er malte mit dieser ganzen hilflosen Lage doch nichts anderes 
hin als die alte Sehnsucht nach der Mutter, die ihm bei den Schularbeiten nicht nur .-u 
helfen, sondern Wort für Wort zu diktieren gepflegt hatte. 

Auch diejenigen Krankheitsbilder, welche zu tagelangen Dämmer- 
zuständen unter gleichzeitigem Alkoholmissbrauch fuhren, lassen unzwei- 
deutig den Lustcharakter erkennen, die Flucht in wunscherfüllende 



Glossen zur Psychoanalyse. 179 



Träumereien, die bis zu völligem Verlust der bewussten Persönlichkeit 
führen, und von typischer Erinnerungslosigkeit gefolgt zu sein pflegen. 

Der Inhalt dieser Dämmerzustände entsprach bei den 3 Fällen, die ich zu ana- 
lysieren Gelegenheit hatte, einer Mischung von Sehnsucht nach der erotisch begehrten 
Matter und der Rache für die an ihr erlebte Liebesenttäuschung. Der Alkohol 
erleichterte sowohl das phantastische Träumen wie das Vergessen des Schmerzes. War 
Dirnenbesuch damit verknüpft, so lag ihm wie gesagt die Vorstellung höhnender .Rächt; 
zugrunde: Ich brauche dich nicht, ich kann Liebe haben so viel ich will. Dazu ge- 
hörte dann der entsprechende Katzenjammer. 

Ich bin geneigt, nach diesen Beobachtungen die Psychologie der Quartalssäufer 
und Dipsomanen auf diese Formel zurückzurechnen. Der Trauminhalt des einen 
Dämmerzustandes war besonders bezeichnend. Es handelte sich um einen jungen 
Ingenieur, der mir von den Tagen vor Einbruch der Dämmerzustände berichten konnte. 
Sein- Vater, der ebenfalls Ingenieur war, wäre von einer Hochschulfeier nach Hause 
gekommen und hätte von der Preiserteilung an einen jungen Fachkollegen erzählt 
Dabei sei die höhnische Bemerkung gefallen, von seinen Söhnen werde er wohl der- 
gleichen nicht erleben. 

Nun sei ihm der Gedanke gekommen, er wolle eine grosse Preisarbeit lösen, 
dann würden ihm die mehrmals nicht bestandenen Examina mit grossen Ehren erlassen 
werden, und mit diesen, die „seines Vaters weit übertreffenden Leistungen" würde er 
dann vor seine Mutter hintreten und den Dank von ihr einfordern, wie ein sieghafter 
Ritter nach dem Turnier. Diese Gedanken seien dann so lebhaft geworden, dass er 
tagelang wie traumbefangen in ihnen aufging ohne mehr arbeiten zu können. Daran 
schloss sich dann einer seiner typischen, 5 — 6 Tage dauernden Dämmerzustände, die er 
in Kneipen zubrachte. 

Kann es noch einem Zweifel unterliegen, dass ein solcher Krank- 
heitszustand als Handlung und Drama einem w u n s c h erfüllenden Traum- 
bild entspricht? also im Geheimen erträumte Wünsche ins bewusste 
Leben übersetzt, wenn auch nur in symbolischer Verkleidung? dass 
also diese Krankheitszustände Schöpfungen eines 1 u s t suchenden Wollens 
sind — oder bedeutet es etwa keine Lust, wenn ein junger Geistlicher 
von unerklärlicher Unruhe und von völliger Arbeitsunfähigkeit über- 
fallen wird, die sich am Wochenschluss so steigert, dass er zu seiner 
Mutter reist, in deren Stübchen er dann seine Sonntagspredigt glatt und 
hemmungslos niederschreiben kann ? Ist das etwa kein Krankheitswille, 
der einen Zustand schafft, der den Kranken nötigte — der übrigens in 
typischer Weise ebenso eheuntüohtig wie ehesehnsüchtig war — , die 
Nähe seiner vergötterten Mutter aufzusuchen, und der zu gleicher Zeit 
mit dem Krankheitszustand eine Entschuldigung für diese Reise herbei- 
führen musste? 

Zum Schluss möchte ich noch ein Bild mit den Worten einer Patientin schil- 
dern, das den lustsuchenden Krankheitswillen und die Kinderrolle im Dienste 
der Sehnsncht nach dem einst heiss begehrten Vater besonders drastisch malt. Ich zitiere 
wörtlich aus einem Brief an meine Oberin: 

„Des Dr.s Buch liegt eben vor mir, ich habe es vor zwei Stunden bekommen 
und ein bischen drin rumgenascht, missmutig, träge, faul, wie ich bin. Die ganze P.A. 
machte mir keinen Spass mehr. Ich könnte Ihnen noch Dutzende von Deutungen 
schicken, warum ich nicht aufstehen will, und die mir, ausser im Augenblick als 
Phantasieübungen, gar keinen Spass machten. Und nnn heisst es doch immer: wenn 
man es erst weiss, was es ist, dann ist alles gut. Ja, sonst was. Ich werde dick und 



180 !• Marcinowski 



fett und bin gesund und munter und lache auch und kann auch, wenn ich nicht grade 
zu faul bin, sehr ausgelassen sein, es rnuss nur was da sein. Aber tuen tu' ich nichts, 
als so'n bischen hin, was mir grade Spass macht. Und die Kinder sind mir schnuppe, 
und Mutti ist mir schnuppe, und die anderen Leute erst recht. Ich fang' was an und 
denke, ja, das magst Du ; aber wenn ich die geringste Unbequemlichkeit dabei habe, 
lass ich es. Ja, es ist so, dass ich es einfach nicht fasse, wie andere Leute was zu- 
stande bringen, wenn ihnen nicht alles in die Hände geschoben wird. Ich kann schon 
was nähen oder so ; aber, mein Gott, erst alles zusammenholen, es ist so entsetzlich 
vielerlei, schon bloss Schere, Fingerhut aufsetzen, Nadel, mein Gott, und dann auoh 
noch den richtigen Faden. Das müsste einem alles in die Hände getan werden. Wie 
machen das die anderen Menschen bloss ?" „Mein Fräulein- 1 , sagte meine Psychoanalyse 
dazu, „es ist so, Sie wollen partout einen Mann, Sie sind nicht besser als andere, bloss 
noch viel hartnäckiger. Da der nicht zu haben ist, wollen Sie überhaupt nichts." 
„Mein Himmel," sagte ich, „das kann gut und gern sein, aber deshalb könnte ich doch 
etwas tun. Dann müsste ich ja gerade was tun, da käme viel eher einer." „Ja", sagte 
meine Psychoanalyse, „Sie sitzen elender als das bekannte geraubte Dämlein, ton, als 
ob ein Drache Sie bewache, um damit, einen recht Beherzten zu kriegen." „Wenn'i 
man so wäre," sagte ich, „es scheint mir nicht, es macht keinen Eindruck." „Getue, 
Getue," sagte Psychoanalyse wieder, und wir trennten unB unbefriedigt. Heute abend 
las ich, Gott sei Dank, dass es so viele Masken gibt und, Schwester, ich glaube, mit 
meiner Psychoanalyse schiebe ich bloss nur wieder eine neue vor und das könnt ich 
so denn betreiben mit Grazie ad infinitum, es macht mir gar nichts aus. Das 
letzte hatte mich so entsetzlich niedergedrückt. Jetzt mein ich, hab' ich aber doch 
was rechtes. Ich suchte immer beim Sexuellen ; erstens, weil es in den Büchern steht, 
zweitens, weil es doch was unangenehmes ist, und da liegt es ja doch meist. Aber, 
Kind, es ist mir schon ziemlich egal geworden. 

Jetzt habe ich also herausgekriegt, dass es so ist : Ich will noch Kind sein und 
zwar kleines Kind, Sie wissen, das man auf den Arm nimmt. Ich kann nichts selbst, 
und nur wenn man mir was in die Hand gibt, kann ichs. Heut' abend wollte ich baden. 
Alles war zurecht, ich müsste nur in den Keller gehen. Während ich anfing, zu lesen, 
dachte ich: Keine Welt kriegt dich dazu, hinunterzugehen. Es war aber nicht des 
Buches wegen. Ich dachte bis zum letzten nach, was mich wohl dazu brächte, etwa 
wenn ich einen Mann hätte. Nein, nichts, bloss wenn mich einer hintrüge. Ich dachte, 
es ist bloss Verstocktheit und ist dasselbe. Nein, es ist es nicht, ich möchte, es soll 
michwer hintragen. Ich will schreien, zappeln, muss aber doch tun, was der andere 
will. Ich will mich anstellen, aber doch nicht für albern gelten. Ich will quatschen 
und doch für recht gelten. Ich esse sehr viel und weiss nie, wann ich satt oder 
hungrig bin, ich kann schon sagen, beinahe unmässig. Wenn ich Essbares seh, gehe 
ich, ohne es recht zu wissen, hin und esse. Am liebsten Naschwerk (anderes mag ich 
nicht recht in letzter Zeit, was mir als wunderlich auffallt, weil es mir sonst ganz 
gleich war). Sodann habe ich (von jeher eigentlich) so eine gewisse Art, als müsste 
mir manches nachgesehen werden, was bei anderen strenger genommen wird. Ich 
komme, wo ich geh und steh, zu spät. „Kinder, es ist von ihr nicht zu verlangen," 
sagt mein Inneres. Weshalb nicht? Gott, sie ist ja noch so klein. — Ich komme mir 
so lachhaft jung vor, so, wie soll ich sagen, dumm, weil ich jeden Tag unglaublich 
viel lerne, kommt mir vor. Ich lese eine Seite in einem Buche, mein Himmel, s o ist 
das, Herrje, was lern ich alles! Ich möchte sagen, es kommt mir vor, als lernte ich 
jeden Augenblick, doch ich vergesse auch sehr. Raus, rein, wie ein Kind, hier 
was aufschnappen, da aufschnappen, halb vergessen und doch was behalten. Krieg 
ich mal zufällig einen Aufsatz, den ich im Gymnasium gemacht, oder sogar, was ich 
vor zwei Jahren, für meinen Bruder geschrieben, lese ich es neugierig und amüsiere 
mich, dass ich das war, so wie in einem früheren Leben. 

Nun muss ich ein Interesse daran haben, klein zu sein, und das 
glaube ich darin gefunden zu haben, dass ich es sein möchte, meines Vaters wegen. 
Ich habe immer Angst vor ihm gehabt, auch in den besten Augenblicken, unheimliche, 
„peinliche" Angst, seit ich mich besinnen kann; zuzeiten habe ich ihn gehasst, und noch 
Jetzt, wenn ich au das und jenes denke (entehrende Strafen, in denen er gross war) dreht 



Glossen zur Psychoanalyse. J81 



sich mir das Herz im Leibe um (eine Gemütsbewegung, zu der es sonst recht faul ge- 
worden ist). Es sind mir auch noch alle Strafen von ihm im Gedächtnis. Dass ich 
vor ihm zitterte, war nichts Besonderes, da wir Kinder alle vor ihm zitterten, er war 
sehr nervös. — Aber ich entsinne mich verschiedener Dinge, dass er, als ich ganz klein 
war, doch anders zu mir gewesen sein muss. Ich weiss, dass ich auf seiner Arztstube 
sitzen durfte (ehe ich in die Schule ging) und Bilder besehen. Dann taucht mir jetzt 
auf, wie er oben an der Treppe stand, die steil und eng war, mich an der Hand, und 
hinunterrief, es solle mich wer holen kommen. 

Und dann gibt es ein Bild, wo Vater mich auf dem Arm hat, ganz klein, 
and das ich mochte, weil er da so „schön" aussah, d. h. er sieht mich darauf freund- 
lich an. Dass ich das Wesen auf dem Arm war, glaubte ich einfach nicht, kann es 
mir auch jetzt noch nicht denken. Dann neulich hatte ich mal den Heulschauer, und 
such mich in solchen Fällen abzulenken oder es „durchzudenken", so dass ich festzu- 
stellen versuche, was ich eigentlich am liebsten möchte. Als Letztes kommt dann: Ich 
will im Wagen sitzen, neben Vater anter seinem Pelz, nichts sagen 
and sehen, wie die Sterne am Himmel scheinbar immer mitfahren, so 
in alle Ewigkeit hin. Das war öfter so als kleines Kind. Denn ich mag keinen Pelz, 
nein, ich mag keinen und lass mir keinen schenken. Mutter will mir einen Pelzkragen 
schenken, nein Pelz, da bin ich wählerisch, mir gefällt keiner. Wohl mal ein ganz 
teurer ein bischen. Aber eigentlich ist Pelz anders und ich will lieber keinen. Da seh 
ich mal Pelz: Ja, das ist Pelz, so muss Pelz sein, und Gott sei Dank, nun ist alles 
gut, dass es den doch auf Erden gibt. Ich glaubte schon, ich hätte nur geträumt. Es 
war aber ganz simpler Pelz, wie meines Vaters dicker Mantel gefüttert war. Ich war 
baff. Also, in dieser guten Zeit, da will ich sein, wo mich mein Vater gern hatte und 
freundlich ansah, wo ich alles tun konnte, was ich wollte, und wo alles noch gut war, 
mit dem reinen Gewiesen. Wo ich ihn harmlos und ohne heimlichen Schreck 
umarmen konnte, wo er nicht unheimlich war. — Als ich das heraushatte, stand 
ich auf und ging zum Baden und nun schreibe ich, Sela. Ob es nun 
richtig ist? Vielleicht auch wieder Maske. Aber man kommt doch näher." — Kom- 
mentar ist wohl überflüssig. 

Warum erkennt nun der Kranke so selten von selbst, was er tut, wie 
diese Patienten? Auch das ist ein Einwand, der immer gegen die Annahme 
eines Krankheitswillens geltend gemacht wird. Nun, der Kranke steht 
seinen eigenen dramatischen Krankheitsgesten eben genau so kritiklos 
gegenüber, wie wir es dem Inhalt unserer Traumbilder gegenüber zu 
tun pflegen. Träume ich heute, vielleicht ganz un verhüllt, ich hätte 
mit der und jener mir ganz gleichgültigen Person geschlechtlichen Um- 
gang gepflogen, mit einer Person, die sich nachher nur durch irgend 
eine assoziative Verankerung als geeignetes Deckbild für eine ganz 
andere erweist, so stehe ich dem doch im Traume selbst ganz kritiklos 
gegenüber. Ich empfinde es träumend als Realität. Und genau so steht 
der Neurotiker seinen Krankheitserscheinungen kritiklos gegenüber. 
Auch die nimmt er für real und vergisst, dass sie nur Symbolwerte 
sind und zwar geträumte ausserdem. Ich habe schon einmal darauf hin- 
gewiesen 1 ), dass mir diese Auffassung für das Verständnis des neuro- 
tischen Zustandes bei den Patienten von grossem Nutzen war. 

Der Kranke handelt meiner Ansicht nach seinem Trauminhalt 
unter gleichzeitigem Missverstehen, d. h. Wörtlichnehmen des Symbol- 

*) Vgl. „Den Mut zu sich selbst", Kap. XX, S. 264. Die Symbolik des Trau« 
mes ist die Quelle verbrecherischer Neigungen, nicht umgekehrt. 



182 !• Marciaowski 



wertes seiner einzelnen Traumbilder. Alle Neurosen sind ein Hinüber- 
wuchern von Traumzuständen in das wache Bewusstsein. Es besteht 
ganz offensichtlich kein grosser Unterschied darin, ob jener Zwangs- 
neurotiker, von dem ich erzählte, das Leben und den Aufenthalt im 
Mutterleib und die das Innere der Mutter dort beschmutzenden Ergüsse, 
Kot und Samen, nur unter dem Symbol eines andauernden Bettaufent- 
haltes träumt oder ob er diesen Traum als Zwangshandlung symbo- 
lisch lebt — ob er das Innere der Mutter, bevor er sie durch die Ge- 
schleohtsöffnung verlässt, mit typischer Symbolik träumt 1 ) — oder 
ob er dieses alles in Form der Zwangsneurose, wie gesagt, handelt. 

Ich habe darauf hingewiesen, dass uns diese Auffassung auch einen 
Schlüssel zur Erklärung verbrecherischer Verirrungen an die Hand gibt, 
ja selbst des Lustmordes. Nicht eine dem Menschen innewohnende Be- 
stialität sei die Ursache grotesker blutrünstiger Traumbilder, sagte ich, 
sondern umgekehrt: die verbrecherische Handlung sei ein gebändelter 
Trauminhalt unter gleichzeitigem Wörtlichnehmen und also kritiklosem 
Missverstehen der Symbol werte jener anscheinend so fürchterlichen Bil- 
der, die sich aufgelöst als eben so harmlose wie vollberechtigte Sym- 
bole und zwar eines ganz natürlichen, nicht eines perversen Liebes- 
verlangens entpuppen. 

Durch diese Auffassung gelingt es auch, dem Kranken seine wohl- 
gehüteten Geheimnisse zn entlocken und ihn sein Genesungswiderstreben 
aufgeben zu lassen, denn er hat dann nicht mehr etwas Grauenerregen- 
des und Fürchterliches, nichts Verbrecherisches mehr zu bekennen, son- 
dern wie gesagt, etwas harmlos Natürliches. Ich glaube nicht, dass 
man dem vorwerfen kann, es begünstigte die Entschuldigungstendenzen 
der Neurose, und damit wäre es eine Therapie, die eigentlich der Sym- 
ptombildung eher entgegenkäme als sie auflöse, indem man ihr den Affekt- 
wert mildere*). 

Im Neurotiker wird also das Interesse an seiner nur noch gedach- 
ten und nur noch in der Illusion bestehenden Ersatzlust ein so grosses, 
dass ihn der Krankheitswille — hier gleich Lustwille — zwingt, sym- 
bolisch verhüllte Traumbildungen kritiklos immer wieder zu erleben, 
und den Inhalt seiner wohlverschleierten Inzestwünsche auf diese Art 
dauernd dramatisch für sich selbst darzustellen, und in der Krankheit 
darstellend zu gemessen. Denn wo wir auch den Hebel ansetzen, 
immer ist es zum Schluss der Inzestwunsch und die aber- 



') Ich erinnere: Ihm ist auch Zimmer und Wohnung das Mutterinnere und er 
muss es peinlich in Ordnung bringen, ehe er es verlässt, und er phantasiert z. B., da» 
er nackend durch die Türöffnung hin und her gehe, sich dort an der Tür reibe und 
dabei auf einmal einen Samenerguss bekomme. — -) Vgl. St ekel, Zur Psychologie 
der Alkoholfestigkeit und der Entschuldigungstendenzen. Zentralblatt für Psychoanalyse, 
III. 4 — 5 S. 910. „Diese Mechanismen zur Entschuldigung werden sogar von den 
Psychoanalytikern als Kunstgriff in der Therapie angewendet/' 



Glossen zur Psychoanalyse. 183 



gläubische Dämonenfurcht, die auf dem Grunde der 
Psyche als treibende Kräfte der Neurosenbildung erwie- 
sen werden. 

Freilich, ihn findet nur der mit unbeirrter Sicherheit, der bis in den 
Grund der eigenen Seele hinab die neurotischen Widerstände unter- 
sucht hat oder der sie von Freundeshand aufdecken und vernichten 
Hess, Widerstände, die sich dem Erkennen widersetzen, dass es solche 
vermeintlichen Ungeheuerlichkeiten ganz selbstverständlich und natür- 
licherweise gab und geben muss. — 

Von der Uhzweekmässigkeit des Ausdrucks: Krankheitswille, waren 
wir ausgegangen, und je mehr wir dem Inhalt dieses Begriffes nach- 
spürten, desto berechtigter erwies sich uns der Ausdruck selbst. Also 
es bleibt bei dem Willen zur Krankheit? die Auffassung der Krank- 
heit als einer instinktiven, unbewusst bewerkstelligten Flucht in die 
Krankheit ist am Schluss der Analyse nur eine Verschleierung? eine 
halbe Heuchelei? und das Interesse an der Krankheit doch das Aus- 
schlaggebende? — Ja, und doch wieder nein, und wie ich erwähnte, 
aus taktisch-praktischen Gründen zunächst, im Beginn der Analyse, noch 
„nein", damit die Widerstände nicht unnötig schroff hervorgerufen 
werden. Später darf es keine Schonung zarter Empfindlichkeit mehr 
geben. Darin stimme ich S t e k e 1 voll und uneingeschränkt zu. Es 
ergibt sieh als wichtigste Aufgabe der Psychoanalyse, den Widerstand 
des Kranken gegen seine Heilung aufzudecken, und ihn dann 
zu überzeugen, dass er nicht gesund werden will, weil er auf sein ge- 
heimes Lebensspiel nicht verzichten mag. (Zentralblatt für Psychoana- 
lyse, III. 45 und Ausgänge der psychoanalytischen Kuren S. 187.) 

Schwierigkeiten sollman dem Kranken nicht wegräu- 
men, und es ihm nicht allzu leicht machen. Das macht das Leben ja 
auch nicht, dem er in der Realität gewachsen sein soll, und Psycho- 
therapie soll ein Gegensatz zu dem verweichlichenden in Watte packen 
seitens der Angehörigen sein. Er muss sich ertragen können auch mit 
der Erkenntnis vom Krankheitswillen. — 

Und trotzdem ist das Wort ungeschickt, denn es rückt uns immer 
in einen Widerspruch zu der Auffassung grundsätzlicher Determiniert- 
heit aller psychischen Vorgänge. Empfinden wir doch mit Recht: Die 
Dinge wachsen und reifen aus sich selbst, wir sind besten- 
falls einsichtsvolle Zuschauer dabei! — 

Eine Kranke, die mir mit ihren Aeusserungen zum Anlass dieses 
Aufsatzes wurde, begegnete mir mit den Worten: „Ich kann doch nicht 
anders. Ich bin Zuschauer und ohnmächtig gegen das Spiel der wech- 
selnden Stimmungen und Affekte in mir. Höre ich nun vom „Krank- 
heitswillen", dann meine ich immer, ich müsste mich zwingen, anders 
zu wollen, und ich sehe doch, dass das nicht geht.". — Solche Ueber- 



184 !■ Marcinowski 



legungen führen allerdings zu unberechtigter Mutlosigkeit, denn auch 
die Heilung wächst und reift aus sich selbst, wenn ihre Zeit da ist, 
und gehorcht nicht dem Willen des Kranken. Auch kann der Arzt den 
Kranken nicht zwingen, seinen Krankheit s willen aufzugeben; aber 
die Erkenntnis, die er schafft, wirkt wie ein Samenkorn, 
das aufgeht, mit oder gegen unseren sog. Willen. 

Dies Samenkorn heisst: Einsicht in die wahren Motivie- 
rungen der Krankheitszustände. Wer die ehrlich gewonnen 
hat, kann sich auch vor dem Gesundwerden nicht mehr schützen. Dazu 
gehört es freilich, dass wir nicht immer in den oberflächlichen Schichten 
der psychologischen Begründetheiten stecken bleiben. Allzu leicht be- 
gnügen wir uns mit der Zurückführung der Symptome auf den nächsten 
Komplex. Auch dieser muss erst motiviert werden. Warum und wozu 
entstand er? Im Dienste welches persönlich-egoistischen Interesses? 

Denn erst wenn man den letzten Egoismus und das tiefste 
erotische Begehren herausgeholt und bewusst gemacht 
hat, erst dann ist auch der Krankheitswille erklärt und 
zur Heilung reif. Das aber heisst nach unseren Erfah- 
rungen allemal, das Inzestbegehren des Kindes aufdecken. 

Die kindliche Unsicherheit und ihr Ausgleich im „männlichen 
Protest", das muss immer wieder gesagt werden, ist kein treibendes 
Motiv, kein letztes Warum. Erst die Erkenntnis, dass mein Wert als 
Liebesobjekt — u. zw. einem ganz bestimmten Menschen gegenüber 
— von meinem Gelten abhängt, erst das ist die Triebkraft zur Bildung 
des nervösen Charakters mit seinem überverletzlichen Selbstgefühl und 
seinem Misstrauen in die eigene Art. Adlers Gesetze zeigen uns nur 
die Form, in der das Weitere verläuft. Nur wer nicht warum fragt 
bis ans Ende, kann Adler zustimmen, er habe die Sexualität in der 
Neurosenlehre aus der Stellung eines bewirkenden Faktors in die einer 
fast belanglosen Nebensächlichkeit gedrängt. 

Den Krankheitswillen erkennt nur der, der ihn auf ursprüng- 
lichste Triebkräfte zurückführt, in deren Interesse und Dienst er steht. 
Aber Gernegrosse und das bedrohte Selbstgefühl erhalten Kraft und 
Blut für ihr Gebaren erst aus diesem erotischen Interesse am per- 
sönlichen Wert in den Augen des Geliebten. Und dieser Wert wird 
Lust dadurch, und darum streben wir wenigstens nach seinem Schein 
im Schutzbann der Neurose, und darum muss es schon beim Krankheits- 
willen bleiben, und wenn die Kranken sich an diesem Ausdruck 
stossen, so ist das gut, und nur eine neue Gelegenheit zum Ringen 
um Wahrheit und ehrliche Selbsterkenntnis. — 

Diese ganze Auffassung vom Krankheitswillen des Neurotikers 
entspricht auffallend dem instinktiven Erkennen, dem wir in der v o 1 k s- 
tümlichen Auffassung vom Wesen der Nervosität begegnen. Die Affekt- 



Glossen zur Psychoanalyse. 185 



stärke, mit der man namentlich auf die Diagnose Hysterie, wie auf ein 
Schimpfwort zu reagieren pflegt, ist nur eine weitere Bestätigung unserer 
Auffassung vom Krankheitswillen, denn solche affektstarken Reaktionen 
beweisen hier wie überall, dass man sich getroffen fühlt. 

Trotzdem, wer einem Kranken, gestützt auf unsere wissenschaft- 
lichen Beweise, den Krankheitswillen entgegenhalten würde, ohne Ana- 
lytiker zu sein, d. h. ohne ihm diese Tatsache in jedem einzelnen Falle 
und bei jedem einzelnen Symptom aufs neue nachweisen zu können, 
der wirkt unweigerlich verletzend, denn seine Worte enthalten dann 
einen sittlichen Vorwurf, sind auch wohl kaum anders gemeint. 

Dagegen sträubt sich der Patient in seiner Empörung mit Recht, 
und solches Vorgehen wäre nicht nur völlig unpsychologisch, sondern 
bedeutete auch eine nutzlose Kränkung, da sie dem Patienten niemals 
helfen, d. h. zur Einsicht führen kann. Die erwächst ihm nicht aus 
blossen Behauptungen, auch wenn wir noch so recht haben ; die erwächst 
ihm nur da, wo es uns gelingt, den Kranken das selber finden zu lassen, 
was wir, die wir kein persönliches Interesse an der Verschleierung dieser 
Tatsache haben, schon längst durchschauten. 

Durch dieses Schlusswort müssen wir Analytiker uns vor einem 
unberechtigten Missbrauch unserer Ergebnisse zu schützen trachten. 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen 

Verderbtheit. 

Von Gustav Major, Berlin-Seehof. 

Immer noch ist der Begriff der Debilität nicht klargestellt, immer 
noch sieht man in der Debilität eine Schwachsinnsform, die nur in- 
tellektuelle Anomalien aufweist. Alle die Fälle des Schwachsinns, in 
denen ethische Mängel vorherrschen, rechnen viele einfach zur morali- 
schen Verkommenheit und wollen diese Kinder in Fürsorgeanstalten 
untergebracht wissen. Wieder andere konstruieren eine besondere 
Form, den moralischen Schwachsinn, und geben jede Möglichkeit der 
Beeinflussung auf. Einen' ethischen Schwachsinn gibt es nicht, da alle 
ethischen Begriffe an Vorstellungen gebunden sind und somit der mo- 
ralische Schwachsinn auf intellektuellen Mängeln basiert, der Begriff 
moral insanity muss sonach fallen, man kann dafür moralische 
Anästhesie setzen, weiter darf man nicht gehen. 

Da die Debilität eine Schwachsinnsform ist, als solche zu den 
Defektpsychosen gehört, ist schon im Worte gelegen, dass intellektuelle 
Mängel vorhanden sind. Die intellektuellen Anomalien 1 und die ethi- 



186 Gustav Major 



sehen Mängel bewegen sich in der Aufeinanderfolge der 3 Formen 
des Schwachsinns Idiotie, Imbezillität und Debilität in entgegengesetzter 
Richtung. Je tiefer ein Patient steht, desto weniger kann man von 
ethischen Defekten reden, es kann sich nur um rudimentäre Gefühls- 
anlagen handeln. Affekte finden wir fast nie mehr. Der Debile 
dagegen hat bei seinen, dem Laien kaum merklichen Intelligenzdefekten 
starke ethische Mängel, er hat ein starkes Gefühls- und Affektleben, 
doch tragen sie den Stempel des kalten Egoismus. Sieht nun der Laie 
— und viele Lehrer, die sich Heilpädagogen nennen, gehören zu ihnen 
und nicht wenige Aerzte — nur die auffallenden ethischen Mängel, so 
ist es zu verstehen, dass sie nur einen moralischen Schwachsinn an- 
nehmen. 

Nachstehend sollen die Anomalien, die der Debilität eigen sind, 
charakterisiert werden, und dann werden verschiedene Fälle von De- 
büität und moralischer Verderbtheit nebeneinander gestellt werden, um 
die Unterschiede zu zeigen, und zwar sind solche Fälle gewählt, bei 
denen dieselben Taten zu registrieren waren. 

In intellektueller Hinsicht findet man bei den Vorstellungen nie- 
derer Ordnung wohl niemals Ausfälle. Die ersten, die oft zu konsta- 
tieren sind, sind die der Zeitvorstellungen. Jedes normale Kind von 
6 — 7 Jahren weiss, was eine Stunde, eine Minute, ein Jahr, ein Monat, 
eine Woche ist, es kennt die Werte dieser Begriffe genau, es weiss, 
dass ein Jahr viel länger ist als ein Monat usf. Das debüe Kind hat 
hierüber fast nie klare Vorstellungen, es redet davon, als wisse es das 
alles genau, dabei hat es absolut kein Gefühl für die Zeit, es kann 
nicht angeben, wie spät es ungefähr am Tage ist zur Zeit, wo man 
es fragt, wie lange es noch ist bis zum Mittagessen. Viele Debile, 
selbst ganz leicht Debüe, die niemand für schwachsinnig hält, können 
sich nicht nach der Uhr richten. 

Dieselben Mängel ergibt eine Prüfung der Zahlenvorstellungen. 
Viele rechnen ganz flott in dem Einmaleins, addieren und subtrahieren, 
multiplizieren und dividieren durchaus zufriedenstellend selbst im 
Kopfe, aber das Wesen dieser Rechnungsarten ist ihnen verschlossen 
geblieben. Sie rechnen mechanisch und können es da zu grosser Fertig- 
keit bringen. Die Bruchrechnungen, Regeldetri, Zinsrechnungen oder 
algebraische Aufgaben können sie nicht lösen, sie verstehen die Schluss- 
folge nicht. Ganz leichte Aufgaben, wie die: 2 Personen sind zusammen 
85 Jahre alt, die eine ist 25 Jahre älter als die andere, wie alt ist 
jede, können sie ohne Mithilfe des Lehrers niemals lösen. Das Rech- 
nen ist eine abstrakte Arbeit, die das gegenseitige Verhältnis zweier 
oder mehreren Zahlen darlegt. Diese Beziehungen können Debile nicht 
erfassen. 

Etwas besser sind Debile gestellt in bezug auf die konkreten All- 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 187 

gemeinvorstellungen höherer Ordnung , doch sind gerade hier ver- 
schiedene Fehler zu konstatieren, die dank der Redegewandtheit debiler 
Kinder fast selten erkannt werden. Wenn sie von Fischen, Tieren, 
Blumen, Steinen, Maschinen, Gewehren usw. reden, so denken sie nicht 
selten an einen ganz bestimmten Fisch, Stein usw. Die Abstraktion 
ist nicht vorgenommen. Man muss hier bei der Prüfung sehr gründlich 
zu Werke gehen, wenn man sich nicht selbst täuschen will. 

Räumlich und zeitlich zusammengesetzte Vorstellungen lassen 
immer Ausfälle finden, da sie eine genaue Kenntnis der einzelnen 
Teil Vorstellungen bedingen, eine Assoziation aller und eine Unterordnung 
unter den Oberbegriff erfordern. Selbstverständlich darf man nicht 
fragen: Was ist ein Gewitter, ein Jahrmarkt, ein Theater usw., sondern 
etwa so: Wie nenne ich das, wenn draussen alles grün ist, die Sonne 
warm scheint, die Blumen und Bäume blühen, die Vögel singen^ und 
der Himmel blau ist? Wenn auch oftmals das Resultat ein negatives 
ist, so soll man diese Prüfung nicht unterlassen, da sie eine Fülle von 
falschen Teilvorstellungen aufdeckt. 

Reine Beziehungsbegriffe stellen hohe Anforderungen, denen die 
meisten Debilen nicht gewachsen sind. Das Verhältnis von Grund und 
Folge, Ursache und Wirkung erkennen nur wenige, nur ganz leichte 
Debilität versteht, dass eine veränderte Ursache eine andere Folge 
hat und dass umgekehrt bei anderen Folgen die Ursache eine andere 
sein muss. Selbst die Begriffe: ähnlich, gleich, dicker, grösser, kleiner, 
älter, jünger, breiter usw. sind nicht ganz klar. Man wird selten ein 
debiles Kind finden, dem diese Verhältnisse alle geläufig wären. 

Noch ungünstiger sind die Resultate bei der Prüfung der zu- 
sammengesetzten Allgemein- und Beziehungsvorstellungen. Die mei- 
sten psychisch defekten Kinder verfügen nicht über die einfachsten 
ethischen Vorstellungen. Die Worte sind ihnen wohl bekannt, aber es 
sind auch nur Worte, Schalleindrücke ohne Inhalt. Wie wenige wissen, 
was ehrlich, brav, keusch, zuvorkommend, höflich, bescheiden ist usw. 
Wenn aber debile Kinder diese Begriffe nicht haben, so ist nicht zu er- 
warten, dass sie sich in ihrem Handeln daran gebunden fühlen. 

Gerade hier finden wir die stärksten intellektuellen Defekte, und 
so ist es denn auch erklärlich, dass die ethischen Mängel am auffallend- 
sten sein müssen. Die Patienten können sonst geistig ziemlich hoch ste- 
hen, sie können Prüfungen gut bestehen und auch immer mit ihren 
Kameraden Schritt halten, und doch sind sie debil, debü in ethischer Be- 
ziehung z. B. Hüssener, Dippold, Racke. Die ethischen Mängel sind jedem 
erkenntlich, nicht aber ihre anderen geistigen Anomalien und deshalb 
zählt man diese Patienten nicht zu den Debilen. So nur ist es zu ver- 
stehen, dass man sie als moralisch verkommen ansieht und dement- 
sprechend behandelt. 



188 Gustav Major 



Aber nicht nur in den Vorstellungen finden sich Anomalien, 
sondern auch in der Ideenassoziation. Bei der Bildung der zu- 
sammengesetzten Vorstellungen wirkte sie schon mit, sie konnte jedoch 
dabei nicht gewertet werden, weil nicht zu ermitteln ist, ob sie die 
Veranlassung war zur Bildung fehlerhafter Vorstellungen, oder ob die 
Ursache in einer Einzel Vorstellung oder in der Abstraktion der Merk- 
male oder gar in der Beizsphäre lag. Will man alle diese Momente 
ausschalten, so muss man Assoziationen prüfen, die nicht zur Bildung 
einzelner in sich geschlossener Vorstellungen nötig sind, also die suk- 
zessive und die freie Assoziation. 

Lässt man das debile Kind Beihen bilden durch Addieren oder 
Subtrahieren, so wird man immer finden, dass die Beihenbildung lang- 
samer vor sich geht als beim normalen Kinde. Es gebraucht nicht 
selten die zwei- und dreifache Zeit. Je langsamer der Ablauf der 
Ideenassoziation ist, desto grösser ist der Intelligenzdefekt. Die freie 
Assoziation prüft man durch Beizworte. Auch hierbei ist die Zeitdauer 
eine viel grössere, dazu zeigt sich sehr gut die Armut an Vorstellungen. 
Debile Kinder finden fast immer die Stichworte, sie bevorzugen jedoch 
oftmals die Eigenschaftswörter. Je weniger und je langsamer ein Kind 
auf die Beizwörter reagiert, desto schwerer sind die Störungen der 
freien Assoziation und desto tiefer steht das Kind. 

Die spontane Assoziation dagegen ist nicht selten erheblich be- 
schleunigt. Viele debile Kinder reden den ganzen Tag, sie wissen immer 
etwas zu erzählen und mitzuteilen, es ist ihnen ganz gleich, ob ihnen 
jemand zuhört oder nicht, sie sind zufrieden, wenn sie schwatzen kön- 
nen. Sie schwatzen über dieselben Dinge Tag für Tag. Alles, was sie 
erzählen, hängt nur lose zusammen, nicht selten nur durch Beim oder 
Alliteration. Diese innere Zusammenhanglosigkeit macht das viele 
Schwatzen verständlich. 

Schwerer und gravierender noch sind die inhaltlichen Störungen 
der Ideenassoziation. Die Phantasiearmut und Urteilsschwäche fallen 
bei jedem debilen' Kinde in die Augen. Hier finden auch die schlechten 
Leistungen in der Mathematik und Algebra teilweise ihre Erklärung. 
Lässt man aus Würfeln eines Zusammensetzspieles irgend ein Bild 
zusammensetzen, so sieht man den Mangel an Phantasie in dem Un- 
vermögen, die passenden Würfel herauszusuchen, das Kind weiss nicht, 
ob es der richtige Würfel ist, es urteilt falsch. Noch deutlicher zeigen 
sich beide Defekte, wenn man kleine Geschichten nacherzählen oder 
fortsetzen oder nachbüden lässt. Das leichteste ist die erste Art und 
auch da versagen alle debilen Kinder. Sie können zwar die Geschichte 
leidlich nacherzählen, aber den Zusammenhang, die Pointe erfassen sie 
nicht. Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man sich kleine Er- 
lebnisse erzählen lässt, debile Kinder können den Gang der Handlung 



Dag Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 189 

nicht erfassen. Noch mehr Schwierigkeiten treten ihnen entgegen, 
wenn sie ein Rätsel erraten sollen. Aus den gegebenen Begriffen kön- 
nen sie niemals einen gesuchten finden, und sei das Rätsel noch so 
leicht. 

Als weitere inhaltliche Störungen der Ideenassoziation kommen 
Wahn- und Zwangsvorstellungen in Betracht. Wahnideen sind selten 
zu konstatieren. Imbezillität und Idiotie haben solche niemals. Die 
Wahnideen Debiler sind grundverschieden von denen Geisteskranker. 
Während die Wahnvorstellungen Geisteskranker fast immer festgefügt 
sind mit festem, deutlichem, innerem Zusammenhang, vermisst man 
diese Struktur bei den Wahnideen Debiler. Diese sind einförmig, 
trist und arm, die Wahnideen Geisteskranker dagegen sind fein, ja 
verblüffend ausgesponnen und fortgeführt. Geisteskranke haben oft 
für ihre Wahnideen eine frappierende Begründung und Erhärtung, 
während der Debile seine Wahnideen durch nichts stützen und recht- 
fertigen kann. Am häufigsten sind hypochondrische Wahnideen, sel- 
tener sind Verfolgungs- und Grössenideen. 

Zwangsvorstellungen sind Vorstellungen und Vorstellungsver- 
knüpfungen, die gleich den Wahnideen den Tatsachen der Aussehwelt 
nicht entsprechen, bei denen aber im Gegensatz zu diesen korrigierende 
Urteilsassoziationen auftreten, so dass sich das Kind der Falschheit 
und Fehlerhaftigkeit seiner Vorstellungen bewusst wird, es kann die- 
selben aber infolge ihrer Ueberwertigkeit nicht los werden. Diese über- 
wertige Energie, hervorgerufen durch eine abnorme Konstellation oder 
eine abnorme Gefühlsbetonung der Vorstellungen oder Vorstellungs- 
verknüpfungen, lässt dieselben zwangsmässig auftreten und immer 
wiederkehren. Zwangsvorstellungen sind immer negativ betont. Die 
Zwangsvorstellungen führen durch ihre abnorme assoziative Energie 
nicht selten zur Tat. Das Kind weiss, dass das, was es tun will, falsch 
ist und tut es doch. So kommt es zu Brandstiftungen, Tierquälereien, 
Diebstählen, Selbstverstümmelung usw. Auch Selbstmorde haben nicht 
selten in überwertigen Vorstellungen ihren letzten Grund. 

Den Zwangsvorstellungen steht die Grübel- und Fragesucht sehr 
nahe. Die Patienten fragen fortgesetzt, sie wollen gar keine Antwort 
haben, sondern sie müssen nur fragen und wieder fragen. Die Kinder 
erkennen das Zwangsmässige dieser Fragen nicht und leiden deshalb 
auch nicht darunter. 

Die grössten Schwierigkeiten bereiten die Defekte der Aufmerk- 
samkeit der Debilen dem Lehrer. Die Weckbarkeit derselben ist infolge 
starker Gefühlsbetonung der Erinnerungsbilder erheblich gesteigert. 
Ganz geringe Reize genügen schon, um die Aufmerksamkeit anders zu 
richten. Die sensorielle Konzentrationsfähigkeit, die Einstellung auf 
gegebene Reize, ist nur in den allerleichtesten Fällen annähernd normal, 



190 Gustav Major 



sonst ist sie ineist herabgesetzt. Noch mehr darnieder liegt die intellek- 
tuelle Konzentrationsfähigkeit, das anhaltende Einstellen der Aufmerk- 
samkeit auf zu erwartende Reize und Vorstellungen, sie ist oft ganz 
aufgehoben. Auf Grund dieser Defekte kann es sogar zur völligen 
Sprachlosigkeit kommen. Andere Kinder wieder gelten durch diese 
Aufmerksamkeitsdefekte als bildungsunfähig, da man sie durch nichts 
fesseln und interessieren kann. Aufgeregt und laut hüpfen sie von einer 
Stelle zur anderen. Fassen hier etwas an, fragen da etwas, im übrigen 
bekümmern sie sich gar nicht um die Vorgänge der Umwelt. Ihre Auf- 
merksamkeit zu stärken, ist nicht jedem gegeben 1 . 

Wenn wir bei den Empfindungen selten Defekte haben, so ist es 
verständlich, dass die Gefühlstöne derselben auch weniger geschädigt 
sein werden als die der Vorstellungen und so finden wir denn auch in- 
nerhalb der sensoriellen Gefühlstöne selten Anomalie. Das Kitzelgefühl 
ist bei manchen Patienten erheblich gesteigert, ebenso die sexuellen Ge- 
fühle. Hierin haben die Onanie und sittliche Verfehlungen vieler De- 
biler ihre Ursache. Die Mängel, welche den Vorstellungen höherer Ord- 
nung anhaften, bedingen ein Zurückbleiben der sie begleitenden Gefühle. 
Wenn ein debiles Kind nur verschwommene und verworrene Vorstel- 
lungen von seiner letzten Reise, von einem Konzert usw. hat, so können 
die Vorstellungsrudimente unmöglich irgend ein Gefühl auslösen. Wenn 
das Kind die nahen blutsverwandtschaftlichen Beziehungen zwischen 
Eltern und Kindern nicht versteht, kann es diesen Vorstellungen nicht 
anders als indifferent gegenüberstehen, es kann keine Liebe für Eltern 
und Geschwister haben. Dankbarkeit, Anhänglichkeit kennt es nicht. 
Ein Kind, dessen Schmerzempfindlichkeit abgestumpft ist, kann mit 
der Vorstellung des Schiagens, Stechens, Stossens, Quälens kein Unlust- 
gefühl verbinden, es kann sich daher auch nicht vorstellen, daas es einem 
anderen wehe tut, wenn man ihn schlägt, stösst, sticht. Es ist roh, brutal, 
gefühllos, schadenfroh, ohne zu wissen, dass es so ist. — Ein debiles 
Kind hat wohl noch eine Erinnerung an die letzte Strafe, aber diese ist 
nicht von genügend starken Gefühlstönen begleitet, um hemmend auf 
das Handeln einzuwirken. Und so tut das debile Kind dasselbe immer 
wieder, unbekümmert um die Strafe. So ist es auch erklärlich, dass Lob 
und Strafe absolut fruchtlos sind. 

Auch die Affekte bewegen sich durchaus nicht in normaler Rich- 
tung. Debile Kinder haben recht komplizierte Affekte, die aber alle 
den Stempel des krassesten Egoismus tragen. Debile Kinder sind eitel 
und selbstgefällig, anmassend, herrschsüchtig, neidisch, undankbar, 
grausam, brutal, unkameradschaftlich, rachsüchtig, boshaft, hinter- 
listig, unwahr und respektlos und ohne Pflichtgefühl. Bei der egozen- 
trischen Richtung ihres Gefühlslebens verlieren sie völlig den Massstab 
für gut und böse, Recht und Unrecht. Recht und gut ist das, was ihrer 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtkeit. 191 

eigenen Person zugute kommt, alles andere ist schlecht. Der Debile 
hält alle seine Gefühle für durchaus natürlich und berechtigt, und die 
daraus resultierenden Taten ebenfalls, deshalb muss ihm das Gefühl 
der Reue gänzlich unbekannt sein, denn Reue kann nur der Mensch 
empfinden, dessen Handeln nicht im Einklang steht mit seinem Wollen. 
Die oftmals egoistisch gesteigerten Gefühle, die komplizierten 
Äff ekle und oftmals erstaunlich scharfe Ueberlegungen bedingen recht 
komplizierte Handlungen. Gefühlsroheit, Jähzorn, Schamlosigkeit, 
Grausamkeit und Wollust, Schadenfreude, Hochmut, Hass, Rachsucht, 
Respektlosigkeit, mangelndes Pflichtgefühl, Herrschsucht, Eitelkeit und 
Eigenliebe sind die Motive ihres Handelns. Rücksichtsloses Zertreten 
und Niederwerfen aller Hindernisse unter Anwendung listigster und 
schärfster Ueberlegung und uneingeschränkte Befriedigung aller 
Wünsche und Begierden durch unglaubliche Lügen, Verstellungen, 
Hinterlisten, Grausamkeiten, scheelen Neid, kalte Verspottung Anders- 
fühlender, hässliche, schrankenlose Schadenfreude finden wir beim De- 
bilen. Schon als ganz kleines Kind verrät sich der Debile durch seine 
Zerstörungssucht und Zornmütigkeit; alles, was ihm in die Hände 
kommt, wird zerschlagen, zerrissen, beschmiert und beschmutzt, er be- 
schmiert und beschmutzt sich auch absichtlich mit Kot und zerreisst die 
Kleidung; Gefühllosigkeit und Roheit führen zum Quälen und Schlagen 
von Tieren, Geschwistern und Dienstboten; Herzlosigkeit, Eigenliebe und 
Selbstüberhebung sind die Veranlassung zum Lügen, Stehlen, und zur 
Undankbarkeit. Beim Spiel sind sie herrschsüchtig und unverträglich, 
alle sollen sich nach ihnen richten, ihre Wünsche und Anordnungen be- 
folgen, dabei binden sie sich selbst nicht an die Spielregel und sind auf- 
gebracht, wenn sie jemand dazu auffordert. Darum spielen sie nicht 
gern mit älteren Kindern, kleine Kinder können sie beherrschen, diese 
müssen sich ihnen fügen, wenn sie nicht die Stärke ihres Armes fühlen 
wollen. Die grösste Liebe und stärkste Konsequenz der Eltern versagt 
hier. Die Pubertät bringt eine Verschlimmerung. Die bis jetzt dunklen 
sexuellen Gefühle erwachen, treten stark hervor und beeinflussen das 
Handeln. Jeder neue Tag bringt Ueberraschungen und neue Sorgen, 
je älter die Kinder werden, desto schlimmer wird es. Sie sinken von 
Stufe zu Stufe herab, steigern ihre Ansprüche ins Unermesslich, Dirnen 
und Trinkkumpane helfen ihnen bald völlig in den Sumpf des Verder- 
bens und Lasters zu versinken und bald kommen sie vor den Straf- 
richter wegen Diebstahl, Unterschlagung, Betrug, Wechselfälschung, ge- 
schlechtlicher Vergehen, Roheitsdelikte, Vagabundage usw. 

Der Umwelt gegenüber verdecken Debile ihre intellektuellen Män- 
gel durch geschickte, den Erwachsenen abgelauschte Redewendungen 
und konventionelle Phrasen, niemand glaubt es, mit einem minderwer- 
tigen Kind zu tun zu haben, und so ist es denn auch zu verstehen, dass 



192 Gustav Major 



man die richtige Debilität überhaupt nicht kennt, man versteht schlecht- 
weg unter Debilität eine Art Schwachsinn mit leichten Intelligenzdefek- 
ten, mehr aber nicht. Das gibt es nun aber nicht, alle Krankheitsbilder 
der Debilität bieten stärkere Ausfälle im Gefühls- und Affektleben und 
darauf basiert ein falsches Handeln. 

Blicken wir zurück auf die Symptomatologie der Debilität, wie wir 
sie kurz gegeben haben, so erkennt man, dass die ethischen Ausfälle und 
Mängel die anderen bei weitem überragen, und dass sie viel gravieren- 
der sind für das Handeln der Patienten, als die anderen Defekte, die alle 
gegen diese zurücktreten. Mithin darf, ja muss man die ethischen De- 
fekte als Hauptsymptom der Debilität ansprechen, und es wäre zu wün- 
schen, dass man allgemein dies Wesen der Debilität anerkennt. 

Ganz kurz seien die Debilität und die moralische Verderbtheit ge- 
genübergestellt: 

1. Der ethische Defekt eines debilen Kindes zeigt sich von frühester 
Jugend an, wo eine Einwirkung durch äussere Verhältnisse noch aus- 
geschlossen ist. Der ethische Defekt eines normalen Kindes entsteht 
durch schlechtes Vorbild, mangelhafte oder falsche Erziehung, schlech- 
ten Umgang, schlechte Lektüre usw. 

2. Beim debilen Kinde sind Lob und Strafe absolut nutzlos, da es 
keinen Unterschied zu machen versteht zwischen Verbotenem und Er- 
laubtem. Sein Handeln steht nicht im Gegensatz zu seinem Wesen, da- 
her kann es keine Reue empfinden. Das normale Kind empfindet über 
seine Untaten Schmerz, es hat Einsehen in das Verkehrte seiner Hand- 
lung und ist für Lob und Tadel zugänglich. 

3. Beim debilen Kinde finden sich neben den ethischen Mängeln 
intellektuelle Schwächen, vor allem eine auffallende Urteilsschwäche bei 
sonst guter Intelligenz. Beim moralisch verderbten Kinde ist die In- 
telligenz intakt. 

4. Das debile Kind hat auch körperliche Merkmale der Degene- 
ration, besonders an den Genitalien und am Schädel. Das normale 
Kind braucht keine körperliche Verbildung zu haben, hat sie auch 
meist nicht. 

5. Endlich entsteht die Debilität infolge hereditärer oder erwor- 
bener Ursachen, aber eine Belastung ist nicht die Grundbedingung der 
moralen Entartung. 

1. V. K., 14 1 /« Jahre alt. Vater starb an Gehirnerweichung, Mutter leidet 
an Ischias. Sechs Geschwister, alle Knaben, fünf an der Zahl, etwas nervös 
oder schwach beanlagt. 

V. leidet an leichter Debilität mit stark hervortretenden moralischen Defek- 
ten. Schon als kleiner Junge zeigte er Spuren herzlosester Grausamkeit. Er band 
eine Katze an einem Baum und machte ein Feuer darunter an. Frösche, Sa- 
lamander, Kröten, Eidechsen fing er und schnitt ihnen den Kopf oder die 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 193 

Beine ab. Maikäfern band er einen Bogen Papier an und liess sie fliegen. 
Er ist herzlos, kann seine kleine Schwester, die er, wie er selbst sagte, abgöt- 
tisch liebt, doch zeitweise über die Massen quälen und schlagen; genau so 
schwankend ist sein Verhalten seiner Mutter gegenüber. Zu seinen Brüdern 
ist er niemals auffallend, nur immer gegen Personen, die er lieb hat, und das 
sind zu beinahe 90 % Mädchen und Frauen. In Gesellschaften, deren es 
im Hause sehr viel gab, setzte er durch gemeine Redensarten seine Mutter 
oft in unangenehme Lagen, und versuchte diese, ihn abzulenken oder sagte 
sie ihm gar ein herbes Wort, so wurde er direkt gemein: „Die Weiber 
sind alles Huren, die sich selbst ständig prostituieren. Die hier anwesende 
gnädige Frau wäre selbst nicht anders. Das Weib sei überhaupt inferior", 
und so ging es fort, bis er sich ausgetobt hatte, und dann entschuldigte er 
sich, er könne nicht anders, er müsse manchmal so etwas sagen, es sei ihm 
selbst unangenehm. Er kämpfe dagegen an, aber ergebnislos. 

In der Schule war sein Betragen auch nicht viel anders. Bis zum 13. 
Jahre war er bescheiden, und hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. 
Seine Arbeiten hatte er immer leidlich gut angefertigt. Da, mit einem 
Schlage wurde es anders. Er vergass manches, schrieb schlechter, rechnete 
fehlerhaft, war laut, und im Verkehr mit seinen Kameraden unumgänglich. 
Eines Tages brummte er immer wie eine grosse Fliege während des Unter- 
richts. Der Lehrer achtete gleich auf V., weil er schon öfters solche Stö- 
rungen verursacht hatte. V. leugnete. Da kam der Lehrer auf ihn zu und 
sagte: Sie sind es gewesen, er leugnete. Da wurde der Lehrer ungehalten, 
V. aufgeregt und sagte: Ich habe doch nichts, und mit dem A . . . kann ich 
es doch nicht machen. 

Weil er schon mehrere solcher Unarten auf dem Kerbholz hatte, musste 
er das Gymnasium verlassen. — Ob ihm damit geholfen war? 

Auch hier lagen Zwangsvorstellungen zugrunde. Er sagte, schon lange 
hatte ich den Gedanken, gerade dem Lateinlehrer — Latein war seine 
schwächste Seite — so gegenüberzutreten. Ich litt unter den Gedanken, weil 
ich wusste, dass ich von der Schule musste, und konnte trotzdem nicht Herr 
derselben werden. 

In dieser Zeit seelischer Herabminderung wurde er auch zum Dieb. 
Er stahl seinem Vater Geld, und die Mutter hat es dem Vater stets geheim 
gehalten, weil der den Jungen in Zwangserziehung getan hätte, und das 
wollte die Mutter nicht, es wäre auch nicht das Richtige gewesen. 

Ich konnte den Fall weiter verfolgen. Auf Anraten des Arztes, der 
das Zwangsmässige dieser Aeusserungen erkannte, wurde er ein halbes Jahr 
aus der Schule genommen, und als er sich erholt hatte, ging es auf einem ande- 
ren Gymnasium leidlich gut. 

Als Student kam noch einmal eine Zeit tiefsten Niederganges. Er ging 
gegen den Willen des Arztes in eine schlagende Verbindung und trank un- 
heimlich viel Bier , was ihn ganz widerstandslos machte und zu sexuellen 
Ausschweifungen schwerster Art veranlasste. Eine gewisse Grossmannssucht 
befiel ihn. Er kaufte alle vier Wochen einen neuen Anzug, schenkte Ziga- 
retten mit vollen Händen weg, kaufte Spazierstöcke, silberne Zigarettenetuis, 
bis der Vater hinter die Sache kam und seinen Sohn zu Hause behielt, ihn 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. Jjj 



194 Guatav Major 



unter strenge, nicht harte Zucht tat und mit ihm abstinent lebte. Er kam 
zur Einsicht, und ist heute ein Mensch, der leidlich seinen Platz ausfüllt. 

2. K. J., Sohn wohlhabender Eltern, lO'/s Jahr, kommt in der Quinta des 
Realgymnasiums nicht mehr mit. Während er in den drei Vorschulklassen 
immer auf der ersten Bank sass, ist die Versetzung nach Quinta nur als letz- 
ter möglich gewesen und jetzt sind seine Leistungen derartig, dass die Leh- 
rer den Vater wiederholt um straffere Kontrolle der häuslichen Arbeiten er- 
sucht haben. Dazu ist sein Betragen ein recht schlechtes. Wenn irgend etwas 
Unnützes vollbracht ist, war er der Anstifter oder Ausführende. Unter die 
Stuhlbeine des Lehrerstuhles haben sie Zündplättchen gelegt, Nadeln hat er 
in den Stuhl gesteckt, Maikäfer gefangen und während des Unterrichts flie- 
gen lassen und so fort. Früher hatte er nie so etwas getan. Die Schrift 
wurde von Tag zu Tag schlechter, beim Lesen stockt er, während er früher 
der Beste war, im Französischen waren seine Leistungen ganz schlechte, über- 
haupt genügte er in keinem Fache mehr. Dazu wurde er jetzt vorlaut und 
frech, rechthaberisch und widerspenstig. 

Auch zu Hause war sein Betragen ganz beispiellos. War Besuch da, 
so fiel er gewiss aus der Rolle. Er war dann so ungezogen, wie es nur eben 
ging, warf die Teekanne um, beschmutzte sich, war zu seinen Eltern und zum 
Besuche direkt frech, behandelte seine Geschwister roh und herzlos und der- 
gleichen mehr. Mit dem Essen war er nie zufrieden, immer wollte er etwas 
anderes haben, und bekam er es, so passte es ihm auch nicht. Zum Personal 
war er unausstehlich. 

Die Eltern und auch die Lehrer glaubten, dass der Knabe nicht ganz 
zurechnungsfähig sei und deshalb beschönigte und vertuschte die Mutter alles; 
er war doch früher anders, also kann er nur krank sein. 

So lernte ich den Knaben kennen. Die Schilderung der häuslichen Ver- 
hältnisse und schon eine flüchtige Beobachtung Hessen mich nicht an eine 
nervöse Veranlagung glauben, sondern befestigten in mir den Gedanken, dass 
es sich um Erziehungsdefekte handele. Und so war es auch. Die Mutter 
war wenig zu Hause, hatte keine Zeit oder Lust, sich viel mit den Kindern 
abzugeben, der Vater hatte den ganzen Tag in seiner Fabrik zu tun. So 
waren sich die Kinder oft selbst überlassen, denn das mangelhafte Personal 
konnte den Einfluss elterlicher Erziehung nicht ersetzen. So wurde denn 
nach und nach aus unserem Karl ein ungezogener Bursche, dessen sich die 
Mutter mit Schleckereien zu erwehren suchte. Wenn die Erzieherin oder der 
Diener kamen und sich über das Betragen des Knaben beklagten, so waren 
sie nur schuld an allem, oder aber sie sahen zu schwarz, waren herzlos, und 
häuften sich die Klagen, so mussten sie wohl auch den Dienst verlassen. Karl 
war immer der brave, wenn auch etwas knabenhaft wilde Junge. 

So ging es, bis der Vater sich über den häufigen Wechsel des Personals 
wunderte und auch einige berechtigte Beschwerden ihm zu Ohren gekommen 
waren. Jetzt griff er ein und engagierte mit glücklicher Hand eine tüchtige, 
energische und konsequente Erzieherin. Ergötzlich und belehrend zugleich 
sind die eigenen Worte des Knaben über dieses Fräulein: „Kommt da eines 
Tages eine andere, so eine dicke und sagt mir, dass ich doch wohl immer brav 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 195 



sei. Nein, sagte ich, ich will nicht brav sein, ich will dir schon zeigen, was 
ich kann. Ich hatte meine Schwester verhauen, weil sie mir keine Schokolade 
geben wollte, ich nahm sie ihr weg. Da nahm sie mir die Schokolade weg 
und verhaute mir, das Biest. Ich biss und kratzte sie, aber das schien ihr 
gleich zu sein. Sie stellte sich vor mir hin und sagte, du gibst die Schokolade 
wieder. Nein, sagte ich und ass sie auf. Schön, antwortete sie, du bekommst 
das nächstemal keine, sondern gibst dein Stück Lilli. Das brauche ich nicht. 
Und sie gab mir wirklich ein Stück und ich sollte es Lilli geben, was ich nicht 
wollte. Ich warf es ihr hin. Da musste ich es wieder holen und es hintragen. 
Au, hat mir das geärgert. Ein andermal wollte ich wieder etwas nicht und 
schrie: ich sage es meiner Mutter. Gut, sagte sie, deine Schläge bekommst 
du trotzdem und dann gehst du hinein und sagst es deiner Mutter. Aber die 
konnte hauen. Ich hatte Angst vor ihr und machte nichts, wenn sie da war, 
oder es sehen konnte." 

Diese Erzieherin hat aus dem ungezogenen boshaften und herrschsüch- 
tigen Jungen einen fleissigen, netten Knaben gemacht, der, solange sie im 
Hause war, in der Schule gut mitkam. Mit ihrem Fortgang sanken die Lei- 
stungen des Knaben herab, und er verfiel in seine alte, vielleicht gern geübte 
Flegelhaftigkeit. 

Der Vater war verständig genug, den Grund des früher gesitteten Be- 
nehmens und regelrechten Fleisses in der geordneten Erziehung und den jetzi- 
gen Ausfall im völligen Versagen der erziehenden Faktore zu sehen, er ent- 
schloss sich daher sofort, seinen Knaben fort zu tun, und nach nicht allzu 
langer Zeit waren die Lehrer, Erzieher und der Knabe selbst mit dem Be- 
tragen und den Leistungen zufrieden. Ein Musterbeispiel für die Folgen 
einer falschen Erziehung. 

3. L. C., 13 Jahre alt, Tochter eines Brauereidirektors. Vater starb an 
Zuckerkrankheit. Mutter früher Tänzerin, sehr hysterisch und widerstands- 
los. Dazu blutarm und nervös. Geburt normal. Entwicklung verlief auch 
normal. Zahnung nur etwas verspätet. Masern und Scharlach hatte sie leicht. 

Besuchte bis zu zwölf Jahren die höhere Töchterschule. In den unteren 
drei Klassen ist sie ohne besondere Anstrengung, wenn auch nur als leidlich 
mittelmässige Schülerin, versetzt. Die folgende Klasse brachte Französisch, 
und jetzt zeigte sich ganz deutlich, dass L. nicht mehr mitkommen konnte. Die 
häuslichen Verhältnisse waren so ungeordnete, dass es z. B. vorkam, dass L. 
mittags kein Essen bekam, weil die Mutter es vergessen hatte, aufheben zu 
lassen, oder dass L. manchmal sehr spät zu Bett ging, wenn abends Gesellschaft 
war, oder sie eingeladen waren. Dazu war die Ernährung die denkbar un- 
zweckmä8sigste, manchmal viel, manchmal wenig, wie die Mutter sehr un- 
regehnässig ass und lebte, manchmal Hummer, Kaviar und Wein, und dann 
sogar manchmal abends vor dem Schlafengehen Tee oder Kaffee. Sie wollte 
gern versetzt sein, denn das wusste sie, das8 ihr, falls sie jetzt mit den anderen 
Schülerinnen nicht Schritt halten konnte, der weitere Besuch der höheren 
Töchterschule unmöglich war, und so arbeitete sie fleissig, und trotzdem Va- 
ter und Mutter halfen, musste sie doch täglich drei bis vier Stunden über den 
Schularbeiten sitzen. So wurde sie überanstrengt und konnte in der Schule 



196 



Gustav Major 



nicht folgen, es blieb mehr Hausarbeit, die sie nicht bewältigen konnte, es 
entstand ein circulus vitiosus. Und so blieb sie sitzen. Als sich in der fünf- 
ten Klasse keine besseren Fortsehritte zeigten, nahm sie die Mutter aus der 
Schule heraus und brachte sie in eine Mittelschule. 

Die Eltern wollten nicht glauben, dass ihr Kind leicht schwachsinnig 
war, und dass darin der Grund des Misserfolges in der Schule lag. Beide 
glaubten vielmehr, dass ihr körperlich gesundes Kind das leisten könnte, wenn 
es nur wollte. 

Neben schwachem Gedächtnis zeigten sich vor allem schwere Fehler 
und Mängel im Vorstellungsleben. Einfache Vorstellungen zeigten noch 
nichts Anormales, je höher hinauf, desto erheblicher waren die Ausfälle. Schon 
die Zeitvorstellungen waren nicht absolut klar, am ärgsten war es mit den 
Beziehungsvorstellungen. Ursache und Wirkung, Grund und Folge zu erfas- 
sen, war ihr schier unmöglich. Sie konnte es nicht einsehen, dass bei verän- 
derter Ursache die Wirkung eine andere sein muss, oder die Ursache eine an- 
dere ist bei anderer Wirkung. In den mangelhaften Beziehungsvorstellungen 
hat es auch seinen Grund, das8 ihr das Rechnen so schwer fiel. Alle Opera- 
tionen mit abstrakten Grössen, wo es nur auf Reflexionen ankommt, bereiten 
ihr schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Dass dann natürlich auch die 
komplexen Vorstellungen, gebildet aus zusammengesetzten Allgemein- und Be- 
ziehungsvorstellungen, nicht intakt sein können, ist einleuchtend, und so waren 
ihre Begriffe, wie Dankbarkeit, Pflicht, Eigentum usw., nicht so klar, dass 
sie dieselben zu Maximen für ihr Handeln machen konnte. 

Die freie Assoziation war etwas verlangsamt. Folgende Reizskala zeigt 
neben der Armut an Vorstellungen eine Unbeweglichkeit der Gedanken. Die 
Zeiträume waren auch grösser als die normalen. 



tanzen 


— 


eierzieren 


— 


Bär 


Tier 


Laternenpfahl 


— 


Lokomotive 


Zug 


Globus 


Erdkarte 


rufen 


sprechen 


B. Z. am Mittag 


Berliner Zeitung 


Luftschiff 


fahren 


verkaufen 


handeln 


weich 


— 


schlau 


heiter 


turnen 


springen 


handeln 


kaufen 


Autobus 


fahren 


umhertreiben 


spazieren 


Schilderhaus 


schützen 


Kamel 


Tier 


heiss 


— 


Sparkasse 


Geld. 



Als inhaltliche Störungen der Ideenassoziation zeigt sich nunmehr eine 
verständliche Urteilsschwäche und Armut der Phantasie. L. vermochte eine 
ihr vorerzählte Geschichte oder ein Erlebnis wohl leidlich nachzuerzählen, 
hatte aber lange nicht immer den inneren Zusammenhang und die Pointe 
erfasst. 

Die Weckbarkeit der Aufmerksamkeit war auch etwas herabgemindert, 
desgleichen die sensorielle Konzentrationsfähigkeit; das anhaltende Einstellen 
der Aufmerksamkeit auf zu erwartende Reize und Vorstellungen war erheb- 
lich gesteigert. Daher die allgemeinen Klagen der Lehrer, dass L. nicht fol- 
gen könne, da zufällig ins Blickfeld kommende Dinge als Nebenreize so stark 
sind, dass sie den gewollten Hauptreiz verdrängen, und so selber als überwer- 



Das "Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 197 



tiger Hauptreiz auftretend, die Aufmerksamkeit und die sich, anfolgenden 
Assoziationen und Reflexionen bestimmen. 

Bei den sensoriellen Gefühlstönen kennzeichnete sich ein gesteigertes 
Kitzelgefühl und eine stärkere Schmerzempfindlichkeit als anormal. Die in- 
tellektuellen Gefühlstöne, die der Vorstellungen müssen geschädigt sein, wenn 
auch dem Laien kaum merklich, da die Vorstellungen höherer Ordnung nicht 
völlig richtig intakt sind. Dasselbe gilt von den Gefühlstönen der Erinne- 
rungsbilder. Hierin finden wohl zum Teil ihre nicht sehr ausgeprägte Dank- 
barkeit und Anhänglichkeit ihre Erklärung. 

Dagegen war sie ziemlich komplizierter Affekte fähig, die jedoch alle 
den Stempel des krassen Egoismus trugen. Eine nicht geringe Schadenfreude 
verband sich mit einem gut Stück Neid und Rachsucht. Mit der Wahrheit 
nahm sie es nicht sehr genau, vor allem dann nicht, wenn es sich auf ihre 
eigene Person bezog. Eitel, selbstgefällig, putz- und gefallsüchtig war sie in 
besonderem Masse. Wenn ein gut Teil Eitelkeit einem Mädel ganz gut steht, 
so waren hier die Grenzen ins Unermessliche verschoben. Ihr gesamtes Wün- 
schen und Sehnen richtete sich auf eine gute Toilette, schlanke Figur, zar- 
ten Teint, grosse Augen und dergleichen Dinge mehr. Während ihre zeich- 
nerischen Fähigkeiten und Produktionen sonst durchaus nicht auffallend 
gut waren, war sie eine Meisterin im Malen kostbarer Toiletten. Im Unter- 
richte, im Hause, auf der Strasse, vor dem Schauladen stand sie und zeichnete. 

Ebenso kompliziert waren ihre Ueberlegungen und Handlungen. 

Eine ihrer Mitschülerinnen hatte einen schönen Ring. L. hatte sich 
schon lange einen solchen gewünscht, hatte ihn aber wegen ihrer schlechten 
Leistungen nicht bekommen. Da bat sie eines Tages das Mädchen, ihr doch 
einmal den Ring zu leihen, sie wollte ihn- sich nur einmal aufsetzen. Als sie 
ihn hatte, lobte sie denselben über die Massen, er sei so schön, solch schönen 
gäbe es wohl gar nicht mehr, und darüber vergessen beide die Ringgeechichte. 
Als das Mädchen abends gehen wollte, konnte L. angeblich den Ring nicht 
vom Finger bekommen. 

Hatte L. ein schlechtes Schulzeugnis bekommen, so fürchtete sie sich, 
selbiges daheim abzugeben, deshalb fälschte sie die Unterschrift wiederholt 
oder sagte, sie hätte diesmal kein Zeugnis bekommen, in ihrer Schule kämen 
die Zeugnisse jetzt überhaupt als nicht mehr zeitgemäss ab. Selbst die här- 
testen Strafen konnte sie nicht dahin bringen, einzugestehen, dass sie ihr 
Zeugnis vernichtet habe. 

Da sie sehr naschhaft war und von ihrer sehr hysterischen Mutter jedes- 
mal herzlos bestraft wurde, musste sie es anders anfangen, um in den Besitz 
von Süssigkeiten usw. zu kommen. Sie tat sich mit den Mädchen und den 
Burschen zusammen und diese versorgten sie mit den gewünschten Dingen, 
und nun konnte sie frei der Mutter ins Gesicht sagen, sie habe es nicht ge- 
nommen. Als ich sie darauf aufmerksam machte, dass sie doch im letzten 
Grund die Schuld tragen müsse, da sie den jedesmaligen Diebstahl veranlasst 
habe, konnte sie nicht glauben, dass sie dafür haftbar zu machen sei.* Beide 
hätten es ihr doch geschenkt und sie hätte nichts genommen. 

Sie hat sogar einmal spät abends Blumen aus den Vorgärten gestohlen, 
als sie mit ihrer Mutter und ihrem Vetter von einem Ausflug heimgingen. 



198 Gustav Major 



Der Vetter ist übergestiegen und hat einen Arm voll Rosen abschneiden müs- 
sen. Recht aufgeklärt ist dies Vergehen nicht, jeder wollte schuldlos sein. 
Das Unsinnige und Abnorme ihres Handelns kennzeichnet sich in den Ent- 
wenden grosser Palmen, die gleichfalls in dem Vorgarten standen, sie hatte 
keine Verwendung dafür. 

Diagnose : Debilität, wahrscheinlich auf dem Boden des Alkohols, 
dazu Belastung seitens der Mutter. 

Prognose : Durch eine Milieuveränderung und richtige Ernährung 
neben Schonung ihrer geschwächten Nervenkraft, unter liebevoller und doch 
konsequenter Behandlung kann aus ihr ein brauchbares Glied der Gesellschaft 
werden, das an seinem Teil mit innerer Zufriedenheit und mit Fleiss schafft. 

4. E. T., 13'/» Jahre alt, Sohn achtbarer Eltern, die beide gesund waren. 
E. war ein kräftiger Junge, der sich lieber auf der Strasse herumtrieb, als 
dass er Schularbeit machte. In den ersten Lebensjahren war er nie krank, 
im 5. Jahre bekam er Scharlach, der zwar heftig war, aber ohne Schädlich- 
keiten überwunden wurde. Dies war die einzige Erkrankung, sonst war E. 
stets wohlauf, nicht die geringste Unpässlichkeit beeinträchtigte sein Wohl- 
befinden. 

Die ersten Klassen der Schule durchlief er glatt, wenn auch nicht als 
besonders guter Schüler. Die häuslichen Arbeiten fertigte er stets gewissen- 
haft an. Eine nicht geringe Flüchtigkeit zeigte sich jedoch vom 10. Jahre ab. 
Jetzt mu8ste er auch öfters nachsitzen, was früher nie vorkam. Die Quinta 
musste er wiederholen, was ihm scheinbar ganz lieb war: „Da brauche ich jetzt 
gar nichts mehr zu arbeiten, da kann ich den ganzen Tag auf der Strasse sein." 

Mit diesem Zeitpunkt trat eine Wendung ein, während er seither nie 
gelogen oder betrogen hat, kommt es ihm jetzt nicht darauf an, die Unwahr- 
heit zu sagen „man muss sich nur nicht erwischen lassen". Jetzt musste er 
öfters seinem Vater einen Strafzettel oder eine schlechte Arbeit zur Unter- 
schrift vorlegen, was er auch anfänglich tat. Als sich die Verweise und Stra- 
fen der Schule mehrten, griff der Vater auch zu stärkeren Erziehungsmitteln 
mit scheinbar gutem Erfolg. E. bekam jetzt keine Strafzettel mehr, und nur 
selten brachte er ein Heft zur Unterschrift mit. Der Vater freute sich und E. 
ebenfalls, doch als die Versetzung nahte, erkannte der Vater nach einer Rück- 
sprache des Lehrers, der persönlich an ihn geschrieben hatte, dass sein Sohn 
ihn hintergangen und betrogen hatte. E. rechtfertigte sich damit, dass er 
nicht immer geschlagen sein wollte und keine Lust mehr habe, zur Schule zu 
gehen. Der Vater bestrafte ihn jetzt nicht, was ein grosser Fehler war. Nach 
eindringlichen Bitten des Vaters wurde E. versuchsweise versetzt u. der Vater 
drohte ihm an, dass er in eine Zwangserziehungsanstalt käme, wenn er nicht 
fleissig sein wolle, er malte ihm die Art der dortigen Erziehung in lebhaften 
Farben und hatte den Erfolg, dass sein Sohn jetzt doch wenigstens so viel 
arbeitete, dass er versetzt wurde. Jedoch mit 14 Jahren erklärte E. seinem Va- 
ter ganz kategorisch, dass er nicht mehr zur Schule gehen wollte, da er absolut 
keine Lust mehr dazu habe, er wolle praktisch arbeiten und sich sein Geld so 
verdienen, studieren möchte er nicht. Der Vater wollte nicht nachgeben, da 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 199 

entlief E. fast täglich aus der Schule während der Pausen, oder ging gar nicht 
in die Schule, so dass der Knabe jetzt entlassen wurde. 

Jetzt hatte er erreicht, was er wollte und fröhlich ging er in die Lehre 
als Schlosser. Heute ist er ein geschickter Meister, wenngleich er auch nicht 
auf geradem Wege dorthin gelangt ist. 

Die Schule hielt auch E. für geistig anormal, da er früher ein mittelmäs- 
siger Schüler gewesen wäre, der nie zu irgend welchen Klagen Veranlassung 
gegeben hätte. „Alle seine Fälschungen seien nicht ganz bewusst und absicht- 
lich getan, sonst hätte er früher schon irgendwelche ähnliche Sachen machen 
müssen". Die Motivierung ist mehr als falsch. Gerade, weil er früher an- 
ders war, ist der Verdacht auf irgendeine Anomalie nicht gerechtfertigt, so- 
fern nicht irgendwelche psychischen oder physischen Störungen parallel gehen, 
und das war hier nicht der Fall. Auch dass er ganz „kaltblütig den Grund 
seines Handelns angab", ist nicht normal, „ein verdorbener Knabe sucht sich 
zu schützen". Auch dies ist hier nicht richtig. E. hatte zu seinem Vater, der 
ihn bislang wenig gestraft hatte, Vertrauen und sagte ihm daher offen den 
Grund, dem Lehrer hätte er ihn sicher nicht bekannt gegeben; vor seinen Va- 
ter hat er sich auch dann geschämt. 

E. ist mir persönlich bekannt gewesen, von irgendeiner geistigen Er- 
krankung war nicht die Rede, er war auch nicht ermüdet und überbürdet, er 
wollte einfach nicht mehr. 

Nachzutragen wäre noch, dass er auch öfters Geld entwendet hat, angeb- 
lich zum Kauf neuer Schreibhefte, damit der Vater nicht einmal gelegentlich 
die Hefte mit den gefälschten Unterschriften in die Hand bekäme und seinen 
Betrug entdeckte. Gemerkt hat dies niemand, er sagte es nur später und ich 
konnte ihm nicht unbedingt glauben, da er in der Lehre auch nicht ganz ein- 
wandfreie Dinge getrieben hat, die niemals aufgeklärt sind. E. war geistig 
absolut normal, veranlasst ist seine Unlust zum Lernen jedenfalls durch die 
mangelhafte Beaufsichtigung in diesen Jahren. Der Vater vergrösserte sein 
Geschäft und konnte sich nicht viel um den Jungen kümmern, und die Mut- 
ter auch nicht. 

5. Ein 16jähr. Schüler, Sohn reicher Eltern, der alles hat, was sein Herz 
sich nur wünschen kann, dem nie ein Wunsch versagt blieb, erbricht den 
Schreibtisch seines Vaters und entnimmt ihm gegen 100 Mark. Im Besitz 
des Geldes geht er zum nächsten Autohalteplatz, mietet sich ein Auto, und 
fährt damit stundenlang im nahen Wald umher. Unterwegs macht er Station 
und isst und trinkt und bedenkt auch den Wagenlenker. Den Rest des Geldes 
schenkt er einem Bettler, der am Wege sass. Als er nach Hause kommt, sieht 
er die Bestürzung und sagt gleich, dass er es gewesen sei, und findet nichts 
Absonderliches dabei, da er doch auch einmal machen könnte, was er wollte. 
Er hätte einmal allein im Auto fahren wollen, wenn er mit dem Vater fahre, 
wären immer seine Eltern oder seine Geschwister dabei. Es scheint also, als 
ob es sich in diesem Falle nur darum gehandelt hätte, einmal einen Nach- 
mittag lang sich allein zu amüsieren und zu schwelgen. So war es jedoch 
nicht, wenn man bedenkt, dass er ja jeden Tag im Auto hätte fahren können, 
wenn er seinen Vater gebeten hätte, und dass er sich zu Hause alle Leckereien 



200 Gustav Major 



und Genüsse hätte verschaffen können. Und warum sollte er das Geld weg- 
schenken, wenn es ihm daran lag, sich heimlich Genüsse zu verschaffen! 
Sicher ist er bei Ausübung des Einbruchs einem dunklen, nicht bewusst ge- 
wordenen Reiz gefolgt, und ist vielleicht noch selbst im Auto sich nicht klar 
gewesen über die Tragweite seiner Handlung. Endlich erwachte in ihm das 
Bewusstsein, und er kehrte heim, nachdem er durch Wegschenken des Geldes 
sich seines Vergehens zu entledigen suchte, und weil er gar nicht die Absicht 
gehabt hatte, sich zu amüsieren, er hat sich ja auch gar nicht amüsiert. Dieser 
Fall ist glücklicherweise der einzige geblieben, allerdings zeigte sich später 
ganz deutlich, dass er nicht mit Geld umzugehen verstand, er gab es mit vollen 
Händen aus, ohne dadurch besonders für sich selbst zu sorgen, er kaufte die 
sinnlosesten Dinge zusammen. 

6. B. W., 15 Jahre alt, war bis zu diesem Alter ein Kind, das nie zu be- 
sonderem Tadeln Veranlassung gab, er war wohl wild und verübt gern einmal 
einen tollen Streich, doch beging er nie etwas, um vorsätzlich jemand zu scha- 
den, trat dies doch ein, so war es ihm unangenehm. In der Zeit der Pubertäts- 
entwicklung veränderte er sich auffallend, aus dem lauten, lebhaften Knaben 
wurde ein stiller, zurückgezogener, der am liebsten in seinem Zimmer sass 
und las. 

Die Eltern freuten sich dessen, sie glaubten, dass ihr Sohn nun fleissig 
arbeiten werde, da die Zeit des Einjährigen-Examens nahte. Sie Hessen ihn 
gern allein, um ihn nicht zu stören. B. war das ungemein angenehm, da er so 
ganz ungeniert lesen konnte, was er wollte. Ein Schundroman war ihm in 
die Hände gekommen, das Dienstmädchen hatte ihn liegen lassen. Er las 
ihn mit gespanntester Aufmerksamkeit und kaufte bald mehr solcher Hefte 
und griff immer tiefer hinab. Diese Lektüre überhitzte seine Phantasie, er 
beschäftigte sich, wo er ging und stand, mit sexuellen Dingen. Er konnte 
keinen weiblichen Wesen mehr begegnen, ohne den Wunsch zu empfinden, sie 
zu besitzen. Ob er sich sexuell in diesem Sinne betätigt hat, ist nicht er- 
wiesen, geleugnet hat er es, wie er ailes andere auch leugnet. 

Das viele Alleinsein trieb ihn auch zur Masturbation, erst tat er es un- 
bewusst , ohne Erinnerung an das Motiv dazu , jedenfalls unter der 
Wirkung des Romans während des Lesens, dann masturbierte er abends im 
Bett, um „einschlafen zu können, da er immer an Frauen denken müsse", dann 
machte er es am Tage und endlich sogar während des Unterrichts. Die Lehrer 
bemerkten dies nicht, sie waren nur verwundert, dass B. jetzt schlechter arbei- 
tete, dass er ängstlich und schreckhaft ist, wenn er aufgerufen wird. Die Kame- 
raden aber merkten es und stellten ihm das Ultimatum: „Entweder Du lässt 
die Schweinerei, oder wir verkehren nicht mehr mit Dir." Er konnte es nicht 
lassen und stand nun einsam da. Seine Leistungen in der Schule gingen 
zurück, besonders in der Mathematik und im Rechnen, er löste fast jede Auf- 
gabe falsch und war zum mündlichen Rechnen in der Schule schlecht zu brin- 
gen. Er stand und stotterte und stammelte, log, er hätte schlecht geschlafen, 
ihm sei nicht wohl, er habe Kopfschmerzen usw., und die Lehrer glaubten es 
ihm und benachrichtigten die Eltern nicht, da sie meinten, sie wüssten das 
ja. Ein Lehrer, der Franzose, bei dem die Leistungen gleichfalls sehr nach- 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz znr moralischen Verderbtheit. 201 

Hessen, erklärte ihn für minderwertig, die früheren Kollegen hätten dies nur 
nicht bemerkt, da B. ein gutes Gedächtnis habe und viel mit dem Gedächtnis 
arbeite. Bei ihm könne er nicht mit dem Gedächtnis arbeiten, daher die 
schlechten Resultate. Er gab ihm den dringenden Rat, Schuster zu werden, 
da aus ihm doch nichts werden könne. Ob er hieraus vielleicht das Motiv zu 
seinem späteren Handeln mit entnommen hat, wusste er nicht anzugeben, an- 
zunehmen ist es nicht, da die stark überwuchernde Phantasie zur Tat drängte. 

In dieser Zeit las er noch mehr und eines Tages war er verschwunden, 
er hatte seiner Mutter das Wirtschaftsgeld von 120 Mk. fortgenommen und 
war mit der Eisenbahn nach Metz gefahren, er wollte nach Paris, weil es dort 
die schönsten Frauen geben sollte. Weiter als Metz kam er nicht, da er Angst 
hatte, über die Grenze zu kommen, er glaubte, ertappt und nach Hause beför- 
dert zu werden. Er lebte 21 Tage dort und wurde endlich der Polizei auffällig. 
Um nicht so leicht gefasst werden zu können, wechselte er oft seine Woh- 
nung, aber sein zielloses Umherwandern fiel auf und er wurde zurücktrans- 
portiert. 

Hier handelte es sich durchaus nicht um einen schwachsinnigen, min- 
derwertigen Menschen, seine Lektüre hatte den Antrieb zu falschem Tun ge- 
geben, die mangelhafte Beaufsichtigung kam ihm zustatten. 

7. Er. R., 13 Jahre alt. Vater Zuckerkrankheit. Mutter hysterisch, 
soll zur Zeit der Gravidität aber gesund gewesen sein. Starb früh. Entwicklung 
als Kind normal, nach Angabe des Vaters. 

Mit 2 1 /* Jahren schwerer Fall auf den Kopf. Erbrechen und Bewusst- 
losigkeit, also Gehirnerschütterung. Danach verändertes Wesen, unruhig, un- 
zufrieden, zerschlug alles, was er bekam. Kam in der Schule leidlich mit, 
hatte aber immer Händel mit seinen Kameraden, versuchte die Lehrer zu be- 
trügen und war zu allen dummen Streichen aufgelegt, nahm dem Lehrer die 
Notizbücher weg, kerbte den Rohrstock ein, legte sog. Stinkbomben unter das 
Katheder und so fort. Er war der Anführer der unteren Zehntausend seiner 
Klasse. Zu Haus war er derselbe Tunichtgut. Bekam er kein Geld, so stahl 
er es sich aus der Tasche seines Vaters, oder verkaufte Stiefel der Wirtschaf- 
terin und so fort. Und weiter: Sind ihm seine Kameraden nicht zu Willen, 
so schlägt er sie unbarmherzig, springt ihnen an die Gurgel und würgt sie, 
„dass ihnen der Atem ausgeht". Der Vater sagte mir, als er ihn brachte: 
Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten, der aber ist schon 
krumm. Er hoffte gar nicht mehr, da er alles als vollständige Verkommenheit 
ansah und an eine pathologische Wurzel nicht glauben wollte. Sehen Sie, er 
hat ja schon die richtigen Verbrecherkennzeichen, finstere Augen, zusammen- 
gekniffenen Mund, lauernden Blick, in tiefe, senkrechte Falten gelegte Stirne, 
hervorstehenden Unterkiefer. Da gibts keine Hoffnung mehr. Ich bedeutete 
ihm, dass das meines Erachtens nur Zeichen einer zertretenen, verkannten, 
hart behandelten Kinderseele seien, worauf er dann zugab, den Jungen tüchtig 
gehauen zu haben. Dazu war er faul über die Massen. 

Psychischer Befund : Ganz besonders fiel sein Unvermögen auf, 
sich richtig örtlich und zeitlich zu orientieren. Er hat kein Gefühl für die 
Zeit, schätzt da immer zu kurz. 



202 Gustav Major 



Eine nicht geringe Schwäche des Urteils hatte man schon in der Schule 
bemerkt. Ein Lehrer sagte einmal zu dem Vater, dass es ihm so vorkomme, 
als wisse Fr. nicht recht, was recht und unrecht sei, er gäbe manchmal so 
dumme Antworten, und er glaube nicht, dass er sich damit bloss zeigen wolle 
vor den anderen Schülern. Und so ist es denn tatsächlich. 

Er findet z. B. keinen Unterschied darin, ob jemand absichtlich ein fal- 
sches Resultat beim Rechnen sagt, oder ob er falsch gerechnet hat, ihm ist es 
dasselbe, ob der Kaufmann absichtlich zu wenig Geld herausgibt oder unab- 
sichtlich. Die Hauptsache ist, so meint er, dass er dabei Geld verdient. Wenn 
jemand zufällig auf der Jagd einen Menschen totschiesst und ein anderer mit 
der Absicht ihn zun töten, ans Werk geht, so ist das auch nicht schlimmer. 
Ob ich von meinem Vater Geld bekomme als Taschengeld, oder ob ich es mir 
nehme, ist so ziemlich dasselbe, weil es ja doch Geld von meinem Vater ist und 
ich doch etwas brauche, er hat es nur vergessen, mir Geld zu geben. Und die 
Stiefelaffäre ist in seinen Augen auch nicht schlimm; da die Stiefel ja nicht 
mehr getragen wurden, war es gleich, ob er die verkaufte oder nicht. Und 
allzu schlimm ist diese Sache denn auch tatsächlich nicht, wenn sie als ein- 
zelnes Symptom hervorgetreten wäre. 

Da er von dem Wesen des Eigentums und seinem Werte für den ein- 
zelnen und den Staat keine klare Vorstellungen hatte, kann man nicht ver- 
langen, dass er sein Handeln danach einrichtete. Wenn er auch das siebente 
Gebot kannte, auch die Erklärung hersagen konnte und wusste, dass Diebstahl 
bestraft wird, so richtete er sich doch nicht danach, ja konnte sich nicht da- 
nach richten, weil er ja nicht glaubte, dass seine Taten hier zu registrieren 
sind und unter diesen Begriff fallen. Er hätte niemals eingesehen, dass er 
etwas Unrechtes tut, wenn er seinem Vater das Geld nimmt. 

Gleichen Ursprungs ist seine Unzuverlässigkeit, er verspricht so und so 
oft, dies und das zu tun oder nicht zu tun, bekräftigt es auch mit dem Worte: 
Du kannst dir wahrhaftig drauf verlassen, und hat keine Ahnung, dass diese 
Versicherung seine Aussage bekräftigen soll, er gebraucht es nur als Redens- 
art. Im selben Moment oder bald darauf, hat er wieder vergessen, dass er 
etwas versprach, und die Ausführung unterbleibt. So ging's in der Schule, so 
zu Hause, und diese Unterlassungen legte man ihm als Faulheit, Trägheit, 
Phlegma aus und dabei ist es nichts als die notwendige Folge eines schwachen 
Willensgedächtnisses. Wäre es in Wahrheit Faulheit gewesen, so hätte er nur 
Dinge zu tun unterlassen, die ihm unbequem und lästig sind, das war aber 
keineswegs der Fall, er vergass ebensooft ihm angenehme Dinge, z. B. liess er 
seinen Vater am Zirkus warten, weil er vergessen hatte, dass er heute nach 
Geschäftsschluss mit ihm in den Zirkus gehen wollte. Ist das auch Faulheit, 
fragte ich den Vater: „Nein das wohl nicht, das verstehe ich nicht, vielleicht 
war er zu bequem, sich anzuziehen oder er spielte gerade mit seinen Kame- 
raden". Das glaubt niemand, dass ein Junge freiwillig auf seine Zirkusvor- 
stellung verzichtet. 

Er hat sogar einmal seinen Geburtstag vergessen, und das ein Kind! J 

Aus diesen beiden Momenten erklären sich seine anormalen Handlungen 
und Urteilsschwächen und mangelhaftes Willensgedächtnis. 

Die Roheitsdelikte basieren in einem defekten Gefühlsleben, er nahm an 



Das "Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 203 

nichts Anteil, „alles ist ihm Wurscht", sagte sein Vater, „nichts macht auf 
ihn Eindruck, er ist eben ein Lump". Er weiss im Moment nicht, was er tut, 
hemmende Vorstellungen fehlen ganz. Die Wertung seiner Handlung tritt 
erst ein nach begangener Tat. Sieht er, dass er zu grob geworden ist, dass 
der Unterlegene blutet oder Schmerzen empfindet, so ist es ihm nicht ganz 
gleichgültig, allerdings muss er erst zur Ruhe gekommen sein und sich auf 
sich selbst besinnen können. 

Einmal ist er tätlich gegen seinen Meister geworden — er arbeitet in 
der Tischlerwerkstatt des Hauses. Als ihn sein Lehrer, der dazukam, zur Ein- 
sicht bringen wollte, sagte er: „Es ist mir Wurscht, ob er stirbt oder nicht". 
In diesem Falle war aber der Meister schuld, der ihn verhöhnt und ausgelacht 
hatte. Seine Zornausbrüche sind ganz exorbitant. 

Zu diesen Roheiten steht seine Albernheit in krassem Widerspruch. 
Alberte er mit seinen Kameraden, so konnten sie mit ihm machen, was sie 
wollten, da lachte er und wehrte sich nicht, wenn sie ihn an die Erde warfen 
und schlugen. 

Diagnose: Debilität als Folge eines Falles auf den Kopf. 

Prognose : Bei seiner nicht völlig verrohten Veranlagung und den 
sicher schädigend wirkenden häuslichen erziehlichen Massnahmen lässt sich 
eine Festigung des Charakters erhoffen. Und sie ist eingetreten. Sein Aeus- 
seres ist ein anderes geworden. Fröhlicher Gesichtsausdruck, freier offener 
Blick, zutrauliches Wesen machen ihn zu einem angenehmen Menschen. Er 
hat jetzt viel Freunde, die viel auf ihn halten. Er war ordentlich im Anzüge, 
bei der Arbeit fleissig, und seine Leistungen in der Schule haben sich gebessert. 
Sein Lehrherr ist mit ihm zufrieden, er hat allerdings auch Lust und Ver- 
ständnis genug, die von uns gegangenen Wege zu seiner völligen Festigung 
weiter zu gehen. Fr. ist mit mein dankbarster Fall gewesen, er hängt noch 
heute mit grosser Liebe an mir und hat sich wacker gehalten. 

8. G. R., 13 Jahre alt, ist der Sohn eines Mühlenbesitzers. Der Vater ist 
ein grosser starker Mann, der alle seine Arbeiter „mit der Kandare reitet". 
Die Reitpeitsche benutzt er auch für andere Wesen als nur für Pferde, in der 
Behandlung von Tieren ist er wenig vorbildlich. Wie der Vater, so der Sohn. 
In der Schule gilt er als Raufbold, sobald ihm jemand entgegentritt, ist er 
kampfbereit. Es kommt ihm garnicht darauf an, jemanden blutig zu schlagen, 
„dann macht es Spass". Er schlägt auch immer gleich sehr grob zu und mit 
Vorliebe ins Gesicht, ein anderer beliebter Schlag ist vor den Leib, „da hat es 
wenigstens Zweck". 

Seine Belustigungen sind ebenfalls von Roheit diktiert, er fängt sich 
gern Tiere und verstümmelt sie, reisst den Fröschen die Vorderbeine aus, ob 
sie auch so hüpfen können, den Fliegen die Flügel, den Fischen die Schwanz- 
flossen usw. Mit Vorliebe bindet er Katzen oder Hunde ein Heubündel oder 
alte Lappen an den Schwanz, die er ansteckte, mit höchster Freude verfolgt er 
die Schmerzen der Tiere, „dabei kann man sich totlachen". Einmal hat er 
einen Hund in die Hundehütte gesperrt, und den Eingang mit Stroh ver- 
stopft, das er anzündete. Mit sichtlicher Freude soll er die vergeblichen An- 
strengungen des Hundes verfolgt haben, sich von der Kette loszureissen. Der 



204 Gustav Major 



Vater hielt alle diese Taten für nicht auffallend, „es zeigt, dass der Junge 
ein tüchtiger Kerl ist, der vor nichts Angst hat". 

Die Lehrer in der Schule erfuhren fast nichts von all diesen Taten, da 
seine Kameraden sich scheuten, etwas zu sagen, aus Furcht vor Prügeln. Den 
Lehrern fiel im Unterricht seine Gefühllosigkeit auf im Bewerten der Taten 
der Personen, die im Unterricht vorkamen. So fand G. Hagens Tat, die jedes 
Kind mit Entrüstung füllt, ganz recht, er freute sich der Hinterlist und Ge- 
meinheit Hagens, „nun war er der stärkste Mann". Keineswegs erkannte er 
die Mannentreue Hagens als auslösendes Motiv, er freute sich der rohen Kraft 
und würde in gleicher Lage gleich gehandelt haben. Entsetzt soll der Reli- 
gionslehrer gewesen sein bei Behandlung des bethlehemitischen Kindermordes. 
G. amüsierte sich köstlich dabei und konnte sich nicht genug tun in der Aus- 
schmückung der Greueltaten der Soldaten. Auch sonst zeugten seine Urteile 
von Gefühlsroheit und Brutalität. 

Seine unterrichtlichen Leistungen waren nicht mehr als mittelmässig. 
Oft sass er und träumte und gab falsche Antworten. Kein Lehrer aber gab 
sich die Mühe, den Grund dieser Unaufmerksamkeit zu ermitteln. Später hat 
er es selbst gesagt, dass er sich dann immer etwas überlegt habe, was er machen 
wollte. Die Lehrer hielten ihn für minderwertig und stempelten ihn zu einem Fall 
von moral insanity. Hätte jemand die häuslichen Verhältnisse gekannt und sich 
die Mühe genommen, den Knaben genauer zu studieren, so hätte sich heraus- 
gestellt, dass von Schwachsinn keine Rede sein kann, er war einfach das Pro- 
dukt seiner Umgebung, das Abbild seines Vaters. Die Lehrer gaben dem Va- 
ter ernstlich den Rat, den Knaben psychiatrisch begutachten zu lassen. Aus 
diesem Tierquäler wird bald ein Menschenquäler werden, der auch sicher mit 
dem Strafgesetz in Konflikt gerät. Und wie leicht wäre ihm zu helfen ge- 
wesen durch frühzeitige Versetzung in eine andere Umgebung. 

9. M. F., 12'/s Jahre alt. Vater Neuropathiker. Mutter an Unterleibsleiden 
gestorben. Grosseltern sollen gesund gewesen sein, nur die Grossmutter väter- 
licherseits litt viel an Kopfschmerzen. Drei Geschwister. Aelterer Bruder 
leichtsinniges Leben geführt. Die anderen Geschwister sind jünger und die 
Eltern haben nichts Auffallendes bemerkt. M. stark unternährt und rachitisch. 
Muskulatur schlaff. Gang schleichend. Blasses Aussehen. Onaniert stark. 
Kleiner Schädel , etwas Asymmetrie des Gesichts , etwas hervortretender 
Unterkiefer, schlechte Zähne und weite Stellung derselben. 

M. zeigt von Kind auf einen unwiderstehlichen Hang zum Lügen und 
Stehlen. Nichts konnte man ihr glauben, und alles musste verschlossen sein. 
Sie ging hinter die Schule, war in ihren Arbeiten nachlässig und unordentlich 
und soll so ein Ausbund von Untugenden gewesen sein, dass der Rektor sagte, 
ein solches Kind noch nicht in seiner Schule gehabt zu haben. Glatt wie ein 
Aal, war sie selten zu überführen, immer hatte sie eine ziemlich glaubwürdige 
Ausrede und hochheilige Beteuerungen ihrer Unschuld. Herr Rektor hinten, 
Herr Rektor vorn, und dabei machte sie gewiss wieder etwas, was ihr verboten 
ist. Sie fälschte Unterschriften, radierte im Klassenbuch die Tadel aus, auch 
für andere Kinder, vernichtete es wohl auch, wenn das Ausradieren nicht 
unauffällig gelang, sie schrieb heimlich die Aufsätze anderer Mädchen ab und 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 205 

so fort. Das gesamte Lehrerpersonal und der Rektor waren verzweifelt. Man 
legte dem Vater nahe, sie von der Schule zu nehmen. 

Dazu ihr heimliches Treiben mit ihrem Bruder. Sie soll schon als ganz 
kleines Mädchen mit ihm an den Genitalien gespielt und jetzt mit ihm ge- 
schlechtlichen Umgang gehabt haben, was aber der ärztliche Befund nicht be- 
stätigt. Weil sie so verlogen und ungezogen war, glaubte man ihr nicht, und 
alles, was die kleinen Geschwister sagten, war wahr und danach handelten die 
Eltern. So ist M. zweifelsohne viel zu viel gestraft, hart gestraft und deshalb 
lief sie von zu Hause fort zu ihrer Grossmutter und erzählte dort von ihrer 
Behandlung. So kam Zwietracht und Unfrieden in die Familie. Die Grosa- 
mutter meinte es gut und sagte dem Mädchen, sie solle nur zu ihr kommen, 
wenn sie zu Haus zu hart gestraft werde. So ist das Mädchen im ganzen 21- 
oder 22mal entlaufen zu ihrer Grossmutter oder Tante. Um das Entlaufen 
ihr unmöglich zu machen, brachte sie der Vater oder die Mutter zur Schule 
und holten sie auch wieder ab, da das Hausmädchen keine Gewalt über sie 
hatte. Da entlief sie dann einfach während der Schulzeit in den Pausen. 

Dieser Hang zur Vagabondage ist ihr angeboren, eine Cousine von ihr 
macht es noch schlimmer wie sie, die ist sogar einmal sechs Wochen fort 
gewesen. 

Und nun noch einen Fall, der die Eltern völlig zur Verzweiflung brachte. 
Eines der kleinen Geschwister bekam zur Stärkung Hämakolade. M. naschte 
heimlich davon, und als sie merkte, dass es weniger wurde, versteckte sie die 
Tüte. Als die Mutter die Hämakolade suchte und nicht fand, gestand M., sie 
gegessen zu haben. Doch damit war die Sache noch nicht zu Ende. M. hatte 
noch nicht alles gegessen, sie nahm jeden Tag etwas davon und versteckte es 
immer auf einen anderen Fleck. Die Mutter hatte dies bemerkt und beob- 
achtete sie weiter. Eines Tages lag eine andere Tüte daneben mit Pulver, 
was so ähnlich aussah. Hatte sie nun wieder Hämakolade genascht, so tat sie 
in die andere Tüte Pulver hinein, so dass dies immer mehr wurde und die Hä- 
makolade weniger. Eines Tages waren beide Tüten weg. Nun stellten die 
Eltern ein Verhör an, nachdem die Mutter die Hämakoladendüte gefüllt mit 
dem Pulver im Schlafzimmer auf dem Kamin fand, und es stellte sich heraus, 
dass es giftige Farbe war. Das Mädchen verweigerte zu sagen, warum sie es 
getan hätte. Nun verbrannte der Vater die Farbe und verlangte von M., sie 
sollte den Inhalt der Tüte (jetzt Hämakolade, die der Vater hineingetan 
hatte) essen, da sie ja vorhin zugesehen hätte, wie ihre Mutter kostete und 
sich nichts hat merken lassen. Das wollte sie nicht, sie weinte, was sie sonst 
nie tat. Der Vater fragte jetzt: Was es gegeben hätte, wenn Mutter das 
Pulver gekocht hätte? Und M. gab zur Antwort: Ein grosses Unglück. 

M. scheint nach allem diesen ein vollständig verkommenes Menschen- 
kind zu sein, an dem Hopfen und Malz verloren ist, da sie mit Ueberlegung 
ans Werk gegangen zu sein scheint. Doch dem ist nicht so. Gewiss, sie 
wusste nach dreistündigem Verhör, was hätte entstehen können, ob sie es vor- 
her gewusst hat, ist damit nicht bewiesen, sie sagte, sie hätte sich nichts dabei 
gedacht, sie hätte das Pulver zwischen den photographischen Sachen ihres 
Vaters gefunden und hätte es ohne Absicht dazu gestellt. Wenn auch dies 
nicht anzunehmen ist, sondern sicher bei ihr die Absicht der Täuschung vor- 



206 Gustav Major 



lag, so hat sie die Tragweite ihres Handelns nicht erkannt. Dass ihr jede 
Spur von Reue fehlte, ist durchaus nicht zu verwundern, da nur derjenige Reue 
empfinden kann, dessen Tat zu seinem Wesen im Gegensatz stand, stimmt die 
Tat aber mit den Ansichten und Gefühlen des Kindes überein, so kann es 
keinen Schmerz über seine Taten empfinden, und seien sie noch so verwerf- 
lich und schlecht. 

Eine genaue Untersuchung der geistigen Kräfte liess Defekte der Ideen- 
assoziation und des Vorstellungslebens nur zu deutlich erkennen, dazu handelte 
sie durchaus triebartig, ohne augenblickliche Wertung ihres Tuns. Das Ge- 
fühlsleben war sehr arm, beinahe vollständig verkümmert, nur das Kitzelge- 
fühl und das sexuelle Gefühl waren erheblich gesteigert. 

Ich erzählte ihr das Märchen vom Fundevogel einmal vor, sie erzählte es 
ziemlich glatt, ohne Stockungen wieder, wenngleich sie den Zusammenhang 
nicht ganz sicher erfasst hatte. Da gab ich ihr auf, selbst eine Geschichte 
nachzuerzählen von einem Knaben, den ein Bär gefunden hätte, und an Stelle 
des Försters sollte ein Bauer treten. Sie verstand mich nicht gleich, erzählte 
dann aber so: Ein Bär fand einen kleinen Jungen auf der Wiese. Seine Mut- 
ter hatte ihn dorthin gelegt, sie holte Heu. Der Junge schrie, das gefiel dem 
Bären, er biss ihn in die Beine, da schrie er noch mehr. Er nahm ihn sich 
mit in seine Höhle. Dort biss er ihn immer in die Beine, und der Junge 
schrie laut. Da kam der Bauer und schoss den Bären tot. Den Jungen nahm 
er mit nach Hause zu seinem Jungen. Die Köchin konnte ihn nicht leiden, 
sie machte ein Feuer an, recht gross, goss Wasser in den Kessel, das Wasser 
sollte ganz heiss werden, denn darin wollte sie den Jungen kochen. Sie holte 
noch mehr Holz und steckte immer Holz unter. Das Wasser kochte. Da holte 
sie den Jungen, er aber war weggelaufen und sie konnte ihn nicht kochen 

Sie erzählte nun von dem Suchen und verweilte wieder länger beim 
Hineinziehen der Köchin ins Wasser. Die Köchin wollte am Teiche trinken, 
und legte sich hin, und da kam schnell die Ente, packte sie am Kragen und 
zog sie hinein, sie steckte sie mit dem Kopf unter das Wasser und hielt ihn 
lange drunter. Die Köchin zappelte, aber die Ente liess nicht los, bis sie 
tot war. 

Ganz auffallend merkt sie von dem Mitleid des Bauern nichts, von der 
Freundschaft der beiden Kinder, von derFürsorge des Försters, aber die Scha- 
denfreude des Bären, der das Kind beisst, die bestialische Freude der Köchin 
beim Zubereiten des kochenden Wassers, und die Bemühungen der Ente, die 
Köchin zu töten, die sind es, die sie fesseln, und bei denen sie lange verweilt. 
Sie malt mit sichtlichem Wohlbehagen aus, wie das Wasser kocht, das Feuer 
scharf brennt, wie die Ente die Köchin ersäuft, tief hineinhält ins Wasser. 
Vollständig perverse Gefühlslage und ein völlig entartetes Gefühlsleben er- 
weisen sich dadurch als die hervorstechenden Züge. 

Es handelt sich um eine Form der Debilität, in der die intellektuellen 
Mängel so zurücktraten, dass sie unerkannt blieben, und die ethischen Defekte 
und Fehler des Handelns um so krasser heraustraten. 

10. N. G., war schon in der untersten Klasse ein Tunichtgut. Er konnte 
schlecht lesen, weil er zu Hause nicht übte und seine Eltern nicht darauf 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 207 

sahen, dass er seine Aufgaben erledigte, sobald nun die Lesestunde kam, und 
er wieder nichts geübt hatte, versuchte er sich zu drücken, er hatte sein Buch 
vergessen, und da der Lehrer mit dem Vater gut bekannt war und N. der 
beste Rechner der Klasse war, glaubte der Lehrer ihm stets und liess ihn nach 
Hause gehen, das Buch zu holen. N. kam dann erst wieder, wenn die Stunde 
bald zu Ende und das aufgegebene Pensum erledigt war. Hatte er das Buch 
nicht vergessen, so fehlte die betreffende Seite. 

Trotzdem wurde er, „der Rechenmeister", versetzt, als einer der ersten. 
In der anderen Klasse jedoch kam es anders. Der Lehrer liess ihn nicht ge- 
hen und bestrafte ihn jedesmal, wenn er nicht lesen konnte, mit dem Stock. 
Was sollte N., der siebenjährige Knirps da tun?, er versteckte den Stock und 
befragte Schüler der höheren Klasse um Rat. Nun wusste er es, Tinte musste 
man in den Stock saugen, dann brach er. Sollte er nachsitzen, ging er nach 
Hause, „da sie heute einen Ausflug machen wollten", oder aber „er hatte ver- 
gessen, dass er nachsitzen sollte", oder er bat aus irgend einem Grunde, an 
einem andern Tage nachsitzen zu dürfen, und dabei hatte er dann oft das 
Glück, dass es später der Lehrer vergass. 

Die Schularbeit machte er unterwegs oder in den Pausen, vor der 
Schule, oder während des Unterrichtes. Einmal hat er sogar die Tafel eines 
seiner Kameraden genommen und behauptet, es sei seine, während er die sei- 
nige ihm in die Mappe gesteckt hatte. 

Als der Frühling kam, fing er Maikäfer und liess sie im Klassenzimmer 
fliegen, ebenso grosse Fliegen. Gewesen war er es nie und so schlau war er 
schon, es seinen Kameraden nicht zu sagen. In der Pause oder vor der Schule 
stellte er eine kleine Schachtel mit den Tieren unter irgend eine Bank, unter 
den Schrank, ins Katheder, und nach Beginn des Unterrichts begann der Spass. 

So häuften und mehrten sich seine Uebeltaten von Jahr zu Jahr, bis 
endlich einmal ein Lehrer kam, der die auffallende Fähigkeit des Knaben er- 
kannte und ihn zu fesseln verstand. Dieser Lehrer erkannte aiich als Grund 
so mancher Untat die Langeweile, die N. plagte. Er war ausnehmend begabt, 
erfasste den Unterrichtsstoff schnell, und wusste nun nicht, die Zeit tot zu 
schlagen, da machte er Dummheiten. Dieser Lehrer hatte für ihn immer eine 
besonders schwere Aufgabe, gab ihm besondere Aemter und N. war fleissig 
und brav und wurde bald der beste Schüler in der Klasse. Mit Rücksicht auf 
seine tollen Streiche wurde er nicht Erster. Das ganze Jahr nicht ein toller 
Streich. 

Aber nach der Versetzung ging es wieder an. Der neue Lehrer, ein Pe- 
dant, kannte selbstverständlich die alten tollen Streiche und beging sogar den 
Fehler, N. daran zu erinnern, indem er N. eindringlich warnte, ja nicht sol- 
chen Unfug wie früher zu machen, er Hesse sich das nicht gefallen. Sein Un- 
terricht war langweilig und N. hatte wieder Zeit zu tollen Taten. In der 
nächsten Mathematikstunde fehlte der Zirkel und in der Geographiestunde 
war die Karte verschwunden. Ohne zu untersuchen, bestrafte der Lehrer N., 
was diesen zu folgender Aussprache veranlasste: .,Wenn Sie doch immer 
glauben, ich bin es gewesen, so kann ich ja Dummheiten machen, Strafe be- 
komme ich doch". Und jetzt häuften sich die Tollheiten, jeder Tag brachte 
neue Ueberraschungen. N. schrieb Entschuldigungszettel und kam nicht in 



208 Gustav Major 



den Unterricht, sondern ging mit den Soldaten auf den Exerzierplatz. Eines 
Tages war er wieder nicht zur Schule gegangen und kam um VjIO in die 
Schule, schlich sich zur Glocke und gab das Zeichen zum Stundensehluss. 
Ein andermal band er an den Klöppel der Glocke einen dünnen Bindfaden, 
den er am gegenüberliegenden Treppengeländer befestigte. Er sass vergnügt 
in der Klasse und wartete auf die Wirkung, die nicht lange auf sich warten 
Hess, die Lehrer wussten nicht, was sie sagen sollten, N. freute sich. Einmal 
wurde er doch dabei ertappt vom Rektor, der zufällig die Treppe herunterkam. 

Als sich die TJebeltaten noch häuften, bekam er einen ernsten Verweis 
von der Konferenz. Die Wirkung war die, dass er alles weiter trieb, nur 
heimlicher. 

Zum Glück verstand ihn der Klassenlehrer der nächsten Klasse wieder 
besser, und er wurde wieder fleissig. Das nächste Jahr brachte das Abschluss- 
examen, und man glaubte sicher, dass N. jetzt arbeiten würde. Doch er tat es 
nicht. Jetzt interessierten ihn die Mädchen. N. wurde eine Stutzer, ging mit 
Monokel und frisch gebrannten Haaren, spiegelblank gewichsten Stiefeln den 
Damen nach. Oft ist er dabei von Lehrern gesehen worden, jedoch konnte 
man ihm „nie etwas am Zeuge flicken". Der Rektor kam eines Tages in die 
Klasse und sagte öffentlich, dass N. die Prüfung wohl nicht bestehen würde, 
darüber seien sich alle Lehrer einig. Und an den Vater schrieb er einen 
Brief, er möchte seinen Sohn von der Schule nehmen, da ihn das Kollegium 
für nicht voll zurechnungsfähig hielte, denn ein Mensch mit dieser Veranla- 
gung könne unmöglich so viele Tollheiten ausführen und so faul sein. Beides 
wirkte auf N. ernüchternd. Er fühlte sich verletzt und sagte am anderen 
Tage dem Rektor, er werde ihm beweisen, dass er etwas Tüchtiges leisten 
könnte. Und er wurde im Examen von allen Fächern der mündlichen Prü- 
fung befreit und heute ist er ein tätiger Mann, der in seinem Berufe schon 
viel Neues und Gutes gewirkt hat. 

Alles wäre anders gekommen, wenn die häusliche Erziehung eine bessere 
gewesen wäre. Der Vater hatte keine Zeit, auch die Mutter war stark beschäf- 
tigt. So war sich N. den ganzen Tag allein überlassen. Dazu die falsche Be- 
handlung der Lehrer. Selbst die Eltern zweifelten zeitweise an der geistigen 
Gesundheit ihres Sohnes. 

11. E. D., 11 Jahre alt, ein debiler, dazu nervenschwacher, körperlich und 
seelisch widerstandsloser Knabe, ist von Seiten der Mutter belastet. Schon 
in frühester Kindheit fiel es besonders auf, dass er alles beschmierte und be- 
schmutzte, alles zerriss und zertrümmerte und nicht eher Ruhe hatte, bis alles 
Neue kurz und klein war. 

Er hatte Tics im Gesicht, in der Muskelgruppe der Lippen und Augen- 
lider, kaute Nägel, onanierte, war intellektuell lange nicht so abnorm wie 
ethisch. Er quälte, schlug, kratzte, bespie, stiess seine Kameraden, besonders 
Mädchen, und empfand eine grosse Freude, wenn sie weinten. Dann stand er 
und rieb sich vergnügt die Hände und sprang vor Wonne von einem Bein aufs 
andere. Jedesmal war er der Unschuldige, dem niemand wohl wollte, den alle 
schlügen. 

Zeitweise, wenn es ihm körperlich nicht gut ging, bei Darmreizungen 



Das Wesen der Debilität im Gegensatz zur moralischen Verderbtheit. 209 

und Darmerschlaffungen, hatte er die üble Angewohnheit, die Kinder hinzu- 
stossen, wenn es ging, vom Berge herab. Und das fing er ganz schlau an, er 
erzählte sich mit ihnen etwas, Hess seinen Kameraden immer an der Abgang- 
seite des Weges gehen und, schwupps lag er unten. Er sagte, er sähe so gern 
die Kinder purzeln, und dabei hatte er eine unbeschreibliche Angst, ein starkes 
Schwindelgefühl, er fasst schnell irgend jemand an. Auch das sind triebartige 
Handlungen, die nicht selten noch schlimmere Formen annehmen. 

Man liest so oft, dass ein Kind erst ein anderes und dann sich ins Wasser 
gestürzt hat, oder dass dies ein Erwachsener tat. Man glaubt, es dann immer 
mit Geistesgestörten zu tun zu haben. Die Zeitungen berichten so, und das 
Publikum glaubt es. Ich kann aus meiner Erfahrung dem absolut nicht in allen 
Fällen zustimmen. Es gibt einen gewissen, unbewussten Reiz, einen Willens- 
antrieb, der sich die Patienten in die Tiefe oder vor die Eisenbahn, vor die 
Elektrische werfen lässt. Es gibt weit mehr Menschen, die daran leiden, als 
man annehmen muss, wenn man die Delikte derselben hört. Gar manche 
sind doch noch so willens- und nervenstark, den aufsteigenden Impuls zu 
unterdrücken, und nur bei Aufnahme der Krankengeschichte oder gelegentlich 
erfährt man davon. 

Zu diesem Fall kann ich keinen Parallelfall eines moralen Kindes an- 
führen. 



Aus der forensischen Psychiatrie 1 ). 

Kritisches Sammelreferat von Dr. Kurt Boas, Halle a. S. 

1. Artmann, Ehescheidung und Psychose. Klinische Beiträge zu § 1569 des 
B.G.B. Inaug.-Dissert. Erlangen 1910. — S.Asch affenburg, Die Versorgung Gemein- 
gefährlicher. Zeitschr. f. d. ges. Strafrechtswissenschaft. XXXII. 1911. S. 735. — 
3. Becker, W. A., Moralischer Schwachsinn vor Gericht. Friedreichs Blätter für 
gerichtl. Med. LXIII. Heft 3. 1912. — 4. Belletrud, Vol et dösertion Simulation 
Debilite intellectuelle. Inegalite, Instabilite constitutionelle. Annales medico-psycho- 
logiques. 1912. XLX. Nr. 3. — 5. Bennecke, Simulation und Selbstverstümmelung 
in der Armee unter besonderer Berücksichtigung der forensischen Beziehungen. Arch. 
f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. XLHI. 1911. S. 193. — 6. Biltz, Die 
progressive Paralyse nebst ihrer forensischen Würdigung. Inaug.-Dissert. Kiel 1912. — 
7. Boas, Ein weiterer Fall von Suicidium menstruale. Arch. für Kriminalanthropologie 
and Kriminalistik. XL. 1911. — 8. Bonhomme, Etüde semiologique et tbörapeutique 
des aliönes vicienx. These de Montpellier. 1911. 9. Brunnlechner, Zur Mitwirkung 
der Schale im Strafverfahren gegen Jugendliche. Zeitschr. f. Einderschutz und Jugend- 
fürsorge. IV. 1912. Heft 3. — 10. Carrie, Die psychopathiBch Minderwertigen in der 
Strafrechtspflege. Zeitschrift f. Kinderforschung. XV. 1909. S. 83. — 11. Clarke, 
Sterilisation front the eugenic standpoint, with heredity statistics from Long-groom Asylum 
clinical statistics. Journ of mental science. LVTLL 1912. January. — 12. Con- 
rad i , Ein Beitrag zur forensischen Bedeutung der Paranoia chronica (politischer Ver- 
folgungswahnsinn). Inaug.-Dissert. Kiel 1911. — 13. Cramer, Die Grenzzustände 
in Armee und Marine. Deutsche militärärztl. Zeitschr. 1910. Nr. 7. — 14. Crase- 
mann, Berufsvormundschaft und die volljährigen geistig Minderwertigen, unter be- 

') Anmerkung: Der vorliegende Bericht umfasst überwiegend die einschlägigen 
Arbeiten aus den Jahren 1911 und 1912, in vereinzelten Fällen ist auch auf Erschei- 
nungen der Jahre 1909 und 1910 zurückgegriffen. Die eingeklammerten Ziffern ver- 
weisen auf das Literaturverzeichnis. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 14 



210 Kurt Boas 



sonderer Berücksichtigung des Schutzes der menschlichen Gesellschaft vor den Un- 
sozialen. Monatsschr. f. Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform. VIII. 1911. S. 465. 

— 15. Daniel, Some statistics about Sterilisation of the insane. Journ. of mental 
science. LVIII. January 1912. — Deutsch, Soziale Fürsorge für die aus der 
Hilfsschule Entlassenen. Zeitschr. f. Kinderforschung. XVII. 1912. Heft 11. — 
17. Eschle, Psychiatrische Gutachten. Zeitschr. f. Versicherungsmedizin. 1911. 
Nr. 3— 4. — 18. Field, Practical eugenics Training school. VETI. 1911. Nr. 10. — 
19. Gifford und Goddard, Defective children in the juvenile court. Djidem VIII. 
1912. Nr. 9. — 20. Graf Gleispach, Ueber amerikanische Jugendstrafanstalten. 
Zeitschr. f. Kinderschutz und Kinderfiirsorge. IV. 1912. Heft 2 und 3. — 21. Gud- 
den, Diebstähle infolge von Zwangsvorstellungen. Friedreichs Blätter f. gerichtl. 
Medizin. LVIL 1913. S.417. — 22. Gu dden, Die Behandlung der jugendl. Ver- 
brecher in den Vereinigten Staaten. Ebenda LXI. und LXII. 1910. Auch separat 
erschienen bei Fredrich Korn. Nürnberg 1910. — 23. Guilherm et, Les mensonges 
des enfants devant la justice. Revue de psychotherapie. 1911. Nr. 8. — 24. Glaser, 
Die forensische Bedeutg. d. leichten Formen d. zirkulären Irreseins. Inaug.-Diss. Strassburg 
1911. — 25. Gross, Hanns, Persönliche Mitteilungen des Verf. an den Ref. — 
26. Heine, Die forensische Bedeutung der Amnesie. Vierteljahrschrift f. gerichtl. 
Medizin und öffentliches Sanitätswesen. 3. Folge. XLII. 1911. Heft 1. — 27. v. Hes- 
se rt, Schutz der Gesellschaft vor verbrecherischen Geisteskranken. Monatsschr. f. 
Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform. IX. 1912. Heft 2. — 28. Hinrichs, Be- 
richt an das Landesdirektorium der Provinz Schleswig-Holstein über die psychiatrische 
Untersuchung der schulentlassenen Fürsorgezöglinge im Burschenheim zu Rickling, im 
Frauenheim zu Innien und im Asyl Neuendeich. Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie 1911. — 
29. Heuss, Zwangsvorstellungen in der Pubertät unter besonderer Berücksichtigung 
militärischer Verhältnisse. Inaug.-Dissert. Berlin 1910. — 30. Hoffmann, Zur 
Kasuistik und militärforensischeu Beurteilung imbeziller fleeresangehöriger. Friedreichs 
Blatter f. gerichtl. Medizin. LXII. 1911. S. 81. — 81. Jö dick e, Simulation von epilep- 
tischen Anfällen durch einen jugendlichen Psychopathen. Monatschr. f. Kriminal- 
psychologie und Strafrechtsreform. IX. 1912. Heft 1. — 32. Jüttner, Beobachtungs- 
ergebnisse an Grenzzuständen aus Armee und Marine. Deutsche militärärztl. Zeitschr. 
1911. Nr. 18. — 33. Keferstein, Ablehnung der Entmündigung bei einem wegen 
chronischer Verrücktheit pensionierten Beamten (induziertes Irresein). Zeitschr. f. 
Medizinalbeamte. 1911. Nr. 7. — 34, Keller, Was bezweckt eine Inselanstalt für 
antisoziale geistesschwache Männer? Monatsschr. f. Kriminalpsychologie und Straf- 
rechtsreform. IX. 1912. Heft 1. — 35. Kinberg, Ueber die Unzulänglichkeit aller 
Versuche, einen Begriff der Zurechnungsfähigkeit aufzustellen. Ebenda VIII. 1911. 
S. 390. — 36. K o e h 1 e r , Psychopathologie der Tuberkulose und ihre kriminelle Be- 
deutung. Zeitschr. f. Tuberkulose. XV. 1909. Heft 1, S. 31. — 87. Lacaze, De 
la criminalitö feminine en France. Etüde statistique et mßdico-legale. These de 
Lyon. 1910. — 38. Lazar, Aerztliche Probleme in der Fürsorgeerziehung Heil- 
pädagogische Schul- und Elternzeitung. 1912. Nr. 9. — 39. L e e r s , Zur forensischen 
Bedeutung der senilen Involution. Archives internat. de mecl. legale. IL 1911. Heft 3. 

— 40. Leppmann, Zur ärztlichen Begutachtung von Sittlichkeitsverbrechern (§ 176, 3) 
Aerztl. Sachverständiger-Ztg. 1912. Nr. 10. — 41. Liebermann v. Sonnen bürg, 
Zwei Fälle von Besudelung. Arch. f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. XLIII. 
1911. S. 281. — 42. Lydston, Sexual mutilations in social therapeutics. New York 
med Journ. 6. April 1912. — 43. Maix, Taille, grande envergure, buste et indice 
cephalique chez les dötenus. Rapports entre ces differentes donnees anthropometriques. 
These de Lyon. 1910. — 44. Major, Der jugendliche Zeuge. Zentralbl. f. Vormund- 
schaf tswesen , Jugendgerichte und Fürsorgeerziehung. 1909. Nr. 15. — 46. Major, 
Die Psyche des jugendlichen Verbrechers. Pharus 1911. Nr. 3. — 46. Major, Krank- 
haft oder verkommen und verbrecherisch veranlagt? Zeitschr. f. Schulgesundheits- 
pflege. XXIV. 1911. S. 266. — 47. Marie und Mac-Auliffe, Sur les caracteres 
morphologigues de 61 meurtriers ou homicides volontaires francais. Comptes rendus 
hebdomadaires des söances de l'Acad^mie des sciences. 1912. Nr. 3. — 48. Marie 
und Mac-Auliffe, Morphologie des assassins, homicides volontaires et meurtriers 



Aus der forensischen Psychiatrie. 211 

francais. Ibidem. Nr. 5. — 49. Marine, Sexuelle Frühreife, Verbrechertum, Epilepsie. 
Archivio di antropologia criminale. XXXI. Heft 6. — 60. Martin, Infanticide com- 
mis sur des jumeaux. Arch. d'anthropologie criminelle et de mdd. legale. 1911. — 
51. Martin, Roussel und Lafforgne, Fugues et impulsions dans la periode pro- 
dromique de la dömence precoce. Ibidem. XXVI. 1911, p. 346. — 52. Meier, Bei- 
trag zur Psychologie des Kindermörders. Arch. f. Kriminalanthropologie und Krimi- 
nalistik. XXXVIII. 1911. S. 313. Gleichzeitig als Inaug.-Dissert. Zürich 1910 er- 
schienen. — 63. M o e 1 i , Fürsorgeerziehung und Hygiene. Hygienische Rundschau. 
1911. Nr. 8. — 54. Mönkemöller, Zur Psychopathologie des Brandstifters. Arch. f. 
Kriminalanthr. u. Kriminalistik. XL VIII. 1912. S. 195. — 55. Mörchen, Mesalliancen 
vor dem Forum des Psychiaters. Sexualprobleme. 1912. VIII. Nr. 1. — 56. de la 
Motte, Beitrag zur Lehre von den GefängniBpsychosen. Inaug.-Dissert. Kiel 1909. 

— 57. Müller, Ueber Fürsorgeerziehung in den Niederlanden. Zeitschr. f. Kinder- 
schutz und Jugendfürsorge. 1912. Nr. 4. — 58. Nolan, The proposed Sterilisation of 
the mentally nufet. Dublin med. Journ. März 1912. — 59. Raecke, Aus ameri- 
kanischen Fürsorgeanstalten. Zeitschr. f. Kinderforschung. XVII. 1912. Heft 10 und 
Zeitschr. für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns. 1911. 

— 60. Richard, A study of military oflences committed by the insane in the United 
State army for the past filty years. American Journal of Insanity. LXVIII. 1911. Nr. 2. 

— 61 Richardson, The „imprisonment psychnes" with report of cases. Ibidem 
LVIII. 1912. p. 473. — Rodiet, Les actes des meUaucoliques et leur £tude medico- 
legale. Annales d'hygiene publique et de va6d. legale. XVI. 1911. p. 634. — 63. Rupp- 
recht, Strichjungen. Monatsschr. f. Kriminalpsychologie und Straf rechtsreform. VIII. 
1911. S. 221. — 64. Santelli und Hesnard, Vols, abus de confiance, et absence 
illegale chez un officier de marine. Archives d'anthropologie criminelle. XXVI. 1911. 

— 65. S arrat, De l'infanticide dans se rapperts avec les psychoses transitoires des femmes 
en couches. These de Lyon. 1912. — 66. Schenk, Zum Schutze Geistesschwacher vor 
Gericht. Die Hilfsschule. V. 1912. Heft 2. — 67. Schlue, Ein Beitr. zu d. epilep- 
tischen Verwirrtheitszuständen nebst ihrer forensischen Bedeutung. Inaug.-Dissert. 
Kiel 1911. — 68. Schubart, Die angeborene Geistesschwäche und ihre forensische 
Bedeutung. Archiv f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. XL VI. 1912. S. 166. 

— 69. Schütze, Fünfstündige Abschlachtung einer Geisteskranken durch ihren Mann 
und ihre 73jährige Mutter. Ebenda XLH. 1911. S. 136. — 70. Schuppius, Für- 
sorgeerziehung und Militärdienst. Deutsche militärzÜ. Zeitschr. 1911. Nr. 22. — 
71. Schuppius, Ein Beitrag zur Vagabundenfrage. Zeitschr. f. d. ges. Neurologie 
und Psychiatrie. X. 1912. S. 420. — 72. Serieux und Libert, Un asile de sürete 
80us l'ancien regime. Annales et bulletin de la Soci^te" möd. de Gand. Juni 1911. 

— 73. Stekel, Berufswahl und Kriminalität. Arch. f. Kriminalanthropologie und 
Kriminalistik XLI. 1911. S. 268. — 74. Stern, Ueber die akuten Situationpsychosen 
d. Kriminellen. Aerztl. Sachverständigen-Ztg. 1912. Nr. 14 u. Arch. f. Psychiatrie. 1913. — 
75. Stier, Ueb. psychiatr. Gutachten für militärgerichtl. Zwecke. Arch. f. Militärrecht. 
1911. S. 17. — 76. Stransky, Das Affektdelikt. Allgem. Oesterr. Gerichtszeitung. 

1911. Nr. 8 — 9. — 77. Strassmann, Neurasthenischer Dämmerzustand. Aerztl. Sach- 
verständigen-Ztg. 1911. Nr. 24. — 78 v. Sury, Die Berechtigung der sozialen Indika- 
tion zur Sterilisation und ihre forensische Bedeutung. Vierteljahrsschr. für gerichtl. 
Medizin und öffentl. Sanitätswesen. XLIII. 1912. 3. Folge, 2. Suppl.-Heft S. 95. — 
79. Svenson, Psychopath. Verbrecher. Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. 
1. Teil. XXXVII. 1910. S. 209. 2. Teil. 1912. — 80. v. Sydo w, Ueb. Eisenbahnfrevel durch 
Geisteskranke. Inaug.-Dissert. Rostock 1909. — 81. Thomalla, Eine merkwürdige 
Entmündigung. Zeitschr. f. Medizinalbeamte. 1911. Nr. 13. — 82. Violette, Geistes- 
krankheit als Scheidungsgrund. Gazette möd de Paris. 1911. Nr. 83. — 83. Wag- 
ner v. Jauregg, Ueber krankhafte Triebhandlungen. Wiener Klin. Wochenschr. 

1912. Nr. 11. — 84. Weber, L. W., Die Unterbringung geisteskranker Verbrecher 
und gemeingefährlicher Geisteskranker. H. Vogt und R. Bings, Ergebnisse der 
Neurologie und Psychiatrie. I. 1912. Heft 3. — 86. Weygandt, Psychiatrische Begut- 
achtung von Mördern. Mitteilungen aus den Hamburgischen Staatskrankenanstalten 
XI. 1910. Heft 12. S. 301. — 86. Weygandt, Die Entwicklung der gerichtl. 



212 Kurt Boas 



Psychiatrie. Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform. VIII. 1911. 
S. 209. — 87. Wilmanns, Die praktische Durchführung der Bestimmungen über die 
verminderte Zurechnungsfähigkeit im Vorentwurfe. Ebenda VULI. 1911. S. 136. — 
88. Ziemke, Der § 56 StG.B. und seine Beziehung zum Schwachsinn. Ebenda VIII. 

1911. 8. 266. 

89. Austerweil, Ueber den Geisteszustand der Landstreicher vom gerichts- 
ärztlichen Gesichtspunkte. Friedreichs Blätter f. gerichtl. Medizin. 1910. Heft 4/5. — 
90. Barisch ii ikoff, W., Der Selbstmord im Kanton Zürich. Inaug.-Diss. Zürich. 

1912. — 91. Bornstein, Ueber psychotische Zustände bei Degenerativen. Zeitschr. 
f. d. ges. New. u. Psych. Bd. 7, Heft 2. — 92. Bercio, Die Strafe als Arzt. An« 
Kriminalanthropologie und Kriminalistik. XL VII. 1912. p. 313. — 93. Birnbaum, 
Psychiatrie und Strafrechtspflege im Laufe der letzten Jahrzehnte. Sonderabdruck 
aus Dokumente des Fortschritts (Verlag Georg Reimer, Berlin). September 1912. 
S. 567. — 94. Blume, Phantasie U.Schwachsinn. Gerichtl. Gutachten. Allg. Zeitschr. 
f. Psychiatrie LXIX. Heft 3. — 95. B o s s i , Die gynäkolog. Läsionen b. d. Manie d. 
Selbstmordes u. d. gynäkolog. Prophylaxe gegen den Selbstmord des Weibes. Zentralbl. f. 
Gynäkologie. 1911 u. 1912. Gynäkolog. Rundschau. 1911. Wiener klin. Wochenscbr. 1912. 
Hegars Beiträge zur Geburtshilfe und Gynäkologie. 1913. L'indirizzo della nostra 
scuola. Genova. 1912. Annali di ginecologica e obstetrica 1910, Annales de gynecologi« 
et d'obateiriques 1910, 1911, 1912 usw. und an diversen anderen Orten. — 96. 
Bowers, Paretic patients sent to prison. Journ. of the Am. med. Association. 
Maren 16, 1912. — 97. Bürger, L.. Tätigkeit der Medizinalbeamten vor dem 
Jugendgericht und bei Vollzug des Fürsorgegesetzes. (Offizieller Bericht des preuss. 
Medizinalbeamtenvereins für 1911). — 98. Colin, Un cas d'uranisme, Crime pas- 
sionnel commis par l'inseits. Präsentation du malade. Annales meMico-psychologiques. 

1913. Nr. 1. Janvier. — 99. Deutsch, Alkohol und Homosexualität. Wiener klin. 
Wochenschr. 1913. Nr. 3. — 100. Dodel, Beitrag zu d. Geschichte sadistischer Ver- 
brechen. Inaug.-Diss. Berlin. 1912. — 101. Francott e, Expertise en matiere psychia- 
trique. Bulletin de l'academie royale de möd. de Belgique. 1912. Juin. — 102. Fried- 
rich, Alkoholismus und Strafzumessung. Monatscbr. f. Psychologie u. Strafrechtsref. 
IX. 1912. S. 23. — 103. Friedrich, Die strafrechtliche Bedeutung des manisch-depres- 
siven Irreseins und der Dementia praecox. Inaug.-Dissert. Bonn. 1912. — 104. Gault, 
The degenerate at large. Journ. of the American Institute for criminal law. Vol. II. 

1911. Nr. 6. — 105. Goddard, Henry H., The responsability of children in the juve- 
nile court. Journal of American Institute of criminal law and criminology. Vol. HI. 
Nr. 3. Sept. 1912. — 106. Goddard, He n ry H., Sterilisation and tegregation. Bulletin of 
the American Academie of Med. Vol. XIII. Nr. 4. August 1912. — 107. Goronzek, 
Ueber Tätowierungen bei Soldaten. Liaug.-Dissert. Königsberg 1912. — 108. Goob, 
Sterilisierung von Geisteskranken. Schweizer. Zeitschr. f. Strafrecht. XXXIH. 1910. 
Heft 3. — 109. Göring, Die Beurteilung des Vorentwurfs zu einem deutschen Straf- 
gesetzbuch durch die Psychiater. Zeitschr. f. d. ges. Strafrechtawissenschaft. 33. Bd. 
1911/12. — 110. Hoffmann, J., Ueber Beobachtungen auf Zurechnungsfähigkeit, 
Ueberblick über die in den Jahren 1900 bis inkl. 1904 in der Landesheilanstalt zu 
Marburg auf Grund des § 87 Strafprozessordnung beobachteten Exploranden. Inaug.- 
Dissert. Marburg. 1912. — 111. Höpfner, Ueber die Disposition der Stottererpsyche 
zu asozialer Entwicklung. Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. I. S. 15. 

1912. — 112. Iss erlin, M. und Gudden, H., Psychiatrische Jugendfürsorge. Zeit- 
schrift f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. Bd. XII. Heft 5. 1912. — 113. Der erotische 
Verkleidungstrieb (Die Transvestiten). DJuBtrierter Teil von Magnus Hirschfeld 
und Max Tilke. 2. Aufl. Juli 1912. Alfr. Pulvermacher & Co. — 114. J oll y, Selbst- 
mord nach Unfall. Aerztl. Sachverständigen-Ztg. 1911. Hr. 15. — 115. J uliusburger, 
Ueber einen Fall von akuter autopsychischer Bewusstseinsstörung, ein Beitrag zur Lehre 
von Kriminalität und Psychose. Zentralbl. f. Psychoanalyse. I. Nr. 7 — 8. 1911. — 
1 16. K i n b e r g, Obligatory psychiatrical examination of certain classes of aecused per- 
8ons. American Journ. of the criminal law. Vol. II. 1912. Nr. 6. — 117. Kirchberg, 
H., Eigentumsvergehen bei Dementia paralytica. Arcb. f. Psychiatrie. Bd. 49. Heft 3. 
1912. — 118. Kusnetzoff, Anonymes Briefschreiben. Inaug.-Dissert. München. 1918. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 213 

— 119. Lydston, The sexual root of kleptomanie. Journ. of the American Institute 
for criminal law. Vol. IL 1912. Nr. 6. — 120. Meyer, Bruno, Homosexualität und 
Strafreclit. Arch. f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. XLIV. 1911. S. 249. — 
121. Mezger, Der Krankheitsbegriff in § 55 Str.G.B. Zeitsch. f. d. ges. Strafrechts- 
wissensch. XXIH. 1912. S. 159. — 122. Möller, Sittlichkeitsdelikte im epileptischen 
Dämmerzustande. Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen. 3. Folge. 
Bd. XLIV. 1912. Heft 2. — 123. Mönkemöller, Bericht an das Landesdirektorium 
der Provinz Hannover über die psychiatrisch-neurologische Untersuchung der schul- 
pflichtigen Fürsorgezöglinge im Stephansstifte (Hannover). Zeitschr. f. d. Erforschung 
u. Behandlung, d. jugendlichen Schwachsinns. VI. 1912. S. 1. — 124. Näcke, Alkohol 
und Homosexualität. Zeitschr. f. d. ges. Psychiatrie und Neurologie. VII. 1911. — 
125. Oberholze r, Dauernde Anstults Versorgung oder Sterilisierung ? Schweizer. Zeit- 
schrift f. Strafrecht. XXV. 1912. S. 54. — 126. Oppe, Der Mörder Göhlert und sein 
Geisteszustand vor der Hinrichtung. Arch. f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. 
Bd. LI. S. 86. 1913. — 127. Vgl. Osius, Die Erfolge d. Fürsorgeerziehung in Preussen. 
Der Arbeiterfreund 1911. Nr. 1. — 128. Ders., Die indirekten Folgen d. Fürsorgeerzie- 
hung. Ebenda. 1911. Nr. 2. — 129. Partenheimer, Ueber die Bewertung der Vorstrafen 
in bezug auf die Militärdienstfähigkeit. Deutsche militärärztl. Zeitschr. 1912. Nr. 18. — 
130. Petto w, Zur Psychologie der Transvestie (zugleich ein Beitrag zur Reform des 
§ 51 Str.G.B.). Arch. f. d. ges. Psychologie. XXII. 1911. S. 249. Vgl. auch den Auf- 
satz desselben Verf. in der Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. 1911. — 
181. P 1 a c z e k , Die Wassermannsche Probe als Hilfsmittel der forensisch-psychiatrischen 
Beurteilung; Schwachsinn; sexuelle Delikte. Med. Klin. 1911. Nr. 1. — 132. Roh de, 
"Wann muss eine Trinkeranstalt, besonders eine Irrenanstalt, einen gegen seinen Willen 
festgehaltenen Trinker entlassen? Monatsschr. f. Kriminalpsychologie u. Strafrechts- 
reform. VlU. 1911. S. 1. — 133. Rorschach, Pferdediebstahl im Dämmerzustand. 
Arch. f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. IL. 1912. S. 175. — 134. Rosen- 
feld, IL, Die Beobachtung des Geisteszustandes im Strafverfahren. Festschr. des 
med.-naturwissenschaftL Vereins in Münster. 1912. S.369. — 135. Rupprecht, Ueb. 
jugendliche Sexualverbrecher. Friedreichs Blätter f. gerichtl. Medizin. LXII. 1911. 
S. 24. Vgl. auch weiter oben den Aufsatz desselben Verf. (63) über Strichjungen. 

— 136. Rupprecht, Kindlicher Schwachsinn u. Straffälligkeit Jugendlicher. Arch. 
f. Psychiatrie. 1911. Bd. 48. Heft 3. — 137. Rüssel, Municipial laboratories for the 
Ftudies of the abnormal classe. School and oomment. XVH. 1911. Nr. 7. — 138. Schäfer, 
Bin Fall hartnäckiger Simulation von Geisteskrankheit. Arch. f. Kriminalanthropol. u, 
Kriminalistik. Bd. XLVH. 1912. S. 279. — 139. Schott, Ueber nervöse Entartung. 
Viei-teljahrsschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. Gesundheitswesen. S.Folge. XT/TTT. II. 
Suppl.-Heft 1912. S.320. — 140. Schrenk-Notzing, Frhr. v., Ein sexuelles Attentat auf 
eine Hypnotisierte. Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik. XLIII. 1911. S. 139. 



A rtmann (1) erörtert zunächst die allgemeinen Gesichtspunkte, die bei der Ehe- 
scheidung Geisteskranker in Betracht kommen, um dann diese Frage für die verschie- 
denen Psychosen im einzelnen zu erörtern. Die Ausführungen schliessen sich an ein- 
zelne, näher mitgeteilte konkrete Fälle an. Die Betrachtungen zeigen, dass sich die 
Psychosenarten nicht in einfacher Anordnung zum § 1569 B.G.B. gruppieren lassen, 
dass vielmehr jeder Fall, mag er klinisch zu bewerten sein wie er will, im Hinblick 
auf die Ehescheidung individuell genommen werden muss. De lege ferenda wünscht 
Verf. eine Abschwächung der recht schweren Bestimmungen des § 1569, die nament- 
lich den kleinen Mann am empfindlichsten treffen. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, 
die Härten zu mildern, ohne dass die Geisteskrankheit zu einer missbräuchlichen oder 
sträflichen Anwendung des Gesetzes bei scheidungslustigen Ehegatten führen könnte. 
Wie sich Verf. freilich die Art dieser „Milderungen" denkt , sagt er nicht '). — Eine 



') Von sonstigen Veröffentlichungen der letzten Zeit über Eheschliessung und 
Geisteskrankheit sei an dieser Stelle noch erwähnt die Arbeit von v. Mach (Viertel- 
jahrsschr. f. gerichtl. Medizin und öffentl. Sanitätswesen). Vgl. auch die in dem vor- 
hegenden Sammelreferat besprochene Arbeit von Violette (82). 



214 Kurt Boas 



wahre Crux der Gerichte und der Heimatsbehörden sind die Landstreicher, über deren 
Geisteszustand Au st erweil (89) eine gerichtsärztliche, umfassende Untersuchung ange- 
stellt hat. Er weist an der Hand reichen Materials nach, daas diese Leute fast aus- 
nahmslos zu den Degenerierten gehören. Dementia praecox, Alkoholismus, Epilepsie, 
leichtere und schwerere Imbezillität , Paralysis progressiva, Dementia senilis, erbliche 
Belastungen, öfters auch Kopftraumen sind festzustellen. Austerweil verlangt daher 
— wie dies der mehrerwähnte Wulffen für Verbrecher überhaupt verlangt — , dass 
die Gerichte bei der strafrechtlichen Behandlung von Vaganten der Naturwissenschaft, 
speziell der Pathologie Rechnung tragen sollen. Ein Teil dieser Leute könnte geheilt 
werden, ein anderer Teil aber unter entsprechender Leitung und Unterweisung zu einer 
ihrem Geisteszustand entsprechenden Arbeit angelernt und angehalten werden , wo- 
durch sie einerseits nicht das Staatsärar mit ihrer Unterhaltung belasten, anderseits aber 
unter entsprechender psychiatrischer Leitung , Selektion , Fädagogie und Beobachtung 
der nötigen Individualisierung sogar zu nützlichen Menschen werden könnten. — 
Sondermassregeln sind nach Aschaffenburg (2) erforderlich : a) bei ver- 
brecherischen Geisteskranken (Heilung oder dauernde Versorgung), b) bei vermindert 
Zurechnungsfähigen (zeitweise Ausscheidung verbunden mit einem Erziehungsversuch), 
c) bei Trinkern (Heilung oder dauernde Versorgung), d) bei Jugendlichen (Erziehung), 
-e) bei Bettlern und Vagabunden (zeitweise Ausscheidung verbunden mit einem Er- 
ziehungsversuch), f) bei gemeingefährlichen Verbrechern (Verwahrung) '), — Der 
Frage des Selbstmordes ist in den letzten Jahren lebhafte Beachtung von seiten der 
pathologischen Anatomen, gerichtlichen Mediziner und nicht zuletzt von Seiten der 
Psychiater zu Teil geworden: Von ersteren erwähne ich Egglhuber, der das Sek- 
-tionsmaterial der Münchner pathologischen Anstalt bearbeitete, ferner Heller, der 
namentlich auf die Häufigkeit pathologischer Verhältnisse an den Genitalien weiblicher 
Selbstmörder hinwies (beginnende Gravidität, Menstruation), Ollendorff, dessen 
wertvolle Arbeit das Material des Berliner Institutes für Staatsarzneikunde zugrunde 
Hegt. Von Psychiatern sind namentlich zu nennen: Helene Friederike Stölzner, 
■die 200 männliche und weibliche Selbstmörder der ehemals Ziehenschen Klinik zu 
untersuchen Gelegenheit hatte, Hübner und Ph. Jolly, die namentlich versicherungs- 
rechtliche Fragen berücksichtigten, Botte, der das Vorkommen des Suizids in der 
französischen Armee bearbeitete und Verf., der vor einigen Jahren auf Grund des da- 
maligen Standes der Literatur in Gross' Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik, 
die Beziehungen zwischen Alkoholismus und Selbstmord erörterte. Endlich hat sich 
auch die Freudsche Richtung in einem ihrer Diskussionsabende der Selbstmordfrage 
angenommen und dabei, wie von vornherein zu erwarten stand, in viel zu intensiver 
Weise das sexuelle Moment in ätiologischer Hinsicht betont. Ein Kapitel für 
sich bilden die Schülerselbstmorde, die zu zahlreichen mehr oder minder sachverstän- 
digen Debatten in Fachzeitschriften — pädagogischen wie medizinischen — sowie nament- 
lich auch in der Presse Veranlassung gegeben haben. Man tut gut daran, eine Sach- 
verständigenliteratur von einer mehr laienhaften literarischen Richtung zu unterscheiden. 
Zu ersterer gehören namentlich die sehr exakten Arbeiten von Eulenburg und 
Chlopin (letztere berücksichtigt russische Verhältnisse), sowie von Gerhardt Einen 
besonderen Typus hat Verf. unterschieden, den er als „Suicidum menstruale" be- 
zeichnet und durch einen eigenen Fall sowie einer Reihe einschlägiger analoger Beobach- 
tungen aus der Literatur belegt hat. Zu diesen für die Auffassung der Lehre vom Selbst- 
mord grundlegend gewordenen Arbeiten stellt sich die vorliegende auf Veranlassung 
Zanggers gefertigte Arbeit von Frl. Dr. Barischnikoff , die man nicht gerade als 
eine Bereicherung der einschlägigen Literatur bezeichnen kann, gegen die sich im 



J ) Vgl. hierüber auch P o 1 1 i t z , Versorgung geisteskranker Verbrecher. Medi- 
zinalarch. II. 1911. S. 321 u. a. 0. einer der besten Kenner auf diesem Gebiete. Siehe 
auch die in diesem Bericht enthaltene Besprechung der ausgezeichneten Arbeit von 
L. W. Weber (77), und der von Bonhomme (8), Aasmann (14), Staiger und 
Keller (34) Behandlung psychiatrisch minderwertiger Strafgefangener. Allg. Zeitscbr. 
f. Psychiatrie. LXIX. 1912. Heft 4. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 215 

Gegenteil mancherlei einwenden lässt 1 ). — Becker (S) bespricht zunächst die 
Diagnose der moralischen Imbezillität und stellt folgende Kardinalsymptome auf: 1. In- 
tellektueller Defekt, 2. charakteristische ethische Fehler im Kindesalter, 3. zeitweise 
Unfähigkeit normalen ethischen Fühlens und Denkens. Zum Schluss werden die Be- 
ziehungen des moralischen Schwachsinns zum § 51 erörtert. An den vielen Streit- 
fragen, die sich an den Begriff der moral insanity knüpfen, geht Verf. leider vorüber. 
Ebenso vermisst Ref. eine eigene Stellungnahme des Verf .s *) — Belletrud (4), 
teilt ein ausführliches Gutachten über einen Soldaten mit, der sich der Desertion und des 
Diebstahls schuldig gemacht hatte. Verf. kommt zum Schluss zu dem Ergebnis, dass bei 
dem Angeklagten keine eigentliche Geisteskrankheit, wohl aber eine psychopathische Kon- 
stitution vorliege. Derartige Individuen gehören weder in die Irrenanstalten noch ins 
Gefängnis, sondern in besondere Zwischenanstalten. — Auf Grund eines Materials 
von 75 Fällen von Simulation und Selbstverstümmelung gelangt Bennecke (5) zu 
folgenden Schlussfolgerungen: 1. Auffallend niedrig ist die Zahl der Verurteilungen: 
in 39°/„ der anhängig gewordenen Sachen, während sonst im Heere durchschnittlich in 87% 
Verurteilung erfolgt. Die Ursachen der häufigen Einstellungen und Freisprechungen sind: 
schwer festzustellender und nachzuweisender Tatbestand, Anhängigwerden auf Grund 
haltloser Denunziation , tatsächliche , wenn auch übertriebene Gesundheitsstörungen, 
Fachschriften der Wissenschaft, welche das Gebiet der Simulation eingeengt haben, 
Unzurechnungsfähigkeit. 2. Bei beiden Delikten finden sich viel Vorbestrafte, nament- 
lich wegen Eigentumsvergehen , unter den Simulanten speziell noch wegen Betrugs. 
3. Die Mannschaften des 2. und 3. Jahrgangs sind infolge ihrer aus der Zurückstellung 
erklärbaren geringeren Dienstfreudigkeit und oft weniger kräftigen Konstitution stärker 
vertreten. 4. Der Zeitpuukt der Tat ist meist bald nach der Einstellung, bei Selbst- 
verstümmelung auch vor derselben. 5. Die Motive sind z. T. materieller Natur, so 
der Wunsch, das eigene oder väterliche Geschäft weiter zu führen. Bei nervösen, 
weichen Naturen ist die Sorge um die eigene Gesundheit, oft geschärt von Angehörigen, 
massgebend. Vielfach finden sich als auslösendes Moment Beschwerden infolge wirk- 
licher Gesundheitsfehler. Andere Gelegenheitsursachen sind gegeben in Furcht vor 
Strafe und vor Unannehmlichkeiten eines besonderen Dienstes. Schliesslich spielt das 
sexuelle Moment, meist als Heiratsabsioht, eine Rolle und zwar namentlich bei Selbst- 
verstümmlern, die entsprechend der stärkeren Beteiligung des Gefühlslebens möglichst 
schnell zum Ziele kommen wollen ; dadurch nähert sich dies Delikt dem Affektvergehen. 
Dagegen ist die wirkliche planmässige Simulation eine vorbedachte betrügerische Hand- 
lung. 6. Ein heilsamer Einfluss der Strafe ist nicht zu verkennen. Die Einleitung des 
Strafverfahrens an sich hat bei den der Simulation nur Verdächtigen nicht immer ab- 
schreckend gewirkt, auch Hess deren Führung zu wünschen übrig. Später ist ein er- 
heblicher Teil der Simulanten noch in gerichtliche Konflikte gekommen, namentlich 
wegen Eigentumsvergehen , insonderheit auch wieder wegen Betrugs, während die 



') Literatur über Selbstmord und dessen Beziehung zur Psychiatrie: a) Boas, 
Alkohol und Selbstmord im Lichte neuerer Statistiken. Arch. f. Kriminalanthropologie u. 
Kriminalistik. XXX. 1906. S. 187. (Daselbst die ältere Literatur), b) Hübner, Der 
Selbstmord. Jena 1910. (Daselbst weitere Literaturangaben), c) Kürbitz, Alkohol 
und Selbstmord. Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie. LXIV. d) Pilcz, Zur Lehre vom 
Selbstmord. Jahrb. f. Psychiatrie. XXVI. e) Barischnikoff, W., Der Selbstmord 
im Kanton Zürich. Inaug.-Dissert. Zürich 1912. f) Wassermeyer, Ueber Selbst- 
mord. Arch. f. Psychiatrie. L. 1912. Heft 1. g) Egglhuber, Inaug.-Dissert. Mün- 
chen 1911. Vgl. ferner die weiter unten referierten Arbeiten von Voss, G., Einfluss 
der sozialen Lage auf Nerven- und Geisteskrankheiten, Selbstmord und Verbrechen. 
Krankheit und soziale Lage, herausgegeben von M. Mosse und G. Tugendreich. 
Bd. I. S. 400. München 1912. J. F. Lehmann und Jolly, Selbstmord nach Unfall. 
Aerztl. Sachverständigen-Ztg. 1911. Nr. 15. — *) Vgl. hierzu auch Hermann, Das 
moralische Denken und Begreifen bei Imbezillen und bei kriminellen Degenerierten. 
Ein Beitrag zur sog. moral insanity Frage, sowie zur heilpädagogischen und strafrecht- 
lichen Behandlung bei Entarteten. Juristisch-psychiatrische Grenzfragen VIII. Heft 4 
und 5; vgl. ferner Anton, Ueber die Formen der krankhaften moralischen Abart untr. 
Zeitschr. f. Kinderforschung. XVII. 1912. S. 385 und Beiträge zur Kinderforschung 
und Heilerziehung. Heft 99. Langensalza 1912. Beyer und Mann. 



216 Kurt Boas 



Selbstverstümmler seltener bestraft worden sind. 7. Vorgetäuscht sind in der Hauptsache : 
Sehschwäche, Bindehautkatarrh, Schwerhörigkeit, Gehstörungen, Ohnmächten, Geistes- 
krankheit. Uebertreibung fand sich öfters bei nervösen Leiden, die andererseits bei 
den ungerechtfertigt in Verdacht Geratenen fast ausschliesslich in Betracht kamen. 
Eine grosse Anzahl war tatsächlich krank und dienstunbrauchbar. 8. Selbstbeschädigung 
und Selbstverstiimmlung werden durch Schusswaffen, Nadeln, hauptsächlich aber durch 
Beilhiebe und Messer herbeigeführt. Die verbrecherische Absicht Hess sich öfter da- 
durch nachweisen, dass der Hergang, ein angeblicher Unfall sich nicht so abgespielt 
haben konnte. Bei den nur Verdächtigen handelte es sich ebenfalls meist um Hieb- 
und Stichverletzungen. 9. Ein krankhafter Geisteszustand lag bei Simulation siebenmal, 
bei Selbstverstümmlung achtmal vor and zwar epileptische und hysterische Psychosen, 
Psychopathie, Dementia praecox, Schwachsinn. Dazu kommen 5 Grenzfälle, die mehr 
zur Unzurechnungsfähigkeit neigen. Hieraus ergeben sich z. T. recht enge Beziehungen der 
beiden Vergehen zu den Geistesstörungen. Dadurch, dass die krankhafte Verfassung 
meistens , sicherlich in neuerer Zeit , auf Grund der in der Kegel ausgeführten ärzt- 
lichen Untersuchungen richtig bewertet wurde, ist dem modernen psychiatrischen Stand- 
punkt Rechnung getragen 1 ). — Bercio (91) teilt folgende interessante Beobachtung mit: 
Eine Mutter, die durch systematische Misshandlung ihr voreheliches Kind getötet hatte, 
erkrankte während der Untersuchungshaft an melancholischer Depression, die sie auch 
noch zur Zeit der Gerichtsverhandlung darbot. Diese war in der Hauptsache wohl 
auf die Furcht vor der Todesstrafe zurückzuführen. In demselben Augenblick, in dem 
die Verurteilte die Gewissheit hatte, dass ihre Straftat mit einer zeitigen Freiheitsstrafe 
abgegolten war, wich die Psychose allmählich wieder. Ein ganz ähnlicher Fall hat 
sich übrigens bei der letzten Schwurgerichtstagung in Strassburg zugetragen. Bei der- 
artigen Fällen wäre wohl die Bezeichnung Pseudomelancholie mehr angebracht. (Ref.) 
— Birnbaum (92) lässt in populär gehaltener, auch dem medizinischen Laien ver- 
ständlicher Darstellung die Fortschritte auf dem Gebiete der Strafrechtspflege, wie sie 
sich aus der Befruchtung der Psychiatrie ergeben haben, Revue passieren. Es werden 
die wesentlichsten Probleme aufgerollt, die praktisch im Vordergrund stehenden Er- 
wägungen auf 8 Tapet gebracht, wobei die Frage der Jugendlichen, die auch wir-) als 
einen der Hauptpunkte der psychiatrisch betriebenen Strafrechtspflege ansehen, und 
der Vorentwurf zum neuen Strafgesetzbuch mit besonderer Berücksichtigung der von 
psychiatrischer Seite geäusserten Wünsche, Forderungen und Reformvorschläge eine 
eingehende Besprechung erfahren. — Biltz (6) erörtert im Anschluss an einen 
straf- und einen zivilrechtlichen Fall die forensische Bedeutung der Dementia 
paralytica*). In dem ersten Falle wurde das gegen den Angeklagten anhängige Ver- 
fahren auf Grund des § 61 St.G.B. niedergeschlagen, im zweiten Fall dem Antrage 
auf Entmündigung stattgegeben. — Blume (94) berichtet über folgenden Fall: 
Ein zweiundzwanzigjäbriger Kaufmann war wegen Schwindeleien schon wieder- 
holt vorbestraft, setzte aber dieselben immer wieder gleich nach seiner Enthaftung 
fort Die Beobachtung in der Anstalt ergab, dass derselbe geistig minderwertig 
ist und einen erheblichen frühzeitig erworbenen oder angeborenen Intelligenz- 
defekt besitzt. Daneben bestehen manische Symptome und hysterische Stigmata. Zu 
letzteren gehören ein besonders und krankhaft starkes Phantasieleben. Erinnerungs- 
lücken und gesteigerte Suggestibilität und Anomalien der Sensibilität. Ausserdem be- 
steht auch eine Neigung zu Wortneubildungen, die an die Silbenkombination bei De- 



') Vgl. über Simulation u. Geistesstörung, ferner Hoppe ( Vierteljahrsschr. f. gerichtl. 
Medizin und öffentl. Sanitätswesen. XLJII. 1913. Heft 2) und Wassermeyer (Fried- 
reichs Blätter f. gerichtl. Medizin. LX1II. 1912. Heft 3) , sowie die weiter unten in 
diesem Berichte referierte Arbeit von Jö dicke (81). Eine weitere Arbeit über Simu- 
lation aus der Feder Dannehls, Ueber Simulation. (Deutsche militärärztl. Zeitschr. 
1912. Nr. 10, kommt für den vorliegenden Bericht nicht in Betracht. — *) Siehe weiter 
unten bei Besprechung der Deutsch sehen Arbeit. — s ) Ueber dasselbe Thema be- 
richten Weber und Ilberg in H. Gross Arch. f. Kriminalanthrop. und Kriminalistik. 
Bd. XLVI. 1912. Vgl. ferner die kasuistischen Mitteilungen Steudemanns „Ein Para- 
lytiker als Mörder". Inaug.-Dissert. Freiburg i. B. 1910 und Kirchbergs Eigentum- 
verbrechen bei Paralyse. Arch. f. Psychiatrie. 1912. XLIX. Heft 3. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 217 

mentia praecox erinnern. "Während der Beobachtung traten auch Wahnvorstellungen 
auf. Die Straihandlungen sind auf dem Boden der psychischen Erkrankung erwachsen, 
entbehren der normalen psychologischen Motivierung, und der Patient kann daher für 
dieselbe nicht verantwortlich gemacht werden. Es erfolgte auch die Freisprechung '). 
— Im Anschluss an neun Fälle von Geisteskrankheiten mit Tendenzen zu un- 
sozialen Handlungen bespricht Bonhomme (8) in ausführlicher Weise die Symp- 
tomatologie, Aetiologie und Therapie dieser Zustände, um zu folgenden Schlussfol- 
gerungen zu gelangen : Man muss als geisteskrank jene ansozialen Individuen auffassen, 
die weder in die Irrenanstalt noch ins Gefängnis gehören. Es sind psychisch Abnorme. 
Ihre bösartige Rolle in der Kriminalität, die Ansteckung , die degeneratorische .Repro- 
duktion ist ein wichtiger Zerstörungs- und Vermischungsfaktor für das moralische und 
industrielle Kapital der menschlichen Gesellschaft (Charon). Man hat daher die Pflicht, 
gegen die Ursachen, die ihre krankhafte Psychologie bestimmen, anzukämpfen und ihnen 
gleichfalls beizustehen, um ihn zu moralisieren und die Gesellschaft vor der von ihnen 
dargestellten Gefahr zu bewahren. Das Gefängnis ist zu diesem Zweck absolut nicht 
geeignet. Die gewöhnliche Irrenanstalt genügt diesen Anforderungen nur in unvoll- 
kommenem Masse. Man soll daher spezielle Anstalten schaffen, wie dies bereits im 
Departement de la Seine der Fall ist. — Brunn lechner (9) macht den Vor- 
schlag, man solle in Strafverfahren gegen Jugendliche zur Erzielung grosser Objektivät 
wenigstens zwei Lehrer der Betreffenden hören. — Die Arbeit Bornsteins (91) stellt 
die neuerdings wieder mehr in den Vordergrund der psychiatrischen Forschung treten- 
den Degenerationstypen und deren psychotische Exazerbationen übersichtlich zusammen. 
Berücksichtigt sind nur die Störungen ohne besondere Intelligenzeinbasse; deren ge- 
meinsame Merkmale sind der Mangel an einem harmonischen Verhältnis zwischen den 
einzelnen psychischen Faktoren, das Ueberwiegen der emotionellen Elemente über die 
intellektuellen, die krankhafte Verarbeitung äusserer Reize und die Unfähigkeit sich 
dem Leben anzupassen. Innerhalb dieser grossen Gruppe gibt es abgrenzbare Unter- 
abteilungen. Bei der Psychastbenie herrschen Zwangsvorstellungen, Zwangsgefühle und 
Zwangsbewegungen vor. Im Vordergrund steht hier das Gefühl der eigenen Unzu- 
länglichkeit, gegen welches die Betreffenden nicht ankämpfen können, obwohl sie sich 
der krankhaften Natur derselben bewusst sind. Dazu kommt dann noch das Gefühl 
der Fremdartigkeit sich selbst und der Aussenwelt gegenüber, d. h. es kommt ihnen vor, 
als ob sie selbst gar nicht sprechen und handeln, sondern ein anderer für sie, und als 
ob sie träumen. Steigert sich der Zustand, so kommt es entweder zu akuten heftigen 
Depressionen mit Selbstmordneigung im Anschluss an eine längere Periode des Zwangs- 
denkens oder zu paranoischen Bildern, in welchen die Wirklichkeit mit dem Erwünsch- 
ten konfluiert. Der Unterschied zu den eigentlichen paranoischen Erkrankungen liegt 
in dem Verhältnis des Betreffenden zu den Ideen, indem bei der erwähnten Form die 
Kranken sich zeitweise des wahnhaft Erträumten bewusst sind. Im Gegensatz zu der 
die Psychastenie charakterisierenden allgemeinen psychischen Spannangsherabsetzong, 
welche zu dem Gefühl der Unzufriedenheit mit sich selbst führt , ist die Quelle der 
hysterischen Störung eine Einengung des Bewusstseinsinhaltes, so dass das ganze In- 
teresse sich auf das eigene Ich konzentriert. Dazu kommt das Vorherrschen der Ein- 
bildungskraft gegenüber der Verstandestätigkeit (hyst. Lügen), das Fehlen einer deut- 
lichen Lebensrichtung und daher die Unbeständigkeit und die erstaunlichen Gegen- 
sätze selbst innerhalb einer Sphäre (Feinfühligkeit neben Roheit). Unter den hysterischen 
Psychosen spielen die Dämmerzustände die Hauptrolle, deren Erkennung infolge der 
Mannigfaltigkeit der Bilder oft ausserordentlich schwer ist und als deren wichtiges 
Zeichen die Abhängigkeit der Symptome von äusseren Eindrücken gilt Eine spezielle 
Varietät ist der Gansersche Symtomenkomplex mit dem an Simulation stets denken- 
lassenden Vorbeireden und dem Mangel der allereinfachsten Kenntnisse, dabei besteht 
Unorientierung in Raum und Zeit und Halluzinationen, nach dem Ueberstehen Am- 
nesie, deren Grad bei den hysterischen Dämmerzuständen aber durchaus verschieden 
ist. Der katatone Stupor unterscheidet sich vom hysterischen durch die geringe sug- 



') Vgl. hierzu auch die interessante kasuistische Mitteilung von Göring, Ein 
hysterischer Schwindler. Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie, 1910. 



218 Kurt Boas 



gestive Beeinflussung, durch die Affektlosigkeit und die Beständigkeit des Zustands- 
bildes, sowie durch das Fehlen der hysterischen Stigmata. Mit der Hysterie nahe ver- 
wandt ist die Pseudologia phantastica. Es handelte sich hier um eine besondere Aus- 
prägung der von der Hysterie her bekannten Fälschung der Erinnerung und der Er- 
gänzung derselben durch Produkte der eigenen Phantasie. Neben den vorübergehend 
und dann korrigiert jahrelang bestehen bleibenden phantastischen Wahnideen kann es 
zur Ausbildung von Verfolgungsideen kommen , indem die Kranken sich als die un- 
schuldigen Opfer fremder (von ihnen selbst ersonnener) Intrigen imponieren und diese 
wahnhaften Beeinträchtigungen durch Beschwerden usw. bekämpfen (Pseudoquerulanten- 
wahn). Zustände, welche stark den manisch-depressiven Zustandsbildern ähneln, wer- 
den durch die konstitutionelle Erregung und Verstimmung hervorgerufen , ohne dass 
aber die Aehnlichkeit der Symptome die Vermischung bedingen. Die rein endogene 
Entstehung der manisch-depressiven Perioden und die reaktive der konstitutionellen 
Affektsteigerung sprechen sogar eher für eine Trennung. Eine grosse Gruppe inner- 
halb der degenerativen Zustände bilden noch die paranoiden Zustände bei den Ge- 
wohnheitsverbrechern nach der Verhaftung oder einer längeren Strafhaft. Nach ge- 
ringer Ursache treten Erregungszustände mit Angstgefühl, Sinnestäuschung und "Wahn- 
ideen der Beeinträchtigung und der Verfolgung auf nach einer einleitenden 
Periode der Verwirrtheit. Mit einer Aenderung der Umgebung verschwindet alles 
wieder, um bei erneut unglücklicher Wendung wieder zum Ausbruch zu kommen. 
Charakteristisch für die Wahnideen der Degenerierten ist der oberflächliche, nicht er- 
hebliche reale "Wert, die Unbeständigkeit und Abhängigkeit derselben von äusseren Um- 
ständen die Betreffenden reden sich in ihre Wahnidee hinein. Besser als von Wahnideen 
spricht man daher von „wahnhaften Einfällen". — Nicht nur vom allgemeinen neuro- 
logischen und psychiatrischen Standpunkt, sondern auch vom psychiatrisch-forensischen 
verdienen die Arbeiten B o s s i s Beachtung. Bevor wir näher darauf eingehen, 
will ich gleich von vornherein bemerken, dass B o s s i s Anschauungen fast allgemein 
abgelehnt worden sind. Von Gynäkologen ist ihm bloss B. S. Schultz e 1 ) (Jena) bei- 
getreten, während Stöokel 2 ) (Kiel) und Matthes*) (Graz) ihn desavouieren. Ge- 
wisse Beziehungspunkte , Uebergänge und Konzessionen gegenüber B o s s i s Aus- 
führungen bietet Walthard*), sonst ist noch die Arbeit von Rucke rt 5 ) zu nennen, 
die aber eine persönliche Stellungnahme vermissen lässt und mehr referierend als kri- 
tisierend gehalten ist. Eine vollständige Absage hat Bossi mit seinen Anschauungen 
bei den Neurologen und Psychiatern erfahren, wie aus den Polemiken von Siemer- 
ling'), Schubert 7 ) Peretti 8 ) und in letzter Zeit "Wagner v. Jauregg') hervor- 
geht 10 ). Endlich ist noch Ortenau 11 ) zu nennen, der sich an Ort und Stelle (Universitäts- 
Frauenklinik in Genua) von der Richtigkeit der Bossi sehen Anschauungen über- 
zeugen konnte und sie mit Wärme vertritt. Damit dürfte die Literatur über diesen 
Gegenstand erschöpfend angegeben sein. Auch wir lehnen Bossis Anschauungen ab. 
Bossi lehrt lolgendes: Die Grundlage der gynäkologischen Therapie muBS angesichts 
ihrer wohltätigen Wirkungen auf das Nervensystem und den psychischen Zustand der 
Frau die anatomische Heilung des Genitalapparates bilden, so dass dessen Verrich- 
tungen in vollständig naturgemässem Zustande vor sich gehen. Die Häufigkeit und 
die Schwere, der die Uteruserkrankungen begleitenden Neuropsychopathien sind noch 
nicht hinreichend erkannt und gewertet, weil weder in den Kliniken noch beim Unter- 
richte besonders darauf aufmerksam gemacht wird, und die notwendigen methodischen 



•) B. S. Schultze, Gynäkolog. Rundschau 1911. Zentralbl. f. Gynäkologie 1911. 
Münch. med. Wochenschr., 1912. — ') Stöckel, Zentralbl. f. Gynäkologie. 1912. — 
») Matthes, Münch. med. Woch. 1912. — 4 ) Walthard, Ergebnisse d. Geburtshilfe 
und Gynäkologie. 1911. Zeitschr. f. Geburtshilfe und Gynäkologie, 1912 u. a. a. O. — 
s ) Ruckert, Internat, med. Revue. 1912. — •) Siemerling, Zentralbl. f. Gynäkologie. 
1912. — ') Schubert, Münch. med. "Woch. 1912. — 8 ) Peretti, Gynäkologie und 
Psychiatrie. Med. Klinik. 1912. Nr. 46. — •) "Wagner v. Jauregg, Wiener klin. 
"Wochenschr., 1913. — 10 ) Vgl. ausserdem die zahlreichen (zumeist ablehnenden) Kritiken 
in den medizinischen Fachzeitschriften: u. a. Dora Telecky (Wiener klin. Wochen- 
schr. 1912.) — ") Ortenau, Münch. med. Woch. 1912; vgl. dazu auch Bossis Polemik 
gegen Matthes: Münch. med. Woch. 1913. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 219 

Untersuchungen bei den einzelnen vorkommenden Fällen vielmals unterlassen werden. 
Die Häufigkeit, die Schwere und die Heilung dieser Neuropsychopathien hängen zu- 
sammen: a) mit erblicher Veranlagung; b) mit gesellschaftlicher und familiärer Um- 
gebung ; c) mit der Dauer der Chronizität der Uteruserkrankungen ; d) mit dem früh- 
zeitigen Einschreiten gegen die Erkrankungen. Die frühzeitige Behandlung und die 
Heilung der krankhaften Eierstocks-Uterusveränderungen sollten die Grundlagen der 
allgemeinen Prophylaxe darstellen gegen: Hysterie und Pseudohysterie , gegen 
epileptiforme Anfälle, Selbstmord, Verbrechen und Irrsinn der Frau. Die Pro- 
phylaxe sollte vor allem Anwendung finden, wenn die angeführten Erscheinungen bei 
solchen Frauen auftreten, welche durch ihre gesellschaftliche oder familiäre Umgebung, 
ihre Beschäftigung, ihre Erziehung, vorzugsweise aber durch Vererbung dazu neigen. 
Zum Zwecke seiner Mitteilung und der sioh daranschliessenden Diskussion ein zweck- 
mässiges und bestimmtes Gepräge zu geben, unterbreitet Bossi die folgenden Vorschläge : 
1. Man veranstalte gegen Neuropsychopathien, wodurch die Einrichtungen der Familie 
und der Gesellschaft geschädigt werden, gegen die stetig sich ausbreitende Neigung 
zum Selbstmord, zu Verbrechen gegen den Irrsinn sowohl unter den Aerzten als auch 
im Publikum eine werktätige Propaganda, wobei auf die Wichtigkeit hingewiesen 
werde, die dem Zustande des GenitalapparateB bezüglich seines Einflusses auf den 
psychischen Zustand und den moralischen Charakter der Frau beizumessen ist. 2. Es 
soll den die Verbrechen der Frauen und besonders die Verbrechen infolge geschlecht- 
licher Leidenschaft betreffenden gesetzlichen Bestimmungen die Verordnung beige- 
fügt werden, dass ein Gynäkologe zur Bestätigung beigezogen werde, ob anatomische 
und funktionelle Störungen seitens des GenitalapparateB bestehen, und wenn dies der 
Fall ist, dass sie zur Heilung geführt werden , und zwar sowohl zur Beurteilung des 
Verbrechens als auch zur Prophylaxe gegen weitere Verbrechen, welche die Ange- 
klagte oder Verurteilte bei Wiedererlangung der persönlichen Freiheit begehen könnte. 
3. Die Patientinnen , welche Irrsinnserscheinungen zeigen , müssen genau hinsichtlich 
des Geniialapparates untersucht werden, und zwar wenn möglich vor ihrer Einschliessung 
in eine Irrenanstalt. Sind Eierstocks-Uteruserkrankungen vorhanden , so sollen solche 
Patientinnen sofort entweder in besonderen Anstalten oder in besonderen Abteilungen 
der bestehenden gynäkologischen Institute untergebracht werden. In dieser Weise 
könnten oftmals, wie es Bossis eigene klinische Erfahrung beweise, sowohl die Irr- 
sinnserkrankungen als die Einschliessungen in Irrenhäuser vermieden werden: zwei Tat- 
sachen, die schwere unglückliche Folgen in den Familien für zwei und drei Genera- 
tionen hinterlassen, da sie das verhängnisvolle Mal des erblichen Irrsinns aufprägen, 
das seinen unheilvollen und schmerzlichen Einfluss auf das ganze Leben der schuld- 
losen Kinder ausübt, nicht allein hinsichtlich ihres individuellen psychischen Lebens, 
sondern auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Beziehungen. — B o w e r s (96) berichtet 
über einen Fall, in welchem ein Paralytiker im ausgesprochenen Stadium wegen 
eines für diese Krankheit typischen Verbrechens interniert wurde, obgleich seine Krankheit 
deutlich zutage getreten war. — Bürger (97) gibt folgende Anweisungen für die Tätig- 
keit der Medizinalbeamten vor dem Jugendgericht und bei Vollzug des Fürsorgegesetzes an : 
Alle jugendlichen Gesetzübertreter sind möglichst einer psychiatrischen Untersuchung zu 
unterziehen. Ueber die Frage, ob der Täter zur Zeit der Begehung der Tat die nötige Reife 
hatte, sind in zweifelhaften Fällen vom Staatsanwalt vor Erhebung der Anklage oder vom 
Richter vor der Eröffnung des Hauptverfahrens ärztliche Sachverständige zu hören; 
das Verfahren ist bei Verneinung einzustellen. Diese Einsichtsgutachten sind grund- 
sätzlich nur durch ärztliche Sachverständige abzugeben unter Verwertung der Angaben 
von Geistlichen, Lehrern, Jugendgerichtshöfen etc. Findet eine Hauptverhandlung 
statt, so hat in allen zweifelhaft gewesenen Fällen der vorher gehörte gerichtsärztliche 
Sachverständige oder dessen Vertreter bei der Hauptverhandlung und möglichst auch 
bei den Zeugenvernehmungen zugegen zu sein. Bei allen Jugendlichen, die eine 
Hilfsklasse besucht haben oder taubstumm sind, ist stets ein ärztlicher Sachverständiger 
zu hören. Gemeinsame Straftaten von Jugendlichen und Erwachsenen sind ebenso wie 
Straftaten gegen Jugendliche möglichst vor das Jugendgericht zu bringen. Der Ge- 
richtshof muss das Recht haben, jugendliche Uebeltäter zeitweise aus dem Verhand- 
lungsraum zu entfernen , wenn erzieherische Rücksichten es erfordern. Jugendliche 



220 Kurt Boas 



sind bis zur Aburteilung möglichst nicht in Untersuchungshaft, sondern in besonderen 
Anstalten unterzubringen. Zur Anordnung erzieherischer Massnahmen ist eine etwa 
vierwöchige Beobachtung in besonderen pädagogisch geleiteten Anstalten anzuraten. 
Diese Anstalten sind dem Jugendgerichtsarzt zu unterstellen. Als Jugend gerichts- 
ärzte sind nicht Kinder- oder Nervenärzte, sondern besonders erfahrene Gerichtsärzte 
anzustellen. Soweit möglieh sollen sämtliche Sachen vor dem Jugendgericht einem 
einzigen Gerichtsarzt übertragen werden. Zur Fortbildung der Jugendgerichtsärzte, 
der Jugendrichter und Jugendstaatsanwälte sind besondere Fortbildungskurse notwendig, 
die für erstere natürlich besonders abzuhalten sind. Eine Verwendung von Aerzten, 
Geistlichen , Lehrern als Schöffen- resp. Strafkammerlaienrichter ist nicht anzuraten, 
eher vielleicht eine solche von Frauen. Die Medizinalbeamten, besonders die Gerichts- 
ärzte, haben dahin zu wirken, dass die Kinder oder Jugendlichen nicht erst, wenn sie 
kriminell geworden sind, sondern schon bei drohender Verwahrlosung der Fürsorge 
überwiesen werden , sei es in Form der Schutzaufsicht oder der Familien- und An- 
staltspflege. Bei Beantwortung der ausserordentlich schwierigen Frage, welche Art der 
Fürsorge geeignet erscheint, ist das Zusammenwirken von kriminalistischen und päda- 
gogisch erfahrenen Richtern, Pädagogen und Aerzten unbedingt erforderlich. Für un- 
klare Fälle ist eine besondere Anstalt als Beobachtungsstation einzurichten , wo die 
Jugendlichen etwa 4 Wochen verbleiben. Eine Herabsetzung der oberen Altersgrenze 
von 18 auf 16 Lebensjahre im § 1 des Fürsorgegesetzes ist vom ärztlichen Stand- 
punkt aus sehr zu widerraten. Da das Kammergericht bei seiner Auffassung von der 
Subsidiarität der Fürsorgeerziehung stehen geblieben ist, so ist eine Aenderung des 
§ 1 des Fürsorgegesetzes dringend erforderlich. Die Festsetzung einer unteren Alters- 
grenze dürfte sich nicht empfehlen. Für die Erziehungsanstalten völlig ungeeignete 
Zöglinge müssen aus ihnen entfernt und in Arbeitshäusern , Zwischenanstalten, 
Bewahranstalten usw. untergebracht werden können. Bei Psychopathen kann ein 
Wechsel in der Anstalt unter Umständen zu empfehlen sein. Körperliche Züchtigungen 
sollten in Anstalten möglichst nicht stattfinden, ebensowenig gesundheitsschädigende 
Massnahmen wie Kostschmälerung, Entziehung der wannen Kost usw. Nach den Straf- 
listen besonders oft bestrafte Zöglinge hat der Medizinalbeamte gelegentlich der An- 
staltsrevision sich vorführen zu lassen und auf eventuelle irrenärztliche Beobachtung hin- 
zuwirken. Allzufrühes Aufstehen, wie es in manchen Anstalten üblich ist, ist für 
jüngere Zöglinge zweifellos gesundheitsschädlich. Ueber sämtliche Unfallverletzte Zög- 
linge ist eine Liste zu führen. Sie alle sind gelegentlich der Anstaltsrevisionen oder 
bei Familienpflege bei gelegentlicher Anwesenheit im Ort durch den Kreisarzt zu 
untersuchen. Vor Unterbringung eines Zöglings in Familienpflege sind nicht nur die 
Ortspolizeibehörde, der Pfarrer , die Handwerkskammer usw., sondern möglichst auch 
der Hausarzt der Familie und eventuell der Kreisarzt zu hören, wobei auf Tuberkulose, 
Syphilis und ägyptische Augenkrankheit besonders zu achten ist. Jedes Familienober- 
haupt hat vor Uebernahme eines Zöglings einen Revers zu unterschreiben, worin es 
seinem Hausarzt gestattet, über den Gesundheitszustand aller Familienmitglieder der 
Behörde Mitteilung zu machen. Jeder Aufenthaltswechsel eines Zöglings ist dem 
zuständigen Kreisarzt binnen 3 Tagen unter Angabe der neuen Adresse mitzuteilen. 
Carrie (10) macht den Vorschlag, dass in analoger Weise wie den Militärersatz- 
kommissionen auch den Staatsanwaltschaftsbehörden die Personalbogen über frühere 
Hilfsschüler oder wenigstens deren Verzeichnis namentlich zugänglich gemacht werden, 
was für die Beurteilung ehemaliger kriminell gewordener Hilfsschüler von Wichtigkeit 
ist und demnach eine Ausgestaltung resp. Ergänzung des Strafregisters darstellt. Dazu 
bedarf es einer Mitteilung der Hilfsschulbehörde nach erfolgter Entlassung und Auf- 
bewahrung des diesbezüglichen Materials bei den Staatsanwaltschaften, was auf admi- 
nistrativem Wege leicht zu erreichen wäre. Diese Massnahme ist bereits in Hamburg 
durchgeführt, doch wünscht Verf. eine generelle Anordnung für das ganze Reich durch 
den dafür zuständigen Bundesrat. Das Reichsjustizamt steht diesem Vorschlag, der 
auch im Reichstag zur Sprache kam, im Hinblick auf die Strafgesetzreform sympathisch 
gegenüber. Auch über die Fürsorgezöglinge, bei denen im Vordergrund der meist 
psychopathischen Veranlagung moralische, weniger intellektuelle Defekte stehen, sollten 
Personalbogen angelegt werden und den Militär- und Staatsanwaltschaftsbehörden zu- 



Aus der forensischen Psychiatrie. 221 

gänglich gemacht werden. Nur für die Fürsorgezöglinge mit gutem Intellekt und ge- 
sunder ethischer Veranlagung, die lediglich wegen misslicher äusserer Verhältnisse in 
Fürsorgeerziehung kamen, erübrigt sich diese Massnahme, da diese als vor dem Gesetz 
Tollverantwortlich zu betrachten sind. Verf. regt an, auch diesen Vorschlag dem 
Reichstag zu unterbreiten zwecks Berücksichtigung bei der Strafgesetzbuchreform. — 
Clark e (11) betont die Notwendigkeit einer Kastration bei geisteskranken Personen, 
in Anbetracht der grossen Bedeutung der psychopathologischen Heredität '). Das gegen- 
wärtige Material weist noch zahlreiche Lücken auf, für deren Ergänzung Verf. geeig- 
nete Vorschläge macht. Weiter führt Verf. aus, dass die grosse Klasse der „dögöneräs" 
für die Gesellschaft noch eine viel grössere Gefahr darstellen, als die eigentlichen 
Geisteskranken. Endlich wünscht Verf., dass in manchen Fällen unter Hintansetzung 
des gesellschaftlichen Interesses eine Kastration bei Geisteskranken zulässig sein soll. 
An den Vortrag des Verfassers schloss sich ein lebhafter Meinungsaustausch an, der 
im Original nachgelesen werden muss. — Colin (98) berichtet über einen jungen homo- 
sexuell veranlagten Menschen, der aus Eifersucht einen seiner „Liebhaber", mit dem 
er zusammenwohnte, umbrachte. Der Beweggrund zur Tat war darin zu erblicken, 
dass der Getötete mit Geldforderungen herantrat, dass es zu Streitigkeiten kam, in 
deren Verlauf er mit Aufgabe des Verhältnisses usw. drohte. Verf. wirft die Fragen 
auf: 1. Muss die sexuelle Inversion als ein Zustand von Geisteskrankheit aufgefasst 
werden? 2. Muss ein solches Individuum, auch wenn es sonst keine Anzeichen von 
Geisteskrankheiten bietet, dauernd interniert werden? Verf. bejaht beide Fragen, ganz 
abgesehen von der nervösen Prädisposition und den früheren Alkoholexzessen des Pa- 
tienten. — Conradi (13) berichtet über folgenden Fall: Eine Russin, die an 
Paranoia persecutoria litt und deswegen kurze Zeit in einer englischen Anstalt behan- 
delt worden war, tötete auf der Ueberfahrt von England ihr Kind. In klinischer Hin- 
sicht bietet der Fall, dem einige Bruchstücke aus dem selbstverfassten Lebenslauf der 
Patientin beigegeben sind, nichts Bemerkenswertes. Ganz kurz geht Verf. auf die 
forensische Bedeutung der chronischen Paranoia ein unter besonderer Betonung der 
Gemeingefährlichkeit solcher Kranken. Die vorliegende Arbeit zeigt wieder einmal an 
einem eklatanten Beispiel, dass man mit der Entlassung von Paranoikern gar nicht 
vorsichtig genug zu Werke gehen kann 1 ). — In der Einleitung bespricht Cramer 
(13) zunächst die allgemeine Bedeutung der Geisteskrankheiten für die Armee, wie sie 
zahlenmässig in den jährlichen Sanitätsberichten zum Ausdruck kommt. Seinen eigent- 
lichen Ausführungen schickt Verf. zwei Thesen voraus, nämlich erstens, dass es falsch 
ist, in jedem Falle den Militärdienst für die relative Häufigkeit der Geisteskrankheiten 
in der Armee verantwortlich zu machen, und zweitens, dass es im allgemeinen ratsam 
ist, von der Wiedereinstellung geisteskranker Soldaten auch nach erfolgter Genesung 
abzusehen. Unter 33 Marineangehörigen, die der Göttinger psychiatrischen Klinik zur 
Beobachtung überwiesen waren, gehörten 30 zum Typus der Grenzzustände, nur drei 
litten an Psychosen. In Betracht kommen namentlich die Neurasthenie, die endogene 
Neurasthenie (degenerative Neurasthenie), die echten Degenerierten, die Hysterie, die 
traumatischen Charaktere, die Epileptiker, die Imbezillen und Debilen, die Arterio- 



') Aus der umfangreichen Literatur der letzten Jahre über Kastration bri krimi- 
nellen Geisteskranken sei hier noch folgendes erwähnt : G o o d , Schweizerische Zeit- 
schrift für Strafrecht 1910; Müller, Zeitschr. f. d. ges. Strafrechtswissenschaft 1912; 
Mai er, H. W., Nordamerikanische Gesetze gegen Vererbung von Verbrechen und 
Geistesstörungen. Juristisch -psychiatrische Grenzfragen VIII. 1911. Heft 1 — 3 und 
Inaug.-Dissert. Zürich. 1911; Oberholzer, Kastration von Geisteskranken in der 
Schweiz. Juristisch-psychiatrische Grenzfragen VIII. 1911. Heft 1 — 3 ; Juliusburger, 
Kastration und Sterilisation von Verbrechern und Geisteskranken. Deutsche med, 
Wochenschr. 1912. Nr. 9. Vgl. ferner die verschiedenen Arbeiten Näckes. Der vor- 
liegende Bericht berücksichtigt ferner die Arbeiten von Daniel (15), Field (18) und 
Nolan (758), Lydston (42) und v. Sury (78). Vgl. ferner die Arbeiten von M. 
Fränkel (Die Bekämpfung sexueller Reize und Ueberreize durch Röntgenstrahlen 
Reichs-Medizinal- Anzeig' -r 1912 u. a. a. 0.). — ') Vgl. auch über die forensische Be- 
deutung der Paranoia chronica die weiter unten in diesem Bericht referierte Arbeit 
von Eschle. 



222 Kurt Boas 



sklerotiker, die Hirnsyphilitiker und die chronischen Alkoholisten. Die Neurastheniker 
unterscheiden sich von den endogenen Neurasthenikern wesentlich dadurch, dass sie 
viel stärker auf körperliche Anstrengungen reagieren. Die einfache nervöse Erschöpfung 
ist vielfach von pathologischer Angst begleitet. Diese Fälle können sich durch sug- 
gestiven Einfluss erheblich bessern. Prognostisch ungünstiger liegen dagegen die Fälle, 
die mit rasch vorübergehenden Störungen infolge exogener Momente einhergehen. Die 
echten Degenerierten (degeneres superieurB) weisen keine intellektuellen Mängel an sich 
auf, wohl aber eine abnorme Anamnese. Im allgemeinen zeichnen sie sich durch eine 
krankhaft gesteigerte Impulsivität aus, die sie oft in Konflikt mit dem Gesetz bringt. 
Dazu kommt eine pathologische Steigerung der Affekte und Alkoholintoleranz. Oft- 
mals ist der Zustand nicht ein solcher, dass man ihnen den Schutz des § 51 zubilligen 
kann. Von 17 vom Verf. begutachteten Fällen, welche die verschiedensten zivilen und 
militärischen Delikte betrafen, konnten sechs nicht exkulpiert werden. Die psychiatri- 
sche Begutachtung bietet oft Schwierigkeiten und muss vor allem der Anamnese g«- 
recht zu werden versuchen. Bei Taten, die im Rauschzustand begangen worden sind, 
muss das Alkoholexperiment herangezogen werden. Die forensische Behandlung der 
Grenzzustände ist insofern schwierig, als das Gesetz den Begriff der verminderten Zu- 
rechnungbfähigkeit nicht kennt. Die Behandlung der Degenerierten beim Militär wird 
sich so zu gestalten haben, dass nur die leichtesten Fälle, bei denen sich ausgesprochene 
Zwangsvorgänge, schwere Affekte und Alkoholintoleranz ausschliessen lassen, in der 
Armee belassen werden können, während die übrigen zu entlassen sind, auch wenn ihre 
Delikte nicht gerade auf Grund des § 51 exkulpiert werden können. Mit den übrigen 
soll wenigstens ein weiterer Versuch bei der Truppe gemacht werden, namentlich kommt 
es dabei auf die Eliminierung anderer schädlicher Momente (Tropendienst usw.) an. 
Mit Strafen lässt sich hier nur selten eine Besserung erzielen. Ganz besondere Schwierig- 
keiten machen die mit starken moralischen Defekten hervortretenden Fälle, die teils 
vorgetäuscht, teils übertrieben, teils endlich wirklich vorhanden sein können, in Ver- 
bindung mit mehr oder minder ausgesprochen hysterischen Zügen. Die Ueberführung 
der Simulanten gelingt oft erst durch Ueberlistung. Ist dieselbe erwiesen, so müssen 
wir mit allen Kräften auf Unschädlichmachung dieser Elemente bedacht sein. In den 
Fällen von moralischer Idiotie auf degenerativem Boden ohne Intelligenzdefekt kommt 
es im allgemeinen bei militärischen Vergehen zu einer Freisprechung derartiger Indi- 
viduen, die den Kompagniedienst nur stören, indem sie ihre Anomalität durch ihre 
überragende Intelligenz zn kompensieren Buchen ; sie gehören in die im Vorentwurf zum 
Strafgesetzbuch vorgesehenen Zwischenanstalten. Die moralischen Idioten auf dem 
Boden des Schwachsinns sind dagegen zu exkulpieren. Unser Soldaten- und Matrosen- 
stand muss von diesen Fällen unbedingt rein gehalten werden. Leichte somatische Symp- 
tome von Hysterie, die Verf. häufiger bei Armee- und bei Marineangehörigen beobachtet 
hat, sind unerheblich. Dagegen sind Hysterische mit stärker hervortretenden psychischen 
Anomalien, Krämpfen und Dämmerzuständen vom Heeresdienst auszuschliessen. Meist 
werden die Symptome der Hysterie schon während der Ausbildungszeit entdeckt; oft- 
mals werden sie absichtlich bei der Musterung verschwiegen, um eine Invalidenrente 
herauszuschlagen. Ganz besonders macht Verf. auf die forensische speziell militär- 
forensische Bedeutung der hysterischen Dämmerzustände aufmerksam, die oft als Simu- 
lation angesprochen werden. Die traumatische psychopathische Konstitution ist charak- 
terisiert durch starke Reizbarkeit im Affekt, Alkoholintoleranz, gelegentlich auch weit- 
gehende ethische Defekte und Dämmerzustände, in denen es zu Konflikten mit 
den militärischen Disziplinargesetzen kommen kann. Gelegentlich kann sich dieser 
traumatische Charakter zurückbilden. Ist dies innerhalb eines Vierteljahres nicht der 
Fall, so empfiehlt Verf. Entlassung aus dem Dienst. Im allgemeinen liegt die Sache 
so, dass das Trauma nur auf dem Boden einer angeborenen oder erworbenen neuro - 
oder psychopathischen Anlage zu Psychosen und Grenzzuständen führt. Nur selten 
ist der Unfall die direkte Ursache der Erkrankung. Epileptiker sind schon, weil über 
ihnen stets das Damoklesschwert des Dämmerzustandes, abgesehen von der sekundären 
Demenz hängt, vom Heeresdienst auszuschliessen. Die Frage nach dem Zusammenhang 
der während der Dienstzeit aufgetretenen Epilepsie mit Dienstbeschädigungen ist sehr 
schwer und nur auf Grund genauer Recherchen zu entscheiden. Immerhin ist die 



Aus der forensischen Psychiatrie. 223 

Möglichkeit, dass schwere Traumen zu Epilepsie führen, nicht von der Hand zu weisen. 
Leute mit angeborenem Schwachsinn werden meist schon bei der Musterung oder 
während der Ausbildungszeit als dienstuntauglich erkannt und sind unbedingt zu ent- 
lassen. Arteriosklerose und Hirnsyphilis betreffen meist ältere Offiziere und höhere Sub- 
alternchargen. Bei Arteriosklerose ist am besten Pensionierung anzuraten, ohne erst ab- 
zuwarten, bis es zu schwereren somatischen und psychischen Erscheinungen kommt. Die 
Lues cerebri ist prognostisch insofern günstiger gestellt als die betreffenden Patienten 
nach einer energischen antiluetischen Kur mitunter noch jahrelang ihren Dienst zur 
Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten versehen können. Bezüglich der zerebrospinalen und 
spinalen Syphilis liegt freilich die Sache nicht so günstig. Fälle von chronischem Al- 
koholismus, die relativ selten vorkommen und meist ebenfalls ältere Militärpersonen 
betreffen, äussern sich bei Militärpersonen meist als SoldateDmisshandlungen. In solchen 
Fällen muss auf dauernde Entfernung gedrungen werden. Zum Schluss legt Verf. noch 
besonderen Wert darauf, dass den Militärbehörden namentlich über frühere Fürsorge- 
zöglinge, die bekanntlich ein Hauptkontingent zu den Grenzzuständen stellen, seitens 
der Zivilbehörde weitgehende Auskünfte erteilt werden, um eine Einstellung solcher 
Elemente in die Armee von vornherein im Interesse des Dienstes und der militärischen 
Disziplin zu verhindern '). — Crasemann (14) macht folgenden Vorschlag : 
1. Die volljährigen geistig Minderwertigen sind, soweit gesetzlich zulässig, zu entmün- 
digen. 2. Sie sind einer staatlichen (amtlichen) Berufsvormundschaft zu unterstellen. 
3. Sie unterstehen damit ständiger staatlicher (amtlicher) und damit wirksamer Schutz- 
aufsicht der Beruf svormundschaft, sei es, dass sie interniert sind, sei es, dass sie sich 
in Freiheit bewegen. 4. Es sind besondere sogenannte Bewahrungsanstalten, zur Auf- 
nahme und Bewahrung der Unsozialen zu schaffen, ö. Die Erzeugnisse der Gewerbe- 
tätigkeit innerhalb der Internate sind nicht in den Handel zu bringen, wohl aber vom 
Staate zu übernehmen 3 ). — Daniel (15) bringt ein umfangreiches statistisches 
Material zur Hereditäts- und Kastrationsfrage bei Geisteskranken. Auf die zahlreichen 
interessanten Einzelheiten, die sich dabei ergeben haben, kann im Rahmen eines Refe- 
rats nicht eingegangen werden. Nur zwei Punkte seien hervorgehoben: 

Vater überträgt die Geisteskrankheit auf . . . 

Sterilisation hätte die Geburt verhindert . . . 

Mutter überträgt die Geisteskrankheit auf . . 

Sterilisation hätte die Geburt verhindert . . . 

Die Eltern übertragen die Geisteskrankheit auf 

Sterilisation hätte die Geburt verhindert . . . 

Ferner: Eltern geisteskrank aber nicht in der Anstalt 17 Fälle, Geisteskrankheiten 
konnten nicht ermittelt werden 26 Fälle, Eltern begingen Selbstmord 6 Fälle. Weiter- 
hin ist noch bemerkenswert der vom Verf. aufgestellte Vererbungsmodus: 1. Vom 
Vater auf den Sohn: Manie — Dementia praecox; 2. vom Vater auf die Tochter: 
rekurrierende Manie — rekurrente Manie ; 3. von der Mutter auf die Tochter : Manie 
— Dementia praecox; 4. von der Mutter auf die Tochter: rekurrierende Manie — 
klimakterische Melancholie; 5. von der Mutter auf die Tochter: Melancholie — Me- 
lancholie. In der Diskussion zu dem vorliegenden Vortrag wurden eine Reihe inter- 
essanter Gesichtspunkte vorgebracht, so dass sich das Studium desselben im Original 
lohnen dürfte. — Dasjenige Gebiet der forensischen Psychiatrie, auf dem in den 
letzten Jahren wohl am intensivsten gearbeitet worden ist, ist unzweifelhaft die Be- 
handlung der Jugendlichen und Fürsorgezöglinge vor Gericht. Ausser den in diesem 
Bericht referierten Arbeiten von Brunnlechner (9), Deutsch (16), Gif ford und 
Goddlard (19), Graf Gleispach (20), Gudden(22), Guilhermet (23), Hin- 
richs (28), Jödicke (31), Major (44,45,46), Marine(49), Moeli(43), Müller 
(57), Räcke (59), Rupprecht (63), Schenk (66), Schuppius (70), liegen noch 



3ohn 


Tochtei 


• Total 


7 


9 


16 


1 


1 


2 


8 


13 


21 





3 


3 


15 


22 


37 


1 


4 


5 



') Vgl. hierzu die Arbeit Jüttners (32), eines C r a m e r-Schülers. — *) Vgl. 
damit besonders die weiter unten in diesem Bericht referierten Vorschläge von 
v. Hessert (27). 



224 Kurt Boas 



eine Reihe weiterer Veröffentlichungen von Hellwig 1 ), Major 5 ), Mönkemöller*), 
Redepennig*), Rupprecht 5 ), Schnitzer'), Schott 7 ), Thoma 8 ), Weye rt') 
u. a. vor, auf die wir wegen der Fülle der darin enthaltenen Einzelheiten an dieser 
Stelle nicht näher eingeben können und wegen der Eindeutigkeit der daraus aus ihnen 
sich ableitenden Ergebnisse auch nicht zurückzukommen brauchen. Um so mehr ver- 
dienen jene Publikationen unsere Beachtung, die sich mit der sozialen Fürsorge der 
ehemaligen Hilfsschüler beschäftigen. Wir erwähnen hier besonders die Arbeit eines 
alten Hilfsschulpraktikers wie Deutsch (16), der folgende Mittel der sozialen Für- 
sorge für die aus der Hilfsschule Entlassenen empfiehlt: 1. Eingehende Unterstützung; 
der Eltern durch die Schule bei der Berufs- und Stellungswahl. 2. Angliederung von 
Fortbildungsschulklassen an die Hilfsschule. 3. Jährlich wiederkehrende statistische 
Erhebungen über Arbeitsverhältnis und sittliche Führung der ehemaligen Hilfsschüler 
bis zur Mündigkeit. 4. Gründung von Arbeitslehrkolonien für männliche und weib- 
liche halbe Kräfte. 5. Prämiierung von Arbeitgebern, die halbe Kräfte mit gutem 
Lehrerfolge dauernd beschäftigen und menschlich behandeln. 6. Uebertragung der 
Schutzaufsicht über die geistig beschränkten Jugendlichen an geeignete freiwillige Für- 
sorger, in erster Linie an Hilfsschullehrer. Antrag auf Bevormundung, ja Fürsorge- 
erziehung gefährdeter ehemaliger Hilfsschüler. — Deutsch (99) berichtet über 
einen 39 Jahre alten, intelligenten Arbeiter, der sich an die Brünner Fürsorge- 
stelle um Rat gewendet hat. Er hat als Knabe und Jüngling stark onaniert, auch mit 
Mädchen geschlechtlich verkehrt, ist seit 12 Jahren verheiratet, Vater zweier Kinder. 
Im Alkoholgenuss ist er sehr mäBsig, trinkt nur gelegentlich */, — 1 Liter Bier. Da- 
nach ist er immer stark sexuell angeregt, fühlt immer das Gelüste, sich an jugendliche 
männliche Personen heranzudrücken und ihr Genitale zu betasten. Bei solcher Gelegen- 
heit liess er sich einmal hinreissen, einen Burschen, den er traf, in ein Gasthaus mit- 
zunehmen, ihm ein Glas Bier zu zahlen und unter dem Tisch sein Genitale zu betasten ; 
er entging nur mit Mühe der strafgeriohtlichen Verfolgung. Er lebt seit der Zeit voll- 
ständig abstinent, im nüchternen Zustande ist seine Libido nur auf das weibliche Ge- 
schlecht gerichtet, er hat sogar Widerwillen und Abscheu vor homosexueller Betätigung. 
Rausch und moralische Minderwertigkeit sind in diesem Falle ausgeschlossen, ebenso- 
wenig ist Intoleranz gegen Alkohol anzunehmen. Es handelt sich wohl um latente 
Bisexualität, die zum Vorschein kommt, wenn die Hemmungen durch Alkohol ausge- 
schaltet werden ,0 ). — D o d e 1 (100) bringt einige kasuistische Beiträge zum Kapitel der 
sadistischen Verbrechen, die um deswillen beachtenswert sind, als ihnen das amtliche 
Material des Kgl. Polizeipräsidiums in Berlin über die Mordsache Günther zugrunde 
liegt. — Im Anschluss an einen früheren Fall von Suicidium menstruale") refe- 
riert Boas (7) über einen von Elpermann ls )-Kiel behandelten Fall. Er betrifft eine 
Frau von 34 Jahren. Ihr Bruder endete durch Selbstmord. Der Mann wurde sechs 



') Hellwig, Die Schädlichkeit von Schundfilms für die kindliche Psyche. Aerztl. 
Sachverständigen-Ztg. 1911. Nr. 77. — a ) Major, Zur Psychopathologie jugendlicher 
Krimineller. Monatschr. f. Psychiatrie u. Neurologie. XXXI. Ergänzungsheft. Vgl. ferner 
St. Petersb. Med. Wochenschr. 1911 u. a. 0. — 8 ) Mönkemöller, Zeitschr. für die 
Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns. 1911. Ferner: Zur Kri- 
minalität des Kindesalters. K. Gross' Arch. 1911 und anderweitige Publikationen des- 
selben Verf. — *) Redepennig, Richtlinien für die Behandlung psychopathischer 
Fürsorgezöglinge. Der Monatsbote aus dem Stephansstift, 1912. Nr. 1. — *) Rupp- 
reeht. Kindlicher Schwachsinn und Straffälligkeit Jugendlicher. Arch. f. Psychiatrie. 
XL VIII. 1911. — 6 ) Schnitzer, Die Mitwirkung des Psychiaters bei der Fürsorge- 
erziehung. Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. V. Heft 1. — *) Schott, 
Psychiatrie und Fürsorgeerziehung in Württemberg. Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie. LXIX. 

— e ) Thoma, Untersuchungen an Zwangszöglingen in Baden. Ebenda. LXV1I. — 
") Weyert, Untersuchungen an ehemaligen Fürsorgezöglingen im Festungsgefängnis. 
Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie. LXIX. Vgl. auch die weiter unten in diesem Bericht 
referierte Arbeit von Schenk (66). — ,0 ) Vgl. über das Thema „Alkohol und Homo- 
sexualität" auch die Arbeit vonNäcke (124). Siehe weiter unten in diesem Bericht 

— ") Boas, Suicidium menstruale. Ein Beitrag zum psychischen Verhalten des 
Weibes während der Menstruation. Jahrg. 1910 dieser Zeitschr. — ") El per mann, 
Inaug.-Dissert. Kiel. 1909. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 225 

Wochen nach der Heirat wegen Epilepsie und Tobsuchtsanrällen in die Irrenanstalt 
gebracht. Nach der Entbindung eines gesunden Kindes wurde die Patientin unter- 
leibskrank und fjnf Jahre später wurden beide Ovarien wegen chronischer Entzündung 
exstirpiert. Danach psychische Veränderungen. Sie machte Verkehrtheiten, wurde 
melancholisch, war in pekuniären Sorgen, die eine gewisse reelle Basis hatten, und 
äusserte Lebensüberdruss. Vor dem Eintritt der Menses (trotz der doppelseitigen 
Ovariektomie ?) hatte sie stets schlimme Tage und wusste nicht, was sie tat, während 
der Menses psychisches Gleichgewicht. In einem solchen Zustand versuchte sie, sich 
und ihre zwei Kinder durch Leuchtgas zu töten. Ins Leben zurückgerufen, hatte sie 
totale Amnesie für die Tat '). — E s c h 1 e (17) berichtet über folgenden Fall : 
Eine 72jährige Pfründnerin, die ihr Leben als G-ouvernante oder in ähnlichen Stellungen 
gefristet hatte, fiel ihrer Umgebung zunächst durch ihren Geiz und die Vernachlässi- 
gung ihrer äusseren Person auf, mit der ihr hochmütiges Wesen durchaus nicht in 
Einklang zu bringen war. Wegen vollständiger Ertaubtheit kam sie in ein Damenstift, 
wo sie durch ihr unverträgliches und ablehnendes Wesen, ihr reduziertes Exterieur und 
ihren Sammeltrieb auffiel. Ganz besonders trat ihre Uureinlichkeit hervor, die schliess- 
lich die drastischsten Formen annahm. Sie bewahrte ihr Essen im Nachtgeschirr auf, 
das sie anderen Personen als Waschgeschirr anbot, gönnte sich nur alle drei Tage 
frisches Essen, obschon sie mit Mitteln versorgt war, war im Gesicht so schmutzig, 
dass sie fast den Eindruck eines Bartweibes machte, kochte vom Bett aus mit einer 
Petroleumlampe mit abgebrochenem Zylinder. Aus diesen Gründen wurde sie einer 
Anstalt überwiesen. Bis auf ihren absonderlichen Lebenswandel zeigte Bich die Patientin 
für ihr Alter ganz geordnet, auch körperlich noch recht frisch. Sowie aber das Ge- 
spräch auf ihre Eigentümlichkeiten kam, fiel sie durch die Inkonsequenz des Urteils 
und Gedankenganges, ferner durch Beeinträchtigungs-, Verfolgungs- und Grössenideen 
auf. Dies erklärte ihr ablehnendes Wesen gegen ihre gesamte — männliche und weib- 
liche — Umgebung. In der Anstalt kehrte sie langsam zur Reinlichkeit und gewisser 
Ordnung zurück, obgleich sie noch immer an ihren alten schäbigen Sachen hing. Auch 
der Sammeltrieb bestand noch deutlich fort. Körperlich erholte sie sich auffallend gut. 
Die genannten Symptome Hessen den Verf. die Diagnose auf paranoide Form der se- 
nilen bzw. praesenilen Demenz stellen. Demzufolge kam er in seinem Gutachten zu 
dem Ergebnis, dass die Patientin wegen Verfalles in Geisteskrankheit zu entmündigen 
sei, welchem Antrag auch vom Gericht stattgegeben wurde. — Field (18) be- 
spricht die Möglichkeiten der Eheverhinderung bei kranken Individuen. Vor der 
weiteren praktischen Anwendung eugenetrischer Prinzipien wäre eine systematische 
UnterBuchung der gesamten Bevölkerung wünschenswert. — Francötte (101) 
formuliert betreffs der psychiatrisch-forensischen Gutachtertätigkeit folgende Wünsche : 
1. Das gerichtliche Protokoll soll den .Sachverständigen zugänglich gemacht werden, 
wenn das Gutachten den Geisteszustand des Angeklagten betrifft. 2. Der Sachverstän- 
dige soll berechtigt sein, Zeugen durch den Untersuchungsrichter vernehmen zu lassen. 
Er soll dem Verhör der Zeugen und des Angeklagten beiwohnen und an diese Fragen 
richten dürfen. 3. In schwierigen Fällen soll man den Angeklagten zum Zweck einer 
genauen psychiatrischen Beobachtung für einen Zeitraum von höchstens sechs Wochen 
einer psychiatrischen Klinik oder, falls eine solche nicht vorhanden, einer Irrenanstalt 
überweisen dürfen. — Friedrich (102) meint, „der deutsche Richter brauche nicht 
von jeder Art des Alkoholgenusses die Degeneration des Deutschtums zu befürchten." 
Er wird am sichersten gehen, wenn er pro et contra vorsichtig abwägt und sich nicht 
mit der Feststellung der Tatsache der Trunkenheit genügt, sondern auch den Motiva- 
tionen nachgeht, welche den Einfluss des Alkohols auf die Willensbetätigung nach- 
weislich hergestellt haben. Den Bestrebungen der Abstinentenvereine, des Guttempler- 
ordens u. a. steht Verf. einigermassen skeptisch gegenüber und schätzt die Tätigkeit 



') Vgl. über menstruelles Irresein und deren forensische Bedeutung die Arbeiten 
von Wolter, Inaug.-Dissert. Kiel. 1910; Haffner, Inaug.-Dissert. Erlangen. 1912 
und Zeitschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. 1912 und König, lieber das 
menstruelle Irresein. Berl. klin. Wochenschr. 1912 (daselbst Zusammenstellung der nach 
meiner Arbeit erschienenen Literatur). 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 15 



226 Kurt Boas 



der Mässigkeitsvereine, der Vereine zur Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs und der 
Fürsorgevereine höher ein. — Friedrich (103) äussert sich über die strafrechtliche 
Bedeutung des manisch-depressiven Irreseins und der Dementia praecox wie folgt: Bei 
manisch-depressivem Irresein löst die Stimmungsanomalie die eigentlichen Handlungen 
aus. Erst in zweiter Linie sind die Halluzinationen und Wahnvorstellungen zu nennen. 
Auch bei der Dementia praecox spielen die letzteren anscheinend eine geringere Rolle. 
In erster Linie sind es die sogenannten impulsiven Handlungen, welche zu Vergehen 
gegen die öffentliche Ordnung führen. Zu bedenken bleibt dabei allerdings, dass das, 
was den Sachverständigen als impulsive Handlung imponiert, oft nur deshalb impulsiv 
erscheint, weil es nicht möglich ist, die erforderlichen Aufschlüsse über eventuelle Hal- 
luzinationen und Affektstörungen von dem Patienten zu erhalten, wie das ja auch bei 
den in hysterischem Dämmerzustande vorkommenden Impulsionen der Fall ist. Es ist 
deshalb nicht unwahrscheinlich, dass auch bei diesen Handlungen Stimmen oder Ge- 
stalten eine Rolle spielen. Bei den Fällen, in denen der Charakterveränderung das 
Delikt zur LaBt gelegt wird, ist das Fehlen der ethischen Vorstellungen in erster Linie 
wesentlich. Bei Eigentumsdelikten kann eventuell wohl auch das Fehlen von Gegen- 
vorstellungen die Straftat auslösen. — G a u 1 1 (104) kritisiert den Wert der Ent- 
lassung von kriminellen Geisteskranken und spricht sich in Fällen, in denen keine so- 
ziale Genesung zu erwarten steht, unbedingt für lebenslängliche Internierung aus. Alle 
sentimentalen Bedenken, die man etwa dagegen geltend machen könnte, sind fallen zu 
lassen. — Speziell auf die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika zuge- 
schnitten ist der Aufsatz von Henry H. Goddard 1 ) (105), über die strafrechtliche 
Verantwortlichkeit der Jugendlichen, auf den hiermit kurz hingewiesen sei. — Nach 
Gifford und Goddard (19) waren von 100 Fällen des Jugendgerichtshofes zu 
Newark 34 weniger als vier Jahre zurück, 66 ausgesprochen schwachsinnig. Betrachtet 
Raecke in seinem weiter unten referierten Bericht die amerikanische Fürsorgeerzie- 
hungsanstalten mit dem Auge des Psychiaters, so urteilt der bekannte Grazer Jurist 
Graf Gleispach (20) über verschiedene amerikanische Jugendstrafanstalten. Als 
einen Fehler der von ihm besichtigten Anstalten hebt er die Aufnahme besserungs- 
unfähiger Elemente in die Reformatories und die Errichtung von Massenanstalten hervor. 
Dagegen zeigt sich der Vorteil des amerikanischen Systems darin, dass der Strafvoll- 
zug in den Vereinigten Staaten prospektiv, bei uns dagegen im wesentlichen retrospektiv 
ist 2 ). — Goronzek (107) fasst seine Beobachtungen über Tätowierungen bei 
Soldaten 8 ) in folgenden Schlusssätzen zusammen: 1. Tätowierungen 6ind bei Soldaten 
selten (1 °/ )i sie finden sich bei Bestraften nicht so häufig wie bei Unbestraften (2,9 °/ 
bestrafte Tätowierte). 2. Tätowierungen werden vor der Dienstzeit gemacht, zum Teil 
in früher Jugendzeit, während der Dienstzeit sehr selten. 8. Man findet die gleiche Art 
von Bildern und Zeichnungen bei bestraften und unbestraften, körperlich und geistig 
gesunden, wie geistig minderwertigen und geistig kranken Leuten. 4. Die Bilder werden 
willkürlich ausgewählt und lassen infolgedessen keinen Schluss zu auf Beruf, Charakter, 
Neigungen, Kriminalität. 5. Tätowieren ist in der Kindheit Nachahmungstrieb und 
Spielerei, später Modesache und Zeichen der Langeweile, es dient vielfach dem Geld- 
erwerb. 6. Tätowierungen können nicht zu den sogenannten Degenerationszeichen (re- 
rechnet werden. — Goob (108) führt in einer bemerkenswerten Arbeit etwa fol- 
gendes aus : Nach Art. 28 des Bundesgesetzes über Zivilstau d und Ehe ist Geistes- 
kranken und Blödsinnigen das Eingehen einer Ehe verboten. Art. 97 des neuen Zivil- 
gesetzbuches schliesst ferner Geisteskranke von der Ehe aus und knüpft die Ehefähig- 
keit an das Bestehen der Urteilsfähigkeit. Gewohnheitsgemäss wurden aber bisher und 
werden wohl auch in Zukunft diese Gesetzesbestimmungen lax gehandhabt und Geistes- 
kranke und hochgradig Schwachsinnige getraut. Die dauernde Raumnot in den Irren- 



') Eine weitere Arbeit desselben Verfassers hat die Sterilisationsfrage asozialer 
Individuen zum Gegenstande. — s ) Vgl. über daB amerikanische Fürsorgewesen die 
oben zitierte Arbeit von Raecke (59) und die weiter unten in diesem Bericht refe- 
rierte Arbeit von Gudden (22), über das niederländische Fürsorgewesen die Arbeit 
von L. Müller (57). — *) Vgl. darüber auch die Arbeiten des französischen Ober- 
stabsarztes Boigey (Versailles) in La nouvelle Iconographie de la Salpetriere u. a. a. 0. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 227 

anstalten bringt es mit sich, dass Geisteskranke, wenn sie das akute Stadium ihrer 
Krankheit überstanden haben und für sich und andere nicht mehr gefährlich erscheinen, 
aus den Anstalten entlassen werden müssen; dadurch werden sie in die Lage versetzt, 
Kinder zu zeugen, und es drängt sich immer wieder die Frage auf, ob es nicht wünsch- 
bar wäre und gestattet sein sollte, unheilbare Geisteskranke von der Fortpflanzung aus- 
zuschliessen. Mit Gesetzesbestimmungen, welche die Ehefähigkeit beschränken, lässt 
sieh dies nicht erreichen; denn der Geschlechtstrieb lässt sich nicht durch Gesetze re- 
geln und durch strenge Handhabe der Eheverbote würde sich die Zahl der unehelichen 
Kinder vermehren. Die Indikation zur Sterilisation Geisteskranker ist daher gegeben 
and die Sache des Gesetzgebers ist es, derselben einen gesetzlichen Boden zu schaffen. 
Die schweizerischen Irrenärzte haben in ihrer Jahresversammlung 1905 einstimmig eine 
Resolution angenommen, welche die Berechtigung der sozialen Indikation zur Sterili- 
sation Geisteskranker anerkannte, sie haben sich damit unter sich einen Halt gegeben, 
ohne sicher zu sein, eventuell bei den durch sie ausgeführten Sterilisationen vom Richter 
geschützt zu werden. Zu betonen ist, dass es sich nicht um Kastration, d. h. um die 
operative Entfernung der Geschlechtsdrüsen handelt, sondern um Sterilisation. Bei 
Männern wird dieser Zweck erreicht durch Vasektomie, ein Eingriff, der ohne allge- 
meine Narkose ausgeführt werden kann. Die entsprechende Operation bei den Frauen, 
die Tubenresektion, gestaltet sich allerdings schwieriger; sie bedingt allgemeine Nar- 
kose und Eröffnung der Bauchhöhle. Die nunmehr sicher festgestellte Tatsache, dass 
durch Röntgenstrahlen Menschen unblutig und schmerzlos sterilisiert werden können, 
dient der sozialen Indikationsstellung zur Sterilisation in hervorragendem Masse. Es 
wird zu diesem Verfahren sowohl von den Kranken als den Angehörigen viel leichter 
die Zustimmung zu erhalten sein, schlimme Nebenwirkungen treten nicht auf und, was 
sehr wichtig ist, ausser der Zeugungsunfähigkeit bleibt das Geschlechtsleben unbeein- 
flusst. Indiziert ist die Sterilisation bei unheilbar Geisteskranken, schwer Degenerierten 
und moralischen Idioten, wenn sich dieselben im zeugungsfähigen Alter befinden und 
aus irgend einem Grund in die Freiheit versetzt werden sollen ; die Indikation wird in 
erster Linie gestellt, um die Zunahme psychischen Misswuchses zu verhindern. Es ist ein 
Unrecht und Unglück für die Familie, die Gemeinde, den Staat, wenn durch Menschen, 
die unheilbar geisteskrank sind, Kinder gezeugt werden, das grösste Unglück aber ist 
es für die Kinder selbst, unter solchen Auspizien geboren zu werden. Verf. illustriert 
an einigen selbst beobachteten Beispielen diese Indikationsstellung und bespricht dann 
die Bedenken, die gegen seine Stellungnahme gemacht werden können. Hierbei kommt 
es auf die Auffassung über die ärztliche Berufspflicht an. Hafter sagt hierüber: 
..Wenn man davon ausgeht, dass der Staat die Erhaltung des menschlichen Lebens und 
der Gesundheit als Zweck der Tätigkeit des Arztes anerkennt, dass er aber zugleich 
damit die Mittel billigen muss, die von der ärztlichen Wissenschalt als zur Erreichung 
des Zweckes erforderlich bezeichnet werden, so ist dadurch dem Begriff der Berufs- 
pflicht der richtige Ausdruck und Inhalt gegeben." Nun erklärt die ärztliche Wissen- 
schaft, es bestehe eine soziale Indikation zur Sterilisierung Geisteskranker. Wenn man 
nun den Begriff der ärztlichen Berufspflicht etwas weiter fassen könnte und darunter 
nicht nur eine Erhaltung von Leib und Leben verstehen würde, sondern auch eine 
Sanierung der Rassen durch Ausschaltung kranker Elemente von der Fortpflanzung, 
so wäre der Eingriff auch vor dem Strafrecht gerechtfertigt. Anfragen bei juristischen 
Instanzen in St. Gallen und Bern haben aber ergeben, dass eine genügend sichere 
Ansicht über diese Frage nicht vorbanden und dass grössere Klarheit nötig ist. Die 
juristischen Ueberlegungen führen dazu, dasB es notwendig erscheint, in Art. 25 des 
Entwurfs zu einem schweizerischen Strafgesetzbuch ausdrücklich die Sterilisierung 
Geisteskranker auf soziale Indikation hin zu erlauben und zu Recht bestehend anzuer- 
kennen. Als Bedingungen zur Ausführung einer Sterilisierung auf soziale Indikation 
hin, verlangt Good folgendes: 1. Sie kann ihre Anwendung nur bei Geisteskranken 
oder trunksüchtigen Eheleuten in zeugungsfähigem Alter finden, wenn dieselben in 
Verhältnisse kommen, in welchen sie wieder Gelegenheit zu. legalem Geschlechtsverkehr 
bekommen. 2. Die Indikation zum sterilmachenden Eingriff soll motiviert und schrift- 
lich von drei erfahrenen Aerzten gestellt werden. 3. Zur Ausführung ißt die schrift- 
liche Einwilligung des Gewaltinhabers des betreffenden Kranken nötig. Die Zustim- 



228 Kurt Boas 



mung des Kranken soll, wenn immer möglich, auch beigebracht werden. 60°/ "Her 
Geisteskranken sind erblich belastet, davon '/ 8 direkt; die aufgeworfene Frage hat also 
für das Volkswohl eine eminente Bedeutung, und es ist nachgewiesen, dass von einzel- 
nen Kranken oder Alkoholikern nach Dutzenden zählende krankhafte Nachkommen 
vorhanden sind, und wenn auch jährlich in der Schweiz nur einzelne derartige Kranke 
von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden können, so würde sich dies sehr bald in 
vorteilhafter Weise bemerkbar machen. — Göring (109) resümiert seine Vor- 
schläge bezüglich der Reform des deutschen Strafgesetzbuches in folgenden Schluss- 
sätzen: 1. Die Krankheitsbezeichnung in § 63,1 sind zu eng gefassst. 2. Der Ausdruck 
„freie Willensbestimmung" ist ungeeignet. 3. Ueber die verminderte Zurechnungsfähig- 
keit sollen noch Erhebungen stattfinden. 4. Liegen bei dem Täter Abweichungen des 
psychischen Lebens vor, soll dem richterlichen Ermessen möglichste Freiheit gelassen 
werden. 6. Die Berücksichtigung des Geisteszustandes vermindert Zurechnungsfähiger 
beim Strafvollzug ist am Platze. 6. Wer trotz seiner Minderwertigkeit bestraft werden 
konnte und musste, gehört wegen dieser Minderwertigkeit nachträglich nicht in eine 
Heil- oder Pflegeanstalt. 7. Auch bei Freisprechung auf Grund des § 63 muss die 
Täterschaft festgestellt werden. 8. Die Frage, von wem und wann die Verwahrung 
und Entlassung anzuordnen ist, muss nochmals erwogen werden. 9. Die Bestimmungen 
über die selbstverschuldete sinnlose Trunkenheit sind ungeeignet. 10. Die Einweisung 
in eine Trinkerheilanstalt soll unabhängig sein von Strafhöhe und -art und auch bei 
Freisprechung zulässig sein. 11. Die Bestimmungen über Trunksucht und Trunkenheit 
sind möglichst zusammenzufassen. 12. Heil-, Pflege- und Erziehungsanstalten sind keine 
Strafanstalten für jugendliche Verbrecher. 13. Strafschärfungen sollen bei vermindert 
Zurechnungsfähigen nicht ausgesprochen werden. 14. Die bedingte Strafaussetzung ist 
für Erwachsene ebenso empfehlenswert, wie für Jugendliche. 15. Die vorsätzliche Be- 
freiung von Geisteskranken ist unter Strafe zu stellen. — Gudden (21) berichtet 
über folgenden Fall: Es handelte sich um eine 43jährige, den besten Kreisen ange- 
hörende Gesellschaftsdame, die insgesamt wegen sieben Diebstählen angeklagt war. Bei 
der Vernehmung gab Patientin noch spontan eine weitere Reihe ähnlicher Delikte zu. 
Sie wurde zunächst zu 16 Tagen Gefängnis verurteilt, die durch die Untersuchungshaft 
als verbüsst angesehen wurden. Patientin beruhigte sich nicht bei diesem Urteil. Die 
Untersuchung durch den Verf. ergab nun, dass die Patientin an Zwangsvorstellungen 
litt und dass speziell die „Erwartungsangst" auf den verschiedensten Gebieten bei ihr 
in die Frscheinung trat. Auch das jüngst eingetretene Klimakterium und die kurz 
und während der Diebstähle vorhandenen Migränezustände wurden als mildernde Mo- 
mente betont. Patientin wurde daraufhin auf Grund des § 51 exkulpiert. Wenige 
Monate nach der Verhandlung fühlte sich die Patientin wesentlich freier, erklärte, sie 
habe „Proben" gemacht und leide nicht mehr unter Stehldrang. — Guddens (23) 
Arbeit ist der Niederschlag dessen, was der Verf. bei einer psychiatrischen Studien- 
reise in der neuen Welt gesehen hat. Seine bemerkenswerten Ausführungen, die in 
dem gegenwärtigen Augenblick, wo die Vorschläge zum neuen Strafgesetzbuch gehört 
zu werden verdienen, Gegenstand lebhafter Diskussionen sind, müssen im Original selbst 
studiert werden, da Verf. nicht nur einfach das, was er mit kritischen Augen geschaut, 
auch dem Leser vorführt, sondern daran beachtenswerte Vorschläge für Reformen bei 
uns knüpft. Um dem Leser von der Stellungnahme des Verf. zu dem Problem der 
Jugendlichen-Kriminalität ein Bild zu geben, fuhrt Referent hier die Schlussworte des 
Verf. an : „Dass die reine Vergeltungsstrafe mit ihrer zeitlich genauen Fixierung weder 
einen wirksamen Schutz für die Gesellschaft, noch eine Besserung des Verbrechers und 
eine Minderung der Kriminalität herbeizuführen vermag, ist eine Tatsache, welche die 
Anhänger der Vergeltungstheorie durch allen Widerspruch nicht aus der Welt schaffen 
können. Das Verbrechen ist, wie vor kurzem erst Kraepelin treffend ausgeführt 
hat, eine „soziale Krankheit" und muss daher als solche behandelt werden. Unter den 
Mitteln, welche diese soziale Krankheit einschränken und namentlich die verbrecherische 
Jugeud wieder auf gute Bahnen leiten können, haben sich die in Amerika eingeführten 
Institutionen zweifellos glänzend bewährt, so dass ihre Uebertragung nach Deutschland 
nur von Segen sein könnte. Was jetzt in Deutschland Jugendgericht heisst, ist nur ein 
Schema ohne Fleisch und Blut, weil es nach wie vor mit Gefängnis operiert und hier 



Aus der forensischen Psychiatrie. 229 

die hochentwickelten Erziehungsanstalten und ein wohlorganisiertes Fürsorge- und 
Schutzaufsichtssystem fehlen. So lange der Staat sich nicht, wohlbemerkt nicht zuletzt 
zu seinem eigenen finanziellen Vorteil, zu einer gründlichen Aenderung in der Behand- 
lung jugendlicher Krimineller aufrafft, werden alle seine schönen Gesetze über Zwangs- 
erziehung wertlos bleiben und die Wohltat der bedingten Verurteilung wird zur Plage." 
Dieser Kampfesruf gegen die modernste aller Institutionen : das Jugendgericht, in dessen 
Verurteilung der Verf. nicht allein dasteht, gibt einen Einblick in die Probleme, die 
Verf. in der vorliegenden Schrift erörtert. Das eingehende Studium ist daher dem 
Arzt, besonders dem Psychiater, dem Richter und darüber hinaas jedem Freunde 
unserer Jugend dringend ans Herz zu legen. — Guilhermet (23) erörtert die 
psychologische Grundlage der kindlichen Lüge und macht besonders auf die Ge- 
fahren der kindlichen Zeugenaussagen bei Sexualdelikten aufmerksam. Das Kind 
kommt den Fragen des Untersuchungsrichters instinktiv entgegen und hat durch 
seine Aussagen schon manchen Unschuldigen um Ruf und Ehre gebracht '). 

— Glaser (24) führt in seiner Arbeit etwa folgendes aus: Wenn ein Kranker 
im Zustande des hypomelancholischen oder hypomanischen Stadiums eine strafbare 
Handlung begeht, ist ihm der Schutz des § 51 zuzubilligen. Wird eine strafbare 
Handlung im freien Intervall begangen, so kann er als vermindert zurechnungsfähig, 
d. h. als zurechnungsfähig trotz psychischer Mängel, angesehen werden , wobei dann 
die vorhandenen krankhaften Züge als strafmildernd in Betracht zu ziehen sind. Ent- 
mündigt sollte der Kranke in den leichteren Fällen nicht werden , sondern wenn es 
möglich und notwendig ist, für die Zeit des Anfalls einer Pflegschaft unterworfen 
werden, die beim Einsetzen des Intervalls wieder aufgehoben werden soll. Ein 
Testament des Kranken hat im allgemeinen nur dann Gültigkeit, wenn es in der Zeit 
des Intervalls aufgestellt wurde. Die Zeugnisfähigkeit soll von Fall zu Fall entschieden 
werden. Glaser führt dann 2 Fälle von zirkulärem Irresein an, bei denen ein Ent- 
mündigungsantrag gestellt wurde. In klinischer Hinsicht Bind beide Fälle durch ein 
im höheren Alter eintretendes paranoisches Endstadium bemerkenswert, das durch 
Fehlen von Störungen des Gedächtnisses und der Merkfähigkeit und Vorhandensein 
einer Urteilsschwäche charakterisiert war. In beiden Fällen wurde der Zustand durch 
die langjährige Internierung in ungünstigem Sinne beeinflusst, so dass Verf. meint : „Die 
Entmündigung und Internierung leichterer Fälle von zirkulärem Irresein und kon- 
stitutioneller Erregung mit manischen Zügen wird oftmals unumgänglich notwendig 
sein, obgleich nicht zu verkennen ist , dass die vorhandenen psychischen Störungen 
durch diese Massnahme direkt eine Verschlimmerung erfahren können und oft erfahren 3 ). 

— Zu den hohen Verdiensten von Hans Gross (25), die sich der Begründer der 
Kriminalistik als Wissenschaft, als Verfasser mehrerer über die eigentlichen Fach- 
kreise hinaus bekannt gewordenen Bücher u. a. des Handbuchs für Untersuchungs- 
richter und des Sammelwerkes über Kriminalpsychologie , und als Herausgeber des 
rühmlichst bekannten, jetzt im 51. Bande stehenden Arch. f. Kriminalanthropologie und 
Kriminalistik bereits erworben hat, kommt jetzt ein weiteres, nämlich die Schaffung 
eines kriminalistischen Institutesan der Universität Graz. Aus dem 
Programm heben wir hervor, dass die Aufgabe des neuen Institutes in folgendem be- 
stehen soll: 1. Abhaltung von Vorträgen; 2. Schaffung einer Handbibliothek, 3. Er- 
richtung eines Kriminalmuseums, 4. Errichtung eines Laboratoriums, 5. Gründung einer 
kriminalistischen Station. Als Publikationsorgan soll das vorerwähnte Grosssche 
Archiv dienen. Wir können an dieser Stelle nicht näher auf die Details , die das 
Programm enthält, eingehen , möchten aber schon jetzt eine hervorragende Förderung 
der kriminalistischen Wissenschaft, sowie sekundär der gerichtlichen Medizin und 
Psychiatrie erwarten. Dafür bietet der anerkannte Name des LeiterB sowie seiner 
Mitarbeiter u. a. Pfeiffer-Graz vollauf Gewähr. Freilich ist auf ein Bedenken 
hinzuweisen, nämlich die Gefahr der Kollision mit dem Fache der gerichtlichen Medizin, 
das, soviel ich unterrichtet bin, an der Grazer Univerität durch einen Extraordinarius 



') Vgl. hierzu auch die weiter unten in diesem Bericht referierte Arbeit von 
Major (44). — *) Vgl. über forensische Bedeutung der Melancholie die weiter unten 
in diesem Berichte referierte Arbeit von Rodiet (H2). 



230 Kurt Boas 



(Pfeiffer), dem ein eigenes Institut untersteht, vertreten ist. Jedoch wird das ge- 
meinsame Arbeiten diese scheinbaren Gegensätze gewiss überbrücken. Wir rufen dem 
jüngsten Institut der Grazer alma mater und ihrem Leiter ein herzliches Glückauf! 
zu. — Heines (25) Arbeit stellt im wesentlichen ein kritisches Sammelreferat 
dar. Eigene Beobachtungen werden nicht bekannt gegeben. Das Literaturverzeichnis 
umfasst 115 Nummern. Die wichtigsten Punkte fasst Verf. in folgenden Leitsätzen 
zusammen: 1. Die Amnesie kann unter Umständen das einzige Symptom sein, das auf 
eine vorhergegangene Bewusstseinstörung hinweist. 2. Die Amnesie ist, wenn sie auch unter 
Umständen gänzlich fehlen kann, immerhin noch ein wichtiges Symptom zur Diagnose der 
Dämmerzustände, das allerdings der Gefahr der Simulation wegen nur in Gemeinschaft 
mit anderen Symptomen Verwendung finden darf. 3. Handlungen, die in eine Periode 
fallen, für welche später die als eine einfache Amnesie bezeichnete Art der Erinnerungs- 
losigkeit besteht, sind nach § 51 des St.G.B. straffrei. Ebenso besteht bei derartigen 
Handlungen des § 827 des B.G.B. für etwaigen durch dieselben erwachsenden Schaden 
keine zivilrechtliche Verantwortlichkeit. "Willenserklärungen, welche in der Periode ab- 
geschlossen sind, sind nach § 105 des B.G.B. nichtig. 4. Für Handinngen, die in eine 
Periode fallen , für die retrograde Amnesie besteht , ist keine Straflosigkeit vorbanden. 
Dieselben sind zivilrechtlich verantwortlich , und Willenserklärungen , welche in der 
Periode abgegeben sind , haben ihre Gültigkeit. 5. Zeugenaussagen über Vorgänge, 
welche in eine Periode der einfachen Amnesie oder retrograden Amnesie des Zeugen 
fallen, sind mit Vorsicht zu verwerten. 6. Ein erheblicher Grad von lokalisierter retro- 
grader Amnesie oder gewisse Formen der systematisierten retrograden Amnesie sind unter 
Umständen zivilrechtlich als vorübergehende Geistesstörungen im Sinne des § 105 des 
B.G.B. anzusehen. 7. Schwerere Formen der anterograden Amnesie bedingen gleich- 
falls eine Aufhebung der Geschäftsfähigkeit, namentlich der Testierfähigkeit. 8. Durch 
«ine über das ganze Leben ausgedehnte retrograde Amnesie können unter Umständen 
Schwierigkeiten im Individuum zu rekognoszieren erwachsen, was die weitestgehenden 
rechtlichen Folgen nach sich ziehen kann. 9. Diejenigen Zustände, bei denen die Amnesie 
zu ihren verschiedensten Formen am meisten gerichtsärztlich eine Rolle spielt, sind der 
epileptische Dämmerzustand, der hysterische , der nach Kopfverletzungen , sowie der 
komplizierte Rauschzustand. — v. Hessert (27) gibt folgende, zum Teil recht beach- 
tenswerte Anregungen : 1. Im zukünftigen Strafgesetz ist für die wegen Geisteskrank- 
heit ausser Verfolgung Gesetzten oder Freigesprochenen, sowie für die milder gestraften 
geistig Minderwertigen neben und nach Anstaltsverwahrung die Anordnung einer ärzt- 
lichen Aufsicht für zulässig zu erachten. 2. Die Entmündigung wegen Geisteskrankheit 
oder Geistesschwäche ist auch dann auszusprechen , wenn der Kranke die Rechts- 
sicherheit anderer gefährdet. 3. Die Beaufsichtigung aller Geisteskranken, die sich 
ausserhalb der Staa tsanstalten befinden, ist besonderen ärztlichen Behörden zu über- 
tragen. Gegen die Verwirklichung des letzteren Vorschlags dürfte sich neben der 
Schwierigkeit der Durchführung in der Praxis auch mancherlei sonst einwenden lassen. 
— Hinrichs (28) untersuchte 144 schulentlassene Fürsorgezöglinge aus Schleswig- 
Holstein. Bei weiter Fassung des Begriffes waren normal 38% der männlichen, 40 •/, 
der weiblichen Zöglinge. 76% der männlichen und 73% der weiblichen Zöglinge 
scheinen zur Fürsorgeerziehung weiter geeignet. Verf. fordert, es müssten alle Zög- 
linge fortlaufend untersucht werden. Für schwer erziehbare psychopathische Individuen 
müssten Zwischenanstalten geschaffen werden. — v. HeuBs(29) äussert sich über die 
Zwangsvorstellungen in der Pubertät unter besonderer Berücksichtigung militärischer 
Verhältnisse folgendermaBsen : Echte Zwangsvorstellungen mit spezifisch militärischem 
Inhalt können nur ein- oder das anderemal zu offenem Konflikt mit der Disziplin führen, 
da die sofortige Entfernung aus dem militärischen Milieu die notwendige Folge des 
traten Manifestwerdens ist. Zwangsvorstellungen wurden freiwillig nur geäussert in 
der Absicht, dadurch dienstunbrauchbar oder straffrei zu werden. Zwangsvorstellungen 
kommen auch als ätiologische Faktoren neben der grossen Gruppe der sexuellen und 
nostalgischen Motive (Stier) für unerlaubte Entfernung in Betracht. Hartnäckigkeit 
der Zwangsvorstellung, Einfluss auf die Ideenassoziation und Alter beim ersten Auftreten 
sind im allgemeinen ein Gradmesser für die Schwere einer psychopathischen Konstitntion 
(S o u t z o). Echte Zwangsvorstellungen sind bei Dementia hebephrenica äusserst selten. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 231 

Daraus erhellt ihre diagnostische Wichtigkeit bei einer für Hebephrenie verdächtigen 
Erkrankung. Da Zwangsvorstellungen ein Symptom einer schweren allgemeinen 
seelischen Gleichgewichtsstörung im Sinne obiger Krankheitsbilder Bind, so ist die 
Dienstfähigkeit damit behafteter Militärpersonen zunächst zweifelhaft. In allen Fällen 
empfiehlt sich deshalb längere Lazarettbebandlung. Nicht selten wird man dahin 
kommen müssen, die Dienstunfähigkeit auszusprechen. Im einzelnen Falle in sinn- 
gemässer Anwendung der Anlage I. E. 15 der Heeresordnung 1 ). — Der Fall Hoff- 
manns (30) betrifft einen Soldaten, bei dem keine nachweisbare Heredität vor- 
lag, der die Schule leidlich absolvierte und nach seiner Schulentlassung von seinen 
Arbeitgebern als geistig minderwertig und arbeiisunlustig geschildert wurde. Sein ab- 
weisendes Benehmen gegen die Eltern Hess schon damals einen gewissen moralischen 
Defekt erkennen. Vor der Einstellung zum Militär erlitt er wegen Betteins und 
Vagabundage eine Anzahl von Vorstrafen. Gleich bei der Musterung fiel er durch 
seine reduzierte Kleidung auf. Bei der Ausbildung, namentlich im theoretischen Unter- 
richt und in der Instruktionsstunde fiel er durch seine mangelhaften Leistungen auf, 
so dass er 14 Tage nach der Einstellung dem Garnisonlazarett zwecks Einleitung des 
Dienstunbranchbarkeilsverfahrens überwiesen wurde. Hier machte er sich der eigen- 
mächtigen Entfernung vom Truppenteil in der Absicht der Desertion, der Beleidigung und 
Achtungsverletzung und eines tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten schuldig. Wegen 
seines stupiden Verhaltens im Lazarett wurde er einer psychiatrischen Klinik überwiesen. 
Hier fiel er schon rein äusserlich durch Beinen abnormen Schädelbau mit dem ge- 
ringen Horizontalumfang und niedrigen Stirnbein, relativ ausgeprägtem Gesichtsschädel 
auf. Sein Wissensmaterial bestand bloss aus gedächtnismassigen Einzelheiten. Weiter- 
hin war bei ihm Stumpfheit und Unempfänglichkeit gegen äussere Eindrücke bemerk- 
bar. Dazu kam eine Verarmung des Vorstellungslebens, Schwerfälligkeit und Unbe- 
holfenheit des Gedankenganges, mangelhafte Reproduktionstreue, Gedankenlosigkeit, 
Zerstreutheit, Urteilsschwäche und Unselbständigkeit, Gemütsstumpfheit und ethischer 
Defekt mit Hervortreten der niederen Gefiihlszustände. Die Tat selbst musste als Aus- 
fluss pathologischer Affektzustände gedeutet werden. Das Gutachten, das in dieser 
Affäre erstattet wurde, kam zu dem Ergebnis, dass dem Patienten der Schutz des § 51 
zuzubilligen sei. — J. Hof f manns (110) Arbeit liegen 60 forensisch-psychiatrische 
Gutachten aus der Marburger psychiatrischen und Nervenklinik (T u c z e c k) zugrunde, 
die im einzelnen tabellarisch zusammengestellt sind. Die Arbeit ist im wesentlichen 
statistisch-kasuistisch und zu kurzem Heferat nicht geeignet. Neue Vorschläge zur Ab- 
änderung des § 51 werden nicht gemacht. — In dem Fall Jödicke (31) ver- 
stand es der Kranke, epileptische Anfälle mit solcher Vollendung nachzuahmen , dass 
sich selbst Aerzte täuschen Hessen. Erst nach längerer Beobachtung konnte die Simu- 



') Von sonstigen deutschen Erscheinungen auf dem Gebiete der militärfor- 
ensischen Psychiatrie seien an dieser Stelle die Arbeiten von Becker (Begutachtung 
von Alkoholdelikten), Krause (forensische Bedeutung der Dementia praecox), Krüger 
(Festungsgefangene), Sohni zer (Achtungsverletzung im hysterischen Dämmerzustand), 
Schuppius (Zur Psychopathologie der Fahnenflucht und des Fremdenlegionärs), 
Weyert (Schwachsinn) und weitere Aufsätze in der Deutschen militärärztl. Zeitschr. 
1910 — 1912 erwähnt. Vgl. ferner A u e r (Begutachtung von Marineangehörigen. Arch. 
f. Psychiatrie. 1912). Aus der einschlägigen französischen Literatur erwähne ich die 
Arbeiten von B o 1 1 e (Selbstmord in der französischen Armee. These de Lyon 191 1), J u d e 
(Cadncee 1910), Lantheaume (zwei Aufsätze in den Arohives de mädecine et de 
pharmacie militaire 1911 und 1912) und Simonin (Behandlung der Schwachsinnigen 
in der französischen Armee; Annales d'hygiene publique et de med. legale 1912). 
Vgl. ferner die Gutachten von B i a u t e (Expertise conseil de guerre. Annales medico- 
pBychologiques. 1912. LXX. Nr. 2), B eilet rud (4) und Martin, Roussel und 
Lafforgue (51). Vgl. ferner in dem vorliegenden Berichte die Arbeiten von Benn- 
ecke (5), Hoffmann (30), Jüttner (32), Richards, Schuppius (70) Stier 
(75), Cr am er (13). Von sonstigen Arbeiten der letzten .lahre erwähne ich noch 
diejenigen Mönkemöllers über Begutachtung von Delikten von Marine- und 
Heeresangehörigen (Arch. f. Psychiatrie 1910 und Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medizin 
und öffentl. Sanitätsweaen 1910) und dessen Kontroverse mit Th. Becker (Deutsche 
med. Wochenschr. 1911). 



232 Kurt Boas 



lation entdeckt, der Schwindler entlarvt werden. Als sicheres Kriterium erwies sich 
hierbei die Untersuchung der Pupillen. Ferner konnte Verf. feststellen, dass es selbst 
bei solchen Psychopathen durch eine geeignete Heilanstaltsbehandlung gelingt, aus unreifen, 
haltlosen Kriminellen geeignete Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu machen 1 ). — 
Höpfner (111) führt des näheren aus, dass beim Stotterzustand eine äussere und innere 
Disposition zu asozialer Entwicklung vorhanden ist. Dazu kommt, dass der Stotterzu- 
stand die Affektivität des Menschen in einer ausserordentlich unlusterregenden Weise 
konsumiert und die Lebenslust und Lebensunlust, den Geselligkeitstrieb in den Trieb 
nach einem Alleinsein und Anderssein verkehrt. Verf. belegt seine Anschauungen 
durch eine Reihe von Fällen, die asoziale Sonderlinge, „räudige Schafe in der Familie", 
„Phantasten", „Weltenbummler", „Negativisten", „Asoziale" und „Antisoziale" betrafen. 
Dazu kommen drei Fälle, in denen sich vereinzelte anormale Züge bei Normalen fan- 
den. In all den erwähnten 21 Fällen sieht Verf. den Stotterzustand als direkte Ur- 
sache der antisozialen Betätigung. Die These des Verf. ist sehr interessant und fordert 
dringend zur Nachprüfung heraus. Sollte sie sich bestätigen, so wäre sie von unab- 
sehbaren forensischen Konsequenzen. — Isserlinund Gudden(112) stellen betreffs 
der Handhabung der psychiatrischen Jugendfürsorge folgende Leitsätze auf: Den Kreis- 
irrenanstalten sind besondere Abteilungen für Idioten und Epileptiker anzugliedern. Alle 
Privatanstalten für Idioten, Epileptiker und Unheilbare sind der ständigen Aufsicht der 
nächsten Kreisirrenanstalt zu unterstellen. An die Stelle der Laienpflege muss die 
ärztliche Behandlung treten, deshalb sind mindestens an den grossen Pflegeanstalten 
mit 200 Kranken und darüber Irrenärzte als Hausärzte anzustellen. Auch an den 
kleineren Anstalten ist für regelmässige ärztliche Behandlung zu sorgen. Für Gross- 
städte empfiehlt es sich, eigene Anstalten für jugendliche Idioten, Schwachsinnige und 
Epileptiker zu errichten, in nachbarlicher und administrativer Verbindung damit eine 
Zwangserziehungsanstalt mit Sonderanstalt für geistig minderwertige Fürsorgezöglinge, 
ferner ein Heim für arme, schwächliche Volksschulkinder, insbesondere Hilfsschulkinder. 
Es ist notwendig, dass nunmehr auch in Bayern nach dem Vorgang Preussens und 
Badens eine psychiatrisch-neurologische Untersuchung der sämtlichen in Zwangser- 
ziehnngsanstalten untergebrachten Zöglinge alsbald durchgeführt werde. Diese Unter- 
suchungen sind regelmässig zu wiederholen und zu ergänzen durch Einsicht der Akten, 
der Erziehungaberichte und anderer der Verwaltung zugehenden Bekundungen. Für 
die Fixierung der Untersuchungsergebnisse ist die Verwendung eines besonderen, ein- 
heitlichen Fragebogens zweckmässig. Es erscheint geboten , die mit krankhaften 
Mängeln und Abweichungen behafteten defekten und abnormen Fürsorgezögiinge mög- 
lichst frühzeitig durch eine sachverständliche ärztliche Untersuchung zu ermitteln und 
sie in allen zweifelhaften Fällen einer gründlichen psychiatrisch neurologischen Be- 
obachtung zu unterwerfen. Am besten ist die Untersuchung bereits bei der Ueber- 
weisung in die Fürsorgeerziehung vorzunehmen. Die Kosten der Untersuchung sind 
entsprechend der Kgl. Verordnung vom 4. Aug. 1910 über die Gebühren für ärzt- 
liche Dienstleistungen bei Behörden zu honorieren. Bei den als geistig minderwertig 
erkannten Fürsorgezöglingen soll die erzieherische Tätigkeit nach Möglichkeit im 
Vordergrund stehen bzw. berücksichtigt werden. Die psychiatrische Tätigkeit hat 
sich zu erstrecken : darauf, ob und zu welchem Berufe sich ein Zögling eignet, (zweck- 
mässig werden die Berufe, welche für den betreffenden Zögling auszuschliessen sind, 
unter Angabe der Gründe angeführt), auf die der Familie (dem Meister) zu erteilende 
Aufklärung über die Eigenart des Zöglings ; ob, falls die Einweisung in eine Zwangs- 
erziehungsanstalt beschlossen wird, die Unterbringung in einer Sonderanstalt angezeigt 
ist ; ob statt Zwangserziehung die Unterbringung in eine Irrenanstalt bzu . Anstalt für 
Schwachsinnige zu geschehen hat ; ob bei herannahender Grossjährigkeit des Fürsorge- 
zöglings die Einleitung des Entmündigungsverfahrens angezeigt ist. Die leichteren 
Schwachsinnsformen — Debilität und auch Imbezillität leichten Grades — werden in 
den Erziehungsanstalten zu belassen sein , wofern diese für besondere Einrichtungen 
nach Art der Nebenklassen und Hilfsschulen Sorge tragen können. Ebenso können 



*) Vgl. über die forensische Bedeutung der Epilepsie, ferner die weiter unten 
in diesem Bericht referierten Arbeiten von Marine (49) und Seh lue (67). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 233 

die Zöglinge mit leichteren nervösen und psychopathischen Erscheinungen unter Be- 
rücksichtigung ihrer speziellen Eigenart in den gewöhnlichen Erziehungsanstalten bleiben. 
Beide Gruppen sollen als erziehuDgsfähig gerade an dem Beispiel der gesunden und 
normalen Zöglinge aufgerichtet und gefördert werden. Die schwer erziehbaren und 
schwer psychopathischen, zumeist auch mehr oder weniger schwachsinnigen Zöglinge 
sind in psychiatrisch geleiteten Sonderanstalten unterzubringen. Aus finanziellen und 
betriebstechnischen Erwägungen, sowie um auch die abnormen in der gewöhnlichen 
Erziehungsanstalt zurückgebliebenen Zöglinge ärztlich im Auge behalten zu können, 
erscheint es zweckmässig, die psychiatrisch geleiteten Sonderanstalten wirtschaftlich und 
administrativ mit den gewöhnlichen Erziehungsanstalten zu verbinden. Tieferstehende 
Schwachsinnige, ausgesprochen hysterische, epileptische und schwer psychopathische, de- 
generierte und geisteskranke Zöglinge sind in den entsprechenden Irrenanstalten unter- 
zubringen. Auch in diesen wird das erzieherische Prinzip nach Möglichkeit aufrecht 
zu. erhalten sein, wenngleich es sich naturgemäsa hier mehr und mehr mit den ärzt- 
lichen Behandlungsmassnahmen deckt oder durch diese ersetzt wird. Auch hier ist, wie 
in den Erziehungsanstalten, die systematische Ausbildung zu zweckvoller Beschäftigung 
und Arbeit das vornehmste Mittel zur Herbeiführung von Besserung und Heilung. 
Sämtliche mit der Behandlung und Erziehung der Fürsorgezöglinge betrauten An- 
stalten, von der einen Schul- und Erziehungsanstalt an bis zur Irrenanstalt haben dabin 
zu streben, die Zöglinge und zwar gerade die defekten und abnormen für die Er- 
ziehung und Weiterbildung in einer geeigneten Familie vorzubereiten, um sie auf die- 
sem natürlich gegebenen Wege der Welt und der eigenen Freiheit wieder zuzuführen. 
Diese Familienpflege bedarf bei den defekten und abnormen Zöglingen der sachge- 
mässen Mitarbeit des Arztes. Es muss dringend gefordert werden , dass ähnlich wie 
in Freussen , regelmässige und eingehende Ausbildungs- und Fortbildungskurse 
unter Mitwirkung von Psychiatern für Voratände, Lehrer und Aufsichtebeamte 
der Zwangserziehungsanstalten abgehalten werden. Die Anstellung des Personals 
ist schon von einer vorhergehenden Ausbildung abhängig zu machen. Für die gross- 
jährig werdenden defekten und abnormen Zöglinge wird die Fürsorge in ihrem 
eigenen Interesse und in dem der Gesamtheit mit Beendigung der Fürsorgeerziehung 
in vielen Fällen noch nicht abgeschlossen sein können. Hier hat die Entmündigung 
bzw. obligatorische Schutzaufsicht einzutreten. Die Zwangserziehungsanstalten und 
Sonderanstalten sollen auf dem Lande errichtet werden und nicht zu gross sein. Die 
Adaptierung aufgelassener Strafanstalten zu Erziehungsanstalten ist zu verwerfen. — 
Jolly (114) berichtet über nachstehenden Fall: Im Anschluss an einen, durch einen 
Betriebsunfall herbeigeführten Knochenbruch entwickelt sich bei dem Unfallpatienten, 
einem Alkoholiker, ein Delirium tremens, welches allmählich abklingt, aber einer chroni- 
schen melancholischen Verstimmung Platz macht. In dieser erhängt sich der Betreffende 
und die Witwe erhebt Rentenansprüche, da der Selbstmord als Unfallfolge anzusehen 
sei. Verf. führt in seinem Gutachten aus, dass zwar den Boden für die Geistesstörung 
der chronische Alkoholismus abgegeben, der Unfall und seine Folgen aber die Geistes- 
störung ausgelöst haben. Dass der Selbstmord in einem deliranten Zustand ausge- 
führt worden sei, könne man nicht annehmen. Allem nach muss mit Wahrscheinlich- 
keit angenommen werden, dass der Selbstmord unter dem wesentlichen Einfluss der 
Unfallfolge verübt sei. Zuerst Zuerkennung der Rentenansprüche. Beim Rekurs an 
das R.V.A., welcher insbesondere die Ausserachtlassuag der Neigung von Alkoholikern 
zum Selbstmord und die Notwendigkeit hervorhebt, dass bei Anerkennung Geistes- 
krankheit oder der hier fehlende Ausschluss der freien Willensbestimmung gefordert 
werden müsse, deren Entstehung in der Art der Verletzung und im Verlauf der 
Wundbehandlung begründet sein muss, wird die Rentenwerberin abgewiesen. Das 
R.V.A. führt aus, dass es zunächst an bestimmten Anhaltspunkten dafür fehle, es habe 
sich bei dem Verunfallten eine abnorme Geistesverfassung als Unfallfolge ausgebildet. 
Ferner sei der Nachweis einer wesentlichen Beeinträchtigung der freien Willens- 
bestimmung nicht erbracht worden, vielmehr müsse der Selbstmord als Einfluss ruhiger 
Ueberlegung angesehen werden. Der Tod sei daher nicht auf den Unfall zurückzu- 
führen. Folgen prinzipielle Erörterungen und Kritik dieses Schiedsspruches, die im 
Originale nachgelesen werden müssen. — Juliusburger (115) berichtet über nach- 



234 Kurt Boas 



stehenden Fall: Bin 17jähriger junger Kaufmann, der bereits früher mehrfach Schwindel- 
anfälle gehabt hatte, wurde, als er eines Tages später als sonst nach Hause kam, mit 
ungewöhnlich scharfen Vorwürfen empfangen. Es wurde ihm u. a. vorgehalten, dass 
es ihm noch einmal so gehen werde wie einem Kollegen von ihm, der des Diebstahls 
überführt worden war. Das Vergehen des Patienten bestand darin, dass er ein Liebes- 
verhältnis mit einem Mädchen angeknüpft und darum von seiner Löhnung 5 Mk. 
zurückbehalten hatte. In der Nacht schlief er anfangs ruhig, bis ihm plötzlich der 
Gedanke kam, dass er gestohlen habe. Er war fest überzeugt, zusammen mit seinem 
Kollegen Seidenstoffe entwendet und versetzt zu haben. Am nächsten Morgen fiel er 
den Angehörigen nicht besonders auf. Der Patient wollte nun zunächst ins Geschäft 
gehen, um seinen Chefs alles zu gestehen, zog es dann aber vor, sie von einem Cate 
aus schriftlich von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Von dem Inhalt wusste er 
aber hernach selbst nichts mehr, sondern erfuhr davon nur durch seine Angehörigen. 
Er gab dann die Briefe zur Post, ging durch einige Strassen in der Nähe Beines Ge- 
schäftes, ohne sich daran zu erinnern, welche es waren. Dann fuhr er zu seiner 
Schwägerin, die inzwischen benachrichtigt war. Dort hielt er an seinen Angaben fest, 
ebenso zu Hause. Erst als man ihm das Unmögliche seiner Erzählung vorhielt, wurde 
ihm seine Schuldlosigkeit klar. Bei seiner Heimkehr nach Hause Bei es ihm vorge- 
kommen, als habe er die Strasse lange nicht gesehen, als käme er von einer weiten Reise 
zurück. Dagegen erkannte er die Angehörigen und die Wohnung ohne weiteres. Die 
betreffenden Briefe teilt Verf. mit. In der Anstalt klagte er über Kopfschmerzen, 
weiterhin fiel er durch seine mürrische reizbare Stimmung auf. Einmal erlitt er einen 
Schwindelanfall, machte einen verstörten Eindruck, verstand an ihn gerichtete Fragen 
nicht gleich, fragte wiederholt und hatte in beiden Armen leichte Zuckungen. Verf. 
lehnt die Annahme einer Benommenheit oder allopsychischen Desorientiertheit entschie- 
den ab, vielmehr war die dem Patienten aufgefallene ganz partielle Fremdartigkeit 
im Wahrnehmungsakte wohl die Folge der primären autopsycbischen Identifikations- 
störung. — Die Zusammenfassung der Jüttn er sehen (32) Arbeit lautet folgender- 
massen: 1. Der grosse Prozentsatz der Grenzzustände kann wegen seiner ausge- 
sprochenen psycho- bzw. neuropathischen Veranlagung und seiner meist von Hause aus 
mehr oder weniger minderwertigen Gehirne den gesteigerten Anforderungen des 
Heeres- und Marinedienstes nicht genügen. Er wird während der Dienstzeit oft 
nicht nur persönlichen Schaden davontragen , sondern auch der gleichmässigen 
Ausbildung, der Schlagfertigkeit und auch der Disziplin unabsehbaren Schaden zufügen 
können. 2. Deshalb sind zunächst allgemein als dienstuntauglich anzusehen : die Epilep- 
tiker, die Hysteriker mit ausgesprochenen seelischen Symptomen, die Imbezillen, die 
Debilen und die chronischen Alkoholiker. 8. Während bei den genannten Gruppen 
die Untauglichkeit oft schon bei der Musterung oder Einstellung sich herausstellen wird, 
ist bei den Degenerierten meist erst im Verlauf der Dienstzeit eine Entscheidung möglich. 
4. Hierzu ist notwendig, dass der Truppenarzt vor der Einstellung an den ihm durch 
Belastung, Vorleben und Vorstrafen, sowie durch gehäufte Entartungszeichen ver- 
dächtigen Rekruten, besonders wenn sie bald durch ihre Schwererziehbarkeit und Nei- 
gung zu militärisch-unsozialen Bandlungen auffallen, seine ständige Aufmerksamkeit 
schenkt. Er wird bei Beinen Beobachtungen durch die Wahrnehmungen der militärischen 
Vorgesetzten , die entsprechend zu belehren und anzuregen sind, oft auch einsichtiger 
Kameraden wesentlich gefördert werden können. 5. Jeder Degenerierte, der wegen 
seiner Straftat den Schutz des § 51 St.G.B. gefunden hat, muss dann auch für den 
Militärdienst als nicht mehr tauglich angesehen werden. Denn die krankhaften Momente, 
die bei der Strafhandlung mitgewirkt haben, z. B. Alkoholintoleranz, schwere Affekt- 
und Zwangszustände können sich jederzeit wieder einstellen. Entsprechend ist natür- 
lich auch dann bo zu verfahren, wenn diese krankhaften Störungen, auch ohi.e dass es zu 
Straftaten gekommen ist, nachgewiesen sind. 6. Die grösste Gefahr für die Truppen 
bilden die intellektuell vollwertigen, moralisch aber verkommenen Degenerierten, deren 
Unschädlichmachung, im Notfalle durch Unterbringung in eine Arbeiterabteilung, einen 
Akt der Notwehr der Militärbehörden darstellt. 7. Von den neurasthenischen Formen 
bildet die endogene Nervosität im Gegensatz zu der oft heilbaren Neurasthenie für die 
Diensttauglichkeit meist ungünstige Aussichten. 8. Bei Traumatikern, Arteriosklerosen). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 235 

Hereditärsyphilitikem lässt sich die Diensttauglichkeit nur von Fall zu Fall entscheiden. 
9. Die Mehrzahl der Vergehen gegen die militärische Unterordnung geschieht unter 
Alkoholwirkung, da es sich hierbei häufig um pathologische Alkoholreaktionen handelt, 
die stets auf krankhafter Grundlage (angeborene oder erworbene Alkoholintoleranz be- 
ruhen, ist bei der Beurteilung aller Trunkenheitsdelikte die sachverständige ärztliche 
Mitarbeit zu fordern 1 ). — Keferstein (33) berichtet über folgenden Fall: Ein 
Beamter, der bis dahin seinen Dienst tadellos versehen hatte, erkrankte plötzlich an 
chronischer Paranoia. Er glaubte sich vom Staatsanwalt, von allen möglichen Personen 
verfolgt. Er habe unter einem Wettbewerb zu leiden. Nachts würde bei ihm einge- 
brochen, wobei er betäubt, ihm Blut entzogen und eine Einspritzung gemacht wurde. 
Weiterhin behauptete er, seine Frau habe unter den Nachstellungen eines Villen- 
besitzers zu leiden. Auf Grund seiner Erkrankung wurde er pensioniert. Seine Ehe- 
frau, die ebenfalls an Paranoia litt, hatte ihn induziert und zwar wähnte sie sich schon 
vor 10 Jahren durch den Villenbesitzer verfolgt und hatte dies Wahnsystem ihrem 
Manne implantiert, der es dann weiterhin ausbaute. Nun schritt seinerseits der Staats- 
anwalt ein und beantragte die Entmündigung des Patienten. Verf., der mit der Unter- 
suchung und Abgabe eines Gutachtens über den psychischen Zustand des Patienten 
betraut wurde, fand, dass der Patient zwar an chronischer Paranoia leide, dass er jedoch 
seine Angelegenheiten in durchaus sacbgemässer Weise ordne. Er erklärte daher den 
Patienten für geschäftsfähig und beantragte die Ablehnung des Entmündigungsver- 
fahrens, obwohl sich der Patient ablehnend verhielt und auf seine Untersuchung und 
auf die Gründe, die zu seiner Pensionierung geführt hatten'), nicht eingehen 
wollte. — Keller (34) begründet die Errichtung von Inselanstalten für kriminelle 
Geisteskranke. Seit kurzem besitzt Dänemark eine derartige Anstalt auf der Insel 
Livö in Linsfjord, die von einer festländischen Mutteranstalt Breinen ressortiert. Bis 
jetzt bestehen zwei offene Pavillons für je 20 Kranke, weitere sind geplant, ferner ein 
festes Haus für gewalttätige Irre. Verf. schildert des näheren die Einrichtung der 
Anstalt und die Auswahl der aufzunehmenden Patienten. Bei Entlassung wird zu- 
nächst eine Bewährungszeit in der Anstalt Breinen durchgemacht, die sich über das 
weitere Schicksal — Entlassung, Rückgabe an Livö oder Belassung daselbst — 
zu äussern hat. Auf Livo werden die Leute vorwiegend im landwirtschaftlichen 
Betriebe beschäftigt und zwar nach den bisherigen Erfahrungen mit bestem Erfolg. — 
Einberg (35) zeigt in ausführlicher Begründung, dass die Annahme, ein Teil der 
Menschen beBässe eine metaphysische Willensfreiheit, einem andern fehle sie, zu 
unüberwindlichen logischen Schwierigkeiten führt. Aus den beachtenswerten Ausfüh- 
rungen des Verf., die im einzelnen und namentlich im Zusammenhange im Original 
studiert werden müssen, seien sonst noch einige bemerkenswerte Sätze hervorgehoben: 
„Die Frage nach der Möglichkeit einer begrifflichen Feststellung der sogenannten Zu- 
rechnungsfähigkeit muss verneint werden" (S. 395). Darum sind auch bisher alle De- 
finitionsversuche der Zurechnungsfähigkeit nach Ansicht des Verf. verfehlt. Am akzep- 
tabelsten erscheint ihm noch die Torpsohe Fassung: Zurechnungsfähig ist der, welchen 
im Falle verbrecherischen Handelns zu bestrafen, vernünftig und verantwortlich ist. 
Jede, auch die beste wissenschaftliche Definition verfällt in den Fehler, dass sie in den 
Indeterminismus zurückfällt. Besonders für die gerichtliche Psychiatrie hält Verf. die 
indirekte und unbeabsichtigte Anerkennung der Vergeltungsidee und des Indeterminis- 
mus, die in der Annahme eines „Zurechnungsfähigkeitszustandes" liegt, für geradezu 
verderblich und legt Wert darauf, dass dieser Ausdruck aus den künftigen Strafgesetzen 
möglichst verschwinde. Statt dessen haben rein praktische Gesichtpunkte bei der foren- 
sischen Beurteilung der Rechtsbrecher zu treten, gegen die der Staat in verschiedener 
Weise einzuschreiten hat, unter steter Berücksichtigung des Grundsatzes : möglichst ge- 



') Vgl. auch die weiter unten referierte Arbeit Cramers (13). Die Lektüre 
einer der letzten Nummern des „Simplizissimus" legt es nahe, den von Cr am er ge- 
prägten Ausdruck „Grenzzustände" durch einen weniger missverständlichen zu ersetzen, 
da die namentlich in Offizierskreisen naheliegende Verwechslung mit den Zuständen an 
der Grenze nicht ganz ausgeschlossen erscheint, — ') Vgl. auch die kasuistische Mit- 
teilung von Thomalla (81) in diesem Bericht. 



230 Kurt ßoaa 



ringes subjektives Leiden für den einzelnen — möglichst grosse Sicherheit für die Ge- 
sellschaft 1 ). — Kinberg (116) bringt eine Anzahl von Tabellen, die die Beziehungen 
zwischen Geisteskrankheit und Verbrechen illustrieren, und entwirft ein Schema für 
die obligatorische psychiatrisch-neurologische Untersuchung gewisser Verbrecher- 
kategorien. — Kirchberg (117) gibt eine Schilderung von sieben Fällen, in denen 
von ausgesprochenen Paralytikern kleinere oder grössere Diebstähle begangen wurden. 
U eberall fällt bei der Begehung wie bei der Entschuldigung die Unverfrorenheit und 
Harmlosigkeit auf und last einen deutlichen Schwachsinn erkennen. Das Motiv der 
Diebstähle ist entweder Sammeltrieb oder Grössenideen. In der Praxis der Begut- 
achtung solcher Fälle spielen die für die Frühdiagnose der Paralyse bedeutsamen Kenn- 
zeichen eine gewisse Rolle. — Köhler (56) bringt aus seiner reichen Heilstätten- 
praxis interessante Beiträge zur Psyche der Tuberkulösen und stellt einen gewissen 
psychopathischen Symptomenkomplex auf, den Ref. in Anlehnung an Ziehens Nomen- 
klatur als „tuberkulöse psychopathische Konstitution " bezeichnen möchte, in deren 
Vordergrunde Störungen des affektiven und intellektuellen Lebens stehen. Zunächst 
ist bei den Phthisikern eine Labilität der Stimmung auffallend, die dementen Charakter, 
aber auch ein melancholisches oft auch hypochondrisches Kolorit zeigen kann, so dass 
der Patient schliesslich in den Zustand der psychophysischen Gleichgewichtsstörung 
gerät. Verbunden mit diesen Anomalien des Gefühlslebens ist die Nörgelsucht, ausser- 
ordentliche Reizbarkeit, eine leichte Erregbarkeit und Erschöpf barkeit, die ihrerseits 
zu der schwer zu bekämpfenden Insomnie führt. Diese neurasthenischen Symptome 
berechtigen nicht ohne weiteres zu der Annahme eines ätiologischen Zusammenhanges 
mit der Tuberkulose. Die Appetitlosigkeit, die Schlaflosigkeit, das Herzklopfen und 
die Nachtschweisse des Phthisikers lassen sich ebenso zwanglos auch durch das toxische 
Moment bei der Phthise erklären. Im übrigen kann auch die Neurasthenie bereits vor 
dem Auftreten der Tuberkulose selbständig bestanden haben, so dass das Zusammen- 
treffen beider Erkrankungen ein rein zufälliges ist. Das bei vielen Patienten zu beob- 
achtende Heimweh deutet Verf. im Sinne einer psychischen Hypersensibilität. Diese 
Stimmungsanomalien führen dazu, dass bei den Patienten die altruistische Tendenz 
gegenüber einem ausgeprägten Egoismus zurücktritt. Die intellektuellen Defekte bei 
der tuberkulösen psychopathischen Konstitution halten sich im Rahmen der bei Neur- 
asthenie beobachteten. Auffallend ist die Mangel an Logik und Ausdauer und Selbst- 
beherrschung, die die Patienten zu leichtsinnigen Handlungen veranlassen. Psychosen 
sind bei Phthisikern gar nicht selten : so hat Verf. selten einen Fall von Lungentuber- 
kulose gesehen, der an Dementia praecox zugrunde ging. Weiterhin sind Manie und 
Paranoia beobachtet worden. Der Intelligenzdefekt und das gesamte sonstige Ver- 
halten erinnert mitunter lebhaft an Dementia paralytica. Suizidversuche kommen re- 
lativ häufig vor. Meist wird als Motiv die Unheilbarkeit des Leidens angegeben, 
seltener kommt es aus pathologischen Gründen zum Selbstmord. Maniakalische Anfälle 
mit pathologischen Traumausbrüchen unter dem Bilde der asthenischen Verwirrtheit 
treten meist in den letzten Lebenswochen auf und sind prognostisch sehr ernst zu be- 
urteilen. Sie sind charakteristisch durch ihr akutes Einsetzen und gehen mit Delirien, 
Bewegungs- und Rededrang ohne tieferen Affekt, auch mit Halluzinationen einher. 
Diese Anfälle in Beziehung zum Alkoholismus zu setzen ist nicht für alle Fälle zu- 
treffend. So hat sie Verf. z. B. auch bei Abstinenten gesehen. Bisweilen erholen sich 
die Kranken von diesen Anfällen, können auch mitunter von Rezidiven heimgesucht 
werden. Bezüglioh des Alkoholgenusses warnt Verf. vor Ueberschätzung bei der Ge- 
samtbetrachtung der tuberkulösen psychopathischen Konstitution. Auch über die Be- 
ziehungen des Alkoholmissbrauches zu der erhöhten Libido der Phthisiker äussert sich 
Verf. recht skeptisch. Was diese selbst betrifft, so ist die Potenz meist bis in die 
Endstadien der Krankheiten erhalten, die erhöhte Libido dagegen keineswegs die Regel, 
aber auch keine Ausnahme, sondern von individuellen Momenten abhängig. Die Steige- 
rung der Libido ist keineswegs grundsätzlich charakteristisch für Tuberkulöse und keine 
pathologisch durch den speziellen tuberkulösen Toxizismus bedingte Erscheinung, son- 



') Siehe auch die in diesem Bericht weiter unten referierte Arbeit von W i 1 - 
mann s (87). 



Aub der forensischen Psychiatrie. 237 

dem eine okkasionell bedingte Reaktionserscheinung des Geistes und der durch ihn 
bedingten körperlichen Funktion. AU die genannten Momente kommen ganz allgemein 
xnr Entstehung der tuberkulösen psychopathischen Konstitution in Betracht Auch die 
mangelnde geistige Gymnastik, das Uebermass von Mitleid seitens der Umgebung wirken 
bestimmend mit. Letzten Endes kommt jedoch der Resorption von Tuberkelgiften die 
ausschlaggebende Bedeutung zu. Trotzdem kann von einer speziellen Psychose der 
Lungentuberkulösen gesprochen werden, schon weil nicht alle Patienten die geschilderten 
Anomalien des Affektes und Intellektes aufweisen. Vielmehr drängt sich einem die 
Vorstellung einer Intoxikationspsychose auf. Die Milieuveränderung, die mangelnde 
geistige Gymnastik, der Toxizismus, die Irratiomie und Anämie und schliesslich die 
vasomotorischen Störungen führen so zu echten psychischen Störungen, wobei Verf. 
nochmals auf die augenfälligen Aehnlichkeiten namentlich hinsichtlich der Labilität der 
Affektlage mit der Dementia paralytica hinweist. Bei Betrachtung der forensischen 
Bedeutung der tuberkulösen psychopathischen Konstitution geht Verf. von den Grund- 
begriffen der physiologischen Psychologie aus, wie sie namentlich von Wandt und 
Ziehen vertreten werden, mit besonderer Berücksichtigung ihrer gesetzmässigen An- 
wendung auf die Psychopathologie und das Verbrechen. Die Straftaten der Tuberku- 
lösen lassen sich wie bei jedem Verbrecher aus der Affektlage und deren Einüuss auf 
den Vorstellungsablauf erklären. Dabei ist von vornherein zu erwarten , dass im all- 
gemeinen der psychisch deprimierte Phthisiker bedeutend weniger zur kriminellen Hand- 
lung disponiert ist als der exaltierte, leicht erregbare. Immerhin geht aus der foren- 
sischen Praxis und aus den Beobachtungen des Verf. an Heilstättenmaterial hervor, 
dass gerade bei den depressiv verstimmten Naturen elementare Hemmungen in Weg- 
fall kommen. Den Zusammenhang von Sittlichkeitsvergehen und Verbrechen aus Heim- 
weh mit der depressiven Stimmungslage der PhthiBiker hält Verf. für nicht wahrschein- 
lich. (Ref. macht an dieser Stelle auf einen Fall aufmerksam, der unter der Spitzmarke: 
„Aus der Lugenheilstätte ins Zuchthaus" durch die Presse ging, natürlich mit allem 
Vorbehalt, den man gegenüber der Verwertung solcher Zeitungsnotizen annehmen soll. 
Ein Phthisiker hatte einige Stunden nach der Entlassung aus der Heilstätte ein des 
Weges daherkommendes Mädchen vergewaltigt. Ob hier die in der Heilstätte gewalt- 
sam niedergehaltene Libido hemmungslos hervortrat oder die ganze psychopathische 
tuberkulöse Konstitntion verantwortlich zu machen ist, sei dahingestellt.) Verf. weist 
fernerhin auf die Tätlichkeiten gegen die Umgebung und gegen die eigene Person und 
die Zornesaffekte hin. Wieder ist es der Mangel an Selbstbeherrschung, der als psycho- 
logisches Moment der Entfaltung des Affektes zugrunde liegt, und schliesslich eine 
Unfähigkeit des Widerstandes gegenüber okkasionellen Reizen, dem das normale Indi- 
viduum Hemmungen entgegensetzt. Verf. erinnert weiterhin an das krankhafte Selbst- 
gefühl, dem nicht selten ein gewisser Intelligenzdefekt zugrunde liegt, wie in dem 
Falle einer putzsüchtigen Patientin, bei der die Begehrlichkeit ein gewaltiges Missver- 
hältnis zur Opportunitätsfrage erkennen Hess. Die damit nahe verwandte Selbstüber- 
schätzung des materiellen Konnexes muss ebenfalls im Sinne dieses Affekts des Selbst- 
gefühls gedentet werden. Der Mangel an altruistischer Tendenz zeitigt weiterhin den 
Affekt der Habsucht, der Begehrlichkeit, führt zu Arbeitsunfähigkeit (in dieser Hinsicht 
ist das schädigende toxische Moment dem Trauma in der Genese der Unfallsneurosen ver- 
gleichbar. Ref.) und Genusssucht, mit einem Wort : Die Lahmlegung geiststärkender und 
arbeitsfreudiger Leistungsfähigkeit bahnt dem Emporwuchern ethisch verwerflicher Ge- 
fühle und Handlungen den Weg, tötet die normalerweise zu erwartenden Hemmungs- 
vorstellungen ab und degradiert den Kranken um so leichter, je weniger Familienbildung, 
Charakterentwicklung und Umgebungseinfluss in der Psyche vor der Entwicklung der 
Krankheit Boden gefasst haben. Diesen Einflüssen unterliegt ein sanguinisches oder 
cholerisches Temperament leichter als ein melancholisches oder phlegmatisches, so dass 
die kriminelle Disposition der Tuberkulösen wesentlich von dem Zustand ihrer Gemüts- 
verfassung abhängig ist. Besonders aufmerksam macht Verf. auf den vermutlichen 
Zusammenhang zwischen Sexualdelikten und Lungentuberkulosen, von dem sich Verf. 
nach Untersuchungen der aus seiner Heilanstalt entlassenen Patienten in zwei Fällen 
überzeugen konnte. Eine diesbezügliche Nachfrage bei den Strafanstaltsdirektionen konnte 
wegen „Wahrung dienstlicher Interessen" nur in einigen Fällen erhalten werden. In 



238 Kurt Boas 



bezug auf die Vergehen gegen die Sittlichkeit sind die Listen der Lungentuberkulosen 
den zeitlichen Zuständen beim Eintritt in das l'ubertätsalter und im Senium vergleich- 
bar. Es findet sich eine gesteigerte Affinität zum weiblichen Geschlecht, die nicht 
immer kriminell auszuarten braucht, aber doch häufig genug zu Ehebruch, Vergehen 
mit Minderjährigen, Notzucht, Päderastie und homosexuellen Vergehen führen kann. 
Die Ursachen sind die Steigerung des Sexualtriebes im Verlauf der Lungentuberkulose, 
beziehungsweise auffallend langes Erhaltensein der Potenz trotz physischen Gesamt- 
rückgaoges, okkasionelle Momente positiver wie negativer Art und Rückgang der In- 
telligenz und Hemmungslaszenz in der Gefühlssphäre. Geill fand bei seinen Beob- 
achtungen an dänischen Sittlichkeitsverbrechern in 18,68 % Tuberkulose. Verf. hat in 
seiner Anstalt die verschiedenartigsten Sexualdelikte beobachtet und kommt zu dem 
Ergebnis, dass die Bolle der Tuberkulose in der Genese der Sexualdelikte erheblich 
unterschätzt würde. Verf. streift kurz die assoziative Rolle des Alkoholismus bei Ver- 
brechen von Phthisikern und erinnert an die tuberkulösen Delirien, die mit Halluzi- 
nationen und starker Affektsteigerung einhergeht und zu Verbrechen mannigfacher Art 
Veranlassung geben kann. So weit wie Mercoli mochte Verf. jedoch nicht gehen, 
den tuberkulösen Verbrecher auf Grund seiner psychopathischen Konstitution für unzu- 
rechnungsfähig zu erklären. Es kommt auf eine Gesamtauffassung des tuberkulösen 
Individuums nach der organischen wie der psychischen Seite hin an l ). — Ueber das 
Verhalten der anonymen Briefschreiber lässt sich nach Kusnetzoff (118) folgendes 
sagen: Das männliche Geschlecht beschäftigt sich vorwiegend mit anonymen Be- 
drohungen und Schimpfereien, hauptsächlich im früheren Alter. Hierbei möglicherweise 
mitspielende krankhafte Geisteszustände sind : die Entartung in Form von Psychopathien , 
Idiotie, Imbezillität und vielleicht epileptische Verkümmerung der Psyche. Wenn ein 
erwachsener Mann anonym falsche Anzeigen erstattet oder durch Verleumdungen uud 
Intriguen das Leben der Umgebung zu stören sucht, so kann hier ein Zustand von 
psychischer Entartung, Hysterie und eine Alterspsychose in Betracht kommen. Die 
Personen, welche Schwindeleien mittels anonymen Briefschreibens anstiften, Erpresser- 
briefe 2 ), Brandbriefe schreiben, fallen meistens unter die Gruppe der Verbrechercharak- 
tere. Beim Weibe prävalieren als Formen _des anonymen Briefschreibens falsche An- 
schuldigungen, Verleumdungen, Schmähbriefe und verlästernde Liebesbriefe. Zustände 
verminderter oder aufgehobener Zurechnungsfähigkeit können hier durch die Menstrua- 
tion (besonders zur Zeit der Pubertät) vielleicht auch durch Schwangerschaft und körper- 
liche Erkrankungen, dann durch Klimakterium und Altersveränderungen, dann durch 
Idiotie, Imbezillität und überhaupt durch die häufige intellektuelle Schwäche des Weibes 
bedingt sein. Als Grundstein in diesem Bau sind die durch psychische Entartung und 
Hysterie bedingten Charakteranomalien und Geistesstörungen zu verzeichnen. Ueber 
die Häufigkeit des anonymen Briefschreibens bei einzelneu psycho-pathologischen Grup- 
pen kann Verf. nichts sagen, ebensowenig ein zahlenmässiges Verhältnis zwischen nor- 
maleu und psychisch abnormen anonymen Briefschreibern angeben. Die graphologische 
Untersuchung bildet für die Beurteilung der Geisteszustände oder Charaktereigenschaften 
der Schreiber kein zuverlässiges Mittel, wenn auch auf Grund der Schriftzüge, der 
Orthographie und des Inhalts der Verdacht auf ein Kind, einen Idioten, ein Weib oder 
eine Hysterische mit Wahrscheinlichkeit gelenkt werden kann. Sehr oft sind aber die 
Schrittzüge verstellt, oder ein Kind oder eine andere Person wird zum Schreiben des 
Briefes herangezogen. — Der Arbeit Lacazes (37) liegt die offizielle französische 
Kriminalstatistik zugrunde. Die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit sind folgende: 1. Die 
Kriminalität umfasst nicht nur die dem Strafgesetzbuch zugrunde liegenden Vergehen 
und Verbrechen. Um zu einer richtigen Bewertung zu gelangen, muss man zwei Fak- 
toren berücksichtigen: Selbstmord und Prostitution. 2. Die weibliche Kriminalität er- 
litt eine Umwandlung. Die durchschnittliche Zahl der weiblichen Verbrechen gegen 
die Person betrug 1860 14 % »Uer Angeklagten überhaupt, 1907 dagegen 17,6 %• 



') Vgl. hierzu die Arbeiten von Liebe und Weygandt (Medizinische Klinik 
1911 und 1912). — s ) Vgl. über das Thema der Erpresserbriefe speziell die dem Verf. 
entgangene Arbeit von Schweickert , Zur Psychologie der Erpresserbriefe. Zeitsohr. 
für med. Psychologie und Psychotherapie. 1912. Bd. III. 



Aus der forensischen Psychiatrie 239 



Im Gegensatz dazu betrug die Durchschnittsziffer der weiblichen Verbrechen gegen das 
Eigentum 1860 21% aller Angeklagten überhaupt, 1907 dagegen bloss noch 16%. 
3. Die ökonomischen Faktoren haben einen grösseren Einfluss auf die weibliche Krimi- 
nalität als die sozialen Faktoren. 4. Bezüglich der Verbrechen gegen die Person über- 
trifft das Weib den Mann i n : Vergiftung (53 % aller Angeklagten sind Frauen), Kindes- 
mord (94,4%), Fruchtabtreibung (79,2%), Unterdrückung oder Beiseiteschiebung 
(89 %), Gewalttätigkeit oder Angriffe auf Kinder (58,9 %), Kastration (61 %). Bezüg- 
lich der Eigentumsverbrechen übertrifft die Frau niemals den Mann. Das Maximum 
der weiblichen Kriminalität ist erreicht bei : Hausdiebstahl (34,5 % aller Angeklagten 
sind Frauen), Fälschung von Titeln oder Unterschriften (34,3 %), Brandstiftung (25,5 %). 
5. Die Gesetze haben in erster Linie das männliche Geschlecht im Auge und obgleich 
in Wirklichkeit die weibliche Bevölkerung die männliche übertrifft (auf 100 Einwohner 
kommen durchschnittlich 49 Männer und 51 Frauen), so bezieht sich doch die Total- 
bilanz des Verbrechertums auf eine Zahl von Frauen, die im Vergleich zu der analogen 
Ziffer beim weiblichen Geschlecht viel geringer ist. 6. Das Weib hat eine fast spezi- 
fische Kriminalität, die es gestattet, den Gedanken einer „angeborenen Moralität" aus- 
zuschliessen. Es begeht Verbrechen gemäss seiner Lebensweise und der Stellung, die 
ihm in der modernen Gesellschaft angewiesen sind. Es sind in der Mehrzahl Ver- 
brechen in der Familie, okkulten Charakters, von denen sich ein grosser Teil unbemerkt 
vollzieht. 7. Die Kriminalität des Weibes zeigt im Vergleich zu der des Maunes keinen 
quantitativen, sondern qualitativen Unterschied. Die Frau ist ebenso kriminell veran- 
lagt wie der Mann, aber in einer anderen Art. — Lazar (88) behandelt die Frage, 
wann und wie der Arzt in die Fürsorgeerziehung eingreifen soll, an mehreren Bei- 
spielen. Wegen der Häufigkeit psychischer Defekte fordert der Verf., der Sachverstän- 
diger am Wiener Jugendgerichtshof ist, eine spezielle psychiatrische Untersuchung, — 
Leers (39) bespricht in eingehender Weise die Einflüsse, welche die senile In- 
volution insbesondere auf den Charakter, das Gefühlsleben, den Intellekt und die Stim- 
mung alternder Menschen ausübt und inwiefern sich dadurch die typischen straf- und 
zivilrechtlichen Verwicklungen für die Greise ergeben. Die Psyche der Greise verändert 
sich namentlich in zwei Richtungen. Sie wird von CharakterzUgen dominiert, die früher 
schon, aber in weniger intensiver und extensiver Form gegeben waren, oder von solchen, 
die neu in die Erscheinung treten. Dieser Umwandlungsprozess kann im Einzelfalle 
noch in die physiologische Breite fallen und führt zu einer Aufhebung der Verant- 
wortung erst dann, wenn den primären Empfindungen und Vorstellungen sich nicht 
mehr hemmende (insbesondere altruistische) Motive sekundärer Art entgegenstellen, 
also von einem „Wollen" nicht mehr die Bede sein könne. Sowohl auf straf- als auf 
zivilrechtlichem Gebiet sollte, ähnlich wie bei den Jugendlichen, auch dem Greisenalter 
eine Ausnahmestellung gegenüber vollwertigen Personen eingeräumt, die senile Invo- 
lution legislatorisch berücksichtigt werden. Schon die Feststellung der Testierfähigkeit 
erfordert die Anwesenheit eines psychiatrisch geschulten Testamentszeugen 1 ). — 
Leppmann (40), der bereits früher eiue ausführliche Arbeit über die Sittlichkeits- 
verbrecher publiziert hat, teilt eine Reihe von ihm eingeforderter Gutachten über Sexual- 
verbrecber mit. Es ist dem Verf. besonders aufgefallen, dass relativ häufig sich die 
Sittlichkeitsverbrecher zu unreifen Personen hingezogen fühlen. „So oft sich eine besondere 
Neigung zu unerwachsenen Personen ermitteln liesB, waren diese entweder „sekundär" auf 
dem Wege des Reizhungers bei übermässiger geschlechtlicher Betätigung entstanden, 
oder sie Hess sich darauf zurückführen, dass unter besonderen pathologischen Bedin- 
gungen die geschlechtlichen Eindrücke eines unreifen Knabenalters, die bei Normalen 
ebenso vorkommenden Abwegigkeiten des „undifferenzierten Geschlechtstriebes" auch in 
späteren Jahren dauernd oder zeitweise für die Richtung des Geschlechtstriebes be- 

') Von neueren Arbeiten über die forensische Bedeutung der Dementia senilis 
seien ausser der umfangreichen Arbeit des Ref. in H. Gross' Archiv für Kriminal- 
anthropologie und Kriminalistik 1910 und 1911 die Arbeiten von Zingerle (Ebenda 
1911) und Hübner (Zur Psychopathologie des Greiwnalters, Med. Klinik 1911. Da- 
selbst umfangreiche LiteraturaDgaben) erwähnt. Vgl. auch die Arbeit von Lepp- 
mann im Jahrgang 1910 dieser Zeitschrift. 



240 Kurt Boas 



stimmend blieben resp. wieder bestimmend wurden. Verf. glaubt, dasa es sieh hierbei 
um fest eingewurzelte Perversionen handelt, hält zwar die Grundlagen des § 51 nicht 
für gegeben, plädiert aber doch für Annahme verminderter Zurechnungsfähigkeit. Verf. 
wünscht ferner für derartige Individuen eine Abänderung des Strafvollzuges, da eine Zellen- 
haft mit Tütenkleben oder Bohrflechten bei derartigen Personen antitherapeutisch wirkt '). 
— Im ersten Falle Liebermann von Sonnenbergs (41) handelte es sich um 
eine Frau, die ein von einem Fabrikanten kürzlich gekauftes Haus wiederholt bei Nacht 
mit Kot bestrich, um ihm den dortigen Aufenthalt zu verleiden und ihn zu veranlassen, 
ihr eigenes Haus käuflich zu erwerben. Im zweiten Fall handelte es sich um eine pol- 
nische Arbeiterin, die aus Bache gegen die Kriminalpolizei wochen- und monatelang 
Pakete mit feuchtem Kot in einen bestimmten Briefkasten hineinpraktizierte, ohne dass 
es den Kriminal- und Postbeamten gelang, die Täterin zu überführen. Vielleicht spielt 
hier als unbewusstes Moment ein Jugenderlebnis der Täterin mit, der einmal von einem 
Perversen ein Verlangen in ähnlicher Bichtung gestellt wurde. Da Sachbeschädigung 
im Sinne des Gesetzes nicht vorlag, da eigentlich nichts beschädigt war, ausser den 
bei der Post abgewaschenen Briefsachen, konnte nur wegen groben Unfugs gegen die 
Täterin Strafantrag gestellt werden. Der Amtsanwalt beantragte zehn Tage Gefängnis, 
das Gericht ging weit über diesen Antrag hinaus und verurteilte die Täterin zu drei 
Monaten Gefängnis. Interessant ist noch, dass bald darauf noch zwei ähnliche Delikte 
aus Bache in derselben Gegend vorkamen. Verf. glaubt mit Becht, dass Frauen in 
der weitaus grössten Zahl dieser Fälle als Täter in Betracht kommen, weil durch die 
tägliche Besorgung des Aufräumens der natürliche Ekel gegen die Exkrete abgestumpft 
wird, wozu auch namentlich die Menses beitragen. Der innere Grund aber ist die Ohn- 
macht der Frauen, die sich auf andere Weise nicht zu helfen wissen. In einer An- 
merkung nimmt der Herausgeber, H. Gross, Stellung zu den beiden Fällen. Er glaubt, 
dass es sich im ersten Fall um eine kleinliche, verängstigte, ethisch tiefstehende, selbst- 
verständlich auch unreine Person handelte, die nicht Anstand nahm, ihre Zwecke durch 
das ihr zweckmässig erscheinende Mittel zu erreichen. In dem zweiten Falle nimmt 
Verf. hauptsächlich wegen der Multiplizität der Handlungen Saliromanie an und glaubt, 
dass es dem Psychiater in diesem Falle vorbehalten gewesen wäre, eine Entscheidung 
dahin zu treffen, ob hier eine Zwangshandlung vorlag, für die der Täterin der Schutz 
des § 51 zuzubilligen gewesen wäre. Von Geisteskrankheit braucht bei ihr darum 
noch keine Bede zu sein. Mit der Annahme einer „zweifellos vorhandenen geistigen 
Minderwertigkeit" war der Sachlage nicht Genüge getan. Der Psychiater hätte 
wahrscheinlich exkulpierende Saliromanie in Verbindung mit einer Art von Koprolagnie 
festgestellt. Bei der Gelegenheit möchte Bef. einen Irrtum von A. Münz er richtig- 
stellen, der diesem anlässlich seines Beferates über die Arbeit „Ein Fall von Saliromanie" 
im Neurologischen Zentralblatt 1911 zugestossen ist. Verf. schreibt im Titel und im Text 
konstant Salivomanie und scheint das Wort von Speichel abzuleiten, während es in 
Wirklichkeit von dem lateinischen salire = besudeln, besehmutzen abzuleiten ist. — 
— Lydston (42) führt aus : dass Indiana der erste Staat in den Vereinigten Staaten 
von Amerika war, der die fakultative Sterilisation eingeführt hat. Verf. erblickt mehr 
eine wirksame Prophylaxe des Verbrechens, namentlich in bezug auf Sittlichkeits- 
verbrechen. Individuen mit physischen oder moralischen Defekten, bei denen eine 
minderwertige Nachkommenschaft mit Sicherheit zu erwarten steht, soll nur dann 
der legale Heiratskonsens erteilt werden, wenn sie sich freiwilliger Sterilisation unter- 
ziehen. Lydston (119) kritisiert Stekel» Abhandlung über die sexuelle Wurzel der 
Kleptomanie und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass zwar gewisse Beziehungen zwi- 
schen Kriminalität und Sexualität bestehen , dass aber S t e k e 1 s Ausführungen weit über 



') Von sonstigen Arbeiten über Sexualdelikte ist an erster Stelle zu erwähnen 
die Arbeit von Senf (Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalistik 1912: daselbst 
auch zahlreiche andere meist kasuistische Beiträge). Vgl. femer Baecke (Psychiatrische 
Begutachtung von Sittlichkeitsdelikten. Arch. f. Psychiatrie 1911), Bupprecht (Ueber 
jugendliche Sexualverbrecher, Friedreichs Blätter für gerichtl. Med. 1911). Der vor- 
liegende Bericht bringt ferner die Arbeiten von Liebermann von Sonnenberg 
(41), Bupprecht (63), Svenson (79), Marine (49) und Strassmann (77). — 



Aus der forensischen Psychiatrie. 241 

das Ziel echiessen und seine Beweisführung sehr unlogisch ist. Als Anhang zu seinem 
bekannten Werke über die Transvestiten bringt M. Hirschfeld (113) in Gemeinschaft mit 
Til k e auf insgesamt 64 Tafeln zahlreiche Illustrationen zu den textlichen Ausführungen, 
zum Teil ist dabei direkt auf den Text Bezug genommen, zum Teil fehlt ein derartiger 
Hinweis. Eine Durchsicht der reproduzierten Kupferstiche, Gemälde, Photographien usw. 
bietet ungemein viel Interessantes und fesselt von der ersten bis zur letzten Abbildung. 
Es Hesse sich vielleicht darüber diskutieren, ob es nicht zweckmässiger gewesen wäre, 
die Abbildungen gleich dem Text einzuverleiben, statt sie apart zu bringen. Ref. 
vermag die Gründe, die die Verff. dabei geleitet haben, nicht recht einzusehen. Wie 
dim auch sei: wir müssen Hirschfeld, der gerade in der letzten Zeit wieder eine 
ungemein fruchtbare Schriftstellertätigkeit entwickelt hat, auch für die vorliegende 
Gabe dankbar sein und würden es lebhaft begrüssen, wenn der Absatz sich derart ge- 
stalten würde, dass der von den Verf. in Aussicht genommene Plan einer zweiten 
Sammlung von Transvestitenbildern sich recht bald verwirklichen Hesse. — Hans 
W. Mai er 1 ) wünscht eine Ausbildung der Polizei in psychiatrisch-psychologischer 
Richtung und gibt dazu anleitende Direktiven. Gewiss ein beachtenswerter Vorschlag 
aber ob praktisch durchführbar? Ich glaube, man überschätzt da denn doch das 
psychiatrische Verständnis und die psychologische Auffassungsgabe unserer braven Schutz- 
leute um ein Beträchtliches. Immerhin erscheint ein Versuch angezeigt , dessen Aus- 
gang im Ungewissen liegt. Eine andere Arbeit desselben Verf.") berichtet über Er- 
fahrungen über die Sterilisation Krimineller in der Schweiz und Nordamerika als Mit- 
tel der sozialen Hygiene. — Maix (43) hat sich die Mühe genommen, an den 
in Lyoner Gefängnissen internierten Sträflingen den Wuchs, Handspreite, Figur und 
Kopfindex durch anthropometrische Messungen festzustellen. Im ganzen wurden 2000 
Messungen an 1971 Gefangenen verwertet. Vergleichshalber hat dann Verf. ähnliche 
Untersuchungen an seinen Kameraden von der Ecole de Service de Raute militaire 
angestellt. Natürlich kann es nicht Aufgabe eines Referates sein, die zahlreichen an- 
thropometrischen Befunde im Detail anzuführen. Ref. muss sich daher mit der 
Wiedergabe der in den Schlusssätzen des Verf. formulierten wichtigsten Schluss- 
folgerungen begnügen: 1. Die vom Verf. untersuchten Gefangenen sind insgesamt für 
ihr Alter von kleinem Wuchs. 2. Man findet bei ihnen einige Figuren, die noch nicht 
einmal 80 cm erreichen. Die Kameraden von der Ecole de sante miltaire wiesen alle 
Figuren oberhalb dieser Zahlengrenze auf. (Letztere Angabe ist nicht recht verwertbar, 
da das Testmaterial ein besonders gewähltes , aus kräftigen Individuen bestehendes, 
darstellt. Ref.) 3. Gleichviel welchen Alters und welchen Wuchses die Gefangenen 
seien , sie weisen zweimal mehr Hyperbrachyzephale auf als die Kameraden des 
Verf. Diese weisen im Gegensatz dazu mehr Mesozephale und Dolichozephale auf. 
Die Brachycephalen sind bei beiden Gruppen in gleicher Zahl vertreten. 4. Die 
Kriminellen weisen weniger gleiche Handspreiten auf. Sie sind im Verhältnis zum 
Wuchs geringer als bei den Normalen. Im Gegenteil sind die Handspreiten, die den 
Wuchs bei weitem übertreffen, bei ihnen viel zahlreicher, namentlich bei den Indivi- 
duen von kleiner Statur. 5. Man findet bei den Gefangenen etwas mehr Figuren, die 
kleiner oder gleich dem halben Wuchs sind, als bei seinen Kameraden; aber haupt- 
sächlich mehr Figuren, die bei weitem den halben Wuchs übertreffen. Bei unseren 
Kameraden findet man gerade im Gegenteil mehr Figuren, die den halben Wuchs nur 
nm ein weniges übertreffen. Bei unseren Kameraden übertreffen die Figuren um so 
weniger den halben Wuchs als der Wuchs zunimmt Bei den Gefangenen findet sich 
dies in viel weniger ausgesprochenem Masse. Bei den Gefangenen stimmen die Hand- 
spreiten, die den Wuchs um ein weniges übertreffen, hauptsächlich mit den Figuren 
überein, die den halben Wuchs um ein Beträchtliches übertreffen. Dies ist auch, wenn 



') Hans W. Mai er, Die Ausbildung der Polizei in psychiatrisch-psycholo- 
gischer Richtung. Schweizerische Zeitschr. f. Straf recht. Bd. XXV. Heft 1. 1912. 
8. 61. — *) Hans W. Maier, Erfahrungen über die Sterilisation Krimineller in der 
Schweiz und Nordamerika als Mittel der sozialen Hygiene. Bericht über die Verhand- 
lungen des VII. Internationalen Kongresses für Kriminal-Anthropologie in Köln a. Rh. 
9.— 13. Oktober 1912. 

Zeitschritt für Psychotherapie. V. 16 



242 Kurt Boas 



auch in viel geringerem Grade, bei unseren Kameraden der Fall. Bei den Ge- 
fangenen sind die Dolichozephalen und unter ihnen besonders die Hyperdolichozephalen, 
diejenigen, die vom Standpunkt der im Verhältnis zum Wuchs geringen Handspreiten 
begünstigt sind, bei unseren Kameraden dagegen sind dies die Brachyzephalen und be- 
sonders die Hyperbrachyzephalen. Bei allen treffen die Handspreiten, die den Wuchs 
um ein Beträchtliches übertreffen, mit der Hyperdolichozephalie zusammen; diejenigen 
Handspreiten, die sie weniger übertreffen mit der Mesozephalie. Die Dolichozephalie 
und Mesozephalie treffen hauptsächlich mit den Figuren überein, die den halben Wuchs 
um mehr als 5 cm übertreffen , bei unseren Kameraden mit denen von bis 5 cm. 
6. Die Verbrecher gegen Personen sind im allgemeinen von grösserem Wuchs als die 
Eigentumsverbrecher. Erstere weisen Figuren auf, die den Wuchs um 4 — 8 cm über- 
treffen. Letztere haben gleiche und geringe Handspreiten, die den Wuchs um ein 
Geringes übertreffen oder sie im Gegenteil sehr stark überragen. Die Figuren, die den 
halben Wuchs um 5 — 10 cm übertreffen, finden sich häufiger bei den Eigentums- 
verbrechern, die anderen Figuren mehr bei den Verbrechern gegen die Person. Wie 
auch immer das Delikt beschaffen sein mag, stets überwiegt die Brachyzephalie. Die 
Mesozephalie ist besonders häufig bei Verbrechern gegen die Person, die Brachyzephalie 
häufiger bei den Sittlichkeitsverbrechern. 7. Das Stadium der Beziehungen der anthro- 
pometrischen, Grössen ') liefert interessante Ergebnisse zum Beweis für den physischen 
Degenerationszustand eines Individuums. — Die von dem Herausgeber H. Gross mit 
einigen kritischen Bemerkungen eingeleitete Abhandlung Bruno Meyers (120), Pro- 
fessors der Kunstgeschichte in Berlin, erörterte in eingehender Weise die Beziehungen 
der Homosexualität im gegenwärtigen Strafrecht und in lege ferenda. Zu einem kurzen 
Referat sind die Ausführungen des Verf. nicht geeignet, verdienen jedoch wegen der 
teil weisen originellen Auflassung der Dinge und der Polemik gegen Magnus Hirsch- 
feld im Original nachgelesen zu werden. — Major (44) liefert einen interessan- 
ten kasuistischen Beitrag zur Psychologie der Kinderaussagen. Ein 12 jähriges debiles 
Mädchen, das vom Vater geraissbraucht worden war, wurde das erstemal durch einen 
Schutzmann vernommen, was Verf. mit Recht schon für einen schweren Missgriff hält, 
Das Kind wurde dann einer Anstalt zugewiesen, wo man sich redlich Mühe gab, sie 
diese unerquicklichen Dinge vergessen zu lassen. Da kommt aus heiterem Himmel 
eine zweite gänzlich unzureichend motivierte Vorladung. Die Anstalt belehrte das 
Kind vorher, es solle keinem anderen Anstaltsinsassen Mitteilung machen und sich die 
Sache nicht zu Herzen zu nehmen. Vor Gericht musste es dann den ganzen Hergang 
ausführlich erzählen. Das Mädchen kam gänzlich verändert mit allen Zeichen der 
Scham nach Hause, fiel ihren Kameradinnen durch ihr eigentümliches Wesen auf und 
offenbarte sich ihnen schliesslich. Mit Recht geisselt Verf. das Verhalten der Be- 
hörden, die wohl schonungsvoller hätten verfahren und nicht alte Wunden wieder 
hätten aufreissen sollen. Seine Ausführungen gipfeln in der Forderung: Kinder und 
Jugendliche sollen nur einmal durch eine besonders geeignete Person gleich oder 
bald nach der in Frage kommenden Straftat in ungezwungener, nicht beängstigender 
Weise und Situation vernommen werden. Dieser Forderung dürfte man Bich vom me- 
dizinischen, psychologischen und allgemein menschlichen Standpunkt vorbehaltlos an- 
schliessen. Wie jedoch aus einer Anmerkung der Schriftleitung hervorgeht, stehen ihr 
juristische Bedenken entgegen. Vielleicht schafft hier der Vorentwurf zum neuen Straf- 
gesetzbuch, der ja psychologischer gehalten ist als der frühere, Abhilfe, die dringend 
geboten erscheint. — Während die Zahl der kriminellen Jugendlichen in den 
letzten Jahren einen geringen Rückgang erfahren hat, ist die Zahl der Fürsorgezög- 
linge dauernd in Zunahme begriffen. Verkehrt wäre es in jedem jugendlich Kriminellen 
einen Geisteskranken zu erblicken. Für die Zunahme der Straftaten Jugendlicher sind 
drei Momente verantwortlich zu machen : soziale Ursachen , Gelegenheitsursachen und 
psychische Ursachen. Letztere kann durch Minderwertigkeit, Krankheit und Wider- 



') Vgl. hierzu auch die verschiedenen Arbeiten vonEtienne Martine (z. B. 
Revue de me'd. 1911. Festschr. f. R. Lupine u. a. a. 0.) ferner die verschiedenen von 
ihm inspirierten Thesen, z. B. Vermalle (These de Lyon 1911). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 243 

standslosigkeit bedingt sein. Unter Minderwertigen versteht Major (45) Individuen, 
deren geistige Kräfte nicht vollwertig sind. Psychische Kranke haben keinen Mangel 
an geistigen Fähigkeiten, sondern ihre psychischen Phänomene weichen von der Regel 
ab durch Hemmungen oder Steigerung des assoziativen Ablaufes der Vorstellungen, 
der Aufmerksamkeit de» Gedächtnisses, der Urteilsbildung, der Gefühlsbetonung, der 
Strebungen usw. Die Widerstandslosen sind vorübergehend nicht spannkräftig und 
leistungsfähig und kommen so zu Straftaten. Verf. illustriert jeden dieser Typen durch 
instruktive Beobachtungen aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen. Einen beson- 
ders breiten Raum nehmen dabei die Eigentumsdelikte und Sexualvergehen ein. Eine 
besonders wichtige Rolle spielt das Pubertätsalter. Unter 170 Zöglingen der früher 
vom Verf. geleiteten Anstalt waren nur 27 Normale, d. h. 16,4 °/ > schwachbefähigt 
waren 18, d. h. 10,51 °/ . Die übrigen 73% bestanden aus geistig defekten Kindern. 
Obgleich diese Zahlen nicht direkt Fürsorgezöglinge betreffen, so handelt es sich doch 
um diesen ausserordentlich nahestehende Elemente , so dass die Ausführungen und sta- 
tistischen Betrachtungen mutatis mutandis auch auf diese übertragbar sind. — 
Major (46) berichtet über einen psychopathischen Schüler, der sich eine Reihe von 
Diebstählen hatte zuschulden kommen lassen und darum von der Schule verwiesen 
worden war. Einen Teil der Delikte gab er zu. Es handelte sich um einen erb- 
lich belasteten jungen Menschen, der unter der Last der Schularbeit zusammengebrochen 
war. Auf den Rektor machte der Patient einen sonderbaren Eindruck. Nach- 
forschungen ergaben, dass er eine Liebhaberei für elektrische Dinge an den Tag legte 
und mit wahrer Sammelwut eine Reihe von Gegenständen zusammengebracht hatte. 
Ausserdem hatte er Unterschriften gefälscht, sich Sachen auf den Namen seines Vaters 
und anderer Personen verschafft und allerhand weitere Dummenjungenstreiche begangen. 
Die Schule und die Mutter erklärten sein Leugnen für Trotz, Verstocktheit, Lüge 
nur der Vater glaubte an einen geistigen Defekt bei seinem Sohne. Verf. fand bei 
dem Patienten eine auffallende Verschlechterung des Willensgedächtnisses, teilweise 
Amnesie für seine Straftaten , verminderte geistige Aufnahmefähigkeit , intellektuelle 
Defekte namentlich auf mathematischem Gebiete, allgemeine Urteilsschwäche mit be- 
sonderer Beteiligung des ethischen Momentes. Verf. fasst den Zustaud als leichte 
Debilität auf. Dies erklärt die Urteilsschwäche , das Treiben zu falschen Taten und 
die Verstärkung der intellektuellen Mängel. Aus dem Fall zieht Verf. folgende Lehre: 
Wenn ein bislang gutes braves Kind ins Gegenteil umschlägt, wenn der Schlaf und 
Appetit herabgehen, wenn sein Wesen sich ändert, so darf man verkehrte Handlungen 
nicht als Verstocktheit ansehen und es nicht für moralisch defekt erklären. Solche schwer 
einschneidenden psychischen und physischen Veränderungen sind krankhafter Natur. 
Diese Kinder sind nicht durch den Stock gesund zu machen. Die heilpädagogische 
Behandlung brachte vollen Erfolg. Patient lernt mit grossem Eifer, er hat sich nie 
wieder etwas zuschulden kommen lassen 1 ). — Marie und Mac-Auliffe (47) 
untersuchten auf Anregung Bertillons 61 Mörder und Selbstmörder auf die mor- 
phologische Beschaffenheit. Die Ergebnisse sind tabellarisch zusammengestellt und 
müssen im einzelnen studiert werden. Es ergab sich ein Ueberwiegen des Typus mit 
besonderer Beteiligung der Muskeln. Zu dem Typus mit besonderer zerebraler Be- 
teiligung gehören 11 von 61 Individuen. Diese hatten ihre Tat zumeist ohne Muskel- 
anstrengung ausgeführt. Charakteristisch für sie ist, dass ihre Opfer Mädchen waren, 
auf die sie schössen. Auffallend war bei dem „Muskeltypus" die kräftige Ausbildung 
des gesamten Körpers mit Ausnahme der Figur. Es ist nicht leicht zu sagen, ob hier 
der Riesenwuchs und die Akromegalie sJb Ausdruck einer endikrinen Hypofunktion als ur- 
sächliches Moment herangezogen werden müssen. Tatsache ist jedenfalls , dass sie in 
etwas mehr als 60°/ vorlagen, nämlich in 31 von 61 Fällen. Damit sollen die Ver- 
brecher natürlich nicht entschuldigt sein. Die erneute Nachprüfung der früheren Be- 
funde von Marie und Mac-Auliffe (48) an Selbstmördern und Mördern an einem 



') Ausser den genannten Arbeiten hat Verf. noch zahlreiche andere Aufsätze 
in medizinischen und pädagogischen Zeitschriften, teilweise auch als selbständige Schriften 
veröffentlicht. 



244 Kurt Boas 



grösseren Material bestätigte im allgemeinen die früheren Schlussfolgerungen. Die 
Leute zeigten eine im allgemeinen robuste Körperentwicklung mit Ausnahme der Figur 
wenigstens in dem Sinne der Höhe und der distalen Extremitäten. — Marine (49) 
berichtet über einen 13jährigen Knaben, der bereits wiederholt mit Prostituierten 
Geschlechtsverkehr gehabt und nach einem Koitus in einem Bordell einen Augriß' auf 
ein Freudenmädchen gemacht und diese mit einem Rasiermesser mehrfach verletzt hatte. 
Der jugendliche Verbrecher entstammte einer stark belasteten Familie (Psychosen und 
Alkoholismus) und war selbst nach dem körperlichen und geistigen Befund zu den 
Degenerierten und Epileptikern zu rechnen. Der Tat war ein Zustand von Bewusst- 
losigkeit und Hinstürzen auf die Erde gefolgt. — Martin (50) berichtet über 
folgenden Fall: Eine Frau im Wochenbett erdrosselt mit den Händen das eine ihrer 
Zwillinge und versucht dasselbe bei dem anderen, das später an einer Krankheit zu- 
grunde geht. Verf. betont, dass in anderen früher bekannten Fällen von Zwillingsmorden 
die Mutter stets beide Kinder auf dieselbe Weise getötet habe. Deshalb gehe beim 
Auffinden von zwei Leichnamen Neugeborener, die man als Zwillinge vermute, eine 
hohe Wahrscheinlichkeit für den Zwillingscharakter aus der Identität der auf den Körpern 
entdeckten ähnlichen Gewalttätigkeiten hervor 1 ). — Martin, Roussel und 
Lafforgue (51) geben ein ausführliches Gutachten über einen an beginnender De- 
mentia praecox leidenden Rekruten wieder, der sich zu Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte 
hatte hinreissen lassen und sich auch sonst bei der Truppe durch sein eigentümliches 
Benehmen auffällig gemacht hatte. Die Gutachter gaben ihrer Meinung dahin Aus- 
druck, dass es sich bei dem Patienten um eine impulsive Handlung handle, die als 
Prodromalerscheinung einer bis jetzt larvierten Dementia hebephrenica aufzufassen sei. 
Zum Schluss lassen Verff. noch einige andere Autoren mit ihren Ansichten über den 
krankhaften Wandertrieb und die impulsiven Handlungen bei Hebephrenie zu Worte 
kommen, ohne selbst dazu kritisch Stellung zu nehmen. — Meier (52) berichtet 
über 11 Fälle von Kindesmord , bei denen als Täterinnen in 10 Fällen die eigene 
Mutter, in einem Fall die Grossmutter in Betracht kamen. Die Tat wurde teils un- 
mittelbar nach der Geburt, teils erst mehrere Wochen darnach begangen. Es handelte 
sich zumeist um ledige Frauen. Als Motive kamen in Betracht: Verlassenheit im 
engeren Sinne (d. h. durch den Kindesvater) achtmal, Verlassenheit im weiteren Sinn 
(d. h. durch die Umgebung) elfmal, Ehenotstand sechsmal, finanzielle Not achtmal, 
Abneigung gegen Kind und Vater dreimal, Abneigung gegen das Kind einmal. Der 
Geburtsvorgang führt nach Ansicht deB Verf. für gewöhnlich nicht zu pathologischen 
Zuständen, er ist aber nie unwirksam, sondern stets mit einer gewissen Summe von 
Erregung verbunden, die die Rolle des Reizznwachses, in dem das Zuviel enthalten ist, 
spielen und die Hemmungen in Wegfall bringen kann. Die beschriebenen Fälle 
zeigen das Gemeinsame, 1. dass die schwersten Verantwortlichkeiten nioht in den 
Täterinnen selbst liegen, sondern in Personen, die der Richter heute noch nicht er- 
reichen kann, oder die er bei keinem Rechtszustand wird erreichen können (Cherchez 
l'homme!), 2. dass die Täterinnen in bezug auf Vergehen gegen Leib und Leben 
Gelegenheitsverbrecherinnen sind, 3. dass die Verhältnisse überall der Entwicklung der 
mütterlichen Gefühle entgegenwirken. Der heutige Rechtszustand der unehelichen 
Kinder und die heute allgemein verbreiteten Anschauungen müssen bei der Tötung 
unehelicher Kinder als mitschuldig erklärt werden. Die Tötung eines Kindes durch 
die Mutter ist im wesentlichen eine Art Selbstmord , indem die Mutter dadurch einen 
Teil ihrer selbst am Weiterleben hindert. Die Gesellschaft ist durch die hier behan- 
delten Verbrechen nicht, oder höchstens in einem Falle geschädigt worden. Die 
Täterinnen waren in verschieden hohen Graden geistig oder ethisch, oder geistig und 
ethisch minderwertig. Der Beschluss zur Kindestötung ist in den seltensten Fällen fest 
und unumstösslich vorgefasst; in den meisten Fällen wird er den Täterinnen durch 
die Wucht erdrückender Tatsachen und Verhältnisse erst im Moment der Tat aufge- 



') Ueber forensisch-psychiatrische Begutachtung von Mördern vgl. ferner die in 
diesem Bericht weiter unten referierten Arbeiten von Meier (52), Sarrat (65) und 
Weygandt (65). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 245 

zwungen. Verf. kommt als Aerztin und Frau zu folgenden Gesichtspunkten ev. Postu- 
laten: 1. Der Begriff des Eindesmordes sollte auf jede Tötung eines Kindes durch 
seine Mutter, ohne Bücksicht, in welchem Zeitpunkt nach der Geburt sie stattfindet, 
ausgedehnt werden. 2. Die Psychologie des Falles (das psychologische Prinzip von 
Prof. Gross) sollte in der Beurteilung der Kindermörderinnen ausschlaggebend sein. 
Zu diesem Ende hin sollten a) über das Vorleben, das Milieu, die Aszendenz, den 
Charakter, die Affektivität der Täterin und die Motive der Tat genaue Erhebungen an- 
gestellt werden, b) die Verteidiger genügend Zeit erhalten, um die Erhebungen ev. 
zu ergänzen. (In mehreren Fällen des Verf. muasten die Verteidiger reklamieren, dass 
sie kaum Zeit gehabt hätten, mit ihren Klientinnen das Notwendigste zu besprechen). 
3. Das Gesetz sollte für das Verbrechen des Kindesmordes kein Strafminimum fest- 
setzen, sondern es dem Pächter überlassen, die Strafe nach dem psychologischen Be- 
fund zu bestimmen. 4. Als Gründe zur milden Bestrafung sollen in Betracht gezogen 
werden: a) die Verantwortlichkeiten, die hinter den Täterinnen stehen und für die es 
kein Gesetz geben kann (Rücksichtslosigkeiten, falsche Beschuldigung des Ehemannes 
usw.). Nutzt es nichts den Mann zu suchen, so soll man wenigstens an ihn denken, 
b) der heutige Rechtsstand des unehelichen Kindes muss, solange er existiert, bei der 
Tötung eines solchen als mitschuldig angesehen und im Sinne einer Strafmilderung 
geltend gemacht werden, c) das besondere Verhältnis zwischen Mutter und Kind (das 
Kind, namentlich das neugeborene oder noch kleine, ist im wesentlichen nur ein Teil 
der Mutter selbst), d) dass es sich fast ausnahmslos nur um Gelegenheitsverbrecherinnen 
handelt, die ausser gegen sich oder ihr Kind sich niemals ein Vergehen gegen Leib 
und Leben schuldig machen würden, e) dass die Gesellschaft durch diese Verbrechen 
kaum jemals geschädigt wird , da es sich fast ausnahmslos um Kinder minderwertiger 
Eltern und sehr häufig um Frühgeburten handelt, die zu allen moralischen und geistigen 
Krankheiten besonders disponiert sind, f) bei Kindstötung während oder gleich nach 
der Geburt rechtfertigt sich die besondere Berücksichtigung des Geburtsvorganges im 
Sinne einer Strafmilderung, denn derselbe ist immer mit einer gewissen von Fall zu 
Fall variierenden Summe von Erregung verbunden und diese Erregung spielt gewöhn- 
lich die Rolle des Reizzuwachses, der das Zuviel enthält. 5. Der Mann sollte zur 
strafrechtlichen Verantwortung mit herangezogen werden, wenn er durch seine Schuld 
die Motive der Kindestötung mitverursacht hat. 6. Dies ist immer der Fall, wenn er 
der aussereheliche Vater ist und die Tötung aus Furcht vor Schande, aus Not oder 
wegen Verlassenheit stattgefunden hat. Diese strafrechtliche Heranziehung ist nach 
Ansicht des Verf. nur dann möglich, wenn das Gesetz über die Rechsverhältnisse un- 
ehelicher Kinder dabin abgeändert wird, dass die unehelichen Kinder auch dem Vater 
gegenüber alle Rechte des ehelichen Kindes gemessen sollten , der Vater also die 
gleichen Pflichten gegen sie hat wie gegen die legitimen. In bezug auf die näheren 
Bestimmungen eines in diesem Sinne abzuändernden Zivilgasetzes verweist Verf. auf die 
Vorschläge von Fritz Reim ig haus: „Gerechtigkeit und wirksamen Rechtsschutz 
schaffe das schweizerische Zivilgesetz für die aussereheliche Mutter und ihr Kind." 
ß. Die Strafuntersuchungen gegen sexuelle Verbrecherinnen sollten von Frauen ge- 
führt werden. Dass der Verhörende Fragen stellt, die für ihn selbst einen erotischen 
Reiz zu bedeuten scheinen, wie in einem Fall des Verf. tatsächlich geschehen ist, 
fördert die Untersuchung nicht und bringt die Verhörte in Verwirrung. Ebenso soll- 
ten Frauen in den Gerichten miturteilen, denn sie verstehen die Psyche der Ver- 
brecherinnen besser als die Männer. Nach Gtobs „Kriminalpsyohologie" ist diese 
Forderung schon alt und bereits von Schaumann unter der gleichen Begründung 
aufgestellt worden. 7. Die Frauen sollten bei der Gesetzgebung Mitverantwortung 
haben , denn wie namentlich ein Fall des Verf. in typischer Weise zeigt, haben sie 
zu den nur von Männern geschaffenen Gesetzen absolut kein Verhältnis und kein Ver- 
ständnis und es kommt deshalb vor, dass sie Delikte begehen, die ein Mann von 
gleicher Bildung, gleichem Intellekt und gleicher Moralität nie begehen würde , weil 
das Verständnis für das von seinesgleichen geschaffene artverwandte Gesetz für ihn 
die stärkste Hemmung bildet. Obgleich manches in den Forderungen des Verf. über- 
trieben erscheint und auf das Konto der modernen , über das Ziel hinausschiessenden 
feministischen Bewegung zu setzen ist, so kann man sich doch gegenüber mancher von 



246 -Kurt Boas 



feinem psychologischen Verständnis und treffender Logik zeugenden Tatsachen nicht 
verschliessen. Die Arbeit des Verf. erscheint dem Ref. gerade im gegenwärtigen Moment, 
wo über unsere Strafgesetzreform so lebhaft diskutiert wird, besonders bedeutungs- 
voll und der Beachtung der in Frage kommenden forensischen Kreise wert! — Mezger 
(121) versucht tu zeigen, dass sich der Begriff .Zustand krankhafter Störung der 
Geistestätigkeit usw." in § 61 St.G-.B. aus deskriptiven (naturwissenschaftlich- 
psychologischen) und normativen (juristischen Elementen zusammengesetzt und sacht 
im Hinblick auf einige praktische Fragen der Zurechnungslehre diese beiden Begriffs- 
elemente von einander zu unterscheiden. Eine rein deskriptive Frage stellt das 
Problem der partiellen Zurec hnungsfähigk eit dar. Aus der psychologischen 
Tatsache der Einheit unseres Bewusstseins ergiebt sich für die Psychopathologie die Kon- 
sequenz, dass wir nicht von bestimmt abgegrenzten seelischen Erkrankungen, sog. 
Monomanien, reden dürfen; diese Anschauung entspricht der durchaus herrschenden 
Meinung der Psychiater, die gegenteilige Ansicht von Ziehen für gewisse Fälle von 
Paranoia ist nahezu einmütig abgelehnt worden. Für den Juristen folgt daraus die 
Verneinung einer partiellen Zurechnungsfähigkeit, was er verlangen muss, ist ein Ge- 
samturteil über den Geisteszustand des Täters zur Zeit der Tat; man darf aber mit 
dieser Frage nicht die andere verwechseln, ob ein bestimmtes Individuum etwa nur in 
bestimmter Richtung, also nur für bestimmt geartete Delikte, als unzurechnungsfähig 
zu behandeln sei. Wesentlich komplizierter ist das Verhältnis deskriptiver und nor- 
mativer Gesichtspunkte dort, wo es sich um den Inhalt des Krankheitsbegriff: 
in § 51 St.G.B. handelt. Auf deskriptivem Standpunkt vermögen wir zwischen 
„abnorm" und „krankhaft" einen begrifflichen Unterschied nicht aufzustellen, alle der- 
artigen Versuche verlassen den rein naturwissenschaftlich-psychologischen Boden. Des- 
halb ist hier auch der psychische Defekt auf moralischem Gebiet als „Krank- 
heit" zu bezeichnen, und zwar gleichgültig, ob derselbe angeboren (moral insanitv) oder 
«rworben (unverbesserlicher Verbrecher, verkommenes Individuum) ist. Dagegen muss 
für die juristische Verwendung des Krankheitsbegriffs der Satz statuiert werden: 
„Ein abnormer Mangel ethisch -rechtlicher Motive kann beim Ausschluss der Zu- 
rechnungsfähigkeit (und bei der Strafzumessung) für die juristische Beurteilung als 
solcher überhaupt nicht in die Wagschale fallen." Praktische Bedeutung gewinnt diese 
Beurteilung namentlich auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis. Auch auf dem 
Gebiete des Alkoholismus bedarf der naturwissenschaftlich-medizinische (deskrip- 
tive) Krankheitsbegriff einer Einschränkung für die juristische (normative) Verwertung. 
Naturwissenschaftlich betrachtet ist der Alkohol ein Gift, die akute und chro- 
nische Alkoholvergiftung, insbesondere also auch der gewöhnliche, „normale" Rausch 
sind krankhafte Störungen der Geistestätigkeit. Die juristische Behandlung der 
Alkoholfrage in § 51 St.G.B. darf weder die radikale Durchführung dieser medizinischen 
Gesichtspunkte zugrunde legen , noch aus rechtlichen Gründen das medizinische 
Forschungsergebnis verfälschen; ebensowenig kann offen eingestandene Inkonsequenz 
eine befriedigende Basis schaffen. Auch hier muss vielmehr die prinzipielle Ver- 
schiedenheit der beiden Betrachtungsweisen klar erkannt, der medizinische Krankheits- 
begriff vom Richter selbständig für seine Zwecke verwendet und weitergebildet werden. 
Naturwissenschaftlich-medizinisch völlig äquivalente Zustände können eine durchaus ver- 
schiedene Beurteilung erfahren. Dies ist wichtig insbesondere für die Beurteilung der sog. 
„selbstverschuldeten" Trunkenheit. Von medizinischer Seite soll demnächst eine Er- 
widerung in Aschaffenburgs Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strtf- 
rechtsreform erscheinen'). — Moeli (68) bespricht die moderne Fürsorgegesetzgebong, 
die statistisch feststellbare Beteiligung psychopathischer Elemente an dem Kontingent 
der Fürsorgezöglinge, die durchschnittliche Werte von ca. 60 % liefert. Weiterhin er- 
örtert Verf. die bekannten exogenen und endogenen Ursachen der psychopathischen 
Minderwertigkeit, deren Abstellung dringende Aufgabe der Hygiene ist. Von dem 
Grundsatz ausgehend, dass nur durch kausales Vorgehen etwas erreicht werden kann, 
empfiehlt Verf. den deutlichen erkennbaren Schwachbefähigten ganz besondere Auf- 



') Nach einem Autoreferat des Verf., für dessen Ueberlassung ich auch an dieser 
Stelle ergebenst danke. (Boas). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 247 

merksamkeit auch nach der Schulentlassung zu schenken. Eine weitere Frage ist, welche 
besondere Anforderungen durch das pathologische Material der Fürsorgezöglinge an 
die Fürsorgeerziehung selbst in praktischer Beziehung entstehen. Ueber die endgültige 
Form der Fürsorge lassen sich keine allgemeinen Normen aufstellen, hier muss durch- 
aus individuell im Einzelfall verfahren werden. Zur Beobachtung pathologischer 
Geisteszustände, deren Wesen Verf. im Rahmen der Arbeit kurz erläutert, müssen 
wenigstens in grösseren Städten Beobachtungsstationen unter spezialistischer Leitung 
den Fürsorgeanstalten angegliedert werden, die jedoch ein selbständiges Dasein führen 
müssten. Noch sympathischer steht Verf. im Interesse der Gewährleistung einer wirk- 
lich systematischen Erziehung der Schaffung besonderer Jugendabteilungen einer 
grossen Anstalt für psychisch Abnorme gegenüber, etwa für jede Provinz eine. Die 
nicht genügend zu sozialer Reife Förderbaren, sollten über das 21. Jahr hinaus in An- 
stalten, in der Familie oder in Gruppenpflege versorgt und ihre rechtliche Stellung 
festgelegt werden. Die Fürsorgeerziehung würde sich nm so freier und wirksamer ent- 
falten, wenn die aussichtslosen, die eigentlichen kriminellen Elemente genügend abgestossen 
oder getrennt werden könnten, so dass sie nicht zum Schaden für die ganze Einrichtung 
werden. — Möller(122) berichtet über einen Epileptiker — es handelte sich um eine trau- 
matische Epilepsie — der sich mehrfach der Notzucht und des Exhibitionismus schuldig 
gemacht hatte. Das auffällige Benehmen bei der Ausführung der einzelnen Delikte, 
der terminale Schlaf, die absolute Amnesie für die betreffenden Vorgänge führten zu 
der Annahme eines epileptischen Dämmerzustandes, auf Grund dessen der Angeklagte 
in Gemässheit des § 51 R.St.G. freigesprochen wurde. — Mönkemöller (54) 
macht die Brandstifter zum Gegenstand einer ausführlichen, weit über 100 Seiten um- 
fassenden psychopathologischen Studie, an deren Schluss er zu folgendem Gesamtergebnis 
kommt: Nach alledem bleibt es, was den Einfluss der Psychopathologie auf die Brand- 
stiftung anbetrifft, dabei, dass diese auf der Grundlage der verschiedensten psychischen 
Affektionen ans den mannigfachsten normalen und pathologischen Motiven heraus ent- 
stehen kann. Eine gewisse Steigerung findet in den Pubertätsjahren statt, und das 
weibliche Geschlecht beteiligt sich in dieser Zeit etwas mehr an diesem Delikt als an 
anderen Formen der Kriminalität. Um wesentliche Steigerung der Zahlen handelt es 
sich hierbei aber nicht. Zum Teil war die Steigerung in diesen Jahren durch die 
physiologischen Verhältnisse der Frau bedingt. Bei den meisten pathologischen Brand- 
stifterinnen liegen psychische Störungen vor, die nicht allein an diese Altersperiode 
gebunden sind. Normale Motive machen sich auch in einem grossen Prozentsatz bei 
diesen pathologischen Wesen bemerkbar. Insbesondere erweist sich gerade bei diesen 
die Brandstiftung als das bequemste Mittel der Rache. Ausserdem spielen eine ganze 
Reihe von äusseren Umständen mit, die auf pathologische Naturen besonders stark ein- 
wirken. — Seinen früheren Berichten über das Ergebnis der psychiatrisch-neuro- 
logischen Untersuchung schulpflichtiger Fürsorgezöglinge lässt Mönkemöller (123) 
einen weiteren folgen, dem ein Material von 124 Knaben (davon 104 Fürsorgezöglinge) 
zagrunde liegt. Die an interessanten Details ausserordentlich reiche Arbeit ist leider 
zn kurzem Referat an dieser Stelle nicht geeignet. Referent möchte noch besonders 
auf die Reformvorschläge des Verf. betreffs der Handhabung des Fürsorgever- 
fahrens hinweisen, die wegen der in langjähriger praktischer Arbeit erworbenen 
Kompetenz des Verf. in diesen Dingen lebhaftem Interesse und besonderer Beach- 
tung bei den massgebenden Behörden begegnen werden. Vergleiche auch die seit- 
her erschienenen Arbeiten von Siefert, Psychiatrische Untersuchungen über Für- 
sorgezöglinge. Halle a. S. 1912, Carl Marhold und Schnitzer, Bericht an den 
Landeshauptmann der Provinz Pommern über das Ergebnis der psychiatrisch-neuro- 
logischen Untersuchung der Fürsorgezöglinge in den Erziehungsanstalten Züllchow, 
Wassow und Magdalenenstift bei Stettin. Zeitscbr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie 
XH, 1912, S. 185. — Mörchen (55) geht den Ursachen der Mesalliancen vom 
psychiatrischen Standpunkt aus nach, unter Ausschluss der sexuell (im weitesten Sinne 
natürlich) motivierten Handlungen. Dabei ergibt sich, dass in erster Linie die pro- 
gressive Paralyse und die Dementia senilis in Betracht kommen. Der Krankheits- 
charakter der Paralyse, namentlich die gehobene Affektlage und die gesteigerte Libido 
bei meist erloschener Potenz, machen dies auch durchaus erklärlich. Während im 



248 Kurt Boas 



allgemeinen zu den Mesalliancen Geisteskranker die Männer das bei weitem grösste 
Kontingent stellen, kommen solche auch, wenn auch in viel seltenerem Masse, bei senil 
dementen weiblichen Personen vor. Weitere Geisteskrankheiten, die gelegentlich den 
davon Betroffenen zu Mesalliancen führen können, stellen das manisch-depressive 
Irresein — natürlich die manische Phase — der allgemeine Schwachsinn und die 
„Moral insanity" dar. Namentlich die letzte Gruppe kommt ziemlich häufig in Be- 
tracht, was sich aus der ganzen Veranlagung, besonders dem ausgiebig entwickelten 
Tierleben dieser Abart von psychopathischen Konstitutionen erklärt. Verf. teilt 
einen derartigen Fall mit, wo ein Angehöriger der besten Kreise ein Dienstmädchen, 
das sich gleichzeitig mit anderen Personen einliess, ehelichte und trotz Vertrautseins 
mit dessen Untreue an ihr festhielt. In manchen Fällen, wie z. 6. bei beginnender 
Paralyse, kann der Partnerin kein Vorwurf, wie etwa der der Spekulation auf das 
Vermögen des Patienten, gemacht werden. In anderen Fällen, in denen der Schwach- 
sinn klar zutage liegt, muss ein solcher jedoch mit Recht erhoben werden. Nur in 
besonderen krassen Fällen wird man zur Ehescheidung, in anderen zur Entmündigung 
raten müssen. Durch die Trauungen im Ausland, speziell in London, ist derartigen 
Manipulationen Tor und Tür geöffnet. Die Trauung ist dann nach unseren Gesetzen 
gültig und ebenso die testamentarischen Bestimmungen, Erbverträge usw. Der Haus- 
arzt und besonders der hinzugezogene Psychiater haben die heikle Aufgabe in solchen 
Fällen, die viel Takt erfordert , prophylaktisch zu intervenieren 1 ). — De la Motte 
(56) teilt zunächst einen Fall von hysterischem Dämmerzustand bei einem Marine- 
angehörigen mit, der sich zweimal einer schweren Achtungsverletzung gegenüber seinen 
Vorgesetzten schnldig gemacht hatte. Das erste Mal kann nicht mit Sicherheit ein 
hysterischer Dämmerzustand angenommen werden. Dagegen liess das Verhalten des 
Patienten im zweiten Falle eine solche Annahme gerechtfertigt erscheinen. Für 
einen hysterischen Dämmerzustand sprach das Einsetzen desselben unmittelbar im An- 
schluss an eine psychische Erregung, das ängstliche Benehmen, die gemacht erscheinende 
kindliche Sprechweise, die geäusserten Wahnvorstellungen, die verkehrten Antworten 
auf einfache Fragen, die falsche Bezeichnung ganz bekannter Gegenstände, ferner der 
körperliche Befund, speziell die charakteristischen Sensibilitätsstörungen, das plötzliche 
Erwachen aus diesem Zustand mit nachfolgender Amnesie. Die Beobachtung ergab 
ferner in einwandfreier Weise einen abnormen Umschlag der Stimmung nach geringem 
Alkoholgenuss und das zeitweise Vorhandensein einer abnorm gesteigerten krankhaften 
Reizbarkeit. Die Anamnese ergibt das Vorliegen einer sehr schweren Belastung. 
Patient soll ferner eine Trauma — eine 4 — B cm lange bis auf den Knochen gehende 
Kopfwunde — erlitten haben und seitdem geistig verändert sein. Bei der Marine 
erlitt er eine ganze Reihe von Vorstrafen, die sich namentlich gegen Schluss der 
Dienstzeit auffällig mehrten. In den beiden anderen Fällen des Verf. handelt es 
sich um akute halluzinatorische Paranoia bei Strafgefangenen. Der erste Patient 
wurde zunächst für einen Simulanten gehalten. Im Krankheitsbilde traten besonders 
Vergiftungsideen und Geruchshalluzinationen hervor. Im Krankheit s verlaufe traten 
periodische Exazerbationen in die Erscheinung, die eine ungünstige Prognose und 
Ausgang in Demenz unter langsamem Zerfall des Wahlsystems befürchten lassen. Der 
zweite Fall lag insofern günstiger, als hier die Psychose während der Strafhaft recht- 
zeitig erkannt wurde und der Patient in die Klinik kam. Die Milieuveränderung 
brachte in der Tat eine gewisse Besserung, wenngleich sich der Ausgang noch nicht 
mit Sicherheit absehen lässt*). — Müller (57) berichtet über das holländische 
Fürsorgewesen. Es gibt in Holland Zuchtschulen für 8 — 21jährige zu so weitführender 



') Vergleiche dazu auch die Gutachten von E. Meyer und G. Puppe, Gegen- 
seitige Anziehung und Beeinflussung psychopathischer Persönlichkeiten. Vierteljahrschrift 
f. gerichtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen XL III, 1912, Heft 1. 

•) Von sonstigen Veröffentlichungen über Psychosen in der Strafhaft erwähne 
ich namentlich die Arbeiten von H e i n i c k e, Gefängnispsychosen. Aus der Psychiatrie 
XLVTII, Heft 3, 1911 und Geistige Störungen bei Strafgefangenen. Monatsschrift für 
Kriminalpsychologie und Strafrecht. Vgl. auch die weiter unten referierten Arbeiten 
von Richardson (61) und Stern (74). 



Aus der forensischen Psychiatrie. 249 

Besserung, dass die Familienerziehung wieder einsetzen kann, und zur Erziehung Ver- 
wahrloster Fürsorgeerziehungsanstalten. Verf. äussert sich sehr anerkennend über 
das Gesehene. — Nolan (58) macht eine Keihe von Bedenken gegen die be- 
absichtigte Sterilisierung Geisteskranker geltend. Er warnt vor Uebereilung und 
Uebertreibung in dieser Sache, die nur durch grosse Erfahrung erledigt werden kann. 
— Ein Bericht, der sich auf die Fiirsorgeerziebungsanstalten in den Vereinigten 
Staaten bezieht, liegt von Raecke (59) vor, aus denen Verf. folgende Forderungen 
für uns ableitet: Man baue nicht gesondert offene und geschlossene Erziehungsanstalten, 
milde und strenge, man dringe nicht auf die Errichtung von besonderen Heimen für 
Psychopathen , sondern man sorge für ausreichende Gliederung der vorhandenen 
Institute, dass sie allen Fällen gerecht zu werden imstande sind. Gerade die dann 
vorhandene Möglichkeit, je nach der Führung eine Verlegung von einer Station zur 
anderen jederzeit vornehmen zu können, bildet ein wertvolles Erziehungsmittel. — 
N ä c k e (124) , nächst Magnus Hirschfeld, Iwan Bloch und Numi 
Prätorius wohl der beste Kenner der Homosexualfrage, ist der Ansicht, dass 
der Alkohol bei nicht dazu Disponierten Homosexualität nicht zu erzeugen, dagegen 
bei gegebener Disposition eine Inversion zu wecken vermag, z. T. infolge des Wegfalls 
der Hemmungsvorstellungen. Auch sonst besteht kein Unterschied hinsichtlich der 
Alkoholwirkung zwischen Urningen und Heterosexuellen. Abstinenzler scheinen unter 
denselben häufiger vertreten zu Bein als unter den Normalen. — Oberholzer 1 ) führt in 
seinem Vortrage über die Sterilisierung von Geisteskranken und geisteskranken Verbrechern 
aus sozialen und rassenhygienischen Motiven folgendes aus : Bei der Bekämpfung der auf 
ererbter Grundlage entstehenden Geisteskrankheiten und ihrer Folgen ist die Ausschaltung 
der betreffenden Kranken von der Fortpflanzung das sicherste Mittel. Damit wird die 
Uebertragung der zu geistiger Erkrankung und Minderwertigkeit führenden Anlage, 
die man als solche nicht zu treffen und unschädlich zu machen vermag, auf weitere 
Nachfolger verhindert. Diesen Zweck involviert die durch Gesetz festgelegte Ehe- 
unfähigkeit von Geisteskranken. Dieselbe unterbindet aber nicht die uneheliche Fort- 
pflanzung, die gerade bei geistig minderwertigen besonders wichtig ist. Andere zur 
Verhütung der Zeugung kranker und minderwertiger Nachkommen angewandte und 
empfohlene Massregeln sind ebenfalls unzulänglich. Die dauernde Internierung ist 
nicht nur sehr häufig aus ökonomischen und praktischen Gründen schwer oder un- 
möglich durchzuführen, sondern erfordert grosse wirtschaftliche Opfer. Zudem kämpfen 
die meisten Irrenanstalten mit beständiger Ueberfüllung. Der Staat aber soll seine 
Mittel nicht fortgesetzt und in vermehrtem Masse für Arbeitshäuser, Besserungs- und 
Irrenanstalten verwenden müssen, sondern dieselben produktiven Kulturwerten und 
sozialen Werken zuwenden können. Die dauernde Internierung würde ferner, wo sie 
lediglich zur Verhütung von Schwängerung und Konzeption angewendet würde, die 
Betreffenden jedoch sonst nicht anstaltsbedürftig sind, eine mit nichts zu rechtfertigende 
Härte bedeuten. Nach der künstlichen Unfruchtbarmachung dagegen könnten die Be- 
treffenden der Freiheit zurückgegeben und ihre Arbeitsfähigkeit zu ihrem Lebens- 
unterhalt verwendet werden, zugleich würden die Anstalten entlastet und Staat und 
Gesellschaft vor minderwertigen Nachkommen und weiteren Verbrechen (Kindesmord, 
Sexualverbrechen) geschützt. Die Unfruchtbarmachung kann geschehen : operativ durch 
Sterilisation (Tubenresektion und Vasektomie) und Kastration oder auf unblutigem 
Wege durch Röntgenstrahlen. Letztere hat den Vorteil, einen chirurgischen Eingriff 
und eine äussere Verstümmelung zu vermeiden. Die Kastration, die das Erlöschen des 
Geschlechtstriebs zur Folge hat, ist auf Sexnaiverbrechen und sexual-pathologische 
Individuen zu beschränken. Lege artis ausgeführt, hat die Sterilisation keinerlei Nach- 
teile für die Betreffenden. Entsprechend der rassenhygienischen und sozialen Wichtig- 
keit der Sterilisation und der immer mehr sich durchringenden Anerkennung der 



*) Oberholzer, Ueber Sterilisierung von Geisteskranken und geisteskranken 
Verbrechern aus sozialen und rassehygienischen Gründen. Bericht über den II. inter- 
nationalen Kongress für Familienforschung, Vererbungs- und Regenerationslehre. Klinik 
für psychische und nervöse Krankheiten. VII. Band, Heft 3, 1912. 



250 Kurt Boas 



Rechte des Kindes auf geistige und körperliche Gesundheit sollte das Verfahren von 
Gesetzes wegen nicht nur im Einverständnis mit den Betreffenden und deren An- 
gehörigen, sondern ev. auch ohne deren Zustimmung, man denke etwa an einen nicht 
dispositionsfähigen Idioten und völlig einsichtslose Eltern, angewendet werden können. 
Es bedarf deshalb für die zwangsweise verhängte Aufhebung der Fortpflanzungsfähig- 
keit der Schaffung der nötigen gesetzlichen Grundlage. — Oberholzer(125) 
berichtet über nachstehenden Fall: Ein 24 jähriger geisteskranker Mensch hatte 
zuerst seine 20jährige, darauf seine 17jährige Schwester, beide ebenfalls geistes- 
schwach respektive idiotisch, verführt und geschwängert. Da die Persönlichkeit 
der Eltern keinerlei Garantie für die Wiederholung des Deliktes bot, so handelte es 
sich darum, ob dauernde Anstaltsintemierung oder Sterilisierung hier am Platze waren. 
Auch sonst waren die Betreffenden unsozial. Die dauernde Interierung wäre mit 
grossen Schwierigkeiten verbunden. Es käme früher oder später ja doch zur Ent- 
lassung. Auch die peinlichste Durchführung der Beaufsichtigung könnte eine erneute 
Schwängerung nicht verhüten. Endlich würde die Massnahme eine durch nichts be- 
rechtigte Härte gegen die Betreffenden bedeuten. Schliesslich wären auch materielle 
Bedenken gegen die Internierung geltend zu machen. All diesen Bedenken ginge die 
Sterilisierung aus dem Wege, die freilich die Einwilligung der Betreffenden und der 
Eltern zur Voraussetzung hat. Der Delinquent, um den es sich dabei in erster Linie 
handelt, wäre auch mit der Kastration einverstanden, seine Eltern sind aus Unverstand 
und Gier dagegen und wollen einer erneuten Schwängerung dadurch vorbeugen, dass 
sie ihren Sohn von Haus fernhalten und verheiraten (!). Unter solchen Umständen 
kann die Sterilisierung leider nicht zur Ausführung kommen. Verf. stellt die berechtigte 
Forderung auf: Soziale Gründe allgemeiner Natur, rassenhygieniBche und kriminal- 
prophylaktische im speziellen erfordern die Möglichkeit, in solchen Fällen die Sterili- 
sierung in Anwendung bringen zu können und zwar ev. auch ohne die Zustimmung 
des Betreffenden und einsichtsloser Angehöriger. — Im Jahre 1909 berichtete 
Rüdin 1 ) über den Geisteszustand lebenslänglicher Verbrecher und im vorigen Jahre 
Többen 2 ) weitere Beobachtungen über diesen Gegenstand. Das Jahr 1913 brachte 
uns eine weitere grossangelegte Arbeit von Homburger") über das Lebensschicksal 
geisteskranker Verbrecher. Ein kasuistisches Interesse bietet auch die Analyse von 
Oppen über den Mörder Göhlert und dessen Geisteszustand vor der Hinrichtung, 
die Verf. auch zu prinzipiellen Erörterungen über den Geisteszustand von Mördern 
im allgemeinen führen. — Das preussische Ministerium des Innern hat über das 
Nachleben aller in der Zeit vom 1. April 1904 bis dahin 1910 entlassenen Fürsorge- 
zöglinge eingehende Ermittelungen angestellt. Sie erstrecken sich auf 9931 Zöglinge. 
Auskunft wurde erlangt über 8155 Zöglinge. Von diesen führten sich gut seit ihrer 
Entlassung 69°/ . zweifelhaft hielten sich 11,3 %i ungenügend bis schlecht 19,3%. 
Die Prozenthöhen beim männlichen und weiblichen Geschlecht differieren wenig von- 
einander. Die Erfolge verringern sich in demselben Verhältnis wie das Alter der 
Zöglinge bei ihrem Fintritt in die Erziehung höher ist. Bei den unter 14 Jahren 
Eingelieferten war das Resultat bei 85% männlichen und 88% der weiblichen ein 
gutes. Bei den mehr als 16jährigen war das Resultat nur bis 64 bzw. 65% günstig. 
Diese Zahlen widerlegen die pessimistischen Anschauungen über die Fürsorgeerziehung. 
Auch bei den allerschwierigsten Elementen, bei den Mädchen, die mit 16 Jahren und 
noch früher bereits Dirnen geworden waren, waren die Erfolge sicher befriedigend. 
62,9% der Entlassenen sind gut geblieben, 38% sind ordentliche Ehefrauen geworden. 
Was die Bestrafungen anlangt, so beziffern sich dieselben vor und während der Für- 
sorgeerziehung auf 76% der männlichen und 38,6% der weiblichen Zöglinge bei den 
Entlassenen auf 30,1% und 18,5%- — Nach den Ausführungen Partenheimers 
(129) ist bei der Prüfung der Dienstfähigkeit Berücksichtigung der Vorstrafen von grosser 



') Rüdin Habilitationsschrift, München, 1909. — ') Többen, Verhandlungen 
des medizinisch-naturwissenschaftlichen Vereins in Münster, 1912 ; ferner Monatschr. f. 
Kriminalpsychologie und Straf rechtsreform, 1912. — 8 ) Homburger, Lebensschick- 
sale geisteskranker Verbrecher. Heidelberger Abhandlungen aus dem Gebiete der 
Kriminalpsychologie. Heft 2. 



Aus der forensischen Psychiatrie. 251 

Bedeutung; aus ihnen allein kann aber eine endgültige Beurteilung der geistigen 
und moralischen Wirkung nicht oder nur in den seltensten Fällen erfolgen. Zweifellos 
aber ist die ärztliche bzw. psychiatrische Untersuchung und Beobachtung aller mehr- 
fach Vorbestraften eine unabweisbare Forderung. — P e 1 1 o w (130) erörtert den Be- 
griff der Transvestie, ihre Erscheinungsformen, Ursachen und Wirkungen in ver- 
schiedenstem Sinne, auf die Person selbst, wie auf die Aussenwelt. Als Fazit 
resultiert: Die echte Transvestie ist ein psychischer Zwangstrieb ; entspringen ihr ihrer 
Natur gemässe Delikte, so muss für diese Straffreiheit gefordert werden. Verf. glaubt 
nicht, dass dieser Trieb unausrottbar sei, sondern glaubt vielmehr an eine Beseitigung 
im Wege der Hypnose. In die Arbeit ist eine Fülle von kasuistischem Material ein- 
gestreut. Schade nur, dass Verf. ausschliesslich mit Zeitungsmaterial operiert, dessen 
Unzulänglichkeit wiederholt von kriminalistischer Seite (Hans Gross, Hellwig u. a.) 
betont wurde. Authentisches Aktenmaterial wäre weit zuverlässiger gewesen. Von weiteren 
Erscheinungen über Transvestie erwähne ich namentlich die Arbeiten von M. Hirsch - 
feld, Neurolog. Zentralbl. 1911. Ders., Die Transvestiten. 2. Aufl. Berlin 1911, 
Pulvermacher; ders. und M. Tilke Der erotische Verkleidungstrieb (die Transvestiten). 
Dlustrierter Teil, Berlin 1912, Pulvermacher; Näcke, Zum Kapitel der Transvestiten 
nebst Bemerkungen zur weiblichen Homosexualität. Arch. f. Kriminalanthropologie und 
Kriminalistik XLII, 1911, S. 236. Vgl. auch den Vortrag von Stabel auf dem 
letzten internationalen Gynäkologenkongress, Berlin 1912. — Placzek (131) kam in 
einem forensischem Gutachten zu folgenden Schlüssen: 1. Der Angeklagte leidet an 
Erbsyphilis, die zur Zeit der Geschlechtsreife einen Rückgang der geistigen Fähig- 
keiten bewirkt hat; 2. ein Zustand von Bewußtlosigkeit oder krankhafter Störung der 
Gei8testätigkeit im Sinne des § 61 des St.G.B. liegt nicht vor; 3. die zur Erkenntnis 
der Strafbarkeit erforderliche Einsicht ist so mangelhaft vorhanden, dass sie keines- 
wegs ausreicht, um das Triebleben zu zügeln. Es erfolgte Freispruch. Verf. kommt 
auf Grund dieses Falles zu folgenden allgemeinen Schlusssätzen: Ist es an sich schon 
von begreiflichem Interesse, dass man rein zufällig einen bisher nicht luessuspekten 
Sohn eines Tabikers nach Wassermann zu untersuchen für nötig erachtet, nur 
weil er auffällige sexuelle Delikte begangen hat, und dann die Vermutung so prägnant 
bestätigt findet, so ist es gleichfalls für den oft genug mit schwer definierbaren Be- 
griffen vor Gericht operierenden ärztlichen Sachverständigen ein nicht zu unter- 
schätzender Gewinn, dass er seine Vermutungen und Auffassungen der Anklagebehörde 
so ad oculos demonstrieren kann. Hier Hess sich der Staatsanwalt eingehend über 
das Wesen der Wassermann sehen Probe informieren, die er zuerst mit dem 
Wassermann sehen forensischen Blutnachweis verwechselt hatte, und verstand und 
würdigte dann auch die Tatsache, dass vererbte Syphilis das Gehirn in Mitleiden- 
schaft ziehen muss, wenn sie unerkannt Jahre bestand und unbehandelt blieb. — 
Die Arbeit Richards (60) gibt eine statistische Uebersicht über die in der ame- 
rikanischen Armee in den letzten 50 Jahren zur Aburteilung gelangten Straftaten, so- 
weit diese von Geisteskranken begangen wurden. Zum Vergleich werden die Verhält- 
nisse der europäischen Armeen, speziell der deutschen herangezogen. Verf. erörtert 
die einzelnen militärischen Delikte nach ihrer prozentualen Häufigkeit und Beteiligung. 
Was speziell 122 Fälle von Disziplinarvergehen betrifft, so gibt Verf. im Vergleich zu 
der deutschen Statistik (Anhaltspunkte zur Beurteilung der Frage der Dienstbeschädigung 
bei Geisteskranken und Heeresangehörigen. Herausgegeben von der Medizinalabteilung 
desKgl.preus. Kriegsministeriums Berlin 1908) folgende Uebersichtstabelle (s. nächste Seite 
oben). Was das Verhältnis des Krankheitsbeginnes zu der Länge der Dienstzeit bei den 
Fällen von Dementia praecox und Alkoholpsychosen betrifft, so fand Verf. folgendes : 1 Jahr 
und darunter in 14 Fällen (29,78%), 2 Jahre und darunter in 23 Fällen (48,93%), 
3 Jahre und darunter in 36 Fällen (79,59 %), 3 Jahre und darüber in 11 Fällen (28,4 %). 
Zu bemerken ist noch, dass nach den Erfahrungen des „Government Hospital of In- 
sane", dem das Material für die vorliegende Arbeit entstammt, in 57 % der behandelten 
Fälle Heilung eintrat. — Richardson (61) teilt fünf Fälle von Haftpsychosen 
mit, deren Analyse unter Würdigung der bisherigen Literatur zu folgenden Ergebnissen 
führt: 1. Der in Frage stehende Symptomenkomplex kann als eine klinische Einheit 
aufgefasst werden. 2. Er entwickelt sich zumeist bei erwachsenen und jugendlichen 



252 



Kurt Boas 



AmerikaniBche 
Armee 



Deutsche 
Armee 



Dementia praecox 62 Fälle = 50,82 °/ 42,3 % 

Alkoholpsychosen 13 „ 

Manisch-depressives Irresein ... 9 „ 

Akute Verwirrtheitszustände . . 8 „ 

Chronische Manie ti ,. 

Eleptische Psychosen 4 „ = 3,2% 

Paranoide Zustände 4 „ 

Demenz 3 „ 

Intoxikationspsychosen 3 „ 

Paralyse 2 „ 

Psychopathische Konstitutionen . . 2 „ 

Nicht geisteskrank im Militärlazarett 2 „ 

Hysterie 1 „ 

Akute Melancholie 2 

Imbezillität 1 „ 

Verbrechern. 8. Er kann sich mit anderen Psychosen kombinieren. Oftmals entsteht 
er lediglich auf der Basis eines ausgesprochenen geistigen Defekts, der sich in manchen 
Fällen bis zu Imbezillität steigern kann. 4. Er ist häufig mit den Anzeichen einer be- 
absichtigten Simulation kombiniert. 5. Obgleich man ihn seiner Natur nach mit der 
Hysterie zusammengebracht bat, kann er doch wohl kaum als hysterische Psychose ge- 
deutet werden, trotz des psychogenen Ursprungs. 6. Grosse Furchtsamkeit mit partiel- 
lem Stupor, Gesichts- und Gehörshalluzinationen und in vielen Fällen Mutismus sind 
häufig die hervorstechendsten Symptome. Djr rasches Verschwinden nach Verlegung 
der Patienten in eine Anstalt für Geisteskranke ist die Regel. Die Melancholischen 
können, wie Rodiet(62) des näheren ausführt, nach drei Richtungen hin Gegenstand 
des forensischen Interesses werden. Sie können wegen Selbstanklagen oder besser 
Selbstbezichtigungen, Selbstmord oder Mord mit den Gerichten zu tun haben. Verf. 
bespricht im einzelnen das Verhalten, das der begutachtende Arzt in solchen Fällen zu 
beobachten hat. Besondere instruktiv ist der Abschnitt von den Selbstmordneigungen 
der Melancholischen, wobei Verf. seine eigenen Erfahrungen zu Worte kommen lässt 
Ein besonders instruktiver Fall von Suizid bei einer im Klimakterium stehenden melan- 
cholischen Patientin, bei der es zweimal beim Tentamen blieb, während das dritte Mal 
das selbstmörderische Vorhaben glückte, wird in extenso mitgeteilt, ebenso auch über 
die verschiedenen in Betracht kommenden Todesarten näheres auf Grund eigener Er- 
fahrungen mitgeteilt. Bei den übrigen Abschnitten klingt nicht so sehr die persönliche 
Note des Verf. an, dem hierüber keine eigenen Erfahrungen vorzuliegen scheinen und 
der sich infolgedessen auf diejenigen anderer Autoren beziehen muss. — Rohde 
(132) führt etwa folgendes an : Entmündigte Trunksüchtige können gegen ihren Willen 
vom Vormunde in eine Anstalt gebracht und einer Zwangsbehandlung unterworfen 
werden. Dasselbe ist zulässig, wenn ein Trinker nach Stellung des Antrags auf Ent- 
mündigung wegen Trunksucht unter vorläufige Vormundschaft gestellt ist. Dasselbe 
Recht steht dem Vormundschaftsgericht zu, gegen oder ohne den Willen des Vormun- 
des, was jedoch nicht unbestritten ist. Die polizeiliche Verwahrung gemeingefährlicher 
oder schutzbedürftiger Trunksüchtiger ist nach dem Landesrecht zu beurteilen und von 
der Entmündigung des Trinkers unabhängig. Die Entmündigung ist das einzige Mittel, 
um ein längeres Festhalten eines polizeilich verwahrten Trinkers zu ermöglichen. Andrer- 
seits ist auch die vormundschaftliche Unterbringung nicht unbedingt unabhängig von 
Vorschriften des öffentlichen Rechtes, bo dass die Frage, wie lange ein Trunksüchtiger 
in einer Anstalt zwangsweise festgehalten werden darf und wann er auf Verlangen zn 
entlassen ist, sowohl eine öffentlichrechtliche als auch eine privatrechtliche Seite hat 
Jene tritt überwiegend bei der Unterbringung in eine Irrenanstalt, diese mehr bei der 
Unterbringung in eine Trinkeranstalt hervor. — Rorschach (133) berichtet über 



Aus der forensischen Psychiatrie. 253 

folgenden interessanten Fall : Ein geistesschwacher, wiederholt vorbestrafter 34 jähriger 
Mensch, der von Jugend an an Epilepsie leiden will und kurz vor der letzten in Frage 
stehenden Straftat zweimal Dämmerzustände gehabt haben will, in denen er sich an 
fremdem Eigentum vergriff, behauptete, einen ihm zur Last gelegten Pferdediebstahl 
ebenfalls im Dämmerzustand verübt zu haben. Für die Annahme eines solchen sprach 
der Umstand, dass der Patient e i n Pferd und zwei Fuhrwerke stehlen wollte. Die 
weitere Beobachtung ergab, dass eine erinnerte Phase als Kontaminationsprodukt an- 
zusprechen war und somit die Wahrscheinlichkeit eines traumartigen Dämmerzustandes 
noch erhöhte. Da sich für Hysterie und Epilepsie keinerlei Anhaltspunkte ergaben, 
wurde der Zustand des Patienten als konstitutionelle degenerative Psychopathie auf- 
gefasst. Das gegen den Patienten schwebende Verfahren wurde auf Grund dieses Gut- 
achtens wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt. — Rosenfeld (134) stellt vom 
juristischen Standpunkt folgende Forderungen betreffs der Beobachtung des Geistes- 
zustandes im Strafverfahren auf: In Abänderung des Entwurfes von 1909 möge eine 
Ausdehnbarkeit der Unterbringung auch über sechs Wochen hinaus erfolgen. Doch 
soll das nur in Ausnahmefällen auf ein eingehend begründetes Gutachten der vernom- 
menen Sachverständigen durch erneuten Beschluss des Gerichts zulässig sein und nur 
ganz subsidiär, wenn andere Mittel sich als nicht ausreichend erwiesen haben. In Er- 
gänzung des Entwurfes von 1909 : Der Richter soll auch von Amts wegen die Unter- 
bringung anordnen dürfen, nachdem ein Gutachter zwar gehört worden ist, aber keine 
bestimmte Ansicht ausgesprochen hat. Der Aufenthalt in einer öffentlichen Irrenanstalt 
m u s s in der Regel auf die etwa verhängte Strafe angerechnet werden, der freiwillige 
Aufenthalt in einer privaten Anstalt darf angerechnet werden. Die Verbringung ist 
nur bei nicht ganz unerheblichem Tatverdacht statthaft. Nach bisherigem Recht ist 
die natürliche Voraussetzung der ganzen Massregel zu wenig gewahrt, nämlich, dass 
die psychiatrische Vorbegutachtung auch in den richterlichen Fällen angeordnet werde. 
Heute ist das ganz dem laienhaften Ermessen des Richters überlassen. So können etwa 
selbst Taubstumme trotz Strafgesetzbuch § 58 ohne irrenärztliche Untersuchung und 
nach künftigem Recht, da Strafprozessordnung § 140 Ziffer 1 insoweit nur noch Ord- 
nungsvorschrift sein soll, sogar ohne Verteidiger abgeurteilt werden. Irgend einen 
Hinweis auf die Wichtigkeit der Heranziehung eines Psychiaters müBSte daher das Ge- 
setz enthalten und neben der generellen Klausel müssten einige Beispiele angedeutet 
sein. Zu denken wäre etwa an die Sittlichkeitsverbrechen der Greise über 70 Jahren, 
an Eifersuchtsdelikte von Alkoholikern, an halbwüchsige Kindermädchen, die Brand- 
stiftungen oder Vergiftungen begehen, an Warenhausdiebinnen, die ihre Beute nutzlos 
aufspeichern. Alle Mordfälle sollten obligatorisch hierher gezogen werden. Jedenfalls 
könnte einiges nach dieser Richtung durch Anleitung des Richters im Gesetze geschehen ; 
denn die Zahl der zu Freiheitsstrafen verurteilten Geisteskranken wird kein Kundiger 
gering veranschlagen, so sehr auch die Angaben und Schätzungen etwa von Aschaffen- 
burg, Bonhöffer, Näcke, Krohne von einander abweichen. Des weiteren aber 
belehren uns die Beispiele, von denen die Bücher etwa von Wilmanns und Ernst 
8 c h u 1 1 z e erfüllt sind, dass der zuzuziehende Arzt nicht etwa ein beliebiger Zivil-, 
Müitär- oder Amtsarzt sein darf, sondern ein Psychiater von Fach sein muss. — R u p p - 
recht (63) gibt eine ausserordentlich interessante Darstellung über die gewerbsmässige 
männliche Prostitution, wie sie heutzutag im Getriebe der Grossstadt immer mehr an 
Boden gewinnt. Die jüngsten Vertreter dieser Zunft sind die „Strichjungen", die weit- 
gehende Äehnlichkeiten mit den Strichdirnen aufweisen. Sie lieben es, sich in der Nähe 
öffentlicher Bedürfnisanstalten und öffentlicher Anlagen aufzuhalten (das dürfte für 
Berlin wenigstens nicht zutreffen, wo sich der Hauptverkehr der Homos in einer Quer- 
strasse* der Friedrichstrasse, ferner in einigen Cafes der Potgdamerstrasse und Ball- 
lokalen, in denen ausschliesslich 17öer verkehren. Ref.) und durch auffallendes Be- 
nehmen, auffällige Kleidung Männer, bei denen sie homosexuelle Neigungen vermuten, 
anzulocken. Die Strichjungen sind meist aus Not und durch Verführung zu ihrem 
schimpflichen Gewerbe gekommen. Meist beschränkt sich dies auf mutuelle Onanie, 
zum Coitus in anum kam es — wenigstens in des Verf. Fällen schon wegen der Schmerzen 
— selten. Nicht selten ergibt die psychiatrische Untersuchung psychopathische Kon- 
stitutionen. Das Interessanteste, was wir aus der Darstellung des Verf. erfahren, ist 



254 Kurt Boas 



dass auch die Strichjungen ihre Zuhälter haben, ganz wie die Strichdirnen. Nebenbei 
haben sie auch fast regelmässig ein Liebesverhältnis mit einem Mädchen, was am besten 
für ihre bisexuelle Veranlagung spricht. Die Zuhälter der Strichjungen Bind durch das 
gegenwärtige Strafgeseta nicht zu fassen, weil das Gesetz nur Zuhälterei bei Frauensper- 
sonen vorsieht. Hier schafft der Voreutwurf zum neuen Strafgesetzbuch Abhilfe, der 
zwischen Zuhältern von weiblichen und männlichen Prostituierten keinen Unterschied 
kennt und beide unter gleiche Strafe stellt. Die Gefahr der Zuhälter der Strichjungen 
ist um so grösser, als sie sich sehr oft der Erpressung schuldig machen, indem sie 
dem homosexuellen Akt ihres Schützlings mit dem Opfer in der Nähe beiwohnen nnd 
dann mit ihren erpresserischen Anträgen hervortreten. In München ist eine besondere 
Sittenabteilung gegründet worden, welche die Aufgabe hat, der männlichen nnd weib- 
lichen Prostitution nachzuspüren. Die Erfolge sind sehr befriedigende. Erwähnens- 
wert ist noch, dass alle Strichjungen ihre Kenntnisse über die leichte Art des Ver- 
dienstes durch den Eulenburgprozess gewonnen hatten, dessen demoralisierende Wirkung 
schon so viele Existenzen auf die Bahn des Verbrechens gewiesen hat. — San- 
telli und Hesnard (64) beschreiben einen Fall von Unterschlagung der Schiffskasse 
und unerlaubter Entfernung von der Truppe durch einen Marineoffizier nebst dem Er- 
gebnis der psychiatrischen Untersuchung, in dem sie zu dem Schluss gelangen, dass der 
Täter ein schon degenerierter Mensch sei ; seine Handlungen seien durch seine krank- 
hafte Veranlagung zu erklären. Immerhin betonen die Verff. die bestimmt verminderte 
Zurechnungsfähigkeit bei Begehung der Tat. Das Marinekriegsgericht erkannte auf 
18 Monate Gefängnis. — Die kasuistischen Mitteilungen Rupprechts (135) be- 
ziehen sich auf ein grösseres Material von Sexualdelikten mehrerer jugendlicher Per- 
sonen, die Verf. in seiner Eigenschaft als Jugendstaatsanwalt in München zu beob- 
achten Gelegenheit hatte. Verfehlungen von willenlosen oder geisteskranken Frauens- 
personen kamen nicht zur Anzeige. Notzucht kam nur ein einziges Mal zur Aburtei- 
lung (nächtliche Vergewaltigung eines 11jährigen Mädchens durch vier Knaben im 
Alter von 14 Jahren). Die überwiegende Mehrzahl der sexuellen Attentate bezog sich 
auf kleine Mädchen. Am häufigsten standen die Opfer im Alter von 5 — 7 Jahren, 
seltener von 2 — 5 Jahren, noch seltener waren Mädchen über 9 Jahre Angriffen aus- 
gesetzt. Die meisten Handlungen sind relativ harmloser Natur, zu Beischlafversuchen 
kommt es Belten. Im übrigen gehen die Täter bei der Befriedigung ihrer innerlichen 
Regungen ziemlich wahllos vor, indem sie sich auch gelegentlich an Knaben vergreifen. 
Geradezu charakteristisch ist die Naivität und Ungeniertheit, mit denen die strafbaren 
Handlungen oft coram publico vorgenommen werden. Nicht selten können schon aus 
diesem Umstände berechtigte Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der kleinen Atten- 
täter geweckt werden. Während der Jahre 1909 und 1910 hatten sich 33 Jugendliche 
wegen Sexualdelikten zu verantworten. Gegen 17 wurde Anklage erhoben, gegen 61 
wurde das Verfahren eingestellt. Drei Angeklagte wurden wegen mangelnden Beweises 
freigesprochen, die übrigen zu Gefängnisstrafen von einer Woche bis zu zwei Monaten 
verurteilt. In sieben Fällen erfolgte die Einstellung des Verfahrens infolge ungenügen- 
der Glaubwürdigkeit der Belastungszeuginnen, in den übrigen Fällen aus Gründen, die 
in der Person des Täters lagen. Die Mehrzahl der Täter war vollsinnig. Die übrigen 
Angeklagten zeigten psychische Defekte im Sinne psychopathischer Minderwertigkeit, 
jedoch ohne Ausschliessung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit. Für die Grenzfälle 
strafrechtlicher Verantwortlichkeit bietet das System der bedingten Begnadigung ein 
recht zweckmässiges Zuchtmittel. Völlige Straflosigkeit ist zu verwerfen. Die Gerichts- 
verhandlung macht auf solche Individuen oft einen so gewaltigen Eindruck, dass sie 
ernstlich Reue empfinden. Die seit etwas über drei Jahren in Deutschland eingeführten 
Jugendgerichte sollen durch Bestrafung der jugendlichen Verbrecher einerseits sühnend, 
andererseits vorbeugend wirken durch Fürsorge für die noch erziehungs- und besserungs- 
fähigen Jugendlichen. Das jugendgerichtliche Strafverfahren hat nur Personen zwischen 
12 und 18 Jahren zum Objekt. Die geistig nicht völlig normalen Jugendlichen lassen 
sich in drei Klassen einteilen : in psychopathische, hysterische und schwachsinnige. Die 
letzteren überwiegen und zwar vor allem in den Jahren vom 14. aufwärts. Ab Ursache 
findet man neben der elterlichen Trunksucht Schädelverletzungen. Rupprecht (186) 
bringt sowohl für die verschiedenen ätiologischen Momente als für die Vergehen Bei- 



Aus der forensischen Psychiatrie. 255 

spiele und plädiert für eine sachgemässe psychiatrische Untersuchung der jugendlichen 
Rechtsbrecher, um so mehr, als Eltern und Schule häufig die krankhafte Veranlagung 
nicht erkennen. In einer weiteren Arbeit äussert Bich Rupprecht 1 ) über die 
bedingte Begnadigung f olgendermassen : „Die Bewährung im Jugendstrafverfahren be- 
sitzt hohe erzieherische Bedeutung und erzielt wertvolle soziale Erfolge. Darum ist ihre 
Ausdehnung wünschenswert insoweit dem Jugendgericht eine gut organisierte Jugend- 
gerichtshilfe tatkräftig zur Seite steht". — Rüssel (187) bespricht die Gründung 
eines Instituts für Erforschung anormaler Individuen nach russischem Muster. Das in 
Washington zu gründende Institut sieht die Erforschung der anormalen Psyche in ihren 
mannigfaltigen Beziehungen zur sozialen Lage, Pauperismus, Alkoholismus usw. vor 
and macht sich zu deren Erforschung alle zu Gebote stehenden Hilfswissenschaften 
(Jurisprudenz, Nationalökonomie, Medizin, insbesondere Psychiatrie, Anthropologie usw.) 
zunutze. — Unter Bezugnahme auf einen von Etienne Martin (Lyon) begut- 
achteten Fall von Kindsmord bei einer vorübergehenden Wochenbettpsychose und et- 
liche Fälle aus der Literatur (wobei die deutsche Literatur nur sehr mangelhaft be- 
rücksichtigt ist), gelangt Sarrat (65) zu folgenden Schlusssätzen: 1. Es gibt keine 
besondere Form von Psychosen, die plötzlich bei einem gesunden Individuum im Augen- 
blick der Entbindung auftritt und eine impulsive Handlung auslösen kann, welche die 
Ermordung des neugeborenen Kindes zur Folge hat. 2. Es gibt eine Anzahl Fälle von 
Kindsmord im Verlauf vorübergehender Geistesstörungen während und bald nach der 
Entbindung. Diese Geistesstörungen treten nur bei prädisponierten (degenerierten, 
epileptischen, hysterischen, alkoholischen) Personen auf. 3. Die Ursachen, die bei den 
prädisponierten Personen den impulsiven Anfall oder die vorübergehende Geistesstörung 
begünstigen, sind die Erstgeburt, die Zwillingsschwangerschaft und die Intoxikationen 
der Gravidität. 4. Die forensische Begutachtung wird es sich daher zur Aufgabe machen 
müssen, nach hereditären oder erworbenen psychopathologischen Momenten zu forschen, 
welche die Möglichkeit der Annahme einer vorübergehenden Geistesstörung gestatten. 
■">. Man kann forensische Fräsumptionen, aber keine Gewissheit annehmen. Letztere 
kann nur durch Zeugenaussagen gewonnen werden. 6. Aus den vorstehenden Ausfüh- 
rungen ergibt sich die Notwendigkeit einer somatischen und psychischen Untersuchung 
einer wegen Kindesmordes angeklagten Frauensperson, um den Behörden zu ermöglichen, 
den Ursprung des Verbrechens möglichst genau zu erforschen. — Schäfer (188) 
berichtet über einen äusserst hartnäckigen, verhältnismässig reinen Fall von Simulation 
bei einem Strafgefangenen. Derselbe führte dieselbe mehr als neun Monate mit einem 
gewissen Achtungserfolge durch. Psychische Abnormitäten erheblicheren Grades, die 
Simulation und Geisteskrankheit annehmen Hessen, lagen nicht vor. Verf. hält einen 
derartig langen und tatkräftig durchgeführten Versuch, Geisteskrankheit vorzutäuschen, 
nicht schon für das Zeichen einer beträchtlich gestörten Geistesverfassung s ). — 
Schenk (56) bringt den Entwurf eines Personalbogens für aus der Hilfsschule ab- 
gehende Zöglinge an die Gerichte und fordert Ausdehnung des Erlasses des Justiz- 
ministers Vom 11. November 1911 betreffs Heranziehung der Personalakten bei Ein- 
leitung des Strafverfahrens gegen ehemalige Hilfsschüler auf alle in den Volksschulen 
noch zurückbleibende schwachbefähigte Kinder. — Seh lue (67) berichtet über 
zwei Epileptiker, die im Dämmerzustande in Konflikt mit dem Gesetz gerieten (Fall I 
Sittlichkeitsverbrechen, Fall II Fahnenflucht). Beiden wurde der Schutz des § 51 Str.- 
G.B. zuteil. Fall I war schon wiederholt vorbestraft, Fall II hatte sich schon ähnliche 
Dinge (unmotivierte Entfernung) bei der Handelsmarine zuschulden kommen lassen. 
— Die Zusammenfassung der Seh üb art sehen (68) Arbeit lautet f olgendermassen: 
Die Diagnose angeborener Geistesschwäche ist im allgemeinen vor Gericht dann zu 
stellen, wenn der Untersuchte von Jugend auf neben Störungen der körperlichen Ent- 
wicklung, Schwäche der Intelligenz und des Urteils gezeigt und diese psychische Schwäche 



') Rupprecht, Die bedingte Begnadigung im Strafverfahren gegen Jugend- 
liche. Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik. IL. 1912. S. 12. — 
— *) Genau derselben Ansicht ist übrigens Sali es (Contribuicao al estudo da 
simulaeäo da locura. (Arch. Brasil, de Psych., Neur. e Med. leg. VII. 1911. Nr. 1 — 8. 
N eurolog. Zentralbl. 1912. S. 1193.) 



256 Kurt Boas: Aus der forensischen Psychiatrie. 

der gesamten Persönlichkeit und ihrer ganzen Lebensführung ein besonderes Gepräge 
gegeben hat. Der angeborene Geistesschwache ist meistens unfähig, als Zeuge zu fun- 
gieren, seine Angelegenheiten zu besorgen und die strafrechtliche Verantwortung für 
seine Straftaten zu übernehmen. Er ist dies aber nicht schlechthin, sondern es muss 
dies in jedem einzelnen Falle unter eingehender Berücksichtigung der individuellen 
Verhältnisse und äusseren Umstände festgestellt werden. — Schott (139) stellt 
betreffs der nervösen (besser geistigen; Ref.) Entartung folgende Leitsätze auf: 1. Wir 
sind derzeit noch nicht in der Lage, Vererbungsgesetze aufzustellen. 2. Der Begriff 
der Entartung im irrenärztlichen Sinne bedeutet ein Abweichen vom Typus nach der 
ungünstigen Seite hin. 3. Die Aufstellung des Irreseins der Entarteten ist berechtigt 
4. Zum klinischen Begriff der Entartung gehört eine Minderwertigkeit, eine Disharmonie 
des Seelenlebens in ihren verschiedensten Aeusserungen und von angeborener Dauer, 
vielfach gepaart mit äusseren oder inneren Entartungszeichen. 5. Die Erforschung des 
kindlichen und jugendlichen Entarteten vermag manche Aufklärung auch hinsichtlich 
des Fortschreitens und der Zurückbildung der Entartung zu bringen. 6. Die Kenntnis 
und Bewertung der äusseren und inneren Entartungszeichen ist eine Aufgabe der ge- 
samten Medizin. 7. Die Erblichkeitsforschung nach gemeinsamer Verständigung auf 
Grund der Familienforschung ist in umfassender "Weise durchzuführen. 8. Nicht nur 
die Lehre von den Geistes- und Nervenkrankheiten, sondern auch die Lehre vom Ver- 
brecher und dessen Behandlung werden aus den Ergebnissen exakter Erblichkeitafor- 
schung weitgehenden Nutzen ziehen. 9. Das Problem der nervösen Entartung ist nicht 
bloss für die Aerzte von erheblichem Interesse, sondern es greift über auf die Familie, 
die Rasse und den Staat. Es enthält Fragen von ausserordentlicher Tragweite. 10. 
Diese Tragweite macht es dem ärztlichen Stand zur Pflicht, mit allen Mitteln an der 
Lösung dieses gewaltigen Problems zu arbeiten. — Freiherr v. S ehren ck- 
Notzing (140) teilt folgenden Fall mit: Ein 20 jähriges Mädchen stand bei einem 
40jährigen Kollegen wegen Bettnässen in Behandlung , die in Blasenmassage, Elektri- 
zität nnd Hypnose bestand. Später ist sie an schwerer Tuberkulose erkrankt. Sie 
gab ihrem Beichtvater und ihrer Mutter an, von dem Arzte während der Hypnose 
gemissbraucht zu sein. Sie schildert die Situation in allen Einzelheiten. Später er- 
gänzte sie ihre Angaben dahin, der Arzt habe sie, nachdem er bereits mehrmals das 
Glied in ihrer Scheide hin und her bewegt habe, sie nochmals um Erlaubnis gefragt, 
ob er das tun dürfe. Am nächsten Tag ging sie wieder zu dem Arzte und dieser soll 
sie gefragt haben, ob er das wieder tun dürfe, was sie verneinte, worauf ihr auch 
nichts geschah. Erst später kam dann die Sache zur Anzeige. Patientin erfreut sich 
eines guten Rufes, sie soll durchaus 'wahrheitsliebend sein. Mit 17 Jahren hatte sie 
bereits geschlechtlichen Verkehr. Dem angeblichen Täter traut niemand die Handlung 
zu. Insbesondere bestreiten andere hypnotisch behandelte Patientinnen, dass je etwas 
Derartiges vorgekommen sei. Auf Grund des Gutachtens des Verf., der die Unglaub- 
würdigkeit der Auesagen der Belastungszeugen in überzeugender Weise nachwies, wurde 
der Angeklagte freigesprochen. (Schluss folgt.) 

Anmerkung. Vgl. auch die weiter unten in diesem Bericht ref. Arbeit von 
Ziemke(88). 



Referate. 

Kahane, Dr. Max. Therapie der Nervenkrankheiten. (Handbuch der Thera- 
peutischen Praxis in Einzeldarstellungen, I. Band), Leipzig-Wien, 1912, K. K. Üm- 
versitätsbuchhandlung Georg Szelinski, 163 S. 

Der Verfasser will dem praktischen Arzte für die Behandlung von Nervenkrank- 
heiten einen Führer geben und will über alle Methoden, die dem ärztlichen Praktiker 
zugänglich sind, berichten: über die medikamentöse, die hygienisch-diätetische Therapie 
sowie über die physikalischen Heilmethoden, soweit sie nicht in die Spezialistendomäne 
gehören. Leider wird von dem Verfasser die Psychotherapie nur kurz, fast nur als 
Unterabteilung der hygienisch-diätetischen Therapie berücksichtigt. Er erwähnt hier 
die berufliche Tätigkeit, dann die psychische Behandlung des Sexuallebens. 

Dr. Albert Moll. 



Zur Theorie der „fausse reconnaissance" '). 

Von Dr. phil. Richard Hennig, Berlin-Friedenau. 

Es gibt eine ganz erstaunlich grosse Anzahl von Menschen, die 
öfters oder mindestens vereinzelt in ihrem Leben das sonderbare, nicht 
sehr behagliche Gefühl gehabt haben , dass sie während irgend eines 
Ereignisses die sehr bestimmte Empfindung überkommt, genau die- 
selbe Situation unter genau denselben äusseren Um- 
ständen bis in alle Einzelheiten hinein schon einmal 
erlebt zu haben. Oft sind es ganz gleichgültige Vorgänge, welche 
diese Vorstellung auslösen, zuweilen aber auch komplizierte Erlebnisse, 
bei denen jede Logik von vornherein eich sagen muss, es sei vollständig 
undenkbar, dass genau derselbe Komplex von Handlungen und Empfindungen 
schon einmal in genau der gleichen Kombination sich abgespielt habe. 
Und dennoch drängt sich auch in derartigen Situationen, der Stimme 
der Vernunft zum Trotz, der Gedanke des „dejä, vu", der „fausse 
reconnaissance", wie französische Forscher das seltsame Gefühl getauft 
haben, mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt auf. 

In der wissenschaftlichen Literatur lässt sich eine Vertrautheit mit 
dem Problem mit Sicherheit nur bis 1844 zurückverfolgen; damals er- 
örterte der Engländer Wigan zuerst das „Gefühl der Vorexistenz". 
Feuchtersieben bezeichnete dann die gleiche Empfindung als „Phan- 
tasma des Gedächtnisses", Huppert rechnete sie unter seine „Doppel- 
wahrnehmungen", Kraepelin nannte sie „identifizierende Erinnerungs- 
fälschung". Aber alle diese Bezeichnungen sind geschwunden vor dem 
treffenden französischen Ausdrucke „fausse reconnaissance", den besonders 
eine umfassende Monographie von Bernard-Leroy 1898 ä ) in der 
Literatur einbürgerte und den man, gemäss einem Vorschlag Bär walds, 
vielleicht am besten mit „Pseudo-Bekanntheitsgefühl" über- 
setzen kann. 

Die Empfindung der „fausse reconnaissance" findet sich gelegentlich 
schon bei kleinen Kindern ; es sind einzelne Fälle bekannt, dass sie sich 
schon im Alter von 6 Jahren einstellt (vgl. z. B. die Aussage des 
17jährigen Gymnasiasten in Bernard-Leroys Beobachtung Nr. 63*): 
„Das Phänomen seit dem Alter von 6 Jahren bis heut beobachtet"). In 
den eigentlichen Entwicklungsjahren kommt sie offenbar besonders oft 
und gern vor, um im späteren Leben des Erwachsenen in der Kegel 



') Nach einem in der Psycholog. Ges. zu Berlin am 31. Oktober 1912 gehaltenen 
Vortrag. — *) Eugene Bernard-Leroy, „L'illusion de fausse reconnaissance". 
Paris, Alcan. 1898. — 3 ) a. a. 0. S. 212. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 17 



258 Richard Hennig 



seltener zu werden oder auch ganz zu schwinden. Verschiedene Personen 
der B er nard-Leroy sehen Enqu&te Detonten, dass die „fausse recon- 
naissance" nach beendeter Pubertätszeit bei ihnen nicht mehr vorgekommen 
sei (vgl. z.B. Bernard-Leroys Beobachtung Nr. 86 l ): „ihre Häufig- 
keit wuchs bis zu meinem 20. Lebensjahr; dann nahm sie ab"), und 
auch aus meinen eigenen Erfahrungen weiss ich, dass das merkwürdige 
Gefühl, das ich in der Schulzeit einige wenige Male — freilich stets 
nur sehr unbestimmt und nur auf einen Augenblick — empfunden habe, 
seit mindestens 20 Jahren mir nicht wieder begegnet ist, obwohl die 
Wahrscheinlichkeit aus naheliegenden Gründen dafür sprechen sollte, 
dass mit steigendem Lebensalter die Gelegenheit zur „fausse reconnaissance" 
sich immer häufiger einstellt. Sehr oft tritt die „fausse reconnaissance" 
nur als unbestimmtes Gefühl auf, dass uns eine bestimmt zum erstenmal 
durchlebte Situation in undefinierbarer Weise bekannt anmutet; nicht 
selten aber weist sie auch eine peinlich genaue Bestimmtheit auf, die 
selbst das diskordanteste Nebeneinander als zusammengehörig und schon 
einmal gemeinsam wahrgenommen auffasst. Ganz besonders typisch 
hierfür ist vielleicht der folgende, von Dromard-Albes mitgeteilte 
Fall»): 

„Ich lese in meinem Zimmer bei offenem Fenster; vor mir liegt der Roman 
„Quo vadis". Während ich lese, denke ich an Petronius und befasse mich mit der 
Analyse seines Charakters. Ich denke daran und lese weiter, und die Begebenheiten 
der Erzählung defilieren an mir vorbei, während all mein Denken dem antiken arbiter 
elegantiarum gilt. Da sagt mein Nachbar, der die Zeitung liest, mit lauter Stimme 
dazwischen: „Sieh mal! Barnum in Paris!" In demselben Moment habe ich die sehr 
bestimmte Empfindung, denselben Komplex von Eindrücken bereits auf genau dieselbe 
Weise empfangen zu haben. In einer Vergangenheit, die ich nicht präzisieren kann, 
war ich — so kommt es mir vor — bertits hier in demselben Zimmer, im selben 
Anzug, dasselbe Buch lebend, das in mir dieselben Betrachtungen hervorrief. Derselbe 
Freund hat, auf demselben Stuhl sitzend, im selben Journal lesend, die gleiche Be- 
merkung mit der gleichen Stimme fallen lassen." 

In der schönen Literatur ist die „fausse reconnaissance" nicht eben 
selten künstlerisch verwertet worden — ein deutliches Zeichen, dass die 
Schilderung der Erscheinung ohne weiteres auf das Verständnis weitester 
Kreise rechnen kann! In Dickens' „Copperfield", in Zschokkes „Julius", 
in Spielhagens „Hammer und Amboss", in Tolstois „Krieg und Frieden", 
in Frenssens „Peter Mohrs Fahrt" finden sich Beschreibungen des Zu- 
standes, die an Genauigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Als 
Beispiel stehe hier die betreffende Stelle aus dem Dickensschen Roman : 

„Lieber Copperfield, wenn Sie uns nicht an jenem angenehmen 
Nachmittag, den wir bei ihnen zuzubringen das Vergnügen hatten, ver- 
sichert hätten, dass D Ihr Lieblingsbuchstabe sei," sagte Mr. Micawber, 
„so würde ich jedenfalls glauben, es hätte A sein müssen." — Wir 
alle kennen ein Gefühl, das uns manchmal überkommt, als ob das, was 



') a. a. 0. S. 286. — •) J. Ps. Pa. 2, 1905, S. 217. 



Zur Theorie der „fausse reconnaissance". 259 

wir sagen und tun, schon früher vor langer Zeit gesagt und getan worden 
wäre, als ob wir vor uralter Zeit dieselben Gesichter, Gegenstände und 
Verhältnisse um uns gesehen — als ob wir vollkommen voraus wüssten , 
was jetzt gesagt werden wird, als ob wir uns dessen plötzlich erinnerten ! 
Diese geheimnisvolle Empfindung war nie stärker in mir als jetzt, wo 
Mr. Micawber diese Worte sprach." 

Wie man sich derartige Vorkommnisse, die man angesichts ihrer 
Häufigkeit geradezu als Gemeingefühle bezeichnen darf, wissenschaftlich 
erklären und deuten soll, ist bisher nicht einwandfrei festgestellt. Man 
geht aber wohl kaum fehl, wenn man annimmt, dass ein einzelnes 
bekanntes Moment innerhalb einer Summe von neuen Eindrücken das 
falsche Gefühl hervorruft, man habe den ganzen Vorgang schon einmal 
genau ebenso erlebt. Ein einzelnes Wort, eine einzelne Phrase, die wir 
hören oder lesen, haben wir in einem ähnlichen Zusammenhang früher 
schon einmal vernommen, und es erwacht in uns die irrige Meinung, 
wir hätten die ganze Rede, die ganze Abhandlung, die wir jeweilig 
in uns aufnehmen, früher schon einmal kennen gelernt; oder in der 
Summe von Gehörs- und Gesichtseindrücken, die ein beliebiges Erlebnis 
mit sich bringt, mutet ein nebensächliches, vielleicht kaum beachtetes 
Detail uns vertraut an, und alsbald haben wir — man kennt ja die 
verschlungenen, oft kaum kontrollierbaren Wege der Ideenaasoziation — 
die mehr oder weniger deutliche Empfindung, einem Komplex von be- 
kannten, schon einmal erlebten Tatsachen gegenüberzustehen. — Einige 
Beispiele mögen die Berechtigung dieser Vermutung dartun. 

Bernard-Leroy berichtet folgenden Fall 1 ): 

r Ich befinde mich z. B. in einem Salon mit mehreren anderen, teils stehenden, 
teils sitzenden Personen, die sich unterhalten. Plötzlich, in dem Augenblicke, wo jemand 
irgend ein Wort ausspricht, fahre ich zusammen, und es kommt mir vor, als hätte 
ich genau dieselben äusseren Umstände schon einmal erlebt." 

Zwei von Bernard-Leroy befragte Personen erklärten ebenfalls: 

Nr. 74 der Umfrage s ) : „Das Phänomen , das ich ziemlich oft beobachtet habe, 
hatte entweder ein Wort oder einen einfachen Gesichtseindruck als Ausgangspunkt. 
Die Begleitumstände waren stets banal." Und Nr. 65 der Umfrage 8 ): „Im allgemeinen 
stellte sich die Empfindung ein beim Hören irgend einer Redensart oder beim 
Gedanken daran." 

Noch bezeichnender ist der folgende, derselben Enquete entstammende Fall*), 
denn er zeigt zur Genüge, dass etwa stereotype Phrasen, wie sie in politisch aufgeregten 
Zeiten gern als amtliches Beruhigungselixir dargereicht werden, die „fausse reconnais- 
sance" hervorzurufen geeignet sind: die Phrase selbst ist in geringfügiger Variation 
schon einmal oder vielleicht auch schon oft bei früheren Gelegenheiten aufgetaucht, 
und dieses Gefühl der „vraie reconnaissance" zieht die Täuschung nach sich, 
als habe man mit der ganzen Situation schon einmal zu tun gehabt. — Ein Gewährs- 
mann Bernard-Leroys schilderte nämlich seine Empfindungen bei der Lektüre 
einer Rede, die der französische Minister des Auswärtigen am 16. März 1898 über die 
Kretafrage hielt, folgendermassen. Er las in der Zeitung „Echo de Paris" : 

„Gewiss können die Dinge auch ohne Sie geregelt werden. Aber sie würden 



') a. a. 0. S. 29. — *) a. a. 0. S. 229. — •) a. a. 0. S. 217. — «) a. a. 0. S. 163/4. 



260 Richard Hermig 



Bich dann eicher gegen Ihren Willen regeln. Ich frage mich, ob hierfür eine Majorität 
vorhanden ist, angesichts einer Schwierigkeit von verhältnismässig untergeordneter 
Bedeutung, zumal da alle Grossmäcbte einig sind und da wir unsere 
Haltung nach ihrer einmütigen Uebereinstimmung richten." . . . 
Beim Lesen dieser letzten Phrase hatte ich plötzlich den Eindruck, sie schon 
einmal vernommen zu haben, in einem unbestimmten Zeitpunkt, genau in derselben 
Fassung (und mit demselben Tonfall) , dieselbe Zeitung vor den Augen . . . Die 
folgenden 10 Zeilen werden sehr rasch und ohne Störung gelesen, aber die „fausse 
reconnaissance" begann abermals bei der folgenden Stelle der Rede: „In einer sehr 
korrekten Sprache, ohne grosse rednerische Effekte erzielen zu wollen, ist sehr geschickt 
der Versuch gemacht worden, zu erreichen, dass wir im europäischen Konzert 
verbleiben können" . . . Dann hörte die „fausse reconnaissance" plötzlich auf. Ich 
war nur wenige Sekunden der Täuschung verfallen." 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Lektüre politischer Zei- 
tungen in den Zeiten der Balkankrise 1912/13 auf Grund gleicher Ur- 
sachen auch gar manche „fausse reconnaissance" ausgelöst hat. 

Die vorhandenen Berichte erwecken den Eindruck, der auch sonst 
viel psychologische Wahrscheinlichkeit für sich haben dürfte, als ob hei 
einigermassen erregenden Erlebnissen, wie Hochzeiten, Trauerfeien), 
Examensnöten usw., der Boden für eine „fausse reconnaissance" besonders 
gut geebnet sei. Folgende Beispiele sprechen jedenfalls für die die 
Täuschung begünstigende Wirkung der besonders festlichen oder traurigen 
Momente des Lebens, worin übrigens ebenfalls ein Beleg für die obige 
theoretische Erklärung des Phänomens zu suchen ist, denn dass man 
bei Trauerpredigten, Hochzeitsreden, Taufen usw. leichter als sonst an 
frühere ähnliche Situationen und gleichlautende Bedensarten erinnert 
wird, liegt ja in der Natur der Sache. 

Wigan hat schon 1844 den wohl ältesten, in der Literatur be- 
kannten Fall einer sicheren „fausse reconnaissance" beschrieben, der 
für diese Behauptung spricht. Eine Person, die im Jahre 1817 den 
Trauerfeierlichkeiten für die verstorbene Prinzessin Charlotte von Eng- 
land beiwohnte, berichtete nämlich 1 ): 

„Ich war in einen Zustand dumpfer Träumerei verfallen , als ich durch einen 
Ausbruch heftigen Schmerzes des hinterbliebenen Gatten, der in dem Augenblick er- 
folgte, da der Sarg in der Gruft versank, zum Bewusstsein zurückkehrte ... In diesem 
Augenblick empfand ich nicht nur den Eindruck, sondern geradezu die Ueber- 
zeugung, dass ich dieser ganzen Szene bei einer früheren Gelegenheit schon einmal 
beigewohnt hatte, ja, ich glaubte sogar Bchon genau dieselben Worte ver- 
nommen zu haben, die jetzt Sir George Naylor an mich richtete." 

Eine von W. Sander beobachtete, 25jährige Persönlichkeit hatte 
beim Empfang einer unerwarteten Trauerbotschaft die Empfindung der 
„fausse reconnaissance" : 

„Ich war zu Bett gegangen, als man mir meldete: „K. Müller ist gestorben." 
„Müller ist gestorben ! Herr Gott ! Aber er kann doch nicht zum zweitenmal gestorben 
sein." Es schien ihm in der Tat, dass er dieselbe Situation schon einmal erlebt habe, 
dass dieselbe Person ihm dieselbe Nachricht unter denselben Umständen gemeldet habe." 

] ) Wigan, „The duality of the mind", Kap. 9, S. 85— 87, London 1844.- 
2 ) W. Sander, „Ueber Erinnerungstäusohungen" im „Archiv für Psychiatrie und 
Nervenkrankheiten", Jahrg. 1874, S. 244. 



Zur Theorie der „fausse reconnaissance". 261 

Arnaud berichtet von einem seiner Patienten, bei dem die „fausse 

reconnaissance" eine ungewöhnlich kräftige Intensität zu erreichen pflegte 

und schon entschieden ans Krankhafte grenzte: 

„Bei der Hochzeit seines Bruders erklärte er plötzlich, er sei ganz sicher, dass 
er derselben Feier unter denselben Umständen im vorigen Jahr schon einmal beigewohnt 
habe, dass er alle Einzelheiten wiedererkenne und nicht wisse, warum man das alles 
noch einmal wiederhole." 

Noch seltsamer mutet der fast berühmt gewordene Fall einer „fausse 
reconnaissance" während eines Geschichtsexamens an, den Dugas mit- 
geteilt hat. Der Kandidat erklärte nämlich 2 ): 

„er habe genau dieselben Fragen durch denselben Professor in demselben Saale 
und mit derselben Stimme schon einmal vorgelegt erhalten. Auch seine eigenen Ant- 
worten schienen ihm schon einmal gegeben worden zu sein; er hörte sich selbst zum 
zweiten Male." 

Gelegentlich trifft man auch auf die Behauptung, eine bestimmte, 

fälschlich als schon einmal erlebt empfundene Situation mute dermassen 

bekannt an, dass im voraus gewusst worden sei, was nun kommen werde. 

Hierher gehört folgende Schilderung in Zschokkes Novelle „Julius 

oder die Bibliothek des Oheims" 8 ): 

„Ach, Fräulein, wenn man immer fände, was man suchte!" . . . seufzte ich, und 
während ich diese Worte sprach, ward mir, als wäre das schon einmal dagewesen wie 
jetzt, und ich dachte mir ihre Antwort im voraus: „Oft findet man auch Besseres, als 
man sucht." Doch dacht' ich dies nur flüchtig und unklar. Aber sie entgegnete, was 
ich gedacht hatte: „Oft findet man Besseres, als man sucht." Damit ging sie zur 
Tür . . ." 

Auf derartige Behauptungen ist natürlich nicht viel Wert zu legen ; 
vielmehr ist anzunehmen, dass im Fall einer länger anhaltenden „fausse 
reconnaissance" nachträglich kombiniert wird, man habe auf Grund 
des angeblich schon einmal gehabten Erlebnisses vorher gewusst, wie 
die Szene sich weiter abspielen werde. 

Die „fausse reconnaissance" ist wohl stets von einem Gefijhl der 
Unruhe, um nicht zu sagen der Unlust begleitet: sie ruft einen un- 
heimlichen Eindruck hervor, als habe man es mit etwas Unbegreiflichem, 
Mystischem zu tun, das über das Verständnis hinausgeht und deshalb 
recht unbehaglich ist. Jeder einzelne, der ein solches Erlebnis hat, 
sucht sich in seiner Art eine Erklärung zurechtzulegen, wobei der 
individuelle „Geschmack" , die individuelle allgemeine Weltanschauung 
die Art der Deutung in der mannigfachsten Weise zu bestimmen ver- 
mag. Besonders gern scheint eine Lösung des rätselhaften Gefühls in 
der Richtung gesucht zu werden, dass der Mensch annimmt, er habe 
das Ereignis, das in ihm das Gefühl des Bekanntseins hervorruft und 

') Arnaud, „Un cas d'illusion de „diSjä-vu" ou „fausse memoire" in Ann. m6d. 
psychol. Mai-Jnni 1896, S. 445. Paris 1896. — *) Dugas, „Observation sur la fausse 
memoire" in Revue Philosophique, Bd. 87, S. 34. Paris 1894. — 3 ) Gesammelte Schriften, 
Bd. 14, S. 226. 1851. 



262 Richard Hennig 



das er doch bestimmt noch nie zuvor erlebt haben kann, irgend wann 
einmal früher geträumt. 

Zwei Beispiele seien hierfür gegeben. 

Das erste entstammt wieder dem Bernard-Leroy sehen Werk: 

„A. R. kommt eines Abends mit Freunden in einen Bäckerladen. „Kaum ein- 
getreten", berichtet er, „habe ich den sehr lebhaften, ja geradezu unwiderstehlichen 
Eindruck , dieselbe Szene schon einmal erlebt zu haben , und zwar muss dies in der 
letzten Nacht oder in einer anderen im Traum geschehen sein." 

Ein zweiter Fall ähnlicher Art ist noch interessanter, da er erstens 

eine sehr bekannte Persönlichkeit betrifft, den englischen Dichter 

Shelley, und da zweitens die Schilderung deutlich erkennen lässt, 

wie unheimlich ein solches Erlebnis auf den Menschen rückzuwirken 

vermag. Shelley berichtet, wie ihn eines Nachmittags im Spätherbst 

bei beginnender Dämmerung auf einem Spaziergang in der Nähe von 

Oxford beim Anblick einer Mühle eine „fausse reconnaissance" überfiel: 

„Ich erinnerte mich, im Traum vor sehr langer Zeit genau dieselbe Situation 
schon einmal erlebt zu haben. Ein Schauer fasste mich, eine Art von Schreck be- 
mächtigte sich meiner . . . Ich musste den Platz sogleich verlassen." 

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass der einst allgemein 
verbreitete und auch gegenwärtig noch keineswegs ganz erloschene Glaube 
an das Vorkommen prophetischer Wahr- und Wunderträume durch der- 
artige Fälle von „fausse reconnaissance" und die dann naheliegende 
Deutung auf eine Traumvision eine mächtige Anregung erfahren hat. 
Ein Fall, der in Pertys bekanntem, als Materialsammlung wertvollen, 
sonst aber höchst kritiklosen Buch „Die mystischen Erscheinungen der 
menschlichen Natur" berichtet ist, mag als typisch hier angeführt sein, 
denn wenn er auch auf Glaubwürdigkeit nicht den geringsten Anspruch 
machen kann, so ist es doch durchaus möglich, dass er sich genau so 
abgespielt hat, wie Happaoh ihn schildert. Happach hat einen Ruf 
als Pfarrer nach Mehringen bekommen und erzählt nun über sein Ein- 
treffen an diesem Ort: 

„Ich war vormals nie hier gewesen und besuchte jetzt, ehe ich noch anzog, 
vorher die Witwe (des Vorgängers). Sie empfing mich in der Haustüre, und ehe sie 
mich noch in ihre Wohnstube führte, machte sie mir die andere Stubentüre auf, und 
ich war schon darin gewesen; ich fand die drei übereinander gemauerten Sitze, 
wie ich sie im Traume gesehen; ich wunderte mich darüber und hörte, dass es die 
Decke eines Kellerhalses war." 

Happaoh nahm an, die Situation, die zur „fausse reconnaissance" 
führte, volle 30 (!) Jahre zuvor in einem Traum durchlebt zu haben; 
für ihn sowohl wie für den unkritischen Perty ergab sich daraus der 
Schluss, dass es zukunftkündende Wahrträume wirklich gebe. 

Aufs engste verwandt mit derartigen, zum Mystizismus neigenden 
Anschauungen ist der Glaube, der insbesondere der schönen Literatur 
oftmals fruchtbare Anregungen gegeben hat, dass bei der sogenannten 
„Liebe auf den ersten Blick" die vom Verliebten plötzlich leibhaftig 



Zur Theorie der „fausse reconnaissance". 263 

mit Augen geschaute Verkörperung seiner sexuellen Ideale ihm schon 
früher hegegnet und „im Traume erschienen" sei. 

Dieses Motiv ist in zahlreichen Dichtungen behandelt und z. T. 
sogar heträchtlich ausgesponnen worden, so z. B. in Wielands „Oberon 1- 
und in Kleists „Käthchen von Heilbronn". Im letztgenannten Drama 
lautet die wichtigste der hierauf bezüglichen Stellen in der zweiten 
Szene des vierten Aktes, wo das schlafende Käthchen dem Grafen Wetter 
von Strahl sein Innenleben enthüllt: 

..Als ich zu Bett ging, da das Blei gegossen, 
In der Silvesternacht, bat ich zu Gott, 
Wenn's wahr war', was mir die Marianne Bagte, 
Möcht' er den Ritter mir im Traume zeigen, 
Und da erschienst du ja um Mitternacht 
Leibhaftig, wie ich jetzt dich vor mir sehe." 

Auch in Eichard Wagners Musikdramen ist das Motiv des den 
künftigen Liebsten zeigenden Wahrtraumes gleich auffallend oft ver- 
wendet worden, so in der duftigen Liebesszene des dritten „Lohengrin"- 
Aktes, in der Elsa sagt: „Doch ich zuvor schon hatte dich gesehen, 
In sel'gem Traume warst du mir genaht", und weiterhin im vierten 
Akt der „Walküre" mit seiner ganz ähnlichen Situation: 

Sieglinde : 
„. . . Ein Wunder will mich gemahnen : 
den heut zuerst ich erschau, 
mein Auge sah dich schon ! ! 

Siegmund: 
Ein Minnetraum gemahnt auch mich: 
in heissem Sehnen sah ich dk-h schon!" 

Auch in den „Meistersingern" klingt dasselbe Motiv leise an: 

„Eva: Gut' Lene, lass mich den Ritter gewinnen! 

Magdalene: Sahst ihn doch gestern zum erstenmal? 
Eva: Das eben schuf mir so schnelle Qual, 

* Dass ich schon längst ihn im Bilde sah." 

Und im „Fliegenden Holländer" begegnen wir wiederum dieser 
mystischen Formel, allerdings in der ins Wunderbare umgebogenen 
Variante, dass es sich nicht nur um ein Traumbild, sondern ein wirk- 
lich vorhandenes Bild handelt. 

Dass aber nicht nur in der Phantasiewelt der Dichter, sondern 

auch in der lebendigen Wirklichkeit Liebende vermeinen, die geliebte 

Person im Traume geschaut zu haben, beweist ein von Bernard- 

Leroy mitgeteilter Fall: 

„Ich habe an sie den ganzen Tag mit einem sehr schmerzlichen Gefühl gedacht, 
das sich während eines Monats mehrfach erneuerte. Wenn ich mich daran erinnere, 
so meine ich, dass ich sie im Trau nie gesehen habe, denn ich bin vollkommen sicher, 
dass ich ihr an jenem Tage zum erstenmal begegnete." 

In gewissen Fällen geistiger Störung kann die „fausse reconnaissance* 

geradezu zur Manie werden. Fast jedes Erlebnis wollen solche Kranken 



264 Richard Hennig 



schon früher einmal im Traume geschaut oder gar bereits einmal erlebt 
haben. Einen besonders typischen Fall dieser Art hat Arnaud be- 
schrieben: Einer seiner Patienten behauptete 1894, schon im Jahre 1895 
zu leben, weil er alle Ereignisse des Jahres „ein Jahr zuvor" bereits 
einmal durchlebt, alle Tageszeitungen mit der Aufschrift 1894 vor 
Jahresfrist schon gelesen zu haben behauptete. Alles, was er in der 
Heilanstalt erlebte, in die man ihn gebracht hatte, kam ihm bekannt 
vor, alles wollte er in derselben Anstalt ein Jahr zuvor schon einmal 
erlebt haben: 

„Tag für Tag habe ich meinen vorigen Aufenthalt in dieser Anstalt nochmals 
durchlebt . . . Sie haben mir dieselben falschen Nachrichten schon damals zugehen 
lassen, den Tod des Fräuleins X, die Hochzeit des Fräuleins Z. Ich kann daher an 
Frau X nicht schreiben, weil ich nicht weiss, ob die Mitteilung wahr oder falsch ist. 
Ich glaube aber, sie ist falsch, denn ich weiss genau, dass ich dieselbe Sache schon 
im vorigen Jahre gelesen habe . . . Ich werde also an Frau X nicht schreiben, trotz 
der guten Gelegenheit, die mir der Pseudo-Tod ihrer Tochter gibt. Ich werde genau 
ebenso handeln wie beim erstenmal, und ich bin sicher, dass ich ihr im letzten Jahr 
auch nicht geschrieben habe ... In den sechs Monaten, die ich jetzt hier weile, gibt 
es nicht zwei Minuten, die sich von meinem ersten Aufenthalt unterscheiden.^ 

Ein ähnlicher Fall ist mir selbst einmal vorgekommen. Eine stark phantasie- 
begabte Frau stellte sich mir eines Tages als Hellseherin vor und behauptete neben 
mancherlei anderen hellseherischen Fähigkeiten , die bei näherer Betrachtung übrigens 
in nichts zerflossen, auch die zu besitzen, dass sie nachts oder morgens alle die Personen 
halluzinatorisch im Bilde erblicke, mit denen sie im Laufe des Tages erstmalig in 
Berührung kommen solle. Wiederholt erklärte sie mir gegenüber, irgend eine Persön- 
lichkeit, der ich sie zum erstenmal gegenüberstellte, sei ihr schon in der Nacht zuvor 
erschienen. Verschiedene Versuche , diese Behauptung durch exakte Experimente zu 
rektifizieren , scheiterten dann freilich in geradezu kläglicher Weise. In die Enge ge- 
trieben, berief sich diese sonderbare Seherin schliesslich auf das Zeugnis ihres Mannes 
und gab an, dass dieser wiederholt Personen, mit denen das Ehepaar tagsüber unerwartet 
zu tun bekam, auf Grund der Beschreibung ihrer nächtlichen Gesichte wieder erkannt habe. 
Ich benutzte alsbald die erste sich bietende Gelegenheit, um den Ehemann zu befragen, 
ob diese Aussage zutreffend sei , und er erwiderte mir ebenso verständig wie naiv : 
„Nein, ich erkenne die Personen nicht, aber meine Frau erkennt sie wieder." — Ich 
möchte glauben, dass dieser sonderbare Fall mit etwas grotesk-komischem Beigeschmack 
ebenfalls für einen engen Zusammenhang zwischen einer durch krankhaft-exaltierte 
Phantasie genährten „fausse reconnaissance" und angeblicher Hellseherei spricht. 

Verhältnismässig häufig wird die „fausse reconnaissance" auch in 
dem Sinne gedeutet, dass der Mensch glaubt, eine bestimmte, erstmalig 
von ihm durchlebte Szene müsse er in einer unbekannten Vorzeit, in 
einer früheren Existenz auf Erden schon einmal geschaut und empfunden 
haben, und es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, dass der in 
den verschiedensten Philosophien und Religionen aller Zeitalter wieder- 
kehrende Glaube an die Seelenwanderung aus derartigen Erlebnissen 
heraus eine reichliche Speisung erfuhr. So erklärte einst ein zwanzig- 
jähriger Student, als er den Boulevard Haussmann in Paris zwischen 
der Avenue Friedland und dem Place Shakespeare zum erstenmal in 
seinem Leben sah ') : 



') Bernard-Leroy, a. a. 0. S. 175 (Fall 47). 



Zur Theorie der „fausse reconnaissanoe". 265 



.Es erschien mir, dass ich diesen Ort mehrere Jahrhunderte früher schon einmal 
besucht hatte." Bemerkenswert ist es, dass dieselbe Person ein Jahr später an derselben 
Stelle wiederum dieselbe Empfindung, wenn auch in abgeschwächtem Grade, hatte. In 
einem von L a 1 a n d e mitgeteilten Fall hatte eine Person zu wiederholten Malen das 
Gefühl, irgend welche Situationen des Lebens schon von einer früheren irdischen Existenz 
her zu kennen, mit solcher Bestimmtheit, dass sie „energisch" behauptete 1 ): „Diese 
frühere Erfahrung erleichtere ihr die in Angriff genommenen Handlungen." 

Schon Rhys Davids hat die Vermutung ausgesprochen, dass 
selbst die psychologische Wurzel der buddhistischen Seelenwanderungs- 
lehre in der „fausse reconnaissance" zu suchen sei. Neuere Erfahrungen 
und Beobachtungen machen es durchaus wahrscheinlich, dass diese An- 
nahme psychologisch korrekt ist. Es ist zwar gar nicht unmöglich, dass 
auch gewisse philosophische Spekulationen des Altertums über das „grosse 
Weltjahr ", die „Phönixperiode" usw. und die in zahllosen Variationen 
bis auf unsere Zeit stets wiederkehrenden Seelenwanderungsideen letzten 
Grundes auf den wunderlichen Erlebnissen fussen, die heute wissenschaftlich 
als „fausse reconnaissance" bezeichnet werden. Somit wäre mindestens 
ein beträchtlicher Teil des so weit verbreiteten Seelenwanderungsglaubens 
nicht als ein Produkt philosophischer Grübeleien, sondern als eine Wirkung 
psychologischer Tatsachen anzusprechen. 

In jüngster Zeit hat vornehmlich Ottokar Fischer in einer 
gedankenreichen Abhandlung a ) den Nachweis von dem engen Zusammen- 
hang zwischen „fausse reconnaissance" und Seelenwanderungsglaube er- 
bracht. Fischer spricht sogar den kühnen, aber bei näherer Betrachtung 
durchaus plausiblen Gedanken aus, dass auch die modernste philosophische 
Umwandlung des Seelenwanderungsglaubens, die jüngste Wiederaufnahme 
der altgriechischen Lehren von dem „grossen Weltjahr" und der „Phönix- 
periode", dass auch Nietzsches seltsam-trübselige Idee von der „ewigen 
Wiederkunft" alles Geschehenden in engem Zusammenhang mit „fausse 
reconnai88ance"-Eindrücken stehe. Es lässt sich in der Tat fast mit mathe- 
matischer Sicherheit der Beweis liefern, dass Nietzsches Lehre von 
der „ewigen Wiederkunft" unmittelbar durch wiederholte Vorkommnisse 
einer „fausse reconnaissance" des Autors angeregt worden sein muss. 
Ottokar Fischer weist nach, wie der erste Anklang des Gedankens 
der ewigen Wiederkunft, der später im „Dionysos" zu einem System 
ausgebaut wurde, sich bereits im „Zarathustra" findet, und zwar bei 
Gelegenheit einer Beschreibung eines geradezu klassischen Falles von 
„fausse reconnaissance", die durch ein nächtliches Hundegebell und eine 
dadurch neu erwachte, vergessene Kindheitserinnerung ausgelöst wurde. 
Die betreffende Stelle im „Zarathustra" lautet 8 ): 



') A. Lalande, „Sur les paramn6sies" in Rev. philos. Bd. 36, S. 488. Paris 1893. 
— *) „Eine psychologische Grundlage des Wiederkunrtsgedankens" in der -Zeitschr. f. 
angew. Psychologie und psychologische Sammelforschung-, Bd.V, Heft 5/6, S.487 — 515. 
Leipzig 1911. — ') 6, S. 128 ff.: „Vom Gesicht und Rätsel." 



266 Richard Hennig 



„Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein 
selber, und ich und du im Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd — 
müssen wir nicht schon alle dagewesen sein — und wiederkommen und in jener anderen 
Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen, schaurigen Gasse — müssen wir 
nicht ewig wiederkommen?" Also redete ich, und immer leiser: denn ich 
fürchtete mich vor meinen eigenen Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich hörte 
ich einen Hund nahe heulen. Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke 
lief zurück. Ja! Als ich Kind war, in fernster Kindheit: — da hörte ich einen Hund 
so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den Kopf nach oben, zitternd, in stillster 
Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster glauben: — also dass es mich erbarmte. 
Eben nämlich ging der volle Mond, totschweigsam, über das Haus, eben stand er still, 
eine runde Glut . . ." 

Dass Nietzsche stark zur „fausse reconnaissance" neigte, ist 

schon allein hiermit bewiesen. Dass ihm aber auch sein Grundgedanke 

der Wiederkunftslehre durch ein ähnliches Erlebnis geradezu geweckt 

wurde, hat er selbst geschildert ') : 

„Die Grundkonzeption des Werkes, der Ewige- Wiederkunfts-Gedauke, die höchste 
Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann -*- gehört in den August 
des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift 6000 Fuss 
jenseits von Mensch und Zeit. Ich ging an jenem Tage am See von Silvaplana durch 
die Wälder; bei einem mächtigen, pyramidal aufgetürmten Block unweit Surlei machte 
ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke." 

Ottokar Fischer fügt zwar diesen bedeutsamen Darlegungen die 
z. T. damit im Widerspruch stehende Bemerkung hinzu s ) : 

„Ich würde als läppisch jene Behauptung zurückweisen, welche 
etwa formulieren würde: „Anfang August 1881 wurde Nietzsche am 
See von Silvaplana beim Anblick eines pyramidal aufgetürmten Blocks 
von dem Zustande der „fausse reconnaissance" befallen und erhielt der- 
massen den Anstoss zu seiner Wiederkunftstheorie. " 

Ich persönlich vermag eine solche Behauptung durchaus nicht 
als „läppisch" zu empfinden und meine sogar, dass 0. Fischer selbst 
die Belege für die Richtigkeit einer derartigen Annahme beigebracht 
hat und den Nachweis, dass Nietzsche durch offenbar jahrelang 
wiederholte Erlebnisse von „fausse reconnaissance" gewissennassen 
prädestiniert dafür war, dass ein besonders intensives, neues Vorkommnis 
dieser Art seine Aufmerksamkeit erregte und ihn zwang, sich philosophisch 
mit solchen sich häufenden, unerklärlichen Eindrücken irgendwie abzu- 
finden. 

Nietzsche sagt zwar nicht geradezu, dass er dort am See von 
Silvaplana die Empfindung des Pseudo Bekanntheitsgefühls verspürt 
habe, aber es kann dies kaum zweifelhaft sein, da er eben zur 
„fausse reconnaissance" neigte und da dies Gefühl gerade auf Spazier- 
gängen, wohl infolge der kräftigen körperlichen Anregung, besonders 
gern zum Durchbruch kommt. Wir hörten schon oben (S. 262), wie 
Shelley auf einem Spaziergang bei Oxford eine besonders lebhafte 



') Brief an Peter Gast vom 3. September 1883. — ») a. a. 0. S. 509. 



Zur Theorie der „fausse reconnaissance". 267 

„fausse reconnaissance" verspürte, ein von Du gas mitgeteilter Bericht 
zeigt uns ebenfalls eine ganz auffällige Aehnlichkeit mit dem Empfindungs- 
und Gedankenprozess, den Nietzsche an jenem Augusttage des Jahres 
1881 durchgemacht haben muss und der die Lehre von der „ewigen 
Wiederkunft" gebar. Bei Dugas heisst es nämlich: 

, Eines Tages begegnete es mir, dass ich bei einem Spaziergang im Freien er- 
schrocken innehielt, indem ich feststellte, dass ich den soeben verflossenen Augenblick 
genau ebenso schon einmal erlebt hatte." 

Ebenso berichtet Anjel 1 ) über sich selbst: 

„Auf mehrstündigen Spaziergängen hatte ich beim Anblick eines Denkmals, 
eines Platzes, einer Schlossfassade oft das Gefühl, schon einmal gelebt and den- 
selben Gegenstand unter gleichen Umständen gesehen zu haben." 

Ja, Kraepelin, der die „fausse reconnaissance" ebenfalls aus 
eigener Erfahrung kannte, knüpft seine Definition des Begriffs geradezu 
an die Erlebnisse auf Spaziergängen an 2 j : 

„Unsere eigene Person steht mitten drin in der Täuschung, es überfällt uns gegen 
unser besseres Wissen plötzlich das unentrinnbare und gebieterische Gefühl, dass wir 
von dieser Person schon einmal gehört, mit denselben Personen (unter gleichen Um- 
ständen) auf dem gleichen Berggipfel gestanden haben." 

Wie kann unter solchen Umständen eigentlich noch ein Zweifel 
daran bestehen, dass Nietzsches vielbefehdete Lehre von der „ewigen 
Wiederkunft" durch eine Reihe von Erlebnissen des Pseudo-Bekanntheits- 
gefübls unmittelbar inspiriert worden sein muss? 

Nur vermutungsweise sei an dieser Stelle dem Gedanken Ausdruck 
gegeben, ob nicht vielleicht auch Goethe als ein Beweis für die enge 
Verwandtschaft zwischen „fausse reconnaissance" und Seelenwanderungs- 
ideen angeführt werden kann. Die berühmte Stelle in seiner Selbst- 
biographie, in der er von der Begegnung mit einem gespenstischen 
Doppelgänger nach dem letzten Abschied von Friederike Brion erzählt, 
schildert uns zwar zunächst nur eine gewöhnliche Gesichtshalluzination, 
wie sie in Zuständen schwerster Gemütsdepression nicht eben selten zu 
sein pflegt; aber der wunderlichste Zug in diesem Bericht, das „hecht- 
graue Kleid mit etwas Gold", das die Doppelgängergestalt vom August 
1771 angeblich trug und das dann Goethe bei seinem erneuten Besuch 
in Sesenheim im September 1779 wirklich angelegt hatte, ist möglichen- 
falls (wenn das Ganze nicht etwa bloss eine einfache Erinnerungs- 
täuschung ist, wofür eine nicht ganz geringe Wahrscheinlichkeit spricht) 
auf eine „fausse reconnaissance" bei Gelegenheit des Besuches von 1779 
zurückzuführen. 

Andererseits aber finden wir bei Goethe ungefähr in derselben Zeit 
seines Lebens eine über das bloss Spielerische hinausgehende Hinneigung 



') Anjel, „Beitrag zum Kapitel über Erinnerungstäuschungen" im „Archiv für 
Psychiatrie", Bd. 8, S. 67-64. Berlin 1878. — ») Arch. f. Psychologie, 1887, S. 425. 



268 Richard Hennig: Zur Theorie der „fflusse reconnaissance". 

zum Seelenwanderungsglauben, die besonders durch seine merkwürdige 

Aeusserung über Frau von Stein bezeugt wird: 

„Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, 
anders nicht erklären, als durch die Seelen Wanderung. — Ja, wir waren einst 
Mann und Weib!" 

Nicht unwichtig erscheint mir die Feststellung, dass auch umgekehrt 
durch die Ueberzeugung von der Tatsächlichkeit der Seelenwanderung 
gelegentlich, unter besonders günstigen Umständen, eine „fausse recon- 
naissance" ausgelöst werden kann. Ein typisches Beispiel hierfür liefert 
eine Mitteilung Flournoys über sein klassisches Trance-Medium Helene 
Smith. Bei dieser hat sich, wie es bei Trance-Medien verhältnismässig 
häufig vorkommt, durch die wunderbaren Leistungen und Fähigkeiten 
im Trance-Schlaf, mit der Anhängerschaft an den Spiritismus auch die 
so häufig damit verbundene Ueberzeugung von der Wirklichkeit der 
Seelen Wanderung ausgebildet und als Folge davon die von Flournoy 
in ihren Wirkungen so wundervoll studierte „fixe Idee", sie selber sei 
in ihrer letzten Existenz auf Erden niemand anders gewesen als die 
Königin Marie-Antoinette. Als sie nun im November 1900 aus Genf 
zum erstenmal in ihrem Leben nach Paris kam, waren alle Vorbedingungen 
in selten günstiger Weise beisammen, um in ihr den Wahn hervorzurufen, 
dass sie in einer früheren Existenz die in der neuen Umgebung empfangenen 
Eindrücke schon einmal empfunden habe. Tatsächlich weiss denn auch 
Flournoy von ihr zu berichten 1 ): 

„In den an ihre in Genf gebliebene Mutter gerichteten Briefen sprach Helene 
davon, dass in Paris sie nichts überrasche und dass sie die Empfindung habe, dort 
schon lange gelebt zu haben . . . „Ich überschritt einen grossen Platz und empfand 
während der ganzen Zeit des Hinübergehens ein Zittern in den Armen, in den Händen 
und im Kopf ; eine schreckliche Angst schnürte mir das Herz zusammen, und ich beeilte 
mich, wieder fortzukommen ... Ich wurde mir darüber klar, dass ich den Platz 
Ludwig XV. s ) überschritten hatte." 

Es ist gar kein charakteristischer Beweis dafür denkbar, dass eine 
„fausse reconnaissance" auch durch Autosuggestion ausgelöst werden 
kann, die in diesem Fall um so naiver anmutet, als der Place de la 
Concorde von 1900 mit dem von 1793 wohl nicht mehr die geringste 
Aehnlichkeit hat. Immerhin wird aus naheliegenden Gründen der Seelen- 
wanderungsglaube als Ursache der „fausse reconnaissance" nur sehr 
selten vorkommen, wenn nicht der Flournoy sehe Fall gar als ganz 
vereinzeltes Vorkommnis zu bewerten ist; und der umgekehrte Prozess, 
die „fausse reconnaissance" als eine Ursache des Seelenwanderungs- 
glaubens, dürfte jedenfalls die Regel darstellen. 



') „Nouvelles observations sur un cas de somnambulisme avec glossolalie" im 
..Archive de Psychologie", Dezember 1901, S. 216/7. — s ) Der Platz, auf dem Marie- 
Antoinette hingerichtet wurde, heute: Place de la Concorde. 



(j. Flatau : Zur Psychologie des Schamgefühls. 2G9 

Zur Psychologie des Schamgefühls. 

Von Dr. G. Flatau, Nervenarzt in Berlin. 

Ueber das Schamgefühl nachzudenken hat sehr viel Verlockendes. 
Zwar arbeiten wir damit wie mit einem fest begründeten Begriff; das Ge- 
setz kennt sogar einen Normalmenschen mit einem feststehenden Scham- 
gefühl, dessen gröbliche Verletzung zu ahnden ist. Aber, wie es so 
häufig geschieht, wenn wir solchen Begriffen, die ein allgemein fester 
Besitz zu sein scheinen, zu Leibe gehen, das scheinbar gut begrenzte 
und sicher begründete wird schwankender, die Umrisse zerfliessen, sie 
gehen in die anderen ähnlichen Begriffe über und statt klarer Ant- 
worten auf unsere Fragen, statt deutlicher , umschriebener Forschungs- 
resultate, erhalten wir immer neue Probleme, neue Fragestellungen und 
müssen uns oft mit Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen abfinden, 
die unser Kausalitätsbedürfnis wohl beruhigen, ohne aber ihm völlig zu 
genügen. So wird es uns in mancher Hinsicht auch bei der Psycho- 
logie des Schamgefühls gehen. 

Aber vielleicht ist es schon interessant genug, nur die Probleme, 
die Fragestellungen, die Ausblicke Revue passieren zu lassen, An- 
regungen zu geben und zu empfangen. 

Es ist doch auffällig — und auch Havelock-Ellis klagt dar- 
über, dass die Psychologen dem Schamgefühl keine besondere Aufmerk- 
samkeit geschenkt haben. In den Lehrbüchern der Psychologie wird 
es meist mit wenigen Worten abgetan; es scheint, als ob die Schwie- 
rigkeiten der Erfassung abschreckend gewirkt hätten. 

Gehen wir vom Sprachgebrauch aus , so können wir eine Reihe 
von Situationen feststellen, bei welchen es zur Entstehung von Scham- 
gefühl kommt; d. h. ich sage hier noch nichts über den Begriff selbst 
aus, sondern führe nur an, bei welchen Gelegenheiten Menschen aus- 
sagen, dass sie Scham empfinden. 

1. Jemand kann sich seiner Eltern oder Geschwister schämen, weil 
deren Stand oder ihre Aufführung ihm zu seinen Verhältnissen nicht 
zu passen scheint. 

2. Ein Knabe schämt sich seines ärmlichen Anzuges, seiner zer- 
rissenen Stiefel, gegenüber seinen besser gekleideten Mitschülern. 

2 a. Ich kenne aber auch ein Kind, das sich schämt, wenn es rein 
und neu gekleidet ist, unter seine Kameraden zu gehen. Hierüber wird 
weiter unten noch zu sprechen sein. 

3. Jemand schämt sich, wenn er bedenkt, dass er Tags zuvor im 
Rausche sich übel aufgeführt hat. Er sagt vielleicht, er schäme sich 
vor sich selber. Und ein solches „sich schämen vor sich selber" hören 



270 G- Flatau 



wir auch oft hypothetisch geäussert: „Wenn ich das oder das täte, oder 
gesagt hätte, würde ich mich vor mir selbst schämen". 

4. Der Feige schämt sich, dass er nicht mehr Mut gezeigt, und 
das Gefühl der Scham kann den yon Hause aus Feigen zu Taten der 
Tapferkeit anfeuern, um es den Kameraden gleich zu tun und der ihm 
peinlichen Empfindung zu entgehen. Das Schamgefühl kann in solchen 
Fällen so überaus unangenehm empfunden werden, dass jede Furcht 
und Scheu vor Gefahr überwunden wird. 

Wenn jemand sagt, er schäme sich vor sich selber, wie im Bei- 
spiel 3, so spaltet er seine Persönlichkeit in zwei Teile, von denen der 
eine gewissermassen die handelnde Person, der andere das zuschauende 
Publikum darstellt. 

Nach den bisherigen Beispielen setzt das Schamgefühl eine Um- 
gebung von Personen voraus; eine Wechselbeziehung von Lebewesen; 
es verlangt ein Vergleichen und Bewerten. Simmel drückt es so aus, 
„die Scham sei die Scheu, sich von anderen abzuheben, und betont da- 
mit ein sehr wichtiges Element des Schamgefühls. 

Wir dürfen vorweg sagen, dass das Schamgefühl einen Vorgang 
von besonders hoher sozialer Bedeutung darstellt, von einer sozialen 
Bedeutung, welche z. B. die der Schmerzgefühle bei weitem übertrifft. 
Dieses nämlich kann durch leblose anorganische Dinge erregt werden. 
Ich kann mich an einer Felskante stossen, mich an einer Nadel ritzen, 
mich an einem Feuer verbrennen, das alles sind keine beseelten Wesen, 
die mir körperlichen Schmerz machen, obwohl natürlich das auch der 
Fall sein kann. Ganz anders ist es mit dem Schamgefühl; dieses kann 
nur erregt werden durch beseelte oder beseelt gedachte Wesen, ja ich 
gehe noch weiter und sage, nur beseelte oder beseelt gedachte Wesen, 
schliesslich Menschen können ein Schamgefühl im Menschen er- 
regen. 

Ferner lehrt uns das bisher Betrachtete: Das Schamgefühl ist ein 
komplizierterer psychischer Vorgang, es kann daher, wie sich späterhin 
noch zeigen wird, erst ein später erworbener Besitz sein; da es kein 
primitives Gefühl, kein psychisches Element ist, so ist es ein variabler 
Besitz der Psyche, er sitzt gewissermassen loser und kann im Krank- 
heitsfalle eher Schaden leiden, als andere psychische Vorgänge. 

Wir sehen weiter, dass wir Schamgefühl empfinden gegenüber an- 
deren Personen. Das eigene Verhalten wird dem des anderen ver- 
glichen und als unter wertig beurteilt; aber Simmel hatte schon ein 
Element der Scham in dem Sichabheben des Einzelnen gesehen, und hier 
kann der Vergleich so ausfallen, dass zunächst das Gefühl aufzufallen 
entsteht, während das Werturteil noch nicht gefällt ist: das Werturteil 
kann sogar eigentlich dahin gehen, dass unser Verhalten besser ist, als 
das der anderen und doch kann ein Schamgefühl entstehen. So wäre 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 271 

ea zu erklären, dass sich der Knabe (2a) schämte, wenn er rein und 
neu gekleidet war, zu seinen Kameraden auf die Strasse zu gehen. Hier 
mischt sich offenbar der Furcht aufzufallen noch ein Element der 
Scheu und Schüchternheit hinein; wir wissen noch nicht, wie man uns 
gegenübertreten wird. 

Ehe wir dies weiter verfolgen, gedenken wir noch einiger Bei- 
spiele, wie Scham erregt werden kann. Nicht nur unser Sein und 
Verhalten kann das tun, sondern auch das Verhalten der anderen. Das 
Tun eines Familienmitgliedes, der Volksgenossen, des engeren Gremium, 
zu dem ich freiwillig oder durch Zwang gehöre, kann Anstoss erregen. 
Das Offizierkorps, das unwürdige Mitglieder hat, der Deutsche, der er- 
fährt, dass Volksgenossen Landesverrat begehen, kann anderen Völkern 
gegenüber Scham empfinden. Der Schamempfindende identifiziert sich 
oder glaubt sich dann mit den Angehörigen identifiziert und vergleicht 
sich mit den anderen Berufsverbänden oder Volksstämmen und empfindet 
sich als minderwertig, weil er ein Teil eines Ganzen ist, welchem die 
Minderwertigkeit zugeschrieben wird. 

Ich antizipierte bei der Erklärung der gegebenen Beispiele, dass 
dem Schamgefühl zunächst ein Vergleichen und sodann ein Urteil zu- 
grunde liegt. Bewiesen habe ich das eigentlich noch nicht, sondern 
habe die Beispiele für sich sprechen lassen ; es könnte nun eingewendet 
werden, dass die Beispiele uns ja nur Formen des Sprachgebrauches 
geben, bei denen von psychischen Zuständen gesagt wird, dass sie ein 
„Sichschämen" darstellen; es ist daher zweckmässig, den vorhandenen 
psychischen Zustand psychologisch weiter zu betrachten. Ohne jeden 
Zweifel steht fest, dass es sich beim Sichschämen nicht um ein pri- 
mitives Gefühl handelt, wir müssen Hohenemser in dieser Beziehung 
durchaus bestimmen, wenn er sagt: „Das Schamgefühl ist kein Gefühl 
im gewöhnlichen Sinne, sondern ein Seelenzustand, d. h. ein Spannungs- 
zustand mit Unlustgefühl, eine psychische Stauung; nach Lipps tritt 
eine psychische Stauung immer ein, wenn das psychische Geschehen 
gleichzeitig nach zwei oder mehreren Richtungen gelenkt werden soll. 
Die Wirkung der psychischen Stauung ist zunächst eine Hemmung der 
Funktionen. 

Ich glaube, man kann das bei der Scham begleitende Unlustgefühl 
noch spezieller als ein Peinlichkeitsgefühl bezeichnen, es hat un- 
bedingt etwas Quälendes an sich und drängt mit Macht dazu, davon 
frei zu werden und der Scham veranlassenden Ursache zu entgehen oder 
irgendwie sich von ihr zu befreien ; es ist daher doch nicht völlig zu- 
treffend, hier, wie vielfach geschieht, von einer Lähmung zu sprechen, 
die Stauung gleicht eher einer Aufspeicherung von Kräften; die Kraft- 
äusserung nach Durchbrechung der Stauung kann eine sehr intensive 
sein, wie das Beispiel 4 deutlich zeigt. 



272 G- Flatau 

Wie aber entsteht das Peinlichkeitsgefühl? 

Beschämung tritt überall da ein, wo wir, sei es in unserem äusseren 
Auftreten, sei es in unserem Können und Leisten, in den Augen anderer 
nicht so erscheinen, wie wir unserem Selbstgefühl nach wünschen 
(Jodl). 

Die Scheu, sich von anderen abzuheben, u. zw. in einem für uns 
ungünstigen Sinne, führt zur Scham. Die Beurteilung, ob das der Fall 
ist, treffen wir hauptsächlich durch eine Wertvergleichung. 

Hohenemser drückt das so aus, dass er sagt: das Auftreten 
eines isolierten Bewusstseinsinhaltes führt zu psychischer Stauung; die 
Isoliertheit ist aber nicht immer eine logische, weil aus logischen Gründen 
der Bewusstseinsinhalt der Persönlichkeit nicht eingeordnet werden kann, 
sondern auch aus Gründen der Wertung; und gerade das letztere ist 
bei der Scham das Charakteristische. 

Der Bewusstseinsinhalt kann der Einordnung in die Persönlichkeit 
widerstreben, weil er höher bewertet wird, als die Persönlichkeit; der 
Zwang der Einordnung und das Widerstreben gegen ihn macht jenen 
Zustand unlusterfüllter Spannung, der als Stauung zu bezeichnen ist. 
Aber derselbe Zustand kann eintreten, weil ein Bewusstseinsinhalt, der 
niedriger bewertet wird, einzuordnen ist; das soll speziell nach Hohen- 
emser auf die sog. sexuelle Scham zutreffen. 

Nun ist aus dem bisher Gesagten ersichtlich, dass ein Komplex 
psychischer Geschehnisse erst das Schamgefühl zusammensetzt. Wahr- 
nehmung, Urteil, Wertung im Gefühl ergeben erst den psychischen Zu- 
stand, den wir als Schamgefühl bezeichnen, daher ist klar, dass wir 
Schamgefühl erst auf einer höheren Stufe der Entwicklung sowohl des 
einzelnen Individuums als des Volkes erwarten können, und ich nehme 
vorweg, dass beim Tier das Gefühl nicht vorauszusetzen ist, jedenfalls 
wäre es absurd, beim nicht domestizierten und dressierten Tiere eh) 
Schamgefühl anzunehmen; ob die Beobachtungen an solcher Art ver- 
änderten Tieren, welche auf Schamgefühl zu deuten scheinen, richtig 
sind, darauf will ich hier nicht eingehen. Jedenfalls glaube ich a priori 
es leugnen zu müssen, dass bei den Tieren Schamgefühl vorhanden sein 
kann. Wir werden annehmen dürfen, dass die Entwicklung dessen, was 
wir als Schamgefühl bezeichnen, ebenso notwendig geschah, wie die 
aller anderen psychischen Eigenschaften gleichen Grades, dass es all- 
mählich primitivere Komplexe abgelöst hat, welche die Wurzeln des 
Schamgefühls enthielten oder darstellten. In diesem Betracht hätte es 
wohl Sinn, auf das Verhalten der Tiere einzugehen und auch das, was 
wir vom primitivsten Menschen wissen, zur Erklärung des Schamgefühls 
heranzuziehen, dabei darf aber nicht vergessen werden, dass das, was 
uns Forscher von Volksstämmen auf niederster Kulturstufe berichten, 
doch einen Grad von Entwicklung darstellt, der dem von uns gedachten 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 273 

primitivsten Menschen noch durchaus nicht zukommt. Das differen- 
zierte Schamgefühl der heutigen Kulturmenschen ist in vieler Hinsicht 
verschieden von dem, welches wir dem primitiven Menschen zuschreiben 
dürfen. (Das ganze Gefühls- und Vorstellungsleben ist fortschreitend 
verändert, aber seine Wurzeln sind gewiss im Tier und im primitiven 
Menschen auffindbar, ebenso steht es mit dem Schamgefühl.) An sich 
sagt uns die Gefühlsbetonung im engeren Sinne, wie ein seelischer Vor- 
gang vom Gesamtbewusstsein aufgenommen wird; erscheint er als er- 
wünscht oder wünschenswert oder erstrebenswert, ordnet er sich also 
gewissermassen wie eine Ergänzung ein, so ist er lustbetont; ist das 
Gegenteil der Fall, so ist er unlustbegleitet. Den schamerregenden Dingen 
muss also ein Fremdes, Unberechtigtes anhaften, da ihr erstes die Er- 
regung von Unlust ist; mit der Ausbildung des Persönlichkeitsgefühls 
und ganz besonders mit der Ausbildung der Vorstellungen des Eigen- 
wertes werden nicht allein die Angriffsflächen wachsen, sondern die Ge- 
legenheiten zu Vergleichungen , zu Werturteilen vermehrt werden; die 
Mannigfaltigkeit der Lebensäusserungen , der Beziehungen zur Umwelt 
wird wachsen. Wir sehen schon, dass das Werturteil im Schamgefühl 
eine grosse Rolle spielt, das Werturteil wird aber durch Vergleichung 
und Abwägung unseres Seins und Verhaltens mit dem der Mitlebenden 
gewonnen. Ein Ereignis wird zu einem schamerregenden, also unlust- 
betonten, dadurch, dass es unsere Persönlichkeit als gemindert er- 
scheinen lässt. 

Wählen wir noch andere Beispiele : ein junger Mann wird wegen 
eines begangenen Fehlers von seinem Vorgesetzten in Gegenwart an- 
derer hart angelassen. Ein anderer erhält eine körperliche Züchtigung. 
Beiden kann das Gefühl der Beschämung erregt werden, da sie finden, 
dass die Art der Bestrafung, mögen sie eine Strafe an sich verdient haben 
und als berechtigt ansehen, weder ihrem Lebensalter noch ihrer Stellung 
entspricht. Hier haben wir einen Eingriff in die Persönlichkeit, welcher 
als unberechtigt empfunden wird, die jungen Menschen fühlen sich in ihrem 
Eigenwert vor sich selbst herabgesetzt und gemindert; sie vergleichen 
sich mit den Alters- und Standesgenossen, denen dergleichen nicht wider- 
fährt, und das Gefühl der Scham kann auch dann vorhanden sein, wenn 
die Bestrafung ohne Zeugen erfolgte, denn alle übrigen Bedingungen 
des Minderungsgefühles sind auch ohnedies gegeben. 

Jetzt können wir auch in bezug auf die früheren Beispiele sagen, 
dass die Vergleichung und Eigenwertschätzung, welche eigenes Verhalten 
oder das der anderen gegen uns veranlasst, auch dann zu Schamgefühl 
führen kann, wenn andere gar nicht von diesen Dingen erfahren, also 
die Herabsetzung nicht in den Augen anderer erfolgt, sondern lediglich 
auf sich selbst beschränkt bleibt. Es kann also auch jemand sich einer 
Handlung schämen, von der er allein weiss, wenn er nur findet, dass 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 18 



274 G. Flatau 



die Vorstellung der Tat ihn vor sich selbst als gemindert erscheinen 
lässt, das wird also dann der Fall sein, wenn sein Werturteil über die 
Tat seinem sonstigen Persönlichkeitswert widerspricht — es ist leicht 
einzusehen , dass das Werturteil hier auch nur durch Vergleichen ge- 
funden wird; gewiss aber wird dabei auch die Befürchtung, auch 
anderen Personen minderwertig zu erscheinen, mitsprechen — ; wir 
werden noch hören, dass beim sexuellen Schamgefühl die Furcht eine 
Rolle spielen soll. In dieser Beziehung könnte man nur von einer 
antezipierten Furcht sprechen. Wie kommt es aber, dass man sich eines 
Verhaltens halber zu einer Zeit schämt, zu anderer nicht? Ich kann 
als Erwachsener mich eines Verhaltens in der Kindheit schämen, welches 
mir seinerzeit keine Scham erregte. Wenn ich mein Verhalten aus der 
Kindheit reproduziere, so gewinnt es für mich den Gegenwartswert; es 
kann als gegenwärtige Vorstellung sich der Einordnung in mein jetziges 
psychisches Leben widersetzen, damit sind die Vorbedingungen des 
Schamgefühls gegeben, ich widerstrebe der Einordnung, weil der Komplex 
mir minderwertig erscheint; die fertig gedachte Zugehörigkeit des Kom- 
plexes zu mir veranlasst mich, meinen Wert verringert zu sehen; alles 
das war in einer vergangenen Zeit nicht der Fall, so dass ein Schämen 
damals nicht erfolgte. 

Das Vorhandensein und die Begründung eines Persönlichkeitsgefühls 
wird mit zu den Voraussetzungen des Schamgefühls gehören; dass dieses 
je nach dem Grade der Entwicklung der Volksstämme und Individuen 
schwanken muss, bedarf keines besonderen Beweises. 

Der primitive Mensch wird sein Persönlichkeitsgefühl lediglich aus 
seiner Körperlichkeit empfunden haben. Seine Tauglichkeit und Aus- 
dauer im Umherstreifen, in Jagden, Kriegen wird eben die Empfindung 
gegeben haben, sich von den andern Menschen nicht unvorteilhaft ab- 
zuheben; wo aber durch körperliche Mängel er sich andern gegenüber 
minderwertig erschien, wird das Unlust erzeugende Gefühl des Minder- 
wertes aufgetaucht sein , das Gefühl der Wertlosigkeit gegenüber dem 
Stärkeren, Gewandteren, die Scheu, solchen Besseren gegenüberzutreten, 
kurzum das Schamgefühl. Das wiederum musste bestimmte Körper- 
reaktionen auslösen, unter denen das Sichverbergen eine grosse Bolle 
spielte. Die Auslösung dieser Reaktion kann nur die Abwehr des Ein- 
griffes in die Persönlichkeit bedeuten. Sie musste sich gewissermassen 
in Andeutung vollziehen, wenn das Entrinnen und Verbergen nicht mehr 
möglich war. Auch heute ist der körperliche Ausdruck der Schamreaktion 
das Verbergen und Abwehren. Das Gefühl, in den Erdboden versinken 
zu müssen vor Scham, bedeutet nichts anderes, als den lebhaften Wunsch, 
sich den Blicken der Umgebung zu entziehen, seine Persönlichkeit vor 
dem Schamgefühlerregenden zu flüchten. An Stelle der ausgeführten 
Bewegung tritt zunächst das Senken des Kopfes oder das Seitwärtswenden, 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 275 



wobei der scheue Seitenblick sich von der Dauer und Grösse der Scham - 
gefahr zu überzeugen sucht. Insbesondere charakteristisch tritt das beim 
Kinde auf, das sich nicht begnügt, den Kopf und Körper abzuwenden, 
sondern auch die Augen bedeckt, um nicht zu sehen, in der Meinung, 
dass, was es nicht sähe, auch nicht vorhanden sei. Die Bewegung hat 
etwas Plötzliches, Reflexartiges, zu vergleichen dem Schreckreflex und 
wie dieser begleitet von einem starren Pesthalten der Stellung, wie bei 
einer vorübergehenden starren Lähmung. Damit sind aber die körper- 
lichen Reaktionen nicht beendet, die vorübergehende Lähmung erstreckt 
sich auch auf die Blutgefässe, speziell des Gesichtes und des Kopfes; 
es beschränkt sich aber das erzeugte Erröten durchaus nicht auf das 
Gesicht, sondern geht auch oft auf Hals und Brust über. Bemerkens- 
wert ist, das es hier halt zu machen scheint und die Extremitäten und 
den Rumpf im übrigen freilässt. Auch die blosse Vorstellung scham- 
erregender Dinge, die Reproduktion solcher Erlebnisse kann sich mit 
Gesichtsrötung verbinden. So ist auch die Gesichtsrötung, die bei sen- 
siblen Personen auftritt, wenn Dinge vor ihnen erwähnt werden, die sie 
begangen haben, von denen aber der Erwähnende nichts weiss und die 
der Sprechende nicht auf sie bezieht, als Schamröte anzusehen. Es ist 
zweifelhaft, wie man das Schamerröten zu deuten hat, vielleicht soll es 
wie eine Maske wirken, um das Gesicht zu verbergen oder unkenntlich 
zu machen. 

Es brauchen aber die körperlichen Schamreaktionen nicht durchaus 
in der beschriebenen Weise aufzutreten, sondern der Betroffene sucht das 
Schamerregende auf andere Weise aus dem Umkreis seiner Persönlichkeit 
zu beseitigen. So durch Fortwenden des Blickes, Wechseln des Gesprächs- 
themas, scheinbares Uebersehen oder Ueberhören dessen, was ihm an- 
stössig erschien (ich meine dabei anstössig durchaus nicht nur im sexuellen 
Sinne, sondern denke dabei an alles, was in Unlust erregender Weise 
gegen die Persönlichkeit sich gewaltsam eindrängt und was fern von ihr 
gehalten werden soll und nicht in sie eindringen darf, was wie etwas 
Feindliches gegen sie anstösst). 

Die ersten Schamgefühlsauslösungen müssen durch die Körperlichkeit 
des Menschen entstanden sein, Vorstellungen der Schwäche, der Un- 
gewandtheit, das Gefühl, durch irgendwelche Körpereigenschaften auf- 
zufallen, abzustossen, muss die erste Anregung zu jenen peinlich betonten 
Urteilen eigener Minderwertigkeit gegeben haben. Der lebhafte Wunsch, 
den Grund des Schamgefühls zu vermeiden, gibt weiterhin den Anstoss, 
jene Eigenschaften, die es hervorriefen, abzulegen. Darauf kommen wir 
noch weiter unten zurück. So erklärt sich auch, dass Havelock-Ellis 
in der Furcht, Widerwillen zu erregen, eine der Wurzeln des Scham- 
gefühls sieht; Hohenemser stimmt dem allerdings nicht bei, ich glaube 
aber, wenn man es so fasst, dass die antezipierte Furcht, Widerwillen 



276 G. Flatau 



erregt zu haben, zu dem peinlich betonten Werturteil führen kann, so 
darf man Havelock-Ellis' Ansicht wohl gelten lassen und kann sie 
verstehen. Ohne weiteres führen von diesem körperlichen Schamgefühle 
die Entwicklungslinien weiter zu dem sogenannten sexuellen Schamgefühl, 
derjenigen Abart, die den meisten Menschen als Scham par excellence 
gilt und an welche sie einzig und allein denken, wenn von Scham die 
Bede ist; auch der Gesetzesparagraph, auf den oben schon hingedeutet 
wurde, bezieht sich lediglich auf das sexuelle Schamgefühl. Indessen 
für vieles, was dem sexuellen Schamgefühl zugerechnet wird, passt besser 
die Bezeichnung des körperlichen Schamgefühls, auch die Einführung 
des Begriffes des Naturalienschamgefühls, wie Jodl es vorschlägt, scheint 
mir zur Klärung der Sachlage von grossem Nutzen. Auch ihm ist das 
sexuelle Schamgefühl nichts anderes als eine spezielle Form des Be- 
schämungsgefühles, welches jeden Abbruch des Selbstgefühls und der 
Würde begleitet. B u s c h an meint, das Schamgefühl, speziell das sexuelle 
sei nicht angeboren, es sei etwas Konventionelles, es sei von der Be- 
kleidung des Körpers ursprünglich unabhängig gewesen. Der moderne 
Begriff der Schamhaftigkeit und die Auffassung der Naturvölker haben 
wenig miteinander gemein. Bei Hohenemser dagegen lesen wir, die 
Scham vor dem Beinsexuellen sei tief in der menschlichen Natur be- 
gründet. Am wenigsten scheint mir Forel das Wesen des Gefühls 
erfasst zu haben, wenn er seinen Ursprung in der Angst und Schüchternheit 
gegenüber dem Neuen und Ungewohnten sieht und es daher bei den 
Kindern am ausgesprochensten findet. Ich gedenke noch zu zeigen, dass 
das Schamgefühl bei den Kindern sich anders verhält. 

Den ersten Schritt, sagt Iwan Bloch, auf dem Wege der Indi- 
vidualisierung der Liebe bezeichnet die Entstehung des geschlechtlichen 
Schamgefühls. Es ist nichts Angeborenes, sondern ein spezifisches 
Kulturprodukt, ein Entwicklungsphänomen, das dem nackten, aber auch 
dem bekleideten Menschen eigentümlich ist — Schamgefühl und Kleidung 
haben sich miteinander entwickelt. 

Ich meine, dass auf dem langen Wege von dem körperlichen Scham- 
gefühl bis zu seiner Abart, dem rein sexuellen Schamgefühl, sich eine 
ganze Reihe von Einflüssen in der Entwicklung bemerkbar machen 
musste; von den religiös- magischen Vorstellungen spricht auch Havelock- 
Ellis, ebenso von den Einflüssen von Gewohnheiten, aus denen Bich 
rechtliche Schranken der Sexualität ergeben; das macht es begreiflich, 
wenn wir noch den Einfluss der Lebensweise, der Ernährung, des Klimas 
dazu fügen, dass bei dem Vergleich des Verhaltens sich so vielerlei 
Schwankendes und Gegensätzliches aufzeigen lässt. 

Weniger das Verbergen bestimmter Körperteile ist die erste 
Aeusserung des körperlichen Schamgefühls als die Ausübung der Funktionen 
im Verborgenen. Hier mögen wohl die Empfindungen, während der Zeit 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 277 

wehrlos zu sein, eine Rolle gespielt, damit aber auch das Gefühl sich 
verbunden haben, dass die Ausscheidungen, deren Absetzung geschieht, 
Widerwillen erregen. Beides Dinge, die Havelock-Ellis als Wurzeln 
des Schamgefühls anführt. Dass die Erwägung, die Teile seien an sich 
nicht ästhetisch schön, zur Bedeckung geführt habe, ist wenig ein- 
leuchtend ; denn erstens ist das Urteil nicht allgemein richtig, man ver- 
gleiche nur, was Bölsche darüber sagt, und zweitens sind auch andere 
Teile des Körpers oft mit den Gesetzen des ästhetisch Schönen in Wider- 
spruch, ohne dass das Grund wäre, sie zu bedecken. Wir sehen ja 
gerade bei manchen Völkern die Tendenz, die Sexualteile recht auf- 
fallend zu machen. Eher könnte man denken, dass — da die Natur 
die Ausführungsgänge an verborgenen Stellen plaziert hat — der Mensch 
diese Tendenz durch Einhüllen und Verbergen noch gestärkt habe. Es 
ist nicht unwahrscheinlich, dass das Schamgefühl sich von da weiter auf 
das Genitale und dessen Funktion erstreckt hat und nunmehr mit der 
Zivilisation, mit der Vergeistigung des Geschlechtstriebes auch das 
Schamgefühl, ganz besonders die genitalen Funktionen und alles Drum 
und Dran betroffen hat. Wir sind heute geneigt, absolut sichere Be- 
ziehungen zwischen Keuschheit, Sittsamkeit und Schamgefühl anzunehmen 
und sind ganz besonders geneigt, das Schamgefühl mit der Neigung zur 
Bekleidung und Entblössung in Relation zu setzen. Eine Ansicht, zu 
der viele Ethnologen sich nicht bekennen mögen. Sagt doch Peschel 
geradezu : Keuschheit und Sittsamkeit seien unabhängig von dem Mangel 
oder der leichten Erregbarkeit des Schamgefühls; doch, fährt er fort, 
bezeichnet das Erwerben des letzteren eine Hebung des Volkes. Bevor 
irgend ein Mensch auf den Einfall geriet, sich zu bedecken, muss von 
ihm Hässliches und Schönes unterschieden sein, daher müssen die ältesten 
ästhetischen Regungen der Ursprung der Bekleidung gewesen sein. 

Kommen wir noch einmal auf die Definition des Schamgefühls 
zurück, so werden wir es begrenzen als einen Seelenzustand, bei welchem 
unter einem Unlust- und Peinlichkeitsgefühl eine Minderung der Per- 
sönlichkeit empfunden wird. 

Wir dürfen in dem körperlichen Schamgefühl ein solches erkennen, 
bei welchem der Seelenzustand insbesondere durch Vorstellungen, die 
sich auf den Körper und seine Funktionen beziehen, hervorgerufen wird. 
Setzen wir statt körperliches Schamgefühl den ganz speziellen Fall des 
sexuellen Schamgefühls, so werden es im wesentlichen Vorstellungen 
sexueller Natur sein, welche den charakteristischen Seelenzustand hervor- 
rufen. Offenbar sind die Grenzen zwischen dem körperlichen und dem 
sexuellen Schamgefühl keine festen; wir dürfen sogar sagen, dass 
letztere in dem ersteren enthalten sind, da Sexualvorstellungen durch- 
aus nicht nur von dem Genitale im speziellsten Sinne hervorgerufen 
werden, sondern von verschiedenen Körperteilen ausgehen können, so 



278 G. Flatau 



werden Beziehungen zu solchen auch sexuelles Schamgefühl jederzeit 
auslösen können. 

Wenn wir die früher genannten Beispiele nun übertragen denken 
in andere Volks- und Landessitten, so werden wir sehen, dass die Vor- 
stellung der Wertminderung durchaus wechselnd sein kann. Ja sogar 
im gleichen Volke sind die Vorstellungen, worüber man Scham empfinden 
müsse — ich spreche eben jetzt vom Schamgefühl im allgemeinen — , 
durchaus wechselnd. Der eine schämt sich durchaus nicht, auf der 
Anklagebank gesessen zu haben, der andere nimmt eine öffentliche 
Züchtigung ohne Schamgefühl hin, während der andere diese Dinge zum 
Anlass der Selbstvernichtung nimmt, weil das Schamgefühl in ihm zu 
lebhaft ist \ so wechseln die Anschauungen im Laufe der Jahrhunderte, 
so wechseln sie auch mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, 
sie können wechseln mit der Veränderung des Milieus, in welchem der 
Mensch lebt, sie sind beeinflussbar durch Beispiel und erzieherische 
Massnahmen. Das sexuelle Schamgefühl zeigt nur diese Abhängigkeit 
und Variabilität in einem ganz besonders grossen Masse, doch unter 
solchen Bedingungen, dass ein gewisses Bestreben, bestimmte Funktionen 
zu verbergen, stets erkennbar ist. Das Verbergen bezieht sich nicht 
allein auf das Körperliche dabei, sondern auch auf die Scheu und die Ab- 
lehnung, davon zu sprechen. 

Freilich dürfen wir mit unseren heutigen Begriffen von Schamgefühl 
nicht als absolutem Wertmesser an die Beurteilung gehen, und nichts 
hat mehr geschadet als die allgemeine Idee, dass die Bekleidung aus 
Gründen der Schamhaftigkeit entstanden sei, denn das würde weiter zur 
Folgerung führen, dass im Punkt der Schamhaftigkeit die Völker am 
meisten vorgeschritten seien, die sich am meisten bedeckten, eine Meinung, 
die durch die ethnologische Forschung ganz und gar widerlegt wird. 
Eine Bemerkung v. d. Steinens lässt uns erfahren, dass die Bakairi, 
welche völlig nackt gehen, sich verbergen, wenn sie Nahrung zu sich 
nehmen, bei ihnen tritt also das Schamgefühl beim Essen auf; unwill- 
kürlich gedenkt man eines Tieres, welches seinen Anteil am Raube 
beiseite trägt, damit ihm nichts genommen wird, vielleicht ist auch hier 
wieder an die Wehrlosigkeit , welche beim Nahrungaufnehmen besteht, 
zu denken. Das Verbergen der Frau und der sexuellen Funktionen mag 
mit der Raubehe zusammenhängen, das geraubte Weib musste verborgen 
gehalten werden, auch die Wehrlosigkeit, die im Augenblicke des sexuellen 
Verkehrs vorhanden ist, mag mit zu den Wurzeln des sexuellen Ver- 
bergungsdranges gehören. Mit Recht wiesen auch Autoren darauf hin, 
dass die Sicherung des Besitzes der Frau bei der Erziehung zur Scham- 
haftigkeit eine Rolle gespielt haben muss, die grössere Schamhaftigkeit 
des Weibes aber ist — nach Ellis — auch auf die beim weiblichen 
Tiere nachweisbare Periodizität zurückzuführen; ursprünglich weist das 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 279 

Tier ausserhalb der Brunstzeit den männlichen Bewerber ab, später dient 
die scheinbare Abweisung zur Erhöhung des Reizes für das Männchen ; 
diese Wurzel soll auch in der grösseren weiblichen Scbamhaftigkeit zur 
Geltung kommen. 

Wir hatten schon auf manches hinweisen können, was die Sitten 
und besonders die Schamhaftigkeit beeinflusst, die religiös magischen 
Vorstellungen verdienen eine Erwähnung, diese führen zur Bedeckung 
der Schamteile, weil die Entblössung Unheil hervorruft. Insofern die 
Sitte durch religiös magische Vorstellungen bestimmt wird, unterstützen 
diese die Schamvorstellungen; wie Wundt ausführt, erstreckt sich das 
Schamgefühl stets auf solche Teile des Körpers, die nach der Sitte be- 
deckt getragen werden. Er verweist auf das auch bei Havelock-Ellis 
zitierte Beispiel der Hottentottenfrau, die, wenn man ihr die Hinter- 
schürze nimmt, sich sofort auf den Boden setzt und nicht zu bewegen 
ist, sich zu erheben. Der Schutz und die Bedeckung dienen manchen 
Völkern dazu, den Einfluss böser Geister fernzuhalten. Wundt sieht 
in der Lendenschnur der Frauen ein aus dem Bandzauber entnommenes 
Motiv und widerspricht der Annahme, als sei sie ein Ueberrest früher 
gebräuchlicher Bekleidung. Wo das männliche Besitzrecht besonders 
stark betont war, wird auch die grössere Schamhaftigkeit der Frau sich 
entwickelt haben, weil hier der Schutz des Eigentums im Vordergrunde 
steht und schon die geringste Entblössung als Verletzung des Herren- 
rechtes gedeutet werden konnte. 

Gehen wir jetzt zu einer genauen Betrachtung der jetzigen Ver- 
hältnisse über, die das sexuelle Schamgefühl betreffen, so lassen sich 
folgende Tatsachen' feststellen : 

Das sexuelle Schamgefühl ist offenbar bei den heutigen Menschen 
— ich halte mich im wesentlichen an die germanischen Völker — ganz 
besonders stark entwickelt; Staat und Gesellschaft beweisen ein lebhaftes 
Interesse an der Erhaltung des Schamgefühls und treten jedem wirklichen 
und vermeintlichen Angriff auf dasselbe streng entgegen. Zum Teil mag 
das mit dem gesteigerten Individualleben zusammenhängen mit dem von 
jedem geforderten Schutz der Persönlichkeit, mit der Wertschätzung der 
Persönlichkeit- Zu der Persönlichkeit gehört aber auch die Kleidung, 
sie ist uns nicht nur Schutz gegen die Witterungseinflüsse, sondern sie 
bedeutet uns Schmuck und Charakterisierung. Daher werden Mängel 
irgendwelcher Art schon als schamverletzend empfunden, auch wenn es 
sich nicht um Entblössung spezieller Körperteile handelt. Im allgemeinen 
steht aber die Entblössung, die Nacktheit an erster Stelle; diese wird 
perhorresziert, aber auch ihre Beschreibung, ihre plastische Darstellung. 
Die Erwähnung vieler Körperteile ist auch Gegenstand des Anstopses, 
so dass Umschreibungen gewählt werden, weiterhin steht unter dem 
Banne des Schamgefühls die Erwähnung der Funktionen, soweit sie die 



280 G. Flatau 

Ausscheidungen und die Sexualität betreffen, und schliesslich werden 
auch die Kleidungsstücke gerne verborgen, nicht nur solange sie am 
Körper getragen werden, sondern auch wenn sie abgelegt sind; auch 
ihre Besprechung folgt nur ungern, und Umschreibungen sind beliebter 
als die ursprüngliche Bezeichnung. 

In allen diesen Dingen können wir aber Modifizierungen unter- 
scheiden, und wir finden wiederum auch Gelegenheiten, bei denen Ent- 
blössung gefordert wird und das Fehlen derselben peinlich empfunden wird. 

Nun kann das Schamgefühl erregt werden einmal durch das eigene 
Verhalten gegenüber anderen, sei es, dass das zufällig geschieht, sei es 
mit Absicht. Man kann unbekleidet unter bekleidete Menschen geraten 
und sich seiner Nacktheit schämen ; man denke nur an die oft empfundenen 
peinlichen Traumsituationen, bei welchen man nackt oder im Hemd in 
eine bekleidete Gesellschaft gerät; natürlich wird es normalerweise so 
sein, dass, weil ich weiss, dass das mein Schamgefühl erregt, ich mich 
hüten werde, das zu tun; Schamgefühl kann aber entstehen, wenn mir 
der Anblick von Dingen zugemutet wird, die sonst verborgen werden. 
Wenn sich eine Person vor mir entblösst oder plastische Darstellungen 
derart vor mir gezeigt werden, kann ich das als Eingriff empfinden, ich 
kann dann denken : wenn ich so entblösst wäre, würde ich mich schämen, 
und übertrage dann das supponierte Schamgefühl der anderen auf mich, 
oder es ist auch möglich, dass die Nacktheit sexuelle Vorstellungen er- 
regt und dass ich Scham darüber empfinde, dass das unter Umständen 
vorkommt, in denen ich es weder wünsche, noch erwarte. Das Scham- 
gefühl kann verstärkt werden, wenn das verletzende Moment nicht eine 
Persönlichkeit allein betrifft, sondern eine Mehrzahl, so dass gewisser - 
massen eine Kumulation des Seelenzustandes eintritt, dadurch, dass an- 
genommen wird, auch die anderen empfinden alle das Gleiche. Insbesondere 
wenn das Publikum aus Personen verschiedenen Geschlechts besteht, 
wird die Steigerung eine ganz erhebliche sein können. 

Man kann bei irgend einer Gelegenheit ungewiss sein, wie das 
Verhalten auf andere wirken wird. Hat man den Eindruck, dass bei 
den anderen Scham nicht erregt wird, so kann der Seelenzustand aus- 
bleiben, bzw. die Anfänge desselben wieder schwinden. Auch wenn ich 
mich in den Seelenzustand anderer versetze und deren negative Reaktion 
gegenüber Schamverletzendem beobachte, kann die ursprüngliche Regung 
seh winden. So sagt v. d. Steinen über seine Eindrücke unter den 
nackt gehenden Indianern: „Diese böse Nacktheit sieht man nach einer 
Viertelstunde gar nicht mehr, und wenn man sich absichtlich ihrer er- 
innert und sich fragt, ob diese nackten Menschen, Vater, Mutter und 
Kinder, die dort arglos umherstehen, wegen ihrer Schamlosigkeit ver- 
dammt oder bemitleidet werden sollten, so muss man entweder lachen 
wie über etwas unsäglich Albernes oder dagegen Einspruch erheben wie 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 281 

gegen etwas Erbärmliches." Vom ästhetischen Standpunkte hat die 
Hüllenlosigkeit ihr Für und Wider wie alle Wahrheit. Jugend und 
Kraft scheinen in ihren zwanglosen Bewegungen oft entzückend, Greisen- 
tum und Krankheit in ihrem Verfall oft schauderhaft. Unsere Kleidung 
erschien jenen Leuten so merkwürdig wie uns ihre Nacktheit. 

Die Erzwingung einer Entblössung wird von uns als erheblich 
schamerregend empfunden werden, sie wird einen starken Grad von 
Beeinträchtigung der Persönlichkeit herbeiführen, die Stärke des Scham- 
gefühls kann einem körperlichen Schmerzempfinden gleichkommen; dieses 
Bewusstsein kann Menschen dazu veranlassen, erzwungene Entblössung 
als Strafe zu verhängen; es kann sich eine Art sadistischer Betätigung 
darin kund tun, dem gleichkommen würde eine gewissermassen geistige 
Entblössung, wie sie der Erzähler obszöner Anekdoten verübt, der ein 
Vergnügen daran findet, jüngeren weiblichen Personen die Schamröte 
ins Gesicht zu treiben. Völlig zurücktreten sehen wir das Schamgefühl 
in Augenblicken der Gefahr, bei Schiffbrüchen, Feuersbrünsten, bei der 
Notwendigkeit ärztlicher Eingriffe; ferner aber bei beruflichen Ver- 
richtungen; die hierdurch bedingte Nacktheit wird gewöhnlich nicht als 
schamverletzend empfunden, ich erinnere an das Modell des Künstlers 
und der Künstlerin; an das gemeinsame Arbeiten medizinbeflissener 
Männer und Frauen in der Klinik. Hier überragt das Berufsinteresse, 
der wissenschaftliche Trieb alles andere , so dass es zu einer Scham- 
erregung nicht kommt und nicht kommen soll, was auch immer an 
Menschlichem zur Besprechung und zur Demonstration gelangt. 

Am seltsamsten stellt sich der Einfluss des Konventionellen dar: 
die Projektion des Schamgefühls auf Körperteile, so die Verhüllung des 
Gesichts bei den türkischen Frauen, das Verbergen der Füsse bei den 
Chinesinnen. Zuviel ist schon von der Sitte des Dekollettierens , von 
den engen hochgerafften Röcken, von Miedern usw. gesprochen worden 
und ich kann mir den Hinweis auf die Merkwürdigkeit schenken, dass 
der angeblich weniger schamhafte Mann stets bis zum Halse in einem 
Futteral steckt, während bei Gelegenheiten die so viel schamhaftere Frau, 
das keusche junge Mädchen sich in erstaunlich freier Weise entblösst, 
ja sogar eher Scham empfinden würde, als einzige im geschlossenen 
Kleide zu erscheinen. Es gibt ja Gelegenheiten, bei denen der höhere 
Grad von Festlichkeit sich durch die Tiefe des Kleiderausschnitts mar- 
kieren muss. 

Auch der Einflüsse der Situation muss gedacht werden. Am ge- 
meinschaftlichen Strande der Seebäder mischen sich die Geschlechter in 
allen Arten von Badeanzügen; letztere dienen dazu, die Illusion einer 
Verhüllung zu geben, damit die Schamhaftigkeit auch hier nicht ver- 
letzt werde. Manche schwedische Strandbäder verschmähen auch diese 
Konzession. 



282 G. Flatau 

Wie wir die Entwicklung des Schamgefühle beim primitiven Men- 
schen verfolgt haben, so wird es nützlich sein, ihr auch beim Kinde 
nachzugehen. Die Frage so zu stellen : „besitzt das Kind ein an- 
geborenes Schamgefühl, welches durch Erziehung beeinflusst wird, oder 
hat es ein solches nicht, bezw. würde, wenn die Erziehung keinen 
dahingehenden Einfluss nimmt, ein Schamgefühl sich nicht entwickeln", 
ist für unsere Verhältnisse nicht möglich. Es läset sich kein Fall 
konstruieren, in welchem nicht auf das heranwachsende Kind Einflüsse 
ausgeübt werden, die aus den angeborenen Elementen jene Art seelischer 
Reaktion entwickeln. Natürlich kann ein Schamgefühl dem Säugling 
nicht eigen sein; aber die Wurzeln müssen vorhanden sein, und die 
Entwicklungsrichtung ist als vorgezeichnet durch die jahrtausendelange 
Vererbung anzusehen; die Frage ist nun die: wie und wie weit soll 
ein Schamgefühl sich entwickeln ; ist das Schamgefühl etwas Nützliches 
und Notwendiges, muss es geschützt und bewahrt werden, ist es be- 
rechtigt, von einem Zuviel und Zuwenig zu sprechen, welche Kriterien 
bieten sich dafür? Welche Gefahren drohen ihm; ferner soll auch das 
Schamgefühl des erwachsenen Menschen geschützt werden? Was ge- 
schähe, wenn das nicht geschieht, welche Gefahren liegen hier vor. Sie 
sehen, eine Unzahl von Fragen, deren restlose Beantwortung nicht mög- 
lich erscheint. 

Moll spricht einmal von Kinderaussagen und unterscheidet die 
Kinder, welche dabei ein unverdorbenes Schamgefühl und solche, welche 
ein erheucheltes zeigen. 

R i b b i n g spricht von der gewaltigen, veredelnden und kulturellen 
Kraft des weiblichen Schamgefühls. Er sieht darin einen wichtigen 
Faktor in der sexuellen Ethik. 

Bloch nennt die Prüderie ein irregeleitetes Schamgefühl, erkennt 
ein natürliches, berechtigtes Schamgefühl, es ist eine Schranke der Lust, 
es leitet die Vergeistigung und Veredelung des Sexualtriebes. 

Ganz merkwürdig äussert sich Jean Jacques Rousseau; er sagt : 
„Die Schamhaftigkeit, die Begleiterin des schlechten Gewissens war mit 
den Jahren gekommen usw." Offenbar werden hier Scheu und Scham- 
haftigkeit verwechselt. 

Ein körperliches, sexuelles Schamgefühl besitzt das Kind im ersten 
Kindesalter zunächst nicht, es entblösst sich ohne alle Scheu, es kennt 
keine Bedenken bei seinen Bedürfnissen, auch der Anblick des Nackten 
bei anderen Personen, bei Bildern, Statuen, die Wahrnehmung der Funk- 
tionen löst keinerlei als echamhaft zu deutende Regung aue. 

Mehrere Mädchen von 8 — 10 Jahren , die ich beim Besuch von Museen beob- 
achtete, betrachteten Statuen, Bilder, die nackte Männer darstellen, ohne jede Scheu 
und Verlegenheit, ohne jede Veränderung, die auf eine Schamreaktion schliessen liess. 

Im Seebade Hessen sich Knaben und Mädchen im Alter von 8 — 10 Jahren in 
der gleichen Badezelle auskleiden ; als ihnen das verboten wurde , hatten sie nur eine 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 283 

erstaunte Frage nach dem Grunde des Verbots. Vor Jahren, als die Wogen der Un- 
sittlichkeitsbekämpfung sehr hoch gingen, brachte ein Witzblatt folgenden charakte- 
ristischen Scherz. Der Herr Pfarrer trifft den neunjährigen Peter nnd sagt: „Aber, 
Peter, ich hatte doch verboten , dass ihr Jungen und Mädchen zusammen badet und 
du hast es gestern doch getan." „Ja, u sagte der Kleine, „aber wie ich gestern an 
ili n Teich kam, waren alle schon ausgezogen und da habe ich sie nicht mehr aus- 
einander gekannt." In einem dänischen Seebade badeten drei Kinder von 4 — 8 Jahren, 
zwei Knaben und ein Mädchen völlig unbekleidet an der Hand des Vaters. Nach 
einigen Tagen kam der Badeaufseher und ersuchte den Vater, den Kindern Badehosen 
anzuziehen, da sich Herrschaften beschwert hätten. Die Kinder begriffen den Grund 
der Massregel nicht. 

Jedenfalls also erscheint dem ersten Kindesalter die Nacktheit in 
keiner Weise anstössig. Ganz junge Kinder kann man schwer davon 
abhalten, sich ganz zu entblössen, sie zeigen sogar eine grosse Lust an 
der Nacktheit des eigenen Körpers ; ich erkläre dies teils aus dem Spiel- 
trieb, der völlige Bewegungsfreiheit der Glieder fordert, teils aus dem 
Hautlufthunger, aus dem Lustgefühl, das die Luft dem Körper gewährt, 
sobald sie auf die unbedeckte Haut trifft. Wir empfinden ja das Gleiche 
oft genug, wenn bei lauer, warmer Witterung wir der Last der Klei- 
dung ledig, den Körper der Luftströmung aussetzen, und je öfter das 
geschehen ist, je mehr die der Luftatmung entwöhnte Haut wieder daran 
gewöhnt wird, desto intensiver wird das Gefühl der Annehmlichkeit. 
Eine sexuelle Lust ist das beim Kinde nicht, wie Freud behauptet 
hat. Ebenso, wie bei den Primitiven, ist es also auch beim Kinde wohl 
nicht die Nacktheit, welche die ersten Schamregungen verursacht, vor- 
ausgesetzt natürlich, dass nicht erzieherische Einflüsse zu allererst darauf 
hinwirken, aber gemeinhin werden wir die ersten Regungen derart zu 
erwarten haben von dem Widerwillen, den die Ausscheidungen erregen ; 
dabei wird auch die erste Neigung zum Abseitsgehen und Verbergen 
auftreten, noch verstärkt durch die Massnahmen der Wartung und 
Pflege. Ein weiteres Element der Entblössung ist übrigens in der 
Zeigesucht zu sehen, der Sucht, sich schön und vorteilhaft zu demon- 
strieren. Beim Tier sehen wir dies Zurschautragen der Körpereigen- 
schaften bei buntgefiederten Vögeln zum Beispiel. Es ist hier das Zu- 
sammentreffen von angeborenen Elementen mit Einfluss der Umgebung 
am deutlichsten zu erkennen. Die Zeigesucht wird eingeschränkt und 
später variiert durch Einflüsse der Umgebung, der Mode, der Sitte, und 
da die Kinder weiterhin merken, dass vieles, was mit dem Körper zu- 
sammenhängt, und vor allem die sexuellen Funktionen verborgen ge- 
halten werden, so entwickelt sich das Schamgefühl im allgemeinen zu 
dem, wie wir es täglich bemerken. Man muss natürlich nicht glauben, 
dass die Erziehung lediglich durch die gegebenen Vorschriften und Ver- 
bote wirke, oft ist die Einwirkung des Beispiels viel stärker. Da in 
unseren Breiten die Menschen bekleidet gehen, so wird die Nacktheit 
als ein Ausnahmezustand empfunden, es wird vom Kinde unter rieh- 



284 Gk Flatau 

tiger Anleitung erkannt, dass eine Entblössung nur bei bestimmten Ge- 
legenheiten stattfinden dürfe. Der Fehler, der von Erwachsenen leicht 
begangen wird — worauf ich an anderer Stelle bereits hingewiesen 
habe l ) — ist der, das wir unser — der Erwachsenen — Gefühl zu leicht 
in den Kindern wiederzusehen glauben, dass wir den Einfluss nackter 
Darstellungen auf das Kind uns viel lebhafter vorstellen, als es in der 
Tat sein kann; so hindert uns unser eigenes Feinlichkeitsgefühl, indem 
wir es beim Kinde in gleicher Stärke vermuten, in jener ruhigen und 
harmlosen Weise über den Körper und die sexuellen Funktionen zu 
sprechen, die allein richtig und angezeigt wäre. Es wäre nun sehr 
verlockend, hier das Thema der sexuellen Aufklärung anzuschneiden 
und das Für und Wider zu erörtern, indessen will ich doch davon ab- 
sehen, zumal da Moll die Frinzipien der sexuellen Aufklärung in aus- 
reichender Weise unter Berücksichtigung aller Verhältnisse auseinander- 
gesetzt hat, ich kann dem dort Gesagten nur zustimmen. 

Dass natürlich eine falsche Erziehung ein schädliches Uebermass 
von körperlicher Scham erzeugen kann, darüber ist kein Zweifel. Wenn 
man immerfort die Nacktheit als etwas Tadelnswertes hinstellt, und 
Kindern schon in frühester Zeit für jede Entblössung Strafe androht, 
weil sie etwas Hässliches und Verabscheuenswertes tun, wenn man ihnen 
Bilder und plastische Darstellungen anzusehen verbietet, nur weil Körper- 
teile an ihnen unbekleidet sind, bringt man jene Form des Scham- 
gefühls zustande, die als Prüderie bekannt ist und von Einsichtigen 
verlacht wird. Dann züchtet man Kinder heran, die sich vom Arzte 
nicht untersuchen lassen, weil ihnen das Auskleiden eine seelische Qual 
ist. Aus diesen werden dann Erwachsene, die körperliche Uebel zu 
unheilbaren Graden fortschreiten lassen, weil sie ihren Körper nicht den 
Blicken anderer aussetzen wollen, nicht etwa nur den Angehörigen des 
andern Geschlechtes. So empfinden das Gleiche z. B. weibliche Kranke 
weiblichen Aerzten gegenüber; und ich kenne Knaben, welche sich nur 
unter Anwendung grosser Ueberredung vor dem Arzte entkleiden. Natürlich 
schützt eine solche Erziehung durchaus nicht vor sexuellen Regungen 
und vor Unarten. Erst vor kurzem hatte ich ein 25jähriges Mädchen 
zu untersuchen, das seit der Kindheit masslos masturbierte , und nur 
mit Mühe zu bewegen war, sich zur Untersuchung ein wenig zu ent- 
kleiden. Das Mädchen stammte aus einer gebildeten Familie und war 
äusserst strenge und fromm erzogen worden. Eine solche scheinbare 
Steigerung des sexuellen Schamgefühls ist bei Masturbanten häufig, sie 
verbindet sich mit Scheu, Schüchternheit und Neigung zu unmotiviertem 
Erröten. Nur in diesem Betracht ist die Bemerkung Bousseaus richtig 
zu verstehen: „Die Schamhaftigkeit, die Begleiterin des schlechten Ge- 

') G. Flatau, Neurasthenia sexualis, 1912. Fischers med. Verlag (H. Korn- 
feld, Berlin). 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 285 

wissens, war mit den Jahren gekommen, sie hatte meine natürliche 
Schüchternheit unüberwindlich gemacht usw." Wenn nun Bloch die 
Prüderie als ein irregeleitetes Schamgefühl bezeichnet — „es ist nichts 
anderes als Anschauen des Nackten mit verhehlter Begierde", so geht 
daraus hervor, dass es ein notwendiges und richtig geleitetes Scham- 
gefühl geben muss, er erkennt das auch an, wie schon oben erwähnt 
war, als eine Schranke der Lust zur Vergeistigung und Veredelung des 
Seraaltriebes. Ich sehe die grosse Schwierigkeit darin, die genaue 
Grenze zu ziehen, und zu sagen, soweit ist das Schamgefühl berechtigt, 
und was darüber hinausgeht, ist nicht berechtigt. Es haben sich nur 
wenige die Mühe gegeben, diese grosse Schwierigkeit zu klären und 
beseitigen zu helfen ; sie sind wohl bereit, Uebertreibungen und Lächer- 
lichkeiten zu geissein, Uebergriffe der Behörden zurückzuweisen, was 
aber das berechtigte Schamgefühl sei, was es im Menschenleben 
bedeute, wann es geschützt werden müsse, darüber erfährt man nur 
wenig. 

Wenn wir anerkennen, dass im psychischen Leben sich nur solche 
Dinge entwickeln und durchsetzen, die in ihrem Kern ein Notwendiges 
und Berechtigtes darstellen , so werden wir diese Voraussetzung auch 
auf das Schamgefühl anwenden dürfen und müssen; es ist, wie oben 
schon angedeutet wurde, als eine Schutzreaktion anzusehen, die Ein- 
griffe in unsere Gesamtpersönlichkeit abwehren lässt, der Weiterent- 
wicklung des Individuums dient, indem es hilft, Situationen und Hand- 
lungen zu meiden und die Lebensbetätigung so zu gestalten, dass ein 
berechtigtes Sichschämen nicht oft auftritt. Der Bedeutung in sozialer 
Beziehung war oben schon gedacht worden, hier hilft eine Betrachtung 
des negativen Zustandes uns wesentlich weiter, wir finden, dass wenn 
infolge von Erkrankungen die Schamschranke durchbrochen wird, es zu 
Handlungen kommt, wie sich entkleiden, nackt auf die Strasse laufen, 
Entleerungen coram publico ; obszöne Geberden und Handlungen werden 
verübt, das Verhalten im täglichen Leben, bei Essen und Trinken zeigt 
etwas Ungehemmtes, das Aeussere wird vernachlässigt in einer Art, 
die die Umgebung verletzt. Attentate auf Personen des anderen Ge- 
schlechts kommen nicht so selten vor. Die Verletzung der Gebote des 
eigenen und des bei anderen vorausgesetzten Schamgefühls machen die 
Kranken sozial unbrauchbar, das sich Abheben in ungünstiger Weise 
von der Umgebung, die Scheu Widerwillen zu erregen, werden nicht 
mehr empfunden. Das geistige und seelische Verbergen, das Sich- und 
Andereschützen, wird nicht mehr geübt. 

Der Alkohol wirkt offenbar häufig deletär auf die durch das Scham- 
gefühl gegebenen Hemmungen; in akuter Weise bekommt man das an 
der Kneiptafel zu sehen, bei welcher sich die Fidelitas zur Urfidelitas 
und manchmal noch zu einem höheren Grade steigert, der treffend als 



286 Ö- Flatau 



Suitas bezeichnet wird, und sich durch einen erheblichen Grad von 
sexueller Hemmungslosigkeit in Worten, Geberden und Liedern charak- 
terisiert. Neben diesen akuten und vorübergehenden Schamgefühls- 
lähmungen bringt aber der chronische Alkoholismus auch dauernde her- 
vor, die von denen der schweren Psychosen nicht abweichen. 

Aus dem negativen Beweise mag die Wichtigkeit der Schamschranke 
noch deutlicher erschlossen werden. Aber die Veränderlichkeit, der Ein- 
fluss des Konventionellen, der Sitte, der Gewohnheiten bringt es doch 
dahin, die Grenzen so undeutlich erscheinen zu lassen, dass wir vor- 
läufig einmal uns damit begnügen, zu sagen: Das Schamgefühl ist eine 
in der kulturellen Entwicklung begründete, notwendige psychische Re- 
aktion, seine Wurzeln liegen im Körperlichen und übertragen sich von 
hier auf das Seelische; es wird zu allererst sich auf Körperliches, 
speziell auf Sexuelles beziehen, dann erst auf die anderen seelischen 
Funktionen übergehen. Wenn man allgemein die Prüderie als ein fal- 
sches Schamgefühl bezeichnet hat, so trifft das doch nicht ganz zu. 
Als ein falsches Schamgefühl könnte man nur bezeichnen ein solches, 
das nur äusserlich sich kundgibt und zwar in einer übertriebenen Weise, 
während innerlich gar nichts empfunden wird. Ein Schamgefühl, bei 
welchem Heuchelei eine grosse Rolle spielt, sodann ein Schamgefühl, 
das durch Dinge erregt wird, durch die es für gewöhnlich nicht erregt 
wird, während die adäquaten Reize es nicht erregen ; nun aber bedeutet 
Prüderie auch ein übermässig ausgebildetes Schamgefühl, die Steigerung 
eines normalen Grades, nicht durchaus ein Falsches; denn die Empfin- 
dung ist ja echt, wenigstens kann sie es sein, sie ist nur überempfind- 
lich, die Reaktion erfolgt auf zu geringe Reize hin. Diese Art der 
Prüderie ist sicher nicht so tadelnswert, sie macht sich im ganzen auch 
nur für die eigene Person bemerkbar und verursacht ein scheues, sen- 
sitives zurückhaltendes Wesen, eine Neigung, seine Körperlichkeit 
durchaus vor jedem Blick zu verbergen, aber auch selbst ihn von der 
Körperlichkeit anderer abzuwenden ; sie wird beherrscht von der Furcht 
vor sexuellen Regungen; eine strenge religiöse Erziehung, die vor 
Sinnenlust gewarnt hat und die Askese in den Vordergrund stellt, wird 
oft die Grundlage dieser Prüderie sein, etwas Heuchlerisches braucht 
ihr durchaus nicht zugrunde zu liegen; sie ist nicht selten die Schutz- 
wehr gegen eine übermässig entwickelte Sexualität, streng wird alles 
gemieden, was sinnlich-sexuell reizen könnte, um nicht Gedanken und 
Begierden zu wecken, die den Geboten der Religion zuwiderlaufen. Hier 
hat eine Erziehung gearbeitet, die im Körperlichen, im Sexuellen ein 
Prinzip des Bösen aufgestellt hat, des Verderblichen und Unreinen. Aus 
dieser Form kann aber die Prüderie hervorgehen, mit der man gewohn- 
heitsmässig den Begriff der falschen, geheuchelten verbindet, die nichts 
Nacktes mehr anschauen kann , ohne es unzüchtig und schamlos zu 



Zur Psychologie des Schamgefühls. 287 

nennen, die die körperlichen Funktionen nicht nennen und nicht 
hören will, weil es Gefühle auslöst, die nur aus äusseren Gründen und 
nur äusserlich verborgen werden, während die innere Phantasie sich fort- 
während mit ihnen beschäftigt und die sexuelle Phantasie durchaus nicht 
unterdrückt wird, sondern heimlich aller Orten sich zu befriedigen strebt. 
Das sind die Leute mit der schmutzigen Phantasie, die stets geneigt, 
die eigenen regen, aber sorgfältig verborgenen Lüste auch bei andern 
zu suchen und zu vermuten ; so kommen wir auch zur Beantwortung 
der Frage, wo die Grenzen des „gesunden" Schamgefühls liegen und 
was wir zu tun haben, um als Berater und Erzieher dieses gesunde 
Schamgefühl zu erhalten, wir kommen, wie im Prinzip festgestellt sein 
mag, zu dem Schluss, dass das gesunde Schamgefühl etwas ist, was er- 
halten und geschützt werden soll , dem verderbliche Einflüsse fern- 
gehalten werden sollen. 

Die einseitige Belehrung und Betonung des Unschicklichen und 
Hässlichen der Nacktheit ist meist schuld an der Entstehung des fal- 
schen Schamgefühls. Es darf bei der Erziehung nicht die Nacktheit 
stets als etwas Hässliches und Unsittliches dargestellt werden, die Vor- 
gänge des Körpers sollen nicht absolut verborgen gehalten werden. Ein 
mir bekannter Herr war entrüstet, als ich in Gegenwart seines 18jähr. 
Sohnes von der schweren Entbindung einer verwandten Frau sprach. 
Ein 14jähriger Knabe wurde eiligst unter einem Vorwande aus dem 
Zimmer geschickt, als ein Gast in aller Harmlosigkeit erzählte, dass 
seine verheiratete Tochter schwanger sei. Natürlich ist das entgegen- 
gesetzte Extrem ebenso falsch, vor Kindern in der Entblössung völlig 
ohne Bückhalt zu sein, es kommt alles darauf an, zu zeigen, dass die 
Entblössung begründet und richtig motiviert sein muss. D